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Das Elfenbeinkind

Henry Rider Haggard: Das Elfenbeinkind - Kapitel 9
Quellenangabe
authorHenry Rider Haggard
titleDas Elfenbeinkind
publisherVerlag Martin Maschler
yearo.J.
translatorArthur Heye
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170210
projectid318bbeb0
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9. Kapitel
Allan wird gefangen

Die Attacke, die wir jetzt ritten, war aufregend und wundervoll. Die Kamele schienen trotz der langen Reise, die sie hinter sich hatten, etwas von der Begeisterung der Streitrosse des Buches Hiob geerbt zu haben, denn sie stürmten mit der Geschwindigkeit eines Eisenbahnzuges vorwärts. Wir fegten in musterhafter Ordnung über den Hügel. Ein Wald von langen Speeren funkelte über uns, und die kleinen Fähnchen an den Lanzen flatterten kampfesfreudig und herausfordernd. Schweigend rasten wir vorwärts. Nur das Poltern der Kamelhufe war zu hören und gelegentlich ein ärgerliches Gekreisch, wenn ein Reiter seinem Tier den Lanzenschaft zwischen die Rippen stieß. Im Moment aber, da der Kampf tatsächlich begann, stieg ein mächtiger Aufschrei wie aus einer einzigen Kehle zum Himmel empor:

»Das Kind! Tod dem Jana! Das Kind! Das Kind!«

Das geschah ein paar Minuten später. Wir waren unterdessen an den Feind herangekommen. Seine Fußsoldaten hatten sich in gedrängter Masse, sechs oder acht Glieder tief, im Zentrum formiert. Wie eine Mauer standen sie da in Erwartung unseres Angriffs, oder vielmehr, alle standen nicht. Die beiden vordersten Reihen knieten mit ausgestreckten Speeren. Als Flankendeckung, und zwar in einer Entfernung von ungefähr einer Viertelmeile, waren die Reiter der schwarzen Kendah postiert, in zwei Kolonnen von ungefähr gleicher Stärke geteilt und zusammen etwa hundert Mann stark.

Unmittelbar vor dem Zusammenstoß bog sich unser Dreieck ein wenig auseinander. Das war ein bewunderungswürdiges Manöver. Denn vorwärts stürmend bekamen wir die Fußtruppen dadurch in der Flanke zu fassen und rollten sie auf. Sie hatten gegen die Kamelreiter gerade so viel Aussichten wie ein Papierschirm gegen einen Taifun. Sie purzelten haufenweise übereinander, und die weißen Kendah spießten sie auf ihre Lanzen auf.

»Mir scheint, das Kind gewinnt das Rennen! Ich setze mein Geld auf das Kind«, dachte ich hingerissen und begeistert. Doch der Jubel war verfrüht. Diese schwarzen Kendah waren durchaus nicht erledigt. Denn mit einem Male sah ich ganze Trupps von ihnen zwischen den Kamelen auftauchen und die Tiere mit Speeren und Messern niederstechen. Auch ihre Reiterei griff jetzt ein. Nachdem unser Angriff zum Stocken gekommen war, stürzten Schwärme von kleinen Pferden über unsere Flanken her. Wir machten Front gegen sie und taten unser Bestes. Aber unsere beiden Flügel wurden mitten entzweigeschnitten, glatt über den Haufen gerannt, und es war ein Glück für uns, daß eben die unerhörte Wucht und Geschwindigkeit ihres Angriffs die schwarzen Kendah um die Früchte ihres Sieges brachte. Denn der Sturmangriff der beiden Schwadronen endete damit, daß sie ihre Pferde zum Stehen brachten, aufeinander prallten und, in ein wüstes Knäuel verwickelt, sich mitten zwischen uns am Boden wälzten. Im Moment hatten wir unsere Kamele herumgeworfen und fielen nun unsererseits über die durcheinanderwogende Masse her. Nach ein paar Minuten waren die meisten unserer Feinde gespeert und niedergetrampelt.

Ich sagte »wir«. Doch das war nicht richtig. Wenigstens was Mârut, Hans, mich selbst und noch etwa fünfzehn andere Kamelreiter betraf. Wie es geschah, weiß ich nicht. Aber auf einmal sahen wir uns von unserer Hauptmacht abgeschnitten und von Reitern der schwarzen Kendah umringt, die wütende Attacken gegen uns ritten. Wir wehrten uns mit dem Mute der Verzweiflung, aber unsere Kamele scheuten und verendeten unter den Speerstößen des Feindes – nur ein einziges, und zwar merkwürdigerweise Hansens Kamel, trug nicht eine einzige Verwundung davon –, wir übrigen wurden abgeworfen und setzten den Kampf, gedeckt von den Leibern der sich im Sande wälzenden Kamele, fort.

Bis zu diesem Augenblick hatte ich noch keinen Schuß abgefeuert. Jetzt allerdings war die Lage kritisch, und ich mußte um mein Leben kämpfen. Gegen mein Kamel gelehnt, das im Sterben den Kopf konvulsivisch auf den Boden schlug und grauenhaft stöhnte, leerte ich die Kammer des Repetiergewehrs mit dem Resultat, daß zwei Minuten später fünf reiterlose Pferde in die Steppe jagten.

Der Eindruck auf die anderen war ungeheuer. Augenscheinlich hatten unsere Angreifer noch niemals eine Feuerwaffe gesehen. Sie zogen sich entsetzt zurück und ließen uns für eine Weile in Ruhe. So hatte ich Gelegenheit, neu zu laden. Dann kamen sie wieder angestürmt, und die Dinge entwickelten sich in gleicher Weise. Wieder flogen fünf Mann aus den Sätteln, wieder zogen sie sich zurück. Jetzt berieten sie aufgeregt gestikulierend und stürmten zu einer dritten Attacke vor. Nochmals empfing ich sie nach besten Kräften. Aber diesmal fielen nur drei Mann und ein Pferd. Der fünfte Schuß ging glatt vorbei; denn sie kamen in solch gedrängtem Haufen, daß ich, um zum Schuß zu kommen, hin und her springen mußte.

Damit war das Spiel aus. Aus einem einfachen Grunde. Die Patronen waren mir ausgegangen. Allerdings hatte ich noch zwei Schuß in meiner doppelläufigen Pistole. Und jetzt kamen die Feinde zum viertenmal, doch diesmal in langsamerem Tempo. Unser Kamelreiterkorps war auf und davon gegangen. Es hatte sich wie ein Sichelwagen einen Weg durch die schwarzen Kendah gebahnt und stob jetzt in Karriere über die Steppe, die Packtiere in der Mitte, ohne von den Schwarzen verfolgt zu werden. Diese waren damit beschäftigt, unsere Verwundeten zu töten, ihre eigenen zu verbinden und wegzutransportieren und die Toten zu plündern. Kurz gesagt, die Unsrigen hatten uns, wenn auch vielleicht ganz unbeabsichtigt, im Stich gelassen.

Mârut trat dicht an mich heran, unverwundet, einen blutigen Speer in der Hand und auch jetzt noch sein ewiges Lächeln im Gesicht.

»Lord Macumazana,« sagte er, »mit uns ist's vorbei. Das Kind hat wohl die andern gerettet. Uns aber hat es verlassen. Was willst du jetzt tun? Dich selbst töten? Oder, wenn du's nicht tun willst, willst du es mir erlauben, dich zu töten? Oder willst du weiterschießen, bis du zur Ergebung gezwungen wirst?«

»Ich habe nichts, um damit weiter zu schießen,« antwortete ich, »aber wenn wir uns ergeben, was geschieht dann mit uns?«

»Wir werden nach Simbas Stadt gebracht und dort dem Teufel Jana geopfert – ich habe keine Zeit, dir zu sagen wie –, deshalb ziehe ich es vor, mich selbst zu töten.«

»Du bist töricht, Mârut. Wenn wir tot sind, sind wir für immer tot. Solange wir dagegen leben, besteht immer noch eine Möglichkeit, dem freundlichen Jana zu entgehen. Und für den allerärgsten Fall, für die allerletzte Sekunde habe ich hier eine Pistole mit zwei Kugeln, eine für dich, eine für mich.«

»Die Weisheit des Kindes ist in dir«, antwortete er. »Ich werde mich mit dir zusammen ergeben, Macumazana, und die Gelegenheit abwarten.«

Dann ging er zu seinen Leuten und erklärte ihnen, wie die Dinge ständen. Einen Augenblick lang sprachen sie alle gleichzeitig hastig aufeinander ein. Dann sonderten sich drei von ihnen aus irgendeinem Grunde ab und traten zu uns. Die andern gingen den sich jetzt nähernden Schwarzen mit demütig gesenkten Köpfen entgegen und taten so, als wollten sie sich ergeben. Etliche der Schwarzen stiegen von den Pferden, um sie zu fesseln – aber im gleichen Augenblick stürzten die weißen Kendah mit dem gellenden Schrei: »Das Kind!« wie Löwen auf die Schwarzen und mähten mit ihren Speeren und Messern zahllose der auf so etwas nicht vorbereiteten Feinde nieder. Über einem Haufen schwerverwundeter und toter Schwarzer brach schließlich der letzte unserer weißen Kendah unter den Speerstößen der erbitterten Feinde zusammen.

»Brave Leute!« sagte Mârut in ruhigem Ton, »nun, die sind jetzt schon in Frieden mit dem Kinde. Wir werden ihnen ohne Zweifel bald Gesellschaft leisten.«

Der wilde und tückische Angriff jener Verzweifelten war den Feinden teuer zu stehen gekommen. Rasend vor Wut drangen sie jetzt auf uns ein. Der ganze Haufen stürzte über uns her – und wir waren nur noch sechs Mann. »Jana! Jana!« brüllten ihre vor Wut und Blutgier weit aufgerissenen Münder – ich war auf das Letzte gefaßt. Da fiel hinter mir ein Schuß, und der Anführer der Schwarzen, ein alter Bursche mit grauem Wollbart und einem Gewirr funkelnder Silberketten auf der Brust, warf die Arme auseinander, ließ den Speer fallen, schlug vom Pferde herunter und war augenscheinlich tot. Ich warf einen Blick nach rückwärts. Hans, die Maiskolbenpfeife zwischen den Lippen und das kleine Gewehr »Intombi« an der Schulter, hockte vergnügt auf seinem Kamel. Er hatte vom Rücken des Tieres herabgeschossen, ich glaube zum erstenmal an jenem Tage. Und er hatte, sei es durch Zufall, sei es durch ausnahmsweise gutes Zielen, den Anführer getötet.

Sein plötzliches und unerwartetes Ende schien die Kendah schmerzlich zu bewegen. Unentschlossen hielten sie inne. Der Angriff kam zum Stehen. Sie umdrängten den Gefallenen. Ein wild aussehender Mann mit auffallend viel Silberschmuck auf dem Körper sprang vom Pferde, um den Gefallenen zu untersuchen.

»Das ist König Simba,« sagte Mârut, »und der Getötete ist sein Onkel Goru; der Hauptanführer der schwarzen Kendah.«

»Ich wünschte schon, ich hätte noch eine Patrone für den Neffen übrig«, antwortete ich, und dann rief Hans mir von seinem Kamel herab zu:

»Lebewohl, Baas, ich muß fliehen; ich kann ›Intombi‹ auf dem Rücken dieses störrischen Ziegenbockes nicht laden.«

Bevor ich noch eine Antwort herausbringen konnte, hatte er sein Kamel schon herumgezerrt und trieb es durch Schläge und Stöße des Gewehrkolbens zu einem unregelmäßigen, aber fördernden Galopp an. Nach einigen Sekunden war er, nur noch ab und zu wie ein hüpfender Affe über den Spitzen des hohen Grases auftauchend, in der Steppe verschwunden.

Ich weiß nicht, ob die Schwarzen sein Verschwinden überhaupt bemerkten, sie waren alle miteinander mit ihrem toten General beschäftigt.

Nach einer heftigen Debatte und vielem Gestikulieren schritt ein einzelner Mann aus ihrem Haufen heraus auf uns zu. Wieder trug er eine weiße Flagge in der Hand. Daraufhin legte ich meine Büchse auf den Boden, zum Zeichen, daß auch ich bereit wäre, zu verhandeln. Daß ich gar nicht schießen konnte, weil ich keine Patronen mehr hatte, konnte er ja nicht wissen. Er kam bis auf wenige Meter heran und begann, zu Mârut gewendet:

»O zweiter Prophet des Kindes, dieses sind die Worte Simbas, des Königs: Ergebt euch, und ich schwöre, daß kein Speer durch eure Herzen getrieben wird und kein Messer euren Kehlen nahe kommt. Ihr sollt nach meiner Stadt gebracht und dort aufs beste gefüttert und als Gefangene gehalten werden, bis einmal wieder Frieden ist zwischen den schwarzen Kendah und den weißen. Wenn ihr euch weigert, dann werde ich euch umzingeln lassen, und ich werde mich auf euch werfen, wenn ihr schlaft oder schwach seid vor Hunger und Durst. Dies sind meine Worte, zu denen nichts hinzugefügt und von denen nichts hinweggenommen werden soll.«

Der Redner trat einige Meter zurück und wartete.

»Was willst du antworten, Lord Macumazana?« fragte Mârut.

Ich antwortete mit einer Gegenfrage: »Ist mit der Möglichkeit zu rechnen, daß wir von euren Leuten befreit werden?«

Er schüttelte den Kopf. »Nein. Was du heute gesehen hast, ist nur ein Bruchteil der Armee der schwarzen Kendah, ein Fuß- und ein Reiterregiment, die immer bereit stehen. Bis morgen werden Tausende unter die Waffen gerufen sein, viel mehr als wir jemals in offener Schlacht oder gar erst in ihren befestigten Plätzen zu besiegen imstande sind. Außerdem wird uns Hârut für tot halten. Rettet uns nicht das Kind selbst, sind wir unserem Schicksal verfallen.«

»Dann sitzen wir also tatsächlich in der Falle, Mârut, und tut der König, wie er sagt, fällt er bei Nacht über uns her, ist es mit uns allen aus. Außerdem habe ich schon jetzt Durst, und hier scheint es keinen Tropfen Wasser zu geben. Aber wird dieser König sein Wort halten? Gibt es nicht noch andere Wege, uns in die Gefilde des Todes zu schicken, als den der Gewalt?«

»Ich glaube, er hält sein Wort, aber er wird auch nicht mit sich handeln lassen. – Entscheide dich jetzt, denn siehe, sie fangen schon an, uns einzuschließen.«

»Was sagt ihr, Leute?« fragte ich unsere drei Genossen.

»Wir sagen, Lord, daß wir in der Hand des Kindes stehen. Aber trotzdem wünschten wir, wir wären mit unseren Brüdern gefallen«, antwortete ihr Sprecher mit fatalistischer Ruhe.

Ich wechselte noch ein paar Worte mit Mârut über die Modalitäten unserer Übergabe. Dann verbeugte sich dieser vor dem Parlamentär und sagte:

»Wir nehmen das Angebot Simbas an, trotzdem es für diesen weißen Herrn hier ein leichtes sein würde, den König dort, wo er steht, zu töten. Wir übergeben uns ihm als Gefangene auf seinen Eid hin, daß uns kein Leid geschieht. Wisse, daß in diesem Falle die Rache furchtbar sein würde. Zur Besiegelung des Paktes möge Simba herkommen und mit uns den Becher des Friedens trinken, denn uns dürstet.«

»Nicht so,« sagte der Bote, »dabei könnte jener weiße Herr den König mit seinem Rohre töten. Gib mir das Rohr, und Simba wird kommen.«

»Nimm es«, sagte ich, und ich übergab ihm die Büchse, die er mit äußerster Vorsicht anfaßte. Nichts ist weniger wert als ein Gewehr ohne Munition, dachte ich.

Das Gewehr in der ausgestreckten Hand und in tunlichstem Abstand tragend, entfernte sich der Herold des Friedens, und gleich darauf kam Simba selbst in Begleitung einiger Leute heran. Einer trug einen Wasserschlauch, ein anderer ein Trinkgefäß, aus dem Zahn eines Elefanten geschnitten. Dieser Simba war eine eindrucksvolle Erscheinung. Er trug einen großen Schnurrbart und an der Unterlippe ein kleines Bürstchen von Haaren wie ein Italiener. Seine Augen waren groß und dunkel, doch huschte hier und da ein unbestimmter Ausdruck von Tücke über sie hinweg. Er war nicht ganz so schwarz wie die meisten seines Gefolges; vielleicht hatte in früheren Generationen sich das Blut seines Geschlechts einmal mit dem der weißen Kendah gemischt. Er trug sein Haar lang, ohne Kopfbedeckung, nur durch ein schmales Goldband zusammengehalten. An seiner Stirn war eine große, weiße Narbe zu sehen, wohl eine Erinnerung an irgendeinen Kampf.

Er betrachtete mich eingehend und mit großer Neugierde, dann wandte er sich Mârut zu und sagte:

»Du, Prophet, mein Feind, hast die Bedingungen gehört und angenommen, die ich, Simba der König, gestellt habe. Ich wünsche kein Wort mehr darüber zu verlieren. Was ich versprochen habe, halte ich; was ich gebe, gebe ich, nicht mehr und nicht weniger, und sei es das Gewicht eines Haares.«

»So sei es, o König,« antwortete Mârut mit seinem verbindlichen Lächeln, »und bedenke, daß, wenn diese Bedingungen gebrochen werden, sei es im Wort, sei es im Geist – besonders im Geist! –, daß dann der vielfältige Fluch des Kindes auf dich und die Deinen fällt! Ja, und wenn du uns alle durch Verrat tötest, sein Fluch geht dennoch in Erfüllung!«

»Möge Jana das Kind und alle seine Anbeter zerstampfen«, rief der König offenkundig bestürzt aus.

»Einmal, o König, wird Jana das Kind und seine Anhänger vernichten – oder aber umgekehrt, das Kind Jana und alle Jana-Anbeter. Was geschehen wird, weiß nur das Kind allein – und vielleicht auch sein Prophet.«

»Ich komme, um den Becher des Friedens mit dir und dem weißen Herrn zu trinken, nachher mögen wir miteinander reden. Gib mir Wasser, Sklave.«

Ein Mann füllte den Elfenbeinbecher aus dem Ziegenschlauch mit Wasser. Simba nahm ihn, sprengte einige Tropfen auf den Boden und trank ein paar Schluck, wahrscheinlich um zu zeigen, daß das Wasser nicht vergiftet war. Ich beobachtete scharf seine Kehle, um zu sehen, ob er es auch wirklich hinunterschluckte. Dann übergab er mit einem kurzen Kopfnicken Mârut den Becher, der ihn mit einer tiefen Verbeugung an mich weitergab. Ich war so ausgetrocknet, daß ich gleich einen halben Liter auf einen Zug hinunterschüttete, und ich fühlte mich danach sofort wie neugeboren. Ich gab den Becher an Mârut zurück. Er trank den Rest aus. Dann wurde der Becher für unsere drei weißen Kendah gefüllt. Der König kostete wie zuvor, und Mârut und ich bekamen einen zweiten Becher. Als unser Durst gelöscht war, wurden Pferde herangeführt, fügsame kleine Tiere, mit Schaffellen statt der Sättel und mit Lederschlingen als Steigbügel. Wir stiegen auf, und drei Stunden lang ging es nun in scharfem Galopp über die Steppe. Eine starke Eskorte von Kendah umringte uns, und zur größeren Sicherheit lief noch ein mit einem kurzen Schwert bewaffneter Läufer uns zur Seite, der einen am Gebiß der Pferde befestigten langen Riemen in der Hand hielt. Unter diesen Umständen wäre jeder Versuch einer Flucht Wahnsinn gewesen.

Wir kamen an einigen Dörfern vorbei, wo Frauen und Kinder uns nachstarrten, dann führte die Straße quer durch mit Mais, Erdnüssen, Süßkartoffeln und anderen Feldfrüchten bebaute Felder, die alle kurz vor der Reife zu stehen schienen. Noch vor Ablauf der dritten Stunde erreichten wir einen großen Wald.

Gegen Abend erreichten wir eine große Lichtung von vielleicht vier oder fünf Meilen im Durchmesser.

Der Weg schlängelte sich nun durch die doppelt mannshohen Maisstauden hindurch. Und auf einmal standen wir vor dem breiten Wassergraben, der die Hauptstadt der schwarzen Kendah, Simba-Stadt, umgibt. Vier Brücken führten über den Graben, und durch ein verhältnismäßig schmales Tor in den starken Holzpalisaden gelangte man in die Stadt hinein.

Eine Torwache salutierte, dann nahm uns eine der Hauptstraßen auf. Die Häuser standen dichtgedrängt und zeigten – das fiel mir gleich auf – nicht die gewöhnliche Hüttenform der Negervölker, sondern sie waren aus Schlammziegeln errichtet und mit flachen Dächern aus einer Art Zement zugedeckt.

Jetzt standen dichtgedrängt Menschen auf den Dächern, uns mit großen Augen anstarrend. Sie mußten von der Schlacht und von den eigenen schweren Verlusten schon gehört haben; denn die Männer schüttelten drohend die Fäuste gegen uns, die Weiber kreischten Verwünschungen, und die Kinder steckten die Zungen heraus.

Nach etwa einer Viertelmeile stießen wir auf eine zweite Umzäunung aus Holzpalisaden und vor dieser noch auf eine Hecke aus grauweißen, mit langen Dornen bewehrten Büschen. Ein Tor tat sich auf und schloß sich wieder hinter uns; dann ging es durch gewundene, ebenfalls von Hecken eingefaßte Wege und nochmals durch mehrere Tore, und schließlich befanden wir uns auf einem mächtigen ovalen Platz, dem Marktplatz.

Eine hohe Umzäunung aus Schilf- und Binsengeflecht begrenzte das südliche Ende des Marktplatzes. Außerhalb dieser Umzäunung wurde uns bedeutet abzusteigen. Noch ein kleines Tor wurde passiert, und wir befanden uns einem großen Gebäude gegenüber, der königlichen Residenz, wie mir Mârut zuflüsterte. Dahinter lagen einige kleinere Häuser mit den Wohnungen der Königin und der Nebenfrauen. Rechts und links vom Hauptgebäude standen noch zwei andere fast gleich prächtige. In dem einen war die königliche Garde untergebracht, das andere war das Gästehaus, in das auch wir jetzt geführt wurden. Wir fanden hier eine ganz angenehme Unterkunft.

Die drei Kamelreiter wurden in einer der hinter dem Gästehaus liegenden Hütten einquartiert.

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