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Das Elfenbeinkind

Henry Rider Haggard: Das Elfenbeinkind - Kapitel 11
Quellenangabe
authorHenry Rider Haggard
titleDas Elfenbeinkind
publisherVerlag Martin Maschler
yearo.J.
translatorArthur Heye
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170210
projectid318bbeb0
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11. Kapitel
Jana

Niemand brachte uns an diesem Morgen Frühstück. Doch das machte nichts; denn wir hatten das gestrige Essen noch nicht berührt und sättigten uns jetzt daran. Dann statteten wir der Hütte, in der die Kameltreiber einquartiert gewesen waren, unseren täglichen Besuch ab. Ich sage, einquartiert gewesen waren, denn jetzt war die Hütte leer. Auch der letzte der armen Teufel war verschwunden wie seine beiden Kameraden vorher.

Beim Anblick der leeren Hütte stieg jäh tiefe Erbitterung in mir hoch.

»Sie haben alle drei ermordet!« sagte ich zu Mârut.

»Nein,« antwortete er mit liebenswürdiger Wortklauberei, »sie sind Jana geopfert worden. Nun sind wir an der Reihe, Lord Macumazana.«

»Schön,« rief ich aus, »ich hoffe, diese Teufel sind zufrieden mit der Antwort, die das Kind ihnen gegeben hat, und wenn sie versuchen, ihre teuflischen Pranken auch nach uns auszustrecken –«

»Dann werden sie ohne Zweifel noch eine Fortsetzung dieser Antwort bekommen, Lord Macumazana«, fiel Mârut ein; »aber die Frage ist die, ob das uns etwas helfen wird?«

Mit ohnmächtiger Wut im Herzen ging ich ins Haus zurück, ohne ihm eine Antwort zu geben. Da ging das Tor der Umzäunung auf, und Simba erschien, begleitet von den Priestern, die mehr oder weniger schwere, offenbar durch Hagelstücke verursachte Verletzungen aufwiesen. Bei ihrem Anblick vergaß ich meine Rolle. Ich hatte immer so getan, als verstünde ich ihre Sprache nicht. Jetzt aber trat ich ihnen wütend entgegen, und ehe sie nur ein einziges Wort sagen konnten, schrie ich sie an:

»Wo sind unsere Diener, ihr Mörder?« und ich schüttelte drohend die Fäuste, »habt ihr sie eurem Teufelsgott geopfert? Nun, dann schaut euch einmal die Belohnung für euer Opfer an!« und ich deutete auf das verwüstete Land. »Wo ist eure Ernte? Sagt, wovon werdet ihr denn im Winter leben?« (Bei diesen Worten zuckten sie zusammen. Sie wußten nur zu gut, daß jetzt eine Hungersnot bevorstand.) »Warum haltet ihr uns fest? Wollt ihr darauf warten, bis wir euch noch schlimmeres Unglück auf den Hals schicken? Und wozu kommt ihr jetzt hierher, was wollt ihr von uns?« Ich schrie ihnen diese Worte rücksichtslos ins Gesicht und mußte jetzt Atem holen, um weitersprechen zu können.

»Großer Herr,« sagte Simba, »eure Magie ist stärker als die unsrige. Großes Unglück ist über unser Land gekommen. Viele hundert Leute sind tot, getötet durch die Eisensteine, die ihr herabgerufen habt. Unsere Ernte ist vernichtet, und wir haben nur noch wenig Mais von der alten Ernte in den Gruben. Aus dem Lande draußen kommen Boten herein und sagen uns, daß fast alle unsere Schafe und Ziegen und viele Stücke unseres Rindviehs erschlagen sind. Nicht lange, und wir alle werden verhungern.«

»Das und nichts anderes habt ihr verdient«, antwortete ich. »Nun – wollt ihr uns gehen lassen?«

Simba sah mich nachdenklich an, dann begann er mit einem der lahmen Priester zu flüstern. Er sprach zu leise, als daß ich etwas hätte verstehen können. Ich beobachtete die beiden. Simba nahm wieder das Wort:

»Wir hatten die Absicht, großer Herr, dich und den Priester des Kindes hier zu behalten als Geiseln, um euch gegen die Anhänger des Kindes auszuspielen. Jene sind unsere erbittertsten Feinde. Seit jeher haben sie uns ungerecht und übel behandelt, trotzdem wir stets getreulich den Pakt eingehalten haben, den unsere Großväter in vergangenen Tagen schlössen. Dennoch, da das Schicksal oder eure Magie zu stark für uns zu sein scheinen, habe ich beschlossen, euch gehen zu lassen. Heute abend, gegen Sonnenuntergang, werden wir euch auf die Straße bringen, die zur Furt des Tavaflusses führt, des Grenzflusses zwischen unserem Land und dem der weißen Kendah. Ihr könnt gehen, wohin ihr wollt Unser einziger Wunsch ist, eure Gesichter, die für unser Land so Übles bedeuten, niemals wiederzusehen.«

Bei dieser Nachricht hüpfte mir vor Freude das Herz im Leibe, aber äußerlich behielt ich meine zornige Miene noch weiter bei und fragte streng:

»Heute nacht? Warum erst heute nacht? Warum nicht sofort? Es ist für uns unnötige Erschwerung, den Fluß in der Nacht zu überschreiten.«

»Das Wasser ist jetzt niedrig, großer Herr, die Furt ist leicht zu finden. Außerdem würdet ihr sie, wenn ihr jetzt aufbrächet, erst gegen Abend erreichen, wenn ihr dagegen bei Sonnenuntergang abmarschiert, kommt ihr im Morgengrauen dort an. Und endlich können wir euch jetzt nicht hingeleiten; denn erst müssen unsere Toten begraben werden!«

Und ohne meine Antwort abzuwarten, verließ er, gefolgt von seinen Leuten, den Hof.

»Also heute abend werden wir frei sein!« sagte ich innerlich jauchzend zu Mârut.

»Ja, Lord«, antwortete er. »Aber warum lassen sie uns frei? Der Dämon Jana lebt in den Wäldern und Sümpfen des Travaflusses, und gerade bei Nacht streift er dort herum.«

Ich ließ mich auf keine Erörterungen ein und dachte mir nur, daß dieser mysteriöse, alte Einzelgänger vorläufig weit vom Schuß war, und daß es nicht allzu schwer sein dürfte, ihm aus dem Wege zu gehen.

Den ganzen langen Tag saß ich auf dem Dache oben und sah die schwarzen Kendah die durch den Hagel Getöteten fortschaffen und die schwersten Schäden an den Häusern ausbessern. Es wäre vielleicht vernünftiger gewesen, wenn ich mich durch ein paar Stunden Schlaf gestärkt hätte.

Endlich, in majestätischer Ruhe, verschwand der Sonnenball hinter dem dunkel-schattigen westlichen Walde, und pünktlich auf die Minute erschien Simba in Begleitung von etwa zwanzig berittenen und zwei ledigen Pferden vor unserem Tore. Die wenigen Vorbereitungen, die wir zu treffen hatten, waren längst erledigt. Mârut hatte einige Reste unserer Mahlzeiten in seine weiten Gewänder gesteckt, und kaum hatte Simba uns zugewinkt, waren wir schon zum Tore hinaus und auf den beiden ledigen Rossen. An dem menschenleeren Marktplatz vorüber ritten wir die nördliche Straße entlang.

Unter fast jeder Haustür standen dichtgedrängt Leute. Mit halblauter Stimme riefen sie Flüche und Verwünschungen hinter uns her, und ich habe selten einen wilderen Haß gesehen als auf diesen zahllosen schwarzen Gesichtern.

Verwunderlich war das allerdings nicht. Eine furchtbare Hungersnot stand bevor, ehe die neue Ernte hereingebracht war, und natürlich waren alle davon überzeugt, daß nur ich, der weiße Zauberer und Prophet des Kindes, dieses Unglück auf sie herabbeschworen hatte.

Einige Meilen hinter der Stadt verließ die Straße das kultivierte Gebiet und bog in den Urwald ein. Es war hier dunkel wie im Grabe; so dunkel, daß ich mich wunderte, wie unser Führer überhaupt den Weg fand.

Ein paar Stunden später hatten wir den Wald hinter uns. Der Mond ging gerade auf, und sein Licht beschien ein wildes Moorland, sumpfig und hier und da mit einzelnen düsteren Bäumen bewachsen. Ein Wildpfad kreuzte das öde Land. Hier hielt die Eskorte, und Simba, der König, sagte mürrisch:

»Steigt ab und geht eure eigenen Wege, böse Geister, die ihr seid. Wir haben in dieser Gegend, die von Dämonen bevölkert ist, nichts zu suchen. Folgt dem Pfade. Er führt zu einem See; geht um den See herum, und gegen Morgen werdet ihr den Fluß erblicken, hinter dem das Land eurer Freunde liegt. Mögen seine Fluten eure Gebeine davonschwemmen, denn wisset, hier ist einer, der diese Straße bewacht, einer, dem niemand gern begegnet«

Er hatte kaum gesprochen, da drangen seine Leute auf uns ein, rissen uns brutal von den Pferden herunter und stießen uns hinweg, daß wir strauchelten und hinfielen. Dann sprangen sie auf ihre Pferde und waren im nächsten Augenblick im Dunkel des Waldes verschwunden.

»Was nun, Freund Mârut?« fragte ich.

»Vorwärts gehen, Lord; denn wenn wir hier bleiben, werden Simba und seine Leute morgen zurückkommen und uns töten. Einer von ihnen hat mir das gesagt.«

»Dann voran, Macduff«, rief ich aus und schritt entschlossen vorwärts. Trotzdem er Shakespeare sicherlich niemals gelesen hatte, verstand mich mein Gefährte und folgte.

»Was meinte Simba mit den Worten, ›es ist einer auf der Straße, dem niemand gern begegnet‹?« fragte ich über die Schulter zurück, als wir etwa eine Meile hinter uns hatten.

»Er meinte den Elefanten Jana, Lord«, antwortete Mârut mit einem furchtsamen Seufzer.

»Dann hoffe ich, daß Jana verreist ist. Fasse Mut, Mârut. Es ist unwahrscheinlich, daß wir hier, in einer so weitläufigen Gegend, einem einzelnen Elefanten begegnen.«

»Außer Jana streifen hier noch viele Elefanten herum, Lord,« und er wies auf den Boden, »sieh hier die Fährten! Die Leute sagen, daß aus weiter Entfernung alle Elefanten an das Ufer dieses Sees kommen, um hier zu sterben, und hier, dies ist die Straße, auf der sie dem Tode entgegengehen, eine Straße, die kein lebendes Wesen betreten darf.«

Ich gab keine Antwort, denn ich war damit beschäftigt, den Boden zu untersuchen. Mârut hatte recht. Diesen Pfad waren schon viele Elefanten geschritten, einer erst vor wenigen Stunden.

Zwei Stunden marschierten wir in tiefem Schweigen dahin. Das einzige Lebendige in dieser Einöde war eine große Eule, die ein paarmal rund um unsere Köpfe segelte, um dann auf leisen Schwingen in unserer Richtung davonzufliegen.

»Diese Eule«, sagte Mârut, »war eine von ›Janas Kundschaftern‹, die ihm Nachricht bringen, wenn ein lebendes Wesen sein Gebiet betritt.«

»Blödsinn«, murmelte ich und stapfte weiter; aber ich war froh, daß von der Eule nichts mehr zu sehen war; unter gewissen Umständen steckt Angst an.

Von dem höchsten Punkt eines Hügels hielt ich Ausschau. Und da, uns zu Füßen, lag die wildeste, ödeste Szenerie, die meine Augen jemals gesehen hatten. Und dennoch hatte ich sie schon einmal gesehen. Damals auf Schloß Ragnall! Kein Zweifel, das war dieselbe Landschaft! Dort lag der schwarze, melancholische See, eine schwach schimmernde Fläche, dessen stille Wasser ein Binsengürtel umgab. Dort hinten bildete ein tropischer Forst die tiefschwarze Uferlinie, und dort, östlich vom See, dehnte sich das steinige Plateau aus.

Dieser Anblick erfüllte mich mit einem aus dumpfer Verwunderung und unbestimmter Furcht gemischten Gefühl. Ich hatte Angst, mich den Ufern des Sees zu nähern, weil ich daran dachte, daß in jener Vision das letzte Bild vor mir nicht aufgerollt worden war. Unruhig blickte ich hin. Gingen wir links am See vorbei, so gerieten wir in den Wald. Und hier mußten wir uns unrettbar verirren. Das rechte Ufer des Sees wiederum war mit Felsblöcken übersät, zwischen denen riesige Dornbüsche und langhalmige Gräser wuchsen. Hier vorwärtszukommen, schien für Fußgänger unmöglich. In der aus unbestimmter Furcht entstandenen Absicht, unter derartigen Umständen einen anderen Weg ausfindig zu machen, blickte ich zurück. Und da, in einer Entfernung von etwa dreihundert Schritten, hinter einer niedrigen struppigen Mimose, zwischen deren Zweigen eine Aloe wuchs, erblickte ich etwas Schlankes, Braunes, was sich in die Luft erhob und dann wieder hinter dem Gebüsch verschwand, etwas, was dem Rüssel eines Elefanten verzweifelt ähnlich sah. Da ergriff mich der Mut der Verzweiflung. Darauf gefaßt, nun auch dem Schlimmsten ins Auge zu sehen und damit fertig zu werden oder unterzugehen, fing ich an, in der Richtung auf den See davonzulaufen.

Zehn Minuten Laufen brachten uns an das Ufer. Der Nachtwind flüsterte im Ried, als wäre es von lebendigen Wesen bevölkert. Wohin ich auch blickte, überall ragten dunkle, seltsame Gebilde aus dem Schilf und den Binsen empor, Kadaver toter Elefanten. Über manche wucherten dicke, jahrzehntealte Moospelze. Hier und da schimmerten im Mondlicht gebleichte Knochen. Hier, innerhalb eines Radius von etwa einer Viertelmeile, lag genug Elfenbein, um einen Bettler zum Krösus zu machen. Dieser Gedanke gab mir neuen Willen zum Leben. Wenn ich aus dieser verzweifelten Situation nur erst einmal mit heiler Haut herauskam – dann wollte ich zurückkehren und mir dieses Elfenbein holen! Also mußte ich eben herauskommen! Irgendwie mußte es möglich sein!

Plötzlich vergaß ich das Elfenbein. Denn da, vor mir, gerade dort, wo er zu stehen hatte, genau so, wie ich ihn in jenem Traumbild gesehen hatte, stand ein sterbender Elefantenbulle, ein hageres, uraltes Tier, dessen Leben nur mehr nach Minuten zählte. Er blickte um sich, als suche er eine gute Lagerstätte, jetzt schien er sie gefunden zu haben; er schritt hin, stand still und schaukelte wohl eine Minute lang hin und her. Dann hob er den Rüssel und trompetete dreimal schrill auf. Das war sein Schwanengesang. Er sank langsam in die Knie, streckte den Rüssel aus, die Enden der abgenutzten Zähne berührten den Boden, und er verendete.

Weiter schweifte mein Blick. Und richtig, etwa fünfzig Meter hinter dem toten Bullen erhob sich ein runder, felsiger Hügel. Ich starrte hin in Erwartung von etwas Bestimmtem und – siehe, über dem oberen Rande des Hügels, stumm und riesengroß, wuchs eine graue Gestalt aus dem Nachthimmel auf! Scharf und klar hob sie sich gegen den Sternenhintergrund ab: es war der dämonische Elefant aus meiner Vision.

Himmel, welch ein Ungetüm! Er schien um die Hälfte größer als der größte Elefant, den ich jemals in meinem Leben gesehen hatte. Er schien ungeheuer, unirdisch; vielleicht der letzte Überlebende einer Art, die noch vor der Sintflut geblüht hatte. Furchtbare Narben bedeckten seine grauschwarzen Flanken. Der eine seiner kolossalen Zähne schimmerte im Mondlicht Der andere war etwa in halber Länge abgebrochen. Der Stumpf war seltsamerweise nach abwärts und nicht nach aufwärts gebogen.

Ich warf mich hinter einem verfilzten, mit Moos und Farnen bewachsenen Skelett eines Elefanten zu Boden und beobachtete das Ungeheuer, fasziniert von seiner Erscheinung und mit dem heißen Wunsch im Herzen, eine Elefantenbüchse zur Hand zu haben. Mârut, ein paar Schritte hinter mir, hatte sich ebenfalls auf den Boden niedergeworfen.

Jetzt, nachdem er noch eine Weile die Luft mit dem Rüssel geprüft hatte, trabte der Gigant gemächlich den Hügel herab und auf den zuletzt angekommenen Elefanten zu. Dieser war doch noch nicht ganz tot. Denn als die Riesengestalt Janas zu ihm hintrat, reckte der Sterbende den Rüssel hoch, als wollte er den riesigen König seines Geschlechtes zärtlich begrüßen. Doch kraftlos, mit einem dumpfen Krach fiel der Rüssel zu Boden, und jetzt wurde eine Szene aus der Vision grausige Wirklichkeit; Jana warf den Sterbenden über den Haufen, rollte den Körper auf dem Boden hin und her – dann blieb er bewegungslos und wie in tiefem Nachdenken versunken neben dem jetzt endgültig Verendeten stehen.

Folgendes geschah: Jana stand immer noch bewegungslos. Ich muß erwähnen, daß der Wind von vorne auf mich zukam, also aus einer Richtung, die, wie ich mit meinem Jägerinstinkt sofort witterte, günstig für uns war. Die Brise war sehr schwach, nur ab und zu traf ein leiser Hauch meine schwitzende Stirn.

Doch jetzt wollte es ein tückisches Schicksal, daß, kaum spürbar, ein schwacher Windstoß hinter uns aufsprang. Ich fühlte ihn in meinen feuchten Nackenhaaren spielen. Im gleichen Augenblick kam ein leises Scharren von Jana her, und ich erkannte mit Grauen, daß mit einem Male jede Spur Nachdenklichkeit von ihm gewichen war; er war jetzt nichts als gespannteste Aufmerksamkeit; er stand da, jedes Glied gestrafft, den Kopf erhoben wie ein Terrier, der eine Ratte wittert. Seine ungeheuren Ohren standen breit und unbeweglich vom Kopfe ab; ein mächtiges Zittern lief über seinen riesenhaften Körper, und der gewaltige Rüssel schnüffelte, steil emporgereckt, in der Luft.

»Gütiger Himmel!« dachte ich, »er hat uns gewindet!« Ich atmete auf, als im nächsten Augenblick ein neuer Windstoß uns wieder von vorne traf; ich hoffte, Jana würde zu der Überzeugung kommen, sich geirrt zu haben.

Doch den Gefallen tat er mir nicht! Jana war ein viel zu alter Bursche, um sich zu irren. Er grunzte, setzte sich umständlich in Bewegung wie ein Güterzug und kam in entsetzlich federndem, wiegendem Gange auf uns zu. Sein Rüssel war überall. Er schnüffelte am Boden, schnüffelte in der Luft, schnüffelte zur Rechten, zur Linken und sogar gegen den Himmel hinauf, als könnte von dort oben Witterung kommen.

Etwas wie Neugierde erfüllte mich, was jetzt geschehen würde. Da hörte ich die flüsternde Stimme Mâruts neben mir.

»Die Priester haben Jana befohlen, uns zu töten; die nächsten Augenblicke werden unsere letzten sein«, wisperte er ganz schnell. »Bevor ich sterbe, will ich dir sagen, daß die weiße Dame, das Weib des Lord –«

»Still!« zischte ich, »er wird dich hören«, denn in jener Sekunde hatte ich nicht das leiseste Interesse für irgendeine Dame auf der ganzen Welt.

In der Tat – Jana hatte uns gehört! So schwach das Flüstern auch gewesen war, in der Stille der Nacht war es seinen fast übernatürlich scharfen Sinnen nicht entgangen. Er brauste heran mit der Geschwindigkeit und Wucht eines Schnellzuges, den Rüssel gerade vorgestreckt. Sechs Meter vor uns blieb er stehen und schnüffelte wie zuvor.

Das war zuviel für den armen Mârut! Er sprang auf und begann um das liebe Leben zu rennen. Er floh dem See zu, um sich schwimmend zu retten. Wie er rannte! Hinter ihm her Jana, pfeifend und schnaubend wie eine Schnellzugslokomotive und auch mit derselben Geschwindigkeit. Mârut erreichte den See etwa zehn Meter vor seinem Verfolger. Mit einem Aufklatschen sprang er hinein und schwamm davon.

»Wenn ihn die Krokodile nicht schnappen, hat er jetzt Aussichten,« dachte ich, »jenes Teufelsvieh wird ihn kaum im Wasser verfolgen.« Aber gerade hierin irrte ich mich. Denn wie ein niederstürzender Felsen platschte Jana ebenfalls ins Wasser hinein; und er war, wie ich sofort konstatierte, bei weitem der bessere Schwimmer. Mârut bemerkte es und bog sofort scharf ab, dem Ufer zu. Bei diesem Manöver gewann er einen Meter; denn er konnte rascher wenden als Jana.

Die Jagd kam zurück, Jana dicht hinter Mârut. Zwei- oder dreimal schlug er mit dem Rüssel nach ihm, doch ohne zu treffen. Sie landeten, Mârut verschwand zwischen den Felsen, bog mit der Geschwindigkeit eines verfolgten Hasen rechts und links und wieder rechts um und hielt zu meinem Entsetzen ungefähr Richtung auf mich, ich weiß nicht, ob durch Zufall oder in der irrsinnigen Hoffnung, bei mir Schutz zu finden.

Auf einmal, nur wenige Schritte von mir entfernt, gab Mârut das Rennen auf. Er machte kehrt und sprudelte heulend, aber mit unglaublicher Geschwindigkeit, eine Anzahl Worte heraus, wahrscheinlich Flüche und Verwünschungen, von denen ich nur zwei verstehen konnte: »Das Kind.«

Und merkwürdigerweise schien diese Wortkanonade auf das wütende Ungeheuer Eindruck zu machen. Er stoppte seinen Lauf, rutschte noch einige Meter weiter, stand still. Dann griff er plötzlich an!

Ich schloß sekundenlang die Augen. Als ich sie wieder öffnete, sah ich Mârut in die Luft emporgeschleudert. Es kam mir vor, als würde er niemals wieder herunterkommen, aber schließlich fiel er mit einem dumpfen Schlag nicht weit von mir nieder. Jana schritt zu ihm hin, hob ihn, jetzt vollkommen ruhig geworden, auf, und gelassen den Toten in dem pendelnden Rüssel leise hin und her schwenkend, trug er ihn direkt auf den Felsblock zu, hinter dem ich lag, und legte ihn darauf nieder. Ich glaube, er hatte mich die ganze Zeit über gesehen oder gewittert.

Lange, lange, mir schienen Jahrhunderte zu vergehen, stand er über mir und beobachtete mich. Das Wasser des Sees rann von seinen gewaltigen Flanken und seinen großen Ohren herab und tropfte mir auf den Rücken. Wäre das nicht gewesen, ich hätte sicherlich vor Entsetzen das Bewußtsein verloren. So tat ich das einzige, was mir zu tun noch übrigblieb – ich stellte mich tot. Vielleicht würde dieses Monstrum einen Toten in Ruhe lassen. – – Aber aus einer Ecke meines Auges hinaufschielend, sah ich noch ihn eine seiner ungeheuren Vordersäulen hochheben – –

»Nun, gute Nacht, o Welt«, dachte ich. Der Fuß senkte sich wie ein Dampfhammer, stoppte aber, als er meinen Rücken berührte, glitt über meinen Körper hinweg und wurde neben mich niedergesetzt. Jana schien auf etwas anderes verfallen zu sein. Äußerst behutsam legte er den Körper Mâruts neben mich, rollte sodann seinen mächtigen Rüssel auf und begann mich am ganzen Körper abzutasten.

Langsam fuhr der Rüssel meinen Rücken herunter bis an die Hüfte, und hier zwickte er mich – ich nehme an, um sich zu vergewissern, ob ich wirklich tot war oder mich nur so stellte. Es war ein äußerst schmerzhaftes Kneifen, etwa wie von einer Zange, und so scharf, daß er ein Stück aus dem starken Stoff meiner Hose riß, von dem gleichgroßen Fetzen Haut zu schweigen. Das schien ihn in Erstaunen zu versetzen, denn er bog das Ende des Rüssels aufwärts und legte den Kopf auf die Seite, als wolle er das Herausgerissene im Licht des Mondes betrachten.

Wenn er jetzt Blut daran sah, war alles vorbei! – Ich sandte ein Stoßgebet zum Himmel, mich vor diesem furchtbaren Ende zu bewahren – und im gleichen Augenblick wurde es erhört!

Gerade als Jana, wahrscheinlich unzufrieden mit der Inspektion, die Ohren ausbreitete, eine Bewegung, die Elefanten tun, wenn sie gereizt sind oder angreifen wollen, fuhr der laute, scharfe Knall einer Büchse, die nur wenige Meter von mir entfernt abgefeuert wurde, durch die Luft. Aufblickend sah ich einen Blutstrom aus dem linken Auge des Ungetüms schießen, wo wahrscheinlich die Kugel eingedrungen war. Er fühlte mit dem Rüssel nach dem Auge, stieß ein schmerzvolles Kreischen aus, warf sich herum und polterte davon wie ein Expreßzug.

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