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Das Erbe der Uraniden

Hans Dominik: Das Erbe der Uraniden - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorHans Dominik
titleDas Erbe der Uraniden
publisherVerlag Scherl Berlin
printrun41. bis 50. Tausend
yearo.J.
firstpub1935
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Seit den ersten Morgenstunden tobte die Schlacht. Der weite Luftraum zwischen den Vogesen und der Ebene von Chalons erfüllt von den Schwärmen der kämpfenden Geschwader.

Der Angriff der roten Sowjetkräfte stockte. Alles, was sich von der zertrümmerten deutschen Luftmacht hierhergerettet, die auch schon stark verbrauchten englischen und französischen Luftstreitkräfte . . . noch einmal zusammengerafft, boten sie dem überlegenen Feind die Stirn.

Das Riesenschiff des russischen Oberbefehlshabers stand, umgeben von einigen Reservegeschwadern, über der Rheinebene. Nur noch nach Stunden berechnete man hier den Widerstand der letzten weißen Kräfte. Die Nachrichten von der Südfront gegen Italien, von der Nordfront gegen Skandinavien meldeten nur unbedeutende Kampfhandlungen.

Die vierte Nachmittagsstunde brach an. Die Kämpfe hatten sich immer mehr auf die Gegend um Chalons konzentriert. Eine Meldung: »Ein Geschwader der Sowjetflotte auf der linken Flanke vernichtet!«

Der Höchstkommandierende las mit Erstaunen die Depesche . . . Ein ganzes Geschwader seines linken Flügels plötzlich vernichtet!? . . . Sollten es spanische Reserven sein, die da eingegriffen? Nach seiner Berechnung konnten sie noch nicht da sein.

Neue Depeschen . . . der Kampf wogte überall verlustreich weiter, doch es war aus den Berichten zu ersehen, daß die Sowjetkräfte wieder im Vorrücken waren.

Eine neue Meldung . . . der linke Flügel stark geschwächt! Mehrere Geschwader kampfunfähig!

Der Höchstkommandierende sprang auf. »Was geht da vor?« schrie er den nächststehenden Adjutanten an. »Woher diese starken weißen Kräfte? Fordern Sie sofort näheren Bericht!«

Der kam: Keine Verstärkung der Weißen, aber sie kämpfen plötzlich mit großem Glück . . . keine Erklärung dafür . . . Bitte um sofortigen Einsatz von Verstärkungen. Kann die übrigen Teile der Front nicht weiter schwächen.

Aus der Antenne des Riesenschiffes spritzte der Befehl des Höchstkommandierenden durch den Äther:

Die Reserven nach vorn! Je fünf Geschwader von der italienischen und skandinavischen Front hierher zu mir!

Wie ein Schwarm hungriger Raben schossen die roten Geschwader in der Richtung der Kampffront los. Es waren die besten der Sowjetflotte. Mit Ungeduld erwartete der Höchstkommandierende die Meldung von ihrem Eingreifen.

Währenddes suchte er mit dem Fernglas den östlichen Horizont ab, von wo die geforderten Verstärkungen kommen mußten. Sie mußten in Kürze eintreffen. Die vorgeschickten Reservegeschwader . . . jetzt mußten sie schon an der Front sein, ihre blutigen Krallen in die feindlichen Leiber schlagen. Jeden Moment mußte eine Meldung von ihnen kommen. Die Meldung kam:

Sie waren da – – – und vernichtet!

»Vernichtet?!« Er schrie es, der eiserne, blutige Sowjetadmiral. Die Depesche zerfetzte in seinen Händen. Er taumelte.

Die! . . . Die! . . . Vernichtet! Seine besten, stärksten Geschwader . . . Von auserwählten Führern befehligt, aufs beste ausgerüstet . . . die vernichtet?!

Minutenlang stand er schwer atmend, die Faust geballt, die Augen stier ins Weite gerichtet. Da, neue Meldung:

Der linke Flügel zurückgedrängt! Nur mit Mühe halten sich noch die anderen Teile der Front. Neue Verstärkungen unbedingt erforderlich!

Der Admiral las es . . . Verstärkungen will der? . . . Woher nehmen?

Ein Adjutant trat neben ihn. »Die angeforderten Kräfte der Süd- und Nordfront sind im Anflug. Die Südgeschwader schon sichtbar.«

Der Kommandierende raffte sich zusammen. Auf sein graues Gesicht schien die Ruhe zurückzukehren. Nur ein leises Funkeln der Augen verriet die Erregung in ihm. Er öffnete die Lippen, wollte einen Befehl geben . . . die schlossen sich wieder.

Der Entschluß . . . nicht leicht schien er ihm zu werden – – – Dann – – – Es mußte sein! Alles stand auf dem Spiel. Der Teufel schien denen drüben zur Seite zu stehen.

»Alle Kräfte der Süd- und Nordfront gegen Paris!«

»Alle?« Eine leise fragende Stimme aus der Umgebung.

»Alle!« Seine Blicke flogen düster drohend über den Kreis. – – –

»Die ersten Geschwader von der Süd- und Nordfront werden in wenigen Minuten zur Stelle sein«, meldete ein Offizier.

Der Admiral nickte. »Sie sollen uns folgen! Wir fliegen voran.«

Zehn Geschwader, an ihrer Spitze das Führerschiff, stießen in rasendem Flug auf die Front im Westen. – – –

Die kam in Sicht . . .

Die Augen des Admirals blitzten auf. Die Flügel der Nase, die wie der Schnabel eines Geiers im Gesicht stand, bebten in verhaltener Kampfeslust . . . bebten, als röchen sie schon Blut und Brand.

Da! . . . Schon konnte man die Linien erkennen . . . Da wogten die Geschwader in wildem Kampf. Jetzt die einen in höchsten Höhen . . . den Gegner zu überfliegen, ihm aus den Kielgeschützen volle Ladungen auf den Leib zu schmettern . . . Jetzt andere, wie im Spiel sich gegenseitig überholend, dabei Breitseiten feuernd . . .

Schon vernahm man den Ruf menschlicher Stimmen . . . Stimmen? . . . Wie das Gebrüll rasender Tiere klang es, stürzte ein besiegter Gegner brennend in die Tiefe. – – –

Die weite Front, schmal war sie auf beiden Seiten geworden. Reste nur noch der langen Linien, die am Morgen in den Kampf getreten.

Steil gestaffelt übereinander kämpfende Geschwader beider Gegner. Hier einer in höchsten Höhen, soweit die Propeller die Schiffe trieben . . . hier einer . . . beinahe, daß die Schwingen den Boden streiften. Die Kräfte fast gleich. Deutlich konnte man vom Führerschiff Freund und Feind unterscheiden.

Ha! Jetzt mit neuen zehn Geschwadern eingegriffen . . . der Sieg war sicher!

Kommandos. Voran das Führerschiff, bogen die Geschwader nach Süden um. Hier schien der Feind am stärksten, schien er seine letzte Kraft eingesetzt zu haben.

Das Schiff des Admirals schlug eine Volte, die Front seiner Geschwader freizumachen, stand gleich darauf beobachtend über der Mitte der Front. Jetzt stießen die Verstärkungen auf den schwachen Flankenschutz zu. Der floh nicht. Harrte aus. – – –

Einen Augenblick später keine Spur mehr von ihm zu sehen als ein paar leuchtende Trümmer, die unten am Boden schwelten.

In das Knattern der Maschinengewehre, das Donnern der Geschütze mischte sich Jubelruf der roten Sieger. In rasendem Flug ging's weiter auf die jetzt ungedeckten Flanken der Weißen zu.

Sekunden! . . . Dann würden sie einbrechen, die überrennen . . . Tod und Vernichtung bringend. – – –

Ein kurzes Aufblitzen an den Schiffsrümpfen der vordersten Sowjetgeschwader . . . dann riesige Stichflammen. Die Schiffe neigten sich, als suchten sie den Boden . . . Dann ein Krachen, das sekundenlang das Kampfgetöse übertönte. In alle Winde verstreut die Trümmer . . .

Als wäre nichts geschehen . . . die nächsten roten Geschwader . . . schon waren die ran. Zu einem breiten Fächer entfaltet, den linken Flügel weit vorgebogen, trafen sie den Gegner.

Aus tausend Rohren sprühte ihr verderbenbringendes Feuer – – – Wie lange konnte es dauern? Mit heldenmütiger Todesverachtung nahmen die Weißen den Kampf auf – – –

Ein furchtbares Ringen! . . . Die Reihen der weißen Geschwader dezimiert . . . immer wieder schlossen sie sich zusammen, hielten stand – – – Die Weißen kämpften mit unerhörtem Glück. Der rote Angriff kam zum Stehen –

Mit Entsetzen hatte der rote Führer, der hinter dem Zentrum der Front hielt, die neue Niederlage seines linken Flügels angesehen. Unerklärlich, unfaßbar! Brachten die Weißen da neue, unbekannte Kampfmittel zur Anwendung?

Als wären die Kämpfer von dem stundenlangen Ringen ermattet . . . der Kampflärm wurde schwächer. Wie auf Verabredung zogen sich die Schiffe aus dem Kampfgewühl – ordneten sich zu neuen Formationen – bereiteten sich zur letzten Entscheidung vor. –

Der rote Admiral verfolgte die Bewegung mit stiller Befriedigung. Zehn Minuten noch, dann mußten sie ran sein, seine letzten Reserven aus dem Osten. Dorthin gewandt, suchte er mit dem Feldstecher den Horizont ab. – Von den Vogesen her ein graues Gewölk – – – Ein Jubelruf entrang sich der Brust des roten Führers . . . Aber auch die Weißen hatten das Herannahen der roten Verstärkung erspäht. Auf ein Kommando ihres Führers hin warfen sie sich gleichzeitig mit ungeheurer Wut auf den Feind. Die Entscheidung mußte fallen, bevor die rote Hilfe heran war.

Ein grauenhaftes Gemetzel. Die beiden Gegner kämpften mit verzweifelter Energie. Wußte doch jeder, daß dieser Kampf die Entscheidung bringen mußte über die Zukunft Europas – vielleicht der Welt – – –

Da! Der linke rote Flügel wich. Fast unmittelbar hintereinander waren zwei volle Geschwader brennend zu Boden gestürzt . . . ein drittes . . . wo wollte es hin? Seine Front gewandt, als wollte es fliehen . . . das rote Admiralschiff stieß dorthin, in den Kampf einzugreifen. Erreichte es, stürzte mit ihm zerschmettert ab. –

Die Schlacht war entschieden. Die rote linke Flanke entblößt, wurde von den weißen Kräften umklammert, überflügelt . . . Immer weiter stießen die weißen Kräfte nach Norden vor. Jetzt . . . waren sie im Rücken der roten Linie. Die zog sich immer enger zusammen, wehrte sich mit wütenden Stößen wie ein eingekreister Löwe gegen die blitzenden Speere der Jäger.

Die roten Reserven . . . jetzt kamen sie . . . zu spät! Noch gerade recht, den Untergang der Freunde zu schauen. Zu Haufen stürzten die Reste der roten Flotte brennend, explodierend zur Erde. – – –

»Zurück!« Das Kommando des Führers der roten Reserven. In scharfen Kurven wendeten die Geschwader nach Osten . . . flohen . . . flohen, verfolgt von den Siegern.

Stark geschwächt erreichten sie die Rheinlinie. Auch die Zahl der Verfolger, ermüdet von den stundenlangen Kämpfen, war kleiner geworden.

Der Rhein war überflogen. Unter ihnen lagen die weiten Trümmerfelder der Industriegebiete.

Da über dem Helweg weiße Kräfte, die, von Norden gekommen, sich ihnen entgegenwarfen. Nur schwach der Widerstand der fliehenden roten Geschwader. Entmutigt sanken sie unter den Flammengarben der Feinde dahin.

Drei Schiffe nur – – – drei Raben, die die Kunde nach Kiew brachten: Die Schlacht über der Katalaunischen Ebene verloren. Die große Sowjetarmada vernichtet.

*

Es war am Tage vor der großen Schlacht. Der Abend dämmerte bereits über den Ufern des Bosporus. Eine elegante Reisejacht stieß vom Flughafen in Pera ab. Zwei Insassen in der Kabine.

»Ich denke, wir werden morgen früh den Atlantik erreicht haben, Señor Canning. Ihre Jacht hat ja stärkste Maschinen. Wäre mein Auftrag nicht so eilig, ich wäre gern damit einverstanden, den Umweg über Europa und die Vereinigten Staaten zu machen. Wir würden dann vielleicht Zeugen der Kämpfe in Frankreich werden.«

»Hm! . . . Ja! . . . Herr Baron . . . Pardon, Genosse Awaloff. Ich vergaß, daß Sie mit Ihrer Bekehrung zum Sowjet den Baron ablegten. Ich muß sagen, den Kämpfen da drüben als Schlachtenbummler beizuwohnen, hätte auch für mich einen großen Reiz. Zweifellos ein Schauspiel ohnegleichen, mitanzusehen, wie sich die größten Luftflotten der Welt mit den fürchterlichsten Waffen, die je ein Menschengehirn erfand, zerfleischen . . . vernichten.«

Der Sprecher machte eine Pause . . . »Ihr Auftrag verlangte größte Eile, wenngleich ich die Gründe nicht recht einsehen kann. Die Entscheidung in diesem Weltkampf zwischen den Bolkewiken und . . .« Er machte eine neue Pause, suchte nach einem Wort . . .

»Vollenden Sie nur, Señor Canning . . . ›und dem Kapitalismus‹. Dies Wort fällt Ihnen als einem Musterexemplar dieser Gattung wohl etwas schwer?«

»Sie überschätzen meinen Besitz, mein lieber Awaloff.«

»Ich glaube nicht, Señor Canning. Ich bewundere Ihr Finanzgenie. Sie haben die Sowjetrubel in Südamerika recht fruchtbar angelegt. Ihre Besitzungen haben einen achtbaren Umfang.«

»Verwechseln Sie Quantität nicht mit Qualität, mein lieber Awaloff; Doch lassen wir das. Ich will Ihnen nicht widersprechen, wenn Sie in mir einen Kapitalisten sehen . . .«

»Einen Kapitalisten, der trotz seiner Reichtümer ein überzeugter Sowjetmann ist.« Awaloff gab sich keine Mühe, die Ironie, die in seinen Worten lag, zu verbergen . . . Er unterdrückte ein leichtes Gähnen. »Wie wäre es, wenn wir uns zur Ruhe legten?«

»Wie Sie wünschen, Awaloff.«

Robert Canning stieß die Tür zu einem Kabinett auf, in dem zwei Bettkojen hergerichtet waren. »Sie machen wohl den Anfang, ich will noch mit dem Chefpiloten sprechen.«

Als Canning wieder in das Kabinett trat, lag sein Begleiter anscheinend schon in tiefem Schlaf. –

Der Morgen graute. Der Russe sprang auf, wollte seinen Schlafgenossen wecken. Dessen Lager war leer. Awaloff kleidete sich an und trat in den Salon. Gerade, als Canning aus dem Pilotenraum ebendorthin kam.

»Ein bedauerlicher Zufall, Herr Awaloff. Wir sind in der Nacht in die Irre gefahren. Ein Fehler am Kompaß ließ den Piloten den richtigen Weg verfehlen.«

»Und wo befinden wir uns?«

Canning deutete mit der Hand nach unten, »Über den Rhonebergen, wie wir mit Hilfe der Karte festgestellt haben. Doch sind wir im Besitz eines Reservekompasses. Die Fahrt wird von jetzt an ungestört vonstatten gehen.«

»Ah! Der Kompaß! . . . Der Kompaß ist der Schuldige? . . . Schlechtes Fabrikat wahrscheinlich . . . Der Fabrikant . . . zürnen wir ihm nicht. Vielleicht . . . wer weiß? . . . werden wir ihm später noch dankbar sein.«

Er begleitete seine Worte mit einem unverhohlenen Lachen. Canning stutzte einen Augenblick, dann stimmte er ein.

»Ich konstatiere mit Vergnügen, Herr Awaloff, daß wir uns verstehen . . . und ich hoffe auf Ihre Zustimmung, wenn ich vorschlage, nun auch den weiteren kleinen Umweg nicht zu scheuen und –«

»Richtung Paris nehmen«, vollendete Awaloff. »Wenn ich recht unterrichtet bin, steht ein Kampftag erster Ordnung bevor. Wir werden sehen und lernen.« –

Und dann hatten sie die Jacht höher emporgetrieben, waren nach Norden weitergeflogen, bis ihre scharfen Gläser die ersten Anzeichen des Kampfes faßten. Soweit die Propeller das Flugzeug treiben konnten, schraubten sie sich jetzt in die Höhe.

Schräg unter ihnen das Toben der Riesenschlacht. Mit Grauen, Entsetzen verfolgten sie jede Phase des Kampfes. Mit fiebernden Pulsen sahen sie die Schale des Sieges sich bald hierin, bald dorthin neigen. Hätte die Schlacht tagelang gedauert, sie wären nicht von der Stelle gewichen. –

Die letzten roten Kämpfer flohen mit zerzausten Schwingen nach Osten . . . Da brach der Bann. Die Gläser sanken von den Augen. Sie starrten sich an, als hätten sie die grausigen Bilder der Danteschen Höllenfahrt geschaut. Keiner vermochte die Lippen zu einem Wort zu öffnen . . . minutenlang . . . Nur langsam wich die Lähmung, die ihre Sinne gefangen . . .

»Nach Süden!« schrie die heisere Stimme Cannings in das Sprachrohr.

»Nach Westen!« korrigierte Awaloff den Befehl.

Canning blickte ihn erstaunt an.

»Nach Westen? . . . Warum das?«

»Weil auch in den Staaten da drüben die Entscheidung fällig ist. Ein roter Sieg dort dürfte vieles wiedergutmachen.«

»Richtig, Awaloff!«

Schon dehnte sich im stumpfen Grau des Abenddämmerns die endlose Fläche des Atlantik unter ihnen. Da brachte der Empfangsapparat bereits die ersten Depeschen aus den Staaten: Siege der Weißen! Die Nachrichten häuften sich in den nächsten Stunden. Immer neue Siegesberichte der Weißen. –

In dem trügerischen Zwielicht glaubten sie manchmal große dunkle Schatten vorüberhuschen zu sehen . . . Fliehende Sowjetgeschwader? . . .

Auf der Höhe des Atlantik trafen sie die Nachrichten von der völligen Niederlage der roten Kräfte . . .

Jetzt war's entschieden! . . . Mochten dort hinten in den gelben Reichen . . . da unten im lateinischen Amerika die Kämpfe ausgehen, wie sie wollten, der Sieg der Weißen in den Staaten entschied das Schicksal.

Der kühne Versuch der russischen Sowjets, mit den neuen Waffen eine Weltrevolution durchzuführen, die rote Fahne des Bolschewismus in allen Teilen der Welt zu hissen, war gescheitert . . .

Die beiden in der Kabine saßen sich gegenüber . . . saßen lange so in nachdenklichem Schweigen. – Awaloff war's, der die Stille brach.

»Was nun? – Meine Aufträge für Südamerika dürften bedeutungslos sein . . .« Er schnippte die Asche von seiner Zigarette.

»Wünschen Sie, daß ich Sie irgendwo absetze, damit Sie nach Rußland zurückkehren können zu Ihren Freunden . . .?«

Awaloff schüttelte lächelnd den Kopf. »Freundschaft?« . . . Er blies einen Rauchring von sich . . . Der zerflatterte. ». . . Nein, mein lieber Canning, wer weiß, was sich in Rußland in nächster Zeit abspielen wird. Ich habe vorläufig keinen anderen Wunsch, als mit Ihnen nach Südamerika weiterzufliegen . . . Meine Beziehungen zu den Sowjets bitte ich in Anbetracht der veränderten Umstände zurzeit als gelöst zu betrachten.«

»Wie Sie wünschen, Awaloff. Im Laufe des morgigen Tages werden wir die Küste von Venezuela erreicht haben. Sie sagten soeben vorsichtigerweise ›zurzeit‹. Warum das? Hatten Sie da die Möglichkeit ins Auge gefaßt, daß die Niederlage des Bolschewismus nicht endgültig . . .«

»Wer kann in die Zukunft schauen? . . . Für absehbare Zeit dürfte allerdings die Sache des Bolschewismus hoffnungslos sein. In Rußland steht zweifellos eine neue Restauration bevor. War ich schon den früheren Machthabern der ersten russischen Restauration nicht genehm, so dürfte dies jetzt, nachdem ich zwei Jahre lang Bolschewik war, noch viel weniger der Fall sein.«

»Wie sind Sie eigentlich zu den Bolschewiken gekommen, mein lieber Awaloff?«

Awaloff stand auf, ging ein paarmal nachdenklich auf und ab. Trübe Erinnerungen schienen in ihm aufzuleben.

»So hören Sie denn. Ich will mich kurz fassen. Mein Vater war Offizier in der zaristischen Armee. Ich schlug dieselbe Laufbahn ein, wurde Offizier bei den technischen Truppen. Durch das Testament eines entfernten Verwandten fiel mit ein großer Grundbesitz im Uralgebiet zu. Ich quittierte den Dienst, widmete mich der Bewirtschaftung meines neuen Besitzes, heiratete. Ein Töchterchen entsproß unserer Ehe . . . ich war ein glücklicher Mann.

Dann kam das Unglück. Die Besitzung war unter Umgehung näherer Verwandten der Erblasserin auf mich gekommen. Die übergangenen Verwandten hatten mehrfach vergeblich versucht, das Testament anzufechten.

Plötzlich, nach Jahren, traten sie von neuem auf, indem sie sich auf ein angeblich später errichtetes Testament stützten. Es kam zu einem Prozeß . . . Für mich war es klar, daß dies spätere Testament eine Fälschung war. Aber . . . da kam der vernichtende Schlag, der mich aus heiterem Himmel traf.

Die gerichtlichen Sachverständigen, von der Gegenseite bestochen, erklärten dieses Testament für echt. Das Urteil trieb mich von Haus und Hof . . . als Bettler.

Mein geringes persönliches Vermögen war durch die Kosten des Prozesses aufgezehrt. Was tun? Der Boden Rußlands war mir verhaßt. Meine Frau und mein Töchterchen wurden von Verwandten in Turkestan aufgenommen. Ich selbst wandte mich nach Paris, dort irgendwie mein Brot zu verdienen. Meine letzten Mittel gingen zu Ende, ehe ich eine Beschäftigung gefunden. Ich geriet in Not.

Die ins Ausland geflüchteten Sowjets hatten alsbald nach ihrer Vertreibung ein Netz über alle Großstädte der Welt gespannt. Zu einer Zeit, als ich schon tagelang gehungert hatte, glaubte man mich reif für die bolschewikischen Pläne. Man reichte mir die Hand, ich schlug ein.

Ich hatte Gelegenheit, mich in einigen wichtigen Missionen auszuzeichnen . . .« Er machte eine leichte Neigung des Kopfes zu Canning . . . »Der Erfolg bei der Mission mit Ihrer Person war, wie Sie zugeben müssen, nicht klein. Ihre Aufzeichnungen gaben uns doch die Möglichkeit, unsere Pläne zu verwirklichen.«

»Und jene Aufzeichnungen? . . .«

Statt einer Antwort klopfte sich Awaloff auf die rechte Brusttasche. Er beugte sich über seine Teetasse und sah nicht das gefährliche Funkeln in den Augen Cannings. Der fragte jetzt wie teilnahmsvoll:

»Und Ihre Frau . . . Ihr Kind . . .?«

Awaloff fuhr sich über die Augen, als scheuche er trübe Bilder weg . . .

»Sie wissen, Canning, die ersten Kämpfe der Roten begannen da hinten in Turkestan. Unter den unzähligen Opfern . . . auch meine Frau . . . mein Kind.

Vergeblich habe ich später alles in Bewegung gesetzt, um ihren Verbleib zu erforschen – Tot? – Verschollen? . . . Wer weiß es?«

Er trat an das Fenster der Kabine und schaute lange zu dem hellen Sternenhimmel. Nur schwach tönte von unten das Rauschen der Ozeanwogen. Canning schritt langsam in den Gang, der zu dem Maschinenraum führte.

Awaloff ließ sich auf einen Sessel fallen, schloß die Augen – bemerkte nicht, wie sich das Flugschiff allmählich während der Fahrt aus seiner großen Höhe senkte . . . das stärkere Rauschen des Weltmeeres hätte es ihm wohl verraten können . . . achtete auch nicht auf Canning, der jetzt wieder in die Kabine zurückkehrte, den rechten Arm hinter dem Rücken verborgen. Wie von ungefähr trat er hinter Awaloff. Da zuckte sein rechter Arm plötzlich in die Höhe. Die Faust, die einen Schraubenschlüssel umspannte, fuhr auf den Kopf des Nichtsahnenden hernieder. Der sank lautlos zu Boden.

Canning stand neben ihm, starrte auf den Leblosen.

»Auch ich möchte meine Beziehungen zu den Bolschewiken lösen,« sprach er hohnlächelnd vor sich hin, »du warst das erste und das letzte Band, das mich an sie knüpfte. Es ist zerrissen.« –

Er warf einen scheuen Blick auf die Führerkabine. »Nun zu den Papieren.« Er beugte sich über den Daliegenden, untersuchte sorgfältig seine Taschen . . . Nichts. Sein Blick ging zu dem Gepäck Awaloffs. Sollten sie da . . . kaum anzunehmen. Er riß die Kleider auf . . . Ah, gewiß, so kostbaren Besitz trug man gut versteckt. An einer Schnur um den Hals befestigt ein kleines Paket . . . er riß es ab. Mit zitternden Händen entfernte er die Umhüllung . . .

Da waren sie, die Zeugen seines Verrats, die Berechnungen. Ah! Und da war ja auch sogar die Quittung über die drei Millionen Rubel, die er als Judaslohn seines Verrats bekommen. Mit zitternden Händen steckte er das umfangreiche Paket in die Brusttasche seines Rockes. –

Und jetzt . . . er eilte zu dem Höhenmesser . . . 5000 Meter nur noch über dem Meeresspiegel. Mit ein paar Sprüngen war er an der Kabinentür, löste die Sperrung, öffnete das Schloß. Treibende Wolken um das Schiff herum.

Jetzt stand er wieder bei Awaloff. Seine Arme umschlangen den, hoben ihn auf. Die starke, knochige Gestalt des Leblosen war schwer. Nur mit Mühe schleifte er ihn über den Boden zu der offenen Tür. Verharrte einen Augenblick schwer atmend . . . Da! . . . Der schlug die Augen auf, blickte wirr um sich . . . die offene Kabinentür . . . Im Bruchteil einer Sekunde war es ihm klar geworden, was der . . . Mit letzter Willensanstrengung raffte er alle Kräfte zusammen, hob sich in die Knie . . .

Canning . . . fassungslos, er hatte Awaloff tot geglaubt . . . stutzte einen Moment – dann, mit einem Wutschrei stürzte er sich auf ihn . . . In der Todesangst krampfte der seine Finger in den rechten Rockaufschlag seines Gegners. Vergeblich rang Canning mit ihm. Stürzte er ihn hinaus, lief er Gefahr, mitgerissen zu werden . . . Er machte seine rechte Hand frei, schlug Awaloff mit voller Kraft gegen die Schläfe. Der taumelte, der Griff seiner Hände lockerte sich . . . noch ein zweiter Schlag – Awaloff stürzte rücklings aus der offenen Kabinentür . . . Und als wolle Canning ihm nach, sprang der auf den Fallenden zu . . . »Die Papiere! Die Papiere!« schrie er laut. Beim Loslassen waren sie aus der Tasche gerissen, in Awaloffs Händen geblieben . . . Zu spät. Cannings ausgestreckte Hand erreichte sie nicht mehr, mit Mühe bewahrte er sich selbst vor dem Sturz.

Aufatmend trat er in den Raum zurück. ›Mögen die Papiere auch zum Teufel sein . . . So wären denn alle Bande, die mich an den fesselten, zerrissen.‹

Sein Blick fiel auf den Handkoffer Awaloffs . . . ›Zerrissen? . . . Halt, noch nicht ganz!‹ . . .

Noch einmal öffnete er die Tür. Der Koffer folgte seinem Herrn in die dunkle Tiefe. Er schlug die Tür ins Schloß. Sein Blick ging zu dem Pilotenraum.

Ah! . . . Er stutzte einen Augenblick. Die würden sich wundern, wenn Awaloff bei der Landung fehlte. Das mußte vermieden werden.

Einen Ausweg! Er nahm eine Routenkarte zur Hand, zog die Uhr. Der Flugplatz von Quito lag auf seinem Wege. Er würde ihn bei Dunkelheit erreichen.

Ein Befehl durch das Sprachrohr an den Piloten, in Quito zu landen.

*

Weithin dehnten sich die Pampas der Llanos de Menso im argentinischen Teil des Gran Chaco. Hier in der Nähe des Vermejoflusses lagen die ausgedehnten Besitzungen van der Meulens. Von hier aus wanderten jahraus, jahrein unabsehbare Viehherden in seine Schlachthäuser, um von dort in gefrorenem Zustande in die Welt verfrachtet zu werden.

Am Ufer des Vermejo, in einer landschaftlich unvergleichlich schönen Lage hatte sich van der Meulen inmitten seiner Besitzungen ein schloßartiges Landhaus errichtet, in dem er einen Teil des Jahres zuzubringen pflegte. Auf einer von hohen Spiegelscheiben umkleideten Veranda, die nach Süden zu auf den Fluß schaute, saß er am Teetisch. Schon berührte die Sonne den Horizont, und schnell wuchsen die Schatten der Dämmerung.

»Wo nur Hortense bleibt, Miß Violet«, wandte er sich an ein junges Mädchen, das ihm gegenübersaß. »Schon steht die Sonne tief. Diese einsamen späten Spaziergänge . . .« er schüttelte den Kopf . . . »selbst Ihre Begleitung, meine liebe Miß Violet, lehnt sie ab, die Sie ihr doch im Laufe der Zeit immer mehr Freundin geworden sind. Ich bin erst seit ein paar Tagen hier. Tat sie das auch schon vorher?«

Das junge Mädchen nickte.

»Unbegreiflich! . . . Dazu ihr schlechtes Aussehen . . . sie macht mir Sorge. – Sollte eine Nachricht von Robert Canning, ihrem Verlobten . . .?«

»Ich glaube kaum«, kam es zögernd aus Violets Munde.

»Seine Reise zu dieser Zeit? . . . Daß seine Geschäfte in Europa so dringend sind . . . nach Europa, wo es drunter und drüber geht, kein Mensch seines Lebens sicher ist?«

Unter dem forschenden Blick van der Meulens vermochte Violet nur mit Mühe die aufsteigende Verlegenheit zu unterdrücken, antwortete dann stockend:

»Sie wird sich vielleicht ängstigen.«

»Hortense sich ängstigen, um . . . Meinen Sie das ehrlich, Miß Violet, oder sagen Sie das nur, um etwas zu sagen?«

Während das junge Mädchen noch nach einer Antwort suchte, ertönte von neuem das Ticken des Radioempfängers.

»Teile der geschlagenen Bolschewiken in Nordamerika auf der Flucht nach dem Süden . . . stehen kurz vor der Vereinigung mit denen, die von Süden her abgedrängt sich der Panamagegend nähern . . . Aller Voraussicht nach werden die roten Kräfte nach ihrer Vereinigung noch einmal das Schlachtenglück versuchen . . .«

Van der Meulen nickte befriedigt vor sich hin. »Sie werden's vergeblich versuchen. Der Tanz dürfte endgültig ausgespielt sein. Mag auch vielleicht noch manches Blut fließen, manches Gut zerstört werden. Das arme Europa, wie mag's da aussehen . . .«

Die Kämpfe hier in Südamerika waren im Verhältnis zu denen in den anderen Teilen der Welt geringfügig. Sie spielten sich hauptsächlich in den großen Städten der südamerikanischen Küste ab. Im Inneren . . . besonders hier im Gran Chaco, hatte man nichts davon gespürt. Die Entscheidung dieses riesenhaften Weltkampfes lag in Europa und in Nordamerika. Zitternd und bangend hatte man überall den dortigen Gang der Ereignisse verfolgt.

Die Nachrichten . . . grauenerregend . . . furchtbar. Im Verlauf der Schlachten, die mit den neuen Kampfmitteln geschlagen wurden, war halb Europa, halb Nordamerika in Asche . . . in Trümmer gesunken. Unschätzbar die Zahl der Menschenopfer. Von Millionen sprachen die Gerüchte. Die Kämpfe fast ausschließlich Luftschlachten. Die Zahl der Kämpfer auf beiden Seiten zwar nicht sehr groß . . . Desto größer die Zahl der an den Kämpfen unbeteiligten Opfer.

Terror . . . das schrecklichste Kampfmittel . . . rücksichtslos angewandt, um die Zivilbevölkerung zu zermürben, ihre Regierungen gefügig zu machen . . .

Die Höllenbomben, geladen mit der neuen Energie, auf große Städte, Landschaften niedergeworfen . . . kilometerweite Wüsten entstanden. Tag und Nacht Riesenbrände der Städte . . . Dörfer . . . Wälder . . . in ihren Flammen Millionen verschlingend.

Weltuntergang für das Auge dessen, der die Schreckensbilder schauen konnte, ohne wahnsinnig zu werden.

Die große Luftschlacht! . . . »Die Entscheidungsschlacht über den Katalaunischen Feldern!« Der letzte Bericht der siegreichen Weißen aus Europa fing so an. Verkündete den Millionen, die der Radiobotschaft lauschten, den Gang der Schlacht.

Van der Meulen hatte diesen Bericht vom Magnetophon aufschreiben lassen. Seine Augen lasen immer wieder die schicksalbedeutenden Worte. Er schüttelte nachdenklich mit dem Kopf.

›Sonderbar! . . . Kaum glaublich, wie man es vermochte, der furchtbaren roten Übermacht standzuhalten . . . zu siegen. Unser rechter Flügel . . . als wäre Sankt Michaels Schwert bei ihm gewesen . . . Wunder von Heldentaten verrichtete er . . .

Die schärfsten Angriffe der Bolschewikenflotte gegen ihn gerichtet . . . immer wieder blutig zurückgewiesen . . . Ein Wunder ist's . . . Ein Wunder bleibt's!‹

*

Die Abendsonne berührte schon die Bergkämme im Westen. Noch eine kleine Weile, dann war sie verschwunden. Wie mit Zauberschlag waren plötzlich die Tausende von Vögeln, die die weiten Parkanlagen der Hazienda bevölkerten, verstummt. Der kalte Wind, der sich aufmachte, brachte der nach Kühlung lechzenden Natur die ersehnte Labung.

Hortense van der Meulen, die auf einer Bank an dem kleinen Parkweiher gesessen, erhob sich. Sie richtete ihre Schritte dem Hause zu. Doch dann besann sie sich und ging tiefer in den Park hinein. Immer eiliger wurden ihre Schritte. Fast lief sie die kleine Anhöhe hinauf, die, am Rande des Parkes gelegen, einen Blick über das Ganze bot. Vor ihr rauschten die breiten Wasser des Vermejo.

Ihre Augen glitten über die dunklen Fluten. Unbewußt, wie mechanisch, bewegten sich ihre Füße immer näher dem Rand des Wassers zu, als folgte sie den süßen lockenden Stimmen, die, aus den Strudeln kommend, ihre Sinne umschmeichelten.

›Hier wäre Ruhe, Befreiung von all der Qual.‹

Das glitzernde Mondlicht, das, durch die Zweige fallend, auf den Wassern sein Spiel begann, brach den Bann. Sie schlug die Hände vors Gesicht.

›Mutter, Mutter, hätte ich dich noch, zu dir würde ich mich flüchten. – Der Vater? Gewiß, er liebt mich, liebt mich abgöttisch. Und doch –

Violet! . . . Ihr harmloser, kindlicher Sinn, ihr einfaches Fühlen und Denken . . . auch bei ihr würde ich kein Verständnis finden.

Robert Canning . . . was ist's, was mich ihn lieben und hassen läßt? Ist er fern von mir, ist mein Herz kalt . . . kaum ein freundlicher Gedanke an ihn . . . Seine Fehler! . . . ich sehe sie groß . . . er blieb mir innerlich fremd . . .

Und dann kommt er zu mir . . . ich sehe seine Gestalt . . . ich höre seine Stimme . . .

Vergeben . . . vergessen scheint alles! . . . Der schmeichelnde Ton seiner Worte lullt meine Sinne ein . . . nimmt mich gefangen.

Ich wehre mich innerlich gegen seinen Kuß und dulde ihn doch. Warum gab ich ihm unter den vielen, die sich um meine Hand bewarben, mein Wort? – Gewiß, ich duldete seine Bewerbung, aber nahm sie kaum ernster als die anderer.

Die Entscheidung an jenem Frühlingstag, als wir nach langem Ritt, vom Pamperosturm überrascht, in der Strohhütte der Hirten Schutz suchten . . . der Sturm dauerte stundenlang . . . das lange Zusammensein mit ihm . . . ich war müde . . . der Aufruhr der Natur . . . sein Werben immer stürmischer . . . Ich gab ihm das Jawort . . . Gab ich's ihm? – Er nahm es sich. Willenlos seinem stürmischen Werben gegenüber vermochte ich nicht, ihn abzuweisen.

Auch der Vater . . . zuerst wohl auch froh . . . hieß ihn herzlich willkommen . . . doch schon längst fühle ich, daß auch er sich gewandelt . . . fühle, wie ein geheimes Mißtrauen, eine geheime Abneigung in ihm immer größer wird.

Wollte ich heute die Verlobung lösen, ich würde von Vaters Seite keinen Widerstand finden . . .

Doch ich fühle nicht die Kraft zu dem Entschluß, zerbreche an dem Widerstreit in meinem Herzen.

Wie oft habe ich's versucht . . . ergriff die Feder, ihm den Absagebrief zu schreiben. Schrieb ihn auch . . . und zerriß ihn wieder.

Wer ist's, bei dem ich Zuflucht suchen könnte?‹ Den Kopf zurückgeworfen, starrte sie zu dem schimmernden Sternenhimmel.

›Oh, könnte ich fliehen . . . zu euch da oben fliehen, ihr Sterne . . . Weg von hier! Hinaus in die Welt! . . .

Ruhe . . . Frieden! Vielleicht, daß ich sie fände . . .

Den Vater werde ich bitten . . . Reisen, reisen in die weite Welt . . . andere Menschen sehen . . . vielleicht, daß ich dann den Ausweg aus diesem Wirrsal fände.‹

*

Durch die offene Tür trat Hortense. Van der Meulen ließ einen forschenden Blick über sie gleiten. Sie nahm wortlos am Teetisch Platz, so daß ihr Gesicht vom Licht der Lampe nicht getroffen wurde.

»Diese späten Spaziergänge, Hortense . . . die Kühle der Nacht dringt schon hierher . . .«

»Du sorgst dich unnötig, Vater. Der Genuß dieser wunderbaren Natur hier ist in der Abendkühle erst vollkommen.« Während sie die Worte sprach, zog sie wie fröstelnd ihren leichten Schal dichter um die Schultern.

Violet war aufgesprungen.

»Ein Glas heißen Tee, Miß Hortense.« Sie setzte das volle Glas vor Hortense auf den Tisch und breitete sorglich ein zweites Tuch um sie.

Die trank mit vollen Zügen. Unter der Wirkung des heißen Getränkes belebten sich ihre bleichen Züge.

»Danke, liebe Violet.«

Ihr Blick fiel auf den Radioempfänger.

»Neue Nachrichten?«

Der Vater legte ihr die letzte Meldung vor.

»Die roten Kräfte von Süden und Norden her zusammengetrieben. Sammeln sich über dem Isthmus. Es ist ungewiß, zu welchem Zweck. – Zu letztem Widerstand, zu gemeinsamer Flucht? Hoffen wir, daß Robert Canning auf seinem Flug nach Süden nicht in die streitenden Parteien hineingerät. Und wäre es auch nur, daß er mit Flüchtigen zusammenstieße.«

Als berühre sie das nicht, wandte sich Hortense zu der Landkarte, die auf dem Tisch ausgebreitet war.

»Die Schlacht über dem Isthmus – wenn es dazu kommen sollte, dürfte wohl die letzte dieses schrecklichsten aller Kriege sein. Dann . . . dann endlich wieder Frieden auf Erden.«

Der Radioempfänger begann zu arbeiten. Nachrichten aus aller Welt. Jubel überall . . . Ausbrüche triumphierender Freude . . . doch darin gemischt bereits mehr oder weniger deutlich die Frage: Wer war der Schuldige? . . . Die alte Frage!

Und immer wieder da der Name Gorm, Weland Gorm, der Deutsche. Es lag ja so nah! War doch aus seinem Hirn die Erfindung entsprossen, aus der verbrecherische Hände diese Waffe geschmiedet . . . durch die dieser Krieg erst möglich geworden.

Hortense erhob sich, ging zu einem Zeitungsständer, griff ein Blatt, setzte sich wieder. Gorm . . . hier sein Bild. Dieser Mann der Schuldige? . . . Ihre Augen hafteten an dem Bilde, betrachteten es lange. »Dieser Mann? . . . Ich möchte ihn wohl gern einmal sehen.«

»Ob er überhaupt noch lebt?« warf van der Meulen ein. »Schon seit langem hat man nichts von ihm gesehen oder gehört.«

Violet hatte das Blatt ergriffen. »Möglich, daß ich ihn mal gesehen habe. Er war mit meinem Onkel Jonas Lee befreundet, bevor der seine Unglücksfahrt zum Monde antrat. Vielleicht, daß mein Bruder ihn kennt.«

»Ah, interessant, Miß Violet. Ihr Bruder . . . übrigens, er wollte Sie hier immer einmal besuchen.«

»Oh, ich glaube, das wird wohl so leicht nicht eintreten. Er kennt nichts als seine Arbeit. Tag und Nacht sitzt er in dem Laboratorium an seinen geliebten Apparaten, wenn er nicht gelegentlich zur Erholung tollkühne Flüge mit seinem Schiff unternimmt. Alles ein Erbe des Oheims. Im stillen habe ich nur immer die Befürchtung gehabt, daß er gar auch an diesen Kämpfen teilnimmt. Tollkühn, verwegen genug ist er dazu.«

»Nun,« hier mischte sich van der Meulen ein, »so müssen wir ihn unbedingt mal hierherkommen lassen. Ein längerer Erholungsflug wird ihm nichts schaden können.«

Violet reichte das Blatt mit einem leisen Erröten zurück. »Ich möchte beinahe sagen, daß mein Bruder Ronald eine gewisse entfernte Ähnlichkeit mit Gorm hat. Nun, hoffentlich blüht ihm ein besseres Schicksal als diesem.

Dieser Gorm! Wie ist das möglich, daß man immer wieder die alten Beschuldigungen vorbringt. Alle Welt weiß doch, daß jener hohe Beamte der gestürzten Zarenregierung das Staatsgeheimnis der neuen Erfindung an die Bolschewiken verkaufte . . . Welche Schuld kann man da Gorm beimessen?«

»Das ist der Gang der Welt«, warf van der Meulen ein. »Kaum ein paar Jahre sind's, da schrien sie Hosianna . . .«

». . . Und jetzt . . . wollen sie ihn ans Kreuz schlagen . . . und zeigen doch nur, wie recht die hatten, die damals meinten, noch nicht reif sei die Menschheit . . . unwert der großen Tat Gorms.«

»Schon seit Ausbruch des Krieges hetzt man gegen ihn,« sagte van der Meulen, »daß man jetzt gar in der Union Stimmen hört, die die Einsetzung eines Gerichtshofes verlangen . . . ich halte es vorläufig nur für einen Bluff . . . zeigt, daß das alles doch nicht leicht zu nehmen ist.«

Hortense versuchte zu lachen.

»Einen Gerichtshof! . . . Weltgericht! . . . Weltacht! . . . Ich glaube, die Menschheit ist toll geworden.«

»Toll! . . . Hortense, du sprachst das rechte Wort. Sie ist toll nach diesem Kriege . . . sie rast . . . sie will ein Opfer! Der Russe ist tot . . . folglich . . . man braucht ein Opfer . . . man nimmt Gorm.«

»Er wird ihrer lachen«, setzte Violet hinzu. »Er ist zu groß, als daß das Gekläff dieser sinnlosen Meute ihn rühren könnte.«

Ein Diener trat ein. Sein Gesicht zeigte, daß etwas Besonderes vorgefallen sein mußte.

»Juan? Was gibt's?« Van der Meulen stellte die Frage.

»Ein Mann ist draußen. Ein Fremder wünscht den Herrn zu sprechen.«

»Ein Fremder? Jetzt in der Nacht?«

»Die Vaqueros,« stammelte der weiter, »man verlangt den Herrn.«

Van der Meulen schritt, ohne ein Wort zu sagen, ins Haus.

In der großen Vorhalle ein Mann . . . Halbblut, der Kleidung nach ein Städter.

»Wer sind Sie, was wollen Sie?«

»Wer ich bin, geht Sie nichts an! Ich komme im Auftrage Ihrer Vaqueros.«

»Und weiter?«

»Sie verlangen abgemustert zu werden.«

»Abgemustert zu werden? . . . Warum . . . Weshalb?«

»Weil sie es müde sind, gegen diese Bettlerbezahlung Tag und Nacht ihre Knochen aufs Spiel zu setzen . . . das Gut von euch Blutsaugern zu hüten.«

»Was unterstehen Sie sich für eine Sprache zu führen, Sie Unverschämter! Entfernen Sie sich sofort, sonst werde ich Sie mit Gewalt . . .«

»Hä, hä!« der andere lachte hämisch, »mit Gewalt? . . . Die Gewalt ist in unseren Händen . . . in meinen Händen, wenn Sie lieber wollen. Ich rate Ihnen gut, wenn ich Sie ersuche, einen Ton anzuschlagen, wie es sich gegenüber einem Caballero gebührt.«

Van der Meulen schwollen die Stirnadern hoch auf.

»Mir das?! . . . Mir das in meinem eigenen Hause?! Juan! Rodrigo! Raus mit dem hier, dem Unverschämten. Hetzt die Hunde auf ihn, wenn er sich nicht sofort vom Hofe packt.«

Der mit »Rodrigo« Gerufene ließ sich nicht sehen. Der alte Juan versuchte, mit zitternden Knien, an den Fremden heranzutreten, blieb dann zögernd stehen, sah seinen Herrn hilflos an.

»Hä, hä! Schonen Sie Ihre Stimme! Sie kommen nicht, die tapferen Bedientenseelen . . . wissen genau, daß es ihnen schlecht ginge, wenn sie es wagten, einen Finger an mich zu legen.«

Van der Meulen stand da, sprachlos, wie betäubt. Er wollte sich eben selbst auf den Fremden stürzen. Da sprang der zur Seite, riß die Tür zum Hofe auf.

Der weite Raum war von einem Durcheinander abenteuerlicher Gestalten erfüllt. Beim Erscheinen des Fremden brach die Menge in ein johlendes Geheul aus.

Van der Meulen mußte sich sekundenlang sammeln, ehe er begriff, was hier vorging. Dann trat er durch die offene Tür ins Freie und versuchte zu reden. Doch seine Stimme verhallte in dem Gebrüll der Leute, die größtenteils betrunken waren.

Ah! Ein heftiger Schreck durchzuckte ihn. Er sah, wie sie da hinten die Tür zu dem Vorratsraum erbrachen, in dem die Spiritusvorräte lagerten. Er wußte . . . diese Menschen . . . nüchtern gutmütige Gesellen . . . in der Trunkenheit wilde Tiere . . . Es galt, schnell zu handeln.

»Möge es sein«, wandte er sich zu dem Fremden. »Sagen Sie den Leuten, daß die, die es wollen, abgemustert sind. Sorgen Sie aber dafür, daß diese sich sofort von der Besitzung entfernen.«

»Und ihr Lohn?« fragte höhnisch lachend der neben ihm.

»Sie mögen ihn sich morgen am Tage holen. Jetzt ist's zu spät.«

»Zu spät? Keineswegs, mein Lieber! Sie haben genug Geld im Hause . . . Her damit!« Seine Stimme plötzlich scharf befehlend. Ein Griff in die Tasche verstärkte die Drohung.

Van der Meulen sah, daß Widerstand nutzlos war.

»Ich werde holen, was Sie wünschen.« Er ging zu der Treppe hin, die nach oben führte; hatte sie noch nicht ganz erstiegen, als ein Schrei aus dem Munde Hortenses an sein Ohr drang. Blitzschnell drehte er sich um, stürmte die Treppe hinab. Wie ein Tiger stürzte er auf den Fremden los, der Hortense gewaltsam umschlungen hielt.

Mit Riesenkräften schleuderte er den Fremden zu Boden, warf ihn wie ein lebloses Bündel ins Freie, schlug die schwere Tür ins Schloß und schob den Riegel vor.

Ein Wutgeheul da draußen. Jetzt hämmerten schon harte Fäuste gegen die Tür. Drohungen kamen, alles kaltzumachen, wenn nicht sofort geöffnet würde.

Van der Meulen stand schwer atmend. Tausend Gedanken kreuzten sein Hirn . . . Hilfe herbeirufen? . . . Wo gab's die?

Wär's nur das Geld gewesen . . . aber . . . sein Blick ging von der Tür zum Hintergrund der Halle zu den beiden jungen Mädchen, die sich verstört umklammert hielten. Jeden Augenblick konnte die Tür eingeschlagen werden und dann . . . das Schicksal dieser . . . entsetzlich.

*

Robert Canning saß in seiner Jacht. Vergeblich suchte er sich von der Erinnerung an die Nacht frei zu machen. Immer wieder kehrten seine Gedanken zu dem Geschehenen zurück.

Der Sturz Awaloffs in die dunkle Tiefe . . . Nur wenige Meter weit konnten seine Blicke dem fallenden Körper folgen. Dann verschlang ihn die Finsternis. –

Wie weiter? Er zweifelte nicht, daß Awaloff, durch seinen Faustschlag betäubt, besinnungslos den grausigen Sturz durchfiel . . .

Und gerade diese Szene, die er nicht bis zum Schluß erschauen konnte, trat immer wieder vor seine Augen. Er verfolgte den Körper von Meter zu Meter. Minuten mußte es dauern, bis der auf die Oberfläche des Meeres aufschlug. Im Geiste sah er die Flut unter dem rasenden Anprall des menschlichen Körpers hoch aufspritzen. Zerschlagen . . . zerrissen mußte dabei werden, was von Awaloff noch lebte. Jetzt stritten sich wohl schon die Fische um die Beute . . .

›Gott sei Dank, du warst kein Kind mehr, Awaloff! – Kinder haben zuweilen Schutzengel, die ihre Flügel um sie breiten in der Gefahr‹ . . . er lachte ein häßliches Lachen.

*

Awaloff . . . Der Faustschlag hatte ihn nicht ganz betäubt. Wohl mußte er den Körper seines Gegners, an den er sich klammerte, loslassen . . . fühlte sich plötzlich ins Leere taumeln . . . fallen. Der Schrei, den er ausstoßen wollte, erstickte in der Brust. –

In Bruchteilen von Sekunden durcheilte sein Geist die letzte Zeit seines Lebens.

Dieser Abschluß! . . . Wie lange noch? . . . Unendlich schien ihm die Zeit . . . dann würden sich die Wogen des Ozeans über ihm schließen. Eine Art wohliger Ruhe überkam ihn . . . die letzten Sinne schwanden . . . ein Traum nur noch – – –

Da! Wie ein Schlag ging's durch seinen Körper. Die Hände griffen um sich . . . Wasser? . . . Nein! . . . Etwas Festes . . . Hartes?! . . .

Er hatte ein unbestimmtes Gefühl, als wäre der Fall unterbrochen, als schwebe er . . . risse ihn etwas vorwärts.

Er fühlte, wie ein rasender Sturmwind an ihm zerrte, ihn wegzufegen drohte. Fester klammerten sich seine Fäuste um den Halt, den sie gegriffen.

Was war das? . . . Wo war er? . . .

Die Überraschung zu groß . . . zu ungeheuer! . . . Aufs neue schwanden ihm die Sinne . . . Er fühlte kaum, wie die kräftige Faust eines Mannes ihn packte, zu sich zog . . . dann war er bewußtlos. – – –

Als er wieder erwachte, sah er mit wirren Blicken um sich, wie einer, der schon als tot, begraben, aus dem wiedergeöffneten Sarg gehoben wird. Nur langsam begann sein Geist zu arbeiten . . .

Aber . . . Was war das? Seine Blicke gingen in die Runde . . . Er war ja in der Jacht!

Ein Schrei der Erlösung brach aus seinem Munde . . . ein Traum nur alles, ein fürchterlicher Traum nur. Er war ja gar nicht aus dem Schiff gestürzt . . . war ja noch hier . . . Ein Traum nur, der ihn entsetzlich gemartert.

Der andere da drüben im Halbdunkel . . . Canning mußte es ja sein . . . Canning, sein Freund!

Tief atmend schloß er die Augen . . . versuchte, das fürchterliche Traumbild aus der Erinnerung zu verscheuchen . . . Er wollte Canning rufen. Die Lippen versagten. – – –

»Hier! Nehmen Sie eine Erfrischung, Mann! Sie können's wohl gebrauchen.«

Beim Klang dieser Stimme riß Awaloff die Augen auf, schaute dem ins Gesicht. Die Lippen, die das Wort Canning bilden wollten, verstummten. Der da . . . war ja nicht Canning . . . ein fremder Mann . . . eine fremde Stimme, die zu ihm sprach.

Er fühlte nur undeutlich, wie ihm ein Glas Wein an die Lippen gesetzt wurde. Gierig sog er es leer. Unter den belebenden Geistern des schweren Getränkes fand er sich ganz wieder.

»Wer sind Sie? . . . Wo bin ich? . . . Ich glaubte, ich hätte geträumt . . .«

»Leider nicht, mein Lieber! Der Traum war bittere Wirklichkeit. Von Ihres Begleiters Hand betäubt, stürzten Sie aus dem Schiff.«

». . . Von Cannings Hand betäubt, stürzte ich aus dem Schiff . . . Monoton wiederholte Awaloff die Worte, unbewußt den Namen Cannings einfügend. ». . . ja . . . es ist wahr . . . so war es . . . und unter mir das Grab des Ozeans . . .

Und jetzt! . . . Und jetzt! . . . Sagen Sie mir, wo ich bin.« Er schrie es, versuchte aufzuspringen. »Bin ich im Grab? . . . Wo bin ich? Kein Gott, der mich retten konnte! . . . Lebe ich oder bin ich tot? . . . Bin ich Awaloff? . . . Oder wer bin ich . . .«

Mit Augen, in denen Wahnsinn stand, starrte er umher. Der andere legte den Arm um ihn, zwang ihn wieder in den Ruhesessel zurück.

»Seien Sie ruhig . . . Herr Awaloff, wie Sie ja wohl heißen mögen. Nehmen Sie dies Pulver, es wird Ihnen Schlaf bringen. Wenn Sie wieder bei Kräften sind, werde ich Ihnen Aufklärung geben. Jetzt schlafen Sie ein . . . mit dem Gedanken, daß Sie leben . . . gerettet sind.«

Der Fremde trat zurück, ging zu dem Maschinenraum. Es war kein Pilot darin. Sein Auge ging prüfend über die Karte und die Kompaßscheibe. Dann trat er zur automatischen Steuerung, bewegte ein paar Hebel . . . nickte vor sich hin. Der Kurs war in Ordnung.

›Canning – der Name aus dem Munde dieses unverhofften Gastes bestätigt meinen Verdacht . . . ich konnte seine Züge durch die Scheiben der Kabine nicht mit voller Sicherheit erkennen . . . Robert Canning! – Was muß da vorgefallen sein, daß du zum Verbrecher . . . zum Mörder wurdest – – –?‹

Seine Gedanken flogen zurück. Seine Studienzeit in Gent. Canning war, wie er, als Hörer an der Universität. Er erinnerte sich seiner genau. Der machte viel von sich reden. Von maßlosem Ehrgeiz besessen, strebte er nach den höchsten Zielen der physikalischen Wissenschaft, wobei das Wollen mit dem Können nicht in rechtem Einklang stand. Öfter als einmal hatte der geglaubt, eine hochwichtige Entdeckung gemacht zu haben, die zunächst großes Aufsehen erregte, aber einer ernsten Prüfung nicht standhielt.

Er hatte ein gewisses Mitleid mit dem gehabt. Waren doch die Grundideen seiner Erfindungen und Entdeckungen meistens richtig, nur ihre Weiterführung fehlerhaft oder unmöglich.

Er hatte ihn dann aus den Augen verloren, wußte nur, daß er sich später in Paris als Privatgelehrter niedergelassen hatte. Wie konnte der so tief sinken? – –

Ein Zufall hatte ihn jetzt in Cannings Bahn geführt. Er hatte dessen Jacht eben in Sicht bekommen, als er sie plötzlich aus der Fahrstraße abwärtsgehen sah . . . Ein Defekt? . . . Ein Unfall? . . . Er war ihr mit abgeblendetem Licht nachgestoßen . . . sah sie ihren Weg in der geringen Höhe fortsetzen. Schon wollte er wieder nach oben gehen, da wurde er Augenzeuge des Verbrechens.

Was tun? . . . Instinktmäßig trieb er sein Schiff näher heran . . . Da sah er mit Entsetzen, wie Canning gerade sein Opfer aus der Jacht schleuderte . . .

Nur eine Sekunde, dann stieß er sein Schiff mit voller Energie senkrecht in die Tiefe, unterfuhr noch schneller im Sturz den Stürzenden, fing ihn sanft mit dem Rumpf seines Schiffes auf . . .

Der leichte Anprall des Fallenden gab ihm Gewißheit, daß der kühne Versuch gelungen. – –

Er trat wieder in die Kabine . . . Da lagen am Boden noch die Papiere, die die starre Faust des sonderbaren Gastes umklammert hielt, als er ihn in das Schiff hereinholte. Er bückte sich, hob sie auf, ließ sich am Tisch damit nieder.

Lange Zahlenreihen, unterbrochen von dazugehörigen Ausführungen . . . die Buchstaben . . . sie tanzten vor seinem Gesicht. Er legte sich zurück, schloß die Augen . . . starrte wieder darauf . . . Diese Zahlen, diese Ausführungen . . . Als wäre der Blitz neben ihm eingeschlagen . . . er sprang auf, lief in dem engen Raum ruhelos hin und her.

›Unmöglich! Unmöglich!‹ Immer wieder schrien seine Lippen das Wort. Immer wieder beugte er sich über diese Blätter, als müßte er sich vergewissern, daß es Tatsache wäre, daß er nicht träume. Die maßlose Erregung übermannte ihn, daß er kraftlos in dem Stuhl zusammensank. Sein Atem ging schwer, er preßte die Fäuste an die Stirn . . . Wie war das möglich?! – – –

Die erste Niederschrift dieser Blätter war von seiner eigenen Hand erfolgt. Er sah sich sitzen in dem mit den stärksten Mitteln der Technik geschützten Panzergewölbe der Reichsbank. Vor ihm ein einfacher Tisch, dabei ein gewöhnlicher Bretterstuhl, Tinte und Feder, ein Stoß weißes Papier.

Die Apparate, die die neue Energie lieferten . . . kein Mensch dieses Zeitalters, der ihre Einrichtung kannte, der sie nachbauen konnte. – – –

Für den Fall . . . für den unmöglichen Fall, daß sie einmal versagen sollten . . . in der Reichsbank sollten dafür die Berechnungen und Konstruktionen in versiegeltem Umschlag deponiert bleiben. Um jede Möglichkeit, daß die Dokumente gestohlen werden könnten, zu vermeiden, hatte er die Aufzeichnungen hier im Tresor eigenhändig geschrieben und gezeichnet. Sie waren von ihm selbst in den Umschlag getan und versiegelt worden. Von seiner Hand waren sie in den stärksten Panzerschrank gelegt worden. Vor seinen Augen war dieser Schrank unter den größten Kautelen im Beisein der Vertreter aller europäischen Staaten geschlossen worden. Die Schlüssel und das Geheimnis, damit die Tür zu öffnen, waren verschiedenen europäischen Regierungen übergeben, die das Anvertraute durch stärkste Sicherheitsmaßregeln zu beschützen hatten. Keiner war ohne die Hilfe aller anderen in der Lage, diesen Tresor zu öffnen.

Und jetzt! – – – Es mußte doch geschehen sein! . . . Wie wäre es sonst möglich gewesen, daß eine Abschrift jetzt hier vor seinen Augen liegen konnte? Ein Diebstahl, ein gewaltsames Rauben lag gänzlich außer dem Bereich jeder Möglichkeit. – –

Und dann . . . er preßte die Hand aufs Herz . . . wie eine böse Ahnung war's schon damals in ihm aufgestiegen, als die Bolschewiken, im Besitz von Waffen, die nur nach seiner Erfindung gebaut sein konnten, das Zarenregiment stürzten, den Weltkrieg entfesselten.

Dann die Stimmen der Millionen, die ihm ins Ohr gellten . . . du bist es, der all des Elend verschuldet, das über die Welt gekommen . . . Teufelswerk deine Erfindung, mit der du der Welt ein Paradies zu bereiten versprachst . . . du, an dessen Hand das Blut unzähliger schuldlos Gemordeter klebt . . .

Die Ahnung, sie war wahr geworden. Hier lagen vor ihm die Beweise . . . Lüge war all das, was über den verräterischen Verkauf des russischen Apparates durch einen hohen Regierungsbeamten geredet wurde. Lüge war das alles! Vielleicht, daß er auch hierfür die Beweise fand . . . Mit bebenden Händen durchblätterte er die Papiere, die vor ihm lagen.

Da hier ein anderes Blatt! . . . Eine andere Schrift! . . . »Robert Canning« die Unterschrift. Eine Quittung über den Empfang von drei Millionen Rubeln für die Übergabe der Berechnungen an den russischen Baron Awaloff.

Wie ein rasendes Tier sprang er auf, starrte zu dem hin, der da besinnungslos vor ihm lag. Mit geballten Fäusten stand er über dem . . . sinnlos wollte er sich auf ihn stürzen . . . ›Du und er‹, doch nein, der Hauptschuldige war ja der nicht, das war Canning.

»Canning!« Die Stimme, die den Namen schrie, war wie die eines gereizten Raubtieres. »Du, Canning, Robert Canning, der größte Schurke, den die Geschichte der Menschen je gekannt.« Er lief in dem Raum hin und her. Hätte er ihn hier gehabt, mit kaltem Blut hätte er ihn erwürgt . . .

Die Stunden verstrichen . . . er wußte nicht, wie viele . . . Der Fund hier! . . . Um keinen Schatz der Welt hätte er ihn aus der Hand gegeben . . . ihm gehörte er . . . keinem anderen in der Welt! . . .

Diese Papiere als Waffe in der Hand! Wer würde es noch wagen, einen Stein auf ihn zu werfen? – –

Canning! Ihn finden, an den Pranger stellen. Kein anderer Gedanke mehr! Er sah sich im Geiste dem gegenüberstehen, ihm die Beschuldigung ins Gesicht schleudern . . . der . . . das glatte Gesicht tauchte vor seinem Auge wieder auf . . . der . . . was würde der . . .

Und dann hielt er plötzlich still. Es war ihm, als stände Canning vor ihm mit höhnisch lachendem Gesicht und fragte: Die Papiere, Gorm? Liegen sie nicht noch in der Reichsbank? Sind die Siegel nicht noch unversehrt? – – – Ich dich bestohlen . . .? Fast körperlich hörte er ihn höhnisch lachen . . . Deine Arbeit? . . . Nein, meine Arbeit ist das! Du glaubtest der einzige unter den Millionen zu sein! Ha, ha, du täuschtest dich! Ich, auch ich hab's erreicht, das Geheimnis ergründet . . . Und wenn ich's denen gab . . . nun, warum sollt' ich's nicht? . . . Du gabst es den Weißen, ich gab's den Roten. Was geht's dich an?

Hochatmend sank er in den Stuhl. Kein Wort würde er glauben . . . und doch, dem ein Verbrechen beweisen . . . wie sollte das möglich sein? Ratlos, gebrochen fiel sein Leib auf die Tischplatte nieder. Die Schuld, die ungeheure Schuld, sie klebte fest an seinem Namen. Der Haß der Welt, fortlebend, ihn ächtend, blieb.

Der Beweis von Cannings Schuld . . . wie sollte er ihn je führen können . . . Damals, als der Krieg begann, war auf seine Veranlassung der Tresor geöffnet worden . . . das Dokument, die Siegel unversehrt gefunden . . . Wie hatte Canning doch das Geheimnis des Tresors gefunden?! –

Die aufgehende Sonne rief ihn in die Wirklichkeit zurück. Sorgsam glättete er jedes der Blätter, ordnete sie, legte sie zusammen . . . barg sie an seiner Brust. Keine Macht der Welt sollte sie ihm wieder entreißen.

 

* * *

 

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