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Das Elfenbeinkind

Henry Rider Haggard: Das Elfenbeinkind - Kapitel 15
Quellenangabe
authorHenry Rider Haggard
titleDas Elfenbeinkind
publisherVerlag Martin Maschler
yearo.J.
translatorArthur Heye
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170210
projectid318bbeb0
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15. Kapitel
Das Heiligtum und der Eid

Am gleichen Abend noch, kurz nach Sonnenuntergang, brachen wir auf. Über unseren Anzügen trugen wir Kendahkleider, die Ragnall gekauft hatte, in den Händen nur unsere Stöcke und etwas Proviant, und in der Tasche die Laterne. An der Stadtgrenze trafen wir einen Trupp Kendah. Einer der Leute erkannte mich.

»Habt ihr irgendwelche Waffen bei euch, Lord Macumazana?« fragte er und sah uns in unserer Verkleidung neugierig an.

»Keine,« antwortete ich, »durchsuche uns, wenn du willst.«

»Dein Wort genügt«, antwortete er ernst und höflich. »Wenn ihr nicht bewaffnet seid, haben wir Befehl, euch gehen zu lassen, wohin ihr immer wünscht und in welcher Verkleidung es auch sei. Jedoch, Lord,« flüsterte er mir zu, »ich flehe dich an, betretet nicht die Höhle; denn dort wohnt jemand, der niemals fehlt, wenn er zuschlägt, einer, dessen Kuß Tod bedeutet. Ich flehe dich in deinem eigenen Interesse wie auch in unserem an. Wir brauchen dich.«

»Wir werden den, der in der Höhle schläft, nicht aufwecken«, antwortete ich ausweichend. Wir hatten erfahren, daß die Kendah von dem Tode der Schlange noch nichts wußten.

Eine Stunde Wegs brachte uns zum Eingang der Höhle. Je näher wir kamen, desto mehr Befürchtungen erwachten in mir. Wie, wenn Hans sich tatsächlich betrunken und die ganze Geschichte nur erfunden hatte, um seine Abwesenheit zu bemänteln? Wie, wenn die Schlange sich von der Vergiftung als einem nur vorübergehenden Unwohlsein wieder erholt hatte? Wie, wenn andere Schlangen ebenfalls in der Höhle wohnten und jetzt nach Rache dürsteten?

Wir erreichten die Stelle und lauschten. Es herrschte Stille wie in einem Grabe. Dann zündete der brave Hans die Laterne an und sagte:

»Wartet hier, Baases. Ich will nachsehen, was da drinnen los ist. Wenn ihr hört, daß mir irgend etwas geschieht, so werdet ihr Zeit genug haben, wegzulaufen.« Es waren Worte, die aus dem Munde eines Hottentotten in mir ein Gefühl der Beschämung erzeugten.

Da wir aber wußten, daß er flink wie ein Wiesel und leise wie eine Katze war, ließen wir ihn gehen. Ein oder zwei Minuten später erschien er wieder vor uns, und ich konnte sehen, daß er über das ganze Gesicht grinste.

»Alles ist in Ordnung, Baas,« sagte er, »der Schlangenvater ist tatsächlich in jenes Land gegangen, wohin er Bona gesandt hat, und ich sehe auch keine Stammesgenossen. Kommt und schaut ihn euch an.«

So gingen wir denn hinein, und wirklich, da, auf dem Boden der Höhle, lag das riesige Reptil, steintot und unförmig aufgeschwollen. Ich weiß nicht, wie lang das Tier war; sein Körper war teilweise zusammengerollt. Überall lagen Haufen zerbrochener Knochen herum, und unter ihnen bemerkte ich auch die Fragmente eines menschlichen Schädels.

Lange starrten wir auf die scheußliche und immer noch glitzernde Kreatur, dann liefen wir davon in plötzlich aufsteigender Furcht, es könnten doch noch mehr Tiere dieser Art hier existieren. Aber der Schlangenvater war wohl ein Einzelgänger unter den Schlangen, wie Jana einer unter den Elefanten gewesen. Wir trafen keine andere mehr, und wenn die Berichte richtig waren, die ich später erhielt, so hatte es in diesem Lande auch niemals ein anderes Exemplar dieser Gattung gegeben. Woher die Schlange gekommen war, wußte niemand. Alles, was die Kendah sagen konnten oder wollten, war, daß sie in diesem Loch von allem Anfang an gehaust hatte.

Die Höhle selbst war nicht lang, kaum mehr als fünfzig Meter. Zum Ausgang zu verengte sie sich so stark, daß ich zu fürchten begann, sie könnte überhaupt keinen Ausgang haben. Doch zuletzt fanden wir ein Loch, gerade groß genug, daß ein Mann aufrecht hindurchgehen konnte. Es mußte also unbedingt noch ein anderer zum Heiligtum der weißen Kendah führender Weg existieren.

Als wir mit großer Erleichterung im Herzen aus dem Loche herauskamen, sahen wir einen mächtigen Graben vor uns. Uns gegenüber, oberhalb der Böschung, lag ein dichter, dunkler Wald.

Wir kletterten vorsichtig hinunter, etwa achtzig Schritte tief, bis auf den Boden des Grabens, und dann drüben auf der anderen Seite wieder hinauf, bis unsere Füße auf der tiefen, fruchtbaren Erde des heiligen Waldes standen.

Jetzt, in der Dunkelheit, vermochten wir buchstäblich keinen Zoll unserer Gesichter zu erkennen. Hans führte uns, seine Instinkte waren besser als unsere. Es ging scharf bergan, und zwar, wie ich beim Lichte eines Zündholzes an meinem Taschenkompaß feststellte, nordwärts in der Richtung des Heiligen Berges also.

Stunde um Stunde krochen wir vorwärts. So verging langsam die lange, lange Nacht. Nach und nach wurden die Bäume ein wenig lichter, so daß wir die Sterne zwischen ihren Wipfeln hindurchschimmern sehen konnten.

Etwa eine halbe Stunde vor der Morgendämmerung stand Hans plötzlich still und sagte:

»Halt, Baas, wir stehen am Rande einer Klippe, mein Stock findet keinen Boden.«

Ragnall wollte gerade die Laterne anzünden, als wir plötzlich ein Gemurmel hörten und durch die Zweige der Büsche, etwa zehn bis fünfzehn Meter unter uns, kleine Lichter sich über den Boden bewegen sahen. Wir gaben natürlich sofort unsere Absicht, die Laterne anzuzünden, auf und krochen leise wie Mäuse wieder in die Büsche zurück.

Endlich kam der Morgen. Der erste Lichtstrahl schoß wie ein feuriger Speer über den Himmel hin, und als er erschien, erhob sich unter uns ein tiefer und melodischer Gesang. Er erstarb wieder, und eine Weile herrschte Stillschweigen, nur unterbrochen von einem schlürfenden Geräusch, wie wenn Leute in einem dunklen Theater ihre Sitze einnehmen. Eine Frau begann mit schöner Altstimme zu singen. Ich konnte die Worte nicht erfassen, wenn es überhaupt Worte waren und nicht nur Töne.

Ragnall neben mir wurde plötzlich sehr aufgeregt und raunte mir flüsternd zu:

»Ich glaube, das ist die Stimme meiner Frau.«

»Wenn sie's wirklich ist, bitte ich Sie, sich zu beherrschen.«

Der Himmel begann in goldener Pracht aufzuflammen und das Licht in die neblige Höhlung unter uns hinabzufluten. Uns zu Füßen lag ein Amphitheater. Wir saßen auf seiner südlichen Mauer. Es war eine natürliche Lavaklippe von ungefähr zwanzig Meter Höhe. Das Amphitheater war von ovaler Gestalt und nicht sehr groß. Rings um dieses Oval liefen lange Reihen von Sitzen, die in die Lava des Kraters hineingehauen waren. Ohne Zweifel war dieses Amphitheater der Krater eines erloschenen Vulkans.

In der Arena dieses Theaters nun stand ein Tempel, der, seinem Stil nach, geradezu von altägyptischen Baumeistern aufgeführt zu sein schien. Hier war der Torturm, der Pylon, dort der äußere, offene und säulenumkränzte Hof, dort, ebenfalls offen, ein zweiter kleinerer Hof, und hinter diesem, aus Lavablöcken errichtet wie alles andere, ein gedecktes kleines Gebäude, das Allerheiligste. Vor dem Eingang zum Allerheiligsten stand ein großer Block aus Lava, wohl der Altar, und vor diesem ein steinerner Sitz und ein Steinbecken, das auf drei Füßen ruhte. Den hinteren Abschluß der Tempelanlage bildete ein viereckiges Haus mit Fensteröffnungen.

Auf den Bänken dieses Amphitheaters saßen etwa dreihundert Personen, Männer und Frauen, die Männer auf der nördlichen und die Frauen auf der südlichen Seite. Alle waren in schneeweiße Gewänder gekleidet. Die Häupter der Männer waren geschoren, jene der Frauen verschleiert, ihre Gesichter jedoch waren unverhüllt. Zwei Wege durchquerten das Amphitheater in nördlicher und westlicher Richtung. Sie schienen aus den umgebenden Felsen herzukommen, und beide Wege fanden an den Felsenöffnungen durch mächtige, wohl fünf bis sechs Meter hohe, hölzerne Doppeltore ihren Abschluß.

Jetzt öffneten sich die Zellen zwischen den Säulen des äußeren Hofes, und zwölf Priester, von Hârut selber geführt, traten heraus. Jeder von ihnen trug auf einer hölzernen Platte verschiedene Feldfrüchte. Aus den Zellen der südlichen Seite erschienen gleichzeitig zwölf Frauen, sie stellten sich vor den Männern auf. Auch sie trugen hölzerne Platten, und auf ihnen lagen Blumen.

Auf ein Zeichen hin intonierten sie einen Choral und wandelten dabei langsamen Schrittes durch den Gang, der aus dem ersten in den zweiten Hof führte. Vor dem Altar angelangt, setzten sie, einer nach dem anderen, ihre Opfergaben nieder. Dann stellten sich Männer und Frauen zu beiden Seiten des Altars auf, und Hârut ergriff eine Platte mit Getreide und eine mit Blumen. Er hob sie erst gen Himmel, dann gegen die aufgehende Sonne und schließlich gegen das Tor des Heiligtums, wobei er halb singend und halb sprechend psalmodierte.

Es folgte ein Gesang des ganzen Auditoriums.

Nach einer Pause öffneten sich die Tore des Heiligtums. Und zwischen ihnen erschien – die Göttin Isis der Ägypter! Sie war in enganliegende Gewänder von so dünnem Stoff gehüllt, daß man ihren weißen Körper durchschimmern sah. Das Haar wurde durch einen elfenbeinernen Kamm gehalten, und auf dem Kopfe trug sie einen Schmuck aus glitzernden Federn; an der Stirnseite ringelte sich eine kleine goldene Schlange empor. In ihren Armen barg sie etwas, was aus dieser Entfernung aussah wie ein nacktes Kind. Hinter ihr schritten zwei Frauen; sie stützten ihr die Arme, und auch sie trugen jene Federmützen, aber ohne goldene Schlange, und auch sie waren in enganliegende, durchscheinende Gewänder gehüllt.

»Mein Gott!« flüsterte Ragnall, »das ist meine Frau!«

»Dann seien Sie still, und danken Sie Gott, daß sie am Leben und gesund ist«, antwortete ich.

Die Göttin stand still. Priester und Priesterinnen, die ganze Versammlung stieß dreimal einen triumphierenden Ruf des Willkommens aus. Dann nahmen Hârut und der erste Priester einen Maiskolben und eine Blume von den Holzbrettern und hielten sie an die Lippen des Kindes und hernach an die Lippen der Göttin. Hierauf wurde sie von den zwei Dienerinnen zum steinernen Stuhle geführt. Sie nahm auf ihm Platz, und es wurde ein Feuer in der steinernen Schale auf dem Dreifuß angezündet. Es brannte mit dünner, blauer Flamme, und wir sahen Hârut und den Oberpriester etwas darauf werfen; es entwickelte einen dunkelblauen Rauch. Dann beugte Isis, ich möchte sie nicht anders nennen, ihren Kopf vor, so daß der Rauch ihn verhüllte, genau so, wie sie und ich es damals vor Jahren im Salon des Schlosses Ragnall getan hatten. Der Rauch verzog sich wieder, und die beiden Dienerinnen bemühten sich um die Göttin. Sie saß jetzt aufrecht im Stuhl, das Kind an ihre Brust gepreßt und den Kopf sanft nach vorn neigend, als wäre sie betäubt.

Jetzt schritt Hârut zu der Göttin hin und schien mit ihr eine lange Zwiesprache zu halten. Er trat abseits, und nach einer Pause, während ringsum tiefstes Schweigen herrschte, erhob sich die Göttin, die weitgeöffneten Augen gen Himmel gerichtet, und begann zu sprechen. Wir hörten nicht, was sie sagte, doch in dem klaren Morgenlicht konnten wir die Bewegungen ihrer Lippen beim Sprechen genau sehen. Sie sprach mehrere Minuten lang. Dann setzte sie sich wieder nieder und blieb bewegungslos. Hârut aber trat nochmals vor, diesmal an den Altar, postierte sich dort auf einer Stufe und sprach zu den Priestern und Priesterinnen und zur ganzen Versammlung. Seine Stimme war so laut und klar, daß ich jedes Wort verstehen konnte, was er sagte.

»Die Wächterin des himmlischen Kindes, die erwählte Hüterin, sie, die in ihren Armen das Symbol des Kindes trägt, hat gesprochen. Hört die Worte, die das Orakel als Antwort auf die Fragen mir, Hârut, dem Oberpriester des ewigen Kindes, gesagt hat!

Oh, Volk der weißen Kendah, Anbeter des Kindes, Krieg bedroht euch. Jana, der Böse, empört sich gegen euch! Mein Fluch ist auf das Volk Janas gefallen, mein Hagel hat sie, ihr Korn und ihr Vieh zerschmettert; sie haben nichts mehr zum Essen. Doch sie sind noch immer stark genug zum Krieg; und in eurem Lande gibt es zu essen. Sie kommen, um euer Getreide zu nehmen. Jana kommt, um euren Gott zu zerstampfen. Ihr seid wenig an Zahl, und Jana ist sehr stark. Das Kind wird schwach und alt, und die Tage seiner Herrschaft sind beinahe vorüber, und seine Anbetung ist fast ausgestorben. Nur hier noch lebt diese Anbetung.

›Wie sollt ihr siegen? Nur auf eine einzige Weise‹, – so spricht die Wächterin, die Amme des Kindes, die mit der Stimme des Kindes spricht. ›Durch die Hilfe jener, die ihr von weither zu eurer Unterstützung gerufen habt! Vier waren es; aber ihr habt zugelassen, daß einer von ihnen unter dem Biß des Wächters der Höhle sein Leben gelassen hat. Das war eine böse Tat, Söhne und Töchter des Kindes! Warum habt ihr dies getan? Damit das Geheimnis bewahrt wird, das Geheimnis vom Diebstahl einer Frau, damit ihr eure Lüge fortsetzen könnt, die nun auf euch herabfällt wie ein Stein vom Himmel.‹

So spricht das Kind: ›Erhebt keine Hand gegen die drei, die übriggeblieben sind, und was jene gebieten, das tut! Denn jene allein werden es erreichen, daß einige von euch gerettet werden vor Jana und vor denen, die ihm dienen. Tut es, selbst wenn die Wächterin euch genommen wird und das Kind selbständig zurückkehrt zu seiner eigenen Stätte.‹

Dieses sind die Worte des Orakels, ausgesprochen bei dem Feste der ersten Früchte, die Worte, die nicht geändert werden können, und die Worte, die wahrscheinlich seine letzten waren.«

Hârut hatte geendet, und tiefe Stille herrschte ringsum. Nach und nach schienen die Zuhörer die ungeheure Bedeutung dieser Worte zu begreifen, und aus ihren Reihen erhob sich tiefes Stöhnen. Dann hob die Göttin das Symbol des Kindes hoch über ihren Kopf. Die Anwesenden verbeugten sich in tiefster Verehrung. Das Kind immer noch in die Höhe haltend, wandte sich die Göttin um, und begleitet von ihren Dienerinnen schritt sie langsam in das Haus hinter dem Heiligtum zurück.

Jetzt erhoben sich die Teilnehmer der Versammlung von ihren Plätzen und schwärmten in den Außenhof des Tempels, dessen östliches Tor offenstand. Hier hielten sich die Priester auf und verteilten die Gaben, die auf dem Altar gelegen hatten. Jeder Mann bekam Korn zu essen und jede Frau eine Blume zum Küssen.

Ragnall seufzte tief auf. Er schien zu einem Entschluß gekommen zu sein. Seine Augen glühten, sein Gesicht war kalkweiß.

»Was wollen Sie tun?« fragte ich.

»Ich will diese Leute auffordern, mir meine Frau zurückzugeben. Versuchen Sie nicht, mich zurückzuhalten, Quatermain, ich bin entschlossen, das auszuführen, was ich gesagt habe.«

»Aber – aber –« stammelte ich, »das werden sie niemals tun, und wir sind doch nur drei unbewaffnete Männer.«

Hans hob sein kleines, gelbes Gesicht neben meines.

»Baas,« flüsterte er, »ich habe einen Gedanken. Was hat soeben der alte Zauberdoktor Hârut da unten gesagt? Sagte er nicht, daß nur mit unserer Hilfe die weißen Kendah den Horden der schwarzen Kendah widerstehen könnten, und daß uns kein Leid zugefügt werden dürfe, wenn die weißen Kendah weiterleben wollen? Also scheint mir, Baas, daß wir etwas zu verkaufen haben, was die weißen Kendah kaufen müssen, nämlich unsere Hilfe gegen ihre schwarzen Brüder. Wenn wir nicht für sie kämpfen, glauben sie, daß sie ihre Feinde nicht besiegen und den Teufel Jana nicht töten können. Nun gut, angenommen der Baas sagt, daß unser Preis die weiße Frau ist, die wie ein Vogel aussieht, daß sie uns übergeben werden muß, wenn wir die schwarzen Kendah besiegt und Jana getötet haben, und weiter, daß wir unser gesamtes Pulver und alle unsere Patronen verbrennen wollen, wenn sie diesen Preis nicht bezahlen, – ist dann nicht Aussicht, sie zu bekommen?«

Ich setzte Ragnall den Plan auseinander und fügte hinzu:

»Es ist dann sehr wahrscheinlich, daß jene Leute Ihre Frau lieber umbringen als zugeben, daß jemand, den sie als heilig und als notwendig für ihren Glauben betrachten, von dem Kind, das ihnen noch heiliger ist, bei seinen letzten Kämpfen getrennt wird.«

Es war ein glücklicher Einwurf, den ich da machte, denn Ragnall murmelte:

»Sie nochmals zu verlieren, wäre mehr als ich ertragen kann.«

»Wollen Sie versprechen, es mir zu überlassen, diese Sache in Ordnung zu bringen und nicht Gewalt anzuwenden?«

Er zögerte einen Moment und antwortete:

»Ja, ich verspreche es. Ihr beide seid klüger als ich, und – ich kann augenblicklich meinen Nerven nicht trauen.«

»Gut,« sagte ich, »so wollen wir denn jetzt hinabsteigen und uns mit Hârut und seinen Freunden ein bißchen unterhalten.«

Ungesehen erreichten wir das Tor, schritten, ohne Aufmerksamkeit zu erregen, hindurch, blieben an der Öffnung stehen, und ich rief mit lauter Stimme aus: »Die weißen Herren und ihr Diener sind gekommen, um Hârut zu besuchen. Er hat uns eingeladen. Wir bitten euch, bringt uns zu Hârut!«

Wie vom Schlage gerührt drehten alle Menschen ihre Köpfe zu uns hin und starrten uns an.

»Tötet sie! Tötet diese Fremden, die unseren Tempel schänden.«

»Was!« antwortete ich, »ihr wollt jene töten, denen euer Hohepriester sicheres Geleit zugesagt hat? Jene, durch deren Hilfe allein ihr hoffen könnt, Jana und seine Horden zu schlagen?«

»Wie könnt ihr das wissen?« rief eine andere Stimme.

»Es sind Zauberer! Es sind Zauberer!«

»Ja,« bemerkte ich, »die Magie wohnt nicht allein in den Herzen der weißen Kendah! Wenn ihr zweifelt, geht, schaut euch einmal den Wächter der Höhle an, von dem euer Orakel sagte, er sei tot. Ihr werdet finden, daß es nicht gelogen hat.«

Im gleichen Augenblick kam ein Mann durch den Tunnel und das Tor hergestürmt Sein weißer Kaftan flatterte im Winde. Laufend noch schrie er:

»Priester und Priesterinnen des Kindes! Die uralte Schlange ist tot! Ich, dessen Amt es ist, die Schlange am Tage des Neumondes zu füttern, habe sie tot in ihrem Hause gefunden!«

»Ihr hört es,« setzte ich ruhig hinzu, »der Vater der Schlangen ist tot. Wenn ihr wissen wollt, wie er starb, will ich es euch sagen. Wir schauten ihn an, und er starb!«

Sie standen still und steif da und starrten uns an wie eine Herde erschreckter Schafe.

Auf einmal teilte sich die Herde, und der Hirte in Gestalt Hâruts trat vor uns hin.

»So, ihr hergekommen, eh? Warum ihr hergekommen? Wie, zum Teufel, ihr gekommen?«

»Wir kamen, weil du uns eingeladen hast« antwortete ich, »und weil wir es für unhöflich gehalten hätten, deiner Einladung nicht Folge zu leisten. Im übrigen kamen wir durch eine Höhle, wo eine zahme Schlange wohnte, ein häßlich aussehendes Reptil, aber sehr harmlos für jene, die wissen, wie sie mit Schlangen umzugehen haben, und die sich vor ihnen nicht fürchten wie der arme Bona. Wenn ihr für die Haut keine Verwendung habt, würde ich darum bitten, um mir eine Weste daraus zu machen.«

Hârut sah mich mit offensichtlichem Respekt an und murmelte:

»Oh, Macumazana, du, was ihr in diesem Lande nennt, kühn, sehr kühn!! Ist das alles?«

»Nein,« antwortete ich, »obgleich ihr uns nicht bemerktet, waren wir während eures Gottesdienstes unter euch und haben alles gehört und gesehen. So zum Beispiel haben wir auch die Frau dieses Lords hier gesehen, die ihr in Ägypten gestohlen habt, sie, von der du großer Lügner Hârut geschworen hast, ihr hättet sie nicht gestohlen. Wir haben auch ihre Worte gehört, als sie mit dem Rauch eures Tabaks betäubt war.«

Jetzt war Hârut zum erstenmal in seinem Leben, um mich sportlich auszudrücken, »knock out«. Er stierte uns an, wurde blaß, hob die Augen zum Himmel und schwankte hin und her, als wollte er umfallen.

»Wie, ihr hörtet es? Wie, eh?« forschte er mit schwacher Stimme.

»Kümmere dich nicht darum, wie wir es hörten, mein Freund,« antwortete ich munter, »was wir zu wissen wünschen, ist, wann ihr bereit seid, jene Frau ihrem Gatten zurückzugeben.«

»Nicht möglich,« antwortete er, »eher wir töten euch, eher wir töten sie! Sie Amme des Kindes, solange Kind hier, sie auch hier, bis sie stirbt.«

»Hör' zu,« fiel Ragnall ein, »entweder ihr gebt mir meine Frau oder sonst jemand wird sterben, und dieser Jemand wirst du sein, Hârut!«

»Lord,« antwortete der alte Mann mit Würde, »ich weiß, du kannst mich töten, und wenn du mich tötest, werde ich dir noch Dank sagen; denn ich möchte in all dieser Not und Angst nicht weiter leben. Aber wozu wäre das gut? Eine Minute später stirbst auch du, sterbt ihr alle, und deine Frau bleibt trotzdem hier, bis der schwarze Kendahkönig Simba sie sich zum Weibe nimmt oder sie sich selbst tötet!«

Ich übersetzte, was er gesagt hatte, und trat Ragnall warnend auf den Fuß. Dann antwortete ich:

»Höre zu, wir haben euer Orakel vernommen, und wir wissen, daß ihr seinem Worte glaubt. Es sagt, daß nur wir euch gegen die schwarzen Kendah helfen können. Wenn du uns nicht das versprichst, was wir fordern, werden wir euch nicht helfen. Wir werden unser Pulver verbrennen und unser Blei einschmelzen. Außerdem werden wir noch anderes tun, was ich dir nicht sagen will. Wenn du uns aber das Versprechen gibst, dann wollen wir für euch gegen Jana und Simba kämpfen, und wir wollen eure Leute lehren, die fünfzig Gewehre, die wir haben, zu gebrauchen, und ihr sollt durch unsere Hilfe siegen. Verstehst du?«

Er nickte, strich seinen langen Bart und fragte:

»Was soll ich versprechen?«

»Wir wollen, daß du versprichst, uns, nachdem Jana tot ist und die schwarzen Kendah fortgetrieben sind, jene Dame, die ihr gestohlen habt, unverletzt zu übergeben. Außerdem, daß ihr sie und uns sicher aus eurem Lande bringt, und daß ihr jetzt diesen Lord zu seiner Frau führt.«

»Nicht das letzte, das nicht!« antwortete Hârut, »das ist unmöglich, es würde uns allen den Tod bringen, es würde auch von keinem Nutzen sein; denn ihr Verstand ist nicht bei ihr. Was das andere betrifft, so kommt mit mir, setzt euch nieder und eßt, während ich mit den Priestern spreche.«

Er gab einige Befehle, worauf sich eine Art Garde um uns bildete, die uns unangefochten durch die Menge und dann den Gang entlang in den zweiten Tempelhof führte.

Inzwischen hatte Hârut etwa ein Dutzend Priester um sich versammelt, und eine lebhafte Diskussion war im Gange.

Etwa fünf Minuten später begann Hârut seine Rede. Hinter jedem Satz machte er eine Pause, damit ich ihn Ragnall übersetzen konnte.

»Lords Macumazana und Igeza und gelber Mann, dessen Name ›Licht-im-Dunkel‹ ist,« sagte er, »wir, die Oberpriester des Kindes, die wir im Namen des Volkes der weißen Kendah sprechen, haben bezüglich eurer Wünsche Rat gepflogen und wollen die beiden ersten Wünsche erfüllen. Wir bekennen, daß wir die Frau entführt haben, aber wir mußten dies tun. Ihr müßt schwören, bei uns zu bleiben bis zum Ende des Krieges, unsere Sache zu eurer Sache zu machen und, wenn es sein muß, euer Leben in der Schlacht hinzugeben. Ihr müßt ferner schwören, daß keiner von euch versuchen will, jene Dame, die ›Wächterin des Kindes‹ genannt wird, zu sehen oder von hier fortzunehmen, bevor wir sie euch übergeben. Wenn ihr diese Dinge nicht beschwören wollt, dann werden wir euch umbringen und unsere eigene Schlacht mit Jana auskämpfen, so gut wir können.«

»Und wenn wir diese Versprechen geben, wie sind wir sicher, daß ihr die euren haltet?« unterbrach ich ihn.

»Dadurch, daß der Eid, den wir schwören werden, der Eid des Kindes ist, der nicht gebrochen werden kann.«

»Dann schwört ihn«, sagte ich. Obgleich mir diese Sicherheit nicht ganz ausreichte, war es offenkundig doch die einzige, die wir bekommen konnten.

So legten sie in feierlicher Weise ihre rechten Hände auf den Altar, und »in der Gegenwart des Kindes und im Namen des Kindes und des ganzen Volkes der weißen Kendah« sprachen sie Hârut jenen furchtbaren Eid nach, den ich schon einmal wiedergegeben habe.

Sie ließen uns nun Zeit, die Sache unter uns zu besprechen. Anfänglich hatte ich Schwierigkeiten mit Ragnall, der ganz und gar nicht gewillt war, sich in irgendeiner Weise zu binden. Erst nachdem ich ihm noch einmal vorgestellt hatte, daß nicht nur unsere Leben, sondern das fernere Schicksal seiner unglücklichen Frau davon abhing, war er damit einverstanden, den Eid zu leisten.

Hârut verlangte, daß wir bei dem Kinde schwören sollten, was wir ablehnten. Wir wären gewohnt, nur beim Namen unseres eigenen Gottes zu schwören.

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