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Das Erbe der Uraniden

Hans Dominik: Das Erbe der Uraniden - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorHans Dominik
titleDas Erbe der Uraniden
publisherVerlag Scherl Berlin
printrun41. bis 50. Tausend
yearo.J.
firstpub1935
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Der Rauch im Osten! Dort die Uraniden!

Canning schritt allein im Tale jenes Baches der aufgehenden Sonne zu. Als am gestrigen Abend Oberst Robartson, ins Lager zurückgekehrt, ihm die Worte Lees mitgeteilt, was der da von einer Rauchsäule über den Osthügeln gesehen, war sein Entschluß gefaßt. Eine Möglichkeit . . . eine letzte . . . den Aufenthalt der Uraniden zu entdecken. Kaum, daß der Morgen graute, hatte er sich aufgemacht.

Schon weit über eine Stunde war er unterwegs. Immer wieder schaute er sich um . . . ängstlich, ob nicht andere ihm folgten. Endlich hatte er den Höhenrücken erreicht. Mit seinem Glase suchte er den Horizont weithin nach Osten ab. Doch vergeblich . . . Enttäuscht ließ er das Glas sinken . . . da . . . sein bloßes Auge verriet es ihm . . . weiter nördlich, nicht allzuweit . . . ein dünner Rauchschleier.

Er nahm sein Glas zu Hilfe, geriet in Zweifel. Die Morgensonne, eben über den Horizont gestiegen, mochte wohl die nächtlichen Nebel aus einer feuchten Stelle da emporziehen. Doch jetzt, das scharfe Glas zeigte es deutlich. Ein paar dunkle Streifen in dem hellen Dunst. Kein Zweifel, der Rauch eines Feuers!

Suchend ging sein Blick über die Landschaft vor ihm. Das dichte Gestrüpp machte ein Durchschreiten unmöglich. Nur weiter nach Norden, wo das Buschwerk in hohen, lichten Wald überging, die Möglichkeit, dort hinzugelangen. Er warf das Gewehr über die Schulter, schritt rüstig aus. In einer Stunde, überschlug er, konnte er jene Stelle erreicht haben.

Auf einer kleinen Anhöhe, die ihm einen weiteren Überblick bot, schaute er nochmals scharf dorthin. Der Rauch war verschwunden, doch unentwegt schritt er weiter. – –

Die Stunde war längst vergangen. Immer wieder hatten ihn die Unebenheiten des Bodens zu Umwegen genötigt, doch konnte er nach seiner Berechnung nicht mehr weit von der Stelle sein, wo er den Rauch gesehen. Jetzt wurde der Wald lichter. Eilig . . . fast laufend schritt er voran.

Ein paarmal blieb er lauschend stehen. Es war ihm, als ob der Ton menschlicher Stimmen an sein Ohr gedrungen wäre. Endlich lag der Rand des Waldes vor ihm. Noch ein paar Schritte, dann hatte er freien Ausblick . . .

Da blieb er mit einem Ruck stehen. Ein Schrei des Entsetzens brach aus seinem Munde. Er wollte sich zur Flucht wenden. Doch die Füße, wie festgewurzelt, versagten den Dienst. Seine Hände streckten sich abwehrend einer Gestalt entgegen, die sich bei seinem Nahen hinter einem Riesenstamm des Waldsaumes erhoben . . . vor ihm stand.

Der Mann, der da plötzlich aufgetaucht, stand ebenfalls reglos. Sein Gesicht bleich wie der Tod, die Augen weit aufgerissen, die Lippen wie in Fieberkrämpfen bebend, stammelten. Jetzt hob sich dessen Arm. Die Finger ausgestreckt wie Krallen. Ein Blick der Verzweiflung in seinen Augen. Seine Füße bewegten sich langsam auf Canning zu.

Da schrie der auf.

»Hinweg! . . . Hinweg, Awaloff! Fort aus meinen Augen! . . . Fort, du Schemen, aus meinen Augen! Du bist ja tot . . . auf dem Grunde des Meeres liegst du . . .«

Bei dem Namen Awaloff war die Gestalt zusammengezuckt. Ein irres Lächeln ging über das Gesicht.

»Es ist nicht wahr, was du sagst, Canning! Ich sank nicht unter die Fluten des Ozeans . . . ich schwamm . . . schwamm immerzu . . . lange habe ich geschwommen . . . und dann kam ich an Land . . . Hier das Land, wohin ich kam . . .«

Canning schlug die geballten Fäuste vors Gesicht . . . schloß die Augen . . .

Ein Trugbild . . . mein Geist krank . . . ein Gespenst, das mich narren will . . . Ha! Gespenster . . . auf der Erde gab's die nicht . . . ist hier der Ort, wo die weilen? . . . Gleich will ich's sehen . . .

Da schrie das Phantom laut auf, wandte sich um, stürzte fort. – –

Canning hinterher. Rief laut: »Bist du's, Awaloff? Steh! Stehe!« Doch der lief weiter. Verschwand jetzt hinter einem dichten Gebüsch. Canning riß das Gewehr von der Schulter . . . schoß. Mit jagenden Pulsen, die Lippen schäumend in rasendem, sinnlosem Schreien, folgte er Awaloff.

Er lief schneller als der . . . Jetzt um das Gebüsch herum! Dann mußte er ihn haben . . .

Ha! Jetzt sah er ihn wieder wenige Schritte vor sich . . . Er streckte die Arme aus . . . Da! Der Mund, der schreien wollte, versagte. Seine Augen . . . unnatürlich geweitet, starrten auf eine Gruppe von Menschen, die da am Boden lagerten. Er wollte halten, stürzte nieder. Hob sich rasch wieder in die Knie, die Hände auf den Boden gestützt.

»Sie suchten uns, Mr. Canning?«

Einer, der da lag, rief es ihm zu. Canning starrte den an.

Der Mann! Die anderen! Im Tale des Himalaja bleichten ihre Gebeine, von der Bombe zerrissen. Er bog sich weit zurück. Die Gesichter aller auf ihn zugewandt. Hinter denen Awaloff, zitternd, bebend. Das Gesicht weggewandt, als fürchte er Cannings Anblick.

Keiner sprach ein Wort. Nur die Augen . . . die Augen . . . wie anklagend, wie fragend auf ihn gerichtet.

Ein gräßlicher Schrei brach aus seinem Munde.

»Die Toten! Hier stehen sie wieder auf! Und mich . . . du schrecklichster Gott . . . sandtest du hierher . . . vor ihr Gericht . . .

Gerechtigkeit! Vergeltung . . . Gott! Es gibt's doch! . . .«

Sein Körper bäumte sich auf. Stand zitternd, stürzte dann wie ein gefällter Baum zu Boden.

»Karma! Die die Schicksalsfäden gebunden, nie werden sie der Fessel ledig. Immer führt sie das Schicksal zusammen.«

Sidney Stamford beugte sich über den Zusammengesunkenen. »Wäre sein Geist für ewig krank geworden? . . . Es kann, es darf nicht sein. Das Schicksal ist's uns schuldig, daß er lebt, als Zeuge seiner Taten der Welt kündet, was er an uns und an der Menschheit verbrach.

Er soll schlafen . . . in ruhigem, traumlosem Schlaf. Die Ruhe wird ihn erfrischen . . . erstarken lassen, daß er weiterlebt . . . bis der Tag des Gerichtes gekommen.«

Er beugte sich über den. Die Hohlnadel drang in Cannings Arm. Ein leiser Druck.

»In drei Stunden wird er wieder erwachen. Körperlich frisch . . . sein Geist erstarkt. Doch unauslöschlich darin die Erinnerung an das, was er hier gesehen.«

Noch stand er, den Blick auf den gerichtet, da riß ihn ein Schrei auf . . .

Awaloff, der bisher den Vorgängen mit den irren Augen des unheilbar Kranken gefolgt, war plötzlich wie leblos zu Boden gesunken. Noch ehe Stamford bei ihm, war Majadevi zu dem geeilt. Kniete neben ihm, hob sein Haupt empor, legte es in ihren Schoß, streichelte leise weinend die starren Züge.

Ihre Augen gingen ängstlich zu Stamford.

»Ist er tot, der Gute? . . . Er liebte mich so sehr. Helfen Sie ihm, retten Sie ihn! . . . Ich liebe ihn auch . . .«

Sekundenlang ging Stamfords Blick zwischen dem Gesicht des Mädchens und dem des Mannes. Er kniete nieder, öffnete mit leisem Zwang die Lippen Awaloffs, flößte ihm ein paar Tropfen aus einer kleinen Phiole ein.

Kaum, daß dessen Lippen sie gespürt, schlug er die Augen auf. Sein erster Blick traf das Mädchen. Er schaute in ihre Augen. Stamford von der Seite her betrachtete sie mit ängstlicher Spannung.

Awaloff wandte die Blicke nicht von dem Mädchen. Es war, als tränken sich seine Augen satt an ihrem Anblick.

»Majadevi . . . nennen sie dich . . .«, flüsterte er leise vor sich hin. »Du bist Majadevi . . . wüßte ich's nicht, würde ich dich jetzt anders nennen . . . einen anderen Namen . . . Wie lange ist's her, daß ich ihn rief . . . Den Namen meines Kindes . . . Maria . . . Maria . . . So rief ich sie, daß sie jubelnd in meine Arme eilte . . . ihre Arme um mich schlang, mich küßte . . .

Mein großes, liebes Väterchen nannte sie mich . . . streichelte mein Gesicht, wie du es tust . . .«

Seine Augen, plötzlich wie in bangem Erschrecken, füllten sich mit Tränen.

»Maria! Maria!« rief er laut und doch so liebend weich der Name von seinen Lippen. Sie zuckte zusammen, wie aus tiefstem Schlaf erweckt. Der Ton von unendlicher Liebe, Zärtlichkeit . . . drang in tiefste Herzenskammern. Ihre Hände hoben sich ausgebreitet in die Luft. Ihr Blick erwartungsvoll in die Ferne gerichtet.

Noch einmal »Maria! Maria!« Der Klang aus des Mannes Munde. Da schlugen die Hände über seinem Hals zusammen.

»Väterchen! Väterchen!«

Keiner der anderen wagte sich zu rühren, das ergreifende Bild eines solchen Wiederfindens zu stören. Stamford hatte die Augen geschlossen. Um seinen Mund zuckte es. So ähnlich das Bild, das ihm traumhaft so oft erschienen, wenn er das sonderbare, vom ersten Tage an fast innige Verhältnis zwischen den beiden betrachtete.

Die Enthüllungen, die ihm Sarata in der Trance gezwungen gemacht, schlossen die Kette . . . Majadevi bewußtlos in den Armen der toten Mutter gefunden . . . ein schlimmes Schicksal hatte sie dem Inder in die Hände gespielt . . .

Awaloff . . . Gorm . . . auch deren Schicksal verflochten.

Der eine mußte arbeiten an dem Verderben des anderen . . . dann mußte er ihn retten vor dem Stahl des Inders. Gorm befreite Awaloffs Blut aus des Inders Händen . . . Karma!

*

Durch wilden Wald, über baumlose Fluren, über Hügel, durch Täler rast ein Mann. Kein Hindernis hemmt seinen wilden Lauf. Die Kleider zerrissen von dornigem Gestrüpp, die Haare wirr um das bleiche Gesicht flatternd. Immer wieder wollen die Füße . . . die Lunge den Dienst versagen. Doch er peitscht sie mit äußerster Willenskraft zu erneuter Anstrengung. Die wilden Tiere fliehen bei seinem Herannahen erschreckt zur Seite . . .

Jetzt stürmt er eine Höhe hinab. Ein dunkles Tal vor ihm tut sich auf. In seinem wüsten Gehirn leuchtet der Gedanke des Geborgenseins auf. Er will den Schritt verlangsamen . . . da stolpert er, stürzt. Liegt einen Augenblick tief atmend in dem Schatten eines Baumes, über dessen Wurzeln er gefallen. Er will sich wieder aufraffen . . . erheben . . . Er sinkt mit einem Schmerzenslaut zusammen. Der eine Fuß versagt den Dienst. Mit angstvoll geöffneten Augen betastet er das Glied . . . Der Fuß gebrochen? . . . Oder nur verrenkt . . . Doch einerlei . . . der Schmerz so groß . . . unmöglich auch bei stärkster Selbstüberwindung, den Fuß zu gebrauchen . . .

Seine Augen gehen suchend in die Runde. Einen Stock . . . einen Ast, aus dem er eine Krücke brechen könnte. Er kann, darf hier nicht bleiben . . . muß weiter . . . Wer weiß, ob sie nicht hinter ihm her sind . . . die Gespenster . . . Mit furchtsamen, angstvollen Augen sieht er sich um. Doch vergeblich sein Spähen nach rettendem Stab.

Noch einmal versucht er mit letzter Willensanstrengung, sich zu erheben. Vergeblich . . . auch die Knie versagen jetzt den Dienst. Die Anstrengung übergroß . . . unmöglich, von hier fortzukommen . . .

Auch die Kräfte des Geistes sind erlahmt. Widerstandslos, gefühllos überläßt er sich dem tiefen Schlaf, der über ihn fällt. – –

Die Sonne steht im Scheitelpunkt. Glühend brennen ihre Strahlen auf den Venusboden. Eine Lücke im Geäst des Baumes. Die Strahlen treffen das Gesicht des Schläfers. Er wacht auf, blickt wirr um sich . . . kann zuerst nicht fassen, wie er hierhergekommen . . . was ihm ist. Er will aufstehen. Doch der Schmerz im Fuß bannt ihn an den Boden. Weckt auch die Erinnerung . . .

Die Erinnerung, was mit ihm geschehen. Seine Augen gehen in grauenhafter Angst in der Richtung, aus der er gekommen. Die Haare gesträubt . . . Gespenster?! . . . Waren das Gespenster? . . . Waren das die Seelen der Toten, die er gemordet? . . . Nein! Nein! Alle Vernunft bäumt sich in ihm auf . . . schreit nein! Die waren lebendig.

Und doch! Wie wäre das möglich, daß die noch lebten! Der eine versank in den Fluten des Ozeans. Die anderen zerschmetterte vor seinen Augen die Bombe.

Er kroch mühsam näher an den Stamm des Baumes heran, lehnte den Rücken dagegen. Die Hände vor die Augen gepreßt, sann er. Versuchte sich zu logischem Denken zu zwingen . . .

Sie leben . . . kein Zweifel . . . kein Trugbild war's, was seine Augen gesehen. Doch weshalb hatten sie nicht sein Leben genommen? . . . Hatte er nicht den Tod um sie verdient? . . . Warum schonten sie ihn, ließen ihm die Freiheit sogar? . . . Als er aufgewacht . . . noch warm die Reste des Feuers . . . das niedergedrückte Gras zeigte, wo sie gesessen.

Er hatte sich vorsichtig aufgerichtet . . . Spielten sie mit ihm? Wollten sie ihn? . . . Doch nichts! Kein Laut. Sie waren weg. Er allein. Er war davongestürzt . . . zurück zum Lager! Das Schiff wollte er besteigen. Fort von hier! Fliehen . . . zurück zur Erde. Der Weltraum zwischen ihm und denen . . . daß er dann die Ruhe wiederfinden würde.

Der Fuß. Sorgfältig untersuchte er ihn. Es schien kein Bruch, nur eine Verstauchung. Doch einerlei! Tage mochten vergehen, ehe er ihn wieder voll gebrauchen konnte. Tage, die er nicht fortkonnte . . . hier liegen mußte, ohne Speise und Trank . . . den wilden Tieren preisgegeben. Ein Zufall, wenn ihn die Gefährten, die ihn gewiß vermissen mußten, hier fänden.

Der Gedanke an Speise und Trank weckte seine Sinne. Durst . . . ein unendlicher Durst . . . jetzt fühlte er ihn erst. Der rasende Lauf . . . die glühende Sonnenhitze . . . seine vertrockneten Lippen lechzten nach einem kühlen Trank. Seine Augen gingen gierig um sich her. Vielleicht ein Quell hier, zu dem er sich schleppen konnte. Doch nichts! Trocken, öde alles.

Doch da auf der Erde Früchte. Fast konnte er sie mit ausgestrecktem Arm erreichen. Äpfel, die von dem Baum, unter dem er saß, herabgefallen. Das tiefe Rot ihrer Schale so einladend aus dem grünen Grase.

Er drehte sich zur Seite, mühte sich ein Stückchen weiter. Da lagen ein paar. Er konnte sie greifen. Gierig nahm er einen in die Hand. Führte ihn zum Munde . . . wollte seine Zähne in das rote Fleisch pressen . . . Da blitzartig ein Gefühl des Schreckens, des Abscheus in ihm.

Mechanisch ließ er die Frucht aus seinen Händen gleiten. Äpfel . . . die Uraniden hatten die Äpfel gegessen, die sie auf der Venus gefunden. Ihr Genuß tödlich . . . alle daran gestorben . . .

Sein Auge ging wieder zu der Frucht. Äpfel . . . Früchte . . . wie viele bot die Erde . . . Die Venus hätte nur diese? . . . Unmöglich, daß die Natur so arm hier. Wohl hatten sie auf ihren Erkundungsfahrten bisher nie Früchte gesehen. Doch wohl nur, weil das Plateau hoch lag und ganz mit Wald und wildem Buschwerk bedeckt war.

Ermattet von dem neuen Erschrecken sank er mutlos lang dahin. Doch das Durstgefühl, einmal geweckt, ließ nicht nach. Seine Hände rauften das Gras zur Seite aus. Er steckte es in den Mund, kaute daran. Doch keine Linderung. Warm, hart die Halme. Sie schienen nur den Drang nach Wasser zu erhöhen.

Dann raffte er sich wieder auf. Wie lange hatte er hier schon gelegen? Die Sonne hatte sich ein weites Stück nach Westen gewandt. Der Gedanke, hier noch weiter liegen zu müssen . . . noch lange die Qual erleiden zu müssen, machte ihn halb wahnsinnig. Vor ihm die lockenden Früchte, in ihm der glühende Brand. Immer mehr fühlte er die Furcht, den Widerstand schwinden.

Wenn nicht jetzt . . . in ein paar Stunden . . . dann würde alle Kraft in ihm erlahmt sein. Dann würde er doch davon essen. Doch vielleicht dann, wenn sein Geist schon unheilbar verwirrt . . . dann, wenn es zu spät . . . wenn der Körper den Genuß nicht mehr spüren konnte.

Seine Hand umkrampfte die Frucht. Er führte sie wieder zum Munde. Doch wieder tauchte das Bild der sterbenden Uraniden vor ihm auf. Er warf die Frucht von sich.

Gift! Soll ich mich mit sehenden Augen töten? Vielleicht, daß die Gefährten ein glücklicher Zufall schon bald hierherbringt . . . ich doch noch gerettet werde.

Lange lag er so. Der Fieberbrand in ihm loderte immer stärker auf. Es war ihm, als kochte das Blut in seinen Adern. Mit gewaltsamer Anstrengung riß er sich in die Höhe. Seine Augen stierten auf die Früchte.

›Ich Tor!‹ lallte er. ›Vor mir die Rettung, der höchste Genuß . . . und ich scheue zurück in grundloser Angst.‹

Mit wütender Gebärde riß er die Früchte an sich heran, daß sie sich um ihn häuften. Dann . . . er schloß die Augen . . . biß hinein . . . aß und trank zugleich. Der köstliche Saft befeuchtete die vertrockneten Lippen, die verdorrte Kehle . . .

Immer wieder aß er, bis seine Hand keinen Apfel mehr ertasten konnte. Legte sich dann wieder am Stamm zurück . . . einen Blick unendlicher Dankbarkeit in die breite Krone sendend . . . Diese Früchte . . . ihr Genuß so wunderbar schön . . . nie im Leben glaubte er ein köstlicheres Mahl genossen zu haben.

Er fühlte, wie die Spannung in Hirn und Körper nachließ. Ein unendliches Wohlsein umfing ihn. Langsam neigte sich sein Oberkörper zur Seite. Seine Glieder reckten und streckten sich, wie von neuem Leben durchströmt. Dann sank er in tiefen, ruhigen Schlaf.

*

Der Schein der Morgensonne des nächsten Tages leuchtete über vier glückliche Gesichter. Vor dem Uranidenzelt van der Meulen, Hortense und Violet. In ihrer Mitte Lee. Das Wiedersehen der Teuren hatte Lee schneller die Kräfte zurückgegeben, als jede Arznei es gekonnt hätte. War, wie Royas lächelnd sagte, die beste Arznei gewesen. Wetteifernd Hortense und Violet, ihm mit sanftestem, liebevollem Zwang die besten Bissen zum Munde zu führen.

»Unmöglich!« Mit komischer Gebärde wies er Violets Hand zurück, die ihm noch eine saftige Frucht aufdrängen wollte.

»Keine Angst, Ronald! Es sind keine Venusäpfel. Mitgebracht aus Buena Vista. Du aßest sie doch immer so gern. Hortense dachte daran, als wir fortflogen.«

Lees Auge ging zärtlich zu der Geliebten, die den Blick leicht errötend zurückgab. Da konnte er nicht länger widerstehen. Er nahm die Frucht, biß hinein. Verstohlen fanden sich ihre Hände.

Van der Meulen saß in tiefem Nachdenken. Schon am Nachmittag des gestrigen Tages war die Nachricht vom Lager der »Arizona« zu ihm gedrungen, daß Canning am Morgen das Lager verlassen und noch nicht zurückgekehrt sei. Eben war Oberst Robartson bei ihnen gewesen, hatte ihm mitgeteilt, daß Canning immer noch nicht zurück. Daß die ausgesandten Gefährten ihn trotz eifrigen Suchens noch nicht gefunden. Hatte um Unterstützung gebeten. Van der Meulen hatte ihm bereitwillig ein paar der Leute, die mit Admiral Serrato gekommen, mitgegeben.

Wo war Canning? War ihm was zugestoßen? Vielleicht gar etwas Ähnliches wie Ronald Lee . . . Die Rätsel der Venus, immer dunkler, undurchdringlicher wurden sie.

Der Blick auf Lee, der in die Frucht biß, lenkte seine Gedanken zu dem Gespräch.

»Das wäre ja noch schöner, wenn die Venus nicht auch solche ähnlichen köstlichen Früchte hervorbrächte«, fiel er in das Gespräch ein. »Natürlich nicht hier. Weiter im Süden, wo die Sonne stärker wirkt. Und sollte wirklich die Natur versagen, so sollen schon die nächsten Schiffe als Gastgeschenk die ersten Bäume mitbringen. Wir selbst würden sie pflanzen . . .

Doch kann ich nicht glauben, daß dieses wundervolle, fruchtbare Land nicht auch an eßbaren Früchten reich sein sollte. – – –

Ah, kaum kann ich den morgigen Tag erwarten, wo wir eine Erkundungsfahrt machen wollen. Ich brenne, fiebere darauf, die Fauna und Flora einer neuen Welt kennenzulernen.«

Lee nickte freudig.

»Gewiß! Auch ich kann es kaum erwarten, die Schönheiten, den Reichtum von Nova America kennenzulernen.« Seine Arme machten ein paar kräftige Bewegungen, sein Körper straffte sich.

»Doch warum erst morgen? Heute! Und wenn wir nicht den ganzen Erdteil . . . Warum den Genuß so schnell genießen . . . Wenn wir vorerst die nördlichen Breiten? . . . Eine Rundfahrt . . . Der Nachmittag wäre vollauf genügend . . . wir fliegen selbstverständlich!«

»Ronald!« Von beiden Seiten legten sich zwei Frauenhände auf seine Schultern. »Das wäre leichtsinnig! Du bist noch zu schwach. Ein Rückschlag . . .«

»Ich schwach? Riesenkräfte fühle ich in mir! Und wenn sie doch versagen sollten, zwei treue Stützen hätte ich.« Er legte die Arme um die Schultern der Mädchen, zog sie an sich.

»Herr Admiral!« Seine Stimme rief laut über den Platz hinweg. »Wir fliegen heute mittag. Die erste Patrouillenfahrt in unser neues Reich, wo überall die Flaggen der Heimat wehen.«

Der kam eilig dahergeschritten. »Mr. Lee, Sie fühlen sich schon stark genug, heute zu fahren?«

»Gewiß, Herr Admiral. Es ist ja nur eine Vergnügungsfahrt des ›Jonas Lee‹. Hierra wird ihn führen.«

Als dann auch der Widerstand Royas' überwunden, wurden die Vorbereitungen getroffen. Noch hatte die Sonne den Scheitelpunkt nicht erreicht, als sich alle in das startbereite Schiff begaben. Hierra, der mit dem Glas die Wolkenbildung des Himmels untersuchte, wandte sich jetzt zu Lee.

»Ich fürchte, wir müssen in geringer Höhe fliegen. Allem Anschein nach werden die Wolkenbänke sich mit dem Fortschreiten der Sonne dichter über den Venusboden ziehen. Wir müssen, um Sicht zu haben, tief fliegen. Die Folge ist, daß wir auch langsam fliegen müssen, um dem Blick Zeit zu geben, das Gesehene zu erfassen.«

»Das schadet nichts,« fiel van der Meulen ein, »mir liegt gerade daran, die Bodenbeschaffenheit und die Tierwelt genauer zu beobachten.«

Gleich darauf erhob sich der »Jonas Lee« in die Luft, flog in der Richtung nach Osten. Beim Einsteigen war Lee der Gedanke gekommen, zunächst die Meridianalpen anzufliegen, um dann ihren Verlauf nach Norden zu verfolgen. Dabei sollte der Versuch gemacht werden, einen Meridian durch möglichst markante Alpengipfel festzulegen; denn es gab Gründe genug, eine baldige trigonometrische Vermessung von Nova America in die Wege zu leiten.

Alle standen an den Fenstern, schauten mit höchstem Interesse auf die wechselvollen Bilder der unter ihnen dahinziehenden Landschaft. Je mehr man sich den Alpen näherte, desto schärfer spähte Lee durch sein Glas.

Der Rauch! War's eine Täuschung seiner Augen gewesen? . . . Er kannte die Stelle wieder, wo ihn der Unfall getroffen. Der Schlag . . . der Schuß? . . . Absichtlich hatte er es vermieden, über das Ereignis viel zu sprechen. Und doch! . . . Die Gedanken daran ließen ihn nicht los. Was war da geschehen mit ihm? . . . Die anderen hatten wohl gemerkt, daß er nicht gern über den Vorfall sprach . . . unterließen infolgedessen ihrerseits Fragen darüber . . .

Lees Auge haftete unverwandt an der kleinen Höhe, wo sie ihn gefunden. Untersuchte dann näher die Umgebung. Da! Er stieß einen lauten Ruf der Überraschung aus. Nicht weit von der Höhe ein schmales Wiesental. Am östlichen Ende ein großer Baum, über und über bedeckt mit Früchten.

»Ein Apfelbaum!« rief er laut.

Die anderen kamen zu ihm geeilt.

»Wo ist er? Äpfel? . . . Äpfel, von denen die Uraniden gegessen, vielleicht . . .«

Die Spannung, die Neugierde bei allen übergroß. Hierra hatte das Schiff angehalten. Es stand jetzt in geringer Höhe fast senkrecht über dem Baum.

»Merken wir uns die Stelle!« rief Admiral Serrato, »sie ist nicht weit vom Lager. Sobald wir zurück sind, werden wir den Baum, die Früchte untersuchen.«

»Nein! Nein! Nicht später! Jetzt!« Lee trat zu Hierra heran. In seinen Augen glänzte es wie leichtes Fieber. »Ich kenne die Frucht nur zu genau. Ich will, muß diese hier sehen, vergleichen. Der Tod dieser kühnen Männer durch dieses tückische Gewächs. Hat es jemals in der Geschichte der Menschen eine größere Tragik gegeben? Wie konnte die Natur unter der Gestalt einer prächtigen Frucht, die durch ihre Schönheit, ihren Duft jedes Menschen Mund zum Genuß verführen muß, heimlichen Tod verbergen? . . . Die Natur, die allgütige, allsorgende Mutter der Menschen.«

Auf seinen Befehl senkte sich der »Jonas Lee« langsam in das Tal hinab, stieß auf. An Serratos Arm ging Lee auf den Baum zu. Schon in seinem Umkreis ein paar Früchte im Gras. Lee hob sie auf, roch daran. Die Erregung ließ ihn blässer werden.

»Es sind die Äpfel der Uraniden!« Beide steckten ein paar von den Früchten in die Tasche, wollten sich wieder wenden. Da hielt Lee an. Er bog den Kopf zur Seite. Sein Auge glitt suchend über den Boden.

Da, im hohen Grase halb verborgen . . . lag da nicht ein Mensch? . . .

Der letzte Uranide! Sein Mund wollte es schreien, doch die Lippen versagten den Dienst. Stumm deutete sein Arm dahin. Serratos Blick folgte dem. Auch er schrak zusammen.

»Ein Mann da?« sprach er flüsternd, heiser . . . »Ein Uranide? . . .«

Vorsichtig schritten sie näher. Serrato ließ Ronald Lees Arm los. Der stützte sich gegen den Stamm. Der Admiral beugte sich zu der liegenden Gestalt. Lees Augen, weit geöffnet, starrten auf das Bild. Furchtbar! . . . Neben dem Mann die Reste vieler Früchte, die der gegessen . . . Ein Uranide, der sich selbst gemordet? . . . Denn anders . . .

Da hob Serrato den Körper des Mannes in die Höhe, wendete das Gesicht, das dem Boden zugeneigt war, um.

»Canning!« Ein Schrei des Entsetzens gellte durch das Tal. Wie vom Blitz getroffen, sank Lee zu Boden.

Der Schrei ließ Serrato aufspringen. Er eilte zu Lee, der wie in Ohnmacht dalag. Er wandte sich dem Schiff zu, wollte rufen. Da kamen die anderen schon herbeigeeilt. Der Schrei Lees hatte sie mit tiefstem Schrecken erfüllt. Eilend, laufend, kamen sie auf den Baum zu.

»Was ist geschehen? . . . Lee? . . . Ronald! . . .«

Hortense stürzte sich über ihn, hob sein Haupt. Royas träufelte ihm ein paar belebende Tropfen auf die Lippen. Die Männer standen in stummem Erschrecken. Violet weinte laut, rief immer wieder den Namen des Bruders.

»Canning?! Herr Admiral!« Van der Meuten griff Serrato am Arm. »Was ist geschehen, daß der Name von seinen Lippen . . . gerade jetzt?«

Der deutete hinter sich auf die Gestalt im Grase.

»Canning. Ich kenne ihn nicht. Der Mann dort! Bei seinem Anblick schrie Lee auf, rief den Namen.«

Mit ein paar Sätzen war van der Meulen dort hingeeilt. Der schlafende Mann, sein Gesicht . . . »Canning!« wollte er rufen, unterdrückte nur mit Mühe den Laut. Inzwischen hatte Lee die Augen aufgeschlagen. Sah in das Gesicht Hortenses, die, über ihn gebeugt, ihm leise die Wangen streichelte.

»Ronald, ich bin bei dir. Du bist noch krank. Das Fieber ist noch in deinem Blut.«

Der drückte ihre Hand. »Du bist bei mir. Ja, ja, ich bin noch krank . . . ein Trugbild . . . Doch nein!«

Er warf den Kopf in die Höhe. »Ich sehe ihn mit leiblichen Augen . . . Canning! Dort liegt er. Er hat von den Früchten der Uraniden gegessen.«

Alle, außer Hortense, deren Arme nicht von dem Geliebten losließen, eilten um den Baum herum, dorthin, wo van der Meulen und der Admiral standen.

Keiner, der nicht erblaßt und bis in die innerste Tiefe erschreckt. Es war wahr, was Lee gesagt. Da lag Canning. Anscheinend in tiefem Schlaf. Um ihn herum die Früchte, von denen er gegessen. Wie ein lähmender Bann legte es sich auf jedes Herz.

»Wir müssen ihn sofort ins Lager bringen«, sagte Royas. »Vielleicht, daß doch irdische Arzneikunst ihn retten kann. Dr. James Harding, der ihre Expedition als Arzt begleitet, genießt am Smithonian-Institute den Ruf eines tüchtigen Toxikologen. Wenn eine Rettung möglich, dann nur durch ihn.«

Die Insassen beider Lager wunderten sich, daß der »Jonas Lee« nach so kurzer Zeit schon wieder zurückkehrte. Noch größer ihr Staunen, als er unmittelbar neben der »Arizona« aufsetzte.

Anwesend waren dort nur Oberst Robartson und Dr. Harding. Schnell waren sie aufgeklärt. Noch immer lag Canning in tiefem Schlaf. War's der Vorläufer des Todes . . . War's nur der Schlaf übergroßer Ermüdung? Seine Kleider, seine Schuhe verrieten, daß er einen langen, schweren Marsch hinter sich gehabt hatte . . .

Behutsam wurde Canning in sein Zelt gebracht. Der »Jonas Lee« kehrte zu seinem Liegeplatz zurück. Man hatte für diesen Tag die geplante Erkundungsfahrt aufgegeben.

Van der Meulen, Serrato und Robartson standen im Gespräch vor dem Zelt. Dr. Harding und Professor Royas untersuchten währenddes den Zustand Cannings. Während noch Royas sich mit dem Kranken beschäftigte, hatte Harding den Saft eines Apfels, den Royas mitgebracht, flüchtig untersucht. Schon die rohe Analyse erweckte den Verdacht, daß man es hier mit einem dem Pilzgift Muskarin ähnlichen Körper zu tun habe, der das Zentralnervensystem unter wechselnden Erregungszuständen zerstörte.

Als Royas ihm mitteilte, daß Canning eine große Menge dieser Früchte gegessen habe, erschrak der. Warf einen verzweifelten Blick auf Canning.

»Dann«, er schüttelte den Kopf, »ist jeder Versuch, ihn zu retten, aussichtslos. Hätte er nur eine der Früchte gegessen, würde ich zu hoffen wagen. Doch so . . . keine Möglichkeit! . . . Meine Mittel sind nicht wirksam genug. Wo Uranidenkunst versagte, muß auch irdische Kunst versagen. Versuchen will ich natürlich alles.«

Er eilte in das Raumschiff, wo er sich ein kleines Laboratorium eingerichtet hatte. Als Professor Royas den Dreien vor dem Zelt die Worte Hardings mitteilte, bestätigten sie ihnen nur, was sie eben schon im Gespräch untereinander geäußert.

»Ein Unheil schwebt über unserer Expedition«, unterbrach Oberst Robartson das Schweigen. »Ich wäre froh, wenn die Regierung in Washington endlich die Konsequenzen zöge. Bald! . . . Sie zögert wohl nur mit Rücksicht auf die Stimmung der Massen, die es nicht verstehen, verschmerzen können, daß in diesem Falle das Sternenbanner auf der ganzen Linie geschlagen ist.«

Er hatte nur zu recht. Die Nachricht von Cannings Erkrankung, von seinem unabwendbaren Tod, dem Tod, wie ihn die Uraniden erlitten, verursachte in den Staaten eine ungeheure Erregung. Die Stimmung in den Staatsämtern in Washington war geteilt. Man hatte sich dahin geeinigt, daß vorläufig Oberst Robartson das Kommando über die Expedition übernehmen solle. Die einen, doch ihre Zahl war gering, wünschten, daß der Oberst sofort mit dem Raumschiff startete, um andere, möglichst gutgelegene Teile der Venus in Besitz zu nehmen. Das Erbe der Uraniden war ja so oder so verloren. Doch die anderen wagten es nicht, sich mit einer solchen, alles ändernden Maßnahme einverstanden zu erklären. Noch war die Erregung der Massen so groß, daß sie ihre bessere Überzeugung der Furcht vor der Volksmeinung zum Opfer brachten.

Noch sprachen die vor dem Zelt, da kam die Nachricht von der Erde: Oberst Robartson, Führer der Expedition.

Robartson hielt die Depesche, die ihm der Funkgast übergab, in den Händen.

»Nichts weiter? Keine Instruktionen?« Der Funker verneinte.

»So wären wir«, er wandte sich zu Serrato, »geradeso weit wie vorher . . . Es ist, wie ich es ahnte. Man vermeidet es, die Konsequenzen zu ziehen. Begnügt sich damit, mich zum Expeditionsführer zu ernennen. Alles, was ich Ihnen bisher im Gespräch gesagt hatte . . . meine persönliche Meinung . . . betrachten Sie es als nicht gesprochen . . . Noch bin ich an die alten Instruktionen, wie sie Canning bekam, gebunden.«

*

Stumm schritten van der Meulen und Admiral Serrato Lees Lager zu. Das furchtbare Ereignis, das schreckensvolle Ende Cannings . . . das der Schlußstein eines Unternehmens, das mit so großen Hoffnungen begonnen. Im Lager Lees angekommen, fanden sie dort gleichfalls bedrücktes Schweigen. Lees Nerven waren durch den Vorfall des Tages stark erschüttert. War's auch der Feind, dieses tragische Ende konnte auch auf seinen Gegner seinen Eindruck nicht verfehlen.

Van der Meulen und Serrato boten alles auf, Lees Gedanken zu zerstreuen. Als Royas bei einbrechender Nacht zurückkam, fand er Lee bereits eingeschlafen. Sorgfältig untersuchte er den Daliegenden. Nickte immer wieder befriedigt mit dem Kopf.

»Eine gesund verschlafene Nacht, und er wird den Schock überwunden haben. Der morgige Tag mit seiner Fahrt, die so viel Abwechslung und Interessantes bietet, wird ihm eine gesunde Zerstreuung sein . . . Links und rechts von ihm zwei liebevolle weibliche Herzen dazu werden alle finsteren Gedanken verscheuchen.«

Lee verbrachte die Nacht in tiefem, festem Schlaf, Violet und Hortense abwechselnd neben ihm wachend. Sie hielten seine Hand, betreuten seinen Schlummer.

*

Als am nächsten Morgen der »Jonas Lee« sich in die Luft erhob, in der Richtung nach Osten die Alpenkette ansteuerte, schien Lee wieder in alter Frische zu sein. Die wechselvollen Bilder der Fahrt erzeugten bei allen das größte Interesse. Je näher man den Alpen kam, desto höher stieg das Schiff. Es galt, unter den vielen gewaltigen Gipfeln, die, zum Teil mit ewigem Schnee bedeckt, einige besonders markante herauszusuchen, nach denen man in genauer Nord-Süd-Richtung den Venus-Null-Meridian legen wollte. Die Arbeit nahm lange Zeit in Anspruch. Weit nach Norden, weit nach Süden mußte man gehen, bis man endlich zwei geeignete Spitzen gefunden hatte.

Lee selbst war unaufhörlich mit der photogrammetrischen Aufnahme des überflogenen Gebietes beschäftigt. Die Sonne näherte sich inzwischen ihrem Scheitelpunkt. Jetzt war es an der Zeit, die mitgebrachten astronomischen Uhren, deren Werk bereits auf die Länge des Venustages, der ja durch irdische Beobachtungen bis auf Bruchteile von Sekunden bekannt, eingerichtet war, auf die Ortszeit des Venus-Nullmeridians einzustellen.

»Zwölf Uhr eine Minute jetzt nach Venuszeit des Leeschen Meridians«, rief van der Meulen, hielt seine Taschenuhr lachend den anderen entgegen. »Kein besseres Monument für Ronald Lee als der Leemeridian.«

Von allen Seiten regnete es Glückwünsche auf den. Ein Radiotelegramm ging zur Erde, brachte die Kunde zu den Menschen, daß die Normalzeit für Nova America feststand, daß demgemäß alle weiteren Mitteilungen zur Erde danach datiert würden.

Inzwischen war die Zeit so weit vorgeschritten, daß es sich nicht mehr lohnte, eine Durchforschung des Kontinents in Angriff zu nehmen, die man wegen der niederen Wolkenschicht nur in geringer Höhe und entsprechend langsamer Fahrt hätte vornehmen können. Dazu reichten die Stunden der Helligkeit nicht mehr aus.

»Vielleicht, daß wir bei einer Fahrt, dem Meridian folgend, am nördlichen Pole bessere Wetterverhältnisse haben«, wandte Serrato sin. »Wir kennen ja alle die Erdpole von den Flügen der Luftschiffe zur Genüge. Es dürfte interessant sein, die Venuspole zu besuchen, bei denen doch infolge der Stellung der Venus ähnliche klimatische Verhältnisse herrschen müssen.«

Der Vorschlag fand allgemeinen Beifall. Die Maschinen wurden zu stärkerer Fahrt angestellt. In schnellem Fluge eilte der »Jonas Lee« der nördlichen Polarzone zu.

Das unter ihnen liegende Land zeigte entsprechend den anderen klimatischen Verhältnissen ganz andere Bilder als auf der Erde. Hier machte sich die größere Sonnennähe geltend. Fast bis zum achtzigsten Breitengrad etwa erstreckten sich grasbewachsene Steppen, die von einer reichen Fauna belebt waren. Erst dann begann der Übergang zum arktischen Gebiet. Verschneite Ebenen, offenes Meer, Treibeis, Gletscher.

Lee stand mit Royas am Meßtisch. Der Pol in nächster Nähe. Die Erwartung aller gespannt. Auch Hierra verließ für einen Augenblick den Führerstand, kam zum Meßtisch geeilt.

»Nur noch einen Grad!« rief Lee, »dann sind wir über dem Pol.« Er warf einen Blick zur Erde. »Hallo, was ist das?« rief er, »unser Flug geht stark abwärts.«

Mit Hierra lief er zum Führerstand, schaltete, stellte den Hebel auf stärkere Beschleunigung, um dem Fall zur Venus hin entgegenzuwirken. Doch nur für kurze Zeit trieb das Schiff in gleichbleibender Höhenlage. Dann begann es wieder zu fallen.

Sekundenlang starrten die sich erschreckt, fragend an. Ein Defekt in dem Triebwerk? . . . Bei dieser Hebelstellung hätte der »Jonas Lee« stark nach oben steigen müssen. Mit Hierra und den anderen Technikern begab sich Lee unverzüglich an die Untersuchung der Anlage. Jetzt mußte man ungefähr den Pol erreicht haben . . . der Fall des Schiffes wurde schneller.

Doch trotz alles Suchens kein Fehler zu finden. Lee sprang auf. »Später! . . . Jetzt keine Zeit mehr . . . Wir müssen uns damit abfinden, daß der ›Jonas Lee‹ aufsetzen wird. Unser ganzes Bestreben muß sein, die Landung an einem günstigen Punkt ohne Schaden für den Bau zu bewerkstelligen.«

Ein großes Eisfeld vor ihnen schien zum Landen günstig. Ein paar Minuten später setzte der »Jonas Lee« in der Mitte der Eisfläche auf.

»Für alle Fälle wollen wir der ›Buena Vista‹ Nachricht geben. Sie soll sich sofort hierher begeben. Unser Landungsplatz, der Pol, ist leicht zu finden.«

Während Royas sich zum Sender begab, traten van der Meulen und Serrato in die Zentrale.

»Wollen wir dem Pol einen persönlichen Besuch abstatten?« fragte van der Meulen. »Ein längerer Aufenthalt verzögert unsere Rückfahrt . . .« Er wollte weitersprechen, verstummte, als er die Gesichter Lees und Hierras sah.

»Was ist? Weshalb diese Bestürzung? Ist etwas passiert? Mußten Sie landen, weil . . .?«

»Ich kann keine Verbindung mit der ›Buena Vista‹ bekommen«, rief Royas aus dem Hintergrund«. »Vergeblich habe ich alles versucht.«

Sofort eilten Lee und Hierra dort hin, untersuchten die Anlage. Alles in Ordnung. Die Antenne führt vollen Strom . . . Warum keine Verbindung mit der ›Buena Vista‹? Wo war die Fehlerquelle? . . . Dort oder hier?

»Ich möchte fast wünschen, daß hier der Fehler . . . daß im Lager alles in Ordnung. Es wäre im höchsten Grade unangenehm, wenn sich im Lager während unserer Abwesenheit irgend etwas Gefährliches ereignet hätte. Wenn wir hier einen Defekt haben und können ihn nicht selbst in Ordnung bringen, wird die ›Buena Vista‹ uns zu Hilfe kommen. Allerdings . . .« er machte ein nachdenkliches Gesicht, »müssen wir uns darauf gefaßt machen, die Nacht hier zu verbringen.«

»Sehr wahrscheinlich sogar«, warf Royas ein. »Ehe denen im Lager zum Bewußtsein gekommen, daß uns etwas zugestoßen sein könnte, wird die Dunkelheit eintreten. Nun, ein kleines Abenteuer, das ja nicht weiter bedenklich ist. Vielleicht übernehmen Sie es, Mr. van der Meulen, den jungen Mädchen die Nachricht zu überbringen. Ich muß mich unverzüglich mit Hierra an die Untersuchung der Apparatur machen.« – – –

Stunden waren vergangen. Das Gespräch in der Kabine zwischen van der Meulen und den übrigen wurde immer schwächer, drohte ganz einzuschlafen. Keiner, der mit ganzem Interesse dabei war. Das lange Ausbleiben Lees . . . irgend etwas Schlimmes mußte passiert sein. Aller Gedanken waren bei ihm. Die Unsicherheit erhöhte die innere Erregung immer mehr.

Endlich konnte van der Meulen die Ungeduld nicht länger meistern. »Muß doch mal selbst nachsehen . . . komme gleich wieder.«

Er trat in den Führerstand. Hielt . . . noch hatte er die Tür in der Hand . . . erschrocken still. Die beiden Männer, die er in emsiger Arbeit geglaubt, saßen da . . . stumm . . . tatenlos.

Das Gesicht Lees grau, verfallen . . . nach vorn zum Boden geneigt. Der ganze Mann ein Bild, als hätte ihn ein furchtbarer Schicksalsschlag getroffen.

»Ronald!« Van der Meulen unterdrückte nur mit Mühe einen Schrei, eilte zu dem. Legte seine Hand um seine Schultern. »Ronald! Was ist Ihnen? Was ist vorgefallen?«

Er richtete dessen Kopf in die Höhe. Sah ihm in die Augen, erschrak bis in sein tiefstes Innerstes.

Diese Augen, nie anders als in stolzer Zuversicht, in strahlender Energie, hatte er sie gesehen . . . die Augen jetzt glanzlos, tot . . . wie geistesabwesend starrten sie ihn an. Er führte ihn zu einer Ruhebank, legte ihn behutsam nieder.

Ein Stöhnen hinter ihm ließ ihn sich umwenden. Hierra wollte sich erheben, etwas sagen, sank kraftlos zurück. Professor Royas trat ein, in seiner Hand ein Fläschchen. Er flößte jedem der beiden etwas von der Arznei ein. Auch er bleich und doch weit gefaßter als die beiden anderen.

»Was ist's, Royas?« Van der Meulen griff den am Arm. »Um Gottes willen nicht länger diese Ungewißheit. Was Schreckliches ist passiert . . . aber sagen Sie es mir. Lieber der Gefahr ins Auge schauen, als sie fürchten.«

»Kommen Sie mit mir, van der Meulen. Wir lassen die beiden hier kurze Zeit allein. Ich habe ihnen ein beruhigendes Mittel eingegeben. Vielleicht, daß sie auch schlafen.« Er zog ihn durch die Hintertür, die zu seiner Kabine führte, mit sich.

»Machen Sie sich auf das Schlimmste gefaßt, van der Meulen. Ich will unumwunden mit Ihnen sprechen.«

Van der Meulen zuckte zusammen. Der Gedanke an Hortense, die anderen, ließ ihn erbleichen.

»Das Schlimmste wäre der Tod, Señor Royas«, sprach er langsam, mit schwerer Stimme. »Wie soll ich Ihre Worte verstehen? Wir hier sterben . . . in dieser Eiswüste? Es ist doch unmöglich! Die Freunde werden uns retten!«

Royas schüttelte den Kopf.

»Keiner kann uns retten, van der Meulen. Wir selbst können es nicht – – – unsere Freunde können es nicht . . . Wollten sie es, sie würden mit uns zugrunde gehen.«

Van der Meulen wollte ihn ungeduldig unterbrechen, doch Royas winkte ihm, zu schweigen.

»Erst lassen Sie sich nüchtern erzählen, wie alles gekommen . . . wie unsere Lage hier ist. Wir haben den Pol gesucht und gefunden. Anders wie auf der Erde decken sich auf der Venus ungefähr geographischer und magnetischer Pol. Die starken magnetischen Felder, die wir ahnungslos durchfuhren und in deren Bereich wir unentrinnbar festliegen, machen die Elektronenausstrahlung des ›Jonas Lee‹ wirkungslos. Jedes anders von derselben Kraft getriebene Schiff, das uns retten wollte, würde dem gleichen Schicksal verfallen.

Es zu warnen, ist unmöglich, da ja natürlich auch die Sendeenergie von dem magnetischen Feld aufgesogen wird. Wenn es das Schicksal will, wird morgen die ›Buena Vista‹ kommen und uns finden . . . um mit uns unterzugehen.

Oberst Robartson, der jetzt die ›Arizona‹ befehligt, wird, wie ich ihn kenne, uns auch zu Hilfe kommen wollen, wird unser Los teilen . . .

Und sehe ich noch weiter, sehe ich auch den ›Bolivar‹ kommen. Auch der wird suchen nach uns . . . dasselbe Schicksal erfahren. Möglich, daß später noch Schiffe kommen. Suchen wird jedes nach uns. Jedes wird dabei zugrunde gehen. Vielleicht, daß dann die Menschen auf der Erde den unheilvollen Stern für immer meiden werden.«

Van der Meulen hielt nur mit Mühe der Wucht der furchtbaren Tatsachen, deren Kette Royas logisch entwickelt, stand. Waren ihm auch die physikalischen Vorgänge nicht ganz klar, das Bild der Männer im Nebenraum mußte jeden Zweifel unterdrücken. Doch der Gedanke an Hortense . . . an Violet ließ noch einmal allen Lebensmut in ihm aufflammen. Mit Royas zusammen besprach er alle Möglichkeiten der Rettung.

Vergeblich . . . einen Augenblick war in ihm der Gedanke aufgeschossen, den Versuch zu wagen, zu Fuß nach Süden zu wandern. Vielleicht, daß man abwechselnd auf Eis und festem Land eine Gegend erreichte, wo man das Leben notdürftig fristen konnte. Doch ebenso schnell war der Gedanke wieder verworfen. Dazu fehlten die notwendigsten Ausrüstungsgegenstände, die unentbehrlichsten Lebensmittel.

Der Tod unabwendbar! Wie sollte er das Herz finden, Hortense, Violet die furchtbare Nachricht zu bringen?

*

Und doch war die »Buena Vista« schon am Nachmittag aufgestiegen, den »Jonas Lee« zu suchen. Der Führer Urdaneda hatte um dieselbe Zeit, als der »Jonas Lee« am Pol niederging, telegraphische Verbindung mit van der Meulen gesucht, um dem über die Vorgänge im Lager zu berichten.

Am Nachmittag war Oberst Robartson gekommen, hatte Urdaneda die Mitteilung gemacht, daß das Befinden Cannings sehr schlecht, daß er zeitweise in hohem Fieber die Namen von bekannten Menschen rief. Darunter auch Ronald Lee und Hortense van der Meulen.

Kaum war der gegangen, hatte ein Bote die Nachricht gebracht, daß Cannings Diener, der Inder Sarata, von einer giftigen Schlange gebissen, in den letzten Zügen läge. Urdaneda hatte Juan Stamford in Cannings Lager geschickt. Der kam zurück, berichtete, daß sich Cannings Zustand durch die Medizin Hardings etwas gebessert, daß das Fieber zurückgegangen. Der Kranke sei bei vollem Bewußtsein, der Inder inzwischen gestorben.

Der hatte am Tage vorher bei dem Suchen nach Canning ein Schlangennest entdeckt. Hatte zwei Schlangen gefangen und mit ins Lager gebracht, ohne daß die übrigen etwas davon erfuhren. Am Mittag hatte er die Schlangen Harding gezeigt, der sofort Interesse dafür gewann, sie auf ihre Giftigkeit untersuchen wollte.

»Es sind Kobras wie bei uns zu Haus,« hatte der Inder zu Harding gesagt, »kluge Tiere. Ich werde sie tanzen lehren.«

Harding war geneigt, dem Inder zu befehlen, die Schlangen zu töten und fortzuschaffen. Ließ sich aber durch die starke Zuversicht, die der äußerte, davon abbringen.

Der zog seine Flöte aus der Tasche, zeigte lächelnd, zu Harding gewandt, auf das Instrument.

»Saratas Musik macht böse Schlangen sanft. Gleich werden Sie sehen, Herr Doktor.«

Er stellte den Korb auf den Boden, kniete davor, setzte die Flöte an seine Lippen. Kaum, daß er ein paar Töne gespielt, hob sich der Deckel. Die beiden Schlangen stürzten heraus. Sekundenlang wanden sich die schillernden Leiber, wie nach einem Ausweg suchend, hin und her.

Da die eine! Ihr Auge hatte Saratas Blick empfunden. Sie blieb regungslos liegen. Die andere kroch näher an den Inder heran, der unbeirrt weiterspielte. Jetzt hatte auch die der Blick des Inders getroffen. Ebenso wie die andere verharrte sie regungslos am Boden. Ein triumphierendes Lächeln ging über Saratas Gesicht. Die Musik seiner Flöte brach plötzlich ab, begann sofort in einer anderen Melodie. Und als empfänden die Schlangen wohltätig die sanften, schmeichelnden Töne, langsam erhoben sie sich. Die Töne der Flöte wurden schneller, gingen in einen wiegenden Rhythmus über. Die Schlangen, folgend dem, bewegten sich zum Erstaunen aller in hüpfendem, wiegendem Tanz.

Saratas Augen glänzten. Nur sekundenlang streifte sein Blick die verdutzten Gesichter der Zuschauer, kehrte sofort wieder zu den Tieren zurück.

Da plötzlich! Ein furchtbarer Schrei, der weit über den Platz gellte aus dem Zelt, in dem Canning lag.

»Gorm! Gorm! Wo bist du? Komme zu mir! Rette mich aus dieser Qual. Du der einzige, der den Brand meiner Seele löschen kann. Gorm! Gorm!«

Bei dem Namen Gorm war der Inder zusammengezuckt. Die Worte Cannings wühlten in ihm . . . Wie achtlos ließ er die Flöte sinken. Seine Augen glitten von den Schlangen weg, gingen in unbestimmte Ferne. Er schauerte zusammen wie in Angst . . . Grauen. Auch die Aufmerksamkeit der anderen hatte der Schrei Cannings abgelenkt. Keiner, auch Sarata nicht, achtete auf die eine der Schlangen, die, dem Inder am nächsten, zu ihm herankroch, sich um seinen Fuß ringelte.

Robartson der erste, der sich wieder zu dem Inder wandte. Sein Auge vermißte die eine der Schlangen, sah die am Bein Saratas. Mit einem Schrei eilte er auf den zu. Sarata, noch immer wie im Traum, starrte ihn geistesabwesend an. Robartson faßte mit schnellem Griff das Reptil, warf es zu Boden, zertrat es.

»Sarata,« rief er laut, »schnell, streifen Sie das Kleid ab. Vielleicht, daß Sie gebissen.« Er deutete auf das getötete Tier. Da endlich schien der Inder zu sich zu kommen. Er beugte sich vor, streifte das Beinkleid in die Höhe. Die roten Eindrücke der Schlangenzähne wurden sichtbar . . .

Der sah es, nickte. »Der Gott der Gerechtigkeit straft mit den Waffen, mit denen der Mensch gesündigt.«

Auf die Rufe der anderen kam Dr. Harding herbeigeeilt. Schnell war er aufgeklärt. Sah die Bißwunde, wollte beispringen. Sarata winkte ab.

»Der Gott hat es gewollt. Es wäre schwere Sünde, gegen seinen Willen zu handeln. Sarata muß sterben . . . will sterben. Seine Zeit ist erfüllt.«

Vergeblich drang Harding in ihn, einen Versuch zu machen, durch eine Einspritzung das Schlangengift zu paralysieren. Der Inder lehnte jede Hilfe ab. Er wandte sich um, daß das Gesicht nach Osten zeigte, beugte das Haupt, saß in regungsloser Starre.

Dr. Harding zuckte die Schultern.

»Er sucht den Tod. Sein Fatalismus sieht in ihm keinen Feind, nur einen Weg zum nächsten neuen Leben.«

Als der Erdstern klar und schimmernd am Horizont aufstieg, starb Sarata. – – –

Vergeblich hatte Urdaneda Verbindung mit dem »Jonas Lee« gesucht, um ihm die Vorgänge im Lager zu berichten. Schon eine Stunde war vergangen. Immer wieder war der Versuch einer Verbindung fehlgeschlagen.

»Ein ereignisvoller Tag«, brummte er vor sich hin. »Sollte da irgend etwas vorgefallen sein? Sollten hier atmosphärische Störungen unbekannter Art auftreten, die die Verständigung verhindern?«

Er bat Oberst Robartson zu sich, teilte ihm kurz seine Befürchtungen und seine Absicht mit, die »Buena Vista« startbereit zu machen und auf die Suche zu gehen. Bat den, auf einem seiner Empfangsapparate die Leesche Welle einzustellen, um jederzeit Nachrichten von ihm oder von Lee selbst empfangen zu können. Kurz darauf flog die »Buena Vista« in beschleunigter Fahrt nach Norden, suchte in der ungefähren Richtung, die der »Jonas Lee« genommen haben mußte, sorgfältig das unter ihr liegende Land ab. Die bald einbrechende Dunkelheit zwang Urdaneda, die Suche abzubrechen, zum Lagerplatz zurückzufliegen.

 

* * *

 

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