Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hans Dominik >

Das Erbe der Uraniden

Hans Dominik: Das Erbe der Uraniden - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorHans Dominik
titleDas Erbe der Uraniden
publisherVerlag Scherl Berlin
printrun41. bis 50. Tausend
yearo.J.
firstpub1935
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150921
modified20190102
projectid7a75315c
Schließen

Navigation:

»Ah! Sie wollen uns besuchen, Mr. Royas. Die Ehre! Ich hatte Sie trotz unserer alten Bekanntschaft kaum erwartet.«

»Oh!« erwiderte der Professor lachend, schüttelte dem Oberst kräftig die Hand. »Der Wirt muß doch seine Gäste begrüßen.«

Oberst Robartson verzog ein wenig das Gesicht, die eine Hälfte wie lachend, die andere wie ernst.

»Wirt? . . . Gäste, mein lieber Royas? Sie betrachten uns als Ihre Gäste?«

»Nun, gewiß, Mr. Robartson. Wir sind die Herren des Landes. Es ist von uns in formeller Weise in Besitz genommen . . .«

»Und wir sind ungebetene . . . unerwünschte Gäste in Ihrem neuen Reich?«

»Nun, mein lieber Oberst . . . nicht ganz. Unerwünscht . . . ungebeten . . . wie man's nimmt.«

»Es hängt von unserem Verhalten ab, wollten Sie sagen«, vollendete Robartson dessen Worte.

»Das trifft wohl zu, Colonel. Und Ihrem Führer, Mr. Canning, das zu sagen, bin ich hierhergekommen.«

Oberst Robartson machte ein bedenkliches Gesicht.

»Ich will mich mit Ihnen, lieber Royas, nicht in einen Streit einlassen, ob Ihr Standpunkt richtig ist oder nicht. Ich möchte Ihnen nur sagen, daß Sie bei Mr. Canning unbedingt auf Widerstand stoßen werden. Er hat mit uns den Fall schon besprochen. Er ist entschlossen, keinen Fußbreit von hier zu weichen.«

»Sie wissen vielleicht nicht, daß wir diesen ganzen Venusteil überall mit Flaggen beworfen haben. In einer Weise, die nach völkerrechtlichen Begriffen der Erde einen unangreifbaren Besitztitel gibt.«

Der Oberst runzelte die Stirn. »Ah! Das hätten Sie schon getan? Allerdings! . . . Das wäre . . . Doch einerlei! Meine persönliche Meinung ist ja nicht maßgebend. Mr. Canning, ich versichere es Sie nochmals, wird sich durch nichts bewegen lassen, hier fortzugehen . . . oder gar . . . Nun, ich denke, so weit werden Ihre Ansprüche nicht gehen, die ganze Venus okkupiert zu haben . . . also die Venus überhaupt zu verlassen.

Doch kommen Sie! Da tritt eben Mr. Canning aus dem Zelt. Wir wollen ihm entgegengehen. Er beabsichtigt, eine größere Streife in die Umgegend zu machen.« – – –

Mit gleichmütigen Mienen hatte Canning Professor Royas sprechen lassen. Kein Zug in seinem bleichen Gesicht veränderte sich, als er jetzt kurz die Antwort gab.

»Wollen Sie Ihrem Auftraggeber, Mr. Lee, bestellen, daß ich das Besitzrecht der südamerikanischen Union über diesen Venusteil nicht anerkenne.«

»Vergessen Sie nicht die eventuellen Konsequenzen, Mr. Canning. Die Okkupation ist unserer Regierung mitgeteilt. Die hat unsere Handlung für gültig, bindend erklärt. Bedenken Sie also, daß hinter meinen Worten auch die Regierung der südamerikanischen Union steht.«

»Sie sprechen von Konsequenzen . . . eventuellen Konsequenzen, Mr. Royas . . . So bestellen Sie auch weiter, daß ich alle Konsequenzen zu tragen wissen werde . . .« Mit einer leichten Verbeugung verabschiedete er sich, ging zu einer Gruppe von fünf seiner Gefährten, die bewaffnet auf ihn warteten.

»Vorwärts! Unser erstes Ziel jene Schlucht dort im Osten hinter dem Uranidenlager . . .«

»Mr. Robartson,« Royas wandte sich erregt an den, »in der Schlucht die Gräber der Uraniden . . . Lee . . . auf keinen Fall wird er dulden, daß die vielleicht mit gierigen Händen sie durchwühlen. Ein Unglück würde entstehen . . . ich warne Sie. Versuchen Sie Canning zurückzuhalten!«

Robartson schüttelte den Kopf.

»Ich würde es vergeblich versuchen. Sie kennen Canning nicht. Und wenn Sie ihn kennten, würden Sie ihn jetzt kaum wiedererkennen. Diese Niederlage, der Zusammenbruch all seiner Hoffnungen haben ihn bis zur Unkenntlichkeit verwandelt. Dieser nur durch ein Wunder vermiedene Zusammenstoß der beiden Schiffe, ob ein Versehen oder Schuld, wir wollen darüber nicht sprechen . . . seine Nerven zum äußersten gespannt . . . er ist zu allem fähig.«

»So möge es kommen, wie es wolle! Ich habe alles getan, was in meinen Kräften stand.« Royas verabschiedete sich mit einem kurzen Händedruck und schritt eilig seinem Lager zu. Dort traf er alles in höchster Erregung. Die drei Brüder Stamford hatten ihre Waffen geholt, drangen in Lee, der bleich, mit zusammengebissenen Zähnen dastand und überlegte.

Schon hatte sich Canning mit seinen Gefährten auf dreihundert Schritte dem Eingang der Schlucht genähert . . .

Da! . . . Als hätte eine unsichtbare Hand sie zu Boden geschleudert, stürzten die zur Erde. Auch Lee selbst und die um ihn, kaum hielten sie sich auf den Füßen.

Ein rasender, wirbelnder Stoß, dem ein langnachhallendes Donnern und Krachen folgte. Wie gebannt starrten alle nach der Schlucht hin, von der das Dröhnen kam. Wo war die jetzt?

Die ungeheuren Staubwolken, die darüber lagerten . . . jetzt vom Wind weggerissen wie die Schleier von einem Bild . . . die Schlucht verschwunden . . . die steilen Hänge wie die Kulissen einer Dekoration zusammengebrochen . . . im Sturz mit ihren Massen die Schlucht füllend. Ein einziges großes Massengrab der Natur für jene toten Weltenfahrer.

Keine menschliche Hand, die es wagen könnte, diese Massen wegzuschaffen, die Ruhe der Toten zu stören.

Das plötzlich so unerwartet auftretende Ereignis hatte alle in Schrecken und Staunen versetzt. Ein Erdbeben . . . unwillkürlich gingen alle Blicke zu dem Vulkankegel. Warf der stärkere Rauchwolken aus? . . . Nein! Unverändert, so wie sie sie zuerst gesehen, die dünne, dunkle Säule über seiner Spitze.

Ein Erdbeben, so lokal begrenzt, daß sie nicht die starken, wellenartigen Bodenerschütterungen verspürten . . . wie war das möglich?

Ein kleines tektonisches Beben . . . anders keine Erklärung.

*

»Sie bestehen also darauf, mitzufahren, Miß Violet?«

»Aber natürlich, Mr. van der Meulen. Immer wieder diese Frage. Und nun gar jetzt, wo das Schiff in einer Viertelstunde fahren soll.«

»Ja, liebe Violet, ich sehe keinen triftigen Grund, daß Sie die immerhin nicht ungefährliche Fahrt mitmachen wollen. Ihre Liebe, Ihre Anhänglichkeit an Hortense in Ehren. Aber Sie dürften sich vielleicht nicht ganz klar darüber sein, wie zunächst unser Leben auf der Venus sein wird. Sie werden viele der Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten von Buena Vista da oben vermissen.«

». . . Und daß ich meinen Bruder Ronald gern wiedersehen möchte, ist für Sie auch kein triftiger Grund, Mr. van der Meulen?«

»Oh, das wäre schon ein Grund, wenn nicht die Trennung erst einige Tage alt wäre.«

»Mögen Sie sagen, was Sie wollen! Ich will doch mitfahren. Ein Traum versprach mir, ich würde etwas Schönes erleben.«

Van der Meulen lachte laut.

»Allerdings! Dann, Miß Violet, will ich kein Wort mehr sagen. Der schöne Traum schlägt alle anderen Gründe. Möge er wahr werden! . . . Hortense jedenfalls wird sich freuen. Ah, da kommt sie mit Admiral Serrato.«

In Begleitung des Admirals kam Hortense auf das Haus zugeschritten. Als sie eintraten, schritt van der Meulen ihnen entgegen.

»Ein neues Telegramm, Herr Admiral. Das erste Zusammentreffen der beiden Parteien schon gleich ein Zusammenstoß. Ich begrüße Ihre Mitfahrt jetzt doppelt. So oder so! Mr. Canning wird sich der Autorität unserer Regierung, die sich in Ihrer Person verkörpert, nicht entziehen können. Lesen Sie die Depesche.«

Die Brauen des Admirals zogen sich beim Lesen zusammen.

»Ein glücklicher Zufall . . . so muß ich's nennen . . . hat diesmal noch den offenen Streit verhindert. Ich lese zwischen den Zeilen, daß Lee auf keinen Fall ein Öffnen der Gräber geduldet haben würde.«

»Ich verstehe nicht, Herr Admiral, daß sich die nordamerikanische Regierung weigert, Canning gemäß der veränderten Situation Instruktionen zu geben. Einerseits erkennt sie, wenn auch mit starken Kautelen, ein vorläufiges Besitzrecht der südamerikanischen Union auf den Venusteil Nova America an. Andererseits weigert sie sich, ihrem Mann dementsprechende Order zu geben.«

»Sie sagen, Señor van der Meulen, die nordamerikanische Regierung habe unseren Besitz anerkannt, wenn auch unter Kautelen . . . Ja, die Kautelen sind derartig, daß man von einer Anerkennung kaum sprechen kann. Ihre Erklärung zu den Pressestimmen vor dem Flug der ›Arizona‹ ist schon bezeichnend genug.

Damals, als jedermann fest überzeugt war, die ›Arizona‹ würde zuerst auf der Venus landen, überschlugen sich die nordamerikanischen Zeitungen. Einstimmig waren sie alle der Meinung, daß der Venusteil, der von der ›Arizona‹ angesteuert und zuerst erreicht würde, zweifellos nordamerikanisches Eigentum sei. Schon allein das Aufpflanzen der einen Flagge kennzeichne die gültige Besitznahme. Ein Auswerfen von weiteren Flaggen erübrige sich, da ja schon vor der Landung der Venusteil in seiner ganzen Ausdehnung von den Raumfahrern gesehen, festgestellt werden könne, ein Zweifel über die Ausdehnung und Größe des Gebietes bei der Aufpflanzung der einen Flagge daher nicht möglich sei.

Jetzt erklärt die nordamerikanische Regierung all diese Presseäußerungen . . . es waren darunter auch offiziöse . . . für nicht verpflichtend, für unmaßgebliche Privatäußerungen. Behauptet, daß durch die Landung eines Schiffes mit so geringer Besatzung unmöglich ein Gebiet von solcher Größe in Besitz genommen werden könne.

Es fehle für die Besatzung die Möglichkeit, ihre Hoheitsrechte erforderlichenfalls überall ausüben zu können, wobei es ohne Bedeutung sei, daß bei der Landung auf der Venus andere Menschen nicht vorhanden waren. Wie sich die Verhältnisse weiter gestalten werden, wird viel davon abhängen, ob und von wem die Hinterlassenschaft der Uraniden gefunden wird.«

Van der Meulen nickte.

»Ja, ja! Und da lese ich aus Lees Telegrammen eine auffällige Resignation heraus. Er hat doch in seinen Depeschen an Worten nicht gespart. Aber nichts zeigt an, daß er über das bisherige Nichtfinden des Schatzes besonders deprimiert wäre. Ich muß fast annehmen . . . anders kann ich das nicht verstehen . . ., daß er wenig Hoffnung hat, ihn je zu finden.«

»Dann müßte er ja wohlbegründeten Anlaß zu der Vermutung haben, daß jene Hinterlassenschaft der Uraniden in der Schlucht verborgen war und durch das Erdbeben mitverschüttet wurde.«

»Gewiß, Herr Admiral, Ihre Annahme ist durchaus berechtigt. Und doch besteht eine kleine Lücke. Es steht ja doch keineswegs fest, daß sämtliche Uraniden tot sind. Allerdings spricht Lees Bericht von dem Grabe des zwölften, letzten Uraniden.

Doch das ist mir unbegreiflich. Der, der den letzten, will sagen: den zwölften, begraben hat, der muß jedenfalls doch noch dasein. Allerdings . . . er kann inzwischen auch gestorben sein. Aber solange man seine Leiche nicht hat, besteht doch immer noch die Hoffnung, ihn zu finden . . . und mit ihm den Schatz.«

»Vergeblich unser Grübeln . . . unser Raten, Señor van der Meulen. In anderthalb Erdentagen werden wir bei ihnen sein. Werden selbst an Ort und Stelle des Rätsels Lösung zu ergründen suchen.«

Van der Meulen schaute zu Hortense, die stumm dagesessen, kein Wort zu der doch zweifellos interessanten Frage geäußert hatte. – Wieder? . . . Van der Meulen blickte prüfend in ihr Gesicht. Wie hatte sie schon bei der ersten Nachricht fast gleichgültig die Achseln gezuckt! Die Worte der Depesche . . . durch die Radiowellen über die ganze Welt verbreitet . . . in der ganzen Welt ein Rätselraten. Ungeheuer das Aufsehen, das die Depesche überall hervorrief . . . er selbst, van der Meulen . . . seine Gedanken, ununterbrochen beschäftigten sie sich mit der Frage, weilten bei Lee . . . verfolgten dessen Tun auf Schritt und Tritt . . .

Wußte Hortense mehr? . . . Was wußte sie denn? . . . Was konnte es sein, das diese Wandlung bei ihr hervorrief? . . . Sie gerade, die bisher mit solch großem Interesse alles verfolgte, was Lee tat, sann . . .

Immer schon hatte er fragen wollen. Doch irgend etwas schloß ihm immer wieder den Mund. Sobald er die Lippen dazu ansetzte, fühlte er sich gehemmt. Irgend etwas hielt ihn ab, zu fragen . . . zu rühren an dem Geheimnisvollen, Rätselhaften, Dunklen, was sich mit unsichtbaren Fäden zwischen den gleichgestimmten Seelen zu weben schien.

»Das tollste wäre es, wenn es der Harrodschen Expedition gelänge, den Letzten der Uraniden und ihren Schatz zu entdecken. In diesem Falle müßten doch die Bestimmungen des Gesetzes Anwendung finden, daß ein solcher Fund dem gehört, auf dessen Gebiet er gemacht wird. Denn daß das Uranidenlager und seine Umgebung, wo unsere Expedition nun tatsächlich ihre Gewalt ausüben kann, südamerikanischer Besitz ist, das dürfte doch auch von der nordamerikanischen Union kaum bestritten werden.«

Über Serratos Gesicht flog ein dunkler Schatten.

»Der Schatz! Seine Bedeutung so ungeheuer . . . wer ihn findet . . . er wird ihn zu behalten suchen . . .«

»Unter Verletzung des Gesetzes?« fiel van der Meulen erregt ein.

»Macht geht vor Recht, van der Meulen!« Immer düsterer wurde Serratos Gesicht. »Wenn es Canning gelänge, unbemerkt den Schatz zu heben, mit ihm zur Erde zurückzufliegen, wir wären die Genarrten. Denn die große Macht ist vorläufig noch bei der nordamerikanischen Union. Ein Krieg deshalb? . . . Unmöglich . . .«

»Das sagen Sie? Sie, der Admiral Serrato, der Sieger von Coiba.«

Der wandte sich zur Seite, wie um sein Gesicht zu verbergen, in dem alles zuckte und bebte.

»Ich sage es in der Hoffnung, Señor van der Meulen, daß einst der Tag kommen wird, an dem unser Schwert aus der Scheide herausgehen wird zum Schlag . . . an dem der Fluch jener Worte Monroes von uns genommen.« –

»Ich verlasse mich auf Sie, Señor Fontana.« Van der Meulen drückte dem Chefingenieur, der nach Lees Abreise die Werft leitete, die Hand. »Der Bau des ›Bolivar‹ muß in derselben Zeit beendet sein wie der der ›Buena Vista‹. Wir müssen den glücklich wiedergewonnenen Vorsprung ausnutzen. Die Regierung steht mit allen ihren Kräften hinter uns. Wenden Sie sich getrost nach Buenos Aires, wenn irgendwelche Schwierigkeiten entstehen sollten. Die Bauleute, Handwerker, die von der Werft mitfahren, müssen Sie so bald als möglich ersetzen. Doch Vorsicht bei ihrer Auswahl!«

Ein letzter Händedruck. Die Türen der ›Buena Vista‹ schlossen sich. Der Führer, Urdaneda, rückte den Fahrthebel an. Sekunden, dann folgte die ›Buena Vista‹ ihrem Schwesterschiff ›Jonas Lee‹. – – –

»Mr. van der Meulen, bitte, kommen Sie schnell hierher. Die günstige Konstellation des Mondes mit unserer Fahrtrichtung gibt uns Gelegenheit, jene Stelle, an der die Rakete aus Coiba landete, aus günstiger Nähe genau zu betrachten.«

In der Tat schoß die ›Buena Vista‹ in diesem Augenblick in kaum 10 000 Kilometer Entfernung an dem Trabanten der Erde vorbei. Es war erst zwei Tage nach Neumond. Nur eine schmale Sichel der in dieser Nähe gewaltig großen Scheibe strahlte in hellem Sonnenlicht. Der übrige Teil lag in der sehr viel schwächeren, ungewissen Beleuchtung des von der Erde reflektierten Lichtes.

»Dort drüben das Mare serenum!« rief van der Meulen. Serrato nickte über das Glas hinweg, trat dann plötzlich vom Okular zurück. Seine Mienen verrieten Überraschung, Erschrecken.

»Jene helle Stelle am nördlichen Rande des Mare serenum. Sehen Sie die auch?«

Van der Meulen verneinte, ging selbst an das Okular. Sprach nach kurzer Weile, die Augen immer noch am Okular.

»Ja, ja. Sie haben recht. Eine helle Stelle . . . zwar winzig klein, aber doch . . . der rötlich glühende Schein . . . Vermuten Sie etwa . . .?«

»Es kann nicht anders sein«, erwiderte der Admiral. »Es ist die Stelle, an der die Rakete aufschlug. Ihre Fracht . . . der Pestbrocken, ist in voller Glut.«

»Er allein . . . das wäre nicht das schlimmste«, murmelte van der Meulen vor sich hin. »Doch die Sache ist so wichtig . . . wir dürfen einen kleinen Umweg nicht scheuen.«

Er eilte ans Sprachrohr, gab in die Zentrale den Befehl: »Beschleunigung abstellen! Ruder hart Backbord!«

Mit einer Eigengeschwindigkeit von etwa vier Kilometer in der Sekunde trieb die ›Buena Vista‹ näher an die Mondscheibe heran. Van der Meulen stand wieder neben Serrato, der durch das Fernrohr beobachtete. Ungeduldig erwartete er das Ergebnis. Da endlich! Der Admiral trat zurück. Sein Gesicht tiefernst.

»Der Brand hat um sich gefressen. Das Mondmassiv ist angegriffen, brennt mit.«

»Kein Zweifel«, murmelte van der Meulen, der an das Okular getreten. »So sind die schlimmen Befürchtungen doch wahr geworden. Die Folgen . . . doch einerlei . . . ehe wir nicht wissen, ob jemals der Brand von Coiba zum Erlöschen kommt . . . können wir uns nicht besonders beruhigen. Auf alle Fälle müssen wir unsere Beobachtungen denen auf der Erde mitteilen.«

Während die ›Buena Vista‹ wieder ihren alten Kurs auf die Venus nahm, begannen ihre Sender zu arbeiten.

Die Nachrichten auf der Erde mit starken Zweifeln aufgenommen. Solange die Helikopterenwarten trotz Anwendung ihrer stärksten Vergrößerungen nichts davon konstatieren konnten, wollte man nicht an dieses neue Unheil glauben.

*

Einer . . . mehrere der Uraniden mußten leben. Bei ihnen die Schätze! Die Mannschaften der beiden Expeditionen suchten im Wetteifer die weitere Umgebung des Uranidenlagers ab. Lees Gefährten waren in ihn gedrungen, den Leuten der ›Arizona‹ das Suchen, den Aufenthalt zu verbieten.

Lee hatte stets abgelehnt. Er sah deutlich genug, wie die anderen sich über seine Nachsicht . . . fast konnte man es Gleichgültigkeit nennen . . . wunderten. Es auch gar nicht verstanden, daß er persönlich sich kaum an dem Suchen beteiligte. Anders als Canning, der seine Leute stets begleitete. Alle waren bewaffnet. Lee hätte es seinen Leuten gern verboten, doch war die Gefahr, wilden Tieren zu begegnen, nicht von der Hand zu weisen.

Die Mittagsstunde kam heran. Alle waren schon zurückgekehrt. Als letzter kam jetzt Ricardo Stamford. Mißmutig stellte er sein Gewehr beiseite.

»Wo man hinkommt, überall sind die Burschen von da drüben schon gewesen. Machte heut einen weiten Marsch den kleinen Wasserlauf, der nach Süden geht, entlang. Fand da eine Feuerstelle. Die Asche noch warm. Daneben dies Zeitungsblatt.«

Er zog das abgerissene, zusammengefaltete Stück einer Zeitung aus der Tasche, reichte es Lee. Der warf einen kurzen Blick darauf. Der Titelkopf zum Teil verbrannt, doch erkannte man noch deutlich die Überschrift ›Daily Mail‹. Seine Augen glitten über die wenigen vom Feuer verschonten Zeilen . . . der Inhalt . . .

Er wandte sich zur Seite. Seine Augen preßten sich wie nachsinnend zusammen, wandten sich dann wieder zu Ricardo.

»Würden Sie die Stelle wiederfinden, wo Sie das Blatt entdeckten?«

»Aber selbstverständlich, Mr. Lee. Ich wäre ein schlechter Jäger, wenn mir das nicht gelingen sollte.«

»Nun, so möchte ich Sie bitten, mich nach dem Essen dorthin zu begleiten.« – – –

Zwei Stunden später stand Lee mit Ricardo Stamford an der Feuerstelle. Vorsichtig durchwühlte er die teilweise noch warme Asche. Da, ein größeres Stück schwarzverkohlten Papiers. Da es nicht zerbröckelt, die Schrift mit einiger Mühe noch lesbar. Lee beugte sich darüber . . . las und las.

»Hallo, Mr. Lee! Was interessiert Sie so?«

»Oh . . .« erwiderte der. Seine Hand fiel wie unabsichtlich auf den verkohlten Fetzen, der sofort zerstäubte. »Mir ist zufällig die Kopfschrift der Londoner Daily Mail in Erinnerung. Die Schrift hier ist anders. Das interessierte mich. Der Inhalt des Textes auf dem verkohlten Papier bestätigte meine Vermutung. Die Zeitung ist nicht in England gedruckt . . .«

»Irgendwo in den Staaten?« vollendete Ricardo.

Statt einer Antwort erhob sich Lee, setzte das Fernglas an die Augen, untersuchte lange und genau die weitere Umgebung.

»Da wir einmal den weiten Marsch gemacht, wollen wir die Gelegenheit benutzen, diese Gegend genauer zu durchsuchen. Teilen wir uns. Ich wende mich dorthin nach Norden, Sie weiter nach Süden. In einem Bogen kehren wir dann zum Lager zurück.«

Wohl eine Stunde war Ronald Lee gewandert. Vergeblich suchte er nach Spuren menschlicher Anwesenheit.

Dieses Zeitungsblatt . . . es schloß die Kette seiner Ahnungen . . . Vermutungen. Wo waren sie, die er suchte? Wieder griff er das Glas, durchforschte genau die Landschaft vor sich. Das breite Wiesental stieg nach Osten hin zu leichtbewaldeten Höhen an.

Da! Durch eine breite Lücke der Baumkronen, doch weit dahinter, eine leichte Rauchwolke. Mit beschleunigten Schritten ging er dem Laufe des Baches entgegen, stieg die Anhöhe empor. Lief die letzte Strecke, als könne er nicht erwarten, die Stätte zu finden, von wo jener Rauch aufstieg.

Endlich hatte er die Höhe erreicht . . . doch welche Enttäuschung. Dichtes Gestrüpp zog sich den entgegengesetzten Hang hinab. Kaum möglich, da durchzudringen. Und der Rauch? Trotz angestrengten Suchens keine Spur mehr zu sehen.

Er warf einen Blick zur Sonne. Die neigte sich schon dem westlichen Horizont zu.

›Zu spät für heut‹, murmelte er, ›doch morgen in aller Frühe werde ich's noch einmal versuchen.‹ Mißmutig wandte er sich um, schritt in der Richtung, die ihn zum Lager führen mußte. Ein paar Stücke undurchdringlichen Unterholzes zwangen ihn, den Bogen nach Norden größer zu nehmen, als er es vorgehabt. Er mußte sich beeilen, wenn er noch vor Sonnenuntergang den Lagerplatz erreichen wollte.

Auf einer kleinen Höhe angelangt, suchte er mit dem Glas den Standort des Lagers zu erspähen. Der schimmernde Riesenbau des Uranidenschiffes gab ihm einen guten Anhaltspunkt. Eben setzte er den Fuß an, seinen Marsch fortzusetzen . . . da, als hätte ein starker Ast seinen Kopf gestreift. Ein heftiger Schlag an der rechten Schläfe.

Noch glaubte sein Ohr den nachhallenden Knall eines Schusses zu hören . . . dann schwanden ihm die Sinne. Er stürzte zu Boden.

*

»Unmöglich, daß Lee den Weg verfehlt hat!« sagte Ricardo, der schon längst zum Lager zurückgekehrt. »So viele Anhaltspunkte in der Gegend zeigen ihm die rechte Richtung. Er muß irgendwie verunglückt sein. Noch einmal sage ich es!«

Auch die anderen mußten jetzt die Wahrscheinlichkeit seiner Mutmaßung zugeben. In drei Kolonnen zu je zwei Mann begab man sich auf die Suche. Doch nicht lange, dann mußte man die abbrechen. Die Dunkelheit machte weiteres Nachforschen unmöglich.

Das Ungewöhnliche ihres Tuns war in Cannings Lager bemerkt worden. Man zeigte ungeheuchelte Teilnahme. Oberst Robartson und ein paar andere schlossen sich den Suchenden an. Die Nacht verging unter bangem Harren.

Kaum, daß der Morgen graute, ging man erneut auf die Suche. Schon bald war es den Brüdern Stamford als geübten Jägern gelungen, Lees Spuren zu finden. Und dann dauerte es auch nicht lange, so fanden sie ihn.

Sie fanden ihn . . . Doch wie fanden sie ihn? Sie standen da auf der Höhe. Ein Ast in den Boden gesteckt. Lees Hut darauf. Und der? . . . Der lag da, auf weichem Moos gebettet, den Kopf umhüllt von weißen Binden. Neben ihm eine Flasche mit einer Medizin.

Lee anscheinend in tiefem Schlaf. Seine Brust hob sich in gleichmäßigen Atemzügen. Das Bild . . . unbegreiflich . . . unfaßbar, was ihre Augen da sahen.

Was war mit Lee geschehen? Wer hatte ihn hier verbunden, niedergelegt? Die Arznei, von wem war sie?

Sie sahen sich gegenseitig an. Ratlos . . . fragend . . . wagten nicht, näher heranzugehen. Wagten nicht zu rufen. Die Brüder schauten sich scheu um. Unheimlich alles das . . . so jeder Erklärung spottend. Uraniden?! . . . schwebte es jedem auf den Lippen, doch keiner sprach es aus.

Von der anderen Seite her näherte sich die Kolonne, der sich Oberst Robartson angeschlossen hatte. Der rief ihnen zu. Sie wagten nicht zu antworten. Ricardo Stamford zog behutsam das Tuch aus der Tasche, winkte denen kurz zu. Die kamen näher, riefen. Keine Antwort von hier. Die beschleunigten ihre Schritte. Robartson kam als erster die Anhöhe hinangeeilt. Sah und stand auch da . . . stumm. Die Augen wie in Entsetzen, Staunen weit geöffnet.

»Mr. Stamford!« rang es sich endlich von seinen Lippen, »was ist mit Ihnen? Was ist mit Lee passiert?«

Ricardo schüttelte den Kopf, flüsterte leise. »So fanden wir ihn. Er ist verwundet. Durch was? . . . Wir wissen es nicht . . . Jemand hat ihn gefunden, hat ihn verbunden. Ihm die Arznei gegeben . . . die Flasche ist halbleer. Er ist wohl lange bei ihm gewesen, hat bei ihm gewacht.

Niemand von uns war hier in der Nacht . . . Und Sie ..« Er sah Robartson fragend an.

»Wir waren auch alle zusammen im Lager. Keiner hat es verlassen.«

»Uraniden!« Von den Lippen des jüngsten der Brüder kam das Wort.

»Uraniden?« Der Oberst sprach das Wort mechanisch nach. »Wenn's kein Gott war . . . nur Uraniden können es gewesen sein. Aber . . . warum sind sie fortgegangen? Weshalb fliehen sie uns? Sie müssen doch wissen, daß wir hier sind . . . Furcht? . . . Nein, das kann es nicht sein. Rätsel über Rätsel.«

»Wir müssen ihn ins Lager bringen«, sagte jetzt Ricardo Stamford. »Die Sonne steigt, der Tag verspricht heiß zu werden. Der Verwundete wird Fieber haben. Eilen wir! Professor Royas wird die Pflege übernehmen.«

Schnell hatten sie aus starken Zweigen eine Bahre geflochten, legten den Verwundeten behutsam darauf, trugen ihn ins Lager.

Unbeschreiblich die Aufregung, als alle versammelt, von dem sonderbaren Vorgang erfuhren. Professor Royas betrachtete lange die Arzneiflasche. Er hatte den Inhalt nach Geschmack und Geruch geprüft. Es war ein bekanntes Fiebermittel. Doch kein Zeichen daran. Nichts verriet seinen Ursprung.

Gegen Mittag wachte Lee aus seinem Schlaf auf, doch das Bewußtsein war noch nicht völlig zurückgekehrt. Royas glaubte den Verband erneuern zu müssen. Er entfernte die Binde, staunte. Es war offenkundig, daß der Verband von den geübten Händen eines Arztes angelegt war. Der Charakter der Wunde war nicht mit Sicherheit festzustellen. Er flößte Lee etwas von der Medizin ein, worauf der wieder in Schlaf versank.

Da kam Hierra aus dem Raumschiff gestürzt.

»Eine gute Nachricht! Vielleicht, daß wir sie ihm sagen können.«

Royas winkte zu schweigen. »Still! Er schläft. Nichts darf ihn stören. Was ist's?« Er trat näher zu Hierra.

»Ein Radiogramm der ›Buena Vista‹. Noch vor Einbruch der Nacht wird sie hier sein. Sie haben einen kleinen Umweg gemacht. Den Mond angesteuert. Der Pestbrocken von Coiba . . . hat Unheil angerichtet.« – – –

Die nahe Ankunft der »Buena Vista« war im Nu überall bekannt. Auch in Cannings Lager erfuhr man durch Oberst Robartson, der mit Rücksicht auf den Unfall Lees ab und zu in das Uranidenlager kam, davon. Hier löste sie starkes Mißbehagen aus. Besonders bei Canning. Dessen Laune schien von Tag zu Tag schlechter zu werden. Eine auffällige Gereiztheit, eine überstarke Nervosität schien ihn befallen zu haben. In der vergangenen Nacht war es besonders schlimm mit ihm gewesen.

Ruhelos war er in dem engen Zelt hin und her gewandert, hatte fast die ganze Nacht keinen Schlaf gefunden. Man schob es darauf, daß durch die Verstärkung der Leeschen Expedition die Lage sich zu seinen Ungunsten ändern würde . . . die Mitfahrt des Admirals Serrato, der zweifellos im Auftrage seiner Regierung kam, machte eventuelle Zwangsmaßregeln gegen ihn möglich.

*

»Der Mond in Brand!« Die Helikopterenwarte von Berlin bestätigte die Meldung der »Buena Vista«.

Coiba! Die Nachricht aus Berlin lenkte die Aufmerksamkeit der Menschheit wieder voll auf das Unheil, das sich dort vollzog, auf die furchtbaren Kräfte, die bei dem Atombrand unaufhaltsam die Zerstörung der Materie verursachten, jeder menschlichen Abwehr spotteten. Sie mußten, von Coiba weiterwirkend, den Isthmus . . . die beiden nächstliegenden Kontinente, die ganze Erde schließlich ergreifen.

Wenn je, so war jetzt auf die neuen Nachrichten hin der Flug der Raumschiffe, die Eroberung des neuen Weltteils so aktuell wie möglich. Wenn auch viele Jahrzehnte vielleicht vergehen mochten, ehe die ganze Erde vom Feuer ergriffen . . . einmal mußte der Tag kommen, wo keines Menschen Fuß mehr auf ihr weilen konnte.

Daß die Venus vorläufig die einzige Zuflucht, stand außer Zweifel. Wer ihr Herr? Wer hatte die Macht, das Recht, den besten Teil als Beute zu beanspruchen?

Die allgemeine Meinung hatte sich bisher stets auf die Seite der südamerikanischen Union über das ganze Land verteilt! . . . Die Niederlage der nordamerikanischen Union . . . man hatte sie ihr gegönnt.

Doch jetzt, wo die Gefahr des Weltbrandes . . . des Zwanges für die Menschheit, nach neuen Stätten zu suchen, so klar, so dringend vor Augen geführt wurde . . . jetzt erhoben sich immer mehr Stimmen, die eine Konferenz der Weltstaaten befürworteten und eine gerechte, den bisherigen Wohnstätten der Menschheit entsprechende Siedlungsmöglichkeit verlangten.

Inzwischen schien sich hinter den Kulissen ein lebhaftes Diplomatenspiel zu entwickeln. Man erfuhr, daß die Geschäftsträger der beiden großen amerikanischen Staatengruppen häufige Besuche in den betreffenden auswärtigen Ämtern machten. Ersah auch aus der immer heftiger werdenden Sprache der offiziösen Blätter, daß die Lage sich bedrohlich zuspitzte. Die nordamerikanische Union schien gewillt, ihre Aspirationen auf jenen Nova America getauften Venusteil erneut mit allen Kräften durchzusetzen. Zum wenigsten, was den nördlichen Teil von Nova America betraf. Überängstliche Gemüter sahen schon in jeder harmlosen Truppenverlegung die ersten Schritte der militärischen Mobilisation.

Der schnelle Start der »Buena Vista« hatte in der nordamerikanischen Union ungemein verblüfft. Gewiß wurden die Besitzverhältnisse des neuentdeckten Landes nicht auf der Venus selbst entschieden, doch sah man der Verstärkung der südamerikanischen Expedition durch die Mannschaft der »Buena Vista« . . . es hieß, Serrato sei mit ausgewählten Leuten und stärkster Bewaffnung geflogen . . . mit steigender Erregung zu. Vergeblich suchte man die nordamerikanische Regierung darüber auszuholen, welche Instruktionen Canning nachgesandt wären.

*

Da lag es vor ihnen, Nova America! Der dichte Wolkenhimmel, wie zu ihrer Begrüßung von freundlicher Hand weggewischt, gestattete dem Auge ein umfassendes Bild des neuen Landes.

Aus dem breiten Silbergürtel der Meere hob sich, von den Sonnenstrahlen überflutet, in zauberischer Schönheit der paradiesische Boden. Wechselnd Wälder und Grasflächen, von unzähligen Flußläufen durchzogen. Der leichtgewellte Boden nur an den Meridianalpen zu höheren Höhen emporsteigend.

Da das Uranidenlager! Deutlich hob sich das, ach nur so bekannte, Bild ab. Schon sah man die beiden Raumschiffe, das große Raumschiff der Uraniden. – – –

Auch Oberst Robartson stimmte in das jubelnde Hurra der Gefährten Lees mit ein, die der aufsetzenden »Buena Vista« die Hände entgegenstreckten . . .

Die Türen öffneten sich. Heraus kamen die Freunde. Umarmen . . . Jauchzen . . . das plötzlich verstummte, als eine Stimme fragend rief:

»Wo ist Ronald Lee?«

Sekundenlang das Schweigen und doch eine Ewigkeit für die aus der »Buena Vista«.

»Ronald! Mein Bruder! Wo ist er?« Die Stimme Violets unterbrach die lastende Stille.

»Ein kleiner Unfall, Señor van der Meulen.« Hierra trat auf den zu, griff ihn am Arm. »Ich werde Sie zu ihm führen. Vielleicht, daß er morgen schon wieder wohlauf.«

»Seien Sie ruhig, Señoritas!« Professor Royas trat zu den beiden Mädchen, die erschreckt . . . bestürzt aneinanderdrängten. »Er schläft. Versprechen Sie mir, ruhig zu bleiben. Wir werden zu ihm gehen.«

Im Weiterschreiten machte Hierra van der Meulen auf Oberst Robartson aufmerksam, rief ihn heran.

»Oberst Robartson, der uns bei der Suche nach Lee tatkräftige Hilfe geleistet und auch sonst redlich bemüht gewesen ist, die Kluft zwischen den Parteien nach Möglichkeit zu überbrücken.«

Van der Meulen drückte ihm stumm die Hand, begrüßte Ricardo und dessen Brüder. Ihnen in erster Linie war es ja zu verdanken, daß man den Verwundeten so schnell gefunden hatte.

Und dann standen sie an dem Lager Lees im Zelte der Uraniden. Noch ehe sich ihre Augen an das Halbdunkel im Zelt gewöhnt, klang ihnen von dem Lager im Hintergrunde die Stimme Lees entgegen.

»Hortense! Violet!«

Die in der Überraschung . . . in der Freude: »Ronald!«

Gleichzeitig der Schrei. Sie eilten zu ihm . . . die anderen . . . ihre Augen hingen in freudiger Rührung an dem Bild, das das Dunkel des Raumes wie hinter einem leisen Schleier verbarg. Sie sahen nur zwei Frauenköpfe, die sich über ihn beugten. Sie hörten wirre Worte der Freude, des Glückes . . . Küsse, die von stammelnden Lippen fielen . . .

Bis van der Meulens Stimme den Zauber des Augenblicks brach.

»Guten Tag, Ronald Lee! Was die Radiowellen Ihnen nur unvollkommen sagen konnten, von Mund zu Mund will ich's Ihnen wiederholen. Ihnen danken für all das Große, was Sie geleistet, für uns getan . . .

Ihr Unfall . . . Gott sei Dank, ich sehe, es steht gut mit Ihnen.«

Irgendeiner schaltete das Licht ein. Lee hatte sich aufgerichtet, von Violets und Hortenses Armen gehalten. Alle die neu Angekommenen traten zu ihm heran, reichten ihm die Hand. Van der Meulen hielt sie so fest, als wolle er sie gar nicht wieder loslassen.

»Ronald Lee!« Immer wieder kamen die Worte von seinen Lippen. »Ronald Lee, Dank! . . . Dank für alles, was Sie getan!«

Serrato hatte sich währenddessen mit Professor Royas besprochen. Sie traten jetzt an Lee heran.

»Fühlen Sie sich kräftig genug, Mr. Lee, uns jetzt eine kurze Aufklärung zu geben, wie Ihnen der Unfall zustieß? . . . Fast drängt sich die Vermutung auf, daß . . . doch nein! . . . Erst mögen Sie Ihre Wahrnehmungen schildern.«

Lee sann einen Augenblick, als hätten die Worte Serratos seine Gedanken auf einem Weg weitergeführt, den zu gehen er sich immer gescheut hatte.

»Sie wissen,« begann er, »daß ich mit Ricardo Stamford in der Richtung nach Südosten ging, um, dem Lauf des kleinen Flüßchens folgend, die Umgebung zu durchsuchen. Wir trennten uns an der Feuerstelle, die Don Ricardo gefunden hatte. Weiterwandernd glaubte ich über dem Höhenrücken im Osten eine leichte Rauchsäule zu sehen. Ich schritt darauf zu, doch als ich näher kam, war sie verschwunden. Ich ging dann, da es dunkel zu werden drohte, in weitem Bogen auf unser Lager zurück. Auf einer kleinen Höhe hielt ich Umschau. Da traf mich etwas an der Stirn. Ich verlor das Bewußtsein, fiel zu Boden. Im Sturze glaubte ich noch den Knall eines Schusses zu hören. Ich mag mich auch getäuscht haben . . . muß mich auch wohl getäuscht haben, denn wer sollte . . .«

»Und wenn Sie glauben, Mr. Lee, Sie hätten sich getäuscht,« unterbrach ihn Professor Royas, »könnten Sie eine andere Ursache für Ihre Verletzung angeben?«

Lee schüttelte den Kopf. »Es könnte sein, daß ein Ast gestürzt . . . mich getroffen . . . ich wüßte sonst keine andere Möglichkeit,«

Royas nickte zögernd. »Ganz ausgeschlossen wäre das nicht. Die Art Ihrer Wunde . . . ich sah's beim Wechseln des Verbandes, läßt die Möglichkeit zu . . . immerhin . . .«

»Könnten Sie sich erinnern, Mr. Lee, zu welcher Zeit Ihnen das wohl zustieß?« wandte sich Oberst Robartson an Lee.

Lee sah Robartson aufmerksam an. »Genau kann ich's nicht sagen. Ich kann nur nach dem Stand der Sonne urteilen. Es kann wohl die sechste Nachmittagsstunde gewesen sein.«

»Gut, Mr. Lee! Ihre Worte geben mir eine gewisse Erleichterung. Ich weiß genau, daß zu Anfang der siebenten Nachmittagsstunde in unserem Lager alles versammelt war. Ich lege Wert auf diese Feststellung, um nicht den Gedanken aufkommen zu lassen, irgend jemand unserer Expedition könnte mit dem Unglücksfall in Verbindung gebracht werden.« – – –

War's die Freude des Wiedersehens, war's Gleichgültigkeit . . . Lee zeigte wenig Lust, das Gespräch in dieser Richtung fortzusetzen. Er wandte sich zu Hortense, Violet, van der Meulen.

Eine Menge Fragen, die jeder auf dem Herzen hatte. Die anderen, einer nach dem anderen, zogen sich aus dem Zelt zurück. Bis Professor Royas sein energisches Veto einlegte, saßen die vier Glücklichen zusammen.

»Schlaf das beste Mittel, Mr. van der Meulen. Lassen wir ihn jetzt ruhen. Will's Gott, wird ihn der morgige Tag frisch und munter sehen. Vielleicht, daß er sogar aufstehen kann. Die Verwundung ist ohne Bedeutung. Der Knochen kaum verletzt. Nur der starke Blutverlust hat ihn so geschwächt.«

Sie traten beide vor das Zelt. »Allerdings, Mr. van der Meulen . . . ich wollte das nicht in Gegenwart der jungen Damen sagen . . . Wäre nicht rechtzeitig Hilfe hinzugekommen, würde er sich vielleicht verblutet haben. Die Stirnschlagader ist verletzt.«

»Und wie erklären Sie diese, ich möchte sagen, unglaubliche Tatsache, die den Vorfall noch rätselhafter macht, daß irgend jemand . . . ein Fremder . . . dazugekommen ist, ihn verbunden und gepflegt hat?«

»Von den vielen Rätseln, die uns hier oben schon begegnet sind, ist das das größte. Die Häufung der Ereignisse hat mir noch nicht Zeit gelassen, viel darüber zu grübeln. Und doch ist es natürlich von der größten Wichtigkeit, zu wissen, wer das gewesen ist. Doch wer es auch sei, wenn er sich im Verborgenen halten will, ist es unnütz, nach ihm zu suchen. In diesen riesigen unbekannten Gebieten ist ein Forschen aussichtslos.« – – –

Die Mitternachtsstunde war gekommen. Hortense und Violet saßen am Lager Lees, wachten über seinen Schlaf. Professor Royas und van der Meulen, die eine lange Besprechung mit Admiral Serrato gehabt hatten, traten ein. Professor Royas ging an das Lager Lees heran. Die leichte Fieberröte machte ihm im stillen etwas Besorgnis. Er wollte ihm einen kühlen Trank einflößen, da schlug Lee die Augen auf. Mit Mühe schien er die, die um ihn saßen, zu erkennen.

Royas reichte ihm das Glas. Er trank es gierig leer. Sein Blick wurde klarer, er nickte allen freundlich zu, sank dann wieder zurück.

Im Glauben, Lee, der völlig wach, eine angenehme, belebende Nachricht zu geben, begann van der Meulen zu erzählen . . . von dem ungeheuren Aufsehen, das Lees Fahrt auf der Erde gemacht . . . von dem großen Rätselraten über den Verbleib der Hinterlassenschaft der Uraniden . . .

Lee nickte lächelnd. Dann plötzlich krauste sich seine Stirn . . . Die Augenlider zogen sich zusammen. Man sah, er dachte angestrengt über etwas nach. Dann begann er zu sprechen.

»Uraniden . . . das Rätsel ihres Endes . . . ich weiß alles . . . einer hat es mir gesagt, hat mir alles erzählt . . .«

Alle Blicke gingen zu Royas, sahen den ängstlich forschend an. Lee schien in starkem Fiebertraum zu sprechen. Der griff seinen Puls, schüttelte den Kopf. Seine Mienen deuteten an, daß das Fieber nicht gestiegen. Lee sprach weiter.

». . . Als ich da lag, wo man mich fand . . . in der Nacht . . . die Kühle der Nachtluft hatte mich erweckt . . . ich habe es nicht geträumt . . . ein Mann kniete neben mir. Er reichte mir die Arznei, legte die Hand auf meine Stirn, sprach zu mir. Er wußte, wer ich war. Wußte von dem Schicksal unserer Fahrt . . . wußte auch von den anderen . . .

Dein Suchen ist vergeblich . . . Du suchst die Uraniden . . . suchst ihren Schatz . . . die Welt . . . einmal schon lohnte sie ein großes Geschenk der Natur mit Undank. Verwandelte in Fluch, was zum Segen bestimmt war. Der Uranidenhort in Menschenhand . . . das Unheil wäre noch größer geworden . . .

Ein anderer hat ihn gehoben. Er ist unerreichbar für dich . . . für euch alle. Einer Menschheit, die würdiger ist als ihre Vorfahren, wird einst in eigener Arbeit das hohe Ziel zufallen. Und daß du nie zweifelst an dem, was dein Ohr gehört, wird dein Auge schauen, was geschehen.

Da stand plötzlich das Lager der Uraniden vor meinen Blicken. Vor dem Zelt, in dem ich hier liege, eine Ruhebank. Darauf ein Mann. Seine Züge, sein Bild . . . ich sah es schon, als wir in der Schlucht das zwölfte Grab öffneten . . . der lebte noch. Doch lagen schon die Todesschatten auf seinen Zügen . . .

Aus dem Äther senkt sich ein Schiff wie unseres. Landet neben dem Uranidenschiff. Zwei Männer steigen heraus, gehen auf das Zelt zu.

Der da liegt, richtet sich auf. Seine Arme strecken sich denen entgegen. Von seinen Lippen fließen Worte. Die Männer legen ihn sanft zurück. Der eine öffnet ein Buch . . . schreibt . . . Der Uranide nickt, lächelt . . . er verlangt das Buch. Mit müder Hand schreibt auch er . . . die beiden anderen nicken. Sie verstehen, was ihre Herzen sich sagen wollen.

Der Kranke deutet auf ein Tischchen, worauf ein schöner Apfel liegt. Seine Mienen drücken Abscheu, Furcht aus. Warnend hebt er die Hand . . . Der eine der beiden zieht ein Fläschchen aus seiner Tasche, will dem Kranken davon einflößen. Der winkt traurig ab. Er will sagen, daß nichts ihn retten könne . . .

Der andere ist indessen zu dem Tisch gegangen, hebt den Apfel auf, betrachtet ihn lange. Dann legt er ihn wieder hin, deckt ein Glas darüber. Taucht den Finger in eine Flüssigkeit, macht ein Kreuz auf das Glas.

Der Kranke greift in sein Gewand. Entnimmt einem Kästchen ein paar Pillen, führt sie zum Munde . . . Eine kleine Weile . . . seine Züge beleben sich. Das Auge wird heller, klarer. Sein Arm deutet auf das Uranidenschiff, auf die Gegenstände, die außerhalb des Schiffes lagern . . .

Die beiden verstehen seinen Wunsch. Sie gehen in das Schiff, bringen daraus viele Dinge. Ihre Mienen deuten an, sie wissen nicht den Zweck . . . den Gebrauch . . .

Der Kranke nimmt das Buch . . . schreibt . . . die beiden verstehen.

Jetzt kommt der eine der beiden, bringt ein großes Buch. Die Augen des Uraniden leuchten bei seinem Anblick. Ein kostbarer Schatz muß es sein . . .

Wieder beginnt er zu schreiben. Die beiden Fremden, über ihn gebeugt mit glänzenden Blicken . . . die Mienen aufs äußerste gespannt, verfolgen sie die Erklärungen des Uraniden . . . doch das Buch ist groß . . . umfangreich sein Inhalt.

Die Mittagsstunde kommt heran. Immer wieder bedarf der Kranke der Arznei. Endlich . . . schon neigt sich die Sonne zum Untergang . . . die Kraft des Kranken erschöpft. Er schließt die Augen . . .

Da, als die Sonne eben noch ihre letzten Strahlen über den Horizont sendet, wacht er noch einmal auf. Seine Hand deutet mit schwacher Gebärde zu der Schlucht. Sie sinkt zurück . . . streckt sich noch einmal den Ankömmlingen entgegen, drückt deren Hände . . . dann fällt sie matt zur Seite . . . der Sonnenball taucht in die Fluten des Westmeeres unter . . . da kommt der letzte Hauch von seinen Lippen. Er ist tot.

Der nächste Tag . . . wieder steht die Sonne am Himmel. Das Lager vor dem Zelt ist leer. Die beiden Fremden kommen von der Schlucht hergeschritten. Ihr Schiff erhebt sich, fährt fort nach Osten . . . der Sonne zu . . .«

Lee schwieg. Mit verhaltenem Atem warteten alle darauf, daß er weitersprechen würde. Doch nicht lange, dann verrieten seine tiefen Atemzüge, daß er eingeschlafen.

Hortenses Hand glitt sanft über sein Gesicht. Sie nickte stumm, erhob sich dann, stand einen Augenblick sinnend da, die Augen wie in weite Fernen gerichtet. Ihre Lippen flüsterten leise: »Ja! Alles, was er sagte, war kein Traum. So war es. Unser Suchen ist vergeblich. Größere, Stärkere waren vor uns hier. Von der Erde sind sie gekommen. Das Kreuz, das Symbol des Todes für die Erdenmenschen, sagt es. Sie haben den Hort gehoben.«

 

* * *

 

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.