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Das Elfenbeinkind

Henry Rider Haggard: Das Elfenbeinkind - Kapitel 14
Quellenangabe
authorHenry Rider Haggard
titleDas Elfenbeinkind
publisherVerlag Martin Maschler
yearo.J.
translatorArthur Heye
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170210
projectid318bbeb0
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14. Kapitel
Hans stiehlt die Schlüssel

Ein paar Stunden später erschienen einige Kendah und brachten uns Ragnalls und des armen Wild Gewehre und Pistolen sowie die Blendlaterne, die Ragnall auf seiner Flucht weggeworfen hatte. Sie gaben an, sie hätten sie im Grase gefunden. Ich nahm alle diese Sachen ohne Bemerkung in Empfang. An demselben Abend besuchte uns auch Hârut, und nach vielen Begrüßungen fragte er nach Bona. Da schrie ich ihn empört an:

»O du weißbärtiger Vater aller Lügner, du weißt recht gut, daß er im Magen der Schlange verschwunden ist, die in der Höhle auf dem Berge lebt.«

»Was, Lord!« rief Hârut in seinem gebrochenen Englisch Ragnall zu, »Sie sind für Spaziergang droben im Loch im Berge gewesen? Ich nehme an, Bona wollte große Schlange sehen. Er immer liebte Schlangen, Sie wissen, und die auch liebten ihn sehr. Sie erinnern, wie sie aus seinen Taschen kamen in Ihrem Hause in England? Nun, jetzt weiß er alles über Schlangen.«

»Du Schuft!« schrie Ragnall, »du Mörder! Ich hätte gute Lust, dich auf der Stelle umzubringen.«

»Warum Sie würgen mich, Lord, weil Schlange würgen Ihren Mann? Arme Schlange, sie wollte nur essen. Wenn Sie gehen, wo Löwe wohnt, Löwe tötet Sie. Wenn Sie gehen, wo Schlange wohnt, Schlange tötet Sie. Ich sagte Ihnen, nicht gehen. Sie hören nicht darauf. Nun ich sage Ihnen allen – wenn Sie wünschen, dann gehen! Keiner halten Sie fest. Vielleicht Sie töten Schlange, wer weiß? Nur Sie keine Gewehre nehmen dorthin, bitte. Das nicht erlaubt. Wenn Sie Langeweile in dieser Stadt, gut, gehen und schauen Schlange an. Nur erinnern Sie, daß dieses nicht richtiger Weg zum Hause des Kindes. Ist ein anderer Weg, den Sie niemals finden.«

»Jetzt paß einmal auf,« sagte Ragnall, »was soll all diese Narretei? Du weißt recht gut, warum wir in deinem teuflischen Lande sind. Wir sind gekommen, weil ihr mein Weib gestohlen habt, um eine Priesterin aus ihr zu machen, und ich möchte sie zurückhaben.«

»All dieses großer Irrtum«, antwortete Hârut kaltblütig und unverschämt »Wir nicht stehlen schöne Frau, die Sie geheiratet; denn wir haben gefunden, daß Sie nicht richtige Priesterin. Auch Macumazana nicht hier, um nach Frau zu suchen, sondern Elefant Jana zu töten und gute Bezahlung in Elfenbein bekommen, ganz wie Geschäftsmann. Sie, Lord, kommen mit ihm, obgleich wir Sie nicht auffordern, so, das alles. Dann Sie versuchten, Tempel unseres Gottes zu finden, und Schlange, welche Tor bewacht, tötet Ihren Diener. Warum wir nicht töten Sie, eh?«

»Weil ihr euch fürchtet,« antwortete Ragnall kalt, »tötet mich, wenn ihr könnt, und zieht die Konsequenzen, ich bin bereit.«

Hârut betrachtete ihn mit unverhohlener Bewunderung.

»Sie sehr tapferer Mann,« sagte er, »und wir nicht wünschen, Sie töten, und vielleicht kommen alles richtig zuletzt. Du hörst, Licht-in-der-Dunkelheit, Herr-des-Feuers«, setzte er plötzlich zu Hans gewendet hinzu, der nebenan hockte, seinen Hut in der Hand drehte und ein so unbewegtes Gesicht machte wie ein Porzellanteller. »Du hörst, sie sehr hungrige Schlange, und du würdest geben hübsches Frühstück für sie.«

Da Hans jetzt damit beschäftigt war, seine Maispfeife anzuzünden, wandte sich Hârut wieder an uns.

»Lord Macumazana, dein Bein noch schlimm, eh? Gut, ich bringe dir hier Zeug zum Einreiben, was Bein schnell heil macht; es ist heiliges Öl. Es kommt von dem Kind. Wir wollen dich bald heil.« Auf einmal fuhr er in Bantu fort: »Mein Lord, der Krieg kommt näher; die schwarzen Kendah sammeln all ihre Kräfte, um uns anzugreifen, und wir müssen deine Hilfe haben! Ich gehe jetzt hinunter an den Tavafluß, um nach verschiedenem zu sehen, und binnen einer Woche bin ich zurück. Dann reden wir wieder miteinander, und in acht Tagen wird dein Bein so gut sein wie jemals zuvor. Reibe diese Medizin auf das Bein und löse ein Stück, so groß wie ein Maiskorn, in Wasser auf und trinke das bei Nacht. Es ist kein Gift, sieh her«; dabei holte er ein kleines irdenes Gefäß aus seinem Gewande, nahm mit dem Fingernagel ein wenig von dem Inhalte, der aussah wie Schweineschmalz, heraus, legte die Salbe auf die Zunge und schluckte sie herunter.

Dann erhob er sich und ging mit seinen üblichen Verbeugungen davon. Ich will hier erwähnen, daß ich Hâruts Anweisung mit geradezu erstaunlichem Resultate befolgte. Ich schluckte bei Nacht die vorgeschriebene Dosis und rieb mit der Medizin mein Bein ein, um zu finden, daß schon am anderen Morgen jeder Schmerz daraus verschwunden und nur noch eine leichte Schwäche zurückgeblieben war.

Die nächsten Tage vergingen ohne Zwischenfälle. Wir bekamen reichlich zu essen, und alles mögliche wurde zu unserer Bequemlichkeit getan. Unter anderem bekam ich an einem der nächsten Tage ein starkes, sehr ruhig gehendes Pony, das ich wegen meiner Lahmheit reiten sollte.

Auf diesem Pony machte ich mehrere Ritte in die Umgebung, wobei mich Hans begleitete. Mir fiel auf, daß er seit einigen Tagen außerordentlich schweigsam war und anscheinend besondere Gedanken in seinem dicken Hottentottenschädel wälzte. Einmal kamen wir bei solch einem Ausflug auch in die Nähe jener unheimlichen Höhle, und während wir sie noch betrachteten, erschien plötzlich ein Mann mit geschorenem Kopfe, anscheinend ein Priester, und forderte uns mit höhnischem Lächeln auf, doch gefälligst einzutreten. Ich lächelte ebenfalls möglichst geheimnisvoll und stellte ihm eine gleichgültige Frage über die seidenhaarigen Ziegen, die am Berge weideten. Er gab mir die verlangte Auskunft und setzte hinzu, daß sie die Nahrung von jemand wären, der im Berge wohnte und der nur äße, wenn der Mond wechsele.

Auf meine Frage, wer denn dieser jemand sei, forderte er mich wieder mit seinem unangenehmen Lächeln auf, nur in den Tunnel einzutreten, da würde ich diesen Jemand bald kennenlernen.

Am selben Abend erschien plötzlich Hârut, und er sah außerordentlich besorgt und nachdenklich aus.

Auf meine Frage, wann denn der große Kampf mit Jana stattfinden solle, sagte er:

»Lord, ich gehe auf den Berg hinauf, um bei dem Feste der Ersten Früchte dabei zu sein. Es wird beim ersten Sonnenaufgang nach Neumond abgehalten. Nach dem Opfer wird das Orakel sprechen, und wir werden erfahren, wann der Krieg mit Jana und vielleicht auch andere Dinge eintreten werden.«

»Könnten wir an diesem Feste nicht teilnehmen, Hârut, denn wir haben Langeweile hier?«

»Sicherlich,« antwortete er mit einer tiefen Verbeugung, »das heißt, wenn ihr unbewaffnet kommt; denn vor dem Kinde mit Waffen zu erscheinen, bedeutet den Tod. Ihr kennt ja die Straße. Sie führt durch jene Höhle und dann durch den Wald. Begeht sie, wenn ihr wollt.«

»Wenn wir also durch die Höhle kommen können, dann sind wir bei eurem Feste willkommen?«

»Ihr werdet herzlich willkommen sein, niemand wird euch dort ein Leid antun. Weder beim Kommen noch beim Gehen. Das schwöre ich euch bei dem Kinde. Wenn wir einander nicht auf dem Feste am Tage des Neumondes treffen, wohin ich euch hiermit nochmals einlade, werden wir uns dann hier weiter unterhalten, nachdem ich das Orakel angehört habe.«

Dann bestieg er ein Kamel, das draußen auf ihn wartete, und ritt mit zwölf Kamelreitern davon.

»Es muß noch eine andere Straße auf jenen Berg hinauf geben«, sagte Ragnall. »Ein Kamel könnte eher durch ein Nadelöhr gehen als durch jene schreckliche Höhle, selbst wenn sie unbewohnt wäre.«

»Wahrscheinlich,« antwortete ich, »aber da wir nicht wissen, wo sie ist, und da sie sicher sehr weit von hier entfernt ist, brauchen wir uns auch nicht die Köpfe über dieses Problem zu zerbrechen. Die Höhle ist unser einziger Weg, und das heißt in diesem Falle also, daß es keinen Weg gibt.«

Als wir uns an jenem Abend zum Abendbrot niedersetzten, entdeckten wir, daß Hans fehlte; außerdem, daß er mir meine Schlüssel gestohlen und die Schnapskiste aufgeschlossen hatte, denn sie stand geöffnet da, und der Schlüssel steckte noch in ihrem Schloß.

»Er hat sich aufs Saufen gelegt,« sagte ich zu Ragnall, »und auf mein Wort, mich wundert's auch nicht. Für einen Groschen bin ich bereit, seinem Beispiele zu folgen.«

Dann gingen wir zu Bett. Am nächsten Morgen frühstückten wir ziemlich spät; denn wenn man nichts zu tun hat, hat es keinen Zweck, früh aufzustehen. Als ich mich gerade anschickte, ein paar Eier zu kochen, erschien plötzlich zu unserem Erstaunen Hans mit einem Kessel dampfenden Kaffees.

»Hans,« sagte ich, »du bist ein Dieb.«

»Ja, Baas«, antwortete Hans.

»Du hast dich über die Schnapskiste hergemacht und hast von jenem Gifte genommen.«

»Ja, Baas, ich habe von jenem Gifte genommen. Ich habe auch einen Spaziergang gemacht, und jetzt ist alles in Ordnung. Der Baas muß sich nicht ärgern; denn es ist sehr langweilig hier. Will der Baas außer Eiern auch Hafergrütze haben?«

Da es keinen Zweck hatte, ihn auszuschelten, stimmte ich zu. Außerdem war etwas an ihm, was mir verdächtig vorkam. Er sah wahrlich nicht aus wie einer, der eben erst mächtig betrunken gewesen war. Nach Beendigung des Frühstücks kam er, setzte sich zu uns hin und zündete umständlich seine Pfeife an. Dann fragte er plötzlich:

»Möchte der Baas vielleicht heute abend gern durch jene Höhle gehen? Es steht dem nichts mehr im Wege.«

»Was soll das heißen?« fragte ich, im Zweifel, ob er nicht doch betrunken sei.

»Ich meine, Baas, daß der Bewohner jener Höhle jetzt ziemlich tief schläft.«

»Wie willst du das wissen, Hans?«

»Weil ich die Amme bin, die ihn in den Schlaf gesungen hat. Freilich hat er zuvor mächtig geschrien und getobt. Jetzt schläft er. Er wird nicht wieder aufwachen, Baas. Ich habe den Vater der Schlangen um die Ecke gebracht.«

»Hans,« sagte ich, »jetzt weiß ich bestimmt, daß du noch besoffen bist, obgleich man es dir äußerlich nicht ansieht.«

»Nun, wollen die Baases mitkommen und einen Spaziergang durch die Höhle machen?« fragte Hans kichernd.

»Nicht, bevor ich ganz sicher bin, daß du wirklich nüchtern bist«, antwortete ich und setzte in Erinnerung an einige Streiche dieses ehrenwerten alten Schlingels hinzu: »Hans, wenn du mir jetzt nicht augenblicklich deine Geschichte erzählst, versetze ich dir eine Ohrfeige.«

»Es gibt keine große Geschichte zu erzählen, Baas,« antwortete Hans zwischen zwei langen Zügen aus seiner Pfeife, »die Sache war ganz einfach. Der Baas ist ja sehr gescheit und auch der Lord Baas, aber warum können sie niemals die Steine sehen, die unter ihrer Nase liegen? Weil ihre Augen immer auf die Berge zwischen diesem Land und dem nächsten gerichtet sind, aber der arme Hottentotte, der auf den Boden niederschaut, auf daß er nicht über einen Stein fällt, der sieht sie. Nun, Baas, kannst du dich nicht erinnern, daß jener Mann im Nachthemd mit dem geschorenen Kopfe sagte, die Ziegen, die er weidete, seien für jemand bestimmt, der im Berge wohnte?«

»Jawohl, und was ist damit, Hans?«

»Wer anders konnte jener Jemand sein, als der Vater der Schlangen in der großen Höhle, Baas? Und, Baas, hat nicht der kahle Mann auch gesagt, daß jener Jemand nur einmal, und zwar bei Neumond gefüttert würde, und ist nicht morgen der Tag des Neumondes, und sollte deshalb nicht jener Jemand einen Tag zuvor sehr hungrig sein?«

»Kein Zweifel, Hans; aber wie kannst du eine Schlange dadurch töten, daß du sie fütterst?«

»O Baas, so gut wie du Dinge essen kannst, die dir Leibweh machen, so gut kann das auch eine Schlange. Nun, kannst du den Rest erraten? So will ich gehen und die Schüsseln abwaschen.«

»Ob ich es errate oder nicht errate,« antwortete ich zweideutig – das letztere war nämlich der Fall –, »die Schüsseln können warten. Der Lord hier hat es nicht erraten; fahre fort.«

»Sehr gut, Baas. In einem jener Kästchen waren ein paar Pfund von einem Zeug, das du immer in Wasser auflöst, um dann Felle und Schädel damit einzuschmieren, damit sie nicht stinken.«

»Du meinst das Arsenik«, sagte ich mit einem Blitz der Erleuchtung.

»Ich weiß nicht, wie es heißt, Baas. Anfangs dachte ich, es wäre harter Zucker, und einmal habe ich ein bißchen davon gestohlen, als ich richtigen Zucker nicht bei der Hand hatte, um es in den Kaffee zu tun, – ohne dem Baas etwas zu sagen; denn ich war schuld, daß der Zucker nicht bei der Hand war.«

»Großer Gott!« rief ich aus. »Aber wieso sind wir denn alle nicht schon längst tot?«

»Weil ich im letzten Moment daran dachte, mich zu vergewissern, ob es auch wirklich Zucker wäre. So habe ich ein bißchen in heiße Milch getan, und als es geschmolzen war, gab ich die Milch einem gelben Hunde, der mich einmal ins Bein gebissen hatte. Er war ein sehr gieriger Hund, Baas, und er hat die Milch auf einen Ritt ausgesoffen. Dann hat er einen Heuler gemacht, hat sich siebenmal herumgedreht und Schaum aus seinem Munde geworfen und ist gestorben, und ich habe ihn sofort begraben. Um aber noch sicherer zu gehen, habe ich ein wenig von jenem Zucker zerstoßen und habe ihn, mit geschrotenem Mais vermischt, den Hühnern gegeben. Zwei Hähne und eine Henne haben ihn für Mais gehalten und verschluckt. Sofort fielen sie auf den Rücken, traten ein wenig in der Luft herum und waren tot. Auf Grund dieser Erfahrungen, Baas, hielt ich es für das beste, jenen Zucker nicht in den Kaffee zu tun, und später hat mir dann Bona gesagt, daß es ein tödliches Gift sei. Nun, Baas, kam es mir in den Kopf, daß die große Schlange vielleicht auch sterben würde, wenn es mir gelang, sie dazu zu überreden, von dem Gifte zu fressen.

So stahl ich deine Schlüssel, wie ich es oft tue, Baas, wenn ich etwas brauche. Du läßt sie ja überall herumliegen; um dich zu täuschen, öffnete ich erst eine der Kisten mit dem Vierkantschnaps und ließ sie offen; denn du solltest denken, ich wäre einfach hingegangen, mich zu besaufen. Dann öffnete ich eine andere Kiste und nahm zwei Pfundbüchsen von dem Zucker, der Hunde und Hühner umbringt. Ein halbes Pfund schmolz ich in siedendem Wasser zusammen mit ein bißchen richtigem Zucker, um das Zeug süß zu machen, und goß es in eine Flasche. Den Rest habe ich in zwölf kleine Pakete gepackt und in die Tasche gesteckt. Dann bin ich auf den Berg hinaufgegangen, Baas, dorthin, wo, wie ich gesehen habe, die Ziegen bei Nacht eingekralt wurden. Wie ich es erwartet hatte, wurden sie auch nicht bewacht. Denn Leoparden gibt es nicht so nahe bei der Stadt, und Menschen würden es nicht wagen, diese heiligen Ziegen zu stehlen. Ich ging also hin und fand eine fette, junge Geiß. Ich holte sie heraus, band ihr die Beine fest, goß ihr die Flasche mit dem Zeug über das Fell und rieb es gut ein. Dann band ich die zwölf Pakete an verschiedenen Stellen ihres Körpers fest und versteckte sie tief in ihrem langen Haar, so daß sie nicht abgeworfen oder abgescheuert werden konnten.

Nach dieser Prozedur band ich sie wieder los, führte sie in die Nähe der Mündung der Höhle, hielt sie dort ein Weilchen fest und zwickte sie, bis sie blökte. Dann schleppte ich sie ganz nahe an die Höhle heran und dachte darüber nach, wie ich es anstellen sollte, sie hineinzutreiben. Denn selbst mochte ich nicht gern hineingehen, Baas. Aber ich brauchte mich darum gar nicht zu kümmern. Etwa fünf Schritt vor der Höhle hörte die Ziege mit ihrem Geschrei plötzlich auf, stand still da und zitterte. Sie begann mit kleinen Sprüngen vorwärts zu laufen, so, als ob sie eigentlich nicht gern wollte, aber müßte. Und es ging alles gut, Baas. Die Ziege wußte, was sie zu tun hatte, und tat es – sie sprang nämlich direkt in die Höhle hinein. Ich glaube, sie wußte, was auf sie wartete, und das gefiel ihr nicht, und doch mußte sie weitergehen, sie konnte nicht anders; gerade wie ein Mann, der zum Teufel geht, Baas!

Ich lugte hinter einem Stein hervor; denn ich hatte in der Höhle ein Geräusch gehört, als ob das Kleid einer weißen Dame über den Fußboden fegte. Dort, in der Dunkelheit, sah ich zwei kleine Feuerfunken, die Augen der Schlange, Baas. Ich hörte ein Zischen, als ob vier große Kessel mit Wasser auf einmal kochten, und das letzte kurze Blöken der Ziege. Dann ein Geräusch, als ob Männer miteinander rängen, wieder ein anderes, als ob Knochen zerbrächen, und schließlich ein Schmatzen wie von einer Pumpe, die kaputt ist. Darauf wurde alles hübsch still, und ich ging ein bißchen abseits, setzte mich nieder und wartete ab, was geschah.

Es muß fast eine Stunde später gewesen sein, als endlich etwas zu geschehen anfing, Baas. Es war gerade so, als würden mit Sand gefüllte Säcke gegen die Wände der Höhle geschleudert. Ah! dachte ich, dein Magen beginnt zu schmerzen, du Räuber von Bona, und da jene Ziege kleine Hörner gehabt hatte – an welche ich zwei Paketchen mit Gift gebunden hatte, Baas –, und da du wie alle Schlangen Stacheln in deinem Halse hast, die abwärts zeigen, so kannst du die Ziege nicht wieder herausbringen, obgleich du es sicherlich gern möchtest! Dann – ich glaube, der harte Zucker im Bauche der Schlange war um diese Zeit schon hübsch geschmolzen, Baas – dann gab es ein Geräusch, als wenn eine ganze Kompagnie Mädchen zu einer Musik von Zischen einen Kriegstanz in der Höhle aufführten.

Und dann – oh! Dann, Baas, kam auf einmal jener Vater der Schlangen aus der Höhle geschossen. Ich sage dir, Baas, daß mein Haar aufrecht in die Höhe stand, als ich ihn dort im Sternenlicht sah, denn noch niemals hat es in der ganzen Welt eine solche Schlange gegeben! Jene, die in Zululand in den Bäumen leben und kleine Böcke verschlingen und aus deren Häuten weiße Männer Westen und Pantoffeln machen, sind die reinen Säuglinge gegen diese. Er kam heraus, ein Meter nach dem anderen. Er wand sich hin und her, er stand auf seinem Schwanze, und sein Kopf war oben, wo der Wipfel eines Baumes sein konnte. Er machte einen Ring aus sich, er biß auf Steine und biß nach seinem eigenen Bauche. Ich steckte hinter meinem Felsen und betete zu deinem ehrwürdigen Vater, daß der Schlangenteufel mich nicht sehen möge. Und zuletzt schoß er plötzlich den Hügel hinunter, schneller als ein Pferd galoppiert. Jetzt dachte ich, er wäre fort für immer, und wollte mich selbst fortmachen. Doch befürchtete ich, ihm irgendwo zu begegnen, und so beschloß ich, lieber den Tag zu erwarten. Das war sehr recht getan, Baas, denn eine halbe Stunde später kam der Wurm zurück, nur konnte er jetzt nicht mehr springen, jetzt konnte er nur noch kriechen. Noch niemals in meinem Leben habe ich eine Schlange gesehen, die so krank aussah wie jene, Baas. Sie ging in ihre Höhle und lag dort und zischte. Nach und nach wurde das Zischen schwächer, bis es zuletzt ganz erstarb. Ich wartete noch eine weitere halbe Stunde, Baas, und dann wollte ich voller Neugierde einmal in die Höhle gehen und nachschauen.

Ich zündete die kleine Laterne an, die ich mitgenommen hatte, hielt sie in der einen Hand und in der anderen meinen Stock und kroch in das Loch. Ehe ich zehn Schritt weit gekommen war, sah ich etwas Weißes lang ausgestreckt liegen. Es war der Bauch der großen Schlange, Baas, die auf ihrem Rücken lag und tot war.

Sie war wirklich tot. Ich zündete drei Wachszündhölzchen an und hielt sie an ihren Schwanz. Der zuckte nicht mehr. Dann ging ich heim, Baas, und war sehr stolz, daß ich jenen Urgroßvater aller Schlangen, der meinen Freund Bona gefressen hat, überlistet und uns den Weg durch die Höhle freigemacht hatte.

Das ist die ganze Geschichte, Baas. Jetzt muß ich gehen und die Schüsseln waschen«, und ohne auch nur ein Wort des Lobes abzuwarten, marschierte Hans hinaus und überließ uns unseren Betrachtungen über seine Intelligenz, seine Umsicht und seine Entschlossenheit.

»Was nun?« fragte ich.

»Abwarten bis heute nacht,« antwortete Ragnall, »dann werde ich die Schlange anschauen gehen, die dieser tapfere Hans getötet hat, und ich werde die Geheimnisse der Höhle erforschen; Hârut hat uns dies ja freigestellt.«

»Meinen Sie, daß Hârut sein Wort hält, Ragnall?«

»Im großen und ganzen ja, und wenn nicht, ist es mir auch gleichgültig. Alles ist besser als diese Tatenlosigkeit.«

»Was Hârut betrifft, stimme ich zu; denn wir sind zu wertvoll für ihn; auch bezüglich der Tatenlosigkeit, die unerträglich ist. Deshalb werde ich mit Ihnen gehen, Ragnall, und Hans wird wohl auch mitkommen. Dieser Marsch wird meinem Beine gut tun.«

»Halten Sie das für klug?« fragte er zweifelnd.

»Ich halte es für töricht, daß wir uns noch einmal trennen sollen. Wir tun besser, zusammen zu stehen oder zusammen zu fallen. Und außerdem, scheint's, haben wir kein Glück, wenn wir getrennt sind.«

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