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Das Elfenbeinkind

Henry Rider Haggard: Das Elfenbeinkind - Kapitel 4
Quellenangabe
authorHenry Rider Haggard
titleDas Elfenbeinkind
publisherVerlag Martin Maschler
yearo.J.
translatorArthur Heye
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170210
projectid318bbeb0
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4. Kapitel
Hârut und Mârut

Nachdem Lord Ragnall seine Gäste alter Sitte gemäß bis zur Tür begleitet hatte, erschien Herr Wild in seiner geräuschlosen Art und erkundigte sich respektvoll bei Seiner Lordschaft, ob sich ein Herr mit dem Vornamen »Machdumalsahne« im Hause befände. Lord Ragnall sah ihn prüfend an, als hielte er ihn für betrunken, und fragte dann, was er mit dieser lächerlichen Frage meine.

»Ich meine, Mylord,« antwortete Herr Wild anscheinend tief gekränkt, »daß zwei ausländische Individuen in weißen Gewändern vor dem Tore stehen, die sofort einen Herrn Machdumalsahne sprechen wollen, der sich angeblich hier befindet. Ich sagte ihnen, sie sollten sich packen. Aber sie setzten sich daraufhin in den Schnee nieder und erklärten, auf Machdumalsahne warten zu wollen.«

»Täten Sie nicht vielleicht besser, sie in die alte Wachtstube einzuschließen, ihnen etwas zu essen zu geben und nach dem Polizisten zu schicken? Oder sind sie nur hinter Fasanen her?«

»Warten Sie einmal«, sagte ich; mir war eine Idee gekommen. »Die Botschaft könnte vielleicht für mich sein, trotzdem es mir rätselhaft ist, von wem sie ausgehen sollte. Jedenfalls nannten mich die Eingeborenen Macumazana, woraus Herr Wild möglicherweise ein Machdumalsahne gemacht hatte. Soll ich einmal gehen und mit den Leuten sprechen?«

»Ich würde das bei dieser Kälte lieber nicht tun, Herr Quatermain«, antwortete Lord Ragnall. »Haben die Leute gesagt, wer sie eigentlich sind, Wild?«

»Ich habe bald gemerkt, daß es Gaukler sind, Mylord. Wenigstens, als ich sie weggehen hieß, antwortete der eine: ›Sie werden gehen zuerst, meine Herr. Dann, Mylord, hörte ich plötzlich ein Zischen in meiner Rocktasche, und als ich hineingriff, hatte ich eine große Schlange in der Hand, die auf den Boden fiel und verschwand. Gelähmt stand ich da, Mylord, und noch während ich mich betrachtete, ob ich nicht vielleicht gebissen worden, sprang dem Küchenmädchen eine Maus aus dem Haar. Sie hatte zuerst über die Kleidung der Leute gelacht. Jetzt hat sie einen hysterischen Anfall.«

Der Anblick, den Wild bei seinem Bericht über diese ruchlosen Dinge bot, war so tragikomisch, daß wir beide, genau wie das Küchenmädchen, in ein schlecht angebrachtes Gelächter ausbrachen. Dadurch angelockt, kamen die Damen Holmes und Manners und noch einige andere Gäste herbei.

Lord Ragnall erklärte die Ursache, worauf Fräulein Holmes lebhaft ausrief:

»Gaukler!? Oh, laß sie hereinkommen, George.«

Die anderen, wohl durch die langweiligen Salongespräche ein wenig ermüdet, stimmten eifrig bei.

»Also gut, sie mögen heraufkommen,« sagte der Lord, »trotzdem wir schon so viel Mäuse hier haben, daß sie wirklich nicht noch mehr zu bringen brauchen. Wild, gehen Sie herunter, und sagen Sie Ihren beiden Freunden, daß Herr ›Machdumalsahne‹ hier auf sie wartet, und daß wir gern einige ihrer Gaukeleien sehen möchten.«

Wild verbeugte sich und ging, wie ein Held in den Tod, hinaus. An seiner Blässe war zu sehen, daß er mächtig Angst hatte. Wir machten einen Platz in der Mitte des Zimmers frei und stellten gegenüber Stühle für die Gesellschaft auf.

»Es sind ohne Zweifel indische Gaukler,« sagte Lord Ragnall, »die einen Mangobaum wachsen lassen können, wie ich es einmal in Kaschmir gesehen habe.«

Noch während er sprach, ging die Türe auf. Wild kam herein, und zwar viel schneller, als es sonst seine Art war. Ich bemerkte auch, daß er die Taschen seines Schwalbenschwanzrockes mit beiden Händen festhielt.

»Haarig und Maarig«, stellte Wild vor.

»Hârut und Mârut wird es wohl heißen«, sagte ich. »Ich glaube irgendwo gelesen zu haben, daß zwei große Magier so hießen. Diese Gaukler haben wohl deren Namen angenommen.« (Später habe ich herausgefunden, daß sie im Koran als Meister der schwarzen Kunst erwähnt werden.)

Einen Moment später erschienen zwei Männer in der Türe. Der erste war ein großer Orientale, der einen feierlich-ernsten Eindruck machte. Er hatte einen langen weißen Bart, eine krumme Nase und blitzende Falkenaugen. Der zweite war kleiner, von fast untersetzter Gestalt und viel jünger. Er hatte ein geniales Lächeln im Gesicht, perlschwarze kleine Augen und ging glatt rasiert. Beide waren von sehr heller Hautfarbe. Ich habe Italiener gesehen, die viel dunkler waren, und um ihre ganze Erscheinung lag eine gewisse Atmosphäre von innerer Größe.

Ich besann mich sofort auf die Geschichte, die mir Fräulein Holmes beim Essen erzählt hatte, blickte hin und sah, daß sie blaß geworden war und zitterte. Niemand sonst bemerkte es, denn alle starrten die beiden Fremdlinge an. Sie beherrschte sich auch sofort wieder und legte den Finger auf die Lippen zum Zeichen, daß ich schweigen sollte. Die fremden Männer waren in dicke, pelzbesetzte Mäntel gekleidet. Sie zogen diese jetzt aus und legten sie sorgsam gefaltet auf den Fußboden nieder. Darunter trugen sie schneeweiße Gewänder und große flache, ebenfalls weiße Turbane.

»Hochgestellte Somali-Araber«, dachte ich und konstatierte, daß sie noch während des Ausziehens jeden einzelnen von uns mit ihren beweglichen Augen eingehend gemustert hatten. Der eine von ihnen schloß jetzt die Türe, ließ aber dabei Wild im Zimmer, gleichsam als lege er Wert auf seine Anwesenheit. Dann kamen sie auf uns zu, einen eigenartig geformten Korb am Arme tragend, in denen sich wahrscheinlich ihre Gauklerrequisiten befanden und jedenfalls auch die Schlange, die Wild vorhin in seiner Tasche gefunden hatte. Zu meinem Erstaunen schritten sie direkt auf mich zu, hoben, nachdem sie die Körbe niedergesetzt hatten, die Arme hoch über die Köpfe empor und verbeugten sich, bis die Spitzen ihrer Finger den Fußboden berührten. Daraufhin redeten sie mich an. Aber nicht auf Arabisch, wie ich erwartet hatte, sondern in einem Bantudialekt, den ich vollkommen beherrsche.

»Ich, Hârut, Hohepriester und Zauberdoktor des Volkes der ›Weißen Kendah‹, grüße dich, o Macumazana«, sagte der ältere Mann.

»Ich, Mârut, Priester und Medizinmann vom Volke der ›Weißen Kendah‹, grüße dich, den Nächtlich-Wachsamen, den zu finden wir weit gereist sind«, sagte der jüngere Mann. Dann beide zusammen:

»Wir beide grüßen dich, o Herr, dich, der klein scheint, aber groß ist!

O Häuptling mit der Vergangenheit voll Herzeleid und der Zukunft voll Größe!

O Unheilkünder für böse Menschen und Bestien, der, wie unsere magische Kraft sagt, ausersehen ist, unser Land von einer schrecklichen Geißel zu befreien, wir grüßen dich, wir beugen uns vor dir, wir erkennen dich an als Herrn und Bruder, dem wir Sicherheit unter uns und in der Wüste geloben, dem wir eine reiche und große Belohnung versprechen.«

Wieder verbeugten sie sich, ein-, zwei-, dreimal; dann standen sie mit gekreuzten Armen schweigend vor mir.

»Was in aller Welt erzählen die?« fragte Scroope, der ein wenig Küchen-Zulu kannte. »Ich habe ein paar Worte aufgeschnappt, aber nicht viel.«

Ich erzählte es ihm in Kürze, während die anderen gespannt zuhörten.

Dann fuhr Hârut, zu mir gewendet, fort: »Ich komme hierher, um dich zu fragen, ob du meinem Volke einen Dienst leisten willst, für den du nicht ohne Belohnung bleiben sollst. Wir, die ›Weißen Kendah‹, das Volk des Kindes, stehen im Kriege mit den ›Schwarzen Kendah‹, unseren Untertanen, die zahlreicher sind als wir. Die ›Schwarzen Kendah‹ beten einen bösen Dämon als Gott an, dessen Geist von Anfang an in dem größten Elefanten der ganzen Welt gewohnt hat, einer Bestie, die niemand zu töten imstande ist, die aber selbst viele tötet und noch mehr verzaubert. Solange dieser Elefant, sein Name ist Jana, lebt, leben wir, das Volk des Kindes, in Furcht. Denn Tag für Tag wütet er unter uns. Wir haben erfahren – wie, tut nichts zur Sache –, daß du allein jenen Elefanten zu töten vermagst. Falls du kommen und ihn töten willst, wollen wir dir den Platz zeigen, den alle Elefanten aufsuchen, um zu sterben, und du sollst ihr Elfenbein nehmen, viele Wagenladungen, und reich werden. Du warst auf einer Reise und hast Stämme besucht, die Mazitu und Pongo heißen und auf einer Insel in einem See leben. Weit hinter den Pongo und jenseits einer Wüste wohnt mein Volk, die Kendah, in einem verborgenen Lande. Wenn du uns zu besuchen wünschst, was du tun wirst, reise zum Norden des Sees, wo die Pongo wohnen, und bleibe dort am Rande der Wüste, bis wir kommen. Nun höhne mich, wenn du magst, aber vergiß nicht: diese Ereignisse werden eintreten zu ihrer Zeit, obgleich diese Zeit noch fern sein mag. Falls wir uns für eine Weile nicht wiedersehen, vergiß es trotzdem nicht! Wenn du Gold brauchst oder Elfenbein, was ebensoviel wert ist wie Gold, dann wandere zum Norden jenes Sees, wo die Pongo wohnen, und rufe an die Namen von Hârut und Mârut.«

»Und rufe an die Namen von Hârut und Mârut«, wiederholte der jüngere Mann, der bis jetzt kein Interesse an unserem Gespräch genommen zu haben schien.

Ehe ich antworten konnte, ja, ehe ich die Sache überhaupt überdenken konnte – denn dieser ganze Hauch aus dem wildesten und geheimnisvollsten Afrika, der mich hier in einem Schlosse zu Essex umwehte, schien mir allzu plötzlich gekommen zu sein –, fuhr der merkwürdige Hârut in seinem Gauklergeplapper auf Englisch fort:

»Reich Damen und Herren wollen sehen Trick von armen, alten Zauberer aus Zentralafrika. Gut, wir zeigen sie, aber bitte bedenken, nichts Magie, alles ganz einfache Trick. Lehre es Ihnen, wenn Sie bezahlen. Bitte nicht hersehen zu stark, nicht sollen Sie lernen, wie es zu tun. Was Sie gern sehen? Baum wachsen heraus aus dem Nichts, eh? Gut! Bitte borgen mir jener Teller – wie heißen es – Porzellan.«

Dann begann die Vorstellung. Es war sehenswert, wie auf dem Porzellanteller, bedeckt von einer Art von haubenförmigem Schleier, eine kleine Dame in die Höhe schoß; eine Anzahl Stöckchen tanzten gleichzeitig auf dem Teller, ohne augenscheinlich berührt zu werden. Auf einen Pfiff von Mârut kroch eine Schlange aus der Tasche des schreckensbleichen Wild, der aus respektvoller Entfernung den Darbietungen zusah, hervor. Sie richtete sich auf dem Schwanze auf, fing Feuer, verbrannte zu Asche.

Die Schaustellung war sehr gut, aber ich nahm nicht viel Notiz von ihr, weil ich all den Kram schon gesehen hatte und von Gedanken in Anspruch genommen war, die Hâruts Worte in mir erweckt hatten. Schließlich machte das Paar, während die Zuschauer Beifall klatschten, eine Pause, und Mârut begann die Sachen einzupacken, als ob alles zu Ende wäre. Da bemerkte Hârut nebenbei:

»Der Herr Macumazana denken, das armselige Sachen, und er recht. Sehr armselige Sachen, jeder Gaukler viel bessere. Alles gewöhnliche Trick«, – hier fiel sein Auge auf Wild, der sich im Hintergrund unbehaglich hin und her wand. – »Was ist los mit dieser Herr? Bruder Mârut, geh sehen.«

Bruder Mârut ging und befreite Wild von zwei weiteren Schlangen, die von verschiedenen Teilen seines Anzugs Besitz ergriffen hatten. Ferner zum größten Gaudium aller von einer großen toten Ratte, die er ihm scheinbar aus dem wohlgeölten Haare zog.

»Ah!« sagte Hârut, als sein Verbündeter von dem in einem Stuhl zusammengebrochenen Wild mit der Beute zurückkam. »Schlange sehr lieben jenen Herrn, er viel Geld machen in Afrika. Nun, er halten Ratte in Haar; hungrig Schlange immer wollen Ratte. Aber, wie ich sagen, dies armselige Sachen. Nun du gern sehen bessere, eh? Elefant Jana, wir wollen du tötest, eh? Gerade wie er aussehen diese Minute?«

»Ja, das allerdings«, sagte ich. »Nur, wie willst du mir das zeigen?«

»Das ganz leicht, Macumazana. Du nur rauchen bißchen Kendahtabak, und du sehen viele Dinge, wenn du haben Gabe, wie ich denke du haben, und, wie ich ganz sicher, jene Dame hat«, und er zeigte auf Fräulein Holmes. »Manchmal diese Dinge wollen, daß Leute sollen sehen, und manchmal diese Dinge nicht wollen, daß Leute sollen sehen.«

»Dakka«, sagte ich verächtlich, an den indischen Hanf denkend, mit dem sich die Eingeborenen in weiten Distrikten Afrikas betrunken machen.

»O nein, nicht Dakka! Das gewöhnliche Zeug; dieser Tabak viel besser als Dakka, wachsen nur in Kendahland. Du denken, alles Unsinn? Gut, du sehen. Geben mir Zündholz, bitte.«

Dann sahen wir zu, wie er ein wenig Tabak, wenigstens sah es aus wie Tabak, in eine hölzerne Schüssel tat, die er aus seinem Korb holte. Darauf sagte er etwas zu seinem Begleiter Mârut, der eine aus einem dicken Rohr geschnitzte Flöte aus seinem Gewand zog und eine wilde und melancholische Musik zu machen begann. Die Töne erregten in mir ein Gefühl, als ob ich auf großer Höhe stünde. Nach einer Weile stimmte Hârut einen tiefen Gesang an, der sich mit der Flötenmusik hob und senkte. Ich konnte nicht ein Wort davon verstehen. Die Töne des eigenartigen Duetts verklangen. Hârut zündete ein Streichholz an, ein Vorgang, der inmitten dieser feierlich – geheimnisvollen Zeremonie ernüchternd wirkte. Dann nahm er ein paar Fasern des Krautes, brannte sie an und ließ sie in die Schale fallen. Ein fahler, blauer Rauch stieg empor und mit ihm ein sehr süßer Duft.

»Nun du atme Rauch, Macumazana,« sagte er, »und sagen uns, was du sehen. Oh! Keine Angst, das nichts schaden dir. Gerade wie Zigarette. Sieh«, und er zog etwas von dem Rauche ein und blies ihn durch die Nase wieder aus. Mir schien, als verändere sich sein Gesicht, doch konnte ich nicht erklären, worin diese Veränderung bestand.

Ich zögerte, bis Scroope sagte:

»Los, Allan, drücken Sie sich nicht von diesem zentralafrikanischen Abenteuer. Wenn Sie nichts dagegen haben, will ich es versuchen.«

»Nein,« sagte Hârut brüsk, »du nicht gut.«

Da überkam mich die Neugierde und vielleicht auch die Befürchtung, ausgelacht zu werden. Ich nahm die Schale und hielt sie unter meine Nase, während Hârut mir die Schleierhaube über den Kopf warf, die er beim Mangotrik verwendet hatte.

Zuerst war der Rauch unangenehm, aber gerade als ich schon die Schale wegstellen wollte, wurde er angenehmer und schien bis in die letzten Fasern meines Leibes einzudringen. Der Rauch schien den Geist in Flammen zu setzen und alle Grenzen von Zeit und Raum zu verbrennen. Die Dinge um mich setzten sich in Bewegung; es war, als ob ich mich nicht mehr in diesem Räume befände, sondern mich mit ungeheurer Geschwindigkeit fortbewegte.

Plötzlich schien mir, als stünde ich vor einem Nebelvorhang. Dicke Schwaden rollten vor mir empor, und ich sah eine wilde und wundervolle Landschaft. Da lag ein See, umgeben vom dichten afrikanischen Urwald. Der Himmel darüber war noch von den letzten Strahlen der untergehenden Sonne gerötet und gleichzeitig vom Schimmer des Vollmondes durchflutet. Auf der Ostseite des Sees lag eine große, anscheinend unbewachsene Ebene, und über diese ganze Fläche hingestreut lagen Skelette Hunderter toter Elefanten. Da lagen sie, einige von ihnen fast schon völlig bedeckt von grauen Moosen. In Polstern und Bärten hing von den Knochen das Moos, und hier und da ragten noch mächtige gelbe Zähne hoch empor, als lägen sie schon seit Jahrhunderten dort; an anderen Stellen hing noch die morsche Haut in Fetzen an den Gerippen. Ich wußte, daß es Friedhöfe von Elefanten gab, Plätze, zu denen diese großen Tiere, wie ehemals die schon lange ausgerotteten Alloas in Neuseeland, zogen, um zu sterben. Mein ganzes Jägerleben lang hatte ich gerüchtweise von diesen Friedhöfen gehört, aber nie hatte ich auch nur einen zu Gesicht bekommen.

Sieh da! Einer lag gerade im Sterben, ein mächtiger, hagerer Bulle, der aussah, als wäre er mehrere hundert Jahre alt. Er stand da und schwankte hin und her. Er hob den Rüssel, wohl um zu trompeten, trotzdem ich natürlich nichts hören konnte; dann ließ er sich langsam auf die Knie nieder und verharrte so, bis sein Leib in Todesstarre hinsank.

Fast in der Mitte dieses Friedhofes erhob sich ein kleiner Hügel aus blankgewaschenen Felsen. Und auf einmal erschien auf diesem Felsen der riesigste Elefant, den ich jemals auf meinen vielen Expeditionen zu Gesicht bekommen hatte. Er besaß nur einen einzigen, aber enormen Stoßzahn. Der andere war verunstaltet und kurz abgebrochen. Die Flanken des Untiers waren mit Narben bedeckt, und seine Augen glimmten rot und bösartig. Der emporgekrümmte Rüssel hielt den Körper einer Frau. Ihre Haare hingen auf der einen Seite und ihre Füße auf der anderen Seite herunter. In ihre Arme gepreßt umklammerte die Frau ein Kind, das noch zu leben schien.

Die Bestie, augenscheinlich ein Einzelgänger, ließ jetzt den Körper des Weibes zu Boden fallen und stand ohrenschlagend eine Weile daneben. Dann fühlte er vor, nahm mit dem Rüssel das Kind auf, schwang es hin und her und schleuderte es schließlich hoch in die Luft und weit weg. Darauf ging er auf den Elefanten los, den ich gerade sterben gesehen hatte, rannte gegen den Kadaver an und warf ihn über den Haufen. Er hob den Rüssel, schien triumphierend zu trompeten, schlenderte davon, dem Walde zu, und verschwand.

Der Nebelvorhang fiel wieder herab. Und schattengleich sah ich in ihm – und mein Herz schauderte zusammen –, nun, es tut nichts zur Sache, was ich sah. Dann erwachte ich.

»Well, haben Sie etwas gesehen?« fragte ein Chor von Stimmen.

Ich erzählte, was ich erlebt hatte, alles, mit Ausnahme des letzten Teils.

»Das heißt, alter Junge,« sagte Scroope, »Sie müssen aber schon sehr gut aufgepaßt haben, um das alles in den Kopf zu kriegen! Denn Ihre Augen waren nicht länger als zehn Sekunden geschlossen.«

»Dann sollte es mich wirklich wundern, was Sie dazu sagen würden, wenn ich Ihnen erst alles erzählt hätte«, antwortete ich, noch immer wie traumbefangen und nicht ganz zu mir gekommen.

»Du sehen Elefant Jana?« fragte Hârut. »Er töten Frau und Kind, eh? Schön, er tun das jede Nacht. Das, warum Volk von Weiße Kendah wollen, du töten ihn und nehmen all der Elfenbein, was sie nicht wagen berühren, weil es in heilige Platz und Schwarze Kendah nicht lassen sie. So, er leben noch? Das, was wir wollen wissen. Danke sehr, Macumazana. Du ein Schau-weit-weg-Mann. Gerade was ich denken. Rauch von Kendahtabak arbeiten sehr gut in dir. Nun, schöne Lady,« setzte er zu Fräulein Holmes gewandt hinzu, »du auch gern sehen? Besser sehen. Wer wissen, was du sehen?«

Fräulein Holmes zögerte einen Moment und betrachtete prüfend mein Gesicht. Aber ich gab ihr kein Zeichen, da ich wirklich sehr gespannt war, ihre Beobachtungen zu hören.

»Ja«, sagte sie.

»Ich würde es lieber haben, Luna, wenn du hiervon abließest«, bemerkte Lord Ragnall unbehaglich. »Ich denke, es ist Zeit, daß die Damen zu Bett gehen.«

»Hier ist ein Zündholz«, sagte Fräulein Holmes zu Hârut, der, ein ganz leises und abgründiges Lächeln auf dem ernsten und statuenhaften Gesicht, eben geschäftig eine neue Portion Tabak in die Schale tat. Er empfing das Zündholz mit einer Verbeugung, brannte das Zeug an, dann reichte er die Schale, aus der wiederum blauer Rauch emporkräuselte, Fräulein Holmes und ließ leise und graziös die Haube über ihren Kopf fallen. Es sah aus, als trüge sie einen Brautschleier. Ein paar Sekunden später riß sie die Haube ab und warf die Schale, in der das Feuer ausgegangen war, zu Boden. Mit weitgeöffneten Augen stand sie da, aufrecht, wunderlieblich und trotz ihrer geringen Größe in fast majestätischer Haltung.

»Ich bin in einer anderen Welt gewesen«, sagte sie mit halblauter Stimme, als spräche sie in die Luft. »Ich bin einen langen, langen Weg gegangen. Ich fand mich in einem kleinen steinernen Raum. Es war dunkel darin, nur das Feuer der Schale gab ein wenig Licht. Es war nichts darin außer einer elfenbeingeschnitzten Statue eines schönen Kindes und einem Stuhl aus Ebenholz, mit Intarsien aus Elfenbein und mit einem Flechtwerk aus Riemen als Sitz. Ich stand vor der Statue des Elfenbeinkindes. Es schien mir, als wäre es lebendig und als lächelte es mich an. Eine Kette von roten Steinen hing ihm um den Hals. Es nahm die Kette ab und legte sie mir um den Hals. Dann zeigte es auf den Stuhl, und ich setzte mich nieder. Das war alles.«

Hârut folgte ihren Worten mit brennender Aufmerksamkeit, die zu verbergen er sich vergeblich mühte. Dann bat er mich, sie zu übersetzen. Ich tat es.

Als er den Sinn der Geschichte völlig begriffen hatte, sah ich, obgleich sein Gesicht unverändert blieb, seine dunklen Augen in triumphierendem Feuer aufleuchten. Er flüsterte Mârut einige Worte zu. Ich glaubte zu verstehen: »Das heilige Kind nimmt den Hüter an. Der Geist der Weißen Kendah findet wieder eine Stimme.«

Dann, wie unter einem fremden Willen, verbeugten sich beide in unbegrenzter Demut tief vor Fräulein Holmes.

Jetzt erhob sich ein Wirrwarr von Rufen.

»Welch ein lächerlicher Traum«, sagte Lord Ragnall ärgerlich. »Ein Elfenbeinkind, das lebendig wird und dir ein Halsband gibt! Hat man jemals solch einen Unsinn gehört?«

»Ja, hat man schon einmal solch einen Unsinn gehört?« wiederholte Fräulein Holmes höflich und ergeben, automatenhaft nachplappernd.

»Ich nehme an, das Programm ist zu Ende«, schnitt Lord Ragnall alles weitere ab. »Herr Quatermain, würden Sie so liebenswürdig sein und Ihre Gauklerfreunde fragen, was ich ihnen schuldig bin?«

Hier unterbrach sich Hârut, den Sinn der Worte erfassend, beim Packen seiner Sachen und antwortete:

»Nichts, o großer Herr, nichts! Es sind wir, die viel schulden zu dir. Jetzt wir erfahren, was wir wissen wollten lange Zeit. Ich meine, ob Elefant Jana immer noch tötet Leute von Kendah. Kendahtabak nicht sprechen zu uns. Nur sprechen zu Neuling. Du haben große Gabe, Lady, und du auch, Macumazana. Gute Nacht, o großer Lord, gute Nacht, o schöne Lady. Gute Nacht, o Macumazana, bis wir treffen wieder, wenn du kommen zu töten Elefant Jana. Segen vom Himmelskind, das gibt Regen, das bewahrt vor all Gefahr, das gibt Nahrung, das gibt Gesundheit, für euch alle.«

Dann schritten sie mit vielen Verbeugungen rückwärts zur Tür, wo sie ihre langen Mäntel anlegten. Auf ein Zeichen von Lord Ragnall begleitete ich sie, ein Amt, das mir Wild in Befürchtung, mit noch mehr Schlangen Bekanntschaft zu machen, gern überließ. Einige Minuten später standen wir im eisigen Dunkel unter den stöhnenden Bäumen vorm Hause draußen.

»Was soll das alles heißen, Männer aus Afrika!« fragte ich.

»Beantworte dir selbst die Frage, wenn du dem großen Elefanten Jana, der einen bösen Geist in sich birgt, Auge in Auge gegenüberstehst, Macumazana«, antwortete Hârut. »Nein, hör' zu. Wir haben unsere Heimat verlassen, und wir erforschten das Schicksal durch jene, die uns Nachrichten geben konnten, und heute sind uns diese Nachrichten zuteil geworden. Das ist alles. Wir sind Anbeter des himmlischen Kindes, das ewige Jugend und alles Gute ist. Seit einiger Zeit ist das Kind stumm. Doch heute nacht hat es wieder gesprochen. Versuche nicht, mehr zu erfahren, du, der du zu gegebener Zeit alles erfahren wirst.«

»Versuche nicht, mehr zu ermitteln,« echote Mârut, »du, der vielleicht schon zuviel weiß; sonst würde dir Übles zustoßen, Macumazana.«

»Wo gedenkt ihr heute nacht zu schlafen?« fragte ich.

»Wir schlafen hier nicht«, antwortete Hârut. »Wir gehen zu Fuß nach der großen Stadt und suchen unseren Weg zurück nach Afrika, wo wir uns wiedersehen werden. Du weißt, daß wir keine Lügner sind, gewöhnliche Gedankenleser und Trickmacher. Gehe hinein, Macumazana, ehe du Schaden in dieser schrecklichen Kälte nimmst, und nimm der jungen Lady, die mit dem Zeichen des jungen Mondes geschmückt ist und die den großen Lord, den sie liebt, heiraten wird, dies als ein Geschenk vom Himmelskinde mit, dem sie heute nacht begegnet ist.«

Dann drückte er mir ein leinenverhülltes Päckchen in die Hand und verschwand mit seinem Gefährten in der Dunkelheit.

»Sie sind fort«, sagte ich zu Lord Ragnall, als ich in den Salon kam, wo die Gesellschaft über das soeben Erlebte noch eifrig diskutierte. »Sie wollen zu Fuß nach London gehen, wie sie sagen. Aber sie haben mir ein Hochzeitsgeschenk für Fräulein Holmes übergeben«, und ich zeigte das Paket.

»Öffnen Sie es, Herr Quatermain«, sagte er.

»Nein, George«, fiel Fräulein Holmes lachend ein. »Ich packe meine Geschenke gern selbst aus.«

Er zuckte die Schultern, und ich übergab ihr das sorgsam vernähte Paket. In dem Leinen lag eine Halskette von schönen, roten, ovalen Steinen, die etwa die Größe eines kleinen Vogeleies hatten. Die Steine waren unbeholfen poliert und auf etwas aufgereiht, was ich sofort als ein Haar aus dem Schwanze eines Elefanten erkannte. Aus gewissen Anzeichen entnahm ich, daß die Steine, es konnten Karfunkel oder Rubinen sein, ein außerordentlich hohes Alter haben mußten. Möglicherweise hatte einstmals eine vornehme Frau im alten Ägypten die Kette getragen – dafür sprach wenigstens eine hübsche Miniaturstatuette, die, ebenfalls aus rotem Stein geschnitten, von der Mitte des Halsbandes herabhing. Sie mochte wohl das Abbild eines der Hauptgötter der alten Ägypter sein, nämlich des Kindes Horus, des Sohnes der Isis.

»Das ist die Halskette, die ich sah und die mir das Elfenbeinkind in meinem Traume gab«, sagte Fräulein Holmes ruhig.

Dann legte sie die Kette gedankenvoll um den Hals.

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