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Gutenberg > Hans Dominik >

Das Erbe der Uraniden

Hans Dominik: Das Erbe der Uraniden - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorHans Dominik
titleDas Erbe der Uraniden
publisherVerlag Scherl Berlin
printrun41. bis 50. Tausend
yearo.J.
firstpub1935
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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In der Nähe des Hauses in der Vorstadt von Lahore, in dem Stamford eine Zeitlang gewohnt, hatte ein alter Bettler sich niedergelassen, der die Vorbeigehenden mit kriecherischen Bitten um Gaben ansprach.

Als der Abend kam, erhob er sich und schlich langsam die Straße hinunter. Draußen vor dem Tore schien er alle Gebresten von sich zu werfen, schritt rüstig weiter.

Ein kostbarer Tag war verloren. Er hatte im stillen gehofft, daß Doktor Stamford wieder hier wohnen würde. Dann hätte er ihn nicht aus den Augen verloren, wäre ihm Tag und Nacht auf den Fersen geblieben, um so vielleicht die Spur zu Majadevis Aufenthalt zu finden.

Unter einem Baume schlug er sein Nachtlager auf. Noch einmal machte er die Probe. Majadevi war wieder hier im Lande . . . weit oben im Norden . . . der telepathische Konnex, der ihn seit langem mit ihr verband, hatte es ihn sicher erfühlen lassen.

Noch ehe die Sonne sich erhob, sprang er auf, warf das Bettlergewand ab, holte aus seinem Bündel einen Anzug, wie ihn die Händler trugen. Er wollte bei seinem Suchen nach Majadevi in der Rolle eines Wollkäufers auftreten . . .

Da stand er auf dem Flugplatz, bestieg das erste Postschiff, das nach Norden ging.

Während der Fahrt kam ihm ein Gedanke. Er wandte sich an den Schaffner des Schiffes. Fragte den, drei Bekannte von ihm seien auch vor kurzem mit dieser Linie nach Norden gefahren. Ob der Schaffner sie vielleicht gesehen habe. Genau beschrieb er dem das Äußere von Gorm, Stamford und Majadevi . . . es wäre ja möglich, daß sie dasselbe Schiff benutzt hätten . . . ob der Schaffner sich ihrer erinnere . . .

Der verneinte. Wollte weitergehen. Dann, als fiele ihm etwas ein, drehte er sich nochmals um.

»Wann wären die Leute gefahren? Vor einigen Tagen? . . . Nein! Ich erinnere mich aber, daß vor einigen Wochen ein paar Passagiere an Bord waren, auf die die Beschreibung wohl paßt.

Es waren Westländer, die mir durch ihre Größe auffielen. Sie waren selbst für Westländer große Männer.«

Im Augenblick hatte Sarata die Lage erfaßt. »Sie waren damals ohne das Mädchen? Nicht wahr?«

Der Schaffner nickte. »Gewiß!«

»Ah! Wissen Sie noch, wie weit sie fuhren? Wo sie ausgestiegen sind?«

»Gewiß! In Dargu.«

»Nun, das genügt mir.« Er drückte dem Schaffner ein Geldstück in die Hand, ging in die Kabine. Hier atmete er erleichtert auf. Ein großer Teil seiner Arbeit war ihm abgenommen. Von Dargu aus würde ihm die Suche leichter werden. Westländer hielten sich nicht häufig in diesem Hochgebirge auf. –

In Dargu verließ er das Postschiff.

Schon am Abend wußte er, daß der eine der beiden Fremden bisweilen in das Kloster Suru kam. Unverzüglich machte er sich auf den Weg dorthin.

Kaum, daß der nächste Morgen anbrach, umschlich er das Kloster und den Garten, die von einer gemeinsamen Mauer umgeben waren. Alle Türen waren verschlossen. Nur auf Klopfen wurden sie durch den Pförtner geöffnet. Er überlegte lange. Sollte er klopfen, sich erkundigen, sollte er hier auf gut Glück warten in der Hoffnung, daß Gorm wieder einmal hierherkäme? . . .

Eine leichte Staubwolke dort hinten auf dem Weg nach Osten ließ ihn aufmerken. Er suchte sich zu verbergen, sprang über die Mauer, die teilweise verfallen und niedrig war, und versteckte sich im Gebüsch. – Durch die schattigen Gänge des Gartens bewegte sich die Gestalt eines Mannes. Die hageren Glieder umschloß das gelbe Mönchsgewand. Häufig blieb er stehen, murmelte wirre Worte vor sich hin. Die Arme, zum Himmel erhoben, gestikulierten wild durch die Luft. Er ging ein paar Schritt weiter . . . dasselbe Schauspiel wiederholte sich . . .

Jetzt schoß er plötzlich wie ein Blitz hinter die hinabhängenden Zweige eines Baumes. Blieb verschwunden. Nach einer Weile bogen sich die Zweige weit auseinander . . . der Irre starrte mit weitgeöffneten Augen, in denen tödliches Entsetzen stand, nach Sarata, der eben über die Mauer gesprungen und in dem dichten Gebüsch verschwunden war.

Das Gesicht des Mannes schien wie erstarrt in hilfloser Angst. Vergeblich sah er sich nach allen Seiten um, wohin er flüchten könne. Er wollte schreien . . . öffnete den Mund . . . schlug sich mit der Hand darauf, wagte es nicht. Seine Hände umklammerten den Stamm des Baumes, als trügen ihn die zitternden Knie nicht länger . . .

Da horchte er plötzlich auf. Die Tür, die zum Kloster führte, hatte sich geöffnet. Der Abt, an seiner Seite ein Westländer, trat in den Garten.

Der Mann hinter dem Baume sah, wie der Inder jetzt die Zweige auseinanderbog, mit haßerfüllten Blicken nach den beiden schaute. Sah, wie er die Fäuste ballte, sich bückte, als setzte er zu einem Sprunge an. Der Mann hinter dem Baum fuhr sich über die Augen. Der irre Blick darin verlor sein Flackern.

Jetzt reichte der Abt dem Fremden die Hände, als wolle er sich verabschieden, sprach noch ein paar Worte, machte das heilige Zeichen über ihn und ging ins Kloster zurück. Der andere schritt auf dem Wege weiter, der zu einem Tor der Umzäunung führte.

Kaum war er in die Nähe des Gebüsches gekommen, in dem Sarata sich versteckt hatte, als die Zweige sich öffneten. Der Inder sprang heraus, stürzte mit hocherhobenem Arm auf den Fremden los. Doch schneller war der Mann hinter dem Baum hervorgestürmt. In dem Augenblick, als der Inder die Faust mit dem Dolch nach unten stoßen wollte, umklammerten zwei Hände seinen Hals.

»Canning! . . . Mörder! . . . Ich habe dich! . . . Jetzt ist die Reihe an dir, Canning! . . . Jetzt mußt du hinab in die Tiefe . . .«

Der Irre hob den Inder wie eine leichte Feder empor und schleuderte ihn in großem Bogen von sich. Brach dann in ein gräßliches Lachen aus. »Ha, ha! . . . Jetzt magst du da unten schwimmen . . . ein Jahr schwamm ich in dem großen Ozean . . . bis ich hierherkam . . . Schwimme auch, Canning . . . schwimme! . . . Jetzt bist du dran! Schwimme, Canning! . . . Schwimme, Canning! . . . Du darfst noch nicht ertrinken . . . Schwimme!«

Der Fremde stand sprachlos, schien nicht zu wissen, was das zu bedeuten hatte.

»Zurück, Awaloff!« Er schob den zur Seite, trat an den Inder heran . . . und beugte sich über ihn.

»Ah! Du bist's, du Schurke! Jetzt verstehe ich's.«

Sarata, nur leicht betäubt, wandte den Kopf, richtete sich langsam empor.

Mit einem Satz war Awaloff neben ihm, entriß ihm den Dolch. Wollte zustoßen, da fiel ihm Gorm in den Arm. Ein wütendes Ringen entspann sich. Die Kräfte des Irren schienen sich verdreifacht zu haben. Schaum stand ihm vor dem Mund. Mit aller Gewalt suchte er sich von Gorm loszumachen.

»Canning! . . . Canning! Er muß sterben!« Immer wieder brachen die Worte von seinen Lippen.

Endlich war es Gorm gelungen, seine rechte Hand zu erfassen, ihm den Dolch zu entwinden. Er schleuderte die Waffe von sich, ergriff Awaloffs Arm. Redete beruhigend auf ihn ein. Nur langsam fügte sich der. Dann gaben seine überspannten Nerven plötzlich nach. Mit einem leisen Wimmern sank er zu Boden.

Auf den Lärm hin eilten jetzt einige Mönche aus dem Kloster herbei. Gorm übergab ihnen Awaloff, wollte sich zu Sarata wenden . . . Da sprang der auf, war, ehe man ihn greifen konnte, verschwunden.

*

»Hallo! Achtung da unten!« brüllte die Stimme des Vorarbeiters von dem hohen Gerüst. Ronald Lee, in eine Zeichnung vertieft, schaute hoch. Das Blatt fiel zur Erde. In wilden Sprüngen eilte er vorwärts. Er wollte »Hortense!« schreien, doch die Stimme versagte ihm . . . Die Last der eisernen Träger da oben, auf den einzelnen Balken vom Kran falsch aufgesetzt . . . der Balken knisterte . . . brach . . . Die Eisenlast, von der Kette schon gelöst, begann zu stürzen.

Hortense ahnungslos unweit des Gerüstes. –

Sie stieß einen lauten Schrei aus. Zwei Arme hatten sie umschlungen, rissen, trugen sie wie ein leichtes Bündel hinweg, noch ehe sie wußte, was geschah. –

Ein donnerartiges Krachen . . . die Masse der einzelnen Träger gelöst, hart auf das Mauerwerk schlagend . . . in hohem Bogen sprangen die Eisenstücke mit zermalmender Wucht nach allen Seiten . . . schlugen, was da stand an Geräten und Werkzeugen, in tausend Stücke . . .

Die Überraschung, das furchtbare Krachen . . . Hortense verlor einen Augenblick die Besinnung. Als sie wieder zu sich kam, starrte sie in ein Gesicht, das unter der Sonnenbräunung tief erblaßt war.

»Mr. Lee! Was ist geschehen? Ich bin . . .« Sie wollte sich frei machen, sank wieder zurück. Der drückte sie fester an sich, strich ihr mit der freien Hand das Haar zurück, das ihr ins Gesicht gefallen.

»Beruhigen Sie sich,« mit Gewalt gab er seiner Stimme einen ruhigen Klang, »beruhigen Sie sich, Miß Hortense . . . Ein kleiner Unfall da oben . . . ein Balken brach. Sie hörten den Warnungsruf nicht. Ich sprang hinzu, riß Sie zur Seite . . . In der Sorge um Sie . . . ich griff wohl zu unsanft zu . . . der Schrecken . . . verzeihen Sie mein Ungestüm!«

Unter seinen Worten hatte sie sich aufgerichtet, machte sich langsam frei. Ihr Blick ging von oben nach unten. Da, wo sie eben noch gestanden, neben der Karre . . . ein Gewirr schwerer Eisenstücke . . . die Karre zertrümmert, zermalmt. Ein Schauer lief durch ihren Körper. Langsam wandte sie sich um, reichte Lee die Hand . . . verließ den Platz.

Die Arbeiter der Werft hatten ihren Chef noch niemals so erregt gesehen wie jetzt. Die Ruhe Ronald Lees war beinahe sprichwörtlich geworden. Jetzt erlebten sie etwas, was sie wohl niemals für möglich gehalten hätten. Das Donnerwetter, das auf den Kranführer herunterprasselte, überstieg alles, was sie in einem solchen Fall für möglich gehalten hätten.

Trotz der großen Beschleunigung, mit der gearbeitet wurde, war dies der erste ernstliche Unfall. Wie ein Pilz wuchs die Werft aus der Erde. Van der Meulen drängte selbst auf größtmögliche Beschleunigung. Seine großen Geldmittel kannten kein Hindernis . . . doch nichts von dem allen hätte Lee zu diesen übermenschlichen Anstrengungen veranlassen können. Das, was ihn immer wieder in seiner Tätigkeit anspornte, war das Interesse, das Hortense van der Meulen seinen Arbeiten zuwandte.

Van der Meulen hatte recht gehabt. Sie war seine Schülerin, seine Gehilfin geworden. Vom Morgen bis zum Abend . . . trotz glühenden Sonnenbrandes, war sie fast ständig beim Bau. Die Abende sahen fast regelmäßig die Bewohner der Hazienda um den großen Tisch versammelt, auf dem die Pläne ausgebreitet waren.

An diesem Morgen kam Hortense nicht wieder. Ronald Lee wurde immer unruhiger, immer zerstreuter, je länger die Stunden sich hinzogen. Kaum, daß er noch die vielen Fragen beantworten konnte, die seine Bauleute an ihn richteten. Wie eine Erlösung begrüßte er den Klang der Mittagsglocke.

Als er in das Speisezimmer trat, sah er Hortense hinter ihrem Vater stehen. Sie legte mit einer stummen Bewegung den Finger auf den Mund, deutete mit der anderen Hand auf ihren Vater.

Ronald Lee verbeugte sich kurz. Die Mahlzeit verlief außergewöhnlich schweigsam. Vergeblich bemühte sich der alte van der Meulen, das Gespräch in Fluß zu bringen. Endlich riß ihm die Geduld.

»Hallo, Kinder! Ich sehe, ihr arbeitet zuviel. Heute nachmittag wird gefeiert . . . Ruhig, Hortense! . . . Ich wünsche es. Eure Gesichter zeigen mir, daß ihr abgespannt, überarbeitet seid.

Wir werden, wenn die schlimmste Hitze vorbei, einen Ritt in die Pampas machen und vielleicht auch bei Canning vorsprechen.« –

Van der Meulen war mit den anderen kaum fortgeritten, als Cannings Kraftwagen vorfuhr. Der Haushofmeister trat ihm entgegen, hob bedauernd die Hände hoch.

»Vor einer halben Stunde sind die sämtlichen Herrschaften in die Pampas geritten.«

»Wohin?«

Der Mayordomo zuckte die Achseln. »Ein Ziel haben sie nicht angegeben. Mr. van der Meulen sagte nur, daß man vielleicht Mr. Canning besuchen werde.«

»Ah! Das ist sehr bedauerlich, José. Sie suchen, hat wohl keinen Zweck . . . Ich werde nach Hause zurückkehren und warten, bis sie kommen . . . doch eilt das nicht. Laß mir ein Glas Eiswasser in das Speisezimmer bringen.«

Während der Alte ging, den Auftrag weiterzugeben, begab sich Canning in das Speisezimmer, warf sich in einen Stuhl, griff nach den Zeitungen. Nicht lange, und eine Dienerin brachte den kühlen Trank. Kaum hatte sie den Raum verlassen, erhob sich Canning, schritt durch das angrenzende Gemach in das Eckzimmer, wo die Pläne lagen. Mit ein paar raschen Blicken hatte er sich informiert. Sie betrafen ausschließlich den Bau der Werft, enthielten für ihn nichts von Wichtigkeit.

Nebenan lag das Zimmer Ronald Lees. Canning drückte auf den Türknopf. Die Tür war verschlossen. Hastig griff er in die Tasche, öffnete sein Taschenmesser. Ein dietrichartiger Haken daran. Er führte ihn ins Schloß. Ein leises Knacken, die Tür ging auf.

Seine Augen spähten gierig in die Runde. Wo? . . .

Ein paar Truhen . . . ein großer Wandschrank . . . sie waren verschlossen. Was sollte er tun? Wo hatte Lee sein Geheimnis verwahrt? . . .

Eine eiserne Kassette sollte es sein. Das hatte er zufällig erfahren.

Er trat neben den Wandschrank. Ah! Sein Fuß stieß gegen ein Hindernis. Er bückte sich, jubelte innerlich auf. Da stand die Kassette, fest mit dem Boden verschraubt.

Er griff in die Tasche, zog den kleinen, blitzenden Apparat heraus. Die Dokumente . . . sie mochten stehen, sie mochten liegen . . . einerlei. Die Gelegenheit, sie war so günstig. Von oben . . . von der Seite . . . mochte die Lage sein, wie sie wollte . . . konnte sein Wunderapparat sie auf die Platte bannen.

In einem Augenblick war es getan.

Er verließ das Zimmer, sperrte das Schloß, ging langsam, ein Lied vor sich hinpfeifend, durch die Zimmerflucht zu seinem Platz zurück . . .

Er konnte gewiß sein, daß niemand in der Zwischenzeit das Zimmer betreten. Hastig, die trockene Kehle lechzend, stürzte er den kühlen Trank hinab. Unten an der Haustür begegnete er wieder dem alten José . . . winkte dem zu, sprang in seinen Wagen.

Er mochte wohl eine Stunde wieder zu Hause sein, als van der Meulen mit seiner Gesellschaft angeritten kam. In Erwartung der Gäste hatte Canning eine festlich geschmückte Tafel herrichten lassen. Er selbst war in glänzender Stimmung . . . bei dem Mahl riß seine übermütig sprühende Laune auch die anderen mit.

Nach der Mahlzeit saßen sie auf der Glasveranda. Durch die offenen Fenster drang die kühle Abendluft.

»Eine Frage, Don Roberto!« wandte sich van der Meulen an Canning. »Ich sprach heute morgen mit Mr. Lee über die Möglichkeit, daß das Mondgestirn durch das üble Geschenk, das wir ihm mit der Rakete zuschicken, infiziert werden . . . auch in Brand geraten könnte. Die Frage wird von allen Gelehrten sehr vorsichtig behandelt. Die Ansichten widersprechen sich sehr. Auch Mr. Lee wollte sich auf keine der beiden Ansichten festlegen.«

Canning zuckte die Achseln. »Wer kann das wissen? Doch gedulden wir uns noch eine Zeit. Wenn Mr. Lee einmal sein Schiff fertig hat, wird wohl die erste Fahrt zum Mond gehen. Dann werden wir die Antwort auf diese Frage hören.

Mir erscheint die andere viel wichtiger, ob die Kur auf Coiba von bleibendem Erfolg sein wird. Die Gelehrten, die sich da dauernd zur Beobachtung aufhalten, scheinen verschiedener Meinung zu sein. Ich weiß nicht, ob die Gefahr für Coiba und für unsere alte Erde behoben ist.«

»Nun,« erwiderte van der Meulen, »da denkt Mr. Lee ähnlich.«

»Ah! Sie halten die Operation für verfehlt?« wandte sich Canning an Lee.

»Ja, Mr. Canning! Meiner Meinung nach ist der Boden dort auf weite Strecken infiziert. Der Atomzerfall mag jetzt noch nicht bemerkbar sein. Er wird sich aber bemerkbar machen. Früher oder später.«

Canning wiegte den Kopf. »So steht also das Ende unserer schönen Welt unweigerlich fest?«

Lee antwortete zögernd.

»Das erscheint mir theoretisch als sicher. Ich hoffe nur . . . möchte sogar sagen, ich habe die feste Hoffnung, daß die Natur selbst ein Heilmittel geben wird.«

»Wie soll ich das verstehen?« fragte Canning.

»Ich denke,« versetzte Lee nach einigem Überlegen, »daß es dem ewig gerechten Walten der Natur widerstrebt, den Menschen ein Mittel zu geben, das ihre Existenz vernichtet. Sie wird, wenn die Zeit gekommen ist, der Menschheit auch das Gegenmittel geben. Nur ist es die Frage, wie lange das wohl noch dauern wird. Die Natur schafft nicht sprunghaft, ihre Entwicklung geht langsam. Generationen mögen vergehen, ehe die Rettung kommt.«

»Das heißt also, die amerikanischen Kontinente könnten auf einer späteren, ›geretteten‹ Welt von der Landkarte verschwunden sein?«

»Es könnte sein, Mr. Canning, wenn ich es auch nicht hoffen möchte.«

»Pfui, Mr. Lee! Sagen Sie das nicht zu laut. Sonst würden ja unsere Haziendas hier demnächst keinen Pfennig mehr wert sein«, erwiderte van der Meulen.

»Nun, mag es sein, wie es wolle,« entgegnete Canning, »es dürfte sich empfehlen, sich rechtzeitig nach einem anderen Unterkommen umzusehen. Suchen wir also als moderne Konquistadoren nach Neuland.

Da wäre der Mond. Kommt nicht in Frage, weil ohne Atmosphäre und Wasser. Vom Mars wissen wir jetzt durch die Beobachtung der Helikopterenwarten, daß er nur im äußersten Notfall als Siedlungsgebiet in Betracht käme. Unsere Vorfahren machten freilich gern phantastische Fahrten dorthin. Das Nächstliegende in doppeltem Sinne ist die Venus.«

»Gewiß!« versetzte Lee. »Sie allein kommt zunächst in Frage. Die Lebensbedingungen dort entsprechen ungefähr denen auf der Erde . . . Wasser . . . Atmosphäre . . . Wärme. Es ist alles da, was wir brauchen . . . Und, das Wichtigste, es sind keine Menschen da.«

»Das ist auch meine Meinung!« fiel van der Meulen ein. »Und es kann für mich keinem Zweifel unterliegen, daß wir die Venus als Ziel unserer großen Fahrt wählen.«

»Unserer? . . . Mr. van der Meulen. Wollen Sie etwa selbst in Ihren alten Tagen noch Konquistador werden?« fragte Canning.

»Warum nicht, Don Roberto? Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Ich denke, wenn Gott will, da oben eine Hazienda zu gründen, die ausgedehntere Grenzen haben soll als unser ganzer Gran Chaco.«

Canning lachte. »Wollen Sie da oben Saurier züchten, van der Meulen, oder wie stellen Sie sich die Sache vor?«

»Wenn ihr Fleisch ein gutes Beefsteak gibt, warum nicht?« erwiderte van der Meulen halb im Ernst, halb im Scherz. »Ich taxiere aber, daß da, wo Menschen leben können, auch Viehherden existieren können . . . gibt's die da oben, um so besser. Gibt's die nicht, werde ich sie dahin importieren.«

»Bravo, Mr. van der Meulen,« rief Violet, »wir werden also Milch, frische Butter und Beefsteak da oben nicht entbehren . . .« Und als wenn Violet sich für ihre bisherige erzwungene Schweigsamkeit entschädigen wolle, sprudelte sie jetzt eine Fülle der komischsten, phantastischsten Ideen für einen Venusaufenthalt heraus.

Auch Hortense, angesteckt von ihrer Lustigkeit, beteiligte sich daran, bis schließlich alle sich überboten, ein paradiesisches Eden auf der Venus auszumalen, das alle Annehmlichkeiten und Freuden der Erde weit übertraf.

Sehr spät brachen die Gäste auf. –

Lange noch stand Canning in seinem Laboratorium und studierte die entwickelten Platten. Verschloß seinen kleinen Zauberapparat sorgfältig in dem Panzerschrank . . .

›Diesmal hast du ganze Arbeit gemacht.‹

*

Der nächste Morgen. Canning saß am Teetisch. Der Lautsprecher im Hintergrunde des Gemaches brachte die Tagesneuigkeiten. Er las die Zeitung, hörte nur zerstreut dorthin . . .

Coiba! – Die Hand, die den Teelöffel in der Tasse umrührte, hielt an. Die Augen gingen erwartungsvoll zu dem Apparat. Der sprach:

»Im Laufe des gestrigen Nachmittags wurde an einer Stelle, die unweit der alten Brandstätte liegt, ein neuer Brandherd gefunden.«

Auf Cannings Gesicht war eine leichte Blässe getreten. Der Löffel fiel klirrend aus seiner Hand.

›Ich ahnte es, sah es kommen‹, sprach er vor sich hin.

Der Radiosprecher meldete weiter:

»Wenn die schlimme Meldung, die wir jetzt bringen, so spät kommt, so findet das seine Begründung darin, daß man sich zunächst über den Charakter des Brandes nicht klar war. Die Leitung der Kommission zögerte, eine Meldung in der Welt zu verbreiten, bevor die Natur des Phänomens klar erkannt war . . .«

In das Weitere, was Coiba meldete, schrillte ein Telephonanruf Harrods . . . aus Coiba. Canning riß den Hörer ans Ohr, lauschte. Es waren nur wenige Worte, die Harrod sprach.

»Well, Mr. Harrod! Ich komme . . . fahre sofort ab.« . . .

Auf die Welt wirkte die Meldung aus Coiba wie ein Donnerschlag. In erster Linie waren es die amerikanischen Kontinente, der Isthmus im besonderen, die in größte Unruhe gestürzt wurden. Ein Heer von Reportern begab sich nach Coiba.

Die Frage bewegte alle: War es ein neuer Brand, der, ähnlich entstanden wie der erste, bisher unbemerkt geblieben war . . . oder war es ein neues Pestgeschwür, gebildet aus dem verseuchten Organismus des Bodens? Man klammerte sich an die erste Auffassung. Denn traf das zweite zu . . . der Boden vergiftet . . . dann hoffnungslos . . . dann Weltenende . . .

Die Kommission auf Coiba gab auf diesbezügliche Anfragen keine klare Auskunft. Bis in die entlegensten Teile der Welt drang die verhängnisvolle Kunde. –

Gorm . . . der Name tauchte wieder auf. Wieder und wieder die alten Verwünschungen gegen den Schuldigen –

*

»Nein! Nein, mein lieber Sohn! Nichts sollst du fürchten. Nichts darf dein Herz beschweren. Verachte das häßliche Geschrei der unweisen Massen. Du wärest frei von Schuld und Fehl, wenn der Brand auch die ganze Welt verschlänge. Unsere heiligen Offenbarungen, denen nichts verborgen, wissen hiervon. Millionen Geschlechter werden vergehen, ehe das Erdgestirn, in feuriger Lohe geläutert, in neuer, verjüngter Gestalt seine Wiedergeburt erlebt. Was jetzt geschieht, ist nicht das Ende. Ein sterblicher Mensch . . . du bist es . . . wird der Heiland sein!«

Gorm schüttelte den Kopf. Die Worte des greisen Abtes vermochten nicht die schwere Last, die ihn drückte, zu mindern. Auch ihn hatte die Nachricht von dem neuen Brande aufs tiefste erschüttert. Auch er hatte sich der vagen Hoffnung hingegeben, daß die Gefahr durch die Operation behoben, hatte die quälenden Gedanken trotz schwerer Bedenken damit zu bannen gesucht.

»Deine Worte, ehrwürdiger Vater, bringen mir keinen Trost. Vergeblich habe ich Tag und Nacht gegrübelt. Die Kräfte, die das Schicksal mir gab, sie sind zu schwach, diese Aufgabe zu lösen. Ich scheide schweren Herzens von dir.

Auch unser Schützling . . . Awaloff . . . daß die Verwirrung seines Geistes nicht weichen will! . . . Sein Leben ist kostbar für mich! Ist er doch der einzige lebende Zeuge des schlimmsten aller Verbrechen, das jemals an der Menschheit begangen wurde.«

»Wenn auch sein Geist noch verdunkelt, das Unstete, Wilde ist von ihm gewichen. Er ist ruhiger geworden. Ein harmloser Kranker. Vielleicht, daß die Zeit ihm Genesung bringt . . . die Zeit, das große Heilmittel der Natur . . . Auch für Coiba wird sie den Tag bringen, an dem der Brand erlischt . . . und dir wird sie den Tag heraufführen, der dich entsühnt von dem Haß der Welt . . . den Tag, an dem alles die Knie beugt, dir huldigt . . .«

Gorm war geschieden. Eilte, zur Werft zu kommen . . . ungeduldig neuer Nachrichten von Coiba harrend.

*

»Gut, daß Sie kommen, Mr. Canning!« Harrod begrüßte den, der eben seiner Jacht entstieg.

»Gehen wir sofort zu der neuen Brandstelle. Ihr Urteil ist mir mehr wert als das der ganzen Kommission. So viel Köpfe, so viele Meinungen. Unterwegs werde ich Ihnen erzählen, wie man zu dem Funde kam.

Zwei junge Arbeiter badeten gestern morgen im Meer. Als die Flut kam, gingen sie höher am Strand hinauf, legten sich hin, um sich an der Sonne zu trocknen. Plötzlich . . . der eine springt auf . . . schimpft, flucht . . . sein Rücken verbrannt. Er denkt zunächst, daß da im Sand ein Stück Eisen, das durch die Sonne stark erhitzt. Beugt sich, scharrt den Sand weg . . .

Da schreit er wieder auf . . . bläst sich die Finger. Der andere lacht, kniet auch nieder, greift in den Sand . . . tanzt im selben Augenblick ebenso wie der erste, die verbrannten Finger in der Luft schlenkernd. Sie werfen die Kleider über, laufen zu Mr. Goldwin, dem Leiter der Kommission.

Man begibt sich sofort zu dem angegebenen Ort, stellt Untersuchungen an, konstatiert einen neuen Brand. Man will zunächst nicht daran glauben, daß es Atombrand sei. Denkt an irgendwelche vulkanischen Erscheinungen, die hier zutage treten. Schließlich kann man sich aber doch nicht der Tatsache verschließen, daß zweifellos ein Atombrand vorliegen müsse.

Die erste Frage: Wie ist der Brand entstanden? Die zweite Frage: Kann man ihm in ähnlicher Weise beikommen wie dem ersten? Von Ihrem Urteil erwarte ich die Entscheidung, Mr. Canning.«

Unwillkürlich war Harrod stehen geblieben und schaute Canning an. Der schüttelte den Kopf.

»Die Antwort will ich Ihnen jetzt schon geben. Meine erste Diagnose bewahrheitet sich. Der Brand ist unlöschbar. Der Atomzerfall hat so weit gegriffen, daß ihm mit bekannten menschlichen Mitteln nicht mehr beizukommen ist.«

Die scharfen, kräftigen Züge Harrods erbleichten.

»Das wäre . . .?«

»Weltenbrandsbeginn!«

Schweigend legten sie den Rest des Weges zurück. An der Stelle des neuen Brandes hatte man, soweit es möglich, ein Loch gegraben. Der Boden war hier nicht Felsen, sondern bestand aus Erde mit Steingeröll gemischt. Canning beugte sich zu dem Erdhaufen am Rande der Grube, griff einen Klumpen, wog ihn in der Hand, nahm dann noch ein paar andere, verglich sie.

»Eine Metallader, Mister Harrod! . . . Gehen wir in das Laboratorium, wo ich ihren Charakter feststellen will.«

Als sie an der alten Brandstelle vorbeikamen, blieb Canning stehen. Er stieg in die Grube hinab und begann, den Boden systematisch Stückchen für Stückchen abzusuchen.

»Nichts zu finden hier!« murmelte er. »Die Messungen der Kommission scheinen richtig zu sein . . .«

Er wollte eben wieder nach oben steigen, da wandte er sich noch einmal zur Sohle der Grube. Der Boden bestand aus gewachsenem Stein. Er ließ sich einen Meißel geben, trat zu einer Stelle, wo das rötliche Gestein einen grauen Schimmer zeigte. Mit kräftigen Hieben schlug er ein paar Brocken ab, zog ein gutes Vergrößerungsglas aus der Tasche und betrachtete aufs schärfste die Vertiefung.

Da! . . . Ein graues, unendlich feines Äderchen. Mit dem Meißel brach er ein paar Stückchen ab, wickelte sie sorgfältig in ein Tuch und stieg nach oben.

»Was haben Sie da? Was ist das?« fragte ihn Harrod neugierig. »War die Stelle warm?«

Canning schüttelte den Kopf. »Nein! Und doch vermute ich, daß von hier aus die Infektion weitergegriffen hat.« Unbekümmert um die Mitglieder der Kommission, die sich fragend um ihn drängten und mit Vermutungen und Ratschlägen nicht zurückhielten, schritt er, von Harrod begleitet, zum Laboratorium. Schnell war das spezifische Gewicht der Brocken festgestellt. Kein Zweifel mehr. Es handelte sich um ein hochwertiges Bleierz.

»Ich nehme an, Mr. Goldwin,« wandte er sich an den Kommissionsleiter, »daß Sie eine elektrische Wünschelrute hier haben.«

Der besann sich einen Augenblick, was ein leises Lächeln auf Cannings Züge lockte. Ein Angestellter brachte sie. Canning nahm das Instrument zur Hand, schritt zu dem ersten Brandherd und stellte es ein.

»Wie Sie sehen, Mr. Harrod, zeigt der Apparat Metall an. Doch jetzt weiter!« Er beugte sich zum Boden, bewegte sich, den Blick starr auf den Zeiger des Instrumentes gerichtet, bald nach rechts, bald nach links ausweichend der Stelle des neuen Brandherdes zu.

»Die Sache ist klar, Mr. Harrod. Eine Metallader zieht sich von der alten zur neuen Brandstelle hin und darüber hinaus. Die Infektion folgt ihr. Wer weiß, wie weit sie schon fortgeschritten ist. Hier zu helfen, sind menschliche Kräfte zu schwach.«

Während die Radiowellen das niederschmetternde Resultat der Untersuchungen in alle Welt trugen, saßen Canning und Harrod an Bord der Jacht des letzteren. Canning in einen Sessel zurückgelehnt, blies äußerlich scheinbar ruhig gelassen den Dampf seiner Zigarre in die Luft. Harrod durchmaß den engen Raum mit hastigen Schritten. Sein Atem ging heftig. Hin und wieder blieb er stehen, starrte halb ungläubig, halb ratlos in Cannings gleichmütiges Gesicht. Der sprach, sprach lange. – –

»Jeden anderen, der mir so etwas sagte, würde ich mit eigenen Händen zur Tür hinauswerfen. Sie? . . . Sie haben? . . . Sie wollen die Gormsche Kraft weitergeführt haben! . . . So weit, daß der Traum der Zukunft . . . Raumschiffe damit zu treiben, Wirklichkeit geworden wäre?«

»Es ist so, wie ich Ihnen sagte, Mr. Harrod!«

»Und warum sagen Sie das erst jetzt?«

»Nun,« sagte Canning, »ich dächte, der Augenblick wäre recht glücklich gewählt. Im Bewußtsein, daß die Erde in absehbarer Zeit ein Feuerball wird, dürfte es ein köstlicher Gedanke sein, das Mittel zur Flucht zu wissen. Doch lassen wir den Scherz. Ich sage es heute . . . einfach, weil ich erst seit kurzem das Problem vollständig gelöst habe.«

»Ah! Und wie kam das? Ein glücklicher Zufall? . . . Gewiß, Sie arbeiteten ja schon lange daran. Wie kamen Sie hinter das Geheimnis?«

Canning schaute an Harrod vorbei. Sein Blick ging über die weite Wasserfläche des Ozeans.

»Wie ich dazu kam, Mr. Harrod? . . . Es war vor wenigen Wochen. Ich stand vor der Frage . . . seine Stimme verlor ihren Klang, fast murmelnd kamen die Worte aus seinem Munde. ». . . allem ein Ende zu machen . . . Ich sah . . . mußte sehen, daß ein anderer das Problem des Raumschiffes, getrieben von Gormscher Kraft . . . die Idee, die mich Tag und Nacht schon seit Jahren bewegte . . . daß ein anderer dieses Problem gelöst hat.«

Als wäre der Blitz neben ihm eingeschlagen, sprang Harrod zurück und starrte den an.

»Was,« stammelten seine Lippen, »ein anderer? . . . Und der lebt? . . . Was tut er?«

»Er baut.«

»Und Sie kennen ihn? . . . Wer ist er? Spannen Sie mich nicht auf die Folter! Seinen Namen?!«

»Es ist der Engländer Ronald Lee, ein Neffe jenes Jonas Lee. Van der Meulen, Ihr ›Freund‹, hat ihn zu sich kommen lassen. Auf seinem Besitztum Buena Vista im Gran Chaco wird die Werft errichtet.«

»Und kein Mensch weiß etwas davon? Ahnt es?«

»Nein, Mr. Harrod, niemand weiß es bisher außer den engsten Angehörigen van der Meulens. Man will das Geheimnis so lange wie möglich wahren.«

»Zuviel! Zuviel, was Sie da sagen! Ich weiß nicht, was ich zuerst fragen soll . . . Erzählen Sie . . . weiter! . . .«

»Der Tag, an dem mich van der Meulen in das Geheimnis einweihte . . . ich werde ihn nie vergessen. Nur mit Mühe vermochte ich meine Fassung zu bewahren. Entfernte mich bald, innerlich zerschlagen . . . zerrüttet. Ich kam zu Hause an, ging in mein Laboratorium.

Zwei Tage, zwei Nächte saß ich. Ich aß nicht, ich schlief nicht, künstlich hielt ich mich aufrecht. Da in letzter Stunde, als Körper und Geist zusammenzubrechen drohten, fand ich die Spur, den Weg, der zum Ziele führte. Ich hatte noch eben die Kraft, ein paar Formeln zu Papier zu bringen. Dann fiel ich zusammen. Kaum erwacht, stürzte ich mich wieder in die Arbeit, fürchtend, es sei ein Traum gewesen. Mit ausgeruhten Sinnen überprüfte ich alles. Es war kein Trug, der rechte Weg war gefunden.«

»Jetzt?« Harrod drängte näher zu ihn heran, sah ihm voll ins Gesicht. Canning gab den Blick ruhig zurück.

»Jetzt . . . werde ich vielleicht auch bauen.«

»Ah!« Harrod trat einen Schritt zurück. »Und die in Buena Vista?«

Canning kniff die Augen zusammen. Sein Blick ging unverwandt über die Wellen des Ozeans, die an dem Saum des Strandes hinaufleckten. Immer wieder ausholend, als wollten sie die Insel überströmen, hinweg reißen . . . immer wieder ohnmächtig zurückrollend. Ein Bild seines Lebens, seiner Liebe . . .

Lange wartete Harrod vergeblich auf Antwort.

»Und die in Buena Vista?« wiederholte er die Frage.

»Buena Vista . . . Ja! . . . Ja . . . hätte ich es nie gesehen, es wäre wohl besser für mich . . . doch einerlei! Wie es auch kommen mag . . .« Canning sprang auf, »es muß ein Ende haben! . . .«

»Und dann, Mr. Canning?« Drängend kam die Frage aus Harrods Mund.

»Dann werde ich wissen, ob ich mit Ihnen, Mr. Harrod, das Raumschiff baue, das uns hinwegführt zu einer neuen Welt.«

Harrod streckte ihm die Rechte entgegen. »Möge es so kommen! Dann soll der Ruhm, vor allen anderen zuerst in dem neuen Raumschiff zu fliegen, Ihnen sicher sein. Mein Wort darauf! Meine Werft steht von heute ab in Erwartung ihres neuen Herrn.«

*

»Allerdings, Mr. Lee, jetzt beuge ich mich Ihrem Urteil. Was uns da eben Mr. Canning erzählte, dürfte wohl überzeugend für jedermann sein. Und doch sehe ich die Gefahr des Weltbrandes nicht so groß wie ihr gelehrten Köpfe. Das wäre ja noch schöner, wenn unsere schöne Welt verbrennen sollte, weil da ein paar rote Flugschiffe mit ihren Waffen explodierten.«

»Du denkst wohl da wieder an das Löschen mit dem Ozean, Vater«, wandte sich Hortense lachend ihm zu.

»Das nicht, Hortense! Unser Herr Lehrer . . .« er deutete lächelnd auf Ronald Lee, »hat es fertiggebracht, den dunklen Kopf zu erleuchten. Aber so wahr ich hier sitze, gemacht wird das Experiment doch! Dafür wird die blinde Menschheit schon sorgen . . . zumal es ja gar nicht so große Schwierigkeiten machen wird.«

»Nun, mögen sie! Es wird jedenfalls ein schönes Schauspiel werden«, sagte Hortense, wandte sich dann zu Lee. »Die Schichtglocke hat gerufen, Mr. Lee, versäumen wir die Arbeit nicht.«

Sie erhob sich, nickte den anderen leicht zu, ging mit Lee aus dem Zimmer. Canning sandte dem Paar einen finsteren Blick nach.

»Ja, ja, Mr. Canning!« lachte van der Meulen, »Hortense entwickelt sich zu einem perfekten Ingenieur. Kein anderer Gedanke bei ihr als die Werft . . . der Bau des Schiffes.«

»Ich sehe . . . Leider! . . . Kaum, daß Hortense mir einen Blick, ein paar Worte gönnt.« Er sah kurz nach Violet hinüber, die sich verlegen erhob, hinausging.

»Ein Wort unter uns Männern, Mr. van der Meulen! Sie selbst hatten das Glück, eine geliebte Gattin zu besitzen . . . werden sich der schönen Zeit Ihres Brautstandes erinnern. Vergleichen Sie, und Sie werden einsehen, daß das Verhältnis zwischen Hortense und mir sich in einer Weise entwickelt hat . . .«

Van der Meulen strich sich den Bart. Nickte nur stumm vor sich hin.

»Ihr Schweigen sagt mir genug –« Canning ging erregt im Raume auf und ab. »Wäre meine Liebe zu Hortense nicht so groß, schon längst hätte ich dem allem ein Ende gemacht. So hoffte ich von Tag zu Tag . . . Vergeblich! . . . Und jetzt, seitdem dieser . . . dieser Lee hier ist . . . ich ertrage es nicht länger! Bin es mir selbst schuldig, Klarheit in unser Verhältnis zu bringen.«

»Ich sehe es ein. Sie haben recht, Don Roberto. Doch ich kann und will mich nicht einmengen. Hortense ist mein einziges Kind. Sie muß allein entscheiden. Sprechen Sie mit ihr. Ich will hoffen, daß sich alles zum Guten wenden wird. Doch wenn sich ihre Liebe gewandelt . . . ein Zwang von meiner Seite ist ausgeschlossen.«

»Gut, Mr. van der Meulen. Vielleicht, daß Hortense sich herabläßt, mir eine Unterredung zu gewähren . . . die Gesellschaft dieses Lee auf kurze Zeit entbehren kann«, setzte er in halbem Tone hinzu.

»Don Roberto! Der Vorwurf, der in Ihren Worten lag . . . ich muß ihn zurückweisen. Hortense van der Meulen vergißt sich nicht! Ich werde selbst gehen, sie hierherschicken.«

Zu einer Ewigkeit dehnte sich die Zeit für Violet, die in Hortenses Zimmer saß, sie erwartete. Van der Meulen hatte ein Pferd bestiegen, war fortgeritten.

Schon seit einer halben Stunde waren die beiden allein in dem Teeraum. Unerträglich die Spannung! Violets Herz war bei Hortense. Sie wußte, welch schweren Kampf die kämpfte.

Ein paarmal hatte sie sich der Tür genähert, war beschämt zurückgewichen. Die Ausbrüche wilder Leidenschaft, die aus dem Munde des Mannes kamen . . . wechselnd mit zartestem eindringlichsten Werben . . .

Hortense . . . Würde sie dem alten Zauber wieder unterliegen? Violets Hände falteten sich, als müsse sie den Himmel bitten, der geliebten Freundin beizustehen.

Ein polterndes Geräusch drinnen riß sie auf. Mit zitternden Knien eilte sie zu der Tür. Da sprang die auf. Canning stürmte heraus. Fast, daß er sie umgerissen hätte. Mit ein paar Sprüngen war sie in dem Zimmer.

»Hortense! Hortense!« Sie stürzte zu der hin, die auf dem Diwan lag, die Hände gekrampft. In wildem Schluchzen ging ihre Brust.

»Hortense! Liebe Hortense!« Violet kniete neben ihr, strich ihr das tränennasse Haar aus der Stirn, küßte sie, streichelte sie.

»Alles wird gut werden«, flüsterte sie ihr ins Ohr. »Er ist fort, der böse Mann! Nie werden Sie ihn wiedersehen. Glücklich werden Sie sein!«

Es dauerte lange, bis Hortense sich wiedergefunden, beruhigt. Sie klammerte sich an Violets Schultern. Dieses kleine, tapfere Wesen, wie hatte es sie, ohne daß sie es gedacht, immer schon so richtig verstanden. Wie wohl tat es, die Seele gefunden zu haben, der sie sich so ganz vertrauen konnte. –

In dieser Stunde erreichte Harrod das Telegramm Cannings:

»Wir bauen!«

*

Gorm und Sidney Stamford saßen in der Abendkühle vor der Wellblechhütte. An der Ecke des Hauses hinter einer Schutzwand Majadevi auf einem Liegestuhl. Die beiden unterhielten sich in der deutschen Sprache, die Majadevi nicht beherrschte.

»Woher der plötzliche Rückfall?« fragte Gorm mit einem besorgten Blick zu der Schläferin. »Seit zwei Tagen ist ihr Zustand wieder schlechter geworden. Ich stehe da vor einem Rätsel.«

»Der Arzt findet das nicht so unerklärlich. Sie dürfen nicht vergessen, Gorm, daß Majadevi erst kurze Zeit bei uns in Sicherheit ist. Mit Rückfällen muß man rechnen. Man weiß ja nicht, wie lange die Ärmste in den Händen dieses alten Halunken gewesen ist. Es wäre mir sehr wertvoll, das zu wissen. Aber wie schon immer gesagt, muß ich warnen, allzusehr in sie zu dringen. Ich bin überzeugt, hätten wir sie nicht dem Inder weggenommen, würde sie bald ein trauriges Ende gefunden haben.

Die Bande, mit denen sie der Alte an sich gekettet, sind so stark, daß es noch langer Zeit bedarf, ehe ich die letzten Hemmungen bei ihr überwinden werde.

Meine Kraft reicht nur aus, sie durch unausgesetztes Beeinflussen ihres Willens vor heimlichem Entfernen zu bewahren. Ihre Seelenkraft ist durch die jahrelange Hörigkeit, in der sie der Inder gehalten hat, so geschwächt, daß ihr mit nachhaltiger Wirkung noch nicht beizukommen ist.«

»Unerklärlich!« erwiderte Gorm, den Kopf schüttelnd. »Der Inder muß über gewaltige Kräfte verfügen.«

»Zugegeben, Gorm! Doch dürfen Sie nicht vergessen, daß junge Menschen in dem Alter Majadevis sehr leicht telepathisch zu beeinflussen sind. Zumal ganz offensichtlich Majadevi, bevor sie in die Hände des Inders kam, schon schwere Erschütterungen, veranlaßt durch irgendwelche besonderen Ereignisse, durchgemacht haben muß.«

»Ich will Ihnen nicht widersprechen, Stamford. Sie sind Spezialist in diesen Dingen. Sind ja auch während Ihrer langen Studienjahre hier in Indien so tief in die Mysterien indischer Joghikünste eingedrungen, daß Ihnen selbst übernatürliche Kräfte geworden sind.«

»Übernatürlich . . . höchstens vom Standpunkt des Westländers, Gorm. Noch immer steckt im Abendland die metaphysische Wissenschaft in den Kinderschuhen. Wer wie ich Gelegenheit hatte, seine Studien an den Quellen zu treiben, findet für all diese Wunder eine natürliche Erklärung.«

Gorm wandte sich mit einem Ruck nach Majadevi um. Die erhob sich, als wolle sie fortgehen. Stamford streckte seine Rechte nach ihr aus, verharrte eine Zeitlang so. Da wandte sich die, sank auf ihr Lager zurück.

»Die Meinung, die ich Ihnen vorhin entwickelte, ist vom ärztlichen Standpunkt aus durchaus gerechtfertigt. Ich möchte aber annehmen, daß hier noch andere Gründe vorliegen. Majadevi steht erneut unter dem Einfluß des Inders! Es ist unzweifelhaft, daß er irgendwo hier in der Nähe steckt. Ihr Zusammentreffen mit ihm in dem Klostergarten beweist es. Es wird ihm nicht schwer gefallen sein, von dort aus unseren Aufenthaltsort zu ermitteln.«

»Allerdings, Stamford. Das ist durchaus möglich. Ich bewundere dann nur die Frechheit dieses Kerls, sich in unsere Nähe zu wagen.«

»Nun,« sagte Stamford, »für Sarata bedeutet Majadevi einen kostbaren Besitz. Ihn aufzugeben, wird ihm nicht leicht fallen. Doch ich sehe keinen Weg, ihn unschädlich zu machen. Mit Gewalt dürfen wir nicht gegen ihn vorgehen. Die Behörden in Anspruch zu nehmen, verbietet unser großer Plan.«

Gorm trat zu dem Lager des Mädchens, setzte sich neben sie. Ergriff ihre Hand, strich ihr leise über das blasse Gesicht. Die schlug die Augen auf. Eine Weile schaute sie ihn starr an. Dann, als hätte sie ihn erkannt, belebte sich ihr Blick. Es zuckte um ihren Mund. Ihre Hände umklammerten seine Rechte, drückten sie . . . doch kurz nur dies alles . . . Dann fiel sie langsam in ihren apathischen Zustand zurück.

Stamford winkte Gorm zu sich.

»Ich habe mir einen Plan ausgedacht, der vielleicht einen Ausweg bietet.« Mit gedämpfter Stimme sprach er auf Gorm ein. Der schien Bedenken zu haben, fügte sich dann.

Während Stamford an seinem Platz sitzen blieb, ging Gorm in das Haus. Hier traf er Tim Bröker, der in der kurzen Zeit ein unentbehrliches Faktotum geworden war. Es schien nichts zu geben, was er nicht verstand. Dabei dienstbereit zu jeder Zeit.

Doch was Gorm ihm jetzt erzählte, schien nur schwer in seinen Schädel einzugehen. Immer wieder griff er sich an den Kopf. Das eine war ihm jedenfalls klar, daß seine Aufgabe Geschicklichkeit und Mut erforderte, und seine Fäuste voraussichtlich gute Arbeit bekamen. Das war ihm genug, um mit Freuden auf alle Weisungen Gorms einzugehen.

»Wir gehen zum Schiff. Denk' daran, daß wir dir wahrscheinlich nicht zu Hilfe kommen können.« Gorm griff ein paar Instrumente, verließ die Hütte, ging mit Stamford zur Werft. Diese lag hinter einem Felsvorsprung, so daß es unmöglich war, von dort aus das Wellblechhaus und die Vorgänge dort im Auge zu behalten.

Zum Schein hantierten sie emsig an der Rudereinrichtung des mächtigen Aluminiumschiffes, das dort fast fertig auf dem Stapel lag.

Immer wieder hielt Gorm inne. Die Ungewißheit peinigte ihn. Seine Gedanken kamen nicht los von dem, was sich vielleicht dort hinten abspielte. Immer wieder mahnte Stamford: »Wir werden vielleicht von ihm gesehen . . . wahrscheinlich sogar . . . Bemeistern Sie Ihre Ungeduld! Ich hoffe, es wird gut ausgehen.« –

Kaum, daß Gorm die Hütte verlassen, eilte Tim Bröker in den anschließenden Geräteschuppen, holte sich eine lange Leine, die er kunstgerecht zu einem Lasso schlang.

»Lebendig soll der Kerl bleiben«, brummte er vor sich hin. »Da ist mir der Strick das liebste . . .« Dann war er am Fenster und starrte auf das Mädchen, das auf seinem Lager ruhte. Geduld war nicht Tims stärkste Seite.

Er mußte lange warten.

»Wäre es nicht der Herr selbst, der mir das alles erzählte, ich würde ja glauben, man wolle mich zum besten haben . . . ›Du mußt dir denken, es riefe jemand mit der Seele‹, hat der Herr gesagt. Na! Das soll der Deubel begreifen! Mit den Augen winken . . . den Mädchen . . . das kenne ich schließlich auch. Aber sonst wüßte ich nicht, wozu der Mund da sein sollte.«

Ah! Wahrhaftig! Er preßte sein Gesicht an die Fensterscheibe. Majadevi hatte sich erhoben. Stand einen Augenblick, streckte wie abweisend die Hände aus. Dann . . . die Arme sanken hernieder. Den Kopf gebeugt, schritt sie langsam, als zwänge sie eine äußere Gewalt, um das Haus herum. Begann den Abhang nach den Felswänden hin zuzuschreiten.

Vom Hinterfenster des Hauses konnte Tim Bröker den Weg ein großes Stück verfolgen.

Kaum war das Mädchen am Fuße der Klippen angekommen, kroch Tim mit der Geschwindigkeit eines Wiesels den Weg hinan. Hielt sich dabei immer im Schatten des dichten Gestrüpps zur Seite. Am Fuß der Felswand sah er das Mädchen wieder, wie sie wie eine Schlafwandelnde einen halsbrecherischen steinigen Pfad emporklomm, der nur für Schwindelfreie gangbar war.

Der Schein des schwindenden Tageslichtes fiel voll auf die Felswand. Wollte er nicht gesehen werden, mußte er hier liegenbleiben, warten, bis Majadevi oben angekommen. – – – – –

Tage und Nächte . . . ununterbrochen . . . ohne Schlaf . . . kaum daß seine Lippen Speise berührten, lag Sarata hinter dem Felsgrat auf der Lauer. Ununterbrochen sandte sein Gehirn stärkste Wellen aus, arbeitete, die gelockerten Fesseln Majadevis fester zu knüpfen. Als er jetzt endlich . . . schon wollte er verzweifeln . . . Majadevi auf sich zukommen sah, vergaß er alle Vorsicht. Die ungeheure Anstrengung hatte ihn stark ermüdet. Sein Auge sah nichts als das Mädchen. Nur daß er ab und zu durch das Glas einen Blick nach der Werft sandte, wo Stamford und Gorm emsig arbeiteten. Er vergaß die Vorsicht so weit, daß er Majadevi die letzten Schritte entgegeneilte, sie an sich riß und zu dem Pfad führte, der sich am Hang entlangzog.

An einer Stelle angekommen, wo der Weg so schmal wurde, daß nur einer bequem gehen konnte, zwang er Majadevi, vor sich herzugehen, sie zur schärfsten Eile anspornend. – – –

Da plötzlich sah er etwas Dunkles über seinem Kopf schweben. Noch ehe er begriffen, was es war, schlang sich ein Strick um seinen Hals, riß ihn zu Boden. Der starke Anprall auf den Felsboden betäubte ihn vollends. Er fühlte nicht, wie geschickte Hände ihm Arme und Füße zusammenschnürten.

»Ging ja tadellos!« brummte Tim Bröker vor sich hin. »Der läuft nicht weg. Leben tut er auch . . . hoffentlich . . . aber jetzt?! . . .

Miß Majadevi!« Tim bemühte sich, seiner Stimme einen gewissen Schmelz zu verleihen . . .

Die hörte nicht. Schritt weiter. Noch einmal derselbe Ruf, etwas lauter, aus Tims Munde. Doch wieder ohne Erfolg.

Tim Bröker beschleunigte seine Schritte. Brummte vor sich hin . . . »Was soll ich jetzt machen? Die will nicht, wie's scheint . . . ah . . . der Herr hat von so was nichts erzählt . . . ist aber doch ausgeschlossen, daß ich das arme Ding allein da weiterlaufen lasse . . . Mit Gewalt festhalten? . . .«

Ratlos schritt er hinter der her. Ein Stückchen weiter vor ihnen verbreiterte der Pfad sich wieder. Ah, dachte er, so kann's gelingen. An der breiten Stelle angekommen, sprang er an Majadevi vorbei, stellte sich ihr mit ausgebreiteten Armen in den Weg.

Mit klopfendem Herzen sah er, wie die weiterschritt, als wäre er nicht da. Jetzt! Sie stieß an ihn an, schreckte zusammen. Ein lauter Schrei aus ihrem Munde. Wimmernd sank sie nieder. Fast zitterten Tim die Glieder. Was hatte er da getan? . . . gemacht? . . . der Herr? . . . Stamford? . . .

Da, in seiner höchsten Not, fiel ihm der Vaqueropfiff der Pampas ein. Er schob die Finger zwischen die Lippen, stieß einen schrillenden Pfiff aus, der in vielfachem Widerhall von den Felswänden zurückgeworfen wurde. Noch ein paarmal denselben Pfiff.

›Der Doktor müßte ihn kennen . . .‹ flüsterte er vor sich hin, ›müßte wissen, daß Mann in Not . . .‹

Eine Weile verharrte er, wollte eben wieder pfeifen, da sah er den Herrn in schnellem Lauf den Weg entlangeilen. Dr. Stamford dicht hinter ihm. Der blieb bei dem Inder stehen, während Gorm auf Majadevi zuschritt.

»Was ist's?« kam's keuchend von seinen Lippen. Tim stotterte ein paar unverständliche Worte. Gorm beugte sich zu der Liegenden. Wie eine Feder hob er sie auf, trug sie den Weg hinab.

»Gut gemacht, Tim!« rief er dem zu, der stark beklommen hinter ihm herging. Tim schüttelte sich. ›Verrückte Geschichten! Der Deubel soll daraus klug werden!‹ – – –

»So weit wäre alles gelungen«, sagte Stamford, als sie in dem Wellblechhaus wieder zusammensaßen. »Tim hat seine Aufgabe gelöst. Jetzt wäre die Reihe an mir. Ich bin mir selbst nicht sicher, ob ich den Kampf siegreich beenden werde. Was dann mit diesem Halunken zu tun ist, weiß ich im Augenblick nicht. Jedenfalls reizt mich meine Aufgabe aufs höchste. Ich hatte noch nie Gelegenheit, meine Kräfte an einem so starken Gegner zu versuchen.

Sarata war sicher früher in seinem Leben Joghi. Ein anderer könnte solche Kräfte nicht haben. Er ist dann wegen irgendwelcher schlechten Handlungen aus dem Stande herausgeworfen worden.

Doch versuchen wir es! Tim, nimm ihm die Fesseln ab. Wach ist er, wenn er auch die Augen schließt. Nun hebe ihn auf und setze ihn hier auf den Stuhl mir gegenüber.«

Als Sarata seiner Fesseln ledig war, schlug er die Augen auf, schaute die um ihn mit haßerfüllten Blicken an.

»Laßt mich allein!« sagte Stamford.

»Allein mit dem?« fragte Gorm.

»Ja! Es muß sein. Eure Anwesenheit würde mich stören. Er hat keine Waffe bei sich. Seine Fäuste fürchte ich nicht.«

Während Tim Bröker an der Tür Wache hielt, ging Gorm vor dem Hause erregt auf und ab.

Die beiden da drinnen! Ein Zweikampf unerhörter Art. Wer würde Sieger bleiben?

Stumm, wortlos, regungslos die beiden Kämpfer sich gegenüber. Nur die Augen, in denen sich die Waffen der Seele spiegelten, ineinander verfangen. Jede Phase des Kampfes, jeder Angriff, jede Deckung in ihrem Spiel zum Ausdruck kommend.

Ein langer, ein schwerer Kampf. Je länger er dauerte, desto größer die Ungeduld, desto stärker die Zweifel in Gorm. Wer von den beiden würde siegen, wessen Kraft würde zuerst erlahmen? Der Inder . . . wohl durch die Schule vieler Jahrzehnte überstark . . . vielleicht, daß seine Kraft durch das Vorangegangene erschüttert, durch den Zwang der Lage, in die er versetzt, beeinflußt, weniger frei kämpfen konnte – – – – –

Endlich! Gorm hörte die Tür des Zimmers gehen. Er eilte ins Haus. Stamford trat ihm entgegen, hochaufgerichtet, die bleiche Stirn naß von der übergroßen Anstrengung, das Lächeln des Siegers um die Lippen. Hastig griff Gorm dessen Hand, drückte sie. »Es ist gelungen, ich sehe es!«

Stamford nickte, trat ins Freie, seine Brust hob sich in tiefen Atemzügen. Gierig sog er die eiskalte Nachtluft ein, die von den Schneegipfeln der Berge hinunterstrich. Gorm ließ ihn gewähren. Ging, von Tim Bröker gefolgt, ins Zimmer. Der Inder lag in den Stuhl zurückgelehnt. Die Augen starr, teilnahmlos zur Decke gerichtet. Auch auf seinem Gesicht die tiefste Erschöpfung.

Stamford trat ein.

»Von ihm ist vorläufig nichts mehr zu befürchten. Wir könnten ihn vielleicht hier lassen. Doch seine Gegenwart dürfte für Majadevi nicht günstig sein. Deshalb bleiben wir bei unserem Plan. Sagen Sie Tim Bescheid.«

Tim Bröker schaute erwartungsvoll von einem zum andern. Was würde man von ihm wollen? Dann sprach Gorm zu ihm. Tim hörte mit gespannter Aufmerksamkeit zu . . . Er sollte den Alten zum nächsten Luftschiffhafen bringen . . . ihm ein Billett für die nordamerikanische Linie besorgen . . . ihn an Bord begleiten . . . dann zurückkehren . . . Der Alte würde ihm willenlos folgen . . . würde keinen Versuch machen, zu fliehen . . .

Nach so vielen wunderbaren Dingen, die er bei seinem neuen Herrn schon erlebt, hatte Tim sich vorgenommen, sich über nichts mehr zu wundern. Jetzt kam er mit seinem Vorsatz ins Wanken. Er hatte an der Tür scharf gelauscht. Kein Wort war zwischen den beiden da drinnen gewechselt worden . . . und doch . . . jetzt der alte Schurke friedlich wie ein Lamm . . . Wie war das zugegangen? Was hatte Stamford mit dem gemacht? Kopfschüttelnd ging er hinaus, sich zur Reise zu rüsten.

»Fühlen Sie sich wieder stark, lieber Freund?« wandte sich Gorm an Stamford.

Der nickte. »Ah . . . Sie meinen . . .?«

»Ja! Wer weiß, wie das Schicksal dieses Menschen noch sein wird. Es wäre zu wünschen, daß wir ihm nie wieder begegneten.

Die Gelegenheit, Näheres über Majadevis Schicksal durch ihn zu erfahren, dürfte so günstig nicht wiederkehren.«

»Ah! Selbstverständlich! Wie gut, daß Sie daran denken, Gorm. Gewiß, es wäre vielleicht im Laufe der Zeit möglich gewesen, von Majadevi selbst ihr Schicksal zu erfahren, doch so ist es besser.«

Er trat zu dem Inder, strich ihm leise über Stirn und Augen. Die schlossen sich. Stellte dann an ihn die Fragen, die Gorm ihm zuflüsterte.

Sarata schwieg . . .

»Oho! Noch hat er Kraft, sich zu wehren, der Alte!« murmelte Stamford vor sich hin. »Interessant! Irgendwo in seinem Bewußtsein noch versteckte Hemmungen . . . Aber . . .«

Er legte seine Linke auf die Stirn Saratas, griff mit seiner Rechten dessen Hand.

»Diese letzten Barrikaden werden wir schnell beseitigt haben.«

Nach einer Weile begann er wieder zu fragen. Die Lippen des Alten öffneten sich. Tonlos kamen die Worte zur Antwort aus seinem Munde. Gorm horchte gespannt. Je weiter das Frage-und-Antwort-Spiel ging, desto finsterer wurden seine Mienen – – – – – –

Tim Bröker trat ein, zur Reise fertig. Gorm nickte Stamford zu. »Es ist genug! Er kann gehen!«

Jetzt beugte sich Stamford zu dem Alten herab. Sprach zu ihm, leise, eindringlich.

»Du wirst deinem Begleiter folgen . . . wirst alles tun, was er sagt . . . Wirst an Bord des Schiffes gehen, das nach den Staaten fährt . . . In Frisco wirst du aussteigen, dich in die indische Kolonie begeben . . . dort wohnen! . . . Die Mittel zu deinem Unterhalt stecken in deinem Kleid. Du hast mich verstanden . . . wirst alles tun, wie ich es befohlen habe . . . Steh auf!« Stamford deutete auf Tim Bröker. »Hier ist der Mann, der dich begleiten wird.«

Der Alte trat zu Tim, verließ mit dem das Haus.

 

* * *

 

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