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Das Elfenbeinkind

Henry Rider Haggard: Das Elfenbeinkind - Kapitel 16
Quellenangabe
authorHenry Rider Haggard
titleDas Elfenbeinkind
publisherVerlag Martin Maschler
yearo.J.
translatorArthur Heye
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170210
projectid318bbeb0
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16. Kapitel
Die Gesandtschaft des König Simba

Die Zeremonie war zu Ende. Die Priester außer Hârut und noch zwei anderen verschwanden, wahrscheinlich um dem Volk den Abschluß des Vertrages zu verkünden. Der alte Hârut betrachtete uns eine Weile schweigend, dann sagte er auf englisch:

»Was ihr nun gern tun? Vielleicht ihr wollen zurückfliegen nach Stadt des Kindes, denn ich vermute, ihr hierher geflogen? Wenn so, bitte nehmen mich mit, dann ich brauche nicht solange zu reiten auf Kamel.«

»O nein,« antwortete ich, »wir sind zu Fuß durch jenes Loch gekommen, in dem der Vater der Schlangen lebte, der vor Furcht starb, als er uns sah.«

»Gut gelogen,« sagte Hârut anerkennend, »ausgezeichnete Lüge! Ich gern wissen, wie ihr große Schlange umgebracht. Wir immer denken, sie leben ewig, denn sie immer hier gewesen, hundert, hundert Jahre. Unser Volk finden sie, wenn kommen in dies Land, und machen sie zu einer Art Gott. Wollt ihr Kind sehen? Wenn so, kommt, denn ihr unsere Brüder nun, nur bitte abnehmen Hut und nicht sprechen.«

So traten wir unter seiner Führung in das kleine Heiligtum. In einer Nische stand die heilige Figur, die Ragnall und ich mit einer Art ehrfürchtigen Interesses betrachteten. Es war eine Statue von ungefähr siebzig Zentimeter Höhe. Sie war aus einem großen Elefantenzahn geschnitzt und so alt, daß das gelbliche Elfenbein morsch geworden und von einer Unzahl feiner Risse und Sprünge gekerbt war.

Die Statue mußte von einem großen Künstler, wahrscheinlich nach einem lebenden Modell, modelliert worden sein.

Außer der Statue lagen noch zwei Papyrusrollen in einer Nische.

Wir verließen das Heiligtum, und Hârut führte uns durch die zwei Höfe und den Pylon zum Außentor des Tempels.

»Lords,« sagte er hier, »jetzt seid ihr und die weißen Kendah Brüder, euer Ende ist ihr Ende, euer Schicksal ist ihr Schicksal, ihre Geheimnisse sind eure Geheimnisse. Du, Lord Igeza, arbeitest für eine Belohnung, eben jene Dame, die wir droben am Nil dir weggenommen haben – –«

»Wie habt ihr diesen Streich eigentlich ausgeführt?« fragte Lord Ragnall.

»Lord, wir haben dich beobachtet. Wir wußten, daß du nach Ägypten kamst. Wir folgten dir auf Schritt und Tritt, und eines Nachts riefen wir dein Weib, und sie gehorchte, weil sie nicht anders konnte. Wir hatten ihr den Verstand weggenommen – frage mich nicht wie – und brachten sie dann hierher, wo sie unter uns lebte. Erinnerst du dich des Trupps von Arabern, die an jenem Abend die Ufer des großen Flusses entlang ritten? Ich hoffe, sie wird mit dir zusammen unverletzt wieder zurück in euer Heimatland reisen, wenn hier alles zu Ende ist. Auch du, Lord Macumazana, arbeitest für eine Belohnung, für den ungeheuren Schatz von Elfenbein jenseits des Tavaflusses. Wenn du Jana, der diesen Schatz bewacht, getötet und die schwarzen Kendah, die ihm dienen, besiegt haben wirst, gehört er dir, und wir werden dir Kamele geben, damit du ihn oder einen Teil davon – alles kannst du ja unmöglich fortschleppen – mit nach der Küste bringen kannst. Was den gelben Mann betrifft, glaube ich, daß er keine Belohnung sucht, und er braucht auch keine, denn er wird ohnedies bald alles besitzen.«

»Der alte Zauberdoktor meint, daß ich sterben muß,« sagte Hans und spuckte nachdenklich aus, »nun, Baas, ich bin bereit dazu, wenn nur vorher Jana und ein paar andere in die Hölle gefahren sind.«

»Quatsch!« rief ich aus. Dann drehte ich mich um und hörte Hârut weiter zu.

»Lords,« sagte er, »diese Straßen, die nach Osten und Westen laufen, sind die eigentlichen Wege auf den Gipfel des Berges und zum Tempel. Nicht jener, der durch die Höhle der alten Schlange hindurch führte. Der östliche Weg, der den Fuß des Berges entlang zu einem Paß in jenen entfernteren Bergen und von dort aus durch die Wüste nordwärts führt, ist so leicht zu blockieren, daß wir von dorther keinen Angriff zu befürchten haben. Mit dem westlichen Wege allerdings ist es anders, wie ich euch zeigen werde, wenn ihr mit mir kommen wollt.«

Er gab seinen Priestern einige Befehle. Sie eilten davon und kehrten nach kurzer Zeit mit einer Anzahl von Reitkamelen zurück. Wir bestiegen die Tiere und folgten Hârut. Etwa einen Kilometer entfernt erhob sich ein steiler Felsabhang, der wahrscheinlich einmal den Rand eines Außenkraters gebildet hatte. An einer Stelle wurde er von einer etwa zweihundert Meter breiten Schlucht durchbrochen. Außerdem bemerkten wir rechts und links vom Berge alte Befestigungsanlagen. Hârut berichtete, daß sie vor etwa hundert Jahren anläßlich eines früheren Krieges mit den schwarzen Kendah von seinen Vorfahren aufgeworfen worden waren. Damals allerdings war das Volk der weißen Kendah noch viel zahlreicher als jetzt.«

»So kennt Simba diese Straße?« fragte ich.

»Ja, Lord, und Jana kennt sie auch; denn er hat in jenem Kriege mitgekämpft, und sogar jetzt kommt er noch manchmal auf ihr herauf und tötet jeden, den er trifft. Nur bis zum Tempel hat er sich noch nie vorgewagt.«

Ich setzte Hârut auseinander, daß es notwendig wäre, an dieser Stelle ohne Verzug neue und stärkere Verschanzungen aufzuwerfen, das heißt, wenn überhaupt die Absicht bestand, den Berg als letzte Zuflucht zu verteidigen.

»Das allerdings ist unsere Absicht, Lord,« antwortete er, »denn wir sind nicht stark genug, die Schwarzen in ihrem eigenen Lande anzugreifen oder uns ihnen in offener Feldschlacht zu stellen. Deshalb wird es eure Aufgabe sein, hier Wälle zu bauen, stark genug, um Jana und die Horden der schwarzen Kendah aufzuhalten.«

»Meinst du damit, daß Jana mit Simba und seinen Kriegern kommen und kämpfen wird?«

»Ganz ohne Zweifel, Lord, er hat das immer so gehalten. Jana ist dem König und gewissen Priestern der schwarzen Kendah gegenüber zahm, und er wird ihren Befehlen blind gehorchen. Auch kann er selbst denken; denn er ist ja ein böser Geist und unverwundbar.«

»Sein linkes Auge und die Spitze seines Rüssels sind aber nicht unverwundbar,« bemerkte ich, »obgleich ich nach allem, was ich von ihm weiß, dir darin zustimmen möchte, daß er tatsächlich fähig ist, selbständig zu denken. Nun, eigentlich freue ich mich, daß die Bestie hierher kommt. Ich habe ja noch ein Hühnchen mit Jana zu pflücken.«

»Gerade so wie er mit dir, Lord, denn niemals vergißt Jana irgend etwas, und auch mit dir, Licht-im-Dunkel«, setzte Hârut in einem unangenehmen und eindringlichen Tone hinzu.

Ragnall nahm einige Maße und machte eine Skizze des Ortes in sein Notizbuch, um sich klar darüber zu werden, wie dort Befestigungen anzulegen seien. Dann setzten wir unseren Ritt an den östlichen Abhängen des Berges entlang fort. Auch hier stand dichter Zedernwald, der gegebenenfalls als leicht zu verteidigendes Terrain gelten konnte. Am Fuße des Berges machte die Straße einen großen Bogen um das steinige Gelände, und so kamen wir erst gegen Mittag in der Stadt des Kindes an. Wir waren so müde, daß wir uns gleich nach dem Essen hinlegten und bis gegen Abend schliefen.

Kurz nach fünf Uhr wurden wir durch Hârut geweckt, der uns mitteilte, daß – wie seine zuverlässigen Kundschafter in Erfahrung gebracht hatten – die schwarzen Kendah sich zum Kampf gegen das »Volk des Kindes« entschlossen und ihn nach wohl vierzehn Tage währenden Vorbereitungen beginnen würden.

Noch am gleichen Abend begannen auch unsere Vorbereitungen zur Abwehr des Angriffs, der jetzt unvermeidlich schien. Für uns Weiße kamen die mystischen Kräfte der beiden rivalisierenden Gottheiten nicht in Betracht. Und bei nüchterner Beurteilung schien die Situation der weißen Kendah allerdings außerordentlich ernst. Sie konnten etwa zweitausend oder, wenn man Jünglinge von vierzehn und alte Männer über fünfundfünfzig Jahren einrechnete, bestenfalls zweitausendsiebenhundert kriegsdienstfähige Leute aufbringen. Für Hilfsdienste kamen vielleicht noch zweitausend Frauen in Frage.

Gegen diese kleine Macht konnten die schwarzen Kendah zwanzigtausend Mann aufbringen, also zehn gegen einen. Außerdem würden diese Feinde mit dem Mute der Verzweiflung kämpfen. Sie waren vom Hungertode bedroht.

Zugunsten der Anhänger des Kindes sprach einzig und allein, daß sie in der natürlichen Festung ihres heiligen Berges eine Stellung innehatten, die, gut verteidigt, fast uneinnehmbar war. Außerdem standen ihnen die Kenntnisse und Erfahrungen von Ragnall und mir selbst zur Verfügung, und schließlich mußte der Feind unseren Feuerwaffen gegenübertreten. Keiner von beiden Stämmen hatte bis jetzt mit solchen Waffen zu tun gehabt.

Demnach bestand unsere nächste Aufgabe darin, von den fünfzig Büchsen, die wir nach Kendahland mitgebracht hatten, den bestmöglichen Gebrauch zu machen. Deshalb bat ich Hârut um fünfundsiebzig ausgewählte, tapfere und intelligente junge Leute, um sie im Schießen auszubilden. Wir hatten zwar nur fünfzig Gewehre, aber ich wollte fünfundsiebzig Mann einexerzieren, um nötigenfalls Ersatz für Gefallene zu haben.

Die Aufgabe war nicht leicht. Vor allem deshalb, weil wir mit der Übungsmunition sehr, sehr sparsam umgehen mußten. Immerhin lehrten wir sie, zu zielen, zu feuern, auf das Kommando hin das Feuer einzustellen und vor allem, die Gewehre tief zu halten und keinen Schuß zu verschwenden. Meisterschützen konnte ich natürlich unter diesen Umständen aus ihnen nicht machen.

Mit Ausnahme dieser Leute war fast die gesamte männliche Bevölkerung alltäglich bis tief in die Nacht hinein mit dem Einbringen der Ernte beschäftigt. Alles wurde auf Kamelen in den zweiten Hof des Tempels, den einzigen sicheren Platz, gebracht. Die Vieh- und Kamelherden wurden an den Abhängen des Berges in Lichtungen und Schluchten versteckt und Futtervorräte für sie gesammelt. Außerdem mußte natürlich auch eine Postenkette am Flusse entlang aufgestellt werden.

Eine Menge Menschen nahm ferner die Befestigung des Bergpasses in Anspruch. Diese Arbeit unterstand Ragnall, der glücklicherweise früher als Offizier bei der Pioniertruppe gedient hatte.

Unter Assistenz der Priester und aller Frauen und Kinder, die nicht beschäftigt waren, baute er Wall hinter Wall, baute er Redoute hinter Redoute, von den Schützen- und Unterstandsgräben, die er aushob, und den Wolfsgruben mit scharfen, zugespitzten Pfählen, die er überall graben ließ, wo die Bodenbeschaffenheit es nur erlaubte, gar nicht zu reden.

Der Feind ließ uns für unsere Rüstungen zehn Tage lang Zeit. In der vierzehnten Nacht, vom Neumond an gerechnet, kamen unsere Späher auf schnellen Kamelen herauf und berichteten, daß Tausende von schwarzen Kendah am jenseitigen Ufer des Flusses versammelt seien. In der fünfzehnten Nacht überschritt der Feind den Fluß, etwa fünftausend Reiter und fünfzehntausend Soldaten zu Fuß stark, an ihrer Spitze der riesige Gott-Elefant Jana und auf dessen Rücken Simba, der König, und ein Priester.

Zwei Nächte später loderten tief unter uns Flammen und Rauch. Die Stadt des Kindes brannte an allen Ecken und Enden. Die Armee der schwarzen Kendah bewegte sich nur langsam vorwärts, wohl um unterwegs noch so viel Nahrungsmittel als möglich aufzutreiben. Die Zeit der Prüfung war gekommen. Bis um Mitternacht arbeiteten Männer, Frauen und Kinder fieberhaft an der Fertigstellung der Befestigungswerke.

Insgesamt waren etwa fünftausend Menschen beiderlei Geschlechts und jeden Alters innerhalb der Felsenmauern versammelt. Mit Proviant und Wasser waren wir so gut versehen, daß wir eine Belagerung von mehreren Monaten aushalten konnten. Wurde unsere Stellung jedoch genommen, so gab es keine Möglichkeit des Entkommens, denn durch unsere Späher erfuhren wir, daß die Schwarzen eine Abteilung von mehreren tausend Mann abgeschickt hatten, die westliche Straße und die Abhänge des Berges zu sperren, für den Fall, daß wir versuchen sollten, in dieser Richtung auszubrechen. Den letzten, überhaupt noch existierenden Rückzugsweg, den durch die Schlangenhöhle, hatten wir selbst mit großen Steinen verrammelt, um nicht etwa hier in der Flanke angegriffen zu werden.

Kurz gesagt, wir steckten in unserer Festung drin wie Ratten in der Falle, und dort, wo wir waren, dort mußten wir entweder siegen oder sterben – es sei denn, wir wählten das dritte, die Übergabe. Diese aber bedeutete für die meisten von uns ein Schicksal, das schlimmer war als der Tod.

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