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Das Elfenbeinkind

Henry Rider Haggard: Das Elfenbeinkind - Kapitel 13
Quellenangabe
authorHenry Rider Haggard
titleDas Elfenbeinkind
publisherVerlag Martin Maschler
yearo.J.
translatorArthur Heye
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170210
projectid318bbeb0
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13. Kapitel
Der Bewohner der Höhle

Ich träumte einen sehr langen und sehr beunruhigenden Traum. Schließlich öffnete ich die Augen und stellte fest, daß ich in einem orientalisch aussehenden Raume auf einem niedrigen Bett lag. Der Raum war groß und kühl. Er hatte Fensteröffnungen, aber keine Fenster hingen darin, sondern Grasmatten, die mit einem Holzgestänge an die Wand zurückgezogen werden konnten. Durch eine dieser Fensteröffnungen war in einiger Entfernung ein waldbedeckter Hügel zu sehen. Plötzlich hörte ich einen schlurfenden Schritt, ich drehte mich um und sah Hans, dessen Finger nervös an einem Strohhut herumzupften.

»Hans,« sagte ich, »wo hast du diesen schönen neuen Hut her?«

»Sie haben mir ihn gegeben, Baas«, antwortete er. »Der Baas wird sich erinnern, daß der Teufel Jana meinen anderen aufgefressen hat.«

Jetzt kam mir die Erinnerung zurück. Hans zupfte immer noch an seinem Hut. Die durcheinanderwirbelnden Finger machten mich nervös, und deshalb befahl ich ihm, sie stillzuhalten und mir lieber zu erzählen, wo wir uns eigentlich befänden.

»In der Stadt des Kindes, Baas, wo sie dich hingetragen haben, nachdem du dort unten wie tot lagst. Es ist eine sehr hübsche Stadt. Es gibt hier vor allem sehr viel zu essen, obgleich du nichts davon genossen hast, denn du hast drei Tage lang geschlafen, und wir haben dir nur ein bißchen Milch und Suppe einflößen können.«

»Ich war sehr erschöpft und brauchte lange Ruhe, Hans. Aber jetzt habe ich einen Mordshunger. Ist der Lord und Bona auch hier, oder wurden sie getötet?«

»Nein, Baas, sie sind heil und gesund. Sie waren beide dabei, als Hârut uns drunten im Dorfe zu Hilfe kam, aber du schliefst sofort ein und hast sie deshalb nicht gesehen. Sie haben dich gepflegt, Baas.«

Gerade ging die Tür auf, und Wild kam herein. Er trug auf einem hölzernen Brett einen Topf Suppe und sah genau so geleckt aus wie zu Hause auf Schloß Ragnall.

»Guten Tag, mein Herr,« sagte er höflich in seiner besten Kammerdienermanier, »es freut mich außerordentlich, Sie hier bei uns und in fortschreitender Genesung wiederzusehen, nachdem wir, wie ich bekennen muß, Sie und Herrn Hans bereits als tot betrauert hatten.«

Ich dankte ihm, löffelte die Suppe aus und bat ihn, mir sofort noch eine, und zwar eine etwas handfestere Mahlzeit zu verschaffen. Dann schickte ich Hans auf die Suche nach Lord Ragnall. Kaum war er fort, als Hârut eintrat. Er sah würdiger aus denn je und setzte sich nach einer gravitätischen Verbeugung in orientalischer Manier auf die Fußmatten nieder.

»Ein starker Geist muß dich beschützen, Lord Macumazana,« sagte er, »da du heute noch lebst, während wir schon überzeugt waren, daß du umgekommen seist.«

»Da hast du dich geirrt, mein Freund. Deine Magie hat dir übrigens dort auch nicht viel genützt, und, Hârut, obgleich es mir gelang, mich zu retten – oder nein, eigentlich war es ja Hans, der mich rettete –, haben wir deinen Bruder zurücklassen müssen, und mit ihm die anderen.«

»Ich weiß, Jana war zu stark für sie; du und dein Diener allein konnten gegen ihn aufkommen.«

»Ganz und gar nicht, Hârut, er kam gegen uns auf; alles, was wir tun konnten, bestand darin, daß wir ihm das Auge und die Spitze des Rüssels ein wenig verletzten und mit Müh und Not gerade noch entwischten.«

»Was mehr ist, als seit Generationen irgend jemand anderem geglückt ist, Lord. Und ohne Zweifel wird das Ende so sein wie der Anfang. Jana ist seinem Tode nahe, und zwar durch dich!«

»Ich weiß nicht«, entgegnete ich. »Jedenfalls wünsche ich nicht, ihm noch einmal am Ufer jenes schrecklichen Sees zu begegnen.«

»Dann wirst du ihm irgendwo anders begegnen, Lord. Denn wenn du nicht gehst, um Jana aufzusuchen, wird Jana kommen, um dich aufzusuchen, weil du ihn so schmerzlich verletzt hast. Denke daran, daß du von jetzt ab, wohin immer du in diesem Lande deine Schritte lenkst, Jana begegnen kannst.«

»Willst du damit sagen, daß das Vieh auch in das Gebiet der weißen Kendah herüberwechselt?«

»Ja, Macumazana, manchmal kommt er herüber, oder wenigstens es kommt ein Geist herüber, der seinen Körper bewohnt. So wahr ich jetzt lebe, ich habe ihn zweimal in meinem Leben oben auf dem Heiligen Berge gesehen, obgleich ich dir nicht sagen kann, wie er kam oder ging.«

»Warum trieb er sich dort herum, Hârut?«

»Wer vermag das zu sagen, Lord? Sage mir, warum das Böse in der Welt herumwandert, und dann will ich deine Frage beantworten. Ich wiederhole nur, – die, die Jana verletzt haben, mögen sich vor Jana hüten!«

»Und Jana möge sich vor mir hüten, wenn ich ihm einmal mit einem anständigen Gewehre in der Hand begegne; denn das Vieh hat bei mir Verschiedenes auf dem Kerbholz. Nun etwas anderes, Hârut. Kurz bevor Mârut, dein Bruder, starb, fing er an, mir etwas über das Weib des Lord Ragnall zu erzählen. Ich hatte keine Zeit, seine Rede zu Ende zu hören, aber ich glaube, er wollte sagen, sie lebe dort drüben auf dem Heiligen Berge. Habe ich ihn recht verstanden?«

Im selben Augenblick wurde Hâruts Gesicht undurchdringlich und unbewegt, steinern wie das eines Götzen.

»Entweder hast du ihn mißverstanden, Lord,« antwortete er, »oder mein Bruder hat in seiner Angst irre geredet. Wo immer sie auch sein mag, jene schöne Frau ist nicht auf dem Heiligen Berge, es sei denn, es gäbe noch einen zweiten Heiligen Berg in unserem Lande. Außerdem, Lord, da wir gerade von dieser Sache sprechen, möchte ich dir sagen, daß der Wald dort auf jenem Berge von keinem anderen menschlichen Wesen betreten werden darf als von den Dienern des Kindes. Jeder andere muß sterben, denn der Wald wird von einem Wächter bewacht, der noch schrecklicher ist als Jana, und er ist nicht der einzige Wächter. Frage mich nichts über jenen Wächter. Ich werde nicht antworten. Wenn dir und deinen Kameraden also euer Leben lieb ist, versucht nicht, einen Blick auf jene Geheimnisse zu werfen.«

Es war klar, daß es keinen Zweck hatte, in diesem Augenblick die Angelegenheit weiter zu verfolgen. Also begann ich mit einer anderen und bemerkte, daß der Hagel, der das Land der schwarzen Kendah verwüstete, der schlimmste war, den ich jemals erlebt hatte.

»Ja,« antwortete Hârut, »ich habe davon gehört. Und es war der erste der Flüche, der in Erfüllung ging, und die das Kind durch meinen Mund dem König Simba und seinem Volke verkünden ließ, weil sie uns auf unserem Wege belästigten. Der zweite war Hungersnot – wahrlich, die schwarzen Kendah sind von ihr bedroht – denn sie besitzen nur geringe Getreidevorräte, die neue Ernte ist vernichtet, und ein Großteil ihres Viehs ist in dem Hagel umgekommen.«

»Wenn sie keine Vorräte haben, die eurigen aber von dem Hagel verschont geblieben sind, werden sie dann, auf ihre Überzahl vertrauend, euch nicht angreifen, um euch die Vorräte zu rauben, Hârut?«

»Sicherlich werden sie das tun, Lord, und dann wird der dritte Fluch auf sie fallen, der Fluch des Krieges. Das alles haben wir schon längst vorausgesehen, Macumazana, und du bist hier, um uns zu helfen. Unter deinen Gütern befinden sich viele Gewehre und viel Pulver und Blei. Du sollst unsere Leute lehren, mit Gewehren umzugehen, so daß sie die schwarzen Kendah zu besiegen imstande sind.«

»Das werde ich wohl nicht tun«, antwortete ich ruhig. »Ich bin hierher gekommen, um einen bestimmten Elefanten zu töten und soll für diesen Dienst mit Elfenbein bezahlt werden. Ich bin aber nicht gekommen, um mich mit den schwarzen Kendah, denen ich im übrigen liebend gern aus dem Wege gehe, herumzuschlagen. Außerdem sind die Gewehre auch nicht mein Eigentum, sondern sie gehören Lord Ragnall, der wahrscheinlich seinen eigenen Preis für ihre Benutzung fordert.«

»Und Lord Ragnall ist gegen unseren Willen hierher gekommen. Also ist er unser Gefangener, und wir wiederum können unseren eigenen Preis für sein Leben verlangen! – Nun aber lebe wohl für eine Weile. Du bist noch krank und schwach und hast genug gesprochen. Als dein Freund aber und als der Freund deiner Begleiter möchte ich dir, ehe ich gehe, nur noch einmal sagen: Laß keinen von euch versuchen, auch nur einen Fuß in den Wald des Heiligen Berges zu setzen!«

Mit diesen Worten erhob er sich, verbeugte sich tief und ging.

Kurz danach kamen Wild und Hans und brachten eine herrliche Mahlzeit. Ich aß mich satt, und gleich danach erschien Ragnall. Die Begrüßung von uns zwei Kameraden, die nicht mehr gedacht hatten, sich noch einmal diesseits des Grabes wiederzusehen, war eine sehr herzliche.

Als wir unsere Erlebnisse gegenseitig ausgetauscht hatten, fragte ich ihn, was er unterdessen ausgerichtet und welche Erkundigungen über diesen Platz er eingezogen hatte. Seine Antwort war: So gut wie nichts. Die Stadt ist anscheinend klein und von kaum mehr als zweitausend Menschen bevölkert, die sich durch Ackerbau und Kamelzucht ernähren. Die Kamelherden weideten zum größten Teil jenseits des Heiligen Berges. Was auf jenem Berge eigentlich vorging und wer dort lebte, wußte er nicht. Hârut schwieg, und er selbst hatte auch nicht das Geringste entdecken können. Und der Lord setzte niedergeschlagen hinzu, die ganze Geschichte sehe hoffnungslos aus, und er zweifle daran, jemals noch irgendwelche Nachrichten über seine verlorene Frau seitens der Kendah, seien es die schwarzen oder die weißen, zu erhalten.

Jetzt berichtete ich ihm die Worte des sterbenden Mârut, deren Ende ich unglücklicherweise nicht mehr gehört hatte. Und wie mit einem Schlage schien er neu belebt. Also mußte in jenen Nachrichten doch ein wahrer Kern stecken. Doch wie konnten wir auf die richtige Spur kommen? Wie? – Wie?

Bei diesem Stand der Dinge blieb es eine Woche lang. Ich war zwar wieder zu meinen vollen Kräften gekommen, aber ein Schmerz blieb zurück, der mich zu vollkommener Hilflosigkeit verdammte. Die Wunde an meiner Hüfte, aus der Jana ein Stück Haut samt Fleisch herausgekniffen hatte, heilte zwar gut aus, aber die Entzündung schlug sich nach innen bis zu den Nerven meines linken Beines, in das mich einmal ein Löwe gebissen hatte. So wurde ich, sooft ich mich zu bewegen versuchte, von schrecklichen ischiasähnlichen Schmerzen gefoltert. Ich war gezwungen, stillzuliegen, und ich mußte mich damit begnügen, mich mit meinem Bett tagsüber in den Garten tragen zu lassen. Dort lag ich Stunde um Stunde und starrte auf den Heiligen Berg, dessen Abhänge sich nahe bis an die Stadt erstreckten.

Als ich eines Tages wieder in den Anblick des Berges versunken saß, trat Hârut plötzlich zu mir.

»Das Haus des Gottes ist schön,« sagte er, »nicht wahr?«

»Sehr schön,« antwortete ich, »und es ist von merkwürdiger Form. Aber wie kommen denn die Leute, die dort oben wohnen, über jene steilen Felsen?«

»Über die Felsen kommt überhaupt niemand«, antwortete er. »Es gibt eine Straße, und ich werde sie gleich beschreiten, um das Kind anzubeten. Jeder Fremde aber, der versuchen sollte, auf dieser Straße zu wandeln, findet den Tod. Wenn ihr mir nicht glaubt, so probiert es doch aus«, setzte er bedeutungsvoll hinzu.

Dann erzählte er mir, daß die schwarzen Kendah in wilder Verzweiflung über den Verlust ihrer Ernte und die unabweisliche Hungersnot wären.

»Sie werden wohl bald kommen, um eure Ernte mit Speeren zu schneiden«, sagte ich.

»So ist es in der Tat. Deshalb, Lord Macumazana, sieh zu, daß du bald gesund wirst, damit du imstande bist, diese Horden mit Gewehren wegzurasieren; denn in etwa vierzehn Tagen wird die Ernte in unserem Hochland beginnen. Jetzt lebe wohl und sei unbesorgt. Während meiner Abwesenheit werden meine Leute euch beköstigen und bewachen, und in der dritten Nacht bin ich wieder zurück.«

In einer der folgenden Nächte weckten mich Ragnall und Wild und behaupteten, Lady Ragnall oder ihren Geist im Zimmer gesehen zu haben. Sie oder ihr Geist hätte sehr leise, aber klar und vernehmlich gesagt: »Der Berg, Georg! Verlaß mich nicht. Suche mich auf dem Berge, mein Lieber, mein Gatte!« und wäre dann durch die geschlossene und verriegelte Tür hinausgeschritten.

Ich versuchte, sie von der Unmöglichkeit eine Erscheinung gesehen zu haben, zu überzeugen, doch Lord Ragnall sagte am Morgen:

»Ich habe über alles nachgedacht. Ich bin durchaus kein abergläubischer Mensch, und ich neige auch nicht zu leeren Phantastereien, aber ich bin überzeugt, daß Wild und ich tatsächlich den Geist oder den Doppelgänger meiner Frau gesehen und gehört haben. Ihr Körper konnte es nicht gewesen sein, wie Sie zugeben werden, obgleich es mir zum mindesten unverständlich ist, wie sie ohne einen solchen zu reden imstande war. Ich bin auch sicher, daß sie dort auf dem Berge gefangengehalten wird und kam, um mich um Hilfe anzurufen. Unter diesen Umständen ist es meine Pflicht sowohl wie auch mein Wunsch, nichts, aber auch nichts unversucht zu lassen, um die Wahrheit herauszufinden.«

»Und wie wollen Sie das anstellen?« fragte ich. »Sie sehen doch, daß niemand uns etwas sagen will?«

»Indem ich selber hingehe und nachschaue.«

»Das ist unmöglich, Ragnall; ich bin augenblicklich lahm und außerstande, nur eine halbe Meile weit zu gehen, noch viel weniger also steile Felsen emporzuklimmen.«

»Ich weiß, und das ist gut so, denn für Sie besteht überhaupt kein Grund, Ihr Leben zu riskieren. Ich wollte die Sache allein ausfechten, aber der gute Bursche Wild sagt, daß er dorthin gehen will, wohin ich gehe. Unser Plan ist, uns bei Nacht aus der Stadt zu stehlen und, so gut es geht, bei Sternenlicht den Berg hinaufzuschleichen. Am nächsten Morgen wollen wir dann versuchen, durch jenen Felsengürtel einen Weg zu finden, und alles Weitere müssen wir der Vorsehung überlassen.«

Dieser Plan gefiel mir gar nicht, und ich tat, was ich nur tun konnte, um ihn davon abzubringen. Doch ohne den geringsten Erfolg.

So gab ich notgedrungen nach und half mit traurigem Herzen bei all den kleinen Vorbereitungen zu dieser verrückten Unternehmung. Sie verließen die Stadt noch an demselben Nachmittag unter dem Vorwand, auf den unteren Abhängen des Berges Wildhühner zu schießen. Hârut hatte uns dies ausdrücklich erlaubt. Ihre Ausrüstung war denkbar einfach: ein wenig Proviant, eine Flasche Branntwein, zwei doppelläufige Flinten für Schrot und Kugeln, eine Blendlaterne, Zündholz und Pistolen.

Hans begleitete sie ein Stück.

Die ganze folgende Nacht lag ich wach, erfüllt von Befürchtungen, die sich verstärkten, je weiter die Zeit vorrückte. Kurz vor der Dämmerung hörte ich ein Klopfen vor der Türe und Ragnalls Stimme, der flüsternd bat, ihn hereinzulassen.

Hans öffnete, während ich eine Kerze anzündete. Ragnall trat ein, und ich sah seinem Gesicht sofort an, daß etwas Schreckliches geschehen sein müßte. Er ging zu dem Krug und trank drei große Becher Wasser in einem Zuge. Dann sagte er düster: »Wild ist tot«, und er machte eine kleine Pause. Eine schreckliche Erinnerung schien ihn zu packen. »Hört zu,« fuhr er fort, »wir stiegen den Bergabhang hinauf, ohne zu schießen, obgleich viele Hühner zu sehen waren, bis wir gegen Sonnenuntergang an die Felsenmauer kamen. Hier entdeckten wir einen Pfad, der zu einer engen Höhle oder zu einem die Lavafelsen anscheinend durchquerenden Tunnel führte. Die Felsen selbst schienen unersteigbar zu sein. Während wir noch standen und überlegten, was wir tun sollten, umringten uns mit einem Male acht oder zehn weißgekleidete Männer. Und bevor wir noch an irgendwelchen Widerstand denken konnten, hatten sie uns gepackt und uns die Gewehre und Pistolen weggenommen. Dann, nach vielem Hinundherreden, erklärte uns der Anführer mit großen Verbeugungen, es stünde uns frei, unseren Weg fortzusetzen, wobei er erst auf den Eingang der Höhle und dann auf die Felsen zeigte und dabei ein Wort wiederholte, das ungefähr wie ›Ingane‹ klang. Ich glaube, es bedeutet ein kleines Kind, nicht wahr?«

Ich nickte, und er fuhr fort:

»Dann entfernten sie sich alle miteinander, hierbei auf eine Weise vor sich hingrinsend, daß ich unruhig wurde. Wir standen eine Weile unentschlossen da. Allmählich wurde es ganz dunkel, ich fragte Wild nach seiner Meinung:

›Weitergehen selbstverständlich, Mylord, ich möchte nicht, daß diese Halbtiere sagen, wir weißen Männer getrauten uns nicht, ohne unsere Gewehre einen Schritt zu tun. Ich werde auf jeden Fall weitergehen, sogar wenn Ihre Lordschaft es nicht wollen.‹

Währenddem zündete er die Blendlaterne an, die uns die Kendah nicht weggenommen hatten.

›Irgend etwas zieht mich in jene Höhle, Mylord. Vielleicht ist es der Tod. Ich glaube sogar, es ist wirklich der Tod. Aber sei es was immer, ich muß eben gehen! Vielleicht täten Sie besser, draußen zu warten, bis ich nachgesehen habe, was hier eigentlich los ist.‹

Ich wollte Wild zurückhalten. Ich war jetzt überzeugt, daß er irrsinnig geworden war. Aber plötzlich schoß er behende auf den Eingang der Höhle zu. Ich folgte selbstverständlich. Aber als ich gerade denselben erreicht hatte, sah ich das Licht seiner Laterne bereits etwa sieben Meter tief drinnen im Tunnel. Und im gleichen Augenblick hörte ich auch schon ein unheimliches Zischen und Wilds Aufschrei: ›O mein Gott!‹ zweimal hintereinander. Die Laterne war ihm aus der Hand gefallen, aber sie ging nicht aus, denn wie Sie wissen, brennt sie in jeder Lage. Ich sprang hinzu, raffte sie vom Boden auf und sah Wild in rasender Geschwindigkeit in die Höhle hineinlaufen. Ich hielt die Laterne über den Kopf empor und spähte hin. Und ich sah folgendes:

Ungefähr zehn Schritt vor mir tanzte Wild mit ausgestreckten Armen hin und her – jawohl, er tanzte –, erst nach der rechten, dann nach der linken Seite, und er tanzte mit einer schrecklich anmutenden Grazie und zu den Tönen einer entsetzlichen, zischenden Musik. Ich hielt die Laterne noch höher und sah vor ihm, etwa zweieinhalb bis drei Meter hoch in der Luft erhoben, den Kopf einer Schlange von geradezu riesenhaften Dimensionen schimmern. Sie war so breit wie der Boden eines Karrens, der Nacken war mindestens so dick wie meine Taille, und der gewundene Körper dahinter, der sich in der Dunkelheit verlor, erreichte den Umfang eines Fasses und glitzerte grün und grau mit silbernen und goldenen Streifen.

Die Schlange zischte und schwang ihren großen Kopf nach rechts, wobei sie Wild mit ihren kalten Augen faszinierend ansah. Und der Arme hüpfte gehorsam sogleich nach rechts. Sie zischte wieder und schwang den Kopf nach links, und er tanzte nach links. Auf einmal stieß sie ihren Kopf fast bis zu der Decke der Höhle empor und blieb einige Sekunden in dieser Stellung, und Wild stand still und bog sich ein wenig vor, als verbeuge er sich vor dem Reptile. Im nächsten Augenblick fuhr ihr Kopf wie ein Blitzstrahl nach vorn. Ihre weißen Fänge vergruben sich im Rücken Wilds, und er fiel mit einem Seufzer nach vorn aufs Gesicht. Dann krampften sich die schimmernden Windungen zusammen, und ein Geräusch folgte, als ob Knochen in einem Stampftroge zermalmt würden.

Ich taumelte gegen die Wand der Höhle und schloß einen Augenblick lang die Augen, denn die Sinne wollten mir vergehen. Als ich wieder hinsah, lag etwas, das einmal Wild gewesen war, unförmig flach und verzerrt wie eine Spiegelung im Silberlöffel auf dem Boden und darüber ausgestreckt das Schlangenungeheuer, das mich mit seinen stählernen Augen beobachtete. Da lief ich atemlos und entsetzt aus dieser schrecklichen Höhle und lief und lief in die Nacht hinein.«

Stumm saßen wir lange nebeneinander, bis schließlich Hans in unerschütterlichem Ernste sagte:

»Der Tag ist angebrochen, Baas. Soll ich die Kerze ausblasen? Und wünscht der Baas, daß ich jetzt das Frühstück zurechtmache, nachdem jener Schlangenteufel sein eigenes aus Bona gemacht hat, und ich hoffentlich das meinige in Bälde aus ihm selbst machen werde? Schlangen sind sehr gut zu essen, Baas, wie du weißt, aber du mußt sie auf Hottentottenart zubereiten.«

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