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Das Erwachen

Josef Ruederer: Das Erwachen - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Erwachen
authorJosef Ruederer
year1916
publisherSüddeutsche Monatshefte
addressMünchen
titleDas Erwachen
pages3-430
created20020505
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1916
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Zwölftes Kapitel.

Fasching und Völkerlenz.

»Pereas Hure, Pereas Hure!« so klang es drei Tage in stetem Krescendo ungehindert durch die ganze Stadt. Die Menge pflegt es sofort zu merken, wenn die Handhabe des Gesetzes auch nur ein bißchen lockerer gehalten wird oder wenn gar eine Unsicherheit, ein schlechtes Gewissen dahinter steckt, und schreit dann dreimal so laut. Solch vaterländische Betätigung strengt die Kehlen an; somit ist nichts erklärlicher, als daß man sie neu zu schmieren sucht. Wasser mochte für diesen Zweck kaum als das geeignete Mittel erscheinen, da es obendrein Anno 48 in gewöhnlichem Zustande fast lebensgefährlich war. Es mußte somit in gesottenem herhalten, es mußte als Bier genossen werden. Und da, bei der Auswahl des Stoffes zeigte sich so recht die politische Reife des Volkes, das auch in dieser Stunde nicht zu überlegen vergaß, wo er wohl am besten wäre. Der Gaiglbräu trug den Sieg davon, den höchst ergiebigen, unbestrittenen Sieg, um den er nicht wenig beneidet wurde. Es befand sich alles auf den Beinen, was nur marschieren konnte in München, an der Spitze die Studenten und ihre Protektoren. Graubärtige Männer sah man da mit Knüppeln einherschreiten, andere wieder trugen Schläger, selbst farbige Parapluies wurden als Waffe geschwungen. Ganz verstohlen mischte sich an manchen Plätzen mit gebührender Vorsicht auch ein Geistlicher hinein. Verhielt dieser Diener Gottes sich äußerlich ruhig, so brüllte die von ihm geleitete Gefolgschaft dafür um so lauter. Die bestand aus den Gesellenvereinen vom heiligen Aloisius und Vinzentius, aus den vom König so gefürchteten Dreigroschenmannln, ja sogar aus büßenden Bruderschaften, die sonst nur bei der Fronleichnamsprozession oder bei Hinrichtungen aufmarschierten. Und weil jener Reichsrat, dem der bissige Hofmarschall in der Antichambre des Königs die Wallfahrt zur Lola empfahl, eine Speisung der Armen in Aussicht gestellt hatte, falls die Ausräucherung des Satansweibes glücken sollte, kamen Pfründner und Spitaler in Rollwägelchen, auf Stöcken und Krücken herbei. Kein Wunder, daß bei solcher Ausgrabung des letzten Aufgebotes auch andere Wirtschaften wie der Gaigl guten Zuspruchs sich rühmen durften. Aber in der Neuhauserstraße gegenüber der Michelskirche verdichteten sich die Revolutionäre im Vorder- und Hintergrunde der Wirtschaft, auf dem mit Klapptischen versehenen Flur, im Hofe, auf den Treppen sowie vor dem Anwesen zum wimmelnden Ameisenhaufen. Selbst die Wohnung des Brauers im ersten Stocke blieb nicht verschont. Gegen die Straße hinaus, im großen Zimmer, klapperten die Krüge, auf dem Sofa, in den bequemen Lehnstühlen saßen eifernde Bürger. Frau Gaigl, die auf kurze Zeit von der Küche heraufkam, behielt nur noch das schmale Zimmerchen nebenan für sich und die Kinder. Dort lag sie vor einem Kruzifix auf den Knien und betete. Für wen sie das tat, wußte sie selbst nicht recht; es war mehr das Aufsagen und Ablesen bestimmter Abschnitte aus dem Gebetbuche als ein zum Himmel gerichteter Stoßseufzer. Möglich, daß sie dazwischen mal ohne greifbaren Text flehte, die Muttergottes möge ihren Mann beschützen. Doch das war nur ein flüchtiges Abschweifen. Im allgemeinen schlug man, wenn eine solche Bitte ausgesprochen wurde, die vorgeschriebenen Spezialgebete nach. »Wenn jemand eine Reise tut«, »Wenn jemand schwer krank oder von üblem Siechtum befallen ist«, »Wenn jemand in Gefahr schwebt«.

Diese dritte Nummer schien auf den Sebastian zuzutreffen. Wie sein Urahn Anno 1705, hielt er sich inmitten der aufgeregten Massen und schenkte persönlich das Bier aus. Nur tat er das mit dem Unterschied, daß er keine seidene Fahne zur Hand nahm. Eine solche hätte er gar nicht besessen, da er nie als Mitglied der Haupt-Schützengesellschaft oder sonst einer Feuerstutzenvereinigung eingeschrieben war. Auch pflegte er sich an keiner Stelle vorzudrängen, sondern was er tat, trefflich zu überlegen. Hatte er aber zugegriffen, dann ging er erst recht Schritt für Schritt, wie er's von seinem Vater gelernt hatte. Er blickte mit seinen blauen Augen verschlafen in die Welt und wies einen Bauch auf, der ihn schon längst nicht mehr zu den Zehenspitzen herabsehen ließ. Und der weiteren Rundung von Beinen, Brustkasten und Armen entsprach sein ganzes Wesen. Er ließ sich Zeit, er kannte keine Hast, sondern nur Gemütlichkeit und Gutmütigkeit. Nun mußte er, dem jede Aufregung fremd und zuwider war, sich mühen, den Anforderungen dieses wilden Tages gerecht zu werden. Von allen Seiten geschoben und gestoßen, sandte er von Zeit zu Zeit einen verzweifelten Blick zum Bilde seines Schutzheiligen empor. Das war ein lebensgroßer Akt, den ihm ein Kunstmaler von der Akademie drüben als Abschlagszahlung für Bier und Essen an die Wand gesetzt hatte. »Heiliger Sebastian!« murmelte der schweißbedeckte Besitzer. Gleich darauf fragte er sich, wem es schlechter ginge, dem an den Baum gefesselten Märtyrer dort oben, dem die Pfeile der Römer von allen Seiten in den Körper flogen, oder ihm, dem die halbverrückte Menschheit Krüge und Teller in den Bauch drückte. Jedenfalls war es ein Tag, wie er noch keinen erlebt hatte, seit er das Anwesen übernahm.

Sein Vater am Stammtisch in der oberen Abteilung der Wirtsstube meinte das gleiche. So etwas sei nicht mehr dagewesen seit dem Einzug des Max Joseph, nur hätte es da nicht halb soviel Menschen gegeben. »Ja, ja, der Max Joseph! Der gute Vater Max!« In solch nachdenklichem Tone sprach einer, der bei ihm saß, ein ganz verkrüppeltes Männlein mit eingefallenen Backen und zahnlosem Munde. »Herr Solotänzer!« titulierten ihn die Gäste, die's ohne Attribut nicht taten, auch wenn sie Herr Laternanzünder oder Herr Totengräber sagen mußten. Der ehemalige Kollege der Lola Montez nickte. »So was wär' unter diesem soliden Monarchen unmöglich gewesen.« Der Stammtisch, an dem auch der Residenzbäck saß, disputierte über den alten Gaigl und den königlichen Solotänzer weg und fragte sich erhitzt, was aus der Lola werde, was der König tue. Alle erklärten, indem sie sich mit trotzigem Lachen gegenseitig naß spuckten, sie seien sehr neugierig darauf. Aber was könnte man noch prophezeien, nachdem jede Stunde was Neues brachte! Erst gestern Abend hatte man einen Faustschlag ins Gesicht empfangen, eine Provokation, der man eine noch stärkere entgegensetzen mußte. Alle, wie sie da herin saßen, wie sie auf der Straße herumwanderten, stimmten darin überein. Eine Deputation angesehener Bürger war zum König gesandt worden, darunter der Kaufmann Rosipal, der Zimmermeister Reiffenstuel und der Bierbrauer Singlspieler. Vom letzteren versprach man sich besonders viel, da er obendrein die Stellung eines Landtagsabgeordneten einnahm. Trotz der ehrfurchtsvollen Vorstellungen kamen aber die submissesten Protestler wie begossene Pudel zurück. Sie sahen den König nur einen Moment und hörten in dieser kurzen Zeit nichts anderes als Worte des Allerhöchsten Unwillens über so viel Impertinenz. »Die Gräfin fortschicken? Niemals! Niemals!«

Der alte Gaigl verzog die Lippen so spöttisch, als es bei der Fettmenge seines Gesichtes noch anging. Wo der Singlspieler mitgehe, sei von vornherein alles geliefert, das hätte er den Bürgern gleich sagen können. Er wollte irgendein Stückl von dem verhaßten Konkurrenten zum besten geben, doch man ließ ihn mit seiner Erzählung nicht weit kommen. Sowohl die Tischgenossen unterbrachen ihn, als ein Lärm, der wie auf ein gegebenes Zeichen immer lauter durch die Wirtschaft zog. Niemand wußte zuerst, was da los war oder weshalb so geschrien wurde. Man erhob sich daher von den Plätzen, wobei die Gäste auf der oberen Estrade, soweit das noch möglich war, gegen die Stufen drängten, zum Platz der einfachen Leute. Von dort klang es nämlich gerade so, als ob einer hinausgeworfen werden sollte; ein Gebrauch, ein Geräusch, wie man sie in der Stadt ziemlich gewöhnt war. Aber es mischten sich bald andere Rufe hinein, als man sie sonst bei dieser Gelegenheit hörte, Rufe, die nach und nach in ein wildes Bravogeheul sowie in Händeklatschen mündeten. Dies alles brandete um einen Stuhl herum wie hohe See um den Leuchtturm. Dort stand in abgetragenem Rock ein Mensch mit verbissenem Gesichtsausdruck und einigen Pockennarben in den gelben Wangen. Der fuhr mit beiden Fäusten in seine Zuhörer hinein, dann kratzte er sich mit einem Finger in dem rotbraunen Vollbart und reckte gleich darauf die beiden Arme zur schwarzgeräucherten Holzdecke. Was er sprach, machte sich erst nach und nach Bahn; vermochte man aber endlich der brüchigen Stimme zu folgen, dann erkannte man auch den geborenen Demagogen, den Kenner der Volksseele, der weit in der Welt herumgekommen war. Gewiß, er sprach vom König, von der unsinnigen Verschwendungssucht, von den zwecklosen Bauten und von der Lola. Auch zeichnete er mit grimmigem Spott das Hellenentum der Bajuvaren und verdammte die männermordende Expedition, die die Besten des Landes dieser Narretei opferte. Dann kam er auf das Allgemeine zu sprechen. Man merkte wieder, wenn man aufmerksam hinhorchte, der Mann hatte das schon unzählige Male aufgesagt, und doch klang es wie von tiefer Überzeugung getragen, von heiligem Feuer durchglüht. Er sprach von der Schmach des Jahrhunderts, vom Fußtritt des Tyrannen, von Vergeltung und Wiedergeburt, dann aber schwärmte er in vollsten Tönen von Aufklärung und Völkerlenz. Rede und Pressefreiheit, Geschworenengerichte und wirkliche Konstitution, das verlangte er. Als aber Pathos und Stimme sich zu den Schlußregistern steigerten, kam das leuchtende Vorbild der Erde, kam Paris an die Reihe. Und damit erkannte ihn auch der letzte in der Wirtsstube, der etwa durch Zufall den Nachbarn vergeblich auf den Namen des Redners angeredet hätte. »Der Gankoffer! Ja, der hat's los. Der steckt's den Geschwollenen da oben, daß ihnen die Augen heraushängen. Was man auch sagen mag, 's ist der rechte Mann in dieser Zeit. Sie sollen's nur hören, die Herren Regierenden. Auch wenn's der König erfährt, schadet es gar nichts, im Gegenteil.«

Jeder der Versammlung war freilich geradeso gescheit wie zuerst, als der Journalist unter tosendem Jubel schloß. Denn ein Ziel, das die aufgeregten Köpfe unter einen Hut brachte, fehlte noch immer. Wer aber fragte inmitten dieser grenzenlosen Begeisterung danach! Am wenigsten der Geigenmacher, der Sanktjohannser, der sich selbst nicht mehr kannte, sondern unmittelbar nachher wie blind auf den freigelassenen Stuhl sprang. Er fiel dabei nach der Seite, schlug aber zum Glück nicht auf den Boden, da ihn die Schutzmauer der Revolutionäre rechtzeitig auffing. »Ich halt' jetzt auch eine Red'!« schrie er, als er wieder sein Gleichgewicht hatte. Der Bauriedl, mit dem er gekommen war, raunte ihm zwar von unten noch zu, daß es besser wäre, er unterließe so eine Dummheit. Aber der kleine Mann tat völlig besessen. Er hatte Hand angelegt, als sie den Gankoffer nach beendeter Rede durch die Wirtsstube trugen, jetzt rang er da oben nach Worten. Zusammenhängende Sätze brachte er ebensowenig heraus wie beim Quartettabend, immerhin erzielte er schmetternde Wirkung, als er nach seiner herausfordernden Frage an das versammelte Volk, wer wohl das Weibsbild ins Land gebracht habe, in eigener Person die höhnische Antwort erteilte. »Die Preußen sind's gewesen! Die Preußen!« Und er sprach dabei das eu wie ei, als käme das von den Preiselbeeren her. Nachdem das Gelächter verrauscht war, ging es ein bißchen holpriger mit dem Redefluß. Der Sanktjohannser hatte sich bereits verausgabt, er stand hilflos da und wußte nur noch das eine hervorzustammeln, daß gerade seine Frau aufs schwerste durch den Universitätsschluß geschädigt sei, da sie Zimmer an Studenten vermiete. Das erregte neue Zustimmung in der Versammlung, denn zu Füßen des Tribunen standen verschiedene, deren Weiber gleichfalls Schlafstellen für zwei Gulden im Monat, das Licht nicht mitgerechnet, abgaben. Nachdem aber dieses Thema erschöpft war, befand sich der Sanktjohannser wirklich am Ende mit seinem Latein. Er konnte daher nichts anderes mehr, als sich fortwährend auf den Gankoffer berufen, der so recht habe, wenn er sage, daß alles Große nur in Pari zu finden sei. In Wirklichkeit meinte er damit schon Paris, er wollte es aber französisch aussprechen und ließ daher das s weg. Diese Finesse fand bei den Münchnern nicht durchweg gebührende Würdigung, auch meinten einige, von Paris habe man nun reichlich genug gehört. Sie sprachen dabei das s aus. Andere riefen: »Schluß!«

Der Sanktjohannser bestand auf seinem Schein. »Pari! Pari!« schrie er noch einmal mit erhobenem Zeigefinger. Aber da schob ihn bereits der Redakteur Stöpel vom Landboten von der improvisierten Rostra herunter, um selbst hinaufzusteigen. Dieser Redner erschien in der denkwürdigen Stunde so ziemlich als der unglücklichste. Er suchte, wie er beschwichtigend meinte, beiden Parteien gerecht zu werden, er trug auf zwei Achseln. Das mußte von dem festgesteiften Nacken der Bürgerschaft rettungslos herunterprallen. »Schmeißt's 'n 'naus!« tönte plötzlich eine schrille Stimme. Stöpel machte eine abwehrende Bewegung, er meinte, auch die Pressefreiheit werde kommen, wenn man mit Geduld und Einsicht appelliere. Auf dieser Welt gebe sich nichts auf dem Wege der brutalen Gewalt. Deshalb empfehle er bei aller starken Betonung der unveräußerlichen Rechte, doch geduldig der Einsicht der leitenden Stellen zu vertrauen und zu warten, bis die Frau Gräfin unter dem charaktervollen Druck der öffentlichen Meinung es für gut befände zu gehen.

Jetzt schrie nicht mehr einer dagegen, sondern das ganze Lokal widerhallte von Pfiffen und Fußgetrampel. An Stöpels Kopf flog ein Maßkrug vorbei, um an der Wand zu zerschellen. Auch zwei Stücke Kühbacher Käse sausten durch die Luft. »Herrgott Sakrament!« tönte es aus der Ecke, wo die Scherben herunterfielen. Doch achtete niemand darauf, ob dort ein Bürger ein Loch in den Schädel bekam oder ein anderer den Käs mit dem Mund auffing. Die Versammlung befand sich im Zustand vollkommener Direktionslosigkeit. Alles tobte durcheinander, jeder suchte sich geltend zu machen. Nur ganz vorn an einem der Fenster, die zur Straße wiesen, ging es auf zwei Plätzen etwas stiller zu. Dort saß der Unterhändler Faist neben dem Luegecker und redete, die Hand vor dem Munde, auf ihn ein. »Also, noch am selben Abend hat Ihre Gattin Nachricht vom Professor bekommen? Das ist gut, das ist schön.« Der Luegecker achtete wenig auf das Getuschel. Er hatte sich den Bauch gehalten, als der Stöpel beinahe den Maßkrug an den Kopf bekam, er verfolgte mit steigendem Interesse den Lauf der Dinge. »Was meinen Sie, was jetzt drankommt?« fragte er. Der Faist lächelte gerissen. »Darf ich mal prophezeien? Noch zwei Tage, und Sie haben verbrieft.« »Aber das Risiko!« brummte der Luegecker, immer bereit, neue politische Sensationen entgegenzunehmen. Der Faist zuckte die Achseln. »Auf den Tisch legen wir freilich einen gehörigen Brocken, Sie und ich. Aber was macht das? Die Gankoffens haben mal Blut geleckt, sie sind so dumm, die Wiesen wegzugeben, weil sie nicht den Mut haben, ein paar Jahre zu warten, bis der Bahnhof wirklich an der Stelle steht. Was aber diese Heroen betrifft, die da herumsitzen, so haben sie erst recht keine Courage, auch wenn sie jetzt mit dem Maul die halbe Welt samt der angesehenen Wittelsbacher Familie in die Luft sprengen.«

Dabei wies er auf einen neuen Redner, der aus dem Gewimmel auftauchte. Ein hagerer, bartloser Mensch war es, und man konnte an seiner gelben Haut sehen, daß eine südliche Sonne Stirne und Wangen wie zu Pergament gedörrt hatte. Der Luegecker beugte sich nach vorn, so weit wie möglich. »Hol' mich der Teufel in eigener Person, das is' ja der Kajetan!«

Der ehemalige Jagdgehilfe stellte sich, den Maßkrug in der Linken, als einen der Besten des Landes vor, von denen der Herr Gankoffer so richtig gesagt habe, daß man sie gewaltsamerweise da hinunterschleppte. Er nickte dabei mit aufrichtiger Genugtuung ein paarmal mit dem Kopfe, als er merkte, wie diese Einführung auf die Versammlung wirkte. Dann tat er einen tiefen Zug aus dem Kruge und hielt ihn wagerecht hinaus. Wenn die hochansehnlichen Mitbürger vielleicht glaubten, so etwas gebe es in dem vermaledeiten Lande, von dem er erst vor drei Monaten zurückkam, dann wären sie schön auf dem Holzweg. Ja, man habe großartige Versprechungen gemacht, bis die Soldaten so dumm waren, da hinzugehen; unten aber pfiff man ein anderes Liedl. Von der Seefahrt wolle er weiter nicht reden, obwohl das allein schon eine böse Geschichte gewesen sei, bei der ihm gleich ganze Tage speiübel wurde. Aber jahrelang Mais, Reis und Feigen zu essen, das sollten andere probieren. Und erst das bißl Strategie. Bei diesem Worte stieß der Kajetan ein meckerndes Lachen aus, als dünke er sich klüger wie der gesamte bayerische Generalstab. Der Krieg mit den Türken, den Wanzen! Und dann die elenden Höhlen, in denen man schlafen mußte! Er habe es besonders übel getroffen, denn er sei bei einem Jägerbataillon in Arkadien eingestellt worden, das fortwährend Streifpatrouillen ins Innere zu unternehmen hatte. Dieses Kontingent – nun möge die hochansehnliche Versammlung nicht auf den Bauch fallen oder gar auf den Rücken – habe das bayerische Oberkommando regelrecht vergessen, als nach Athen zurückgepfiffen wurde. »Jawohl, verschwitzt und vergessen!« So seien sie denn liegen geblieben, bis sie den gargescheiten Herren von der Armeeleitung endlich wieder in den Kopf kamen. Halb verhungert und abgezehrt brachte man sie wieder. Nun sei's aber auch genug des Unsinns! Er erhebe seine Stimme und sage, wie die Lola Montez zum Teufel gehen müsse, so müßten alle überspannten Ideen hinausfliegen, sonst . . . sonst . . . Die Konsequenz seiner furchtbaren Anklage vermochte der Kajetan nicht mehr in klaren Worten, sondern nur noch dadurch zu ziehen, daß er am Abschluß seiner Rede unter allgemeinem Gelächter einen neuen Zug aus dem Maßkrug tat.

»Und da behauptet man, es gebe bei uns keine Redefreiheit!« sagte der Rat Bauriedl und schaute sich genauer in dem Kreise um. Kurios genug nahm sich der aus. Es war um die Mittagsstunde. Da verzog sich sonst alles vom Frühschoppen nach Hause, und es blieben nur die paar Leute zurück, die der Gaiglbräu um dreiviertel ein Uhr in eigener Person als guter Familienvater mit dem Hinweis höchst unsanft zur Türe wies, daß sich zu langes Hockenbleiben nicht zieme. So ein gewöhnlicher Tag, verglichen mit diesem weltbewegenden, verhielt sich wie ein elender Klepper, der den Schinderkarren zieht, zum strotzenden Brauhengst vor einem Wagen mit dreißig Fässern. Es ging auf und nieder in der Wirtsstube, es drängte ununterbrochen hinaus und herein, denn die Politiker vergaßen nicht, den leeren Maßkrug rechtzeitig füllen zu lassen oder eine Wurst zu holen. Vom erhöhten Standpunkt aus sah man in der qualvollen Enge oft gar kein Gesicht mehr, sondern nur noch die Hüte, die die Leute aufbehielten. Dafür mag in erster Linie wohl ausschlaggebend gewesen sein, daß man, da die Rückwände alle besetzt waren, nirgends mehr ablegen konnte. Auch behielt der Müller wohl auf, weil der Huber aufhatte, und der wieder, weil der Meier den Deckel nicht lüftete. Der hohe Zylinderschlot mit der ganz schmalen Krempe, das Abzeichen des besseren Bürgers, trat dabei besonders hervor. Aber man sah auch breite Kalabreser, schwersamtene Akademikermützen, bunte Studentenstürmer mit lackledernen Schirmen. Selbst einige Militärhelme tauchten auf, und zwar thronte die historische Raupe nicht in der gewöhnlichen Form auf dem Kopfe, wie die Mannschaften sie trugen, sondern in der eleganten des gekrümmten Katerrückens, wie sie nur den Offizieren erlaubt war. Dazwischen zeigten sich, als Belebung des ganzen Bildes, auch verschiedene Kopfbedeckungen von Faschingsbrüdern. Da eine mit Schellen bedeckte Narrenkappe, da die weiße Spitzmütze eines Bajazzo, da eine gepuderte Perücke. Was darunter war, schrie am tollsten, es schlug mit Pritschen herum oder streute Mehl unter die Politiker.

»Maschkara!« sagte der Bauriedl zu seinem Nebenmann. »Die ganze Geschichte mit all den Reden ist nichts als eine Faschingsgaudi. Hat der König nur ein bißchen Mut, dann läßt er sich nicht ins Bockshorn jagen, dann gibt er nicht nach.« »Trotzdem, er muß es!« erwiderte der Angeredete. Der Rat schüttelte unwillig den Kopf. »Sehe nicht ein, warum. Außerdem hat Madame Lola den Liberalen so viele Vorteile gebracht, daß sie gar keinen vernünftigen Grund haben, sie hinauszufeuern.« Der Nachbar, es war der Eisenhändler Haubenschmied, der schon damals beim Schützenfest radikale Tendenzen im geheimen bekundete, wartete nicht mehr den Schluß des Einwands ab, sondern erhob sich hastig zu höchst eindrucksvoller Rede. Auch er befürchtete auf einmal die jämmerliche Versandung der ganzen Bewegung, als der Sanktjohannser, der Stöpel und nun gar noch der ehemalige Soldat ihren Senf zum besten gaben. So schlug er denn um so heftiger auf den Tisch. Besonnenheit, Entschlossenheit und schnelles Handeln täten not, nicht sinnloses Reden. Aufs schnödeste sei die erste Deputation von Allerhöchster Stelle zurückgewiesen worden, nun müsse man ohne Säumen eine zweite entsenden, die mit höherem Nachdruck die berechtigten Forderungen der Bürgerschaft zu vertreten verstünde. Männer brauche man, die den Mut hätten, das Maul aufzumachen, ohne Rücksicht auf Zukunft und leere Knopflöcher. Damit dies heute noch zustande käme, böte er sich selbst als unerschrockenen Redner an, den der Hof- und Gerichtsadvokat Steinbeis sowie der Gaiglbräu, also zwei angesehene, erste Bürger, begleiten sollten.

Wieder regte sich als erster der Rat. »Liberale und Ultramontane zu charakterlosem Brei gekocht!« Aber dieses Wort ging verloren in dem losbrechenden Begeisterungssturm. Jeder entblößte das Haupt, jeder schwang den Hut gegen den Redner sowie gegen die zwei, die er vorschlug. Der Steinbeis erhob sich ohne weiteres, indem er erklärte, er nehme an. Wesentlich schwerer ging die Sache bei dem Sebastian. Als er sich unvermutet vor eine solche Aufgabe gestellt sah, erschrak er zu Tode. Zunächst griff er mechanisch nach seiner Frau, die er immer suchte, wenn er über etwas im Zweifel war. »Wo ist sie denn!« schrie er sehr ungehalten. »Beim Politisieren gibt's keine Weiber!« wisperte der Solotänzer. Und doch war so was Ähnliches in der Nähe, eine alte Spülerin am Schenktisch. Die meinte, die Frau sei droben beim Beten. Das reizte den Gaigl noch mehr, so daß er die nun Heruntergeholte nicht minder anfuhr. Ja, er sprach dabei ein ganz verwegenes Wort aus. Wenn soviel Geschäft gehe, sollten die Weibsleute vor dem Herd knien und nicht vor dem Herrgott. Alles zu seiner Zeit! Für die Andacht seien die freien Stunden und der Sonntag da. Auch vermochte es ihn nicht zu beruhigen, daß die Frau, nachdem sie von dem schrecklichen Vorhaben hörte, die Kinder unter lautem Geflenn an die Schürze des Vaters heftete. »Ich muß halt . . . ich muß . . .«, stöhnte er. »Du mußt!« schrie der ganze Tisch. Die zuerst dargebrachte Ovation aber ging so nach und nach in ein wildes Geheul über. »Was, der will nicht? Der Gaigl fallt um? Pfui Teufel!« Einer, der die größte Entrüstung äußerte, war der Luegecker. »So ein Depp!« schrie er laut gegen die Estrade hinauf.

Dort stand der Gaigl unentschlossen am Stammtisch und langte verlegen an seinem Hemdkragen herum. Neben ihm sein Vetter, vor ihm sein Vater. Der Nepomuk neigte sich vornüber und sah mit einem Blicke drein, der eine spöttische Frage zu bergen schien, während der Alte plötzlich in die Höhe wuchs. In seiner Erinnerung tauchte jener Tag auf, da er mit dem Vater dieses protzigen Neffen isarabwärts zur Stadt zog. Dort zog er bekanntlich den kürzeren, und wenn man später auch allgemein verziehen hatte, so blieb doch ein Rest von Groll noch immer zurück. Den aber konnte er in dieser Stunde mit gewaltigen Schlägen zurückgeben. Zitternd vor Alter und Aufregung ergriff er diese Gelegenheit. Seine Augen waren sonst ganz erstorben, diesmal aber wuchsen die zwei grauen Flecken in der roten Masse zu kräftigem Leuchten heraus. Auch die kupferne Nase funkelte wie ein brennendes Zeichen von Revolution und von Blutdurst. »Wastl,« sagte er feierlich, »denk' an deinen Ururgroßvater, denk' an den Posthalter von Baierbrunn, von dem wir herstammen. Der ist – die vom rechten Isarufer mögen sagen, was sie wollen, und der Nepomuk mag das Maul verziehen – in der Mordweihnacht auch nicht zu Haus geblieben, sondern hat Weib und Kind hinter sich gelassen, hat die Fahne genommen und mitten hineingefeuert in die Panduren. Gradso mußt du es jetzt machen, wenn du seiner wert sein willst. Akkurat so, sag' ich, im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes, Amen.«

Er hatte es heraus, was er sein Lebelang tief verschlossen im Herzen trug. Eigentlich hätte er nach dieser Leistung, wie man es in Romanen lesen oder in historischen Dramen auf der Bühne sehen kann, entseelt zurücksinken müssen, mit dem erhebenden Bewußtsein, seine Aufgabe erfüllt zu haben. Doch der alte Gaigl befand sich in der nüchternen Wirklichkeit seiner eigenen Gaststube, er hörte die gröhlenden Stimmen, die trotzigen Fragen des Volkes, und so starb er denn nicht, sondern langte erschöpft nach seinem Kruge, von dem königlichen Hofsolotänzer aufs herzlichste beglückwünscht. Auch andere Mitglieder des Stammtisches streckten ihm die Hand hin. An den übrigen Plätzen hatte man von dem feierlichen Erguß so wenig gemerkt wie unten, wo die Stufen ausliefen. Man schrie deshalb ungestört weiter, ja der Gankoffer, der wieder den Stuhl bestiegen hatte, ließ sich sogar hinreißen, unter heftigen Ausfällen gegen die allgemeine Versumpfung, den Gaigl eine Memme zu nennen. Hier habe man das Bild des denkfaulen Münchners. Diesen Typ wollte er eben noch weiter ausmalen, als er plötzlich mitten in der Rede stockte und gänzlich den Faden verlor. Das mußte unangenehm auffallen bei dem Manne, der wie kein anderer das Wort beherrschte. Doch sollte der Grund bald an den Tag kommen.

An der Türe gegenüber der improvisierten Rednertribüne erschien nämlich, die meisten der Anwesenden fast um Haupteslänge überragend, der Professor Gankoffen. Er hielt den Hut in der Linken, da ihm der Schweiß in dicken Tropfen von der Stirne rann, und pustete vor Aufregung. Die letzten drei Tage, seit sein Bruder mit der schier unglaublichen Botschaft zu ihm kam, war er herumgeschlichen oder hatte vor seiner Leinwand im Atelier gesessen wie die verdammte Seele, die nicht weiß, ob sie Erlösung findet aus den ewigen Qualen. Auf den Straßen, in den Wirtschaften tobte das Volk nach dem Ende des Weiberregimentes, er aber, der so gern mitgeschrien hätte, mußte den Himmel bitten, nur noch so lange die Schweinerei im Lande zu dulden, bis man die Gewißheit bekam, daß der Herr von Berks sein Signum zur Verlegung des Bahnhofs gegeben hatte. Glückte es oder nicht? Das warf sich ihm mit folternden Fragen ins Gehirn. Nicht minder in die Därme, die sich beim Gankoffen jederzeit in Blähungen rollten, wenn eine Wolke am Himmel seines Daseins aufstieg, oder gar, wenn er sich schämte. Und er schämte sich wirklich der ganzen Geschichte. Jawohl, er schämte sich, so gerne er die Grundstücke los sein wollte. Da schimpfte man jahrelang auf das elende Frauenzimmer, und nun sollte durch sie . . . Nein, nein, das ging nicht, das vertrug sich nicht mit den guten Sitten! Deshalb setzte sich der Professor in stiller Nachtstunde an den Sekretär seines Nebenzimmerchens und schrieb dem Berks kurz entschlossen ab. Das mit dem Bahnhof sei eine Marotte gewesen, die er entrüstet aus seinem Busen reiße, nachdem er hören mußte, wer in diesem Falle die Gnaden zu vergeben habe. Wenn sein Bruder intervenierte, so sei das in dienstlicher Angelegenheit geschehen, die Familie als solche stünde zu hoch, um zu betteln, am letzten an solcher Türe.

Als er dieses Schreiben ohne die Versicherung der üblichen Hochachtung und Ergebenheit abschloß, war ihm leichter zumute. Er hatte seinen Stolz wieder, er brauchte sich von niemandem über die Achseln anschauen zu lassen. Leider konnte er das Schreiben am selben Abend nicht mehr zur Post schicken, da die Magd schon zu Bette war. Am andern Tage, als er, gehoben von seiner Handlungsweise, mit stolzen Blicken durch die Straßen schritt, vergaß er darauf. Am dritten Tage aber, just als er den Brief in den Kasten werfen wollte, kam die Nachricht, daß Herr von Berks bereits unterschrieben hatte. Mit diesem Verhängnis mußte man sich wohl oder übel abfinden, denn gegen die Unterschrift eines Ministers war nichts zu machen. Das bedeutete einen amtlichen Vollzug, den wohl ein Kammerbeschluß revozieren konnte, nicht aber ein Privatmann, wie der Gankoffen. Außerdem schlug sich das große Ereignis dazu. Seine Frau trat ins Zimmer und meldete, daß es die letzte Amtshandlung war, die Herr von Berks vollzog. An einem Freitag hatte er unterschrieben, vierundzwanzig Stunden später, also jetzt vor fünfunddreißig Minuten, wurde er, wie Jörg Gankoffen in die Versammlung hineinrief, samt der spanischen Dame, der edlen Gräfin Landsfeld, für immer vom König des Landes verwiesen.

Seine besseren Bekannten sahen es dem Maler wohl an, welch schwere Kämpfe die letzten Tage unter dieser Stirne getobt hatten. Und doch lag eine stille Genugtuung in den feuchten Augen, weil er die unerhörte Botschaft nicht nur den kampfbereiten Bürgern, sondern besonders dem an den Kopf werfen konnte, der sich erdreistet hatte, geheiligte Familientraditionen anzugreifen. »Laß gut sein, Gaiglbräu!« winkte er. »Alles überflüssig, das ganze Gewäsch! In zwei Stunden muß die Gräfin abreisen! Ja, glaubt es nur, der König hat nachgegeben!«

»Schade!« brummte der Bauriedl, und er meinte den Sieg der Ultramontanen. »Schade!« schrien so manche andere. Und sie meinten den in Trümmer gehenden Skandal. Zum Glück befanden sie sich in der Minderzahl. In allen übrigen löste sich die zur Siedehitze gesteigerte Spannung in eine zügellose, überschwengliche Freude, in Händedrücken und Umarmungen. Das Frauenzimmer vertrieben! Man begriff es kaum, man schrie es sich ins Gesicht, man lachte und tollte. Nur zwei heulten: der Gaigl vor Freude, daß er nicht den Spuren des Urahnen zu folgen brauchte, der Gankoffen, weil sich seine Gefühle immer heftiger überschlugen. Lola, Grundstücke, der nicht abgeschickte Brief, Abfuhr des Pseudovetters, das alles krampfte sich in ihm zu jenem konvulsivischen Schluchzen zusammen, das seine Familie bei festlichen und traurigen Veranlassungen jedesmal aufbrachte. Er dachte sich nichts Besonderes dabei, er weinte; nicht weil er den anderen etwas vorspiegeln wollte, sondern weil er wirklich mußte. Während es ihm nun so die Tränen aus den Augen und den Kopf auf die Brust drückte, tastete er durch die Menschen allmählich zum Luegecker hinüber. Aber so lebhaft er ihm schon von weitem zuwinkte, er kam nicht mehr durch. Der allgemeine Taumel, der die Menschen ergriffen hatte, steigerte sich ganz plötzlich zu einer großartigen Huldigung. Alles schwenkte wieder die Hüte, alles hielt ihm die Maßkrüge hin. Der Gankoffen fühlte, daß es eine der großen, historischen Stunden war, die seine Familie der Stadt bei jeder Gelegenheit schenkte. Er grüßte mit beiden Händen wieder, er nahm den frischgefüllten Krug eines einfachen Bürgers und trank ihn, da er höllischen Durst hatte, bis auf die Nagelprobe aus. Das erregte noch größeren Jubel, nur der Sanktjohannser, dem der Krug gehörte, meinte, der schundige Professor hätte sich selbst einen holen können.

»Da kennst du das schofle Luder nur halb!« lachte einer neben ihm. Es war ein Maschkara, der junge Maler war es, der Güldenstern Franzl, der als rot-blau-gelb und grün gestreifter Hanswurst alle Kostümierten zu einem fidelen Reigen aufrief. »Bin dabei!« lachte der Musiker, der Glock, und holte die Ziehharmonika hervor. Auch er hatte sich besonders gekleidet, halb als Lump, halb als Handwerksbursch, und fühlte sich äußerst wohl dabei. Die anderen Masken aber hüpften, soweit es in der Enge ging, laut juchzend um den Gankoffen herum. Ja, der Rädelsführer, der Güldenstern Franzl, ließ sich sogar hinreißen, ihm einen Kuß aufzubrennen. Den nahm der Gefeierte lächelnd entgegen und wurde nur dann etwas böse, als er merkte, daß ihm der freche Bursche bei der Erweisung solch holder Zärtlichkeit eine Ladung Stiefelwichse auf die Wangen gestrichen hatte. »Laßt mich los!« Er rief es vergebens. Studenten, Burschen, Akademiker tanzten mit, bis sich endlich das biergetränkte Bacchanal unter der Leitung des Journalisten und Demagogen zu einem imposanten Zuge vor dem Hause ordnete. Unter jubelnden Schreien kletterte der Journalist, der Gankoffer, auf ein großes Bierfaß, um das letzte Wort zu sagen. »Wenn die Frau Gräfin schon geht. dann wollen wir uns von ihr wenigstens in aller Herzlichkeit verabschieden!« Diesen Worten folgte ein fanatischer Jubel. »Zum Palais! Zum Palais!« schrie alles durcheinander. Am meisten strengte der Kajetan die Lungen an. »Überhaupt's, allen Öbern wollen wir's stecken!« Einige suchten zu warnen, aber die Revolutionäre hatten die Oberhand. Auch der Sanktjohannser mischte sich wieder hinein. »Herr Nachbar, ich bin ein ruhiger Bürger!« versicherte er fortwährend nach rechts und links. »Heut' aber heißt's. jetzt oder nie!« Das riß auch den Luegecker mit. »Zum Palais! Zum Palais!« schrie er, als ob er bezahlt würde, den Bau abzutragen. Dann schloß er sich dem Zuge an, vom Faist und vom Gankoffen gefolgt. »Immer langsam!« meinte der Jude. »Man braucht bei solchen Gelegenheiten gerade nicht in der vordersten Reihe zu marschieren.« Der Professor, der noch dabei war, sich die schwarze Wichse mit dem Messer abzukratzen, neigte sich zum Luegecker hinüber und flüsterte: »Wir können das letzte Wort über die Grundstücke reden. Nur muß ich mich erst noch ein bißchen sammeln.«

»Haben Sie's gehört?« stieß der Faist den Luegecker an. Der Wirt der Haupt-Schützengesellschaft sah geradeaus und meinte, jetzt handle es sich doch um größere Dinge, vor allem um die Lola. »Was wollen Sie von der Lola?« fragte der Faist. »Sie haben doch die Grundstücke!« Der Luegecker blieb auf diesem Punkt auch jetzt so gleichgültig wie zuerst. Das ärgerte den Faist. »Ihre Frau Gemahlin wird sicherlich anders denken wie Sie.« Der Luegecker nickte. »Das kann schon sein. Drum wissen Sie was? Gehen Sie gleich zu ihr, sagen Sie's ihr, ich geh' zu der Lola.« Damit gab er ihm einen Stoß in der Richtung gegen die Schießstatt.

Sie waren gerade am Karlsplatz angekommen. Jetzt bog der Zug nach rechts ab, am Botanischen Garten vorbei, in die Barerstraße. Andere Gruppen stießen aus Kneipen und Gassen dazu. Diese wälzten sich in die gleiche Richtung und verlängerten den mächtig anschwellenden Strom der entfesselten Volksbewegung. Als man am Karolinenplatz mühsam Fuß faßte, mußte der Luegecker bereits nach rechts und links Püffe austeilen, um durch die Menschen vor das zierliche Palais der Lola mit der Barockfassade und dem vergoldeten Balkongitter zu gelangen. Der Gankoffen war ihm fortwährend auf den Fersen, als hätte er Angst, daß ihm der Wirt samt dem Geschäft entkommen könnte. Doch vergaß er nicht, der besonnene Politiker zu bleiben, und hielt sich die Ohren zu vor dem nun losbrechenden Geheul der Menge. »Was will man eigentlich noch? Man hat doch alles erreicht. Drum soll man auch nicht zu weit gehen. Jedenfalls nichts gegen den König! Das bitt' ich mir aus!« Er konnte natürlich bitten, soviel er wollte, denn jetzt steigerten sich die Töne der losgelassenen Menschheit zum Kriegsgeheul der Indianer und zum Grunzen der Schweine. Ein richtiges Haberfeldtreiben begann. Einige Leute, die als Dachauer Bauern maskiert herumliefen, Zipfelmützen und rotgestrichene Nasen trugen, gaben die ermunternden Zeichen dazu. »Empörend! Empörend!« rief der Gankoffen. Der Luegecker faßte ihn beim Arme. Sein ganzes Wesen war Aufregung und heiße Begierde, allen Regierenden den Krieg zu erklären. »Herr Professor, Sie wissen nicht, was ich drum gäb', wenn ich jetzt da 'neinschau'n könnt', hinter die Vorhänge da, wenn ich alles miterleben und auch ein bißl mittun dürft'.«

Der so heiß ersehnte Blick in das Palais wäre ihm sicher eine Enttäuschung gewesen. Dort ging alles drüber und drunter. Zofen und Diener flogen von einer Türe zur andern, Studenten, Offiziere und Beamte schlotterten herum oder sahen sich ratlos an. Auf einem der Koffer aber, die man in Eile herausgerissen hatte, stand ein großer Käfig aus Messing. Darin schlug ein grauer Papagei mit rotem Schweif und weißen Bäckchen wütend die Flügel gegen die Stäbe. Das war der »Kollerador«, der Lola Lieblingstier, das sie auch in dieser Stunde nicht missen wollte. Der kluge Geselle wurde schon dann nervös, wenn seine Herrin den Hut aufsetzte oder der König dem Ausgang zustrebte. Jetzt, wo er witterte, daß für eine große Reise gepackt wurde, schrie er ununterbrochen »Adjö! Adjö! Adjö!« Dieser freundliche Abschiedsgruß wirkte sonst immer sehr belustigend, weil es klang, als käme er von einem Bauchredner. Man nahm mit Vorliebe ein paarmal die Klinke der Türe in die Hand oder setzte die Kopfbedeckung wieder ab, um den Vogel aufs neue zum Sprechen zu bringen. Eine besondere Fertigkeit besaß darin der Herr von Pellegrini, der dem Kollerador außerdem hübsche Gesänge beibrachte oder ihm stundenlang vorpfiff. Aber heute achtete weder der Kammerjunker auf ihn noch die Gräfin. Der eine saß in dem roten, pompejanischen Salon und lugte durch den Vorhang auf die Straße hinaus, die schöne Spanierin aber stand vor dem König in demselben kleinen Salon, wo sie ihm Gedankenfreiheit abgerungen hatte. Sie war weiß wie ihr Handschuh, ihre Nüstern belegten sich, und die Sohle des kleinen Fußes grub sich nervös in den samtenen Teppich ein. Aber sie hielt sich aufrecht und suchte ihre Augen mit strafendem Ausdruck in die zur Seite gehenden des königlichen Freundes zu bohren. »Es muß also sein, Majestät? Ich frage Sie: es ist Ihr letztes Wort?«

Der Monarch war nicht minder erregt wie sie selbst. Ihn hatten die Tage, wo die Münchener es wagten, den Begriff des Allerheiligsten anzutasten, aus allen Geleisen gebracht. Das Unmögliche schien möglich geworden zu sein, es stemmte sich als unüberwindbare Trutzburg gegen den erhabenen Willen des Monarchen. In diesem Gefühl der grenzenlosen Ohnmacht, das er bis jetzt nicht kannte, in dieser maßlosen Wut und Erbitterung warf er alle Protestler in einen Topf, ob sie vom Kaliber des Firneusel waren oder von dem jener Burschen, die da draußen das Kesseltreiben leiteten. Dem König genügte es schon, wenn einer gar nichts sagte wie der Hofmarschall, der in letzter Zeit die Lippen immer fester zusammenkniff. Der galt als ruchloser Feind, als undankbarer Geselle wie die anderen. So stand Ludwig verlassen vor dem wunderschönen Weibe, ja, er schämte sich beinahe, daß er so einsam war. »Will ich nicht, daß der Pöbel heute noch das bißchen Krone in Stücke haut, das er mir noch huldvoll läßt, dann muß es sein.« Er hatte die Worte herausgewürgt und mit dem Fuß ein brennendes Holzscheit tiefer in den Kamin gestoßen. Sie faßte ihn mit beiden Händen und drehte ihn, daß er ihr ins Gesicht sehen mußte. »Nun gut, ich werde geopfert?« »Nein!« tobte er. »Ehe es dazu kommt, werfe ich dem Pack da draußen alles vor die Füße, ich ziehe fort mit Lolita, ich gründe ein neues Königreich, irgendwo auf der Welt, wenn's sein muß auf einem Berge!« Sie rümpfte die Nase. »Für solche Idyllen habe ich keinen Sinn. Besser wohl. Eure Majestät lassen auf die betrunkene Canaille mit Granaten schießen. Ah, wenn sie das in den Rachen bekommt, dann wird sie schon zahm.« Der König malte sich dieses Bild in eigener Person mit grimmigem Behagen aus. Ja, wenn man hineinfeuern dürfte in den brüllenden Haufen, ein Geschoß nach dem andern! Das wäre so ein Hochgenuß gewesen. Aber man war ja ein willenloses Werkzeug, eine Puppe, sonst nichts. Macht, Justiz, Hoheit und Königtum, alles hohler Plunder, nichtssagende Begriffe, Worte, die auf dem Papier standen, aber nichts bedeuteten. Oh, wie hatte er genug, wie haßte er alle diese aufgeputzten Lügen. Kompromisseln mußte man, einen Ausweg ersinnen, ja sogar zu Konzessionen mußte man sich bequemen. Darum nahm er ihre Hand. »Teures Kind, seien Sie vernünftig. Es handelt sich um ein paar Monate, vielleicht nur ein paar Wochen, dann ist alles wieder gut, und wir können wieder leben wie bisher. Jetzt aber reisen Sie, es ist die höchste Zeit.« Sie lachte verächtlich. »Wenn das Gesindel Ihnen imponiert, dann kondoliere ich. Mir macht es Vergnügen.« Er ballte die Fäuste gegen das Zimmer, das zur Straße führte. Dabei mußte er mit bitterem Neid an einen Mann denken, den er sein lebelang mit Verachtung angesehen hatte: Napoleon! Wenn der an seiner Stelle gewesen wäre und einen achtzehnten Brumaire über die Pfahlbauern und Haberfeldtreiber beschworen hätte!

Aber der Kaiser der Franzosen war tot und der König der Bayern kein Feldherr; so mußten die Ereignisse ihren Gang gehen. Zwei Studenten, der Kammerdiener, der Kutscher, der Brettlhupfer stürzten herein, und mit ihnen wehte ein frischer Luftzug das viehische Geheul der entfesselten Barbaren durch die weit geöffnete Türe. Die Ankommenden fragten nicht lange, sondern rissen das Engelswesen ohne viele Umstände und ohne Respekt vor der anwesenden Majestät zur wartenden Equipage im fest verschlossenen Hofe. »Eine Teufelssituation!« keuchte der Kutscher. »Aber ich hau' auf die Rappen ein und fahr' diese Haderlumpen alle über den Haufen, daß sie ihre Rippen einzeln numerieren können.« »Louis! Louis!« schrie Lola, die noch die Arme aus dem Menschenknäuel emporhielt. Dem König drohte das Herz zu brechen. »Adieu! Adieu!« rief er mit bewegter Stimme. »Adjö! Adjö!« kreischte der Papagei, den man in der Eile vergessen hatte. Da schlug der gereizte Herr und Gebieter mit der flachen Hand gegen den Käfig, daß der erschreckte Vogel von einer Ecke zur andern flatterte. Dann horchte er gespannt hinaus. Er hörte, wie der Wagen sich in Bewegung setzte, er hörte den rasenden Schrei der Menge, das Gebrüll der zu Boden Geworfenen, die Drohungen, die Verwünschungen der übrigen und schließlich die Rufe der grimmig Enttäuschten. »Geglückt!« rief der König. Und er dachte dem wackeren Kutscher einen Orden zu.

Doch die Freude sollte nicht lange dauern. Das betrogene Volk suchte sich Ersatz zu schaffen, es wünschte entsprechenden Ausgleich. Darum hielt es sich, als das Mobile verschwunden war, an die Immobilien. Es begann die Pflastersteine auszugraben. Zuerst flogen die Fenster ein, dann kamen die Türen an die Reihe und am Schlusse ging es noch an die Möbel. Dem König war alles gleichgültig. Er wartete im Salon, auf dem Sofa neben dem kreischenden Papagei, bis die ersten auch in dieses Heiligtum den Fuß setzten. Auch dann erhob er sich nicht. Am liebsten wäre es ihm gewesen, wenn ihn selbst ein Stein getroffen hätte. Doch die Angreifer prallten zurück, als sie ihn sahen. Sie nahmen den Hut ab, sie gaben es weiter an die Nachfolgenden sowie an jene, die auf der Straße heulten. »Der König! Der König!« Da ließ das Klirren der Scheiben auf einmal nach, selbst einige Glaslüster, die man schon mit den Fäusten von der Decke zu zerren suchte, durften an der alten Stelle bleiben. Der Kajetan, der in der vordersten Reihe gefochten hatte, hob die Hand militärisch an den Deckel, als grüße er einen General, der Sanktjohannser neben ihm kratzte sich in den Haaren, der Luegecker aber, der am Ziele seiner Wünsche war, stand mit offenem Munde da und brachte trotz der besten Absicht kein Wort heraus. Da, durch das auf und nieder gehende Gedränge schob sich eine gewaltige Erscheinung, vor der alles zur Seite wich. »Ich schütze den König! Und niemand soll es wagen, ihn zu berühren!« Es war der Gankoffen, der jetzt ins Zimmer stürmte, um das Knie vor der Majestät zu beugen. Wie man weiß, hatte er schon viele historische Augenblicke mit seiner Familie erlebt, aber dieser war doch der gewaltigste. Deshalb schüttelte es ihn auch wie im tödlichen Fieber. »Heil unserm König, Heil!« begann er zu singen. Erst tat er's ohne Begleitung, dann setzten die anderen ein. »Heil unserm König, Heil!« sang der Luegecker. Auch der Sanktjohannser hielt nicht zurück. Und am lautesten gröhlte der Kajetan. Auch andere fielen ein, bis sich der Kantus hinaus auf die Straße übertrug, wo er zum vielstimmigen, wuchtigen Chore wuchs. Eine breite Furt bildete sich, man machte ehrfurchtsvoll Platz, als jetzt der Monarch erschien. Nur der Demagoge, der Gankoffer, suchte eine despektierliche Bemerkung loszulassen. Aber der bekam von den Nächststehenden sofort eine aufs Maul geschlagen, als ob er das Allerheiligste verschimpfiert hätte. Die Menge grüßte immer tiefer, und der allein echte Nachkomme des Erbauers der Frauenkirche schritt neben dem König einher wie ein Majordomus. »Majestät, das ist Ihr geliebtes Volk!« sagte er. »Schreiten Sie ruhig und ohne Sorge hindurch. Ich bürge dafür, es betet Sie an.«

Ludwig I. schien diese Ansicht nicht zu teilen. Er ging mit wütendem Gesichte durch dieses Volk, das ihn so lieben sollte, er spuckte fortwährend so ein bißchen nach rechts und nach links, er dachte bei sich, alles hinzuwerfen, je früher, um so besser, Krone, Szepter, Thron und die ganze, schöne Verfassung oben drauf. Alle bunten Farben, die ihn einst in der Auer Kirche und so oft im Leben umgaukelt hatten, waren erstorben, keine Märchengestalten, keine Burgen im Mondschein tauchten mehr auf vor ihm, selbst die Hellenen waren für immer versenkt. Nur die Haltung der Cäsaren bewahrte er noch, jene herrische, große Geste, als ritte er, ein gewaltiges Monument, über Venedigs oder Paduas Plätze. »Pack! Pack!« murmelte er dabei. »Am liebsten möchte ich euch allen den Stock über die Schädel hauen!« Die Münchner verstanden ihn nicht, weil sie so laut sangen. Und sie sangen so laut, weil sie ihn nicht verstanden. Als er aber durch war, begleiteten sie ihn in endlosem Zuge bis zur Residenz. Allen voran gingen der Luegecker, der Sanktjohannser und der Kajetan. Der Luegecker reckte den Kopf fast so stolz empor wie der König und schrie in einemfort: »Vivat!«, der Sanktjohannser tat im stillen Buße für alles, was er pecciert hatte, der Kajetan aber trug die Beute des Tages, den großen Käfig mit dem Papagei. Das Tier war ihm aufgefallen, als er das Zimmer verlassen wollte, drum nahm er es mit. Er hatte schon viele »Viecher« auf Almen und Bergeshöhen, in Sümpfen, in Wäldern und auch sonst im Leben getroffen, aber noch keines, was ununterbrochen Adjö! Adjö! und wieder Adjö! sagte.

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