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Das Erbe der Uraniden

Hans Dominik: Das Erbe der Uraniden - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorHans Dominik
titleDas Erbe der Uraniden
publisherVerlag Scherl Berlin
printrun41. bis 50. Tausend
yearo.J.
firstpub1935
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Wieder Frieden auf Erden. Auch in Rußland waren die letzten bolschewikischen Brände erstickt. Das Manifest des neuen Zaren klang verheißungsvoll. Die Weltpresse unterzog es eingehender Besprechung, und von überall kamen die Warnungen, nicht wieder wie bei der ersten Restauration zu handeln, sondern jetzt den schönen Worten auch Taten folgen zu lassen.

Die europäischen Zeitungen im besonderen erhoben ernste Warnungsrufe. Sie zeichneten nochmals die politische Lage, wie sie bei der ersten Wiederkehr des Zarentums war:

Restlose Ausrottung aller Bolschewiken. Blutige Verfolgung aller, die im leisesten Verdacht standen, den Kommunisten wohlgesinnt zu sein. Wiederherstellung der großen Latifundien durch Bauernenteignung. Die heiligen Versprechungen, daß die Landverteilung keine Änderung erfahren würde, waren unter nichtigen Vorwänden gebrochen, das internationale Kapital durch grausame Pogrome stark verstimmt worden. Alles Dinge, die den Boden für die zweite bolschewikische Revolution vorbereiteten.

Rußland . . . Europa . . . hatten die Zeche bezahlen müssen.

Jetzt erst fanden die Zeitungen Muße und Gelegenheit, sich mit der berühmten Mondfahrt Jonas Lees zu beschäftigen, deren Tag sich vor einigen Wochen zum drittenmal gejährt hatte. Man brachte in Erinnerung daran in größeren oder kleineren Aufsätzen die Geschichte dieser Expedition.

Jonas Lee, Professor am Physikalischen Institut der Universität Cambridge, hatte damals seinen langjährigen Plan verwirklicht, in einer Wasserstoffrakete zum Monde zu fliegen. Der Flug war mit großer Sorgfalt vorbereitet.

Schon in den Jahren vorher waren mehrfach unbemannte Raketen von verschiedenen wissenschaftlichen Instituten der Welt zum Mond abgeschossen worden. Waren dort auch größtenteils gelandet, wie ihre Blitzlichteinrichtungen zur Erde zurückmeldeten. Lee war der erste gewesen, der auch Raketen konstruiert hatte, die nach ihrer Landung auf dem Monde ein Geschoß zur Erde zurücksandten. Die Ausführung war verhältnismäßig einfach, da ja die Rückrakete nur die Schwerkraft des Mondes zu überwinden hatte, die sechsmal geringer als die Erdschwere ist. Allmählich war es ihm auch gelungen, diese Rückraketen durch Bremsvorrichtungen derartig zu verbessern, daß sie vollkommen unversehrt wieder auf der Erde landeten.

Als diese Experimente wieder und immer wieder glückten, ja sogar Tiere, die in die Rückrakete eingesperrt waren, munter und gesund zurückkamen, glaubte er die Zeit gekommen, zum Bau einer bemannten Rakete schreiten zu dürfen.

Es gab zwar Wissenschaftler, die doch noch starke Zweifel äußerten, aber der kühne Geist Lees überwand alle Bedenken. Die Mittel flossen ihm von allen Seiten reichlich zu.

Der 28. Februar war der schicksalsschwangere Tag. Unter der Teilnahme der ganzen Menschheit, vor den Augen einer ungeheuren Zuschauermenge stieg die Rakete, die außer Lee noch vier Gefährten an Bord hatte, zum Mondgestirn empor. Die Flugdauer dorthin war unter Berücksichtigung der geringeren Start- und Landungsgeschwindigkeiten auf zwei Tage errechnet worden.

Die beiden Tage verstrichen unter atemloser Spannung der Welt. Die Riesenrohre aller Sternwarten waren auf den Punkt an der Schattengrenze der Mondsichel gerichtet, an dem Lee planmäßig landen wollte. Der Punkt war derart ausgewählt, daß die dort gelandete Expedition den volle vierzehn Erdentage währenden Mondtag für ihre Forschungen zur Verfügung haben mußte.

In der Tat waren 48 Stunden nach dem Aufstieg Lichtsignale beobachtet worden, die nur von Lee kommen konnten. Ihre Ausgangsstelle lag aber fast 20 Breitengrade nördlicher als der Punkt, an dem die Landung planmäßig vor sich gehen sollte. In einer Zone, wo die Wärme des langen Mondtages kaum noch den Nullpunkt überschreiten konnte. Bis auf diesen Umstand war die erste Hälfte des Fluges offenbar geglückt. Man beobachtete Lees Lichtzeichen, bis seine Landungsstelle in den vollen Sonnenschein trat und weitere Lichtsignale unmöglich wurden.

Doch vergeblich wartete man auf die Rückkehr der kühnen Weltraumfahrer. Auch Lichtsignale wurden später, als die Landungsstelle schon wieder im Dunkel lag, nicht mehr beobachtet. Man wußte, wieviel Vorrat an Lebensmitteln und Atmungsluft die Rakete mitgenommen hatte. Wußte danach mit Sicherheit, wie lange ein Aufenthalt auf dem Monde möglich war.

Nach dem Ablauf einer aufs äußerste bemessenen Frist mußte man es als sicher betrachten, daß die kühnen Reisenden ihr Unternehmen mit dem Leben bezahlt hatten.

Doch es dauerte noch lange, bevor das allgemeine Interesse abflaute. Bestand doch immerhin die Möglichkeit, daß Lee doch glücklich vom Mond abgekommen und auf der Erde gelandet sei. Aber in einer Gegend, die noch fern von jedem Verkehr lag, so daß eine Kunde lange Zeit brauchte, um zu den Menschen zu dringen.

Jetzt war auch diese Hoffnung längst hinfällig geworden. Doch als vor zwei Wochen der Erinnerungstag wiedergekommen war, hatten die Zeitungen es nicht versäumt, die Erinnerungen an jenen kühnen Versuch wieder wachzurufen, der der einzige dieser Art geblieben war. Wohl hatte man sich auch an anderen Orten der Welt mit gleichen Plänen getragen, die Arbeiten teils schon begonnen. Das Schicksal Lees nahm allen den Mut. Kein anderer wagte es, den Flug zu wiederholen.

*

Am 14. März stand im Morgenblatt der »Times« im lokalen Teil folgender Polizeibericht:

»London, den 14. März. Heute früh in der vierten Morgenstunde wurden auf einer Bank im Hydepark die Leichen von fünf unbekannten männlichen Personen gefunden. Todesursache unbekannt.«

Das Mittagsblatt der Zeitung brachte anknüpfend an diesen Bericht einen neuen:

»London, den 14. März. Der Coroner hat als Todesursache bei den fünf heute früh im Hydepark Gefundenen Tod durch Erfrieren festgestellt. In den Kleidern eines der Toten wurde eine Brieftasche gefunden, die früher einmal im Besitz des Professors Jonas Lee gewesen sein muß.«

Das Abendblatt brachte auf der ersten Seite über den Vorfall unter einer breitgedruckten Überschrift:

» Rätselhafte Mystifikation«

folgenden Bericht:

»Bei einem der Toten wurde ein Tagebuch gefunden. Der Inhalt ist so geschrieben, als ob der Besitzer eine Fahrt zum Mond gemacht und dort nach längerem Aufenthalt den Tod gefunden hätte. Wären die Aufzeichnungen nicht als grobe Mystifikation zu betrachten, so müßte der Tote Professor Jonas Lee selbst sein.«

Diese Meldung, die auch in anderen Zeitungen stand, erregte großes Aufsehen und wurde viel besprochen. Die Zeitungsredaktionen bombardierten das Polizeipräsidium mit Anfragen, doch das lehnte weitere Erklärungen vorläufig ab.

Die zehnte Abendstunde war eben angebrochen, als in allen Redaktionen das Telephon schrillte:

»Hier Pressebüro des Polizeipräsidiums. Die fünf Toten aus dem Hydepark sind rekognosziert als Professor Jonas Lee und seine Begleiter. Verwandte und Freunde haben sie mit Sicherheit wiedererkannt. Die Autopsie hat den ersten Befund: Kältetod, bestätigt.«

Kaum hatten die Redaktionen die Nachricht für den Druck weitergegeben, sausten schon die Reporter in Kraftwagen zum Polizeipräsidium. Galt es doch, für die Morgenblätter ausführliche Berichte über dies unglaubliche Ereignis zu bringen.

Zur selben Stunde hatte auch die Welle des Radio die Nachricht über die ganze Welt verbreitet, wo sie bis in die entferntesten Gegenden hinein größtes Aufsehen erregte. –

»Meine Herren«, der Polizeipräsident begrüßte die dichtgedrängte Schar der Berichterstatter, die sein Amtszimmer bis auf den letzten Platz füllten. »Meine Herren, ich möchte vermeiden, irgendeine persönliche Erklärung über das außerordentliche Geschehnis abzugeben. Ich will Ihnen den Fall von seiner ersten Meldung an genau erzählen und überlasse es Ihnen, Ihre Schlüsse zu ziehen . . . vielleicht, daß es irgendeinem von Ihnen gelingt, eine einigermaßen plausible Erklärung zu finden. Ich selbst muß gestehen, daß ich vergeblich die Lösung des Rätsels versucht habe.

Also hören Sie bitte!

Ich kam, wie üblich, heut morgen gegen 8 Uhr hierher, erledigte schnell das Dringlichste und nahm dann die Berichte der einzelnen Polizeiwachen über die Vorfälle der Nacht in die Hand. Atmete erleichtert auf, als ich zu Ende war und nichts von Belang entdeckt hatte. Dem Bericht von der Auffindung der fünf Leichen hatte ich wenig Bedeutung beigelegt. Ich fragte, ohne mir viel dabei zu denken, beiläufig meinen Sekretär, ob es in der Nacht sehr kalt gewesen sei. Der verneinte. Behauptete, es wäre so um null Grad gewesen.

Das machte mich stutzig. Ich las noch einmal den Bericht jener Polizeiwache. Da stand zum Schluß: ›anscheinend erfroren‹. Nun, daß fünf erwachsene Männer bei null Grad auf einer Bank erfrieren, erschien mir wenig glaubwürdig. Ich verlangte den Bericht der Wetterwarte. Der bestätigte, daß das Thermometer in der Nacht nur einen halben Grad unter Null gesunken war.

Der Fall begann mich zu interessieren. So, daß ich selbst zum Schauhaus fuhr, ihn näher zu untersuchen. Zu meinem Erstaunen bestätigte der Arzt des Schauhauses als Todesursache Kältetod.

Ich wollte mir eben die den Toten abgenommenen Sachen ansehen, da erreichte mich die Nachricht von jenem Vorfall . . . Sie wissen ja, der Mord an Lord Milligan . . . und zwang mich, sofort dort hinzufahren. Es wurde Nachmittag, bevor ich zum Schauhaus zurückkam. Ich ließ mir die Hinterlassenschaft der fünf Männer bringen.

Wäre nicht jeder Gedanke, daß man jemals etwas von der Leeschen Expedition wiedersehen würde, absurd gewesen, würde ich selbstverständlich nach diesen Papieren die Toten agnosziert haben. So mußten wir an eine Mystifikation glauben. Doch je länger ich mich mit den Papieren beschäftigte, desto größer wurden meine Zweifel. Das Nächstliegende war, Verwandte, Freunde der Toten, die Namen waren uns ja bekannt, herbeizurufen. Ich tat das. –

Meine Herren! Sie können versichert sein, daß mich selten etwas so erschüttert hat wie der Augenblick, in dem Lees Witwe an die Leiche ihres Gatten trat . . . sich mit einem Schrei darüberwarf . . . in Weinkrämpfe verfiel.

Nun bestand kein Zweifel mehr. Ähnliche Szenen spielten sich ab, als Freunde und Verwandte in den anderen Toten die Teilnehmer der Expedition wiedererkannten.

Nachdem die grenzenlose Überraschung, die ungeheure Erregung ein wenig gewichen, begegneten wir uns alle in der Frage: Wie kamen die Toten in den Hydepark?

Meine Herren! Das Rätsel der Leeschen Expedition dürfte mit diesem tragischen Abschluß gelöst sein. Bliebe die neue Frage, das neue, noch größere Rätsel:

Wer brachte die Leichen nach London?

Meine Herren, ich bin gespannt auf Ihren Bericht in den Morgenblättern. Es bleiben Ihnen noch drei Stunden, Ihren Scharfsinn zu versuchen.«

*

»Nein, mein lieber Sidney! Santa Marguerita verkaufen . . .? Das muß ich mir noch sehr überlegen! So schnell gibt man einen Besitz nicht auf, den der Urgroßvater gerodet. Du weißt doch . . . Señor Canning bot mir das Doppelte des Wertes, und doch tat ich's nicht . . . auch auf die Gefahr hin, mir seine bittere Feindschaft zuzuziehen.

Der Brand auf Coiba soll auch die Pampas bedrohen? – Nun, ich denke, diese Mär wird wenig Glauben finden, und wenn auch tausend Sachverständige es behaupten.

Ich will deinem Freunde Weland nicht zu nahe treten. Wissenschaftliche Irrtümer sind ja schon öfter passiert . . . wäre doch schade um die gute alte Erde, wenn sie ausgerechnet auf ihre alten Tage, statt weiter zu erkalten, wieder glühend werden sollte . . .«

Er lachte aus vollem Halse. Auch die sechs anderen Männer in dem Raume, des alten Stamford Söhne, stimmten in das Gelächter ein. Lachten, wie nur solche Riesengestalten lachen konnten.

»Übrigens ein merkwürdig schweigsamer, düsterer Geselle, dein Freund Weland! Ist er immer so?«

Sidney Stamford wollte antworten: Nein! Erst seit er den Brand auf Coiba gesehen, hat sich sein Wesen verändert. Doch er hielt seine Worte zurück. Wußte er doch, daß die anderen ihn nicht verstehen würden. So sagte er leichthin:

»Er hat viel Schweres erlebt . . . lassen wir ihn!

Doch jetzt will ich nach Buena Vista zu van der Meulen 'rüberreiten. Zum Abend werde ich wieder hier sein.«

*

Während Sidney Stamford an der Parkmauer von Buena Vista entlangritt, spähte er angestrengt durch das grüne Gewirr der Blätter. Vielleicht, daß er Violet sehen, sie allein sprechen konnte. Ein Abschied auf längere Zeit stand bevor.

Gorm . . . er hatte ihn bei seinen Verwandten unter dem Namen Weland eingeführt . . . Gorm . . . Neues, Unerhörtes plante der. Sein Riesengeist trug sich mit Unternehmungen, vor deren Größe und Kühnheit Sidney Stamford verstummte.

In jenen Tagen von Lahore hatte der Einsame, Verbitterte in seinem Lebensretter einen Freund gefunden, dem er sich rückhaltlos offenbarte. Nur langsam faßte der's . . . Und als ihm aufgegangen, was Gorm gefunden und ersonnen, hatte er sich ihm rückhaltlos, mit Haut und Haar verschrieben.

Und doch . . . als er um sich schaute . . . überblickte, was er aufgeben, verlassen mußte . . . tauchte immer wieder die geliebte Gestalt Violets auf. Sie noch einmal sehen, noch einmal sprechen, sein Herzenswunsch.

Und es traf sich gut. Die kurze Fahrt zum Monde, von der sie die Opfer der verunglückten Expedition nach London zurückbrachten, war als Probefahrt gedacht. Doch bevor ein neuer Flug unternommen, wollte Gorm selbst nach Amerika fahren. Die Nachricht von Coiba beunruhigte ihn. Die Reise nach dem Gran Chaco ließ sich damit leicht verbinden.

Der Besuch in Coiba! . . . Gorms Befürchtungen erwiesen sich nur als zu gerechtfertigt . . . er fand den Atombrand, sah die große Gefahr und sah kein Mittel, sie zu bannen. Erschüttert, entmutigt stand er auf dem verhängnisvollen Eiland.

Sidney Stamford wollte die Gefahr nicht für ganz so groß halten. Sein Glauben an Gorm ließ ihn nicht verzweifeln. Immer wieder versuchte er sich mit dem Gedanken zu trösten, daß der doch vielleicht einmal einen Weg finden würde, dies Unheil aus der Welt zu schaffen.

Violet . . . er hielt sein Pferd an. Durch das Laubdach einer Sykomore, deren Äste bis zum Boden niederhingen, schimmerte es weiß.

Violet oder Hortense? Eine der beiden mußte es wohl sein. Er machte sein Pferd fest, sprang auf gut Glück über die Mauer, näherte sich vorsichtig dem Baume. Nichts regte sich. Behutsam bog er die Zweige auseinander . . . sah Violet, die in einer Hängematte eingeschlummert war.

Leise trat er auf sie zu, wollte sie wecken. Da übermannte ihn das Gefühl. Er beugte sich zu der Schlafenden hinab . . . küßte sie auf den Mund.

Die richtete sich erschrocken auf, wollte einen Schrei ausstoßen, da schloß er ihr mit einem neuen Kuß den Mund.

»Ich bin's, liebe kleine Violet!« flüsterte er, »Sidney Stamford.«

»Sidney!?« . . . Ohne zu wissen, was sie tat, schlang sie ihre Arme um seinen Hals . . . hörte trunken von Glück die Worte des Mannes. –

Erst der Ruf »Violet!«, von fernher klingend, riß sie aus ihrem Rausch. Und als käme ihr jetzt erst zum Bewußtsein, was geschehen, wandte sie sich, von dunkler Röte übergossen, zur Seite. Tränen standen in ihren Augen.

»Liebe kleine Violet!« klang's wieder in ihr Ohr. Sein Arm legte sich um ihre Schulter. Doch da riß sie sich los, lief wie gehetzt auf das Haus zu.

Langsam folgte ihr Stamford. Als er um den Weiher bog, klang's von der Seite her:

»Hallo, Dr. Stamford! Hallo!«

Er wandte sich um, sah Hortense auf sich zukommen. Schnell war er bei ihr, begrüßte sie mit herzlichem Händedruck.

»Wo kommen Sie her, Doktor? Wir glaubten Sie tief in Indien.«

»Es traf sich, daß ich mit einem Freunde nach den Staaten fahren mußte. Nun, ich benutzte die Gelegenheit, meine Verwandten in Santa Marguerita zu besuchen.«

»Und erinnerten sich auch Ihrer alten Freunde hier. Das ist nett von Ihnen. Die kleine Patientin von damals wird sich freuen, den Freund Doktor wiederzusehen. Wir anderen, Violet und ich . . . mein Vater ist zurzeit nicht hier . . . natürlich ebenfalls. Doch wie kamen Sie in den Park? War das Tor auf?«

Stamford geriet in schwere Verlegenheit.

»Nein!« sagte er so harmlos wie möglich, »ich sprang über die Mauer, den Weg abzukürzen.«

»Ah! Dann müßten Sie eigentlich Violet begegnet sein. Haben Sie sie nicht gesehen?«

Einen Augenblick suchte Stamford nach Worten. Warf dann den Gedanken an eine Ausflucht beiseite.

»Ja, Miß Hortense! Ich gestehe es, ich traf Violet.«

»Und . . .?« fragte Hortense mit verstecktem Lächeln.

»Ja . . . und dann . . . lief sie plötzlich fort.«

»Sie lief fort? . . .« Hortense weidete sich an der Verlegenheit Stamfords, »das finde ich merkwürdig, einen lieben Besuch so schlecht zu behandeln . . . Oder sollte sie Gründe haben? Ich sehe, mein lieber Doktor, Ihre Verlegenheit deutlich auf Ihrem Gesicht . . . nun, wir werden sehen.

Doch jetzt erzählen Sie von Ihren Reisen. Sie werden manches Interessante gesehen, erlebt haben.«

Der, froh, auf ein anderes Thema zu kommen, erzählte in seiner frischen Weise von seinem indischen Aufenthalt, während sie auf das Haus zuschritten. Als sie es betraten, war es Stamford nicht ganz wohl ums Herz.

Violet! . . . Wie würde sie? . . .

Hortense mochte wohl seine Gedanken erraten haben. Sie ließ Stamford durch einen Diener in den Gartensaal geleiten, schickte dann Violet mit einem Auftrag dorthin.

Als sie dann eine Zeitlang später anklopfte, erscholl ihr ein doppelter froher Gruß entgegen. Sie konnte zwei Glücklichen die Hand schütteln.

*

An der Spitze des Waldes, der sich wie ein Keil in die Canningsche Besitzung einschob, stand Gorm. Er hatte zu Pferd die weiten Fluren Santa Margueritas in stundenlangem Ritt durchstreift . . . loszukommen von den peinigenden Gedanken an Coiba . . . Vergeblich! . . . Der Druck lastete unvermindert auf ihm.

Auch das würde man ihm als Schuld anrechnen! Er kannte die Welt nur zu gut. Geächtet, verfemt, mußte er sich unter fremdem Namen in Freundeshaus bergen, während der wahre Schuldige hier vor ihm in ungestörtem Reichtum und Glück lebte.

Wie war der in den Besitz seiner Berechnungen gekommen? Ein Teufel mußte ihm das Mittel gegeben haben! Er fand, solange er auch schon darüber grübelte, keine Erklärung. Und er mußte sie finden . . . sonst würde es ihm nie gelingen, sich von der Schuld frei zu machen, die die Welt auf ihn warf . . . den wahren Schuldigen zu entlarven.

Er hatte sein Pferd angebunden. Stand an einen Baum gelehnt. Lange . . . lange.

Der Anblick der lachenden, reichen Fluren, die der mit dem Judaslohn erworben, ließ ihn sich verzehren vor Bitterkeit, Haß. Immer wieder dazwischen der Gedanke . . . wo finde ich den Schlüssel, der diesem Schurken mein Geheimnis erschloß? . . .

Der blutrote Glanz der untergehenden Sonne mahnte ihn zum Aufbruch. Er war, ohne auf den Weg zu achten, durch die Pampas geritten. Trat jetzt die Dunkelheit ein, mußte es schwer sein, den Rückweg zu finden. Er stieg aufs Pferd und wandte sich nach Süden. War er erst einmal aus dem dichten Walde, konnte er die Richtung leichter einhalten. Eine kurze Zeitlang würde ihm die Sonne die Himmelsrichtung noch weisen.

Als er den Wald hinter sich gelassen, war das Tagesgestirn verschwunden. Schnell wachsende Dunkelheit umfing ihn. Auf der offenen Pampa setzte er sein Pferd in stärkere Gangart, ritt auf gut Glück in südlicher Richtung.

Er war schon lange geritten. Mußte nach seiner Berechnung die Häuser von Santa Marguerita längst erreicht haben. Doch nichts war zu sehen.

Er mußte sich verritten haben. Hielt an, überlegte. Sah nach dem Himmel. Vielleicht, daß die Sterne ihm die Richtung geben konnten. Doch die waren von dichten Wolken bedeckt.

Beim Umschauen glaubte er zu seiner Rechten weit in der Ferne einen Lichtschein zu sehen. Vielleicht ein Hirtenfeuer dort? Er wandte das Pferd, ritt darauf zu. Und als ob es fühle, daß dort Menschen, setzte sich das Tier von selbst in schnellere Bewegung . . .

Eine halbe Stunde war er geritten, da sah er auf einer leichten Bodenerhebung deutlich das Feuer, sah auch im Hintergrunde die dunklen Massen weidenden Viehs. Vaqueros! Kein Zweifel, nun war er aller Sorge enthoben.

Jetzt war er so nahe herangekommen, daß er schon die Stimmen der um das Feuer Lagernden zu verstehen glaubte. –

Da hielt er das Pferd jäh an. Von einer klaren, festen Männerstimme in die dunkle Nacht gesungen, klang ein altes deutsches Seemannslied, das er in seinen jungen Tagen in der Heimat, den friesischen Halligen, selbst gesungen.

Die heimatlichen Laute . . . hier tief im Gran Chaco . . . sie trafen ihn, rührten sein Innerstes auf. Er hielt, bis der letzte Ton verklungen, bis der wohlige Bann, der sich um ihn gelegt, wich. Dann ließ er ein lautes Hallo erschallen, ritt näher heran.

Bei dem Anruf waren ein paar wilde Gestalten, die um das Feuer gelagert, aufgesprungen, starrten verwundert den Reiter an.

Der sprang ab.

»Hein Tietjen set bi sinen Soot«, rief er, den Refrain des Liedes wiederholend.

»Landsmann?!« Einer kam ihm entgegengelaufen, überstürmte den Ankommenden mit einer Flut von Fragen in friesischem Platt.

Gorm stand Rede und Antwort . . . Man lud ihn ein, am Feuer niederzusitzen. Doch er lehnte ab. In Santa Marguerita würde man ihn schon vermissen . . .

»Unmöglich für Sie, Herr Weland, wenn ich Ihnen den Weg auch noch so gut beschreibe. Ich reite mit . . . bringe Sie bis ans Haus. Wäre noch schöner, wenn Tim Bröker einen Landsmann in den Pampas sitzen ließe.

Zwei Stunden hin . . . eine Stunde zurück . . . vor Mitternacht bin ich wieder hier.« –

Sie trieben ihre Pferde an.

»Warum nehmen wir hinzu den weiteren Weg?«, fragte Gorm.

»Weiter ist der Weg nicht . . . Es ist ja hin und her derselbe . . . Ah so! Jetzt verstehe ich Sie . . . Sie denken an zwei Stunden und eine Stunde . . . Nun, das ist sehr einfach. Hinzu reiten wir im Schritt. Da können wir um so länger snacken. Rückzu geht's Galopp.«

Gorm mußte lachen. Das Plaudern des Landsmannes tat ihm wohl, verscheuchte die finsteren Gedanken. Sie kamen nach Santa Marguerita, ehe er's dachte.

Aus dem etwas verworrenen Gespräch hatte Gorm so viel entnommen, daß sein Begleiter mancherlei Schicksale durchgemacht . . . Ein Allerweltskerl! . . . Halb Mechaniker . . . Schlosser . . . Techniker . . . Seemann . . . Luftfahrer. Bald hier, bald dort. Zuletzt von einem deutschen Schiff in Buenos Aires weggelaufen. Er hatte einem Maat eine handgreifliche Antwort gegeben . . . Keine Papiere für die Heimfahrt. In Buenos Aires in allen denkbaren Stellungen, war er schließlich als Vaquero gelandet . . .

Sie waren an der Umzäunung der Hazienda angekommen. Tim Bröker donnerte gegen das Tor. Die Hunde schlugen an, Schritte näherten sich.

Es war einer der Söhne Stamfords, der den verspäteten Gast einließ. Man hatte sich wegen seines langen Ausbleibens schon Sorge gemacht. Mit ein paar herzlichen Worten verabschiedete sich Gorm von Tim Bröker. Versprach, ihn, bevor er fortfuhr, noch einmal wiederzusehen. –

Die anderen hatten sich schon zur Ruhe begeben. Gorm und Sidney Stamford saßen allein. Jeder hatte seine Erlebnisse erzählt. Jetzt wollten sie auch zur Ruhe gehen. Zerstreut griff Sidney Stamford nach der Zeitung. Ließ flüchtig die Augen über die Seiten gleiten.

Da! Seine Faust fiel schwer auf den Tisch. War's möglich?

Gorm schaute verwundert auf den Freund, der in sichtlicher Erregung war.

»Was ist Ihnen, Stamford?«

Der ließ die Zeitung sinken. Erstaunen, Betroffenheit kämpfte in seinen Zügen.

»Eine sonderbare Nachricht, Gorm. Majadevi . . .«

»Majadevi? Was ist mit ihr?« unterbrach ihn der erregt.

»Hören Sie, was hier steht:

›Buenos Aires. In der Psychologischen Vereinigung tritt seit einigen Tagen der indische Joghi Sarata mit seinem Medium Majadevi auf . . . Die Vorstellungen, die vor einem großen Kreis erster Personen stattfinden, erregen das größte Aufsehen . . . die Leistungen des Mediums grenzen an das Wunderbare . . .‹«

»Wär's möglich?« Gorm ergriff die Zeitung, las selbst die Nachricht, strich sich über die Stirn, schloß die Augen.

»Karma! . . . Das Karma . . .« hörte er die Stimme des Freundes, »es läßt die nicht auseinanderkommen, die seinen Ruf vernommen. Hören sie ihn noch klingen, dann folgen sie dem Gebot.«

Gorm war aufgesprungen.

»Ich fühle die Last stärker als je . . . dieses Mädchen . . . Majadevi . . . wo ich auch immer bin, meine Gedanken kommen nicht los von ihr.«

»So werden wir morgen nach Buenos Aires fahren. Wir werden einer Sitzung beiwohnen. Was dann weiter geschehen wird . . . nur das Karma weiß es.«

*

England war stolz darauf, die erste Helikopterensternwarte der Welt zu besitzen. Über dem Meridian von Greenwich stand sie in fünfzehn Kilometer Höhe bewegungslos im Äther, von Helikopterenschrauben gehalten und getragen. Ein gewaltiger Bau aus Aluminium und Glas, der ein vollkommenes Observatorium mit den stärksten Teleskopen enthielt. Im Wetteifer mit anderen Ländern hatte England ein solches Wunderwerk zuerst fertiggestellt. Die deutsche und die amerikanische Helikopterenstation konnten erst einige Zeit später in Betrieb genommen werden.

Für die astronomische Forschung bedeuteten diese Stationen einen ungeheuren Fortschritt. Hier oben, jenseits von Wind und Wetter, über atmosphärische Störungen erhaben, in dünnster, schlierenfreier Luft, konnte man bei den teleskopischen Beobachtungen Vergrößerungen stärksten Ausmaßes benutzen. Das Auge des Beobachters sah hier die Objekte der Sternenwelt zwanzigtausendmal näher, als sie wirklich waren. So manche Erscheinung, so lange ein Streitobjekt, mußte jetzt ihre Erklärung finden.

In der großen Kuppelhalle der Greenwicher Helikopterenwarte. Professor Moore trat vom Okular des großen Refraktors zurück.

»Nun, mein lieber Lee, sind wir in der Lage, ziemlich genau die Stelle der Mondoberfläche zu sehen, an der Ihr Oheim Jonas Lee scheiterte.«

Während der Professor sich entfernte, begab der junge Gelehrte sich an das Okular. Er hatte die Tagebuchaufzeichnungen seines Oheims wohl im Gedächtnis. Dort an jener Stelle, wo eine steile Kraterwand zackige Schatten warf, mußte der Ort der Katastrophe sein. Doch vergeblich spähte er nach Überresten der verunglückten Rakete.

Ein Stück mangelhaften Materials an einer der seitlichen Steuerdüsen war die Ursache der Katastrophe gewesen. Das Schiff war durch das unregelmäßige Arbeiten der Düsen aus der planmäßigen Richtung weit nach Norden getrieben. Ferner entsprang daraus ein übermäßig hartes Aufsetzen bei der Landung.

Die Insassen waren aber doch mit heilen Gliedern davongekommen. Voll böser Ahnungen hatten sie sich an die Untersuchung der Rakete gemacht. Schon glaubte man, daß die Einrichtungen unversehrt seien, gab der Welt durch Lichtsignale von der glücklichen Ankunft Kunde, da entdeckte Jonas Lee, daß die Wasserstoffflaschen leck geschlagen waren.

Über das, was da oben weiter geschehen, schwieg das Tagebuch.

Die letzten Aufzeichnungen, die Lee mit zitternder Hand geschrieben, lauteten:

»Alle meine Gefährten tot . . . ich der letzte Überlebende . . . Noch Sauerstoff für eine Stunde – – –«

Die Zeit von der Landung bis zum Tode . . . wie furchtbar, wie schrecklich mußte sie für Jonas Lee und seine Genossen gewesen sein!

Und dennoch! . . . Ronald Lee trat zur Seite, blickte in das schimmernde Firmament . . . und dennoch . . . Wenn auch hundertfältiger Tod auf dem Wege zu euch lauert . . . keine Gefahr wollte ich scheuen, zu euch zu gelangen . . . den Schleier des Geheimnisses, der euch umgibt, zu lüften . . .

Wie einen Gott beneide ich diesen Unbekannten, der eine Macht besitzt, die ihn hin und her trägt. Den Unbekannten, der die fünf Todesopfer zurück zur Heimat brachte.

War's überhaupt ein Bewohner dieser Erde? . . . War's einer, der aus Weltenfernen kam? – – –

Sein Dienst war zu Ende. Das Verbindungsschiff brachte Ronald Lee nach London zurück. Hier rief ihn ein Brief der Witwe von Jonas Lee nach deren Heim – – –

Er saß ihr gegenüber. Vor ihm ein verschnürtes Bündel von Dokumenten mit der Aufschrift: »Nach meinem Tod meinem Neffen Ronald Lee zu übergeben.«

Erst nachdem sie die Leiche ihres Gatten mit eigenen Augen gesehen, waren die letzten Hoffnungen der Witwe geschwunden. Jetzt erst hatte sie die Kraft gefunden, den Schreibtisch des Verstorbenen zu öffnen, in dem, wie er ihr gesagt hatte, sein Nachlaß verschlossen war. Unter anderem hatte sie auch dieses Bündel gefunden, hatte Ronald Lee zu sich gerufen. – –

Und dann saß der allein in dem Zimmer, knüpfte mit zagen Händen das Band auf, das das Bündel umschlang . . .

Saß und las . . . Der Abend brach herein, als er das letzte Blatt aus der Hand legte.

Welche seelische Not . . . welche furchtbaren Zweifel mußten Jonas Lee die letzten Wochen vor seinem Flug gequält haben! Diese Blätter hier erzählten viel mehr, als die nackten Worte sagten – –

Auch das war jetzt klar. Der Unbekannte, der zum Mond gefahren, dabei auf der Rückreise die Toten mitgenommen – – kein anderer als Weland Gorm konnte es sein . . . wieder eine Tat dieses Genies! Und der . . . allen Ruhm verschmähend . . . verschwieg sie, hielt seinen Namen im Dunkeln.

Unbegreiflich! . . . Nur so zu erklären, daß der . . . verbittert, angeekelt . . . durch das Geheul der Meute, die ihn als Schuldigen ächten wollte, es verschmähte, der Menschheit Kunde zu geben von seinem neuen Erfolg . . .

Tragik über Tragik. – –

Kurze Zeit vor dem Tag der Abfahrt war Weland Gorm, der alte Freund Lees, zu ihm gekommen . . . die Unterredung der beiden Männer . . . welche Stunden für Jonas Lee . . .

Gorm war gekommen, ihn zu warnen . . . zu warnen vor dem gefährlichen Weg . . . ihm den gefahrloseren zu zeigen. Ein Raumschiff, getrieben vom Elektronenrückstoß . . . ein sicheres, besseres Mittel, die Fahrt zu unternehmen. Gorm hatte bei der Weiterentwicklung seiner Erfindung diesen Weg entdeckt. Er selbst . . . mit anderen Plänen im Kopf . . . wollte das Problem erst später verwirklichen. In Sorge um den Freund war er zu ihm geeilt, hatte ihm selbstlos seine Ideen und Berechnungen zur Verfügung gestellt, in der Hoffnung, Lee von dem gefährlichen Flug mit einer Wasserstoffrakete abzuhalten.

Der hatte staunend den Freund beglückwünscht. Der Gormsche Weg . . . die Lösung des Problems! . . . So klar, so einleuchtend! . . . Gewiß, ein Raumschiff, danach gebaut, mußte viel schneller . . . viel sicherer seinen Weg machen. Bot auch Aussichten auf viel längere, weitere Fahrten.

Er hatte Gorm allein gelassen, war mit sich selbst zu Rat gegangen . . . Die eigenen Pläne verwerfen? . . . In letzter Stunde vom Flug zurücktreten? . . .

Das Lachen der Welt! . . . Es klang ihm schon in den Ohren . . . Er als Feigling verspottet! . . . Andere, Kühnere, die an seiner Statt das Wagnis unternahmen . . . das Ziel erreichten . . .

Dann war er zu Gorm zurückgekehrt.

»Ich fliege doch! Mag's kommen, wie es wolle!«

Vergeblich hatte der nochmals versucht, den Freund umzustimmen. Der war fest geblieben.

Gorm war geschieden. Hatte seine Formeln dagelassen. Vielleicht, daß Lee doch noch anderen Sinnes wurde, wenn er in ihrem Besitz blieb. – – –

Diese Berechnungen – ihm vom Oheim überkommen – er durfte frei über sie verfügen. Stand es doch da ausdrücklich geschrieben:

»Es ist Gorms Idee, die ich in den Nächten vor meinem Flug durchgerechnet und bis zur Konstruktion geformt . . . komme ich nicht zurück, gehören sie dir! Du wirst der sein, der den Namen Lee besser, glücklicher zu Ruhm und Erfolg führt . . .«

Betäubt . . . fassungslos starrte Ronald Lee in die Weite.

Die Idee, die er schon so lange in sich getragen . . . hier wurde ihm die Möglichkeit einer Verwirklichung geboten . . . Und Gorm? – –

*

Trotz seiner Beziehungen in Buenos Aires war es Dr. Stamford doch nicht möglich gewesen, Zutritt zu den Darbietungen des Inders zu erlangen. Alle Karten zu den letzten Vorstellungen waren im voraus vergriffen. Erst in letzter Stunde glückte es ihm noch, zwei Bekannte zu veranlassen, ihm ihre Karten abzulassen.

Sie waren unter den Letzten, die in den kleinen Saal traten. Hatten gehofft, daß die Vorstellungen bei abgeschwächtem Licht vor sich gehen würden, denn sie wollten es unbedingt vermeiden, von Sarata und Majadevi erkannt zu werden. Für alle Fälle hatten sie sich jedoch so gut wie möglich unkenntlich gemacht, wenngleich dies nicht genügte, einen, der sie gut kannte, auf die Dauer zu täuschen. Leider war der Saal beleuchtet wie immer und würde es auch, wie sie hörten, während der Vorstellung bleiben. Es gelang ihnen jedoch unschwer, weit zurückliegende Plätze zu bekommen. Es waren ungefähr dreißig bis vierzig Personen in dem Raum.

Mit dem Glockenschlag öffnete sich eine im Hintergrund gelegene Tür. Sarata trat ein, hielt in schlechtem Englisch eine kurze Ansprache. Die beiden Freunde hätten den Alten kaum wiedererkannt, wenn sie nicht genau gewußt hätten, daß er es war. Wo war das Lumpenkleid geblieben, das er in Lahore getragen? Der hagere Körper war in phantastisch prächtige Gewänder gehüllt. Den Kopf zierte ein weißer Turban von kolossaler Größe.

Als er seine Ansprache geendet, trat das Medium in den Saal . . . Majadevi. Auch sie kaum wiederzuerkennen in den prunkvollen Seidengewändern. Kaum war sie in den Raum getreten, verzögerte sich ihr Schritt, als wolle sie stehenbleiben, die Augen wie in der Trance starr geradeaus gerichtet. Ein sensibles Zucken lief über die Muskeln ihres Gesichtes, als suche sie etwas zu fühlen, was ihren Blicken verborgen war.

Im gleichen Augenblick legte Stamford seine Hand schwer auf Gorms Arm.

»Raffen Sie sich zusammen!« flüsterte er ihm zu. »Leisten Sie heftigsten Widerstand! Sie müssen Ihre Gedanken aufs stärkste nach anderer Richtung konzentrieren, sonst . . . verderben Sie alles. Unsere Fahrt! Denken Sie daran . . . Denken Sie! Ich werde Ihnen helfen.«

Gorm gelang es nur schwer, dem Rat zu folgen. Doch unter dem Druck der Hand Stamfords fühlte er nach und nach, wie die Spannung in ihm schwächer wurde.

Majadevi war langsam neben den Inder getreten. Der hatte ihr Zögern nicht bemerkt. Wandte sich zu ihr mit einem Gesicht, das Freundlichkeit ausdrücken sollte und doch nur eine pockennarbige Fratze blieb.

Die Vorführung begann mit telepathischen Tricks, wie sie die großen Taschenspieler zu bringen pflegen. Sarata und sein Medium bedienten sich dabei der englischen Sprache, die Majadevi geläufig zu beherrschen schien. Die Zuschauer konnten sich nicht allzusehr für diese Darbietungen erwärmen.

Nach einer kleinen Pause begannen Experimente mit Personen aus dem Publikum. Alsbald wurden lebhafte Ausrufe der Verwunderung, des Staunens laut. Hier, wo jeder schwindelhafte Trick ausgeschlossen war, zeigte das Medium Gaben, die an das Übernatürliche grenzten.

Das Medium hatte während dieser Zeit mit verbundenen Augen auf einem Stuhl neben dem Tisch des Inders gesessen. Jetzt erklärte dieser, er werde zu einigen besonders schwierigen Versuchen übergehen.

Ein Ruhebett wurde in den Raum gerollt. Von Sarata geleitet, legte sich das Mädchen darauf. Dieser entfernte die Binde von ihren Augen und blieb eine Weile über sie gebeugt. Es war klar, daß er sie jetzt in den Tiefschlaf versetzte. Ehe er nun begann, bat er, nur wenige Fragen zu stellen, um die Kräfte des Mediums nicht allzusehr anzustrengen.

Einer aus dem Publikum rief:

»Was wird mit Coiba?«

Sekundenlange Stille . . . dann kam es eintönig, in abgebrochenen Sätzen von den Lippen des Mädchens:

»Alles Menschenwerk, den Brand zu löschen, wird vergeblich sein. Ein großer Schrecken wird durch die Welt gehen . . . Ich sehe, wie gar mancher sich rüstet, zu fliehen . . . und dann . . . ein Gott kommt vom Himmel herab zur Erde . . . der senkt sich nieder über Coiba . . . die Flügel rauschen um seine Schultern . . . er streckt die Hand aus . . . der Brand erlischt . . . Die Menschen knien vor ihm . . . ihre Dankgesänge steigen zu ihm empor . . . doch er wendet sich ab . . . ich sehe ihn nicht mehr . . .«

Ihre Arme hatten sich erhoben, bewegten sich, als griffen sie nach einem Gegenstand. Man sah, wie es in ihrem Gesicht zuckte wie in Angst und Not . . . Dann plötzlich . . . die Hände schlossen sich, ein frohes, glückliches Lächeln trat in ihr Gesicht.

Der eintönige Klang der Stimme war verschwunden. Fast schrie sie die Worte:

»Jetzt sehe ich ihn wieder. Er kommt zu mir . . . nimmt mich mit sich . . .«

Die Zuhörer schauten sich fragend an. Man sah die Zweifel in vielen Mienen. Und doch schienen sie alle unter einem unerklärlichen Bann zu stehen. Jeder fühlte das Außergewöhnliche dieser Worte.

Der Inder hatte sich unmerklich näher und näher an das Medium herangeschoben. Man sah, wie es in seinem Gesicht trotz aller Selbstbeherrschung arbeitete. Auch ihn schienen die Worte tief erregt zu haben. Jetzt streckte er die Hand aus und strich dem Medium, das wieder zurückgesunken war, über die Stirn . . . flüsterte in fremder Sprache eine Weile, bis die tiefen Atemzüge des Mädchens zeigten, daß sie wieder in voller Trance war.

»Nur noch eine Frage«, wandte sich Sarata jetzt zum Publikum, »kann ich den Herrschaften gestatten. Irgend etwas muß auf das Medium außerordentlich störend wirken. Eine große Anstrengung würde von nachteiligen Folgen für ihre Gesundheit sein.«

Ein Dutzend Fragen scholl ihm entgegen. Der Inder zuckte die Achseln.

»Meine Herrschaften, ich möchte nicht den Verdacht erwecken, daß ich mir eine besonders genehme Frage herausnehme. Ich bitte Sie, sich selbst darüber zu einigen, welche von den gestellten Fragen ich an das Medium richten soll.«

Geraume Zeit herrschte lautes Stimmengewirr in dem Raum. Endlich hatte man sich auf die Frage geeinigt: Wo ist Gorm?

»Wo ist Gorm?« wiederholte der Inder, innerlich lächelnd. Die Frage war ihm auf seinen Reisen schon mehr als einmal vorgelegt worden. Er wandte sich zu dem Mädchen und stellte in englischer Sprache die Frage.

Alles starrte gespannt auf Majadevi.

Die lag wie tot, die Lippen geschlossen. Über die Augen Saratas lief ein nervöses Zucken. Er trat ein paar Schritte näher an Majadevi heran, wiederholte die Frage.

Wiederum keine Antwort. Nur der Inder sah an den leichten Bewegungen der Stirnhärchen, daß es dahinter arbeitete. Woher dieser Widerstand, fragte er sich. Er wandte sich mit ein paar entschuldigenden Worten an das Publikum. Ließ dabei seine Blicke scharf über die Gesichter gleiten. Als er über die hinterste Reihe blickte, durchzuckte ihn ein heftiger Schreck.

Die beiden Augen, in die er da geschaut . . . nie wieder im Leben würde er den harten Blick vergessen. Seine Hand glitt in die Tasche, umklammerte eine kleine Elfenbeinkugel . . . Er wandte sich um, schloß sekundenlang die Augen. Alle Gedanken auf diese Kugel gerichtet, machte er sich mit heftigster Anstrengung frei von dem Bann.

Ein Wettkampf zweier stärkster Kräfte.

Er trat dicht neben das Medium, ergriff ihre Hand, hielt sie lange in der seinen. Fragte dann, jedes Wort betonend, die alte Frage:

»Wo ist Gorm?«

Da war es, als wenn das Medium von stärksten Fieberschauern überfallen wäre. Die Glieder schlugen zuckend hin und her. Die Lippen öffneten sich . . . schlossen sich wieder. Ein grauenhafter Kampf, in dem alle Nerven des Mädchens hin und her gerissen wurden.

Auch der Zuschauer bemächtigte sich große Erregung.

»Genug! . . . Genug!« schrie es von allen Seiten. Einige der Vordersten sprangen auf, eilten auf den Inder zu.

Der ließ die Hand des Mediums fallen, stand tief atmend. Der Vorderste, der in seine Augen blickte, fuhr erschrocken zurück, als hätte ihn der Blick eines rasenden Tieres getroffen.

In dem allgemeinen Durcheinander fiel es nicht auf, daß die beiden Freunde sich durch eine Seitentür entfernten. Nur der Inder hatte ihr Verschwinden bemerkt. Schnell hatte er sich wieder ganz in der Gewalt.

»Meine Herrschaften! Ich bedaure sehr, daß eine stärkere Indisposition des Mediums mich zum Abbruch der Vorstellung zwingt. Doch zum Beweis, daß dem Medium nichts Ernstliches zugestoßen . . . sehen Sie hierher!«

Er beugte sich zu Majadevi, strich ihr ein paarmal leise über die Schläfen. Die schlug die Augen auf, sah sich um, stand auf. Verneigte sich vor den Umstehenden und schritt durch die Tür, durch die sie eingetreten, wieder hinaus.

*

Ronald Lee saß in seiner Werkstatt. Jede freie Minute, die ihm der Dienst im Observatorium ließ, hatte er seit jenen Tagen, an denen er die Papiere seines Oheims in die Hände bekommen, dazu benutzt, sich in dessen Gedankengänge einzuleben.

Immer wieder hatte er die Berechnungen und Konstruktionen durchgearbeitet. War dann selbst zur zeichnerischen Konstruktion eines Raumschiffes geschritten. Hatte das in verschiedenen Typen variiert. Rechnung und Konstruktion stimmten stets überein.

In einem billigen Mietsraum hatte er sich mit notdürftigen Mitteln eine Werkstatt geschaffen. Den Bau eines Modells unter Aufopferung des letzten Schillings durchgesetzt.

Er stand davor, betrachtete seine Schöpfung. Sah, wie die Strahlen der Frühlingssonne um die blanken Metallteile spielten. Fuhr liebkosend über sein Werk.

Und wenn keiner an dich glaubt, so tue ich es. Einmal wird doch der Tag kommen, wo dein starker Bruder den Flug ins All antritt. Den Namen »Jonas Lee« in blanken Lettern an seinem Bug . . . den Namen des ersten Pioniers der Raumschiffahrt soll er zu neuem Ruhme führen . . .

Wer gewußt hätte, mit welchen Fehlschlägen, Enttäuschungen Ronald Lee ununterbrochen gekämpft . . . er hätte dessen erfolgbewußte Miene, dessen siegesgewisse Worte schwer begriffen.

Es war Sonntag. Den Tag der Ruhe wollte er benutzen, an Violet, seine Schwester, zu schreiben. Von Kindheit an in engster geschwisterlicher Liebe mit ihr verbunden, war er gewohnt, all das, was ihn bewegte, ihr anzuvertrauen. Sie wußte bereits von dem Erbe des Oheims, doch hatte er sie gebeten, darüber zu schweigen. Jetzt schrieb er ihr nach langer Zeit all das, was er inzwischen getan. Verschwieg ihr nichts von den Enttäuschungen . . . ließ aber klar durchblicken, daß auch nichts ihm die Hoffnungen auf ein glückliches Zuendebringen seiner Pläne rauben könne.

Bat sie scherzend, ihm doch dort unten ein Konsortium von mammonbeschwerten Interessenten zusammenzubringen. Billig sei der Spaß nicht, weshalb es unbedingt ein Konsortium sein müsse. So einige hunderttausend Pfund dürften nötig sein. Der Brief schloß: »Indem ich Dich vor mir sehe, mit dem Klingelbeutel die Hauptavenuen von Buenos Aires abwandelnd, verbleibe ich in alter Liebe Dein Ronald.«

»Der arme Ronald!« sagte Violet in weinerlichem Tone, als sie den Brief zu Ende gelesen.

»Warum, Miß Violet? Was ist mit Ihrem Bruder?« Hortense neigte sich zu ihr und schaute sie fragend an.

»Ach! Der dumme Junge! Diese Idee, nach den Sternen zu fliegen. Ist es nicht genug, daß unser Oheim elendiglich zugrunde gehen mußte. Und nun will er auch . . . und ich soll ihm noch das Geld zusammenbetteln. Ich werde ihm aber einen Brief schreiben . . .«

»Wie? Was?« Hortense lächelte. »Ihr Bruder Ronald, auch er? Das ist ja, als wenn das eine Krankheit in Ihrer Familie wäre. Fehlte nur noch, daß auch Sie mir entflögen . . . hinauf zu den Sternen.«

»Ach, liebe Miß Hortense, Sie spotten! Und wissen doch gar nicht, daß es dem Jungen so bitter ernst ist. Hier, lesen Sie doch selbst.«

Hortense las. Und je weiter sie las, desto ernster wurde ihr Gesicht. Als sie zu Ende gelesen, sah sie Violet mit unverhohlenem Interesse an.

»Miß Violet, entschuldigen Sie. Ich hielt das alles mehr für Scherz. Die Arbeiten Ihres Bruders interessieren mich sehr. Doch verstehe ich manches nicht. Vielleicht haben Sie noch den vorigen Brief, an den er hier anknüpft. Wenn es Ihnen nicht unangenehm ist, möchte ich Sie bitten, mir auch den zum Lesen zu geben.«

»Ach, Miß Hortense! Nun machen Sie auch noch solche Sachen. Ich will ihn ja gern holen. Aber es ist und bleibt doch schrecklich, daß Ronald nun vielleicht gar auch dasselbe Schicksal haben könnte wie mein Oheim Jonas.«

Nach kurzer Zeit war sie wieder da, brachte Hortense den Brief.

Die las ihn, wendete sich dann zu ihrem Vater, der, in seine Zeitung vertieft, am Fenster saß.

»Lieber Vater, du hast wohl unser Gespräch gehört. Möchtest du nicht auch einmal diese Briefe lesen?«

Der winkte statt einer Antwort, ohne das Gesicht, das hinter der Zeitung verschanzt war, zu zeigen, mit einem abwehrenden Schlenkern der Hand ab . . . las weiter.

Während die beiden Mädchen heftig disputierend die Briefe besprachen, ließ van der Meulen plötzlich die Zeitung sinken. Eine kurze Notiz da unten ganz zum Schluß:

»Professor van de Vrient aus Leiden, von einer Reise nach Batavia den Rückweg über Osten nehmend, besuchte Coiba. Er äußerte die stärksten Bedenken über die Gefahr, die zunächst den amerikanischen Kontinenten . . . später vielleicht der ganzen Erde drohen könnte . . .«

Bei dem Namen ›van de Vrient‹ hatte van der Meulen aufgemerkt. Er kannte ihn von der Heimat her sehr gut. Wußte, daß der, ein ernster Wissenschaftler, kein Wort sprach, das er nicht voll vertreten konnte. Van der Meulen sann angestrengt nach. Plötzlich, als wäre ihm eine Idee gekommen, sprang er auf.

»Die Briefe!«

Die beiden Mädchen schauten ihn halb erschrocken, halb erstaunt an. Violet erhob sich, reichte ihm die beiden Schriftstücke. Van der Meulen ging an seinen Platz zurück, las und las. Die beiden Mädchen waren verstummt, schauten sich an . . . wußten nicht, was dieser plötzliche Wechsel in van der Meulens Stimmung zu bedeuten hatte. Sahen, wie der immer wieder zurückschlug, von neuem die Briefe las – –

Endlich wandte er sich um.

»Miß Violet! Sie würden mir einen Dienst leisten, wenn Sie Ihren Bruder Ronald bitten wollten, hierherzukommen und eine Zeitlang unser Gast zu sein.«

»Mr. van der Meulen . . .« stotterte Violet, »ich verstehe nicht . . . ich begreife nicht. Ich glaube, Sie scherzen . . .«

»Warum soll ich scherzen. Miß Violet? Schreiben Sie, wie ich es Ihnen sagte.«

»Oh, das wäre ja köstlich . . . Ronald hier! . . . Ihn wiedersehen nach so langer Zeit . . . Oh, wie würde ich mich freuen . . .«

Violet tanzte und sprang vor Freude im Zimmer auf und ab.

»Und Sie, Miß Hortense . . . auch Sie werden sich freuen, wenn Sie ihn sehen. Wenn er nur erst hier wäre, der liebe, dumme Junge . . .«

Ein Diener trat mit einem Brief in der Hand ein, schritt auf Hortense van der Meulen zu. Die sah schon von weitem an der Form des Umschlages, woher der Brief kam. Deutete nach ihrem Vater hin. Der öffnete ihn, las.

»Liebe Hortense!« . . . »Ah, Verzeihung, Hortense, der Brief ist ja an dich . . .«

»Oh, bitte, lieber Vater, Geheimnisse stehen ja nicht darin. Lies nur weiter . . . Was ist's denn . . . eine Einladung?«

Van der Meulen nickte.

»Ja! Eine interessante Sache. Hört mal, ihr Mädchen! Wir lasen doch in der Zeitung von dem Auftreten dieses rätselhaften indischen Paares in Buenos Aires. Die Leistungen des Mediums sind ja phänomenal . . .«

»Und? . . .« unterbrach ihn Hortense. »Und? Was schreibt Robert Canning darüber?«

»Denkt euch nur, er hat, wie er schreibt, es mit größter Mühe vermocht, den Inder dahin zu bringen, daß er mit seinem Medium hier in Cannings Haus eine Privatséance geben wird.

Morgen abend um acht Uhr wird die Vorstellung stattfinden. Wir sind allesamt eingeladen.«

»Oh, wie nett von Mr. Canning!« Violet klatschte in die Hände. »Wie habe ich mir immer gewünscht, wenn ich die Zeitung las, einer solchen Sitzung beizuwohnen.«

»Nun, da wird uns ja wohl nichts anderes übrigbleiben, als der Einladung zu folgen«, erwiderte Hortense lachend.

»Abgemacht«, sagte van der Meulen. »Ich werde dem Boten Bescheid mitgeben.«

*

Es war am Spätnachmittag des folgenden Tages. Auf dem weiten Hof von Santa Marguerita waren die Familienmitglieder versammelt. Sidney Stamford und sein Freund Weland drückten jedem noch einmal die Hand, stiegen in ihre Flugjacht.

Der Abschied war etwas schnell gekommen. Gegen Mittag waren die beiden aus der Stadt zurückgekehrt, hatten erklärt, schleunigst abreisen zu müssen.

Eine Stunde später hatte Sidney Stamford in dem Maschinenschuppen eine ziemlich lange Unterredung mit Tim Bröker gehabt. Als sie sich trennten, hatte Tim eiligen Schrittes den Weg zu der Pferdekoppel eingeschlagen . . .

In einem wirren Gemisch von Spanisch und friesischem Platt murmelte er verrücktes Zeug . . .

›Ist mir's doch wie dem Akkumulator, dem ich mal hundert statt zwanzig Amperestunden in den Bauch jagte . . . ging aus allen Fugen . . . und ich . . . ich platze . . .

Großartig! . . . Junge, das gibt ein Ding! . . . Endlich mal wieder ein Ding!‹

Mit einem Jubelruf warf er seinen Riesensombrero in die Luft.

›Endlich mal ein Grund, wo Tim Bröker mit Anstand den Anker fallen lassen kann!‹ . . .

An der Koppel angelangt, wählte er mit Bedacht den besten Renner aus, fing ihn, schwang sich darauf. In voller Karriere jagte er nach Norden.

Er mochte wohl zwanzig Kilometer hinter sich haben. Der Gaul war über und über mit Schweiß bedeckt. Jetzt ritt er dem Walde zu.

Durch eine breite Schneise sah man da hinten eine weite Lichtung, eine ebene Waldwiese.

Tim Bröker hielt an, sprang zur Erde.

›Möchte wissen, wo man auf der Welt einen schöneren versteckten Landungsplatz für eine Jacht hätte, als diese Lichtung hier . . . Pferde muß ich noch haben . . . Ja, da draußen weiden ja genug. Aber die Sättel . . . verflucht! Wo kriege ich die her? . . . Ich? Was brauche ich einen Sattel . . . aber die anderen Herrschaften . . .

Nun, dazu habe ich noch Zeit . . . bis die Nacht kommt, werde ich auch die Sättel haben.‹

Er warf sich ins Gras und schaute unverwandt nach Süden. – –

›Ah! Da sind sie schon!‹ Er sprang auf, brach sich einen Ast, befestigte seinen Poncho daran und winkte damit heftig in der Luft.

Ein kurzes Manöver der Flugjacht zeigte ihm, daß er verstanden war. Die Sonne sank unter den Horizont. Das Flugschiff ging tief hinunter, folgte der Schneise und setzte in der Lichtung auf.

»Schönes Plätzchen, das hier, meine Herren!« begrüßte Bröker Gorm und Stamford. »Selbst der schlimmste Pamperosturm würde das Schiff hier nicht losreißen.«

»Und die Pferde?« unterbrach ihn Stamford.

Bröker machte eine wegwerfende Bewegung.

»Pferde gibt's hier überall. Mit dem hier . . .« er zeigte auf seinen Lasso . . . »fange ich, soviel Sie haben wollen.«

»Gut, lieber Tim! Vergessen Sie nicht, daß wir uns unbedingt auf Sie verlassen. Es bleibt alles so, wie ich's Ihnen heut mittag sagte.«

Tim Bröker nickte.

»Der Teufel soll mich holen, wenn's an mir liegen sollte.«

*

Die Schatten der Dämmerung lagen bereits über Buena Vista, als van der Meulen mit Hortense und Violet nach Cannings Hazienda fuhr. Mit einem geheimen Unbehagen hatte Hortense die Nachricht von der Einladung empfangen.

Sie hatten den Tee in Cannings Park genommen, gingen jetzt ins Haus. Van der Meulen griff zum Radiohörer, hörte die letzten Börsenberichte. Canning bat Hortense, mit ihm in die Bibliothek zu gehen, die letztangekommene Sendung zu besichtigen.

Mit unverhohlener Freude betrachtete sie hier die schönen, interessanten Werke, die auf dem Tisch aufgestapelt waren.

Canning trat dicht an sie heran, legte den Arm um ihre Schulter, versuchte sie an sich zu ziehen. Sein Mund, dicht an ihren Kopf geneigt, flüsterte heiße Liebesworte in ihr Ohr. Sie suchte sich frei zu machen. Ein Zittern ging durch ihren Körper. Kalte und heiße Ströme fluteten über sie hinweg. Sie wandte sich zur Seite, er preßte seinen Mund auf ihren Nacken. Das alte Gefühl von Freude und Schreck, das sie stets empfand, wenn sie mit ihm allein, wurde wieder in ihr wach. Wehrlos, schwach stand sie da. – Er wollte sie auf den Mund küssen, da ging ein Schauer durch ihren Körper, sie fühlte seinen warmen Atem. Unter den heißen Blicken, mit denen er sie umfing, preßten sich ihre Lippen fest aufeinander, wie in dem Abwehren einer schmerzlichen Scham. Mit einer verzweifelten Bewegung entwand sie sich ihm. »Nein! – Nicht! Lassen Sie mich, Roberto –«

Sie trat zum Fenster, sog tief atmend die kühle Abendluft ein. Die entsetzensvolle Leere, die verzweifelnde Angst, der ganze schmachvolle Jammer der vergangenen Tage und Wochen überfiel sie.

»Hortense, seien Sie nicht grausam!« Canning suchte ihre Hand zu fassen . . . sie entzog sie ihm.

»Hortense!« Cannings Stimme klang weich. »Ihr kaltes, mißtrauisches Benehmen kränkt mich tief. Womit habe ich das verdient nach so vielen Beweisen meiner Ehrerbietung, meiner heißen Liebe?«

Hortense fühlte, wie seine Lippen ihr Haar streiften. In ihrem Ohr klangen die schönen, schmeichelnden Töne, deren Zauber sie immer wieder unterlag.

»Um meiner Seelenruhe willen lassen Sie mich . . . ich kann nicht . . . ich will nicht . . . Sie selbst fühlen es, sagen es . . . etwas Unerklärliches ist in mir vorgegangen, etwas Fremdes ist zwischen uns getreten, etwas, was mir Entsetzen einflößt, wenn ich . . .«

»Entsetzen?! . . .« Cannings Stimme zitterte. Er war erblaßt.

»Ja, Entsetzen!« wiederholte sie deutlicher, unerbittlich gegen sich selbst. »Was es ist? – Ich weiß es nicht, weiß nur, daß ich darunter leide, wie unter einer Marter und einem Spiel.«

»Hortense, Sie müssen mir eine Erklärung geben, Sie sind es mir schuldig. Schenken Sie mir ein wenig Vertrauen, lassen Sie mich teilnehmen . . .« Canning wollte auf sie zutreten, doch sie streckte ihm abwehrend die Hand entgegen.

»Verzeihen Sie mir, Hortense, wenn mein Wunsch, Ihnen zu helfen . . . ich will mich bezwingen . . .

Sie äußerten doch mehrfach, Sie möchten gern reisen. Wenn Sie nicht warten wollen, bis wir verheiratet . . . ich wüßte nichts Schöneres, als mit Ihnen . . .«

»Verzeihung, Mr. Canning, Mr. van der Meulen wünscht Sie zu sprechen.« Violet hatte den Vorhang weit zur Seite geschoben, stand in der Öffnung.

»Wir kommen, kommen sofort«, rief Hortense wie erlöst. Ein dankbarer Blick streifte Violet, als sie an ihr vorüberschritt.

Van der Meulen legte den Radiohörer aus der Hand, als Canning eintrat. »Denken Sie sich, Don Roberto, die letzten Nachrichten vom Isthmus brachten wieder längere Berichte über die Deroute am Grundstücksmarkt da oben.«

»Wieso . . . Warum?« fragte Canning. »Ist etwas Neues, Wichtiges auf Coiba vorgegangen? . . . Der Brand gefährlicher . . .«

»Nein, durchaus nicht. – Aber irgendein paar Hasenfüße auf dem Festland, Coiba gegenüber, haben Hals über Kopf ihren Besitz verkauft, verwirren auch anderen den Kopf. Man will auch festgestellt haben, daß Agenten aus der Union diese Beunruhigung durch Ausstreuung schlimmer Gerüchte geflissentlich steigern. Die verkauften Besitzungen sind fast ausnahmslos für ein Butterbrot in die Hände von Nordamerikanern übergegangen.

Der Zweck der Übung ist klar. Man benutzt die Gelegenheit, um Mittelamerika noch kräftiger zu anglisieren.«

»Man scheint danach in den Staaten die Gefahr von Coiba nicht sehr tragisch zu nehmen«, erwiderte Canning.

»Scheint mir auch so, Don Roberto. Man verläßt sich anscheinend darauf, daß, wenn die sogenannte Gefahr wirklich zu groß ist, der Brand mit den einfachsten natürlichen Mitteln gelöscht werden muß, nämlich mit Wasser.«

»Aber Vater!« mischte sich Hortense ein, »das wenigstens ist mir aus dem Bericht deines Freundes van de Vrient klar geworden, daß ein Atombrand nicht mit Wasser zu löschen ist, und wäre es auch der ganze Pacific.«

»Hortense hat recht, Mr. van der Meulen. Handelt es sich tatsächlich um einen Atombrand auf Coiba, so würde ihm mit Wasser nicht beizukommen sein. Die Idee ist absurd«, warf Canning ein.

»Denkt, wie ihr wollt«, sagte van der Meulen. – »Doch halt . . . vielleicht erfahren wir noch heute abend die Lösung des Rätsels . . .«

»Wie meinen Sie, Mr. van der Meulen?«

»Nun, wir werden einfach das allwissende Medium Majadevi befragen. Bin neugierig, wie die sich zu der Frage stellen wird. Als kluge Pythia wird sie wohl etwas delphisch antworten.«

»Die Frage ist nicht nötig.« Canning zog ein Zeitungsblatt aus der Tasche, reichte es van der Meulen. »In der letzten Sitzung in Buenos Aires wurde diese Frage bereits an das Medium gerichtet. Ein Teilnehmer hat die Antworten des Mediums mitgeschrieben und in der Zeitung veröffentlicht.«

Van der Meulen nahm das Blatt und las den Zeitungsbericht vor. Lachte dann laut los. »Nun, da wären wir ja ein ganzes Stück klüger. – Gott schickt einen Engel, der mit seinen Flügeln den Brand ausweht. Ja, ja! Schade, Don Roberto! Die gespannte Neugierde, mit der ich diese Majadevi erwartet, ist durch diese etwas reichlich kindliche Antwort um einige Grade gesunken.«

»Mag sein, Mr. van der Meulen, daß die Worte des Mediums sich gedruckt etwas naiv ausnehmen. Wenn Sie aber weiterlesen, werden Sie finden, daß der Eindruck der gesprochenen Worte auf die Teilnehmer der Sitzung sehr stark gewesen ist. Wie überhaupt . . .«

»Lassen wir den Streit, Don Roberto, wir werden ja gleich mit eigenen Augen und Ohren das Wundermädchen kennenlernen.«

»Gewiß, ich denke, der Inder wird bald anfangen können. Gehen wir!«

Canning wandte sich lachend zu den Damen. »Der Kerl ist von einer exemplarischen Häßlichkeit. Wie der zu der schönen Enkelin kommt, erscheint mir reichlich dunkel. Denn diese Majadevi ist ein hervorragend schönes Geschöpf. Der Alte ist übrigens sehr besorgt um sie. Mein Mayordomo wollte ihn in der oberen Etage installieren, die Enkelin im Erdgeschoß. Der Inder protestierte aber so lange, daß ich mich schließlich ins Mittel legen mußte. Nun sind sie beide im Erdgeschoß einlogiert. Wie schon gesagt, Sarata hütet das Mädchen wie seinen Augapfel, wie's scheint.

Gehen wir gleich in den großen Speisesaal!«

Dort fanden sie zu ihrem Erstaunen das Medium allein in einem Stuhle sitzend.

Beim Eintritt der Gesellschaft erhob sich das Mädchen, ging ein paar Schritte auf sie zu und erklärte in ziemlich geläufigem Englisch, ihr Großvater sei noch einmal nach unten gegangen, noch etwas zu holen.

Hortense trat mit Violet auf die Fremde zu und reichte ihr die Hand. Vergebens suchte sie nach passenden Worten, um eine Unterhaltung anzuknüpfen. Sie, die Weltgewandte, wußte dem seltsamen Gast gegenüber nur ein paar banale Redensarten zu finden. Die Fremde antwortete nur wenige Worte, zeigte überhaupt eine seltsame Zurückhaltung. Das blasse Oval des schönen Gesichtes blieb starr. Die Augen, jetzt teilnahmlos, fast leer der Blick, jetzt unruhig umhersuchend wie in Erwartung oder – Furcht. Und doch lag über der schlanken, fast kindlichen Gestalt ein seltsamer Liebreiz.

Violet in ihrer impulsiven Art glaubte den Bann brechen zu können. Sie schob ihren Arm unter den Majadevis, zog sie in mutwilliger Gangart der Glasveranda zu, wo der Radioapparat gerade noch die letzten Takte eines Tanzes hören ließ. Dabei sprudelte sie über von lustigem Geplauder. Die Fremde folgte nur schwach widerstrebend. Ihre leichtgebräunten Wangen röteten sich, als ob sie eine schamhafte Schüchternheit überwinden müsse. In ihren Augen leuchtete es hell auf, ein Schein von Freude zuckte über ihre Züge.

Eben faßte Violet sie um, den Rhythmen des Tanzes zu folgen, da blieb das Mädchen plötzlich stehen. Seine Augen blickten in zögernder, wortloser Angst zu dem gegenüberliegenden Saaleingang, durch den eben Sarata trat. Der rief ihnen zu, weiterzutanzen, da schwieg die Musik.

»Ah, schade, meine Herrschaften! So entgeht Ihnen die Gelegenheit, Majadevi tanzen zu sehen.« Er schnalzte mit einem widerwärtigen Lächeln laut mit der Zunge.

»Sie tanzt unsere heimatlichen Tänze mit höchster Vollendung. Ich hatte die Gelegenheit, vor dem Maharadscha von Delhi eine Vorstellung zu geben, bei der Majadevis Tanz den Maharadscha so entzückte, daß er sie gern für seine Bajaderengruppe behalten hätte.«

»Nun, vielleicht tanzt Ihre Enkelin heute abend doch«, wandte sich Canning an den Inder. Er machte dabei einen Griff nach seiner Brieftasche, wie um anzudeuten, daß er diesen Tanz besonders honorieren würde.

Sarata überlegte kurz, trat dann zu dem Mädchen und sprach ein paar Worte in indischer Sprache zu ihr. Majadevi nickte und schritt aus dem Saal.

»Während meine Enkelin sich zu dem Tanz umkleidet, darf ich den Herrschaften vielleicht ein paar Worte über das Schicksal meiner Enkelin sagen.

Ich hatte eine einzige Tochter, mit der ich eine Zeitlang in Peschawar lebte. Ein russischer Kaufmann, der öfters nach Peschawar kam, heiratete sie und nahm sie mit sich nach Andijan. In dem bolschewikischen Aufstand sind die beiden ums Leben gekommen. Ich befand mich gerade auf der Reise zu ihnen. Als ich nach Andijan kam, fand ich Majadevi bei mitleidigen Leuten, die sich des verwaisten, hungernden Geschöpfes angenommen hatten.

Das arme Kind, es war damals vierzehn Jahre alt, kannte mich nicht wieder. Folgte mir nur widerstrebend. Es war durch die schrecklichen Ereignisse halb wahnsinnig geworden. Man hatte Majadevi bewußtlos in den Armen der toten Mutter gefunden. Ich begab mich mit ihr nach Lahore. –

Natürlich hörten auch wir in Lahore von dem aufsehenerregenden Flug Jonas Lees zum Mond und der Wahrscheinlichkeit, daß er dort umgekommen.

Es war am Abend vor jenem Tage, an dem die Leichen Lees und seiner Gefährten im Hydepark in London gefunden wurden. Ein paar Bekannte waren bei mir. Wir sprachen über allerlei, aber ganz bestimmt nicht über Lee, der doch stark in Vergessenheit geraten war. Majadevi saß in einer Ecke und schlief anscheinend. Plötzlich fing sie an zu sprechen. Ihre Worte, wie im Schlaf gesprochen, erschienen uns als wirre Träume. Sie redete von einem Mann, der im feurigen Wagen zum Himmel fuhr . . . auf dem großen, blanken Stern haltmachte . . . fünf tote Männer, die dort begraben, mit sich in seinen Wagen nahm, sie zur Erde zurückbrachte, zur Heimat. –

Wir lachten, denn das, was ich Ihnen so kurz sagte, erzählte sie in langen, weitschweifigen Sätzen. Nachdem sie geendet, trat ich zu ihr, wollte sie wecken. Sie schlug die Augen auf, sah mich verständnislos an, als ich sie fragte, was ihr Kauderwelsch zu bedeuten habe. Sie behauptete, von all dem Gesagten nichts zu wissen.

Als am nächsten Abend die Radiowellen uns die Nachricht von dem Fund im Hydepark brachten, kam uns allen sofort das sonderbare Benehmen Majadevis in Erinnerung. Ich . . .«

Der Inder hielt an, wandte sich zur Tür, durch die Majadevi eintrat. Sie schritt bis zur Mitte des Saales, blieb dann stehen. Die Arme über der Brust gekreuzt, den Kopf leicht geneigt, die ganze Gestalt in einen großen Schleier gehüllt.

Der Alte setzte eine kleine Flöte an die Lippen und spielte ein paar weiche, lockende Töne. Wie von der Musik gestreichelt, verlor der Körper der Tänzerin die Starrheit. Die Glieder reckten sich, ein zaghaftes Schreiten – ein scheues Zurückweichen, das allmählich in rhythmisch bewegte Biegungen und Drehungen übergeht.

Da schlägt die Musik plötzlich um, der Rhythmus wird schneller, die Töne der Flöte jagen in wilder Folge. – Ein Vorwärtsstürmen der Tänzerin, daß das dunkle Schleiergewand, das sie umhüllt, sich löst – davonflattert – liegenbleibt. Wie eine dunkle Wolke das Haar über die schmächtigen Schultern herabgesunken. Jetzt steht sie still. Die geöffneten nackten Arme vereinigen sich über dem Kopf zu einer Spitze. Von ihren Schultern lösen sich leichte, silberweiße Schleier. Wie aus sinkendem Wellenschaum aufgetaucht steht sie. Glitzernde Ketten, große, goldene Ringe schlingen sich um die Arme, die entblößte Brust, den Nacken. – Immer schneller die aufreizenden Töne der Flöte. – Der Körper unter dem von Metallschuppen glänzenden seidenen Gewand beginnt zu vibrieren. Der Rücken spannt sich zum Sprung . . . dann fliegt sie pfeilschnell dahin. – Die jagenden Töne der Flöte wie in wildem Chaos. – Die Tänzerin, die Arme weit von sich gestreckt, den Kopf in den Nacken geworfen, mit dem gelösten Haar den Erdboden fegend, wirbelt in rasenden Drehungen – jetzt wie sich berauschend in höchstem Glück, jetzt wie furchtsam zusammenschauernd in verzweifelter Angst. –

Die Musik brach kurz ab – wie in jähem Schreck erstarrt blieb die Tänzerin stehen. Dann ein paar flüchtige Töne der Flöte – andere hinterher – sie formen sich zu weich schmelzender Melodie. Die Tänzerin steht leicht vornübergebeugt, der neuen Weise lauschend. Die gespannten Muskeln lösen sich, die Augen, wie aus Schlaf erwacht, blicken um sich her, geblendet von dem Licht. Ein Lächeln spielt wie ein Schatten um ihren Mund, geht aufwärts, bis es sich in den Augen sammelt. Der leicht bewegte, fast kindliche Zug zeigt sich wieder um die leise geöffneten Lippen. Wie in seltsamer, stiller Erwartung legen sich die Hände um die schmalen Hüften.

Das laute Beifallsklatschen, die freudigen Zurufe der Gesellschaft schienen die Tänzerin erst zu vollem Bewußtsein zurückzurufen. Sekundenlang richtete sie sich hoch auf, ihr Mund öffnete sich, als wolle sie schreien, ihre Brust hob sich unter keuchenden Atemzügen. Violet wollte aufstehen, zu ihr eilen, da stand der Inder schon bei ihr, strich leise die Haarlocken aus den Schläfen zurück, sprach halblaut ein paar Worte zu ihr. Ihre Mienen verschleierten sich, sie atmete tief auf, ein müder, fast klagender Blick traf Violet, dann trat der starre, teilnahmlose Ausdruck wieder in ihr Gesicht. Der Inder fuhr ihr über die Augen. Die schlossen sich. Er führte sie zu einem Ruhesessel, ließ sie sich setzen.

»Meine sehr geehrten Herrschaften« – der Inder wandte sich mit einer tiefen Verbeugung zu Canning –, »ich gehe jetzt zu dem eigentlichen Programm über. Ich bitte Sie, falls Sie sich über die Fragen, die Sie an Majadevi richten wollen, noch nicht einig sein sollten, diese miteinander zu besprechen. Ich verlasse für kurze Zeit den Saal. – Majadevi schläft.«

Kaum hatte der Alte den Raum verlassen, da sprang Violet auf, eilte, von einem unerklärlichen Gefühl von Mitleid getrieben, zu der Schlafenden.

»Dieser alte Schurke«, rief sie halblaut, zu Hortense gewandt, und drohte mit der Faust nach der Tür hin. »Nie und nimmer ist dieses liebe arme Ding Blut von seinem Blut! – Wer weiß, wie die Ärmste in die Hand dieses Scheusals gekommen ist?«

»Miß Violet!« Hortense war neben sie getreten, hielt ihr leicht die Hand vor den Mund.

»Und doch ist es so!« rief die trotzig. »Mein Herz sagt mir, daß ich recht habe.«

»Still, still!« warnte Hortense leise. »Ich denke wie Sie, liebste Violet, und doch . . . die Worte des Alten . . . vielleicht, daß sie doch wahr sind . . . Beherrschen Sie sich, denken Sie, wie unangenehm für Don Roberto, wenn . . .«

»Nun, seid ihr euch einig über die Frage?« rief die Stimme des alten van der Meulen.

»Wie? – Ich? – Ich will nicht fragen, will nicht . . .«

»Oho, Miß Violet! Sie hätten keinen Wunsch, das Orakel danach zu fragen?«

»Nein, ich . . .« Noch ehe Violet ausgesprochen, klang die Stimme Hortenses dazwischen: »Nein, ich auch nicht! Ich verzichte . . .«

»Wie, Hortense! . . . Sie wollen nicht . . . Ihre Mienen . . . Was ist Ihnen? Mißfällt Ihnen der Abend . . . Sie hegten doch selbst den lebhaften Wunsch . . .«

»Nein, Don Roberto. Ich habe dasselbe Gefühl wie Miß Violet. Dieses arme Geschöpf . . . ich weiß nicht, wie ich Ihnen meine Gedanken erklären soll. Jedenfalls . . . der Alte flößt mir solchen Abscheu und Widerwillen ein . . . ich bedaure die Arme, die in seinen Händen ist. Sie muß unter einem geheimnisvollen Zwang stehen.«

»Aber, Hortense, ich bitte Sie, wie kommen Sie auf solche Ideen . . . ich bin überzeugt, Sie irren . . . Wenn Sie wie ich gesehen hätten, mit welcher Liebe und Sorgfalt der Alte seine Enkelin umgibt . . .« Der Eintritt des Inders unterbrach das Gespräch. Der, als läse er in den Gesichtern der jungen Mädchen, streifte sie mit einem versteckten spöttischen Blick, wandte sich an Canning.

»Haben die Herrschaften irgendwelche besonderen Wünsche?«

Canning blickte fragend um sich. »Nein – doch verfolgen Sie vielleicht ein ähnliches Programm wie in Buenos Aires. Ich meine, fangen Sie mit den telepathischen Tricks, oder wie Sie es nennen wollen, an.«

Der Inder verbeugte sich, trat zu Majadevi, legte kurz die Hand auf ihre Stirn.

Dann zeigte er in allerdings verblüffender Art telepathische Experimente schwierigster Art.

Alle, auch die beiden Mädchen, die nur schwer den Widerwillen gegen den Alten verbargen, äußerten ihr Erstaunen über die unerklärlichen Gaben des Mediums.

» Goddam«, brummte van der Meulen gedankenverloren vor sich hin. »Verflucht feine Tricks! Der Teufel weiß, wie sie es machen. Hokuspokus bleibt's doch!

Aber jetzt werde ich mal das Orakel fragen.« Er zwinkerte den anderen vertraulich zu.

Alte Jugenderinnerungen waren in ihm aufgetaucht. Seine Heimat, ein kleines holländisches Fischerdörfchen . . . seine Geschwister . . . seine Eltern. Erinnerungen, die wohl fünfzig Jahre zurücklagen.

Er fragte durch den Mund des Inders. Die anderen konnten die Richtigkeit der Beantwortung nicht nachprüfen, da ihnen diese kleinen Jugenderinnerungen van der Meulens nicht bekannt waren. Doch sahen sie mit einer leichten Schadenfreude, wie bei den Antworten des Mediums Erstaunen, Verwunderung sich immer stärker auf van der Meulens Gesicht ausprägten. Der schüttelte den Kopf.

»Kinder, ist so was möglich?! – Es stimmt! Stimmt alles, was das Mädchen sagt. Wie kann einer das erklären?« Seine Stirn zog sich in Falten, vielleicht, daß der schlaue Alte sich vorher erkundigt hätte? Nein, ausgeschlossen, das meiste wußte außer ihm kein Mensch.

»Doch jetzt noch eine Frage, über die wir alle Bescheid wissen. – Wo war . . .« er legte die Hand auf Cannings Schulter, »dieser Herr hier vor drei Wochen?«

Der Inder wiederholte die Frage an das Medium. Ein unmerkliches nervöses Zucken ging über Cannings Gesicht. Er schloß die Augen, konzentrierte mit stärkster Willensanstrengung seine Sinne auf Amsterdam und London. Zwang die wohlbekannten Städtebilder, Straßen, Hotels, Bekannte vor sein geistiges Auge. Er biß die Zähne aufeinander, flüsterte unhörbar – »Der Osten . . . ich kenne ihn nicht . . . er ist verschwunden . . . ein graues Nebelmeer dort . . . nichts zu sehen für mich . . . für sie . . . keine Stadt dort, die ich kenne –« Seine Reise . . . so wie er sie den anderen erzählt hatte, er zwang sich, sie körperlich zu erleben . . . Er landete in Amsterdam, besuchte die bekannten Geschäftshäuser, fuhr dann über den Kanal nach London. Nichts existierte in seiner Einbildung als diese beiden Städte, die Geschäfte, die er in den Handelshäusern abschloß – die Theaterbesuche – er saß in der Oper, hörte die Musik, glaubte sie so deutlich zu vernehmen, daß sein Ohr in dem Genuß schwelgte – keinen Orient gab's, keine Stadt, die er dort besucht. –

Canning achtete nicht darauf, daß Sarata zu dem Mädchen getreten war, als dessen Antwort ausblieb. Der wiederholte die Frage leise, eindringlich. Warf Canning einen mißtrauischen Blick zu. Das nervöse Arbeiten in den Zügen des Mediums machte ihn stutzig. Er ergriff ihre Hand, fühlte, wie Majadevi einen schweren Kampf mit einem fremden, starken Willen kämpfte. Er wandte sich voll zu Canning. Durch die halbgeschlossenen Augenlider schickte er einen langen, durchdringenden Blick auf ihn.

Die anderen merkten nichts von diesem versteckten Ringen. Sie warteten mit Ungeduld auf die Antwort des Mediums. –

Endlich öffnete Majadevi die Lippen. »Ein Flugschiff, darin ein Mann . . . Es ist der Herr, dem es gehört, dem dies Haus gehört – das Schiff fliegt nach Norden über ein großes Wasser – der nächste Tag – die Sonne geht auf, das Schiff wendet nach Osten, der Sonne entgegen – eine Stadt am Meer – goldene Minaretts – das Schiff landet – ein Mann kommt . . . der Mann, ich . . . wer ist's, ich . . .« Das Gesicht, der ganze Körper des Mediums bebte in heftigster Erregung.

»Goldene Minaretts in London!? Ha, ha!« Van der Meulen konnte sich nicht halten. Er wandte sich mit triumphierendem Lachen an Canning. »Diesmal hat aber die Pythia gründlich danebengeraten. Allerdings, Konstantinopel – London, ihre Lage hat eine entfernte Ähnlichkeit . . . Nur die Minaretts! Ha, ha, Don Roberto, Minaretts in London!«

Canning wandte sich van der Meulen zu. Mit einer gewissen Anstrengung öffnete er die fest aufeinandergepreßten Kiefer, zwang sich zu einem Lächeln. Hortense allein, der die starke innere Erregung Cannings auffiel, die die kleinen Schweißtropfen auf seiner Stirn bemerkte. Ihr Blick ging zu dem Inder, sie sah das versteckte hämische Lächeln, mit dem er auf Canning schielte. Eine tiefe innere Unruhe ergriff sie. Was war das? –

Jetzt stand Canning auf, trat zu Sarata.

»Ein kleiner Irrtum . . . nun, es schadet nichts, ein Irrtum . . .« Er sah den Inder bedeutungsvoll an. Der schien protestieren zu wollen. Da stand Canning vor ihm. »Ein Irrtum Majadevis! Doch Frage und Antwort sind bedeutungslos, die Verwechslung . . . nun, ich denke, Majadevi wird durch den Tanz stark ermüdet sein . . . Doch eine Frage noch, die ich selbst gern gestellt hätte.«

Der Inder verbeugte sich, trat zu dem Mädchen.

»Wie sah der Mann aus, der zum Mond fuhr und von dort die Leiche von Jonas Lee zur Erde brachte?«

Alle horchten interessiert auf. Der Inder wiederholte die Frage an das Medium. Kaum, daß das letzte Wort verklungen, begann die zu sprechen. Ein froher, glücklicher Zug war auf ihr Gesicht getreten, halb singend kamen die Worte: »Der große Held – sein mächtiges Haupt überragt die andern – die hageren Wangen sind bleich – über der breiten Stirn blondes Haar – der stolze Mund ist fest geschlossen, er hütet die tiefen Geheimnisse des Herzens. – Er schreitet daher, ein Kämpfer, ein Fürst –« Ihre Stimme wurde schwächer, leise, fast flüsternd sprach sie weiter, doch in anderer Zunge. Die Zuhörer schauten den Inder fragend an, das Medium sprach unverkennbar in russischer Sprache. Canning schüttelte den Kopf, als wolle er sagen, daß die Antwort ihm nicht genügend Auskunft gäbe. Er winkte den Alten zu sich, sprach mit ihm. Der nickte.

Jetzt stellte Canning einzelne genaue Fragen nach dem Äußern des Mannes, wie sie ungefähr ein Steckbrief enthält. Je mehr Fragen gestellt wurden, desto schärfer horchte der Inder auf. Die aus Frage und Antwort gezeichnete Beschreibung weckte Erinnerungen an eine Person, die er von ganzer Seele haßte. Die übrigen erwarteten mit unverhohlener Neugierde und Spannung die Aufklärung dieses seltsamen Spieles. Endlich gab Canning dem Inder ein Zeichen, daß er genug gehört, daß die Vorstellung beendet.

Sarata trat an das Medium heran, strich leise über dessen Stirn. Das schlug die Augen auf. Hortense und Violet wollten darauf zutreten, der Inder streckte ihnen abwehrend die Hand entgegen, hielt, wie um eine Anrede zu verhüten, den Finger auf die Lippen. Er legte den Arm Majadevis in den seinen und schritt mit ihr zur Tür. Violet stellte sich in den Weg, wollte doch ein Wort an das Mädchen richten. Ihr freundlicher, mitleidsvoller Blick traf auf das alte teilnahmlose Gesicht, sah in leere, glanzlose Augen, die wesenlos an ihr vorbeischauten. Violet sah das Gesicht des Alten, sah das versteckte spöttische Lächeln des verhaßten Menschen . . . ein Zittern ging durch ihren Körper, wie angewurzelt blieb sie stehen.

Van der Meulen und Hortense hatten sich neugierig zu Canning gewandt.

»Wer ist der Mann, den Sie in diesem geheimnisvollen Mondfahrer vermuten, Don Roberto? Aus Ihren Fragen war doch zu schließen, daß Sie eine bestimmte Person im Auge hatten. Dürfen wir wissen . . .?«

»Der Mann ist Weland Gorm.«

»Gorm . . .? Wie? Gorm hatten Sie im Auge? . . . Weshalb ihn . . . Wie kommen Sie auf den?«

Canning zuckte die Achseln. »Ich glaube, für den Physiker dürfte diese Ansicht nicht sehr fern liegen . . . Daß dieser unbekannte Weltenfahrer mit einer Rakete, wie sie Lee benutzt hat, geflogen sein sollte, war mir von vornherein zweifelhaft. Derartige Unternehmungen sind und bleiben mit einem großen Risiko verbunden. Das Projekt der Zukunft ist doch, ein Flugschiff zu bauen, das durch Elektronen getrieben wird.«

»Und Sie glaubten, Gorm hätte auch dies Problem gelöst?«

Canning nickte. »Dieses Rätsel . . . wer brachte die Leiche Lees zur Erde? Immer wieder habe ich darüber nachgedacht. Ein Verdacht . . . ich kann, will ihn nicht weiter erklären . . . begründen, wies auf Gorm. – Ich erinnere nur an die mystischen Umstände, unter denen dies rätselhafte Ereignis vonstatten ging . . . Nun, einerlei, die Gelegenheit heute . . . Die doch mehrfach bewiesenen starken Gaben des Mediums, sie forderten mich direkt heraus dazu, mir in irgendeiner Weise Gewißheit zu verschaffen . . . Gewißheit?! . . . Ja, wer wüßte, was an den rätselhaften Leistungen dieses Mediums echt . . . was unecht ist?«

»Aber . . . wie stimmte denn die Beschreibung des Mediums mit dem Aussehen Gorms überein?« fragte Hortense.

Canning wiegte den Kopf.

»Für mich, der in Gorm den Fahrer vermutet, ist er's. Die Beschreibung stimmt ziemlich genau mit dem Bild überein, das ich von ihm in meiner Erinnerung habe.«

Noch lange sprach man über Majadevi, Gorm. Dann mahnte van der Meulen zum Aufbruch. »Ich fliege bei Tagesanbruch nach Buenos Aires, möchte nicht den Schlaf entbehren.«

Eine Viertelstunde später rollte der Kraftwagen van der Meulens Buena Vista zu.

 

* * *

 

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