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Das Erbe der Uraniden

Hans Dominik: Das Erbe der Uraniden - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorHans Dominik
titleDas Erbe der Uraniden
publisherVerlag Scherl Berlin
printrun41. bis 50. Tausend
yearo.J.
firstpub1935
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Eine Riesenschlucht in den östlichen Gebirgszügen der Meridianalpen. Ein schmaler Grat an der westlichen Felswand führt in gähnende Tiefe. Ein Mann bewegt sich vorsichtig kletternd den Pfad hinab. Die Hälfte des Abgrundes hat er überwunden. Da tut sich plötzlich zu seiner Linken ein gewaltiges Felsentor auf. Die gigantischen Ausmaße geben das Bild der Halle eines Riesendomes. Im Hintergrund der Höhle ein Raumschiff.

Als der Ankömmling in die Höhle trat, kamen ihm aus einer Nische zwei Männer entgegen.

»Wie steht's, Tim? Hast du Erfolg gehabt?«

Der bejahte, das Gesicht halb ernst, halb von einer versteckten Freude zu einer Grimasse verzogen.

»Sarata ist von einer giftigen Schlange, die er zähmen wollte, gebissen worden. Wie das passiert ist, konnte ich leider nicht feststellen. Er scheint rettungslos verloren.«

»Ah! Also doch. – Sarata.« Stamford wandte sich ab, schritt in tiefem Nachdenken lange Zeit hin und her. »Unendlich kunstvoll die feinen Fäden vom Karma zu einem unzerreißbaren Gewebe versponnen. Alles ist mir jetzt klar. Meine Ahnung trog mich nicht. Trog mich nicht, wie auch damals nicht, als ich vor unserer Abfahrt mich auf Majadevis Seite stellte, die Gorm bat, Awaloff mitzunehmen. Auch hier das Walten des Karma. Es mußte sein, damit hier die wirren Knoten ihre Lösung fänden.«

Indessen berichtete Tim Bröker Gorm, wie es ihm gelungen, sich unbemerkt an Cannings Lager heranzuschleichen, aus dem Gespräch der Leute das Wesentliche zu erlauschen.

Jetzt wandte sich Stamford zu Gorm, trat mit dem in die Nische. Auf einem Lager ausgestreckt Majadevi. Das nervöse Arbeiten ihrer Gesichtsmuskeln, das unruhige Umhertasten ihrer Hände, das Zucken, das hin und wieder durch ihre Glieder ging, zeigten, daß der Schlaf, in dem sie lag, nicht natürlich . . . daß Stamford sie bannte, festhielt.

»Sarata stirbt«, sprach Stamford flüsternd zu Gorm. »In dem nahenden Dunkel des Todes tastet seine Seele noch einmal nach dem besten Besitz und Glück seiner Erdentage. Die schattenden Wellen seiner Seele trafen mit stärkster Inbrunst Majadevi. Noch sind mir die tiefsten Geheimnisse der indischen Mystik nicht erschlossen . . . ob er noch sterbend sie uns entreißen wollte . . . ihre Seele mitnehmen in das neue, geträumte Leben? . . . Ich hörte wohl von solcher ungeheuren Kraft Sterbender. Doch es soll ihm nicht gelingen.

Setzen Sie sich wieder zu ihr. Ergreifen Sie wieder ihre Hände. Das Fluidum Ihrer Seele ist die beste Abwehr . . . ist stärker als meine Kunst.«

Stamford nickte Awaloff, der zu Füßen des Lagers saß, freundlich zu. Die bekümmerten Züge des Mannes, dessen Augen wie hilflos an Stamford hingen, hellten sich auf.

Welch tiefe Wandlung war mit Awaloff vorgegangen. Das eingefallene Gesicht von den ausgestandenen Leiden gefurcht, der Rücken gebeugt. Die hageren Hände wichen nicht von dem Lager Majadevis, wie um sie zu schützen . . . wie um selbst Schutz zu suchen. Der einzige kostbare Besitz, der ihm noch ward.

Die Augen glanzlos, trugen die Spuren der furchtbaren Seelenkämpfe, zeigten, wie unauslöschlich in seiner Erinnerung das Entsetzliche, das er erlitten, fortlebte. Wie eingemeißelt in ihrem Hintergrunde das Bewußtsein der schweren, nie wieder gut zu machenden Schuld an der Menschheit.

Nur wenn sein Blick Majadevi traf, veränderte sich der Ausdruck. Der Schimmer unsäglicher Liebe verschleierte dann alles Dunkle, Trübe. Seit jener Stunde, wo die Nacht des Wahnsinns von ihm gewichen, wo er in Majadevi sein Kind wiedergefunden, hatte er sich mit allen Fasern seines Seins an die geklammert. Sie das einzige Band, das ihn noch mit dem Leben verknüpfte. Vor Gorm zeigte er eine unüberwindliche Scheu. Er wich ihm aus, wo er nur ging. Wenn Gorm mit ihm sprach, senkte er die Augen, wurde ängstlich.

Wohl hatte keiner mit ihm über die Zusammenhänge zwischen seiner Tat und Gorms Schicksal gesprochen. Doch hatte er sie wohl durchschaut. Stamford, der für kurze Zeit hinausgegangen, kam jetzt wieder, wandte sich zu Gorm.

»Noch immer senden die Leute der ›Buena Vista‹ Rufe in den Äther, die keine Antwort finden. Wüßte man nicht aus den gestrigen Funksprüchen, daß der ›Jonas Lee‹ eine Fahrt um das neue Land machen wollte, möchte man annehmen, daß Ihre Befürchtungen, Gorm, wahr geworden. Gewiß, es wäre ja nicht ausgeschlossen, daß der ›Jonas Lee‹ seine Pläne geändert, den Pol angesteuert hätte . . . daß er das Schicksal des Uranidenschiffes erlitte.«

»Es muß so sein«, erwiderte Gorm. »Die Einrichtungen des ›Jonas Lee‹ sind so vortreffliche, daß an einen Unglücksfall gewöhnlicher Art nicht zu denken ist. Und wenn ihm auch sonst etwas zugestoßen wäre, die Sendeanlage müßte ihm jedenfalls zur Verfügung stehen. Doch die Nacht bricht herein. Sie im Licht der Scheinwerfer zu suchen, wäre kaum möglich. Doch was auch sei, ich weiche nicht von Majadevi. Weiche nicht, bis mir ihre Seele wieder voll geschenkt.

Sarata tot? . . . Majadevi befreit von den schweren Fesseln, mit denen der sie an sich gekettet . . . dann ganz mein Eigentum, dies schimmernde Kleinod, dessen Licht meine Augen so glückverheißend traf, als ich in der tiefen Nacht des Menschenhasses wandelte . . . Vollendet mein Glück, wenn die zarte Blüte, von meinen Händen vor allen Lebensstürmen geschützt, sich zur schönsten Blume entfaltet.« – – –

Stunden verrannen. Die drei wichen nicht von dem Lager.

»Hallo! Sie ist wieder da, die alte Erde. Der Teufel, daß ich die mal als blitzenden Stern am Himmel sehen sollte.« Tim Brökers Stimme schallte von dem Ausgang her zu ihnen. Der schwenkte den Hut. »Ich freue mich jeden Tag, wenn ich dich wiedersehe, alte Heimat.«

Stamford hatte sich erhoben, wollte dem unwillig zurufen, still zu sein. Da hielt ihn Gorms Hand zurück.

Der deutete auf Majadevi. Was war mit der? Sie hatte sich langsam emporgerichtet. Die Augen glitten in ruhigem, liebevollem Blick von einem zum anderen. Man sah, wie ihre Brust sich unter dem leichten Gewande in ruhigen, befreienden Atemstößen hob und senkte. Ihre Hände hoben sich hoch, streckten sich denen entgegen.

»Mir ist so leicht. Ich . . . ich bin so glücklich. Der schwere Traum . . . er ist fort . . . die dunklen Schatten . . . die finsteren Gestalten, die um mich woben, sind verschwunden. – – Väterchen – Weland Gorm –«

Wie betäubt von dem Glücksgefühl schlang sie arglos die Arme um den Mann, der neben ihr saß, legte ihre Hände an seine Brust. »Weland Gorm, du liebst mich. Du wirst nie von Majadevi gehen, die dich auch so liebt.«

Es war die Stunde, als Sarata starb.

*

In dem klaren, hellen Sternenlicht wanderten zwei Männer über die Eisfelder. Hin und wieder verdunkelten schwarze Wolken das geringe Licht. Dann entzündeten sie ihre starken Laternen, um ihren Weg zu erhellen. Hin und wieder vergewisserten sie sich mit dem Kompaß, daß sie die rechte Richtung behalten.

Nach Süden! Stundenlang, fast die ganze Nacht waren sie schon gewandert. Eine breite Eisspalte sperrte ihnen den Weg. Der eine nach rechts, der andere nach links suchten sie eine Möglichkeit, das Hindernis zu umgehen. Die Zeit verrann. Endlich . . . der eine hatte eine schmale Eisbrücke gefunden, die auf das andere Feld führte. Durch die hohle Hand schrie er es dem Gefährten zu. Der kam. Der andere zog inzwischen die Uhr.

Acht Stunden waren sie schon gewandert. 35 Kilometer hatten sie zurückgelegt. Viel weiter wären sie schon, wenn nicht immer wieder die Hindernisse ihren Weg verlängert hätten. Eine Zeitlang war ihnen das Glück hold. Keiner schien Ermüdung zu verspüren. Unaufhaltsam, indem bald der eine, bald der andere Schrittmacher war, wanderten sie weiter. Im Schutze einer riesigen Eiswand, die sie umgehen mußten, machten sie einen kurzen Halt. Das Sternenlicht begann langsam zu verblassen.

»Wenn wir noch 20 Kilometer zurücklegten, Mr. Lee, wären wenigstens geringe Aussichten, daß wir die ›Buena Vista‹ vor dem Eintritt in das magnetische Feld warnen könnten.«

Lee nickte. Verzweifelt im Innern, ob seine Kräfte noch ausreichten, den beschwerlichen Marsch so viele Stunden lang fortzusetzen. Gestern erst vom Krankenlager aufgestanden, heute diese Riesenanstrengung. Selbst sein stählerner Körper war solcher Strapazen nicht gewachsen.

»Ich will's versuchen, Señor Serrato. Wenn ich nicht weiter kann, müssen Sie allein weiterwandern. Das Geschick aller unserer Gefährten hängt davon ab, daß wenigstens einer das Ziel erreicht. Vielleicht, daß unser Sender schon früher arbeitet, wenn auch schwach.«

Eine Stunde wohl waren sie weitergewandert. Der Weg war günstig gewesen. Da, ein neuer, breiter Eisspalt. Soweit ihre Augen bei dem immer heller werdenden Morgenlicht reichten, keine Möglichkeit, ihn zu überschreiten . . . zu umgehen.

»Wir dürfen uns nicht trennen, Mr. Lee. Die vielen kleinen Spalten, die das Eis durchziehen, sind tückische Fallen. Stürzte einer hinein, wäre er verloren, ehe der andere herbeikäme. Wandern wir aufs Geratewohl nach rechts. Vielleicht, daß wir Glück haben.«

Doch nirgends eine Übergangsmöglichkeit. Schon wollten sie verzweifelt umkehren, nach der anderen Seite suchen, da sah Serrato eine kleine, schwimmende Eisscholle in dem offenen Wasser. Der Spalt war hier verhältnismäßig schmal. Serrato deutete darauf.

»Hier wäre eine Gelegenheit. Der Zwischenraum bis zur Eisscholle ist nicht groß. Springen wir gleichzeitig darauf, wird die Scholle durch unseren Anprall zweifellos nach der anderen Seite getrieben werden, daß wir wieder mit einem Sprung das jenseitige Ufer erreichen können.«

»Sie haben recht, Señor Serrato. Wir müssen's wagen.«

Beide nahmen einen Anlauf, sprangen auf die Scholle. Wie Serrato vermutet, trieb die der Anprall weiter . . .

Jetzt der zweite Sprung. Die Entfernung war bedeutend größer, doch es blieb nichts anderes übrig. Sie mußten's wagen. Gleichzeitig schnellten sie sich von der Scholle ab, kamen glücklich am Rande des Eisfeldes an.

Serrato war hingestürzt, Lee wollte ihm aufhelfen. Da stöhnte der laut auf.

»Sie haben sich verletzt, Serrato?« fragte Lee in jähem Erschrecken. Der preßte die Zähne zusammen, nickte nur. Schöpfte ein paarmal tief Atem.

»Ich kann nicht weiter. Unmöglich! Lassen Sie mich hier. Der Tag kommt immer schneller herauf. Sie müssen weiter, sonst ist's zu spät, alles umsonst gewesen.«

Lee stand ratlos. Was sollte er tun? Den Gefährten hier in der eisigen Einöde allein zurücklassen? Seine Gedanken gingen zu dem »Jonas Lee«. Er sah, wie die da zitternd und bangend sie auf ihrem Weg verfolgten.

Der Abschied . . . gelang ihr Plan nicht, war's gleichzeitig ein Abschied für die Ewigkeit . . . denn zurückkehren, denselben Weg zu Fuß zum »Jonas Lee« . . . unmöglich. Und kämen sie selbst zurück . . . lange würde es dauern, wo jetzt schon seine Kräfte vollkommen erschöpft, dann würden die tot sein, verhungert, erfroren. Doch gelang sein Plan, konnte man Serrato auch retten. Er drückte dem stumm die Hand, schritt weiter nach Süden . . . nach Süden. Doch noch war er nicht weit gekommen, da sperrte erneut offenes Wasser seinen Weg.

Das Tageslicht war so weit vorgeschritten, daß er weithin die Gegend überschauen konnte. Doch wohin er auch spähte, nirgends eine Möglichkeit. Verzweifelt schritt er aufs Geratewohl an dem Wasserspalt entlang, wanderte . . . wanderte . . . schrak plötzlich zusammen.

Was war das da? Er schritt schneller . . . da war Serrato wieder. Lee schaute sich nach allen Seiten um. Wie war das möglich? Er mußte im Kreise gegangen sein. Sie befanden sich also auf einer rings von Wasser umgebenen Eisscholle.

Jetzt hatte ihn auch Serrato bemerkt. Er mühte sich empor.

»Lee, sind Sie hier? Warum? Lassen Sie mich. Weiter! Weiter nach Süden, sonst sind wir alle verloren.«

Der trat langsam an Serrato heran, ließ sich schwerfällig zu Boden fallen.

»Alles umsonst, Serrato. Es ist zu Ende. Wir schwimmen auf einer größeren Scholle. Rund um uns offenes Wasser . . . der Weg nach vorn, der Weg zurück abgeschnitten.«

Serrato vergrub den Kopf in die Hände.

»Das wäre das Ende. Ja! Dann alles vergeblich.«

Lee, als hätte ihn der Schlag zu Tode getroffen, hatte sich lang ausgestreckt. Kein Wort kam über seine Lippen. Widerstandslos wollte der übermüdete Körper dem Schlaf nachgeben. Doch Serrato rüttelte ihn auf.

»Sie dürfen nicht schlafen, Lee. Schlaf bedeutet hier Tod.«

»Tod!« sprach der. »Wozu der Hohn? Wir sind verloren . . . so oder so. Doch nein! Sie haben recht. Stellen wir unseren Sender auf. Ich habe zwar kaum Hoffnung. Aber möglich wär's, daß seine Wellen, wenn auch stark geschwächt, doch den Empfänger der ›Buena Vista‹ träfen.«

Noch arbeitete er an der Aufstellung des Senders, da schrie Serrato laut auf:

»Ein Schiff im Süden!« Er hatte sich emporgerichtet, seine Arme deuteten dorthin.

»Wo? Wo?« schrie Lee. »Ah! Jetzt sehe ich's auch. Die ›Buena Vista‹ . . . o Gott, hilf!«

Mit zitternden Händen schaltete er den Sender ein, schrie seinen Warnungsruf hinein.

»Zurück! Nicht weiterfliegen! Die Elektronen versagen!«

Immer wieder dieselben Worte rief er. Sein Herz ging in wilden Schlägen. Sein Körper zitterte, bebte wie in Fieberschauern.

Würden sie's hören? . . . Seine Warnung?

Noch immer flog das Schiff weiter. Wie ein Wahnsinniger rief er immer wieder in den Sender:

»Zurück! Zurück! Hier Lee! Zurück, zurück, sonst seid ihr verloren!«

»Sie hören uns nicht«, schrie Serrato, fiel mit einer verzweifelten Bewegung zurück. »Sie müssen schon den letzten Grad angeflogen haben, wo wir unsere Kraft verloren.«

Lee stand, starrte mit aufgerissenen Augen dem Schiff entgegen.

»Vielleicht, daß sie es selber merken, wenn ihre Kraft schwächer wird. Vielleicht, daß sie noch wenden können, wenn sie die Gefahr merken.«

Doch nein. Näher, immer näher kam es heran. Jetzt senkte es sich, flog tiefer . . . immer tiefer . . .

Mit einem Schrei stürzte er zusammen.

»Verloren wie wir! Ich wußte es. Umsonst, umsonst alles! – – –

»Sie sind nicht tot. Sind wohl nur übermüdet von den Anstrengungen hier zusammengesunken. Wir müssen sie in das Schiff nehmen, sonst fallen sie der Kälte zum Opfer, Gorm.«

Der stand eine Weile überlegend.

»Es ist wahr, Stamford. Ehe wir zurückkämen, wären sie vielleicht den Kältetod gestorben.« –

Unter der Wirkung des belebenden Trankes, den ihnen der Arzt gereicht, gewann Lee zuerst das Bewußtsein wieder, richtete sich auf, starrte um sich.

Da neben ihm Serrato . . . und der andere . . . der sich über den beugte, ihm den Fuß verband? Wer war das? Waren sie nicht in der »Buena Vista«? Wer war der Mann? . . . Ein Fremder . . .

Sie waren in einem Raumschiff . . . die »Arizona«? Nein! . . . Und das Schiff flog . . . flog weiter . . . Voller Entsetzen hob er die Arme empor, wollte schreien: »Nicht weiter! Nicht weiter!«

Da trat der Fremde zu ihm.

»Seien Sie ruhig, Mr. Lee. Die Gefahr, die Sie fürchten, trifft uns nicht. Wir werden die im ›Jonas Lee‹ retten, wie wir Sie gerettet haben. Werden Sie zurückbringen zu Ihrem Lager.«

Lee schloß die Augen, drückte die Hand an die Stirn. War's ein Traum? War's Wirklichkeit? Ein anderes Schiff hier oben, das sie gerettet. Wer war das? Er riß die Hände vom Gesicht.

»Gorm?«

Der andere nickte.

»Sie sind in Gorms Schiff, Mr. Lee.«

»Ah, Gorm! Sein Werk! Unüberwindlich seine Macht. Wir sind gerettet . . . Hortense . . .«

Er schloß die Augen. Tiefe Ohnmacht umfing ihn.

*

Wieder schlug Lee die Augen auf . . . schloß sie ebenso schnell. Das Bild, was er gesehen . . . noch träumte er den schönen Traum weiter. Nicht anders konnte es sein. Doch nein! Da klang die Stimme, die an sein Ohr drang.

»Ronald!«

Ängstlich, fast zag hob er ein wenig die Lider. Das Bild! War's Wirklichkeit? Hortense neben ihm. Ihre Stimme, die sprach. Ihre Hand, die er umklammerte. Ihre Tränen, die auf sein Gesicht fielen.

Er riß die Augen weit auf.

»Hortense, du bist bei mir? Gerettet?! . . .«

»Gerettet, Ronald . . . Weland Gorm hat uns gerettet . . .«

Ein glückliches Lächeln ging über Lees Züge.

»Gorm! Ich wußte es immer schon. Er ist hier . . . Er unser Freund . . . er behütet uns. Alles sein Werk . . .«

»Ronald!«

Die Stimme Violets. Die trat an der Hand eines Mannes an seine Seite. Eines Fremden . . . und doch, das Gesicht? . . . Er hatte es schon gesehen. Doch wann? Wo? War's nicht eben erst gewesen? . . . In dem Schiffe Gorms?

»Ronald! Dies ist Sidney Stamford, der Freund Gorms. Er hat dich gerettet. Er hat dich zu uns gebracht . . .«

Noch hatte Lee kaum begriffen . . . da! Die schlang die Arme um den . . . der küßte sie, küßte Violet, seine Schwester.

Er wollte fragen, sprechen. Hortenses Hand schloß seinen Mund.

»Ruhe, Ronald! Dein Körper und Geist sind so ruhebedürftig. Zuviel Freude nach so viel Leid, auch das für dich schwer zu ertragen. Du mußt ruhen!«

*

»Wir wollen den Umweg über die Alpen nicht scheuen. Vielleicht, daß der Unfall schon früher, schon hier passiert ist. Wir müssen Schritt für Schritt ihrer Bahn folgen.«

»Tun Sie, wie Sie denken, Mr. Urdaneda«, erwiderte Robartson. »Ich hege zwar starke Zweifel. Glaube vielmehr, daß der ›Jonas Lee‹ weit oben im Norden, vielleicht gar in der Polgegend verunglückt ist . . . aber immerhin . . . und vergessen Sie nicht, ständig mit mir in Verbindung zu bleiben. Mir über das, was Sie tun, Nachricht zu geben.«

Urdaneda trat in die Tür, wollte eben den Starthebel rücken. Da ließ ein lautes Geschrei von draußen ihn die Hand zurückziehen. Er eilte zur Tür. Oberst Robartson und die anderen, die bei ihm waren, deuteten erregt nach Norden.

»Ein Schiff! Der ›Jonas Lee‹! Er kommt!«

»Ein Schiff«, sprach Urdaneda leise vor sich hin, riß das Glas vor die Augen. »Nein, zwei Schiffe. Das eine im Schlepptau des anderen.«

Jetzt auch andere:

»Gewiß! Es sind zwei Schiffe. Das eine zieht das andere nach sich.«

»Und das zweite ist der ›Jonas Lee‹«, vollendete Urdaneda tonlos. Oberst Robartson stürmte die Treppe zu ihm empor, als ob er da oben besser sehen könnte.

»Mr. Urdaneda! Was ist das? Was soll das? Zwei Schiffe . . . das zweite unbedingt der ›Jonas Lee‹. Die Form zeigt es deutlich. Doch das erste . . . was ist das? Ein Uranidenschiff?! . . .«

Die anderen hatten wohl das Wort gehört.

»Uraniden! Uraniden!« schrien sie, schwenkten die Arme, Hände, wie im Taumel. »Uraniden! Wir werden sie sehen.«

Unbeschreiblich die Erregung. Manche stürzten denen entgegen, als könnten sie damit die Zeit verkürzen . . . zu sehen, wie die niederstiegen, wie sie landeten, die Uraniden.

Jetzt überflogen die Schiffe Cannings Lager und gingen immer tiefer. Kaum ein paar Meter über dem Boden glitt der »Jonas Lee« langsam daher. Kurz vor dem Lager setzte er sanft auf. In demselben Moment fiel die Trosse, die ihn mit dem anderen Schiff verband, zur Erde. Das erhob sich sofort wieder in größere Höhen, flog gen Osten weiter.

Erstaunt . . . enttäuscht starrten alle dem enteilenden Schiff nach . . . Warum landeten die nicht? . . . Warum blieben sie nicht hier . . . flohen? Sie hatten doch den »Jonas Lee« gerettet. Wie hatten sie den gefunden? Tausend Fragen, die aller Herzen bewegten . . .

Doch die im Schiff, die Geretteten, mußten ja Auskunft geben können. Alles eilte dorthin. Auch aus Cannings Lager kamen die Leute herbeigelaufen. Ein lautes Gewirr von Glückwünschen, Fragen empfing van der Meulen und seine Begleiter, als die Türen des »Jonas Lee« sich öffneten. Wurden jedoch schwächer, als man die ernsten Gesichter der Ankömmlinge sah. Nur verhalten die Freude in den Zügen. Die Schatten eines schweren Erlebnisses lagen noch auf ihren Mienen.

Da übertönte ein dreifacher Ausruf freudigster Überraschung das Ganze.

»Vetter Sidney! Du! . . . Du hier auf der Venus? Wie bist du hierhergekommen? Du warst in jenem Schiff? . . .«

Mit Mühe machte sich Stamford aus den Umarmungen der Brüder frei.

»Gewiß, Ricardo, ich bin hier. War auch früher hier als ihr.«

»Aha!« unterbrach ihn der, »jetzt verstehe ich so manches . . . das des Rätsels Lösung. Und kein Wort hast du uns verraten. Warst doch noch kurz vorher bei uns. Und dein Freund . . . der Weland . . .«

Stamfords Hand deutete nach Osten.

»Dort fliegt er . . . Weland Gorm! Ricardo.«

Er mußte lachen, als er die Gesichter der Brüder sah. Mit offenem Mund, sprachlos, standen sie da, schüttelten die Köpfe.

»Weland Gorm, dein Freund!« schrie Ricardo. »Er war bei uns. Wir haben ihn gesehen, mit ihm gegessen, getrunken und wußten nicht, daß er es war. Weland Gorm, dein Freund! . . . Ihr wart früher hier als wir? Ihr habt alles das getan, worüber wir uns den Kopf zerbrachen?«

Die lauten Rufe Ricardos . . . die Worte »Gorm, dein Freund« hatten alles hierhergelockt. Umringt von der ganzen Menge der Zurückgebliebenen stand Stamford. Wußte sich nicht der Frager zu erwehren, die auf ihn einstürmten – bis zwei Mädchenarme den Kreis zerteilten, Violet zu ihm drang.

»Zu mir gehörst du, Sidney. Du Böser, Schlimmer! Nie werde ich's vergessen, daß du tagelang hier warst, ohne mir ein Zeichen zu geben.«

Und dann saßen alle in Gruppen verteilt im Schatten der Bäume, fragten, erzählten. Vor dem Uranidenzelt van der Meulen und Oberst Robartson an Serratos Lager, der noch immer seinen Fuß nicht gebrauchen konnte. Van der Meulens Augen gingen immer wieder nach dem Südabhang. Zwei glückliche Paare dort . . .

»Wie werden wir der Welt Nachricht geben«, sprach Oberst Robartson. »Noch weiß sie kaum etwas von den vielen geheimnisvollen Ereignissen hier. Jetzt die Lösung. Sie wird sie kaum verstehen. Glücklich der Reporter, der hier wäre und alles melden dürfte.«

*

Canning war erwacht. Das laute Rufen, Schreien hatte ihn aus dem Schlaf gerissen. War irgend etwas geschehen? Er griff nach der Schelle, die neben seinem Lager stand. Klingelte heftig, doch niemand kam.

Mißmutig warf er sich zur Seite. Niemand war hier, kümmerte sich um seine Person. War er nicht der Führer der »Arizona«? Mußte ihm nicht alles gehorchen? Wie konnten die es wagen, ihn hier allein zu lassen . . . oder betrachtete man ihn schon als tot? Tot . . . sterben?

Er wußte es, er mußte sterben. Und doch! Immer wieder sträubte er sich gegen den Gedanken, alles zu verlassen. Er war noch jung. Vielleicht, daß das Leben ihm doch noch Glück, Erfolg bescheren würde, nach dem er ein Menschenalter gerungen. Wozu hätte ihm das Schicksal seine Gaben, Fähigkeiten verliehen? Sollten sie sich nur unfruchtbar abmühen in erfolgverheißenden Anfängen, ohne je ein großes Ziel zu erreichen?

Der Schlaf hatte ihn wunderbar gestärkt. Kaum fühlte er noch eine Schwäche. Ein Glück, daß Harding hier. Vielleicht, daß es seiner Kunst doch gelänge, dieses tückische Gift zu bannen.

Ein neues, besseres Leben würde er beginnen. Das neugewonnene Land hier bot seinen Kräften ein unendliches Betätigungsfeld. Was war dagegen sein Wirken in Gran Chaco? Und war's nicht hier in Nova America, wie die da drüben es nannten, noch andere reiche Venusteile standen zur Verfügung. Mochten die mit Lee Nova America behalten. Die Schätze der Uraniden . . .? Noch hatten die sie nicht gefunden. Würden sie sie je finden? . . . Er schüttelte den Kopf. Sein Ohr lauschte der leisen Stimme, die schon immer zu ihm gesagt: Keiner wird sie finden, die Schätze der Uraniden. Diese Stimme . . . in seinem Unterbewußtsein hatte sie, ohne daß er eine Erklärung dafür gewußt, geklungen . . . bis zu dem Augenblick, wo es ihm zur unumstößlichen Gewißheit geworden, daß Gorm lebte, hier auf der Venus war. Gorm lebte! . . . Welches unerhörte Wunder. War nicht die Bombe, von seiner Hand geschleudert, mitten in die Werft im Himalaja eingeschlagen? Die Bombe, von ihm selbst konstruiert, war von einer ungeheuren Zerstörungskraft, auf weite Strecken nach allen Seiten mußte alles vernichtet, alles Lebende tot sein. Und doch, der lebte, kein Zweifel. Er nicht allein, auch die anderen, die mit ihm waren, lebten, waren hier. Ein Wunder, ein unerhörtes Wunder mußte da passiert sein, oder . . . war Gorms Kraft und Macht so groß, daß ihm menschliche Waffen, auch der furchtbarsten Art, nicht beikommen konnten? Der war vor ihnen hierhergekommen, er war der Erbe der Uraniden.

Gorm! Seine Werke, seine Taten, immer größer, gewaltiger! Unmöglich, sich mit ihm zu messen für ihn, für jeden anderen Menschen der Erde. Alles, was der wollte, alles, was der begann, führte zum Sieg. Seine Größe so übermenschlich! Was würde den das Geheul der verblendeten Menschen berühren? – – – Und doch! Wie ein Siegeslächeln ging es über seine Züge Eins hatte er nicht . . . den Strahler . . .

Ob er jemals dahinterkommen würde, hinter sein Geheimnis? Ob der jemals erfahren würde, wie er das Unmögliche möglich gemacht, alle die so klug ersonnenen unüberwindlichen Sicherungen zu durchbrechen?

Er versetzte sich in Gorms Gedanken. Er ahnte schon lange, daß Gorm Verdacht auf ihn hatte. Und doch, weder er noch irgendein sterblicher Mensch konnten beweisen, wie es geschehen. Und mußte er wirklich sterben, sein Name würde doch in der Geschichte der großen Erfinder glänzen. Die »Arizona«! War sie nicht sein Werk?

Ein hämisches Lächeln umzog seinen Mund. Der Raub der Leeschen Pläne! Was war's? . . . Gerechte Vergeltung . . . Hatte der ihm nicht Hortense geraubt? Seitdem dessen Fuß Buena Vista betreten, hatte es begonnen . . . war Hortense ihm entglitten.

Hortense . . . fast hörbar klang ihr Name von seinen Lippen. Sein Auge sah sie in Lees Armen. Seine Züge verzerrten sich. Knirschend gingen die Zähne gegeneinander. Ihr Bild stand wie greifbar vor seinen Augen.

Die erste Zeit, da er sie gewann . . . das höchste Erdenglück schien ihm geworden . . . an ihrer Seite die Zukunft unbeschreiblich schön . . . die jetzt in Lees Armen . . .

Mit einem ächzenden Wehlaut warf er den Oberkörper in die Höhe, streckte die Arme aus, als könne er die erreichen, wegreißen von dem.

Alles gäbe er hin, würde der Traum Wahrheit.

»Gorm . . . Lee . . . van der Meulen . . .«

Ein Gewirr von Stimmen plötzlich draußen. Diese Namen klangen daraus. Er lauschte angestrengt.

Gorm? . . . Lee? . . . Die, wie kamen die zusammen? Weshalb rief man ihre Namen? Er griff die Schelle, schwang sie wütend.

Oberst Robartson und darauf Harding traten in das Zelt.

»Was ging da vor?« schrie er sie an. »Man läßt mich allein. Es ist etwas passiert! Sagen Sie schnell, was ist es? Ich hörte die Namen Gorm . . . Lee . . .«

Harding drückte ihn mit sanftem Zwange in die Kissen zurück. Ahnungslos begann Robartson von den wunderbaren Vorfällen zu erzählen. Schwieg, als ihm Harding erschreckt abwinkte.

Canning hatte die Augen geschlossen. Seine Brust ging in wilden Atemzügen. Seine Hände zu Fäusten geballt.

»Gorm! . . . Lee! . . . Hortense!«

Wirre Worte, wilde Verwünschungen brachen von seinen schäumenden Lippen. Seine Glieder zitterten wie in heftigsten Fieberschauern. Immer wieder wollte er sich emporrichten, das Lager verlassen. Kaum daß die Kraft der beiden Männer ausreichte, den Tobenden festzuhalten. Bis es Harding gelang, ihm einen Schlaf wirkenden Trank einzuflößen.

*

»Sie mögen da unten die Köpfe schütteln«, wandte sich Professor Royas an van der Meulen. »Soviel Neues auf einmal erfuhren sie von hier. Man wird es kaum begreifen.«

»Und doch habe ich fast ein ganzes Buch nach Bahia depeschiert.«

Royas lachte.

»Offen gestanden, mir ist auch noch manchmal so, als wäre das alles ein Traum gewesen. Jedenfalls . . . das Wundern hat man hier wohl verlernt. Die Erklärung liegt in Gorm. Wir glaubten, die ersten zu sein . . . er war schon längst vor uns auf der Venus.

Auch unsere Ansprüche auf Nova America werden dadurch stark berührt. Der Streit zwischen Nord und Süd durch eine ebenso klare wie überraschende Lösung entschieden. Zwecklos auch das Suchen nach den Schätzen der Uraniden, er hat sie längst gehoben . . . Gorm, das wird die Lösung für die Lippen von Millionen in dieser Stunde und wer weiß wie lange noch sein.«

Van der Meulen nickte zerstreut. Auch seine Gedanken kamen nicht los von dem. Wo war Gorm jetzt? Er hatte versucht, darüber etwas von Stamford zu erfahren. Doch hatte er bald gemerkt, daß der ihm auswich.

Eine wertvolle Gabe jedoch hatte Stamford gebracht. Wohl hatte Lee erkannt, wie das Unglück am Pol entstanden. Die starken kosmischen Elektronenflüsse, die sich gerade am Venuspol so ungewöhnlich stark bemerkbar machten, hatten die strahlenden Flächen des »Jonas Lee« teils blockiert, teils vorzeitig erschöpft. Doch einen Weg, diese Einflüsse unschädlich zu machen, sah er nicht. Gorm sandte ihm durch Stamford das Mittel. Es war ein Teil des Uranidenerbes.

Als Stamford erzählte, horchte Lee hoch auf. Auch den Uraniden war das gleiche geschehen, als sie die Venus am Pol ansteuerten. Doch hatten sie, da sie in größerer Höhe flogen, noch die Kraft besessen, das Schiff weiterzutreiben, bis es hier am Uranidenlager landete. Sie hatten sich auch sofort daran gemacht, die Ursache ihres Unfalles zu ergründen.

Während sie saßen und daran arbeiteten, die Apparatur ihres Raumschiffes wieder in Ordnung zu bringen, waren einige von ihnen auf Kundschaft gegangen. Sie brachten frische Lebensmittel und Früchte. Die Früchte herrliche, wohlschmeckende Äpfel . . . alle hatten davon gegessen . . . arglos.

Schon war ihr Schiff wieder startbereit, da zeigten sich die Krankheitserscheinungen durch das Apfelgift. Vergeblich alle ihre Bemühungen, mit ihrer ärztlichen Kunst die Wirkung des Giftes zu bannen. Einer nach dem andern war gestorben. Dem letzten, zwölften, hatte Gorm die Augen zugedrückt. Hatte ihn bei seinen Gefährten in der Schlucht begraben. Durch energetische Einwirkungen die Hänge der Schlucht zum Einsturz gebracht, um die Ruhe der Toten vor jeder Störung und unberufenen Neugierde zu schützen.

Doch . . . und hier hatten alle, die bei Stamfords Erzählung zugegen waren, hoch aufgehorcht . . . hatte der letzte Uranide noch die Kraft besessen, Gorm in das Wichtigste der Uranidentechnik einzuweihen. Da, wo das Verständnis nicht ausreichte, alles zu begreifen, waren doch wertvolle Fingerzeige gewonnen.

Was würde Gorm damit tun? Keiner hatte es gewagt, die Frage an Stamford zu richten. Die Erinnerung an den furchtbaren Fehlschlag mit Gorms energetischer Erfindung schwebte jedem vor Augen. Vielleicht aber, daß doch das eine oder andere aus dem Schatz der Uraniden der Menschheit geschenkt würde. Das eine schien klar, daß Stamford sich von Gorm getrennt, daß der jetzt allein seinen unbekannten Plänen nachging . . . Allein? . . . Waren nicht noch andere Menschen bei ihm im Raumschiff? . . . Es mußte so sein. Wer waren die?

Der einzige, der das Dunkel, das um Gorms Person schwebte, hätte lichten können, Sidney Stamford, schwieg. – Der bestätigte nur Ronald Lees Vermutung, daß Gorm und Stamford es gewesen, die die Leichen Jonas Lees und seiner Gefährten vom Mond nach dem Hydepark gebracht. Doch auch Stamfords Pläne . . . Absichten, eine große Überraschung für die meisten. Der und Violet ein Paar! . . . Diese kleine Violet seine Verlobte? . . . Hortense die einzige, die darum gewußt.

Der Rest des Tages verging in frohen Gesprächen. Die unerwartete Rettung aus Todesnot, die Lösung so vieler Rätsel . . . alles ein unerschöpflicher Stoff für lange, frohe Stunden. Der einzige Schatten . . . Canning. – –

Der Venustag war der Nacht gewichen. Eben wollten sich die in Lees Lager zur Ruhe begeben, da kam ein Bote von Oberst Robartson, überbrachte ein Schreiben:

Canning, den Tod vor Augen, bei voller Besinnung, bittet um den Besuch Lees.

In Begleitung van der Meulens folgte der sofort dem Ruf . . . Canning stirbt . . . Schweigend legten die Männer den Weg durch die Venusnacht zu dessen Lager zurück. Als sie in das Zelt traten, fanden sie Oberst Robartson und Dr. Harding an Cannings Bett. Beim Geräusch der Eintretenden wandte Canning sein Haupt, nickte befriedigt, als er Lee erblickte.

Lee setzte sich neben Canning nieder. Der begann zu erzählen. Erzählte von seiner Jugend, von seinen Studien, von seinem Streben nach höchsten Zielen. Von seiner unermüdlichen Arbeit, von seinen steten Mißerfolgen. Seine Erzählung, in schlichten und einfachen Worten gesprochen, verfehlte nicht, den tiefsten Eindruck auf alle zu machen.

Welche Tragik! . . . Und dieser Mann, von unbezähmbarem Ehrgeiz getrieben, sollte . . . mußte er nicht zum Verbrechen schreiten?

Innerlich zitternd erwarteten sie das Ende von Cannings Beichte. Das kam jetzt. Canning hatte eine Weile geschwiegen, den Kopf zur Wand gekehrt, daß keiner sein Gesicht sehen konnte, in dem es wühlte . . . arbeitete. Mehrmals setzte er zum Sprechen an. Die Blicke der anderen hingen in banger Erwartung des Kommenden an ihm. Harding flößte ihm einige Tropfen ein. Canning blickte ihn dankbar an . . . und dann kam es.

Lug und Trug seine Erfindung des Raumschiffes. Gestohlen mit dem teuflischen Geschenk, das ihm das Schicksal in die Hand gegeben. Gestohlen aus Ronald Lees Aufzeichnungen . . .

Lee sah den mit starrem Gesicht an. Kein Muskel rührte sich. Er wußte es schon längst. Nur den Weg, den der beschritten, den hatte er vergeblich zu ergründen gesucht.

Canning sprach weiter. Die Fahrt . . . die niederschmetternde Enttäuschung, als der »Jonas Lee« ihn zu überholen im Begriff stand. Sein wahnwitziger Versuch, den zu rammen, mit ihm zugrunde zu gehen . . . vergeblich auch das Suchen nach dem Schatz der Uraniden. Sein Körper durch die unerhörten Anstrengungen geschwächt, sein Geist durch die vollständige Niederlage, die ihm alles nahm, auch alle Hoffnungen auf Hortense, zerstört . . . verwirrt . . . Ein unseliges Geschick ließ ihn Lee begegnen . . . dessen Anblick . . . er verlor die Besinnung . . . legte das Gewehr an, schoß auf den . . .

Die Gesichter der Umstehenden erbleichten. Mit Mühe bewahrten sie die Ruhe. Van der Meulen wandte sich ab, um Canning nicht zu sehen. Er hätte ihm zuschreien mögen: Mörder du! Das war deine Tat?!

Canning hatte die Augen geschlossen. Tiefe Schatten lagen darum. Sein Atem ging nur schwach . . . War es der Tod, der sein Opfer holen wollte? . . .

Nach einer Weile schlug der Kranke die Augen auf. Sein Blick ging zu Lee. Seine Hand bewegte sich kraftlos zögernd nach dem hin. Lee ergriff sie, hielt sie einen Augenblick fest, ließ sie sinken.

»Ich wußte alles«, sprach er leise zu dem gewandt. »Fühlte innerlich längst, was Sie getan haben, was Sie dazu bewog.«

Canning preßte die Hand aufs Herz.

»Ich bin so froh, daß ein Teil der Last von mir genommen. Doch der andere, noch größere . . . ich muß sterben mit der Last auf meiner Seele . . . Gorm! Wärest du hier . . . du, an dem ich am schlimmsten gefrevelt. Die Welt und du! Ihr seid eins. Könnte ich deine Verzeihung erlangen, würde mir das Sterben leichter.«

Tiefe Stille herrschte in dem Raum. Keiner wagte, sie zu unterbrechen. Jedes Gedanken waren bei Gorm. Was hatte Canning mit dem getan? Würde in das Dunkel, das um jene Schreckenszeit sich wob, als die roten Sowjets plötzlich im Besitz Gormscher Waffen, ein Licht fallen? Wäre da die rätselhafte, unheimliche Kraft Cannings, verborgenste Dinge zu lesen, zu rauben, auch schon tätig gewesen?

Keiner sprach etwas. Jeder dachte. Und doch las ein jeder dem anderen den Gedanken an den Augen ab. Den furchtbaren Verdacht, daß dies gräßliche Unheil, das über die Menschen gekommen, Cannings Werk. Mit Entsetzen schauten sie den an. Das Blut erstarrte ihnen in den Adern. So viele, so furchtbare Verbrechen von dem verübt! Wie hatte der leben können mit solcher Schuld auf der Seele?

Der richtete sich plötzlich auf. Harding wollte zu ihm springen. Er wehrte mit den Händen ab.

»Er kommt! Er kommt! Gorm! Ich höre seine Schritte.« Er machte eine Bewegung, als wolle er aufstehen, dem entgegeneilen. Harding hielt ihn fest.

»Das Fieber kommt wieder, Mr. Canning. Seien Sie ruhig.«

»Nein! Nein! Da!« Canning schrie es mit gellender Stimme. »Gorm! . . . Gorm! . . .«

Unwillkürlich starrten alle nach dem Zelteingang.

»Da ist er!« schrie Canning. Der Vorhang wurde zurückgeschoben, ein Mann trat in das Zelt.

»Hier bin ich, Canning.« Mit einem Jubelschrei fiel der zurück in die Kissen.

»O Gott, ich danke dir. Er ist da! Er hat meinen Ruf gehört, Gorm!«

Lee war aufgesprungen, spähte in das Gesicht des Fremden. Ja, ja, es war Gorm.

Der setzte sich jetzt auf den verlassenen Platz, griff Cannings Hand.

»Möge Gott dir vergeben . . . ich verzeihe dir.«

Canning wollte sprechen. Gorm hieß ihn schweigen.

»Ich weiß alles, Canning. Weiß es längst.«

Canning atmete immer ruhiger, hielt die Augen geschlossen . . . sprach dann mit leiser, fast flüsternder Stimme:

»Dank, Dank, Gorm! . . . Und alles weißt du? Weißt, was ich an dir, an der Menschheit verbrochen . . . alles?«

Er schlug die Augen auf, sah Gorm an. Der nickte . . . »Auch wie ich's tat?«

Wie Stolz spielte es sekundenlang um seinen Mund. Der schwindende Geist, noch einmal raffte er sich auf, dem Großen gegenüber groß zu erscheinen. Der brennende Ehrgeiz, der ihn sein Leben lang verzehrt, schien über das Sterben des Körpers triumphieren zu wollen.

»Auch das weiß ich, Canning. Das Schicksal gab dir ein schlimmes Geschenk. Du bautest einen Strahler, mit dem du die Sicherungen, die nach menschlichem Ermessen undurchdringlich, durchbrachst. Raubtest die Berechnungen und Konstruktionen meines Apparates aus dem Tresor.«

Ein Schatten der Enttäuschung ging über Cannings Gesicht.

»Auch das kennst du . . . mein tiefstes Geheimnis?«

». . . Ich kenne es, doch habe ich den Weg nicht allein gefunden. Uranidenkunst zeigte ihn mir.«

Und als wollte er dem auf den letzten Weg noch einen Trost geben, sprach er weiter: »Kein Mensch, auch ich nicht, hätte dein Geheimnis gefunden . . .

Auch Awaloff verzeiht dir . . . Das Schicksal wollte es wohl mit ihm, mit dir . . . daß du nicht zum Mörder wurdest. Ich sah deine Tat von meinem Flugschiff aus, fing den Stürzenden auf. Der Schutzengel Awaloffs . . . noch einmal in Gestalt seines Kindes, half er ihm und uns. Sie sah, was kommen würde . . . wieder behütete dich das Schicksal vor frevelhaftem Mord. Um dich zu täuschen, warf ich das Scheinbild unserer Werft in den Bergen weithin in ein anderes Tal. Deine Bombe traf nur ein Phantom, wir blieben unverletzt. Doch die anderen . . . die anderen, die der Tod traf durch dein Verbrechen . . .?«

Canning schauerte zusammen. Seine Augen sahen in weite Fernen. »Die anderen . . . die Tausende . . . die Millionen . . . ja, ja! . . . Sie werden meine Richter sein . . . Gnade! Gnade!«

Das sein letzter Schrei. Er fiel zusammen . . . war tot.

*

Mit Grauen, Entsetzen blickte die Welt auf das Bild, von dem jetzt so jeder Schleier gerissen. Die Nachrichten von der Venus, wie Keulenschläge trafen sie die Menschheit.

Gorm, der Geächtete, von der Welt Gehaßte, frei von jeder Schuld! Kein Makel haftete an seinem Werk, seinem Namen. Ein anderer der allein Schuldige. Zu spät die Millionen von Flüchen, Verwünschungen. Sie erreichten den nicht mehr. Er war, kaum daß er gestanden, gestorben.

Die große Entscheidungsschlacht westlich der Vogesen gegen die rote Streitmacht . . . das unerhörte, unbegreifliche Glück, mit dem die weißen Kräfte gefochten . . . auch hier die Hand Gorms. Unsichtbar aus Ätherhöhen lieh der den weißen Kräften seinen Beistand, daß die rote Flut sich brach, zerschellte.

Die Scham bei allen so groß. Keiner wagte es von neuem, ihm zuzujubeln. Stumm, demütig nahmen sie es hin. Nur leise, scheu nannten sie seinen Namen.

Der Uranidenschatz in seiner Hand. Keiner neidete ihn ihm. Ein Aufatmen bei allen. Kein Unheil konnte dann geschehen. Er der rechte Hüter des Hortes – –

Der Erdenbrand . . . eine leise Hoffnung regte sich . . . Gorms Macht! Würde er sie haben? . . . Würde er sie hehlen . . . zur gerechten Strafe? Aller Hoffnungen klammerten sich an ihn.

*

Die Umgebung von Buena Vista glich einem Heerlager. Über alle Maßen der Ansturm der Massen von Neugierigen, Reportern, die die zurückgekommene »Buena Vista« sehen, wenn möglich mit ihren Insassen sprechen wollten. Der Besitztitel der südamerikanischen Union stand jetzt unbestritten fest. Nach den Geständnissen Cannings konnte die Regierung in Washington ihre vagen Ansprüche nicht länger aufrechterhalten. Tausende . . . viele auch aus anderen Ländern der Welt, die sich für neue Fahrten anboten.

Ehe van der Meulen zur Erde zurückflog, hatte er in tagelangen Fahrten das neue Land genau erkundet. Seine Veröffentlichungen erregten einen Taumel von Begeisterung. An der Westküste von Nova America im Hintergrunde einer tief ins Land schneidenden Bucht mündete der größte Strom des Venusteiles. Seine Mündung bildete einen natürlichen Hafen von vorzüglicher Beschaffenheit. Das Land zu beiden Seiten die fruchtbarste Ebene. Hier sollten die ersten Siedlungen entstehen.

Sidney Stamford war schon am Tage nach der Landung in Buena Vista weitergefahren. Nur Violet und seine nächsten Freunde wußten um das Ziel seiner Reise. Gegen Mittag des nächsten Tages erreichte er Suru. Ein paar Stunden später kam Gorm.

Stamford eilte ihm entgegen. Höchste Spannung in seinen Zügen.

»Ist es gelungen?«

Gorm nickte. Die Freude der Genugtuung, der Stolz des Sieges auf seinen Zügen.

»Was Menschenkraft, auch meine, nie vermocht . . . der unerschöpfliche Quell des Uranidenwissens ließ mich das Mittel schaffen . . . Was ich früher nicht zu träumen gewagt . . . die Uranidenwaffen in der Hand, ist's mir gelungen.

Der Atombrand ist gelöscht. Nur mit bangem Zagen ging ich ans Werk. Dieser Naturkraft in den Arm zu fallen, erschien mir mehr als vermessen. Ich traute selbst dem hohen Können der Uraniden nicht.

Der Mondbrand mein erstes Ziel. Hier waren die Wirkungen am besten zu ersehen. Die Glut so groß, daß ich nur in weiter Entfernung arbeiten konnte. Und doch! Wie brennender Wald unter tropischem Regensturz verglomm der Brand. Dann, als hier kein Zweifel mehr, das nächste Ziel Coiba. Auch da jetzt der Brand erloschen. Wohl wird es noch lange dauern, bis die Nebelwolken schwinden, bis die Welt begreift, daß die Gefahr von ihr genommen.«

Stamfords Arme schlangen sich um den.

»Mögen sie's auch nicht um die verdient haben . . . ihren Dank wirst du verschmähen . . . so nimm den meinen für die kommenden Geschlechter, denen du das alte Heim gerettet.«

*

Der nächste Morgen. Stamford stand mit Awaloff, zwischen ihnen der greise Abt. Ihre Augen hingen an einem schimmernden Punkt im Äther, der immer kleiner und kleiner wurde . . . das Schiff Gorms, das ihn und Majadevi trug auf der Fahrt in jenes andere Sonnensystem, aus dem die Uraniden gekommen.

 

* * *

 

 

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