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Das Elfenbeinkind

Henry Rider Haggard: Das Elfenbeinkind - Kapitel 10
Quellenangabe
authorHenry Rider Haggard
titleDas Elfenbeinkind
publisherVerlag Martin Maschler
yearo.J.
translatorArthur Heye
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170210
projectid318bbeb0
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10. Kapitel
Der erste Fluch

Das nächste, woran ich mich erinnere, waren Sonnenstrahlen, die durch die Fensteröffnung auf mein Gesicht fielen. Ich verschränkte die Arme hinter dem Kopfe und lag noch eine Weile still da, um über alle Ereignisse des gestrigen Tages und über meine augenblicklich fast hoffnungslose Lage nachzudenken. Ich war also der Gefangene einer Horde erbitterter Wilden, die allen Grund hatten, mich zu hassen. Gut, der König hatte mir Sicherheit versprochen. Aber konnte ich dem Wort eines solchen Individuums vertrauen? Wenn nicht irgend etwas Unvorhergesehenes eintrat, waren meine Tage ohne Zweifel gezählt. Warum hatte ich mich aber auch in dieses Abenteuer eingelassen! Daß Ragnall und Wild entkommen waren, war der einzige Lichtblick. Jetzt mochten sie wohl meinen Tod betrauern, denn von meiner Gefangennahme wußten sie ja höchstwahrscheinlich nichts. Was würden sie nun, nachdem ihre Aufgabe unlösbar geworden war, unternehmen? Versuchen, aus dem Lande herauszukommen?

Dann war noch Hans da. Selbstverständlich würde er versuchen, den Rückweg zu erzwingen. Sein Kamel war gut, er hatte Gewehr und Munition, und er vergaß niemals einen Pfad, den er einmal begangen hatte. Es war also immerhin möglich, daß er sich durchschlug. Wahrscheinlicher aber war es, daß nach Verlauf etwa einer Woche ein paar Knochen mehr in der Wüste bleichten ... Armer, alter Hans!

Ich öffnete die Augen und blickte mich um. Das erste, was ich bemerkte, war, daß meine doppelläufige Pistole, die ich vor dem Einschlafen neben mich gelegt hatte, fort war. Ebenso mein großes Standmesser. Diese Entdeckung ermutigte mich nicht gerade; denn jetzt war ich wehrlos. Dann entdeckte ich Mârut. Er saß mitten in der Hütte auf dem Fußboden und starrte unbeweglich vor sich hin. Das ewige Lächeln war von seinem Gesicht verschwunden, und seine Lippen bewegten sich wie im Gebet.

»Mârut,« sagte ich, »während wir schliefen, ist jemand hier gewesen und hat meine Pistole und mein Messer gestohlen.

»Ja, o Lord,« antwortete er, »und mein Messer auch. Ich habe sie kommen sehen, mitten in der Nacht, zwei Männer, die leise gingen wie die Katzen und alles durchsuchten.«

»Warum hast du mich dann nicht geweckt?«

»Was hätte das genutzt, Lord? Wenn wir uns gewehrt hätten, würden die beiden um Hilfe gerufen haben, und wir wären glatt ermordet worden. Es war am besten, sie die Waffen stehlen zu lassen. Und schließlich hätten sie uns hier doch nicht viel genutzt.«

»Die Pistole zu etwas Bestimmtem schon«, entwertete ich bedeutungsvoll.

»Ja,« nickte er, »aber wenn es zum Äußersten kommt, findet sich immer eine Gelegenheit zum Sterben.«

»Was meinst du, Mârut, gibt es keine Möglichkeit, Hârut und den anderen Kenntnis von unserer Lage zu verschaffen? Vielleicht mit Hilfe jenes Rauches, mit dem du uns damals in England Dinge zeigtest, die weit entfernt waren.«

»Der Rauch war eine Spielerei, Lord, ein harmloses Rauchpulver, das euer Bewußtsein für einen Augenblick umnebelte und euch zwang, Dinge zu sehen, die in unserem Gehirn waren. Wir malten die Bilder, die ihr saht. Außerdem habe ich von dem Zeug auch nichts hier.«

»So, so,« sagte ich, »also der alte Trick der Hypnotiseure! Damit ist es also auch nichts, und die anderen halten uns für tot. Also haben wir keine Hoffnung mehr außer auf uns selbst.«

»Oder auf das Kind«, bemerkte Mârut sanft.

»Höre einmal, Mârut!« sagte ich ärgerlich, »jetzt, nachdem du mir gerade erzählt hast, daß jene Rauchvision ein bloßer Gauklertrick war, erwartest du von mir, ich soll an euer unsinniges Kind glauben? Wer ist denn das Kind? Und, noch wichtiger, was kann es tun? Da es wahrscheinlich sowieso nicht mehr lange dauern wird, bis uns die Kehle abgeschnitten wird, kannst du mir ruhig die Wahrheit sagen.«

»Lord Macumazana, das will ich. Wer und was das Kind ist, kann ich nicht sagen, weil ich es selbst nicht weiß. Aber es ist unser Gott seit Tausenden von Jahren, und wir glauben, daß unsere Vorväter es einst, in grauen Zeiten, mit sich brachten, als sie aus Ägypten vertrieben wurden. Wir besitzen alte Manuskripte darüber, aber da wir sie nicht lesen können, sind sie für uns wertlos. Das Kind umgibt eine erbliche Priesterschaft, Hârut – er ist in Wirklichkeit mein Onkel – ist ihr Oberpriester. Wir glauben daran, daß das Kind Gott ist, oder wenigstens ein Symbol, in dem Gott wohnt, und daran, daß es uns in dieser und in jener Welt retten und bewahren kann, und wir sind der Überzeugung, daß der Mensch eine unsterbliche Seele hat. Wir glauben auch daran, daß das Kind durch sein Orakel – durch seine Priesterin, die ›Wächterin des Kindes‹ genannt wird – die Zukunft voraussagen und Fluch oder Segen auf uns, und insbesondere auf unsere Feinde, bringen kann. Stirbt das Orakel, sind wir hilflos, denn dann hat das Kind keine ›Zunge‹ mehr, und dann kommt gewöhnlich Unglück über unser Volk. Das ereignete sich zuletzt vor mehreren Jahren, und da die letzte Zunge des Kindes kurz vor ihrem Tode erklärte, ihre Nachfolgerin wäre in England zu finden, machten mein Onkel und ich uns auf, als Gaukler verkleidet dorthin zu gehen und die Priesterin zu suchen. Wir hofften schon, das neue Orakel in der Dame gefunden zu haben, die Lord Igeza heiratete. Nach Afrika zurückgekehrt – nachdem ich dir schon soviel gesagt habe, will ich dir auch dieses noch verraten –«, und er starrte mir voll und gerade in die Augen, seine Stimme bekam einen harten, metallischen Klang, aber gerade deshalb überzeugte sie mich nicht, »fanden wir jedoch heraus, daß wir uns geirrt hatten. Denn das richtige Orakel, ein junges Mädchen aus dem Volke, wurde in unserem eigenen Lande gefunden und ist nun schon seit zwei Jahren Priesterin des Kindes. Ohne Zweifel war der Geist der letzten Wächterin des Kindes durch den nahen Tod getrübt, als sie von jener Frau in England sprach. Das ist alles.«

»Ich danke dir«, antwortete ich in dem Gefühl, daß es nutzlos wäre, irgendwelche Zweifel an der Wahrheit seiner Geschichte zu äußern. »Nun sei aber auch so gut und teile mir mit, wer und was der Gott der Schwarzen, jener Elefant Jana, ist. Ist der Elefant ein Gott, oder ist der Gott ein Elefant? Und was hat er eigentlich mit eurem Kinde zu tun?«

»Lord, Jana repräsentiert unter uns Kendah das Böse, während das Kind das Gute verkörpert. Jana ist der, den die Mohammedaner Schaitan nennen und die Christen Satan und unsere Vorväter Set.«

»Ah,« dachte ich, »da haben wir Horus, das göttliche Kind, und Set, das böse Ungeheuer, die nach dem Glauben der Ägypter in aller Ewigkeit miteinander ringen.«

»Immer ist Krieg gewesen zwischen dem Kind und Jana,« fuhr Mârut fort, »also zwischen dem Guten und dem Bösen, und wir wissen, daß am Ende aller Dinge einer der beiden den anderen besiegen wird.«

»Das hat die Welt vom Anfang aller Dinge an gewußt,« unterbrach ich ihn, »aber wer und was ist dieser Jana?«

»Für die schwarzen Kendah, Lord, ist Jana ein Elefant oder jedenfalls das Symbol eines Elefanten. Und er ist ein schreckliches Ungetüm, dem Opfer gebracht werden müssen. Er tötet alle Menschen, die ihn nicht anbeten. Er lebt in jenem Walde dort, und die schwarzen Kendah verwenden ihn in der Schlacht; denn der Teufel, von dem er besessen ist, hört auf ihre Priester.«

»So, so, und ist dieser Teufel immer in demselben Elefanten?«

»Das kann ich dir nicht sagen, aber viele Generationen lang ist es so gewesen; denn wir erkennen ihn an seiner Gestalt und an der Tatsache, daß einer seiner Zähne nach unten gekrümmt ist.«

»Schön«, bemerkte ich. »Aber das alles beweist nichts; denn Elefanten leben oft genug länger als zweihundert Jahre. Außerdem nehmen sie, zumal wenn es sich um Einzelgänger handelt, oft bösartige und manchmal direkt unnatürliche Gewohnheiten an, worüber ich dir aus eigener Erfahrung einen ganzen Roman erzählen könnte. Hast du diesen Elefanten überhaupt jemals gesehen?«

»Nein, Macumazana«, antwortete er und schüttelte sich. »Hätte ich ihn je gesehen, wie könnte ich dann heute noch leben? Aber ich fürchte, ich werde ihn nur zu bald sehen müssen, und ich fürchte, ich nicht allein.« Und dabei sah er mich vielsagend an.

Unsere Unterhaltung wurde durch den Eintritt zweier schwarzer Kendah unterbrochen, die uns Frühstück brachten. Es bestand aus einem gekochten Huhn mit Maisbrei. Ich war jetzt nicht mehr so beunruhigt, da ich durch die Erzählungen Mâruts zu dem Schluß gekommen war, daß der schreckliche Teufelsgott der schwarzen Kendah einfach ein Einzelgängerelefant von ungewöhnlicher Größe und Wildheit sei, den ich unter andern Umständen mit dem größten Vergnügen über den Haufen geschossen hätte. Wir aßen jeder ein wenig und kletterten dann mit der Leiter aufs Dach hinauf. Auf dem Marktplatze war eine eigenartige Zeremonie im Gange. Bei der immerhin beträchtlichen Entfernung vermochten wir allerdings Einzelheiten nicht zu erkennen; denn mein Feldglas war, wie ich zu erwähnen vergaß, zusammen mit der Pistole und dem Messer gestohlen worden.

Ich fragte Mârut, was denn dort getrieben werde. Er antwortete mir:

»Sie befragen ihr Orakel; vielleicht darüber, ob wir leben oder sterben sollen, Macumazana.«

Plötzlich hörte die Sonne auf zu scheinen. Mit ungewöhnlicher Geschwindigkeit zogen grauschwarze Wolken herauf; in kurzer Zeit war der ganze Himmel bedeckt, und die Luft wurde fühlbar kühler, ja kalt. Mârut erklärte, daß solch eine Kühle und überhaupt Wolken am Himmel für diese Jahreszeit geradezu unerhört wären, zumal das Land kurz vor der Ernte stände. Auch die schwarzen Kendah schienen erstaunt und beunruhigt, und vom Dache aus sahen wir sie in Gruppen auf dem Marktplatz stehen, den Himmel anstarren und erregt miteinander disputieren.

Der Tag verging ohne weitere Zwischenfälle. Gegen Abend wurde uns Essen gebracht. Die Dunkelheit brach früher herein als gewöhnlich, und wir legten uns schlafen.

An den nächsten beiden Tagen geschah nichts weiter.

Und zum dritten Male brach die Dunkelheit herein. Wir verbrachten die Nacht wieder auf dem Dache, aber keiner von uns schlief. Es war zu kalt. Wir waren körperlich erschöpft und vor allem seelisch sehr deprimiert. Überdies schien die ganze Natur mit Unheil und Entsetzen schwanger zu gehen. Der Himmel sah aus, als wollte er die Erde verschlingen. Vom Mond war nichts zu sehen. Fahle Blitze durchzuckten den Horizont. Es war völlig windstill, und trotzdem schien es, als zittere ein dumpfes Murren in der Atmosphäre.

Und plötzlich brach das Unwetter los. Mit schreckenerregender Heftigkeit erhob sich ein Sturm. Eisige Kälte ließ uns zusammenschauern. Eine halbe Stunde lang raste der Orkan über das Land, dann zuckten Blitze auf. Bei ihrem Schein sahen wir die ganze Bevölkerung von Simbastadt auf dem Marktplatze versammelt.

Ein paar Minuten später krachte ein furchtbarer Donnerschlag. Der ganze Himmel war ein einziges Dröhnen und Widerhallen. In der nächsten Sekunde schlug etwas Hartes neben mir auf dem Dache auf und zersprang in kleine Stücke, und wieder einen Moment später bekam ich einen Schlag auf die Schulter, daß ich trotz meiner Deckenverpackung fast zusammenbrach.

»Die Treppe hinunter!« rief ich. »Sie steinigen uns«, und stürzte Hals über Kopf in die Dachluke hinein. Im nächsten Augenblick hatten wir uns in die entfernteste Ecke gedrückt. Die Steine prasselten zu Tausenden herab, fielen durch die Luke herein und sprangen polternd die Treppe hinunter. Ich zündete ein Streichholz an – daß ich davon und von meinem Plattentabak noch einen kleinen Vorrat hatte, war in diesen Tagen meine einzige Erleichterung –, und bei seinem Scheine sah ich, daß über Mâruts Gesicht Blut rann, und daß diese Steine große Eisklumpen waren, die ringsum wie lebende Wesen über den festgestampften Boden der Hütte sprangen.

»Hagelsturm!« bemerkte Mârut mit seinem gewöhnlichen Lächeln.

»Höllensturm!« antwortete ich; »denn wer hat jemals Hagel in dieser Größe gesehen.« Dann ging das Zündholz aus, und das Sprechen wurde im ununterbrochenen Rasseln und Dröhnen des Hagelwetters zur Unmöglichkeit. Und doch war mir, als hörte ich durch diese furchtbare Musik hindurch noch andere, noch entsetzlichere Töne, ein Geheul, als ob Hunderte von Menschen im Todeskampf lägen.

Ich schätze, daß diese Naturerscheinung etwa zwanzig Minuten lang anhielt. Langsam klärte sich der Himmel auf, und schließlich schien, still und klar, der Mond. Wir kletterten aufs Dach und sahen uns um. Der Zementboden war fast fußtief mit knirschenden Eisstücken bedeckt, und der Marktplatz und das ganze Land ringsum sahen im silbernen Mondlicht aus wie eine nordische Schneelandschaft.

Erstaunlich rasch schmolzen die Eismassen weg, und überall bildeten sich Wildbäche, die sich an Zäunen, Viehhürden und Hausmauern stauten, die Hindernisse schließlich über den Haufen rannten und Menschen, Vieh und Geräte in ihren zu Tal stürzenden Fluten mit sich rissen. Wild herumjagende Pferde, die sich aus ihren zerstörten Ställen befreit hatten, vergrößerten nur noch die allgemeine Verwirrung, und aus allen Vierteln der Stadt scholl Wimmern und Wehklagen von Verwundeten, die unter den teilweise eingestürzten Häusern begraben lagen. Auf dem Marktplatz konnten wir einzelne dunkle Haufen erkennen, wahrscheinlich verwundete und getötete Menschen, die sich vor den furchtbaren Geschossen des Himmels nicht rechtzeitig hatten in Sicherheit bringen können.

Erst am nächsten Morgen war das Unglück, das die schwarzen Kendah betroffen hatte, seiner ganzen Ausdehnung nach zu übersehen. Die Ernte hatte geradezu wundervoll gestanden, die umliegenden prangenden Felder hatten einem grünen, wogenden Meer von unendlicher Fruchtbarkeit geglichen. Aber jetzt, da die Sonne aufging, war das Grün ringsum verschwunden, und nur schmutziggraue Massen Eis, gemengt mit Schlamm und zerfetzten Pflanzenresten, bedeckten den Boden. Auch im Wald war auf den Bäumen nicht ein einziges Blatt übriggeblieben; wie anklagend streckten sie ihre nackten Äste zum Himmel empor.

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