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Das Elfenbeinkind

Henry Rider Haggard: Das Elfenbeinkind - Kapitel 2
Quellenangabe
authorHenry Rider Haggard
titleDas Elfenbeinkind
publisherVerlag Martin Maschler
yearo.J.
translatorArthur Heye
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170210
projectid318bbeb0
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2. Kapitel
Allan macht eine Wette

Am folgenden Morgen kamen wir, Scroope und ich, ungefähr um ein Viertel vor zehn auf Schloß Ragnall an.

Als ich aus dem Gefährt herauskletterte, erschien mit der Würde eines Imperators eine pompös ausstaffierte Persönlichkeit, mit einem Samtmantel und einer scharlachroten Weste angetan, und begleitet von einem Individuum, in dem ich Charles erkannte. Unter jedem Arm trug er eine Flinte.

»Das ist der Oberheger,« flüsterte Scroope, »behandeln Sie ihn ja respektvoll.«

Voller Schrecken nahm ich meinen Hut ab und wartete.

»Spreche ich mit Herrn Allan Quatermain?« sagte Seine Majestät mit tiefer, rollender Stimme, indem er mich mit kaltem, mißbilligendem Blick betrachtete.

Ich bejahte.

»Dann, mein Herr,« fuhr er fort – er machte eine kleine Pause hinter dem »mein Herr«, als betrachtete er mich in Wirklichkeit nur als so etwas wie einen afrikanischen Kollegen – »habe ich Ihnen im Namen Seiner Lordschaft diese Flinten zu übergeben. Ich hoffe, daß Sie mit ihnen vorsichtig umgehen, da sie zu Kauf oder Rücksendung hier sind. Charles, erkläre diesem ausländischen Herrn die Handhabung der Flinten und halte dabei die Mündung nach oben oder unten. Die Gewehre sind zwar nicht geladen, aber ein gutes Beispiel ist immer nützlich.«

»Danke Ihnen, Herr Heger,« antwortete ich, und langsam stieg mir die Galle, »aber ich glaube, daß mir über Flinten alles Nötige schon bekannt ist.«

»Es freut mich, das zu hören«, sagte Seine Majestät mit augenscheinlichem Mißtrauen. »Charles, Herr Scroope will für den Herrn laden, ich hoffe, er wird vorsichtig sein. Seine Lordschaft wünscht, daß du sie begleitest und die Patronen trägst. Und, Charles, zähle die Schüsse und die Strecke ohne Anrechnung alles Angeschossenen. Ich habe die Geschichten mit dem ewigen Anschießen satt.«

Die letzten Anordnungen wurden mit majestätischer Würde und ein wenig abseits ausgesprochen, damit wir nur nichts hören sollten. Scroope quittierte sie mit einem Kichern, Charles mit einem Grinsen; in mir jedoch wuchs das Gefühl der Entrüstung.

Ich nahm eine der Flinten und besah sie. Es war eine schöne, allermodernste Waffe, kostbare Präzisionsarbeit.

»An dem Gewehr ist alles in Ordnung, mein Herr«, brummte die rote Weste. »Wenn Sie es nur richtig hinhalten, besorgt es alles übrige von selbst. Aber halten Sie die Mündung aufwärts, Herr, aufwärts! Und vielleicht nehmen Sie es mir auch nicht übel, wenn ich Ihnen sage, daß wir hier auf Ragnall einen niedrigen Fasanen hassen. Ich erwähne das nur deshalb, weil der letzte Herr, der aus dem Ausland kam – es war ein Franzose – den ganzen Tag nichts schoß außer einer Henne, die sich ihm fast auf die Mündung setzte, den Hüten zweier Treiber seiner Lordschaft und einem Star.«

Bei diesem Punkte brach Scroope in ein brüllendes, närrisches Gelächter aus. Charles, dem ich offenbar schicksalsgemäß nicht entgehen sollte, drehte sich um und krümmte sich zusammen, als hätte er plötzlich Magenschmerzen bekommen. Ich aber wurde rasend.

»Zum Donnerwetter noch einmal, Herr Heger,« rief ich, »was soll diese Schulmeistern heißen! Bekümmern Sie sich um Ihre Angelegenheiten, und ich werde mich um meine bekümmern.«

In diesem Moment kam Lord Ragnall um die Ecke eines Hofgebäudes herum. Ich erkannte an seiner ärgerlichen Miene, daß er unsere Diskussion angehört hatte.

»Jenkins,« sagte er, »tun Sie, was Ihnen Herr Quatermain gesagt hat, und kümmern Sie sich um Ihre eigenen Angelegenheiten. Sie scheinen sich nicht darüber im klaren zu sein, daß dieser Herr mehr Löwen, Elefanten und anderes Großwild geschossen hat als Sie Katzen. Aber wenn dem auch nicht so wäre, wäre es noch lange nicht Ihre Aufgabe, Belehrungsversuche an ihm – oder irgendeinem andern meiner Gäste – vorzunehmen. Gehen Sie jetzt, und sehen Sie nach den Treibern.«

»Bitte um Entschuldigung, Mylord«, stotterte Jenkins, und sein Gesicht, das so farbenfreudig wie seine Weste gewesen war, wurde mit einem Male ganz blaß. »Es war nicht böse gemeint, Mylord. Aber Elefanten und Löwen fliegen nicht, Mylord, und wer an solches Bodengewürm gewöhnt ist, neigt dazu, zu niedrig zu schießen, Mylord. Alle Treiber am Jagddickicht bereit, Mylord.«

Mit Verbeugungen kam er außer Sicht. Lord Ragnall wartete sein Verschwinden ab, dann sagte er lachend:

»Ich muß Sie um Entschuldigung bitten, Herr Quatermain. Diesen verdrehten alten Trottel habe ich sozusagen als Erbstück übernommen; und das Spaßigste dabei ist, daß er selbst der erbärmlichste und gefährlichste Schütze ist, den ich jemals gesehen habe. Andererseits wiederum ist er der beste Fasanenheger im ganzen Lande, und so muß ich mich mit ihm abfinden. Kommen Sie nun herein, ja? Charles wird auf Ihre Gewehre und Patronen achtgeben.«

Er führte Scroope und mich durch eine Seitentür in die große Halle und machte mich mit den übrigen Mitgliedern der Jagdgesellschaft bekannt. Es waren ausgezeichnete Schützen. Ihren berühmten Namen war ich oft genug in der Zeitschrift »Die Jagd« begegnet, die ich auch in Afrika hielt, trotzdem ich, wenn ich gerade auf meinen Expeditionen war, manchmal ein Jahr lang keine Nummer zu sehen bekam.

Zu meinem Erstaunen stellte ich fest, daß ich einen der Herren kannte. Wir waren sicherlich ein Dutzend Jahre lang einander nicht in den Weg gelaufen, aber ich war überzeugt, daß ich mich nicht irrte. Ein so gemeines Äußeres, solche kleine, graue, ruhelose Augen konnten niemand anderem gehören als van Koop, dessen Name seinerzeit in Südafrika berühmt und – berüchtigt war in Verbindung mit riesigen und außerordentlich erfolgreichen Betrügereien. Betrügereien, gegen die das Gesetz keine Handhabe bot, bei denen auch ich eins der vielen Opfer war, und zwar mit einem Betrage von zweihundertfünfzig Pfund, einer großen Summe für mich.

Als wir seinerzeit dort unten zum letztenmal zusammengekommen waren, hatte es eine stürmische Szene zwischen uns gegeben. Sie endete damit, daß ich ihm wütend erklärte, ich würde ihn, wenn er mir auf dem Feld noch einmal unter die Augen käme, ohne Bedenken niederschießen. Vielleicht war das einer der Gründe, warum van Koop auf einmal aus Südafrika verschwand; er war ein mit allen Hunden gehetzter Fuchs. Ich glaube, er war eben hereingekommen. Wahrscheinlich wohnte er irgendwo in der Nachbarschaft von Ragnall. Auf jeden Fall wußte er nichts von meiner Anwesenheit. Hätte er es gewußt, er wäre – dessen bin ich ganz sicher – weggeblieben. Als er mich sah, rief er: »Allan Quatermain, so wahr ich lebe!« – halblaut nur, aber in solch erstauntem Tone, daß es die Aufmerksamkeit von Lord Ragnall erregte, der in der Nähe stand.

»Ja, Herr van Koop,« antwortete ich munter, »Allan Quatermain, niemand anders; und ich hoffe, Sie sind ebenso erfreut mich zu sehen, wie ich Sie.«

»Das muß ein Irrtum sein,« sagte Lord Ragnall mit erstauntem Gesicht, »das ist doch Sir Junius Fortescue, früher Herr Fortescue.«

»Was Sie nicht sagen«, antwortete ich. »Ich weiß nicht, ob ich ihn jemals bei diesem Namen habe rufen hören, aber was ich weiß, ist, daß wir alte – Freunde sind.«

Lord Ragnall entfernte sich, da er wahrscheinlich die Unterhaltung nicht fortzusetzen wünschte. Niemand sonst hatte zugehört. Van Koop schob sich an mich heran.

»Herr Quatermain,« sagte er mit unterdrückter Stimme, »meine Verhältnisse haben sich, seit wir uns das letztemal trafen, geändert!«

»Den Eindruck habe ich auch,« versetzte ich, »aber meine sind genau dieselben geblieben, und wenn es Ihnen jetzt passen würde, mir jene zweihundertfünfzig Pfund, die Sie mir schulden, samt Zinsen zurückzuzahlen, so wäre ich Ihnen sehr verbunden. Wenn nicht, so hätte ich eine hübsche Geschichte von Ihnen zu erzählen.«

»Oh, Herr Quatermain,« antwortete er mit einem gewissen Lächeln, daß es mir schwer wurde, ihm nicht einen Tritt zu geben, »wie Sie wissen, bestreite ich die Schuld.«

»So, tun Sie das?« rief ich aus. »Vielleicht werden Sie die Geschichte auch bestreiten. Aber die Frage ist, wird man Ihnen auch dann glauben, wenn ich Beweise bringe?«

»Haben Sie schon mal etwas von einem Statut über beschränkte Haftung gehört, Herr Quatermain?« fragte er hohnlächelnd.

»Nicht, soweit sie den Ruf betrifft«, antwortete ich mit Betonung. »Nun, was gedenken Sie zu tun?«

Er dachte einen Moment nach und antwortete:

»Passen Sie auf, Herr Quatermain, Sie waren immer so etwas wie ein Sportsmann, und ich will Ihnen einen Vorschlag machen. Wenn ich heute mehr Vögel als Sie herunterbringe, sollen Sie versprechen, den Mund über meine Angelegenheiten in Südafrika zu halten, und wenn Sie mehr herunterbringen als ich, sollen Sie ihn immer noch halten, aber ich will Ihnen jene zweihundertfünfzig Pfund samt Zinsen für sechs Jahre bezahlen.«

Ich überlegte einen Moment, wohl wissend, daß der Mann etwas im Schilde führte. Gewiß, ich konnte ablehnen und Skandal machen. Aber das lag mir nicht und würde mich auch meinen zweihundertfünfzig Pfund nicht näherbringen, die, falls ich gewann, doch ihren Weg in meine Tasche zurückfinden konnten.

»Gut, abgemacht«, sagte ich.

»Um was dreht sich die Wette, Sir Junius?« fragte Lord Ragnall näherkommend.

»Es ist eine ziemlich lange Geschichte,« antwortete jener, »vor Jahren, als ich in Afrika reiste, hatte ich mit Herrn Quatermain eine Meinungsverschiedenheit über eine Summe von fünf Pfund. Um Auseinandersetzungen über diese Kleinigkeit zu vermeiden, haben wir ausgemacht, sie zum Gegenstand eines Wettschießens zu machen.«

»So, so«, sagte Lord Ragnall ziemlich ernsthaft; ich sah ihm an, daß er van Koops Darstellung über die Höhe der Summe nicht traute. »Geradeheraus gesagt, Herr Junius, ich bin nicht sehr davon eingenommen, daß hier Wetten abgeschlossen werden. Ich glaube Herrn Quatermain gestern auch erwähnen zu hören, daß er in England noch niemals Fasanen geschossen hätte, und deshalb erscheint mir die Sache nicht ganz fair. Doch müssen die Herren Ihre Angelegenheiten natürlich selbst am besten beurteilen können. Nur, da hier Geld in Frage kommt, muß ich jemanden damit beauftragen, Ihre Vögel zu zählen und mir über das Endergebnis Bericht zu erstatten.«

»Einverstanden«, sagte van Koop. Ich gab keine Antwort. Denn um die Wahrheit zu sagen, mir war die ganze Sache sehr peinlich. Hernach gingen Lord Ragnall und ich an der Spitze der ganzen Gesellschaft zur ersten Schonung hinüber. Wir hatten ungefähr eine halbe Meile zu marschieren.

»Sie sind schon früher mit Sir Junius zusammengekommen?« fragte er mich mit einer gewissen Betonung.

»Ja«, antwortete ich. »Vor etwa zwölf Jahren. Van Koop machte damals als erfolgreicher – hm – Spekulant viel von sich reden. Aber kurze Zeit darauf verschwand er aus Südafrika.«

»Um hier aufzutauchen. Vor zehn Jahren kaufte er eine große Besitzung in der Nachbarschaft. Vor drei Jahren wurde er Baron.«

»Wie konnte ein Mensch wie van Koop Baron werden?« forschte ich.

»Durch Kauf, glaube ich.«

»Durch Kauf! Werden in England Titel verkauft?«

»Sie sind erfreulich unschuldig, Herr Quatermain, so wie ein Jäger aus Afrika eigentlich sein soll«, sagte Lord Ragnall lachend. »Ihr Freund –«

»Entschuldigen Sie, Lord Ragnall, ich bin eine bescheidene Person, nicht einmal so eingebildet wie etwa Ihr Wildhüter. Deswegen aber möchte ich den Baron Junius, früheren Herrn van Koop, noch lange nicht meinen Freund nennen, wenigstens nicht im Ernst.«

Der Lord lachte von neuem.

»Nun, die Persönlichkeit, mit der Sie Ihre Wette abgeschlossen haben, hat große Summen für die Fonds seiner Partei gezeichnet. Ich sage Ihnen nur, was ich weiß. Die Höhe des Betrages kenne ich nicht. Es war von fünfzehn- oder von fünfzigtausend Pfund die Rede, und auf die Spende hin wurde er Baron.«

»Das ist die ganze Geschichte«, fuhr er fort. »Ich mag den Mann ja selbst nicht. Aber er ist ein ausgezeichneter Fasanenschütze, und dieser Umstand öffnet ihm alle Türen. Der Schießsport wird eben einmal hierzulande wie ein Fetisch gepflegt und in Ehren gehalten, Herr Quatermain. So ist es zum Beispiel auf dieser Besitzung Tradition, daß wir mehr Fasanen schießen müssen als irgend jemand sonst im Lande, und deswegen habe ich die Verpflichtung, die besten Schützen einzuladen, mögen sie auch nicht immer einwandfreie Burschen sein. Es ist mir ja nicht angenehm, aber offenbar kann ich nichts anderes tun, als was meine Vorfahren getan haben.«

»Unter diesen Umständen würde ich die Sache überhaupt aufgeben, Lord Ragnall. Sport als Sport ist gut, aber wenn er zum Geschäft wird, lernt man ihn hassen. Ich weiß Bescheid, da ich ihn viele Jahre als Handwerk betreiben mußte.«

»Das ist eine Idee«, entgegnete er nachdenklich. »Unterdessen hoffe ich, daß Sie Ihre – fünf Pfund von Sir Junius zurückgewinnen. Er ist so eitel, daß ich mit Freuden fünfzig Pfund dazugeben würde, um das zu erleben.«

»Dafür ist wenig Hoffnung«, antwortete ich. »Denn wie ich Ihnen sagte, habe ich niemals vorher Fasanen geschossen. Immerhin will ich es versuchen.«

»Recht so. Und passen Sie auf, Herr Quatermain, halten Sie immer gut vor. Sie sehen, ich erlaube mir, Ihnen Ratschläge zu geben, so wie Sie gestern mir. Schrot hat nicht die Geschwindigkeit der Kugel, und der Fasan ist ein Vogel, der im allgemeinen viel schneller fliegt als man denkt. Also, hier sind wir. Charles wird Ihnen Ihren Stand zeigen. Viel Glück!«

Zehn Minuten später begann die Jagd. Alle sieben Schützen wurden am Rande einer langen Schonung in Sicht voneinander postiert. Ich war so in Beobachtung der Vorbereitungen versunken, die für mich völlig neu waren, daß ich erst einen Hasen und dann eine Fasanenhenne durchschlüpfen ließ, ohne auf sie zu schießen. Besagte Henne beschrieb einen Bogen und wurde dabei von van Koop, der von mir aus der dritte war, wunderschön heruntergeholt.

»Hören Sie mal, Allan,« sagte Scroope, »wenn Sie Ihren afrikanischen Freund schlagen wollen, wäre es besser, Sie wachten nun auf; Sie werden es weder durch Bewunderung der Landschaft noch jenes Eichhörnchens dort schaffen.«

So raffte ich mich auf. Gerade gellte ein Schrei: »Hahn voraus!« Ich dachte an einen Fasanenhahn und war erstaunt, als ich einen schönen braunen Vogel mit langem Schnabel auf mich zufliegen sah.

»Muß ich den auch schießen?« fragte ich.

»Selbstverständlich. Es ist eine Waldschnepfe«, antwortete Scroope.

In diesem Augenblick rüttelte der Vogel ungefähr zehn Meter hinter mir. Ich feuerte und traf ihn, und wo er soeben zu sehen gewesen war, stiebte nur noch eine Wolke von Federn. Es war ein schneller und geschickter Schuß – glaubte ich wenigstens. Aber als Charles nur einen Schnabel und einen Kopf auflas, lief ein Kichern die ganze Linie der Schützen und Jagdgehilfen entlang.

»Hallo, alter Junge,« sagte Scroope, »wenn Sie Ihre Sauposten weiter benutzen wollen, so täten Sie besser, Ihre Vögel ein bißchen mehr hinten zu treffen.«

Der Vorfall ärgerte mich so, daß ich unmittelbar darauf drei in einer Linie streichende, ganz leichte Fasanen verfehlte, während van Koop sich zwei neue gutschreiben konnte.

Scroope schüttelte den Kopf, und Charles murrte hörbar. Jetzt, da ich nicht mit seinem Meister im Wettbewerb stand, war er plötzlich nur darauf erpicht, daß ich gewinnen sollte. Denn auf geheimnisvolle Weise hatten sich Gerüchte von unserer Wette verbreitet, und mein Gegner war unter den Hegern nicht beliebt.

»Da, jetzt sind Sie wieder dran«, sagte Scroope, auf einen ankommenden Fasan zeigend.

Es war ein außerordentlich hoher Fasan, der wahrscheinlich von außerhalb der Schonung kam, so hoch, daß ihn weder van Koop noch zwei andere Schützen, die auf ihn anlegten, trafen. Dann feuerte ich, und eingedenk Lord Ragnalls Rat hielt ich weit vor. Sein Flug änderte sich. Er schoß, eine Kurve beschreibend, noch ein Stück vorwärts und fiel dann vierzig Meter rechts von mir tot nieder.

»Schon besser«, sagte Scroope, und Charles grinste über sein ganzes rundes Gesicht und brummte:

»Diesmal hat er die Augen ausgewischt.«

Dieser Schuß gab mir Vertrauen, und ich verbesserte mich von da ab beträchtlich, trotzdem ich komischerweise feststellte, daß es gerade die hohen und schwierigen Fasanen waren, die ich erwischte, und daß ich gerade die leichten öfters fehlte. Aber van Koop, der offensichtlich ein Künstler im Schießen war, bekam beide.

Lord Ragnall, der mir am nächsten stand, forderte mich auf, mit ihm hinter die anderen Schützen zurückzutreten.

»Ich sehe, die Schwierigen sind Ihre Spezialität, Herr Quatermain,« sagte er, »und hier werden Sie von dieser Sorte genug bekommen.«

Jetzt standen wir an einem Abhang zwischen zwei langgestreckten Gehölzen, die ungefähr zweihundert Meter auseinanderlagen. Eins wurde gerade abgetrieben. Es steckte voll von Fasanen; und die Leistungen der auserlesenen Schützen waren in der Tat sehenswert.

Ich kam hier ganz gut voran, fast so gut wie Lord Ragnall selber. Und das will viel heißen; denn er war ein brillanter Schütze.

»Bravo!« sagte er am Ende des Treibens. »Ich glaube, Sie haben jetzt Chance, Ihre fünf Pfund doch noch zu gewinnen.«

Als ich aber nach dem Frühstück feststellte, daß ich dreißig Fasanen weniger geschossen hatte als mein Gegner, schüttelte ich den Kopf. Und dasselbe taten alle übrigen. Dennoch schmeckte das Frühstück, das wir im Hause eines Hegers einnahmen, ausgezeichnet, trotzdem van Koop unaufhörlich in solch prahlerischer Weise schwatzte, daß ich sah, es ärgerte unseren Gastgeber und einige der anderen Herren. Schließlich wandte er sich gönnerhaft an mich und fragte, wie ich die letzten Jahre mit meinem »Elefanteneinkochen« vorwärtsgekommen wäre. Ich antwortete: »Recht gut.«

»Dann sollten Sie unseren Freunden einige Ihrer berühmten Geschichten erzählen, ich verpflichte mich, Ihnen nicht zu widersprechen«, sagte er und fügte hinzu:

»Die Herren haben ja, im Gegensatz zu uns, keine Erfahrung im Abschuß von Großwild.«

»Ich wußte nicht, daß Sie selber welche hatten, Sir Junius,« antwortete ich gereizt, »denn, wenn ich mich recht erinnere, sagten Sie mir einmal in Afrika, das einzige Großwild, das Sie jemals geschossen hätten, wäre ein an Rotwasser erkrankter Ochse gewesen. Immerhin, das Schießen ist für mich Handwerk, nicht Sport wie für Sie, und ich liebe es nicht, zu fachsimpeln.«

Das daraufhin ausbrechende Gelächter stopfte ihm den Mund. Dann fing Scroope, der entzückendste aller Freunde, an, Abenteuer von mir zu erzählen, bis mir die Ohren klangen und ich hinauslief, um nach dem Wetter zu sehen.

Das hatte sich unterdessen sehr verändert. Der Himmel war bedeckt, und ein böiger Wind, der von Minute zu Minute stärker wurde, trieb kleine Schneeschauer vor sich her.

»Auf mein Wort,« sagte Lord Ragnall, der mich begleitete, »das sieht wenig hoffnungsvoll aus. Wir wollten in der Schonung am See, unserm besten Stand hier, heute nachmittag siebenhundert Fasanen schießen, aber ich bezweifle, daß wir auf fünfhundert kommen. Ich möchte Sie, Herr Quatermain, und Sir Junius zuhinterst in der Schonung postieren. Hier haben Sie noch die meisten Aussichten, da viele der Fasanen gegen diesen Wind überhaupt nicht bis zum See herankommen. Wenn es Ihnen recht ist, leiste ich Ihnen Gesellschaft, da ich selbst heute nicht mehr zu schießen gedenke.«

»Ich fürchte, Sie werden enttäuscht sein«, sagte ich nervös.

»O nein, das werde ich nicht«, antwortete er. »Ich sage Ihnen frei heraus, daß Sie den besten Schützen der ganzen Gesellschaft abgeben würden, falls Sie Gelegenheit hätten, sich eine Saison hindurch zu üben. Augenblicklich sind Sie sich noch nicht ganz klar über den Flug dieser Vögel, und außerdem sind Ihnen auch diese Gewehre fremd. Nehmen Sie ein Glas Sherry Brandy, das wird Ihre Nerven beruhigen.«

Ich trank den Sherry Brandy, und gleich darauf zogen wir los. Die Schonung, in der wir schießen sollten, lag am Rande eines hufeisenförmigen Sees. Vier von den Schützen wurden an seiner Rundung, van Koop und ich an seiner geraden Seite postiert. Ich stellte mit Unbehagen fest, daß die anderen von der gegenüberliegenden Seite aus alles, was wir schossen, aber auch alles, was wir nicht schossen, sehen konnten, und daß uns außerdem noch ein Trupp von Zuschauern, unter denen ich den Büchsenmacher erkannte, beobachtete. Aber auf dem Wege zum Boot, das uns über den See setzen sollte, ereignete sich etwas, was mich in sehr gute Laune versetzte und mir auch Beifall einbrachte. Ich passierte eben mit Lord Ragnall, Scroope und Charles in einer Entfernung von etwa fünfzig Metern eine Gruppe großer Bäume, als von der anderen Seite her ein Schrei: »Rebhuhn hoch drüber!« aus der heiseren Kehle des rotwestigen Jenkins herüberscholl, der das Abtreiben eines Streifens von niedrigem Unterholz leitete.

»Passen Sie auf, Herr Quatermain, die kommen von dieser Richtung her«, sagte Lord Ragnall, während Charles mir eine geladene Flinte in die Hand drückte. Eine Sekunde später tauchten die Vögel über den Baumwipfeln auf; ein großer Schwarm in langer Zickzacklinie, von den wütenden Stößen des Windes getragen, kamen sie mit unwahrscheinlicher Schnelligkeit heran. Ich schoß auf den ersten Vogel, der mir tot vor die Füße fiel. Ich schoß nochmals, der zweite fiel mir herunter. Ich packte eine andere Flinte und traf einen dritten, gerade als er über mir hinflog. Dann drehte ich mich um, bekam einen vierten vors Korn, und »Bums!« fiel auch er – in der Tat, das war ein recht weiter Schuß.

»Donnerwetter!« sagte Scroope, »so etwas habe ich noch nie gesehen«, während Lord Ragnall mich anstarrte und Charles vor sich hinpfiff.

Aber jetzt will ich die Wahrheit sagen und meine ganze Hinterlist offenbaren: der zweite Vogel war gar nicht der, auf den ich gezielt hatte. Ich war zu kurz abgekommen und hatte den nächsten erwischt. Und in meiner Eitelkeit gestand ich das gar nicht ein, wenigstens nicht vor Abend. – Die vier Rebhühner wurden jetzt zusammengesucht, und unter einer Flut von Gratulationen setzten wir unseren Weg über den See fort. Als wir ins Boot stiegen, bemerkte ich, daß Charles außer den von mir mitgebrachten noch eine große Schachtel mit anderen Patronen trug.

Sie stammten von Herrn Popham, dem Büchsenmacher, der sie für den Fall, daß die meinigen nicht ausreichten, mitgenommen hatte. Ich sagte nichts; aber da ich von meinen dreihundertfünfzig noch die Hälfte übrighatte, fragte ich mich still, was für ein Schießen das noch werden sollte. Wir nahmen also unsere Standplätze ein. Währenddessen aber verstärkte sich der Wind zu einem wütenden Sturm. Aus allen Richtungen der Windrose schienen seine Stöße zu kommen.

»Das wird ein wilder Nachmittag«, sagte Lord Ragnall, und während er sprach, kam van Koop ziemlich verstört von seinem Stand zu; uns und schlug vor, die Jagd abzubrechen.

Ich war jedoch für die normale Abwicklung des Schießens.

»Ich denke, hier auf diesem offenen Platze sind wir ganz sicher, Sir Junius,« warf Lord Ragnall ein, »und da die Fasanen ohnehin schon aufgestört sind, macht es nicht viel aus, wenn sie ein bißchen herumgeblasen werden. Aber falls Sie anderer Meinung sind, würden Sie wohl gut tun, abzutreten und bei den Zuschauern drüben zu bleiben. Ich werde nach meinen Gewehren schicken und an Ihre Stelle treten.«

Als van Koop das hörte, nahm er seinen Vorschlag zurück.

So begann das Treiben. Zuerst blies der Wind von hinten, und in großer Menge flogen Fasanen über unsere Köpfe hinweg, die meisten ziemlich niedrig, den Schützen auf der anderen Seite entgegen, die aber trotz ihrer Geschicklichkeit keinen besonderen Erfolg hatten. Uns war untersagt worden, auf Vögel, die uns überflogen, zu schießen. So ließ ich sie ungeschoren. Van Koop jedoch kümmerte sich nicht um diese Weisung, feuerte mehrmals und erlegte auch einige der Vögel.

»Der Bursche ist kein Sportsmann,« bemerkte Lord Ragnall, »ich glaube, es ist die Wette.«

Dann sandte er Charles hin mit der Weisung, er solle mit dieser Schießerei aufhören.

Kurz darauf drehte der Sturm nach Norden, blieb so und raste immer wilder. Doch die Fasanen flogen im Schutz der Bäume immer noch dem Dickicht zu, in dem sie geboren und aufgewachsen waren. Sowie sie jedoch ins Freie kamen und die volle Gewalt des Windes fühlten, machten die meisten kehrt und wurden außerordentlich geschwind zurückgetrieben. In der nächsten Dreiviertelstunde etwa erlebte ich ein Schießen, wie ich wohl keins wieder zu sehen bekommen werde. Hoch über den ächzenden Bäumen und über dem See zu meiner Linken flatterten windgetrieben Fasanen in endlosen Zügen dahin. Merkwürdigerweise fand ich mich mit dieser wilden Schießerei so gut ab, daß ich, je unmöglicher mit dem verrinnenden Tage die Ziele wurden, besser und immer besser schoß. Auch van Koop erzielte gute Resultate. Die Schützen gegenüber aber machten nur sehr wenig. Als das Treiben sich seinem Ende nahte und die Vögel in immer dickeren Schwärmen daherkamen, schoß ich, wie gesagt, immer besser. Das ist auch aus der Tatsache zu ersehen, daß ich trotz Höhe und Geschwindigkeit ihres Fluges für meine letzten dreißig Fasanen nur fünfunddreißig Patronen verbrauchte. Der letzte, ein prachtvoller Hahn, kam, als wir schon dachten, alles wäre zu Ende, auf einmal von irgendwo her allein angesaust. So hoch flog er, daß er unter der Sturmwolke nur als vorüberhuschender Punkt erschien.

»Zu hoch – hat keinen Zweck!« sagte Lord Ragnall, als ich die Flinte hob. Ich feuerte jedoch, hielt, ich weiß nicht wie weit, vor, und siehe, der Fasan verendete in der Luft und fiel mit einem mächtigen Klatsch nahe den Ufern des Sees, aber in großer Entfernung von mir, nieder. Der Schuß war so bemerkenswert, daß alle, die ihn sahen, die meisten der Treiber inbegriffen, »Bravo« schrien und der rotbewestete alte Jenkins vor sich hin knurrte: »Ich will zerplatzen, wenn bei diesem Kerl alles mit rechten Dingen zugeht.«

Scroope schlug mich vor Freude so fest auf den Rücken, daß es schmerzte und mir beinahe der Schuß im zweiten Laufe abging, Charles wurde ein einziges großes Grinsen, und Lord Ragnall sagte kurz und bedeutsam: »Noch nie in meinem Leben hat mir ein Schießen so viel Vergnügen gemacht.« Dann rief er seinen Leuten zu, die Fasanen aufzulesen und gut darauf zu achten, die meinigen nicht mit den von Sir Junius geschossenen zusammenzubringen.

»Sie dürften auf diesem Stand allein so gegen einhundertfünfundvierzig haben, wenn schon alles Mögliche als nur angeschossen in Abzug gebracht wird«, meinte Lord Ragnall.

Ich erwiderte, daß bei diesem groben Schrot wohl nicht viele als angeschossen in Frage kommen könnten. Da wegen des Wetters von einem Weiterschießen keine Rede sein konnte, gingen wir zum Tee ins Schloß zurück. Als wir unsere Tassen geleert hatten, forderte Lord Ragnall uns auf, herauszukommen, um die Strecke zu besehen. Wir fanden sie vor dem Gebäude auf dem schneegepuderten Gras in einer gemeinsamen Reihe und zwei besonders abgeteilten ausgelegt.

»Das sind Ihre und hier die von Sir Junius,« sagte Scroope, »bin neugierig, wer gewonnen hat Ich setze ein Goldstück auf Sie, alter Junge.«

»Womit Sie hereinfallen werden«, antwortete ich ärgerlich; denn ich hatte die ganze Geschichte mit der Wette vergessen.

Ich erinnere mich nicht mehr, wie viele Fasanen insgesamt erlegt waren; jedenfalls war die Gesamtstrecke wegen des Sturmes viel kleiner als man erwartet hatte.

»Jenkins«, sagte Lord Ragnall, »wie viele kommen auf das Konto von Sir Junius Fortescue?«

»Zweihundertsiebenundsiebzig, Mylord, zwölf Hasen, zwei Waldschnepfen und drei Tauben.«

»Und wie viele auf das von Herrn Quatermain? – Ich muß Sie beide, meine Herren, daran erinnern, daß die Vögel so vorsichtig wie nur möglich aufgesammelt und auseinandergehalten worden sind, und daß deshalb die von Jenkins angegebenen Zahlen als endgültig zu betrachten sind«, setzte er hinzu.

»Durchaus«, antwortete ich; van Koop sagte nichts. Dann kam, während wir alle gespannt warteten, die erstaunliche Antwort.

»Zweihundertsiebenundsiebzig Fasanen, Mylord, – dieselbe Anzahl wie jene von Sir Junius, Baronet; fünfzehn Hasen, drei Tauben, vier Rebhühner, eine Ente und ein Schnabel – ich meine eine Waldschnepfe.«

»Dann, scheint es, haben Sie Ihre Wette gewonnen, wozu ich Ihnen gratuliere«, sagte Lord Ragnall. »Halt, einen Moment,« unterbrach van Koop, »die Wette bezog sich auf Fasanen, das andere Zeug zählt nicht.«

»Ich glaube, die gebrauchte Bezeichnung war Vögel,« bemerkte ich, »aber offen gestanden, als ich die Wette abschloß, dachte ich natürlich ebenfalls an Fasanen, wie ohne Zweifel Sir Junius auch. Deshalb, falls die Zählung korrekt war, ist es ein totes Rennen geworden, und die Wette ist erledigt.«

»Ich bin sicher, daß alle Anwesenden Ihre Ansicht würdigen. Unter diesen Umständen bleiben die fünf Pfund in Sir Junius' Tasche. Es trifft sich unglücklich für Sie, Quatermain,« setzte er, das »Herr« fallen lassend, hinzu, »daß jener letzte hohe Fasan nicht gefunden werden konnte. Er fiel in den See, schwamm, wie ich vermute, ans Land und lief davon.«

»Ja,« versetzte ich, »besonders, da ich beschwören könnte, daß er mausetot war.«

»Das könnte ich auch, Quatermain, aber die Tatsache bleibt bestehen, daß er nicht da ist.«

»Wenn wir alle Fasanen hätten, die wir glauben totgeschossen zu haben, wäre unsere Beute viel größer als sie nun einmal ist«, bemerkte van Koop mit einem Ausdruck großer Erleichterung im Gesicht und fuhr dann in seiner widerlich gönnerhaften Weise fort:

»Immerhin, Sie haben ungewöhnlich gut geschossen, Quatermain. Ich hätte nicht geahnt, daß Sie mir so nahe kommen würden.«

Ich wollte antworten, tat es aber nicht, nur Lord Ragnall sagte:

»Herr Quatermain hat mehr als gut geschossen. Sein Debüt in der Schonung am See war das brillanteste, was ich je gesehen habe. Als Sie dort hineingingen, Sir Junius, waren Sie ihm um dreißig Stück voraus, und Sie haben dort siebzehn Patronen mehr verschossen.«

Gerade als wir gehen wollten, geschah etwas. Der rundäugige Charles kam pustend hergerannt und schwang einen schlammbedeckten Fasanenhahn in der Hand. Ihm folgte ein anderer Mann mit einem Hunde.

»Ich habe ihn, Mylord,« keuchte er, »den von dem kleinen Herrn, ich meine den, den er mit seinem letzten Schuß in den Wolken getötet hat. Er war steil in den Schlamm heruntergefallen und drin steckengeblieben. Tom und ich haben ihn mit einer Stange herausgefischt.«

Der Vogel war zwar schon fast erkaltet, aber augenscheinlich erst vor kurzem verendet, denn die Glieder waren noch völlig beweglich.

»Das senkt die Wagschale zugunsten von Herrn Quatermain,« sagte Lord Ragnall, »deshalb wäre es am besten, Sir Junius, Sie zahlten das Geld und gratulierten ihm, wie ich es jetzt tue.«

»Ich protestiere«, rief van Koop ärgerlich und noch bösartiger als gewöhnlich. »Wie soll ich wissen, ob dies Herrn Quatermains Fasan ist. Die in Frage stehende Summe ist höher als fünf Pfund, und so halte ich es für meine Pflicht, zu protestieren.«

»Die Aussage meiner Leute und die Wahrscheinlichkeit sprechen dafür, Sir Junius, daß es wirklich Herrn Quatermains Fasan ist«

Er untersuchte den Vogel näher und fragte: »Welche Art Schrot haben Sie benutzt, Sir Junius?«

»Nummer vier auf dem letzten Stand.«

»Und Sie haben Nummer drei verwendet, Herr Quatermain, nicht wahr? Schön, hat noch jemand Nummer drei gebraucht?«

Alle schüttelten die Köpfe.

»Jenkins, öffne den Kopf des Vogels! Ich denke, daß die Kugel, die ihn getötet hat, im Gehirn zu finden sein wird.«

Jenkins führte die Operation mit einem Federmesser aus und fand tatsächlich die Kugel.

»Schrot Nummer drei, Mylord, nicht dran zu tippen«, sagte er.

»Sie werden zustimmen, Sir Junius, daß damit der Beweis erbracht ist«, sagte Lord Ragnall »Und nun, da die Wette hier abgeschlossen wurde, ist es wohl am besten, sie wird auch hier bezahlt.«

»Ich habe nicht genug Geld bei mir«, erwiderte van Koop mürrisch.

»Ich glaube, Ihr Bankier ist auch der meinige,« sagte Lord Ragnall ruhig, »so können Sie im Zimmer sogleich einen Scheck ausschreiben. Kommen Sie alle herein, es ist kalt hier im Winde.«

So gingen wir ins Rauchzimmer, und Lord Ragnall, der sich, wie ich merkte, ärgerte, holte sogleich einen Blankoscheck aus seinem Arbeitszimmer und übergab ihn van Koop mit einer befehlenden Geste.

Dieser nahm ihn, und zu mir gewendet sagte er: »Ich erinnere mich der Summe an sich, aber wieviel betragen die Zinsen? Es tut mir leid, Sie zu bemühen, aber Zahlen sind meine schwache Seite.«

»Dann müssen Sie sich innerhalb der letzten zwölf Jahre sehr verändert haben, Sir Junius«, konnte ich nicht umhin, zu bemerken. »Aber lassen wir die Zinsen. Ich bin mit der Hauptsumme ganz zufrieden.«

So füllte er den Scheck über zweihundertfünfzig Pfund aus und warf ihn vor mich auf den Tisch hin, wobei er etwas über lästiges Vermischen von Geschäft und Vergnügen brummte. Ich nahm das Papier und sah, daß es richtig, wenn auch fast unleserlich, ausgeschrieben war. Aber während ich es trocknete, kam es mir in den Sinn, daß ich mit diesem auf solche Art gewonnenen Gelde nichts zu tun haben wollte.

Indem ich einem vielleicht törichten Gefühl nachgab, sagte ich:

»Lord Ragnall, der Scheck hier ist die Deckung für eine Schuld, die ich schon längst als verloren abgeschrieben habe. Beim Frühstück sprachen Sie heute von einem Hospital, für das Sie einen Fonds sammeln wollten, und auf eine diesbezügliche Frage von Ihnen sagte Sir Junius Fortescue, daß er bis jetzt noch nichts für den Fonds gezeichnet hätte. Wollen Sie mir erlauben, Ihnen hiermit Sir Junius' Zeichnung, die auf seinen Namen eingetragen werden mag, zu übergeben?« Und ich reichte ihm den Scheck, der auf mich oder Überbringer ausgestellt war.

Er warf einen Blick auf den Scheck und errötete, als er sah, daß er nicht auf fünf, sondern auf zweihundertfünfzig Pfund lautete. Dann fragte er:

»Was sagen Sie zu diesem Akte von Freigebigkeit seitens Herrn Quatermain, Sir Junius?«

Es erfolgte keine Antwort. Sir Junius war verschwunden. Ich habe ihn niemals wiedergesehen. Wie ich einige Jahre später hörte, wurde der Scheck doch nicht unter seinem, sondern unter meinem Namen dem Hospital übergeben. Und zwar errichtete man von dem Gelde einen kleinen Extraraum zur Unterbringung kranker Kinder; er erhielt den Namen »Allan-Quatermain-Saal«.

Damit habe ich die Geschichte von jenem Dezemberschießen erzählt. Seit jenem Tage datiert meine lange und innige Freundschaft mit Ragnall.

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