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Das Erbe der Uraniden

Hans Dominik: Das Erbe der Uraniden - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorHans Dominik
titleDas Erbe der Uraniden
publisherVerlag Scherl Berlin
printrun41. bis 50. Tausend
yearo.J.
firstpub1935
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Shelby, der Assistent des Professor Moore, trat in den Observationsraum der Greenwicher Helikopterenwarte. Er ging zu dem Okular des Refraktors. Zu seinem Erstaunen saß Professor Moore nicht davor. Sein Auge ging suchend umher. Da . . . im dunklen Hintergrunde der Professor an der Radioempfangsstation.

Verwundert schritt der Assistent dorthin. »Was ist, Mr. Moore? Eine wichtige Nachricht? Sie sind so . . .«

»Ein Rätsel, Shelby, das mich schon seit einer halben Stunde hier festhält.

Ich empfing von Lissabon. Stellte nach Beendigung des Gesprächs unsere Londoner Welle ein. Drehte dabei in Gedanken an das gehabte Gespräch den Abstimmungsknopf sehr langsam. Da, plötzlich neuer Empfang im Apparat.

Trotz meiner Versunkenheit fiel mir das auf. Wußte ich doch, daß bei der augenblicklichen Stellung der Rahmenantenne nur die Lissaboner Welle wirken konnte.«

Interessiert trat Shelby an die Antenne.

»Merkwürdig! Ein Fehler irgendwo? Aber wie lauten denn die empfangenen Nachrichten?«

»Das ist's ja eben, was mich hier festhält! . . . Ich verstehe sie nicht, und sie kommen immer wieder. Augenblicklich ist Stille.«

Der Assistent prüfte die Stellung der Rahmenantenne, verglich die Peilung auf der Karte. Der Rahmen wies genau auf Lissabon.

»Ein Fehler dort? Anders wüßte ich keine Erklärung.« Dabei drehte er den Rahmen langsam auf den englischen Sender.

Doch plötzlich . . . seine Hand hielt inne . . . ehe noch die beabsichtigte Rahmenstellung erreicht war. Wieder klangen Zeichen aus der Schallkapsel des Empfängers.

»Hören Sie?« flüsterte Moore dem zu, »wieder dieselben Töne . . .« Und erst jetzt merkte er, daß der Antennenrahmen inzwischen eine ganz andere Stellung erhalten hatte. Er sprang auf, starrte den Assistenten an.

»Was ist das? Wo sind wir? Dieselben Zeichen . . . die Antenne? . . .«

Er hielt inne. Sah, wie Shelby die Antenne weiterdrehte . . . weiter, immer weiter . . . und trotzdem . . . die Töne, sie klangen fort . . . jetzt wieder Stille.

»Ah!« Shelby griff sich an den Kopf. »Eine Unordnung in der Anlage? . . . Unmöglich! Woher diese Wellen?«

Moore warf den Kopf zurück, schaute zum Himmel, streckte die Hand empor.

»Wäre alles in Ordnung, müßten sie von da oben her kommen, senkrecht! Sonst wäre es nicht möglich, daß wir sie bei jeder Stellung der Antenne vernähmen.«

Der Assistent nickte stumm. Auch sein Blick ging nach oben.

»Senkrecht?« murmelte er vor sich hin, »senkrecht? . . . Vom Zenit her? Die Sonne . . . sie neigt sich schon nach Westen . . . Im Zenit die Venus? . . . Nein, es kann nicht sein! Unmöglich! Doch ein Fehler der Anlage! Wir werden es sogleich feststellen können. Rufen wir Berlin an!«

Moore nickte. »Gut der Gedanke! Die Berliner Helikoptere hat die gleichen Instrumente, die gleiche Einrichtung wie wir.« Er stellte Sendung und Empfang auf Berlin, rief an.

Professor Franke war selbst am Apparat. Mit hastigen Worten erklärte ihm Moore seine und Shelbys Beobachtungen. Gab ihm die Wellenlänge, auf der Greenwich die rätselhaften Zeichen empfangen hatte.

»Beobachten Sie! In einer Viertelstunde rufe ich wieder an.«

Professor Moore stellte den Empfänger wieder auf jene Welle. Kaum, daß die Abstimmung fertig, wurden die rätselhaften Zeichen von neuem vernehmbar. Shelby ergriff Bleistift und Block, zeichnete den Rhythmus der sonderbaren Signale sorgfältig auf. Eine Pause trat ein.

Sie riefen Berlin an. Dieselben Beobachtungen auch dort. Professor Franke, um eine Erklärung gefragt, gab seine Meinung dahin, daß die Zeichen anscheinend aus dem Weltraum kämen, und zwar aus jener Stelle, wo die Venus stand.

Schon eine Stunde später brachten Flugschiffe Reserveapparate zu den beiden Helikopteren von London und Berlin, so daß es möglich wurde, die merkwürdigen Zeichen ununterbrochen zu verfolgen, und dabei doch die Verständigung untereinander aufrechtzuerhalten.

Was die beiden Gelehrten im Radio-Meinungsaustausch über das Phänomen harmlos untereinander besprochen hatten, als säßen sie sich in einem Zimmer gegenüber . . . nicht eine, Dutzende von anderen Empfangsstationen hatten es aufgenommen. Mehr oder weniger mißverstanden. – –

Die Abendblätter überboten sich in den übertriebensten Nachrichten, überholten dabei weit die Tatsachen.

»Der Zeichenverkehr mit den Venusbewohnern!« . . . »Bedeutsame Nachrichten von Bewohnern eines fernen Gestirns!« . . . »Der Besuch von Bewohnern anderer Sterne zu erwarten!« . . . Diese und ähnliche Überschriften brachten das Publikum in wilden Taumel. Man wurde kaum etwas ernüchtert, als die offiziellen Meldungen der Greenwicher und Berliner Station mitteilten, was wirklich geschahen war.

Als die Zeichen für Moore und Franke nicht mehr zu vernehmen waren, hatten sie sorgfältig ihre Aufzeichnungen verglichen. Mit größter Spannung erwarteten sie den nächsten Tag, der sie wieder in den Strahlungsbereich jenes Sternes bringen mußte.

Sie beendeten die Unterhaltung in der festen Überzeugung, daß diese Zeichen von Menschen . . . den Bewohnern eines anderen Gestirnes herrühren mußten, die eine Verständigung mit den Bewohnern der Erde suchten. Das war auch der Inhalt ihrer Mitteilung an die übrigen Helikopterenwarten der Welt, die nun ihrerseits, soweit es die Stellung der Gestirne zuließ, die Beobachtungen aufzunehmen versuchten.

Nach vielen überraschenden Ereignissen der letzten Zeit ein neuer Alarm, der die Welt in Atem hielt. In Atem hielt . . . bis wieder neue schlimme Nachrichten von Coiba die Aufmerksamkeit dorthin lenkten.

*

In der Union war die Zahl der Stimmen, die den von jedem Gelehrten als absurd erklärten Gedanken, Coiba mit Wasser zu löschen, trotz alledem verfochten, immer mehr angeschwollen. Im Parlament häufte sich die Zahl der Interpellationen, die die Regierung drängten, diesen Plan auszuführen. Von den Staaten des Isthmus war ein Widerstand nicht zu erwarten. Sie waren dem neuen Plan durchaus geneigt.

Überrumpelt von einer zufälligen Majorität, gab die Regierung in Washington nach. Keine warnende Stimme wurde gehört. Im Verfolg des Beschlusses wurde ein Expeditionsschiff ausgerüstet, das alles mit sich führte, um den Bau eines Kanals von der See zu der Brandstelle in Angriff zu nehmen. Die Zustimmung aus aller Welt zeigte, daß der weitaus größte Teil des Publikums diesem Plan vollen Beifall zollte. Unter größtem allgemeinen Interesse wurde auf Coiba der erste Spatenstich getan.

Da knallte in die schon genügend verwirrten Köpfe eine Nachricht aus Arizona.

Der »Bloomfield Advertiser«, ein kleinstes Lokalblättchen in Arizona, brachte unter seiner Rubrik »Neuestes aus der Umgebung« die in ihrer lakonischen Kürze fast erheiternd wirkende verblüffende Notiz:

»Auf der Werft Mr. William Harrods wurde gestern der Kiel zu einem Raumschiff gelegt, das zur Venus fliegen soll.«

Ein Reporter des »Frisco Herald«, den der Zufall in diese Gegend verschlagen hatte, las die Nachricht, faßte sich an den Kopf. Dachte bei sich, der Redakteur des »Bloomfield Advertiser« habe wohl einen Sonnenstich erlitten. Beschloß aber aus einer plötzlichen Laune heraus, bei der Redaktion persönlich anzufragen.

Dort spielte sich gerade eine etwas erregte Szene ab. William Harrod stand vor dem Redakteur, der bleich und zitternd den Zornesausbruch des Gefürchteten über sich ergehen ließ.

. . . Am Morgen des Tages . . . Ein Bote der Redaktion, der im Hause Harrods eine Besorgung zu erledigen hatte, war in dem Gebäude herumgeirrt. War zufällig in ein Zimmer geraten, das an Harrods Arbeitszimmer stieß . . . hatte dort in der Hoffnung, daß einer käme, gewartet und dabei eine Unterhaltung zwischen Harrod und Canning mit angehört.

Doch allmählich war ihm der Boden zu heiß geworden. Als da drinnen die Stimmen verstummten, war er hinausgeschlichen . . . war in die Kneipe geeilt, wo der Redakteur des »Bloomfield Advertiser« seinen Whisky zu trinken pflegte, hatte dem brühwarm alles erzählt.

Zur Belohnung hatte ihm der Redakteur eine mächtige Maulschelle versetzt und ihn väterlich ermahnt, nie wieder zu lauschen. Außerdem sei alles Quatsch, was er gehört haben wolle. Doch unter der Einwirkung weiterer Whiskys hatte er die Nachricht in den Advertiser gebracht.

»Einen Widerruf! Sofort in der nächsten Ausgabe, Satan versoffener! Sonst wirst du mich kennen lernen.« Harrods Stimme überschlug sich vor Wut. Unter Tränen versicherte der Redakteur, daß er das tun würde, bat Harrod zerknirscht um Verzeihung.

Mit einigen Flüchen verließ Harrod die Redaktionsstube. Draußen an der Tür prallte er beinah gegen einen Fremden, der schnell ein Notizbuch in seiner Tasche verschwinden ließ, sich mit einer Entschuldigung umwandte, vor Harrod das Haus verließ.

Ein Lauscher? schoß es Harrod durch den Sinn. Verteufelt! Dann wäre alles umsonst.

»Hallo, Sir! Wohin der Weg? Was suchen Sie hier?«

»Oh, Mr. Harrod«, erwiderte der, indem er auf ein Flugschiff zuschritt, das am Wege hielt. »Nichts Besonderes. Kam in Geschäften. Fahre jetzt wieder ab.«

»Geschäfte, Sir? Was für Geschäfte?«

»Oh!« . . . Der Fremde kurbelte sein Flugzeug an, schwang sich auf den Sitz.

»Halt, Sir!« Die Stimme Harrods klang drohend. »Sie standen vor der Tür der Redaktionsstube. Ich habe Verdacht, daß Ihre Geschäfte . . .«

Statt einer Antwort rückte der den Starthebel an. Das Schiff erzitterte, hob sich.

»Das Geschäft, Mr. Harrod, war das beste, das ich je gemacht. Eine Million ist es mir wert, das Geheimnis von Harrods Werft. Ha, ha . . .!« Seine weiteren Worte verklangen im Rauschen der Motoren.

Es dauerte eine ganze Weile, ehe Harrod den Vorrat seiner Flüche erschöpfte. Schließlich wurde er ruhiger.

›Mögen sie es denn wissen, die Narren! Früher oder später erfahren sie's ja doch. Möchte dabei sein, wenn die Bombe in Buena Vista einschlägt.

Ah!‹ Er zog nachdenklich die Brauen zusammen. ›Verfluchter Reporter! Der Deubel hole ihn doch. Möge sein Schiff mit ihm in den nächsten fünf Minuten explodieren! . . . In Buena Vista wird man jetzt verdammte Eile haben. Dazu ihr Vorsprung . . .‹

Er stieß den unglücklichen Redakteur des Advertiser, den sein Mißgeschick in seine Nähe führte, zur Seite, daß die Wand der Wellblechbude dröhnte.

»Sie können sich den Widerruf sparen! . . . Nicht mehr notwendig! Aber wir sprechen uns noch.« –

Zwei Stunden später riß man sich in Frisco die Extrablätter des »Frisco Herald« aus den Händen. Überall auf den Straßen bildeten sich Gruppen, besprachen die neueste Nachricht. Harrods Name war in aller Mund. Immer wieder wurden Cheers auf ihn ausgebracht.

» Three Cheers for Mr. Harrod!« . . . »Das Sternenbanner auf der Venus aufgepflanzt« eine Überschrift der nächsten Ausgabe der Zeitungen. Ein Taumel in der Stadt, der sich über die ganze Union hin fortpflanzte. Harrod der Held des Tages. Unumwunden hatte er auf die Tausende von Anfragen, die nach Bloomfield gingen, alles zugegeben. Der Redakteur des »Bloomfield Advertiser« machte in diesen Tagen sein Glück. Wochenlang druckte er noch die Zeitungsnummer nach, worin jene erste Nachricht gestanden, um dem Ansturm derer zu genügen, die um jeden Preis diesen historischen Erstdruck erwerben wollten.

Drei Sensationen innerhalb kurzer Zeit. Coiba . . . die rätselhaften Zeichen von der Venus . . . der Plan Harrods . . . Man vergaß fast die folgenschwerste, Coiba, in dem Gedanken an die beiden anderen. Die Zeitungen brauchten sich in diesen Tagen um Stoff nicht zu sorgen – – – –

Es war der Tag, an dem der »Frisco Herald« seine Nachricht brachte. Ronald Lee kam durch den Park von Buena Vista geschritten, wollte nach kurzer Ruhe wieder zu der Werft gehen. Der Kiel des Schiffes war bereits gestreckt. Wenn er den Gang der bisherigen Arbeiten überschaute, so kam ihm alles wie ein Märchen vor.

Als wären Zauberhände am Werk, ging der Bau vorwärts. Märchenhaftes Glück für ihn die Reise hierher. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang auf der Werft. Dann anschließend die schönen Stunden im Hause van der Meulens. Unvergeßlich würde ihm stets die Erinnerung an diese reizvollen Abende im Kreise der Familie bleiben.

Hortense . . . Ihr Bild, wie er es damals bei seiner Ankunft in dem Torbogen zuerst gesehen . . . anders hatte er es sich aus Violets Briefen gemalt. Das Zusammensein am ersten Abend hatte den ersten Eindruck vertieft. Das war nicht die glückliche Braut, das war nicht die stolze Weltdame . . . Das nervöse Spiel ihrer Mienen . . . ihr sprunghaftes Wesen . . . ihre wechselnden Stimmungen . . . Wo waren die Gründe für diesen Zwiespalt ihrer Natur?

Nicht lange, dann glaubte er sie zu erraten. Jener erste Besuch Cannings hatte ihm einen Blick in das Dunkel gestattet, das über ihrem Wesen lag. Er staunte. Er begriff es nicht, was dieses schöne, junge Geschöpf abhielt, die Last, unter der ihre Seele litt, mit kräftigem Entschluß von sich zu werfen.

Er litt mit ihr. Wie eine Last drückte das Leid ihrer Seele auch ihn. Es drängte ihn innerlich, ihr zu helfen. –

Wie jubelte sein Herz, als Violet ihm den Bruch Hortenses mit Canning mitteilte.

Jetzt erst . . . befreit von drückender Fessel, bot sie das Bild, wie er sich's geträumt. Mochte sie auch, um nicht zu zeigen, wie das Gefühl der Freiheit sie so innerlich gewandelt, sich noch so übereifrig seinem Werk, seiner Arbeit hingeben, er ließ sich nicht täuschen.

Nicht genug, daß sie sich fast ständig auf dem Werftplatz aufhielt. Jetzt verlangte sie auch von ihm, in die physikalischen Geheimnisse, in alle technischen Einzelheiten seiner Pläne eingeweiht zu werden. Als sie ihm die Bitte vortrug, hatte er gelächelt. Hatte es für eine Laune genommen. Doch er hatte sich geirrt.

Die abendliche gemütliche Unterhaltung wurde tatsächlich ernster Unterricht. Die überraschenden Fortschritte, die sie machte, zeigten ihm, welch energischer Geist, welch scharfer Verstand in ihr wohnten. –

Als er sich dem Werftplatz näherte, sah ihn Hortense von weitem. Kam ihm, eine Zeichnung in der Hand, eilig entgegengeschritten.

»Es stimmt nicht! Es stimmt nicht, Mr. Lee! Die Maße der unteren Aluminiumplatten entsprechen nicht der Bestellung.«

»Sind sie stärker oder schwächer?« fragte Lee halb belustigt, halb ernst.

»Stärker! Beinahe einen Millimeter stärker!«

Lees Blick hing an ihren Zügen. Wie sie da vor ihm stand, in dem weißen Kittel, der trotz seines plumpen Schnittes die schönen, schlanken Linien ihres Körpers nicht zu entstellen vermochte . . . das Gesicht gerötet von der inneren Erregung . . . die Augen blitzend . . . es kostete Lee Mühe, den angenommenen Ernst zu bewahren.

»Der Schaden ist nicht schlimm. Die Differenz in dem Eigengewicht des Schiffes ist zu geringfügig.«

Sie schritten auf den Stapel Platten zu, die hier frisch ausgeladen waren.

»Miß Hortense! Mr. Lee! Señor van der Meulen wünscht Sie sofort zu sprechen.« Der Mayordomo stand vor ihnen.

»Hallo, José! Was ist's?« fragte Hortense.

Der wiegte den grauen Kopf. »Señor van der Meulen war sehr erregt.«

»Nun, dann eilen wir! Kommen Sie, Mr. Lee!«

Am Eingang des Hauses trafen sie auf Violet, die sich ihnen anschloß. Sie traten in das Arbeitszimmer van der Meulens. Der, als sähe er sie nicht, lief wie ein Rasender auf und ab. Seine Brust ging stürmisch. Sein Gesicht blaß. Die Stirnadern geschwollen. Eine ungeheure Erregung in dem Manne.

»Vater!« Hortense eilte zu ihm, griff ihn am Arm. Der, als käme ihm ihre Gegenwart erst jetzt zum Bewußtsein, starrte sie mit wirren Blicken an. Wandte sich dann zu Lee, schaute ihn an, als wolle er in seinem Innersten lesen.

»Was ist? . . .« Er schrie es, öffnete seine Faust. Ein zerknülltes Papier. Er glättete es.

»Hier! Da lest! Das Unmögliche, das Unglaubliche!« – Hortense las die Worte, die der Magnetograph aufgezeichnet . . . die Meldung des »Frisco Herald«. Bei den letzten Worten entsank ihr das Blatt. Ihre Augen gingen zu Lee. Ratlos, wie hilfesuchend blickte sie ihn an. Der schien äußerlich ruhig. Nur seine Augen verrieten, wie die Worte auf ihn gewirkt. Ruhig sprach er:

»Ich würde es für eine Tatarennachricht halten, wäre nicht der Name Harrod damit verbunden.«

»Sie haben recht, Mr. Lee! Harrod! . . . Sein Name! Ich zweifle nicht an dem Ernst der Nachricht. Ich habe nur eine Erklärung. Er hat irgendwie herausbekommen, was hier vorgeht. Tut's mir zum Tort. Will die Schlappe, die ich ihm vor Jahren versetzte, wieder wettmachen. Ah! . . .«

Er stöhnte auf. Begann wieder mit großen Schritten hin- und herzulaufen. »Ist's wahr, William Harrod, dann hast du's mir mit Zinsen vergolten!«

Lee schüttelte den Kopf. »Unmöglich, Mr. van der Meulen. Bauten wir eine Wasserstoffrakete, würde ich Ihre Gründe für Harrods Handeln begreifen.«

»Sie haben ja recht, Mr. Lee! Unmöglich, Vater, daß Harrod oder seine Mitarbeiter die Elektronenenergie in irgendeiner Form beherrschen. Nehmen wir an, die Nachricht wäre in allen Stücken wahr, so gibt's nur eine Erklärung. Ein anderer . . . ein Großer muß es sein . . . einer, dem in glücklicher Stunde gelungen, das Problem zu lösen, hat sich mit Harrod zu diesem Plan verbündet.«

Lee schüttelte den Kopf. »Es muß so sein, wie Sie sagen. Miß Hortense. Keine andere Erklärung . . . Und doch! Ich kann nicht daran glauben. Keiner . . . außer Gorm, der bei dem heutigen Stand der Wissenschaft fähig, das Problem zu lösen . . .«

Mit einem Ruck blieb van der Meulen stehen. »Gorm . . .«

»Gorm und Harrod, Mr. van der Meulen . . . nein!«

»Nein? . . . Nun, wenn nicht Gorm selbst, irgendein anderer, der seine Berechnungen kennt. Wie Gorm sie Ihrem Onkel Jonas gegeben . . . könnte er sie doch auch einem anderen mitgeteilt haben.«

Lee stand einen Augenblick überlegend.

»Die Möglichkeit besteht. Ich kenne Gorm nicht . . . Und doch . . . das will, kann ich nicht glauben!«

Van der Meulen machte eine fragende Bewegung. Lee, wie um sich der drängenden, fragenden Blicke, die auf ihm hafteten, zu erwehren, schloß die Augen. Mehrmals öffneten sich seine Lippen, schlossen sich wieder . . . Dann . . . ein tiefer Atemzug. Die graublauen Augen gingen scharf in die Runde. Dann kamen die Worte schroff, hart aus seinem Munde.

»Der . . . der Harrod das Geheimnis der Elektronenkraft gab . . . der hat's gestohlen!«

»Gestohlen?« schrie Hortense.

»Ja! . . . Gorm oder mir!«

Als hätte ein Peitschenhieb sie getroffen, zuckte Hortense zusammen. Starrte Lee an. Der sah zur Seite, wandte sich an Violet, die weinend, hilflos zu ihm drängte, strich ihr leise über das Blondhaar. »Tapfer sein, Violet! Denke daran, daß du eine Lee bist!«

»Was wirst du tun, Ronald?«

Der schaute van der Meulen an. Die Blicke der beiden Männer wurzelten ineinander . . . lange. Dann sprach van der Meulen:

»Von morgen an arbeiten wir in drei Schichten!«

Lees Augen blitzten auf, kräftig erwiderte er den Handschlag, den ihm van der Meulen bot.

*

Am nächsten Morgen brachte das offizielle Büro der Regierung der Vereinigten Staaten von Südamerika folgende Meldung:

Infolge der gestrigen Nachrichten aus Arizona hält die Regierung der Vereinigten Staaten von Südamerika den Zeitpunkt für gekommen, den Bürgern der südamerikanischen Union die Mitteilung zu machen, daß die Arbeiten Señor van der Meulens, ein mit Elektronenenergie getriebenes Raumschiff zu bauen, so weit vorgeschritten sind, daß das Flugschiff in absehbarer Zeit seine Probefahrt antreten wird.

Die Welt verhielt den Atem. Das gestrige unerhörte Ereignis überholt, übertrumpft. In den Staaten des Sternenbanners die Erregung auf Siedehitze gesteigert . . . überschlug sich . . .

Schwindel! . . . Bluff! . . . Gestohlen! . . . Die Ehre der Nation berührt! . . . Selbst die Gemäßigten sprachen von Anmaßung, verlangten schnelle Untersuchung.

Die Auslassungen der offiziellen Büros schienen bestrebt, die Gemüter zu besänftigen, gossen jedoch nur Öl in die Flammen. Schlossen mit der Erklärung, daß auf jeden Fall die Priorität auf Seiten des Sternenbanners wäre. Wiesen darauf hin, daß die, die es wagten, ein ähnliches Unternehmen ins Werk zu setzen, die volle Verantwortung dafür zu tragen hätten.

Die Heere von Berichterstattern, die in Arizona . . . im Gran Chaco die Luft verdunkelten, rannten hier . . . rannten dort gegen undurchdringliche Mauern . . . Das war die erste Folge gewesen. Die Werft in Arizona, die Werft in Buena Vista durch stärkste Sicherungsmaßregeln geschützt. Im weiten Umkreis zu Luft und Land abgesperrt . . . von todbringenden Hindernissen umgeben.

Zwei kleinste Lokalzeitungen, in Arizona der »Bloomfield Advertiser«, im Gran Chaco der »Monitore del Vermejo«, erhoben sich in wenigen Tagen zu Blättern von Weltbedeutung.

Ebenso wie der Botschafter der südamerikanischen Union in Washington hatte der der nordamerikanischen Union in Buenos Aires einen längeren Besuch im Auswärtigen Amt gemacht. Die Folge davon war, daß die offiziellen Blätter der beiden Regierungen sich über alles, was den Bau der Raumschiffe betraf, ausschwiegen. Die beiden kleinen Lokalblätter waren die Organe der beiden um die Wette bauenden Werften geworden. Sie wurden die Herolde, welche die Taten Harrods und van der Meulens der Welt verkündeten . . . wobei es häufig geschah, daß die Herolde selbst in argen Streit gerieten, sich mit schärfsten Waffen bekämpften.

Während sich die Welt in den mannigfachsten Vermutungen erging, wie das Wettbauen der beiden Konkurrenten Harrod und van der Meulen enden würde, wer zuerst den Flug zur Venus antreten würde . . . wer das Rätsel dieser mystischen Nachrichten von dem Nachtgestirn lösen würde, brachte der Berliner Funkdienst folgende überraschende Mitteilung:

Es ist durch genaue Rahmenpeilungen festgestellt, daß die rätselhaften Zeichen, die von den Helikopterenwarten von Greenwich und Berlin aufgenommen wurden, zweifellos von der Venus kommen. Ferner ist es gelungen, den Sinn dieser Zeichen zu ermitteln. Es sind Bildtelegramme in Kartesischen Koordinaten.

Kopfschüttelnd, ungläubig hörte jedermann diese Kunde. Nur wenige, die überhaupt verstanden, was die Erklärung bedeuten solle. Da kam am nächsten Tage die Radiomeldung aus Berlin, daß in Abänderung des Abendprogrammes Professor Franke von der Berliner Warte einen Vortrag über seine Beobachtungen halten werde.

Kaum war jemals ein Vortrag des Rundfunks mit größerer Spannung, größerem Interesse erwartet worden. Millionen, die in der Abendstunde am Hörer hingen.

»Meine Herrschaften! Die Presse hat sich in der letzten Zeit schon genügend darüber ausgelassen, mit welchen Schwierigkeiten es verknüpft ist, wenn zwei an sich gleichgebildete Menschen, die verschiedene Sprachen sprechen, einander gegenübersitzen und sich verständigen wollen. Es ist das eine tatsächliche Unmöglichkeit. Und doch gibt es Menschen, die imstande sind, diese Unmöglichkeit zu überwinden. Das sind die Leute der den meisten von Ihnen so unsympathischen Wissenschaft, der Mathematik.

Wenn ich die Behauptung aufgestellt habe, daß es uns möglich geworden ist, die Zeichen von der Venus zu entziffern, so werde ich bei dem Versuch, es Ihnen zu beweisen, wohl von vielen schlecht verstanden werden. Doch auf die Gefahr hin, Mißverständnis oder Unglauben zu begegnen, werde ich doch kurz erzählen, wie wir zu der Entdeckung gekommen sind.

Jener Lehrsatz des Pythagoras, den wohl die meisten von Ihnen in Erinnerung haben, gab den Schlüssel, das Geheimnis zu lösen. Die Wesen dort oben . . . ich möchte hier die bestimmte Vermutung aussprechen, daß sie uns technisch weit voraus sind . . . gaben mit ihren Zeichen zunächst pythagoräische Zahlen . . .

Ich gestehe, es dauerte lange, bis wir hinter den Sinn ihrer Zeichen kamen. Doch dann, als wir sie begriffen, sahen wir auch schon den Weg, der zur Verständigung führen mußte. Es gelang uns, auf Wellen von zehn Zentimetern Länge Rücksignale zu geben, die dort oben verstanden und sinngemäß erwidert wurden.

Ich betone, meine Herrschaften, mathematische Zeichen! Für jeden, der damit Bescheid weiß, mußte die zwingende Folge sein, weiterhin Formeln der Kegelschnitte, der Hyperbel . . . der Parabel zu geben, und danach diese Kurven Punkt für Punkt in einer Koordinatendarstellung zu senden.

Damit hatten wir die Fundamente . . . das Material, um in Bildern unsere Gedanken auszutauschen. Ich erinnere Sie an viele in der Kultur hochentwickelte Völker, die ebenfalls nur Bilderschriften hatten. –

Eine Verständigung in Bildern! . . . Ja, da sehe ich bei vielen ein bedenkliches Kopfschütteln. Eine solche Verständigung muß doch im höchsten Grade beschränkt sein . . . Das ist richtig. Ein Gedankenaustausch, wie er zwischen zwei gebildeten Menschen gleicher Sprache sonst üblich, ist auf diese Weise ausgeschlossen. Jahre würden vergehen, ehe die Verständigung solche Fortschritte gemacht, daß ein voller Meinungsaustausch von beiden Seiten möglich wäre.

Und doch erkläre ich, daß es uns zu einer besonderen Genugtuung gereicht, wenn es den Beamten der Berliner Warte gelungen ist, den Schlüssel zu finden, die ersten gegenseitigen Verlautbarungen zu fixieren.

›Wenig!‹ werden viele von Ihnen sagen. Und doch, ich sage es mit Stolz, es ist unendlich viel! Sie alle haben natürlich den lebhaften Wunsch, etwas von dem Inhalt unserer Bildunterhaltung zu hören. Nun, unser Gespräch drehte sich hauptsächlich um Dinge der Technik. Ist doch der Stand der Technik ein Gradmesser für den Stand der Kultur.

Sehr bald war es uns klar, daß die Technik . . . die Kultur bei jenen viel höher entwickelt ist, als bei uns. Ich würde zu weit gehen, wenn ich Ihnen das im einzelnen erklären wollte. Wie unendlich die uns technisch überlegen sind, wird Ihnen klar sein, wenn ich Ihnen folgendes sage.

Die Wesen da oben, ich bezeichne sie als Menschen wie wir, sind nicht etwa Bewohner der Venus . . . es sind Menschen, die aus einem anderen Sonnensystem dorthin gekommen sind. Verstehen Sie wohl, nicht von einem anderen unserer Planeten, sondern von einem Planeten eines anderen Sonnensystems.

Denken Sie an unsere jetzigen ersten Versuche, in die Sternenwelt zu fahren. Zum Mond . . . zur Venus . . . zum Mars. Fahrten, die nach Lichtsekunden, nach Lichtminuten rechneten . . . Und jene . . . viele Lichtjahre weit ihre Fahrt! Uraniden! . . . Menschen, die unter anderem Himmel gewohnt haben. Solche Fahrt ein Ziel, das für uns noch in grauer Ferne liegt.

Ich weiß, wie sich jetzt Ihnen allen die Frage aufdrängt: Weshalb kommen die, wenn sie schon einmal so weit gefahren, nicht zur Erde? Hierauf kann ich Ihnen nur unbestimmte Auskunft geben. Die Versuche jener Menschen, uns ihr Schicksal durch Bildtelegramme verständlich zu machen, sind naturgemäß durch die Art dieses Ausdrucksmittels sehr behindert. Was ich Ihnen jetzt sage, beruht nur auf Vermutungen, ein zwingender Beweis dafür ist nicht möglich. Doch glaube ich persönlich, mit unseren Annahmen nicht fehlzugehen. Zeigte sich doch bei jenen schwer verständlichen Bildern eine gute Übereinstimmung zwischen unseren Deutungen und denen der Kollegen von der englischen Warte. Von beiden Seiten wurden die Zeichen folgendermaßen gedeutet:

Jene Weltenfahrer hatten wohl die Absicht, Gestirne anderer Sonnensysteme zu Forschungszwecken aufzusuchen. Dabei kamen sie zur Venus. Nirgends bisher hatten sie Menschen gefunden. Da auf der Erde . . . ihre wunderbar entwickelten optischen Hilfsmittel zeigten es ihnen sicher an . . . stellten sie ihnen wesensähnliche Geschöpfe fest . . . Und da . . . das Ziel vor Augen, ereignete sich irgendein Unheil . . . Ich selbst deute die Zeichen dafür als körperliches Versagen der Weltraumfahrer . . . die englischen Kollegen für eine Beschädigung ihres Raumschiffes . . .

Das eine . . . das andere . . . vielleicht auch beides zusammen der Grund, weshalb sie ihre Fahrt nicht fortsetzen konnten.

Vermutungen, meine Herrschaften! Vermutungen nur! Aber sie erfahren eine gewisse Unterstützung durch den Umstand, daß jene Weltenfahrer ihre Reise tatsächlich nicht fortsetzen. In dieser, wie Sie verstehen werden, prekären Situation muß die Menschheit es aufs lebhafteste begrüßen, daß man jetzt an zwei Stellen der Erde Raumschiffe baut, mit denen sich die Venus wohl sicher erreichen lassen wird.

Wir dürfen also hoffen, doch in absehbarer Zeit mit diesen uns so überlegenen Wesen in unmittelbare Berührung zu kommen. Unsterblicher Ruhm winkt dem, dem das als Erstem gelingt.

Über die weiteren Folgen will ich schweigen. Jeder von Ihnen kann sich wohl ausmalen, von welch ungeheurem Vorteil sie für uns sein müssen.«

Die Morgenpresse brachte die Ausführungen des Professors Franke mit zahlreichen Kommentaren versehen. Die eine Frage in allen:

Die Uraniden . . . ihr Wissen . . . ihre Schätze, wer würde sie gewinnen?

*

Canning hatte seine Geschäfte in Frisco erledigt. Die neuen Arbeiter, die er geworben, waren schon unterwegs nach Arizona. Langsam schlenderte er durch die Vorstadt dem Flugplatz zu. Als er an dem Viertel vorbeikam, in dem die Exoten wohnten, sah er an einer Straßenecke eine kleine Menschenansammlung.

Neugierig schritt er darauf zu. Ah! In einem Kreis von braunen, schwarzen, gelben Zuschauern ein Inder, ein Schlangenbeschwörer. Erinnerungen an Bilder, die er in Indien gesehen, tauchten in ihm auf.

Ein alter Mann, den Kopf vom Turban umhüllt, saß mit gekreuzten Füßen auf der Erde. Vor ihm tanzten nach dem Klange der Flöte, die der Alte spielte, zwei kleine Schlangen. Canning wollte weitergehen, da . . . er verhielt seinen Schritt . . . der Alte hatte die Flöte abgesetzt, hielt bettelnd einen Teller den Zuschauern hin.

Das Gesicht! Canning überlegte. Wo hatte er das schon gesehen . . . die Züge! Sie waren ihm doch bekannt? Er ging ein paar Schritt zur Seite, stand wartend. Nach einer Weile erhob sich der Inder. Die Umstehenden zerstreuten sich. Der Alte hing sich den Schlangenkorb um, schritt weiter.

Sarata?! . . . In dieser Situation? . . . Noch vor kurzem so ganz anders . . .

. . . Wo war das Mädchen? . . . Dieser Wechsel . . . dieses Hinabsinken zum Straßengaukler . . . Und doch! Er mußte es sein!

Er folgte ihm. An einem menschenleeren Platz trat er neben ihn.

»Sarata?«

Der Alte wandte sich mit einem Ruck um, starrte Canning an.

»Sarata! Sind Sie es? Erkennen Sie mich nicht wieder?«

Der Alte schloß die Augen. Canning sah, wie er angestrengt nachdachte.

»Sie waren doch in meinem Hause. Gaben dort eine Vorstellung . . .«

Der Inder ließ die Hand sinken, schaute prüfend in Cannings Gesicht. Der Ausdruck seiner Augen verriet, daß die Erinnerung zurückzukehren begann.

»Mr. Canning! Ah! Ich weiß, Sie waren bei mir in der großen Stadt . . . am Meere lag die Stadt. Luden mich ein, zu Ihnen zu kommen. Ja! Ich weiß . . . weiß alles.«

»Aber warum sind Sie jetzt allein? Wo ist Majadevi, Ihre Enkelin?«

»Majadevi? . . . Enkelin?« Der Inder machte eine lächelnde Grimasse. »Sarata hatte nie eine Enkelin. Majadevi? Ich kenne sie nicht . . . habe sie nie gekannt.«

Der Alte ist betrunken, dachte Canning im stillen. Suchte nach einem Wort, sich zu verabschieden. Sarata, als errate er seine Gedanken, drängte näher an ihn heran. Seine Stimme sank zum Flüstern herab.

»Wir saßen in dem schönen, hellen Gemach. Sprachen . . . wissen Sie noch . . .« Er hob den Finger . . . sein Lachen klang halb verschmitzt, halb blöd . . . Fast wie ein Irrer sprach er, sah sich dabei scheu um, als fürchte er, belauscht zu werden . . . »Der Mann . . . wissen Sie . . . der Mann . . .« seine Stimme klang heiser gedämpft, er deutete zum Himmel, »der da oben war . . . Sie wollten wissen, wie er aussah . . . wo er war. Ich kenne ihn auch, Sie wissen es«, setzte er mit wichtigtuender Miene hinzu.

Sarata war so nahe an Canning herangetreten, daß er ihn körperlich berührte. Widerwillig wandte sich der ab zur Seite.

»Ja, ja. Ich weiß! Doch es ist gut.« Er griff in die Tasche nach einem Geldstück, wollte es dem Alten geben, fortgehen. Der hielt das Geldstück in der Hand, betrachtete es, schüttelte den Kopf.

»Zu wenig, Señor! Zu wenig! Sie müssen mir mehr geben, viel mehr . . . Sarata weiß es jetzt . . . weiß, wo der wohnt . . . Sarata war bei ihm . . .«

Das rätselhafte Benehmen des Alten . . . sein Geist mußte stark verwirrt sein. Törichtes Gerede das alles! Canning griff nochmals in die Tasche, hatte nur den einen Wunsch, den Alten loszuwerden.

Da fing der wieder an. ». . . Sarata weiß auch, was der jetzt macht . . . Saratas Augen haben gesehen das schöne, große Schiff . . .« Er reckte sich auf, deutete zum Himmel. »Dorthin will er . . . alles ist fertig.«

Cannings Augen bohrten sich in die des Alten, suchten darin zu lesen, was wahr, was leere Worte.

»So sagen Sie es doch! Wo ist Gorm? Was tut er?«

Der Inder zuckte bei dem Namen zusammen. In seinen Augen blitzte es auf. Seine Stirn zog sich kraus.

»Ja! Ja!« stieß er heiser heraus. ». . . Gorm? Ja! So hieß er . . . Und der andere, der immer bei ihm ist . . .?«

»Sie meinen Stamford?«

»Ja, ja, Stamford! So heißt der . . . ein schönes Schiff haben sie sich gebaut. Sie wollen weg! . . . Weg von der Erde . . . Weit ihre Fahrt . . .«

Canning überlegte kurz. Die Mitteilungen des Alten, so unsinnig sie ihm auch vorkamen, erregten sein Interesse. Länger hier zu bleiben, gestattete ihm seine Zeit nicht. Was tun? Den mitnehmen? Es schien das Rechte. Wenn sich herausstellte, daß mit dem Alten nichts anzufangen, konnte er ihm ja immer wieder den Laufpaß geben.

»Ist Majadevi auch hier?« fragte er.

»Majadevi?« Sarata schaute ihn fragend an. ». . . Wer ist Majadevi?«

»Alter Schurke! Willst du mich zum Besten haben? Du bist betrunken. Majadevi, deine Enkelin . . . das Medium, mit dem du umherzogest. Sie war doch mit in meinem Hause. Entfloh . . . wurde geraubt . . .«

»Majadevi? . . . Majadevi? . . .« Der Inder schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht . . . weiß nur . . . in Ihrem Hause . . . ich hatte etwas . . . es war ein kostbarer Schatz. Ich verlor ihn . . . er wurde mir gestohlen . . . zwei Männer raubten ihn mir . . .«

»Sarata! Was ist Ihnen? Wissen Sie das alles nicht mehr? Wissen Sie nicht mehr, daß Gorm und Stamford Majadevi mit sich nahmen?«

Durch die Gestalt des Alten ging ein Zittern. Er faßte Cannings Arm, klammerte sich daran.

»Der Schatz, der mir geraubt . . . Majadevi! . . . Das Mädchen! . . .«

Seine Augen begannen plötzlich zu rollen. Ein unheimliches Feuer glühte darin. Die Fäuste geballt, die Zähne aufeinandergebissen, stand er da, als wollte er sich auf irgend jemand stürzen. Zischend kamen die Worte aus seinen Lippen. »Ja! Gorm . . . Stamford, sie raubten mir den Schatz . . . Majadevi. Ah, jetzt weiß ich's wieder . . . jetzt weiß ich's wieder. Ah! Dieser Mensch . . . Stamford! . . . Ah, ich weiß nicht, ob ich den mehr hassen muß oder den anderen.

Und jetzt, jetzt weiß ich auch wieder das andere. Gorm raubte mir Majadevi . . . und Stamford, er raubte mir das Gedächtnis, er störte meine Sinne . . . er verriegelte die Erinnerung, als ich, bezwungen von ihm, wehrlos dalag.

Ah! Er bezwang mich . . . der blonde Westländer bezwang mich, Sarata, den Joghi . . .«

Canning stand ratlos. Was war das alles? Was sprach der für unverständliche Dinge? Ein paar Vorübergehende, denen das sonderbare Benehmen des Inders auffiel, blieben stehen, schauten spöttisch lächelnd auf die Gruppe.

Der Szene muß ein Ende werden! sagte sich Canning. Ich nehme ihn mit! Er ergriff Saratas Arm, sprach mit ihm. Rief einen vorüberfahrenden Wagen an: »Zum Flugplatz!« –

*

Wieder war Coiba der Brennpunkt des Interesses. Wieder waren aus allen Zonen Scharen von Berichterstattern, Neugierigen dorthin gekommen. In der Voraussicht dieses Zustromes hatte man die umfassendsten Vorsichtsmaßregeln getroffen.

Der Kanal vom Meer zu dem Brandherd war vollendet. Ein schmaler Betondamm hielt die Wogen des Ozeans noch zurück.

Der Kanalbau! Ein kleines Stück nur vom Wasser zum Feuer. Man hatte allgemein geglaubt, in kurzer Zeit würde er fertiggestellt sein. Zehn Meter breit, zehn Meter tief, kaum hundert Meter lang. Die Arbeiten über Tage . . . mit den modernsten Maschinen ausgeführt . . . ein Kinderspiel! Auch die Bauleitung hatte mit einer knappen Spanne gerechnet.

Doch da kam die Überraschung. Kaum war man einige Meter in die Tiefe vorgestoßen, da wurde die Temperatur immer höher, schließlich unerträglich. Es zeigte sich, daß der Boden stark metallisch durchsetzt war. In den Erzadern hatte sich der Brand wie in einer Lunte fortgepflanzt.

Das Betreten der Baugrube wurde für Menschen trotz aller Schutzmaßnahmen, wie Bleimäntel und dergleichen, unmöglich. Der Boden war an den heißen Stellen im höchsten Grade radioaktiv. Die Strahlungen riefen schwerste Gesundheitsschädigungen, ja Todesfälle hervor. Die Arbeitsweise mußte daraufhin vollkommen geändert werden. Selbst wenn man in dieses brennende, strahlende Gestein Bohrlöcher in der üblichen Weise hätte treiben können, wäre es doch unmöglich gewesen, sie mit Sprengstoffen zu laden. Jeder bekannte Explosivstoff detonierte von selbst, sowie er in den Bereich dieser Strahlung kam.

Die Arbeiten wurden ausgesetzt, bis neue Maschinen und Hilfsmittel zur Stelle waren. Das dauerte geraume Zeit. Der Plan war, von niedrigstehenden Helikopteren aus die Kanalsohle mit starken Sprengstoffbomben zu bearbeiten. War eine genügende Bodenmenge zertrümmert, griffen elektrische Baggermaschinen, die an den Helikopteren hingen, die Geröllmassen und transportierten sie sofort ins Meer ab.

Fast die ganze Gelehrtenwelt stand Kopf, als dies Verfahren bekannt wurde. Nach ihrer Meinung wurde gerade das Gegenteil von dem erreicht, was man beabsichtigte. Der infizierte Boden, an andere Stellen transportiert, mußte auch dort seine verderbliche Wirkung ausüben. Doch vergeblich ihre Mahnrufe. Alle Welt klammerte sich an das alte Naturgesetz: Feuer wird mit Wasser gelöscht.

Die Bauleitung selbst erlebte auch bald eine unangenehme Überraschung. Sorglos hatte man das ausgebaggerte Material nicht weit von der Küste in das Meer versenkt. Je mehr es wurde, desto stärker wurde auch der Wasserdampf . . . der Nebel, der sich an der Oberfläche des Wassers bildete.

Man transportierte das Material weiter in den Ozean hinein, suchte tiefste Stellen für seine Versenkung. Nicht lange, und auch dort dasselbe Resultat. Es wurde der Bauleitung einigermaßen bedenklich zumute. Das zuerst versenkte Material schien keineswegs durch den Ozean gelöscht zu werden. In unverminderter Stärke lagen die Wasserdämpfe über jener Stelle.

Dabei gingen die Arbeiten nur langsam voran. Das Material der Baggergreifer nutzte sich auffallend schnell ab. Ganze Schiffsladungen von Ersatzteilen mußten herbeibeordert werden.

In die Presse war von alledem nicht allzuviel gedrungen. Man hatte, angeblich aus Sicherheitsgründen, die Arbeitsstellen nach allen Seiten hin in weitem Kreise abgesperrt.

Endlich war es gelungen, den Kanal, so, wie er projektiert war, fertigzustellen. Einladungen an alle möglichen Regierungen waren ergangen. Doch nur wenige hatten einen Vertreter gesandt. Wirklich vollzählig nur die der Staaten des Isthmus. Vollzählig natürlich auch die Schar der Vertreter der Presse . . . der Radioagenturen. Die Sendestationen befanden sich in hoch im Äther stehenden Helikopteren, da in geringen Höhen die radioaktive Strahlung des Brandherdes die Kurzwellen der Sender unwirksam gemacht hätte. – – –

Ein klarer, heller Sommertag. Weithin die Sicht nach allen Seiten. Nur da, wo die Geröllmassen im Ozean versenkt, dichte Nebelschwaden über der Oberfläche.

Die elfte Morgenstunde. Ein Zeichen der Bauleitung, daß die Luft für die Schiffe der herbeigeeilten Massen freigegeben. Wenige Minuten . . . wie Heuschrecken schossen die Schiffe von allen Seiten herzu. Kaum, daß sie zur Ruhe gekommen, ein zweites Zeichen. Alle Augen auf den Damm gerichtet, an dem sich die Wasser des Pacific im Höchststande der Flut brachen.

Ein Schüttern, ein Zittern. Die starke Betonwand geriet ins Wanken, stürzte, von der Sprengladung zerrissen, zusammen. Über die Trümmer hinweg brachen die Wogen des Ozeans in den Kanal. Das ganze Schauspiel nur Sekunden . . . schon war der Vorhang gefallen. Das Stück war aus.

Vergeblich suchte das Auge noch etwas zu erhaschen. Riesige Mengen von Wasserdampf entströmten dem Erdboden, wurden dichter und dichter . . . ballten sich zu Nebeln, stiegen in die Höhe, breiteten sich aus. Nach ein paar Stunden der Ozean, die Insel unter einer undurchdringlichen Dampfwolke verborgen.

Die Phalanx der Beobachtungsschiffe bröckelte immer mehr ab. Der Blick auf die beiden Nebelbänke im Pacific gab zu denken. Wie lange konnte es dauern, bis der Brand gelöscht, die Nebel verschwunden? Nur die Zeit konnte die Antwort darauf geben. Doch je länger es dauerte, desto größer die Zahl der Stimmen, die begannen, das Unternehmen in Grund und Boden zu verdammen. Die Ansicht der Gelehrten bekam von Tag zu Tag mehr Anhänger.

Der Brandherd wurde der Herd ungeheurer Wolkenbildungen. Der Wind trieb sie zum Festland, wo sie ihre Wassermassen in katastrophalen Regengüssen entluden. Es traf alles ein, wie es die Wissenschaft vorausgesagt. Die Existenz der Staaten des Isthmus schien aufs ernsteste bedroht.

Wie immer suchte man nach einem, auf den man die Schuld abwälzen konnte. Keiner . . . die Bauleitung eingeschlossen . . . wollte die Verantwortung auf sich nehmen. Das Drama wurde zur Tragikomödie, als sophistische Ankläger auftraten, die auch hierfür Gorm verantwortlich machten.

*

»Da ist er schon wieder . . . der Kerl!« Tim Bröker holte ein Glas aus dem Hause, trat hinter einen Schuppen, wo er nicht gesehen werden konnte. Das Glas auf die nördliche Felswand gerichtet, murmelte er vor sich hin.

›Er nimmt immer denselben Weg, den der alte Inder benutzte . . . dachte auch zuerst, er wäre es wieder . . . doch der ist es nicht. Der hier ist viel größer . . . Dreimal war ich schon hinter ihm her . . . konnte ihn nicht einholen . . . wäre vielleicht doch besser gewesen, ich hätte ihm eine Kugel nachgeschickt . . .Gutes hat der Kerl sicher nicht im Sinn.‹

»Hallo, Tim!« Stamford war neben ihn getreten, klopfte ihm auf die Schulter. »Was suchst du so eifrig?«

Statt einer Antwort griff Tim Bröker Stamfords Arm, zog ihn hinter die Schuppenwand.

»Gut, daß Sie kommen, Mr. Doktor. Hier mein Glas. Nehmen Sie es schnell, sehen Sie auf den Weg an der Felswand . . . Nehmen Sie ungefähr die Stelle, wo ich den alten Inder damals mit dem Lasso ketschte.«

»Ein Mann da oben? Ich sehe ihn jetzt. Was ist's mit dem? Was denkst du? Der Pfad wird ja selten begangen, aber . . . Hirten, die zu ihren Herden gehen, benutzen ihn doch zuweilen.«

»Es ist jetzt schon der zweite Tag, daß ich den da oben herumstreifen sehe. Das erstemal begegnete ich ihm gestern morgen, als ich selbst auf dem Weg ging. Da fiel er mir nicht besonders auf. Als ich ihn aber nachmittags wieder da oben sah, hatte ich Verdacht . . . irgendein Schnüffler. Ich stieg nach oben. Als ich oben angekommen, war er verschwunden. Auch heute morgen sah ich ihn. Er war schon den steilen Richtweg, der hier zur Werft führt, ein gutes Stück heruntergeklettert. Ich pirschte mich vorsichtig an ihn heran. War schon auf kurze Entfernung bei ihm, da sah er mich, nahm Reißaus. Seitdem habe ich den Weg an der Wand ständig beobachtet . . . Aha! Sehen Sie, jetzt ist er am Richtweg, klettert ihn herunter.«

Stamford eilte in das Haus, holte ein scharfes Glas. Kaum hatte er das auf den Mann gerichtet, stieß er einen Ausruf der Überraschung aus.

»Ah! Wär's möglich? Awaloff? Er müßte heimlich aus Suru entwichen sein. Aber wie hat er den Weg zu uns entdeckt? Was will er hier? Doch einerlei! Wir müssen ihn festhalten. Ich werde den Felsenpfad vom unteren Tale her überwachen. Du wartest eine Weile, bis ich ungefähr da sein kann. Dann steigst du den Richtweg hinauf. Bleibt er stehen, nimmst du ihn mit herunter zur Werft. Läuft er fort, muß er mir begegnen.« – – –

Stamford war auf seinem Platz angekommen, ging langsam den Felspfad hinab. Als er um eine Ecke bog, sah er Awaloff eiligen Schrittes auf sich zukommen. Stamford überschaute die Lage. Sie war nicht ganz ungefährlich. Leistete Awaloff Widerstand, so war es leicht möglich, daß einer den steilen Hang hinabstürzte. Er wollte es mit einer Überraschung versuchen. Schnell trat er zurück. Wartete, bis er Awaloffs Schritte hörte. Dann trat er hervor, tat, als begrüße er einen Bekannten. Er zog den Hut, verbeugte sich.

»Ah, guten Tag, Herr Baron von Awaloff. Ich begrüße Sie. Sie wollen, wie ich vermute, Herrn Gorm besuchen . . . Er erwartet Sie mit Freuden. Bitte, folgen Sie mir.«

Der andere hatte ihn bei den ersten Worten angestarrt wie ein gehetztes Tier. Hatte sich zurückwenden wollen . . . fliehen. Doch je länger Stamford sprach, desto ruhiger wurde er. Als der sagte: Gorm erwartet Sie mit Freuden, lief ein heller Schimmer über sein Gesicht. Harmlos ergriff er Stamfords Hand, die der ihm entgegenstreckte, trat zu ihm.

»Kommen Sie, Herr Baron! Dieser Weg ist bequemer.« Stamford schob im Vorwärtsschreiten seinen Arm unter den Awaloffs, ging mit ihm auf den Felsweg zu. Er hatte wohl bemerkt, wie Awaloffs Gesicht sich bei dem Namen Gorm verklärte. Danach richtete Stamford sein Verhalten. Während er mit Awaloff plauderte, fiel immer wieder der Name Gorm von seinen Lippen.

So kamen sie zur Werft. Gorm trat eben aus dem Haus, als sie anlangten. Kaum hatte Awaloff ihn gesehen, stürmte er auf ihn zu, sprudelte eine Menge von Worten heraus, die unverständlich blieben. Es war ein Durcheinander von englischen und russischen Lauten.

Gorm runzelte die Brauen, schaute unwillig auf Awaloff.

»Was soll das?« fragte er, »wie kommt der hierher?«

Stamford erzählte ihm die Beobachtungen Tims. Wie er dann durch das Glas Awaloff erkannt und ihn hierhergebracht. Gorm bedeutete Awaloff, sich auf die Bank vor der Tür zu setzen, ging mit Stamford abseits.

»Er muß aus Suru entwichen sein. Schon gestern, sagte Tim, habe er ihn gesehen? Ich wundere mich, daß noch keine Nachricht aus Suru da ist.«

Stamford nickte.

»Unmöglich, daß er hierbleiben kann. Wir müssen ihn wieder zurückbringen. Nicht allein, daß wir uns unnötige Schwierigkeiten auf den Hals laden, sein krankhafter Zustand dürfte auch auf Majadevi ungünstige Wirkungen haben. Ich fürchte nur, es wird nicht leicht sein. Der einzige, der irgendwelchen Einfluß auf ihn hat, sind Sie, Gorm. Versuchen Sie's zunächst mit Güte.«

Sie wandten sich um, gingen auf Awaloff zu. Der, als ahne er schon, was sie beschlossen, kam ihnen entgegen, die Hände bittend ausgestreckt.

»Hierbleiben . . . hierbleiben . . . bei dir bleiben! Bei dir ist gut . . . die bösen Geister, sie fürchten dich . . . sie können nicht zu mir kommen . . . können mich nicht quälen . . . Ich soll immer schwimmen . . .« Er machte mit ausgebreiteten Armen heftige Bewegungen. ». . . Immer muß ich schwimmen . . . in dem großen Meer . . . nicht zurück! Hierbleiben . . . bei dir bleiben!«

Gorm wandte sich zu Awaloff, sprach langsam.

»Sie müssen sich gedulden, Freund Awaloff. Hier oben können Sie nicht bleiben. Sie müssen noch warten. Später werden Sie zu uns kommen. Jetzt müssen Sie zurück zu den frommen Männern.«

Von der Werft her kam Majadevi, ging dem Hause zu. Gorm verstummte, wechselte einen Blick mit Stamford. Sie schauten beide zu dem Mädchen, wollten warten, bis die ins Haus getreten. Doch die hielt an, ließ sich auf der Bank nieder, auf der Awaloff eben gesessen.

»Kommen Sie, Awaloff!« Gorm sprach es mit strenger Stimme. »Sie müssen jetzt gehen.«

»Nein! Nein!« schrie der, hob verzweifelt die Arme empor, »nicht von dir fort! Du bist der Starke. Bei dir ist gut!«

Flehend gingen seine Blicke von Gorm zu Stamford. Der schüttelte den Kopf.

»Unmöglich, Gorm! Er kann nicht hierbleiben.« Er tat einen Schritt vor, als wolle er ihn am Arm greifen. Der sprang zurück. Seine Augen gingen umher, als suchte er ein Versteck, einen Zufluchtsort. Da sah er Majadevi. Mit ein paar wilden Sprüngen eilte er zu ihr hin.

Die beiden anderen erschraken . . . Was würde jetzt kommen? . . . Wollten ihm nach. Da war Awaloff schon bei ihr, sank zu Boden, umklammerte Majadevis Knie. Wirre, stammelnde Bitten aus seinem Munde.

Gorm glaubte schon den Aufschrei der Erschreckten zu hören. Doch die . . . ihre Hände hoben sich, strichen Awaloff das wirre Haupthaar aus der Stirn. Die verzerrten, schrecklichen Züge des Mannes glätteten sich, der angstvolle Blick wurde ruhiger. Er begann zu sprechen . . . leise . . . zart. Russische Worte, die von seinen Lippen kamen. Majadevi hob den Kopf, das Ohr geneigt, als sauge es wohlig die vertrauten Laute der Muttersprache ein.

Die beiden anderen waren stehengeblieben, starrten auf die Gruppe. Was sollten sie tun? Awaloff wegreißen? Sie hatten das Herz nicht dazu – –

Jetzt sprach die zu Awaloff . . . auch in russischer Sprache. Awaloff hob den Kopf, ein unendlich glückliches Lächeln in den verwüsteten Zügen. Tränen rollten aus seinen Augen. Er küßte ihre Hände immer wieder, sank zu Boden. Wie ein Hund legte er sich zu Füßen Majadevis nieder.

»Warum wollt ihr den armen Mann fortjagen? Er ist kein böser Mann. Ich fürchte mich nicht vor ihm. Er ist gut und lieb. Ich habe so viel Mitleid mit ihm . . .«

Sie sah Gorm bittend an. »Sie werden ihn nicht fortschicken, nicht wahr, Sie werden es nicht tun. Auch Sie nicht, Mister Stamford. Lassen Sie ihn hierbleiben. Er ist groß und stark. Er wird euch helfen und mich beschützen, wenn ihr fortgeht.«

Gorm und Stamford tauschten einen nachdenklichen Blick. Was sprach die da?

»Wer wird dich allein lassen, Majadevi?« Gorm trat näher an sie heran, ergriff ihre Hand. »Ich? Nein! Wo ich bin, wirst du sein. Ich werde dein Beschützer sein.«

Sie streckte ihm beide Arme entgegen, griff seine Hände, legte ihr Gesicht daran. »Ich soll immer bei Ihnen bleiben? . . . Oh, das ist schön . . . Ich bin glücklich . . . Immer bei Ihnen bleiben . . .«

»Bei Ihnen bleiben . . .« Awaloff richtete sich hoch. »Ich auch . . . will bei Ihnen bleiben . . .« Er ergriff Majadevis Hand.

Die Augen des Arztes waren keinen Moment von Majadevi gewichen. Vielleicht ein Weg, der schneller, leichter zum Ziele führt, Majadevi gesunden zu lassen. »Ich glaube, Gorm, es dürfte in der Tat das beste sein, wenn wir Awaloff hier lassen . . . wenigstens für die nächste Zeit. Es hat den Anschein, als könne er . . .« Seine Augen deuteten auf Majadevi . . . »hier günstig wirken. Irgendeine Beschäftigung wird es ja für ihn geben. Sie kann für ihn auch gute Folgen haben.«

»Aber später?« fragte Gorm zur Seite gewandt.

Stamford zuckte die Achseln. »Das wollen wir der Zeit überlassen.«

 

* * *

 

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