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Gutenberg > Karl Friedrich Hensler >

Das Donauweibchen

Karl Friedrich Hensler: Das Donauweibchen - Kapitel 3
Quellenangabe
typedrama
booktitleDie romantisch-komischen Volksmärchen
authorKarl Friedrich Hensler
year1936
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleDas Donauweibchen
pages97-98
created20031201
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1798
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Zweiter Aufzug

Erster Auftritt.

Gemach auf Hartwigs Feste. Albrecht sitzt in einem Lehnstuhl. Minnewart neben ihm. Salome mit einer Kohlpfanne. Fuchs.

Minnewart. Wird euch bald leichter werden, edler Herr Ritter. Meine Pflaster haben schon Wunder gewirkt.

Salome. Aber so bitt' ich euch doch, gestrenger Herr! was ist euch denn widerfahren?

Albrecht. Ein bloßer Zufall! Ich wollte an dem Donauufer eine Blume brechen – die lockere Erde wich unter meinen Füssen –

Zweyter Auftritt.

Vorige. Käsperle.

Käsperle. (springt herein, ausser Atem) Auweh! auweh! das weiß der Teufel, was mit mir geschehen ist. (hält den Kopf) Ich weiß nicht, hab' ich meinen Kopf noch, oder hat mir ihn der Wind davongetragen.

Minnewart. Woher kommt ihr so eilend, guter Freund!

Käsperle. Von dem Meister Lucifer.

Fuchs. Was ist euch begegnet, seht ihr doch aus, als wenn das wilde Heer sein Wesen mit euch getrieben hätte.

Käsperle. Ja – das wilde Heer! die Teufelsnixen haben mich für einen Narren gehabt.

Albrecht. (winkt ihm) Käsperle!

Käsperle. So! jetzt soll ich nicht einmal davon reden? was hat denn hernach das Lachen und Ausspotten, und die verdammte Spazierfahrt auf der Windmühle zu bedeuten gehabt?

Salome. (ihn am Kinn ergreifend) Ich freue mich nur, daß euch kein Unheil begegnet ist, mein edler Herr Zechmeister!

Käsperle. Jetzt geh sie mit ihrer Kohlpfann, sie alter Backofen!

Salome. Hilf gütiger Himmel! da hättet ihr können schön ankommen, edler Herr! wenn ihr etwa in die Donau gefallen wäret?

Minnewart. Wenn euch das Wasserweibchen erwischt hätte, ihr wäret des gähen Todes gestorben. Die Donaunixe treibt ihr Wesen allenthalben.

Albrecht. Eben recht! Meister Minnewart! ihr seid ein studierter und gelehrter Mann. Sagt mir doch, was denkt ihr von dem Spucke, den man sich hier in der Gegend von dem Donauweibchen erzählt?

Minnewart. Es ist alles Wahrheit, edler Herr! gar viele Menschen haben die Tücke dieser Nixe erfahren – denn man weiß, daß sie große Neigung zur Vereinigung mit hübschen Männern tragen.

Albrecht. Ihr erzählt mir da wunderbare Dinge.

Minnewart. Ja – ja – edler Herr! Man muß sich vor ihnen in Acht nehmen. Sie stellen den Männern gar abscheulich nach. – Sie können sich in alle Gestalten umwandeln, und wenn man sich mit ihnen abgiebt, machen sie einen reich und mächtig – aber am Ende verliert man auch darüber seiner Seelen Heil.

Albrecht. Fuchs! wunderbare Dinge gehen mit mir vor, die ich nicht zu begreifen vermag.

Fuchs. Hütet euch vor dem Wasser, gestrenger Herr! die Nixen setzen einem gar gewaltig zu – meine selige Mutter – ja hört nur, was ich euch von einer solchen Nixenerscheinung erzählen will.

Einst gieng ein junger Rittersmann
    Lustwandeln an des Flusses Strand,
Da sprach ein Mädchen sanft ihn an,
    Und nahm ihn lächelnd an der Hand.
Sie sang ihm süsse Liedlein vor,
Der Ton bezauberte sein Ohr –
    Ihr holdes Wesen reizte ihn,
    Entzückte seinen Liebessinn.

Und als er so mit Liebesgluth,
    Sich schloß an ihre weiche Brust,
So zog sie ihn – husch! in die Fluth,
    Zu Wasser ward die Liebeslust.
Was sonst geschah, das weiß man nicht,
Nur so viel meldet die Geschicht,
    Daß er nachher in einem Jahr
    Des Satans Spießgeselle war. (ab)

(Hulda erscheint denen übrigen unsichtbar, Ritter Albrecht schläft ein. Sie schleichen sich unter dem Gesang alle nach und nach weg).

Dritter Auftritt.

Albrecht. Hulda verschleyert, hat eine aufgeblühte Rose in der Hand.

Hulda. Wie sanft er schläft! Ein süsser Traum beschäftiget seine Phantasie mit meinem Bilde. – (sie hält ihm die Rose vor. Albrecht erwacht)

Albrecht. Wo bin ich? wen seh' ich? (erschrickt) Warest du nicht eben das unnennbare Wesen, das ich vorhin in den Fluthen der Donau erblickte?

Hulda. Fürchte dich nicht, holder Mann! ich komme deine Schmerzen zu lindern –

Albrecht. Ha! wie ist mir auf einmal; ich fühle das kühlende Wohlthun dieser Wunderkraft – (steht auf)

Hulda. Albrecht! Habe ich deine Schmerzen geheilt, so heile nun auch die meinige, deren Urheber du bist! fliehe mich nicht mehr – kehre mit mir in meine Wohnung zurück.

Albrecht. Aber wo finde ich die Wohnung meiner Wohlthäterinn?

Hulda. Unter den Fluthen der rauschenden Donau steht mein Schloß. In diesem Schloß ist die goldene Kammer, wo unser Brautlager steht, wenn du mich lieben willst.

Albrecht. Müßte ich nicht meiner Bertha ungetreu werden, wenn ich –

Hulda. Bertha wird dein Weib, aber ich liebe dich nicht weniger, als Bertha dich lieben kann. Mir überlaß dich und deine Liebe nur 3 Tage im Jahr – Ich mache dich reich, groß und glücklich – (sanft) Guter Albrecht! kann ich billiger fordern? willst du mich lieben?

Albrecht. Ach! mein zertheiltes Herz will – aber das Heil meiner Seele? erkläre dich, Hulda! über diese Besorgnisse –

Hulda. Ich liebe dich, Albrecht! die Liebe ist keine Räuberinn, und wir haben alle einen Schöpfer. Mann! ich habe Ansprüche auf die Hälfte deines Herzens.

Albrecht. Ansprüche – sagst du?

Hulda. Leb wohl – am Ufer der Donau seh ich dich wieder.

Albrecht. Und du liebst mich?

Hulda. Die Natur goß Liebe in unser Herz, und Harmonie unserer Seelen webte diese himmlische Leidenschaft zu dem schönsten Leitfaden unseres Erdenglückes.

Arie.          
Ja groß und mächtig ist die Kraft
    Der holden Göttinn Liebe,
Die herrlich wirkt, und göttlich schafft
    Durch unbekannte Triebe.
Die Herz mit Herz durch Simpathie
Vereint in sanfter Harmonie.

Sie ist der Gottheit Hochgebott
    Belohnt mit süsser Wonne.
Und die Natur ist leer und todt
    Ohn ihre Zaubersonne.
Wohl allen, die ihr Strahl entzückt,
Sie leben froh und hochbeglückt.

(ab mit Albrecht)

Vierter Auftritt.

Gemach. Ritter Hartwig. Junker Bodo. Fräulein von Lindenhorst. Hans von Biberach. Ritter Kaufingen. Bertha. Minnewart. Elisabeth.

Hartwig. Noch einmal seyd uns herzlich willkommen, werthen Gäste!

Fräulein. Ihr habt also schon euer Jawort von euch gegeben zur Vermählung eurer Tochter?

Hartwig. Alles ist schon abgethan – morgen geht's ins Himmels Namen zum Altar.

Fräulein. (beiseite) Verdammte Nachricht! (laut) Fräulein! Ich wünsche euch Glück – Ritter Albrecht von Waldsee ist einer der liebenswürdigsten Ritter im Gau.

Elisabeth. Werdet wahrlich Mühe haben, den Wildfang an euer häußliches Burgleben zu gewöhnen.

Junker. Traun! das Fräulein hat Recht, Ritter Albrecht hat den Hof kennen gelernt, wo Turniere und Lustgelage abwechselten, und reitzende Dirnen um seine Liebe minnten.

Fräulein. (spottend) Ach – ein einziger sanfter Blick von dem edlen, schönen Burgfräulein wird ihm all' das vergessen machen. (beiseite) Das Schaafgesicht!

Hans. Topp! alter Nachbar! das freut mich, daß eure Tochter den Sohn eines so edlen Mannes, wie Albrechts Vater war, heurathet.

Kaufingen. Und daß Albrecht gut und edel ist, dafür bürge ich mit meinem Leben – diente ich doch 3 Jahre neben ihm an des Kaisers Hofe. –

Minnewart. Hört ihr, edles Fräulein! wie man euern Bräutigam schimpft. Traun! muß doch eine schöne Sache seyn um das heurathen.

Hans. Und hast doch selbst nicht geheurathet, alter Graukopf!

Minnewart. Ich war immer zu tief in die Reimkunst verliebt, und bei getheiltem Herzen frommt die Liebe nicht.

Kaufingen. Du hast Recht, Alter! Niemand kann zweyen Herren dienen.

Hans. Also heurathetest du nicht aus Weiberhaß –

Minnewart. Gott bewahre! Ein frommes Weib, voll Ehr' und Zucht, ist unsers Schöpfers schönste Frucht. – Hört einmal, als ich noch zu Mailand war, lernte ich einen jungen Grafen kennen, der war ein lockerer Zeisig, und mochte die Weiber gar nicht leiden.

Hans. Ey! –

Minnewart. Dennoch war er der einzige und letzte Mann seines Stammes. Da wendete sich seine Frau Mutter einst an mich, und bat mich, ihren Sohn auf andere Gedanken zu bringen. Das hielt schwer, ihr liebe Herren.

Hans. Ey – ey! der junge Wildfang muß ein rechter Weiberfeind gewesen seyn.

Minnewart. Wohl war er das! In einem Athem erzählte er alle Untugenden der Weiber her. Aber nun fieng ich an, und sagte: Lieber Herr und Freund! Seht doch ja das weibliche Geschlecht mit andern Augen an.

Hartwig. Recht so – Meister Minnewart!

Minnewart. Ist es doch, sagte ich, als wären sie uns zum Trost und zur Erquickung erschaffen worden die lieben Geschöpfe. Sind ihre Arme nicht da, sagte ich, uns liebreich zu umfahen? Haben sie nicht so weiche, sametne Händchen, um unsere rauhen Hände ganz sanft zu drücken?

Hans. Gut – gut – Alter!

Minnewart. Haben sie nicht hellblinkende Augen, uns Zärtlichkeit zuzublicken. Wie ist doch alles an den guten Geschöpfen so anmuthig, so niedlich, so zuthätig – so einschwätzig – so mild und so fein – so liebäuglich und mundig – und so patschierlich –

Alwart. Ha, ha, ha! – Seyd ein alter Kauz!

Hartwig. Traun! wie schön du ihm alles gesagt hast.

Minnewart. Er ging auch in sich, nahm ein Weib und lebte glücklich mit ihr.

Hartwig. Wahrlich! den Wildfang habt ihr recht in die Ehe hinein geredt.

Minnewart. Unglück für ihn, daß er sich erst mußte dazu bereden lassen. Was wär auch der Mann ohne Weib, das, was euch die Klinge wär ohne Handgriff – oder der Humpen ohne Wein.

Hartwig. Hast Recht, Meistersänger! erinnerst uns da an etwas, das wir beinahe vergessen hätten. Kommt, werthen Gäste! folgt mir nach dem Prunksaal, dort will ich euch mit dem Becher willkommen heissen – dort soll Freude und Jubel tönen über das Glück unserer Kinder. – (Alle ab, bis auf Minnewart)

Fünfter Auftritt.

Minnewart. Fuchs.

Minnewart. Traun! ist mir altem Gauch doch so wunderbar zu Muth, wenn ich mir das Glück der ehelichen Liebe denke.

Fuchs. Auch hier nicht? – habt ihr meinen Ritter nicht gesehen, guter Freund!

Minnewart. Nein! wird wohl seine Braut aufsuchen, das holde Burgfräulein.

Fuchs. Zweifle sehr daran –

Minnewart. Wie? ihr zweifelt daran? Ihr wißt vielleicht noch nicht, daß alles schon richtig ist.

Fuchs. Wie doch die Männer so veränderlich sind – heute hier und morgen dort, und das liebe Weiblein lassen sie hernach zu Hause an der Langenweile nagen.

Minnewart. Ja – ja – habt Recht, alter Fuchs! ist doch der Mann in seinem Liebesgewerbe ein wahres mobile perpetuum.

Duett.

Minnewart.

        Man sagt sich heimlich in das Ohr,
    Die Männer wechseln leicht.
Sie kosen jeder Liebe vor,
    Die bald der andern weicht.
Ein jeder Mann, ich sag es frey,
    Lauft immer um und um.
Er gleicht aufs Haar, bei meiner Treu',
    Dem mobile perpetuum.

 
Fuchs.

Doch Weibertreue ist auch rar,
    Das sag ich ohne Scheu.
Sie ändern ab mit Tag und Jahr,
    Und leben frank und frey.
Es giebt der schönen Mägdlein viel,
    Die laufen um und um,
Drum ist der Mann im Liebesspiel
    Ein mobile perpetuum.

 
Beide.

Ja segle ich einst in den Port
    Der Ehestandsküste ein,
So bleibe ich auch immerfort
    Bey meinem Weib allein,
Beym Wechseln kommt nicht viel heraus,
    Man treibt sich um und um,
Als wie in einem Uhrenhaus
    Das mobile perpetuum. (ab)

Sechster Auftritt.

Bertha. Hernach Hulda als Anfrau des Hartwigschen Geschlechts.

Bertha. Er ist also mein – mein der liebenswürdige Mann, den ich mit Entzücken bald meinen Gatten nennen werde. – (Ein Windschauer rauscht vorüber) Gott! was ist das?

Hulda. Fürchte dich nicht, holde Urenkelinn meines Stammes.

Bertha. (zitternd) Wen seh ich?

Hulda. Vor 400 Jahren bewohnte ich einst diese Burg – Bertha! du bist der einzige Sprößling meiner Nachkommenschaft – morgen sollst du als Gattinn von einem stattlichen Ritter in's Brautgemach geführt werden.

Bertha. Und liebt mich dieser stattliche Ritter?

Hulda. Unverbrüchlich und treu – du wirst auch froh und glücklich mit ihm leben – aber – (Pause)

Bertha. Aber –

Hulda. Entsetze dich nicht, holde Urenkelin! ehe du diesen liebenswürdigen Mann als Gatten umarmst, wirst du noch manche Drangsalen dulden müssen.

Bertha. Wie das? redet – ich bitte euch – ich beschwöre euch bei eurer ewigen Ruhe.

Hulda. Du wirst Mutter eines Kindes werden müssen, das keinen Vater hat. Nehme dich dieses Kindes an – erziehe es zur Menschenliebe und Tugend; und wenn dieses Kind zwölf Frühlinge erlebt hat, so bringe es zum Ufer der Donau, und dort wirst du des Kindes Mutter kennen lernen.

Bertha. Zum Ufer der Donau? ihr sprecht so räthselhaft –

Hulda. Dein Vater hat auf morgen deine Vermählung festgesetzt mit Albrecht von Waldsee?

Bertha. Ja!

Hulda. Morgen kann deine Vermählung noch nicht sein.

Bertha. Und warum?

Hulda. Daß ihr Menschen doch in eurem Warum so unersättlich seyd. Albrecht von Waldsee wird noch vor seiner Verlobung eine wichtige Reise unternehmen.

Bertha. Was hör ich –

Hulda. Bald aber wird er zurückkehren in deine Arme, und dann wird dein Glück blühen bis auf deine späte Nachkommenschaft. Nie mehr wird er sich von dir entfernen, bis – (Pause)

Bertha. Nun –

Hulda. Drei einzige Tage im Jahr –

Bertha. Redet doch klärer – würdige Anfrau meiner Voreltern!

Hulda. Du weißt genug, um nichts zu wissen. – Und nun, reiche mir deine Hand, schöne Urenkelinn! und schwöre mir, nichts zu entdecken, von dem, was du hörtest.

Bertha. Wie kann ich – wie vermag ich dieß?

Hulda. Ewige Verschwiegenheit ist der Probierstein deines Glückes – Verletzung deines Schwures der Anfang meiner Rache für dich und deine Nachkommen – Schwöre bei Allem, was dir auf Erden heilig ist –

Bertha. Ich – ich schwöre – aber wer bist du, die du dich in die ehrwürdige Hülle einer meiner Voreltern verbirgst?

Hulda. Die Nixe der Donau! (verschwindet)

Siebenter Auftritt.

Bertha. Käsperle. Hernach Salome.

Bertha. Gott! (stürzt sinnlos zur Erde)

Käsperle. Alle Wetter! was muß denn mit dem Burgfräulein geschehen seyn – (lauft angstvoll umher) Wenn nur mein Herr Ritter da wär – He! zu Hülfe! (er kniet hin, bittend mit Thränen) So bitt' ich euch doch ums Himmels Willen, edles Fräulein! erhohlt euch nur – (Salome öfnet die Thüre, ringt die Hände, und schleicht auf den Zehen hinter Käsperle hin) So wird euch doch der Teufel –

Salome. (packt ihn auf dem Rücken) So! du Ungetreuer, Meineidiger!

Käsperle. (bleibt kniend, hält den Hut vor das Gesicht, schreyt) Alle gute Geister loben Gott, den Herrn! –

Salome. (mit unterstemmten Armen) Wie? schon vor der Hochzeit wirst du mir ungetreu, du gottloser, ehrvergeßner Mann du!

Käsperle. (ebenso) Apage – Satanas! apage te!

Salome. Und du unterstehst dich, vor deiner künftigen Burgfrau auf den Knien zu liegen, und sie zur Verführung zu reitzen?

Käsperle. Apage – Satanas! apage te!

Bertha. (sich erholend, steht auf) Gott! wo bin ich? – war es ein Traum oder Wirklichkeit? Salome! führe mich in den Garten, daß ich frische Luft einathme.

Salome. Kommt nur mit mir, edles Fräulein! der gottlose Mensch soll euch nichts mehr anhaben. Aber was ist euch denn widerfahren?

Bertha. Ach – ein fürchterliches Gelübde bindet meine Zunge – führe mich zu meinem Vater, daß ich seine Knie umfassen, von ihm vielleicht zum letztenmal seinen Seegen erflehen kann. (Beyde ab.)

Käsperle. (schaut hinter dem Hut hervor) Donnerwetter! ich glaub gar, der Satanas hat sich in die Jungfer Salome verwandelt (steht auf) es war auch ihre natürliche Stimme – (Salome vor der Thüre) Auweh! sie kommt schon wieder – wenn ich mich nur verbergen könnt – ich schlüpf unter den Tisch – (verbirgt sich.)

Achter Auftritt.

Käsperle. Salome schnell herein eilend.

Salome. Wart, du Dickwanst! jetzt will ich mit dir Abrechnung halten. (sieht sich um) Wo ist er denn – wohin mag er denn so schnell entflohen seyn?

Käsperle. (guckt unter dem Tischteppich hervor) Das ist die Jungfer Salome leibhaftig.

Salome. Weg mit dieser Vermummung! (sie reißt ihm den Teppich ab.) Hab' ich dich erwischt! du sauberer Patron!

Käsperle. Ich weiß nicht, was die Jungfer von mir haben will – Laß Sie mich aus. (will fort, sie hält ihn zurück)

Salome. (mit unterstemmten Armen) Was? unser ehrsames Burgfräulein zu verführen, mir untreu zu werden, du gottloser, ehrvergeßner Mensch du! –

Käsperle. (beiseite) Der Teufel weiß, was die Alte an mich hinplaudert. (laut) Jetzt laß sie mich in Ruhe, oder – (Eine Leyer läßt sich hören. Lilli als Bauernknabe. Beyde in einer Ekstaße. Bei dem Ton der Leyer sehen sie einander freundlich an, fangen nach und nach an, zu trippeln)

Lilli. Lirum! der Boden ist spiegelglatt,
    Larum! zum Tanze herbey!
Tanzet, bis ihr von dem Wirbeln matt,
    Dreht euch eins, zweymal und drey.
Friede im Hause, und Friede im Land!
    Reicht euch, ihr Beyden! zur Eintracht die Hand.

(Sie tanzen ab)

Neunter Auftritt.

Garten mit einem Seitengebüsch.

Fräulein Hedwig. Junker Bodo.

Fräulein. Laßt mich allein – ich suche Einsamkeit – denn das lärmende Getümmel im Rittersaal vermehrt nur meinen Kummer.

Bodo. Ihr seyd ja ganz außer euch, edles Fräulein!

Fräulein. (beiseite) O ich träumte mir an der Seite dieses Mannes zukünftige Tage der Seeligkeit, und itzt (laut) Junker! mein Entschluß ist gefaßt – wollt ihr meinen Plan ausführen?

Bodo. Fräulein! ich bin zu euren Diensten.

Fräulein. Liebe für ihn wallt nicht mehr in meiner Brust – mein Herz glüht jetzt von Rache – Bodo! ein herrlicher Lohn wartet euer, wenn ihr mir behilflich seyd, das Glück dieser beyden Liebenden zu stören.

Bodo. Ich verstehe euch –

Fräulein. Die einfältige Burgdirne kann ich nicht in Albrechts Armen sehen. – Ihr müsset sie zu verführen suchen.

Huldens Stimme. (aus dem Gebüsch) Unmöglich!

Fräulein. Warum unmöglich?

Bodo. Wer sprach von Unmöglichkeit?

Fräulein. Ihr!

Bodo. Ich?

Zehnter Auftritt.

Vorige. Hulda als Gärtnermädchen, mit einem Körbchen voll Blumen.

Hulda. (zu dem Fräulein, mit einem ländlichen Knicks) Seyd ihr die Braut – edles Fräulein! da hab ich euch Blumen zu eurem Brautkranz gepflückt – da – nehmt!

Bodo. Woher kommt auf einmal diese niedliche Mädchenfigur?

Fräulein. Wer bist du?

Hulda. Ich bin – ich bin – ja – wenn ich euch sagte, wer ich bin – aber man hat mir's verbothen – ha, ha, ha! aber warum seht ihr denn so mürrisch vor euch hin, edles Fräulein!

Fräulein. Laß mich!

Hulda. Gewiß ist euch euer Liebhaber ungetreu worden. Ach ja die Männer! aber seht, so ist's, wenn man sich mit ihnen abgiebt. Der Vater hat wohl Recht, wenn er immer sagt, die Mädchen sollen sich vor den Männern hüten wie vor dem, Gott sey bey uns!!!

Bodo. Hattest du vielleicht eine Liebschaft mit einem Manne, der dir ungetreu wurde?

Hulda. Ih der Himmel bewahr – da würd mirs der Vater geben. Der ist immer hinter einem her und schaut rechts und links, ob er nichts gewahr wird.

Bodo. Auf diese Art wirst du aber keinen Mann bekommen.

Hulda. (weint in die Schürze) Das, das ist's eben, was mich alle Tage so schmerzt. Da sagt er immer, daß die Mädchen mit dem Heiraten warten sollten, bis sie gescheid würden – und ich – ich hab leider noch gar lang hin, bis ich gescheid werde.

Fräulein. Bist du des Gärtners Tochter auf dieser Burg?

Hulda. (mit einem Knicks) Zu dienen, edles Fräulein! die bin ich.

Bodo. Du hast uns doch nicht belauscht?

Hulda. Belauscht? – ach ja – ich hab' freylich so etwas gehört, doch – nein – nein – ich rede kein Wort – aber (sich besinnend) das Burgfräulein müßt ihr doch nicht verführen, edler Herr!

Bodo. (beiseite) Die Kröte!

Hulda. (drohend mit dem Finger) Es könnte euch sonst schlimm ergehen – hört ihr? (Beyde lachen.)

Fräulein. Da – da – (giebt ihr eine Münze) Entferne dich – wir können uns jetzt nicht mit dir unterhalten – hier hast du ein Silberstück für deine Blumen – geh!

Hulda. Hier nehmt sie, und ich nehme euer Geld. (Das Fräulein setzt das Blumenkörbchen nebenbey aus einen Rasen.) Da seht – ach – die hübschen Blumen, sie haben das Schicksal mit dem Gesicht eines holden Mädchens – blühend wie der Frühling – und kommt der Winter – so welken sie dahin. –

Arie.        
Kinder des Frühlings! mit heiterem Sinn,
Reicht euch im Körbchen die Gärtnerinn hin.
    Wählet die schönsten der Blumen heraus,
    Bindet die Rosen und Nelken zum Strauß.

Schön wie die Rose blüht euer Gesicht
Trauet der blendenden Farbe nur nicht.
    Bald, wie die welkende Blumen verblühn,
    Wird auch das Feuer der Wangen verglühn.

(tanzt ab)

Eilfter Auftritt.

Hedwig. Bodo. Hernach Albrecht.

Fräulein. (sieht in die Scene) Ha! wen seh ich dort unten lustwandeln – es ist meine Nebenbuhlerinn! – Bodo! verlieret keine Zeit – eilet und vollendet meinen Plan.

Bodo. Ich will es versuchen – Holdes Fräulein! denn der Preiß ist zu groß, den ihr auf die Vollendung eures Planes setzet. (ab.)

Fräulein. Ha! wenn ich ihn aus ihren Armen reissen könnte! – wenn ich ihn zurückzubringen vermöchte, den schönen Mann.

Albrecht. Ihr so allein hier, edles Fräulein!

Fräulein. Ja – Albrecht! ich – ich wollte – euch Blumen pflücken zu euerm bevorstehenden Hochzeitfeste – hier – so wie diese Rosen blühen, so blühe auch euer häusliches Glück – (statt der schönen Blumen liegen Disteln in dem Körbchen)

Albrecht. Disteln statt Rosen? Fräulein! euer Gleichnis hat euch nicht gut gerathen – so müßte denn mein Weg sehr mit Dornen besäet werden.

Fräulein. (beiseite) Was ist das? welche unsichtbare Zauberkraft umgiebt mich. (laut) Wen seh' ich denn dort in so traulichem Gespräch vertieft vorüberwandeln? Traun! wenn ich mich nicht irre, es ist Bodo von Triesnitz und eure Braut.

Albrecht. (unruhig) Meine Braut? Unmöglich!

Fräulein. Seht nur! er ist's – (ihm zulispelnd) Ihr dürft nicht so mürrisch aussehen. Bodo und Berthe kennen sich schon von Kindheit an als fromme Nachbars Kinder.

Albrecht. (verbissen, beiseite) Tod und Teufel!

Fräulein. (boshaft) Ihr müßt aber nichts arges denken, denn so wie ich glaube, waren Bodos Absichten auf Bertha immer ehrlich und gut. (Albrecht will fort) Wohin wollt ihr?

Albrecht. Ich werde dem Junker sagen, daß er sich die Mühe erspart, meine Braut zu unterhalten.

Fräulein. Pfui! wer wird so eifersüchtig seyn? Bertha bleibt euch gewiß, sie wird am besten wissen, ihm Bescheid zu geben – (hohnlächelnd) wenn sie anders will.

Albrecht. (aufgebracht) Wenn sie will – Fräulein! wie meynt ihr das? wenn sie will –

Fräulein. Je nun! wie man so etwas meynen kann. Es steht ja doch bey ihr, ihn abzufertigen, oder –

Albrecht. Mein Schwert würde das noch besser können.

Fräulein. Besser – aber auch höflicher? ich sage euch ja, (spottend) er hat sie eher gekannt, ehe sie an euch denken konnte.

Albrecht. Und nun soll er vergessen, daß er sie eher gekannt hat, oder mein Schwert soll es ihn lehren, versteht ihr? (die Hand an die Klinge)

Fräulein. Mein Gott! wie heftig – das frommt zu nichts. Ich muß euch verlassen – denn eure kochende Eifersucht könnte mich anstecken. (im Abgehen) Der Anfang ist gemacht – nun Schicksal und Zeit – helft mir meinen Plan vollführen. (ab)

Zwölfter Auftritt.

Ritter Albrecht. Bertha.

Albrecht. Er kannte sie eher, als ich sie kennen lernte – Sagte sie nicht so? – O Weib! du hast ein schreckliches Feuer in meinem Busen angefacht – wie das kocht und brennt – jede Nerve meines Körpers spannt – mich zur Rache anflammt – (will fort)

Bertha. (mit himmlischer Unschuld) Bist du hier, lieber Albrecht! wohin willst du?

Albrecht. (windet sich los) Dahin, wo du gewesen bist. – Laß mich!

Bertha. Albrecht! dein Gesicht glüht – deine Augen rollen fürchterlich – was willst du beginnen? –

Albrecht. Deinen Jugendfreund will ich sprechen.

Bertha. (hält ihn) Albrecht! was hast du? Ich lasse dich nicht, komm mit mir auf mein Gemach – ich will dir alles entdecken.

Albrecht. (mit steigender Wuth) Mädchen! man hat mir auch etwas entdeckt. – War nicht Junker Bodo bey dir im Garten?

Bertha. Ja, um seinen Zudringlichkeiten auszuweichen, floh' ich hieher. (flehend) Folge mir, guter Albrecht! überlaß dich deiner blinden Wuth nicht.

Dreyzehnter Auftritt.

Vorige. Hulda als Ritter, ebenso gekleidet wie Junker Bodo.

Albrecht. (tritt ihm in den Weg) Eben recht, daß ihr kommt, Junker! hier ist Bertha, hier bin ich – Redet, habt ihr Rechte an das Fräulein?

Hulda. Rechte? wie versteht ihr das?

Albrecht. Ich wiederhole meine Frage. Habt ihr Rechte an das Fräulein? (drohend)

Bertha. Albrecht! um Gotteswillen! mäßige dich.

Albrecht. Antwort will ich haben.

Hulda. Seyd ihr bei Sinnen, oder –

Albrecht. (mit steigender Hitze) Antwort!

Hulda. Welche Antwort könnt ihr auf eine so sonderbare Frage verlangen? Ihr seyd, wie ich höre, des Fräuleins Bräutigam, wie kann ich also Rechte haben, die ihr habt.

Albrecht. Warum verfolgt ihr sie allenthalben? Was hattet ihr bey meiner Braut im Garten zu thun? Ihr habt mich beleidigt.

Hulda. (spottend) Sonderbar!

Albrecht. Ich fodre Genugthuung!

Hulda. Wie ihr sie haben wollt.

Bertha. Um Gottes Willen, Albrecht! was beginnst du?

Albrecht. Wir haben Schwerter – heraus damit –

Hulda. Sobald ihr wollt, nur jetzt nicht.

Albrecht. (zieht die Klinge) Jetzt will ich –

Hulda. Ich ziehe mein Schwert nie, wo ich Gast bin.

Albrecht. Ich fordere dich vor die Klinge, – und nenne dich so lange einen Buben, (wirft ihm den Handschuh vor) bis du mir Genugthuung leistest.

Bertha. Um Gottes Willen! zu Hülfe! zu Hülfe! Vater! Vater! (eilt Händeringend ab)

(Albrecht geht ergrimmt auf Hulden los, sie kämpfen, Hulda schlägt Albrecht die Klinge aus der Hand – er hebt sie noch einmal auf, dringt ein – Hulda fällt.)

Albrecht. Gott! was hab ich gethan! (Ein schröcklicher Donnerschlag. Ein schwarz geharnischter Ritter mit geschlossenem Visier erscheint) Ha! was seh ich.

Geist. Enkel! auch im Grabe willst du durch unschuldigen Mord meine Ruhe stören? Albrecht! Blendwerk umgiebt deine Augen. Dieser vermeinte Ritter ist ein überirdisches Wesen, das sich in jene Hülle warf, um deine ungerechte Wuth zu unterdrücken. (Hulda verschwindet)

Albrecht. Ehrwürdiger Geist! Wer bist du?

(das Visier öfnet sich, unter demselben ein Todtenkopf.)

Geist. Kennst du nicht die Rüstung mit diesem heiligen Kreuz, die ich trug, als ich nach Palästina zog – in dieser Rüstung liege ich begraben unter den Ruinen der Babilon – Albrecht! wenn du auf deine Feste zurückkehrest, so eile in den Ahnensaal, und präge dir tief die Gesichtszüge des alten Ritter Hans von Waldsee ein.

Albrecht. Mein Urgroßvater!

Geist. Störe meine Ruhe nicht mehr durch unschuldigen Mord, der meinen edlen Stamm brandmarken würde. Ich kehre wieder zurück an den Ort der Verwesung, wo Ruhe ist, und ewiger Friede wohnet. (Donnerschlag. Der geharnischte Mann zerfällt und zerfließt in einer blauen Flamme.)

Vierzehnter Auftritt.

Albrecht. Hartwig. Bertha. Hedwig. Kaufingen. Hans von Biberach. Bodo. Elisabeth eilen angstvoll herein.

Hartwig. Albrecht – mein Sohn! –

Bertha. Wo ist Junker Bodo von Triesniz?

Bodo. (eilt von der andern Seite schnell herein) Was ist hier geschehen? welche Verwirrung auf allen Gesichtern?

Albrecht. (fällt Bodo in den Arm) Bodo! wir sind getäuscht – ich bleibe euer Freund im Leben und Tod. Laßt uns all das, was geschah, vergessen und verschweigen.

Hedwig. Verdammtes Schicksal!

Bodo. Ich verstehe euch nicht. – Ihr bringt mich in Erstaunen. – Welcher besondere Zufall brachte euch hieher?

Albrecht. Ihr sollt alles erfahren. Kommt, edle Männer! Lasset uns den heutigen Tag in Freundschaft endigen. Morgen führe ich dieses holde Fräulein zum Altar, und dann überströme Glück und Zufriedenheit die übrigen Tage unseres Lebens.

Hartwig. Gott segne meine Tochter!

Alle. Glück und Heil über das edle Brautpaar. (Alle ab)

Fünfzehnter Auftritt.

Minnewart, etwas berauscht, mit einem Humpen, hernach Hulda als Müllermädchen.

Minnewart. (taumelnd, trillert ein Liedchen) Ohne Mägdlein, ohne Wein, kann man niemals fröhlich seyn. Ha, ha, ha! – (stammelnd) Wie ich immer sag', eine Hochzeit ohne Braut, und ein Minnesänger ohne Wein, das, das sind zwey so konträre Dinge, die – die sich in der ganzen Welt nicht zusammentreffen. Ja – ja – ja – das liebe Brautpaar soll leben, (trinkt) könnte jetzt auch schon Kinder und Enkel um mich herum gaukeln sehen, wenn ich früher dazu geschaut hätte, aber itzt ists zu spät, jetzt hälts der alte Minnewart mit dem Humpen, und träumt sich wenigstens durch seine Liedlein in den lieben Ehestand hinein.

Lied.          
Der Wein und die Liebe sind innigst vereint,
    Es reicht eins dem andern die Hand.
Drum sind auch Herr Bacchus und Venus gut Freund,
    Sie knüpfen ein fröhliches Band.
Und spürt man im Köpfchen die Kräfte vom Wein,
Da wünscht man sogleich auch beweibet zu sein.

Kaum hat man ein Räuschchen, so wird man verliebt,
    Da wird ein' ums Herzchen: so! so!
Wenn einem ein Weibchen ein Küßchen da giebt,
    Da lebt man so lustig und froh.
Ein Weibchen im Arm, und ein Humpen voll Wein,
Da träumt man sich wahrlich in Himmel hinein.

(will fort.)

Hulda. (munter herbey hüpfend) Guten Abend, Meister Minnewart!

Minnewart. Sieh da – eben recht. schön willkommen, hübsches Müllermädchen! wohin denn so eilend?

Hulda. Ach – da schickt mich mein Vater herauf zu einem jungen Ritter, der sich bey unserem Burgherrn aufhalten soll – er nennt sich Albrecht von Waldsee; – kennt ihr ihn?

Minnewart. Ob ich ihn kenne? er ist ja der Bräutigam von unserem Burgfräulein, morgen ist der Vermählungstag, – und da hab' ich heute schon gleichsam den Weg gebahnt zu einem segenreichen Ehestandsglück, und hab' auf das Wohlseyn des edlen Brautpaares dem Humpen da weidlich zugesprochen.

Hulda. Könnt' ich ihn nicht sprechen, den fremden Ritter? Ich habe einen Auftrag an ihn von einer jungen Dame, die seiner harret.

Minnewart. Von – von einer jungen Dame?

Hulda. Ja, – und man sagt sogar, daß ihn die junge Dame gar viel angieng' – (weint) O die gottlosen Männer! wer auch alles glauben wollt, was sie an einen hinplaudern.

Minnewart. Wer auch ein so liebvolles Geschöpfchen betrügen könnte. (kosend) Diese lieben Händchen, der runde Arm – die, die pechschwarzen Augen! (beiseite) Bliz und alle Hagel! wie mir auf einmal so wunderbar ums Herz wird. (umfaßt sie.)

Hulda. Ey – ey – ey! schaut, wie ihr einen auch so fest halten möget. Jezt seht, ich hab' davon laufen wollen, aber ihr laßt mich nicht aus; schreyen will ich nicht, sonst meinten die Leute wunder, was ihr mir hättet anhaben wollen.

Minnewart. Ach daß ich alter Knabe nicht mehr in den goldenen Jahren lebe, wo Liebe die Brust des Jünglings hebt, und er sich nicht schämen darf zu minnen um die Hand eines solchen Geschöpfes.

Hulda. Was ist euch, alter Sänger! zittert doch eure Hand, als wenn euch der Humpen verjüngt hätte. Singet mir lieber ein Liedlein, und dann begleitet ihr mich zu dem Herrn Ritter –

Minnewart. Begehre von mir, holde Dirne! was du willst. Singen will ich für dich, bis ich sterbe; und kann ich nicht mehr singen, so will ich krähen wie ein alter Haushahn, wenn der Tag beginnt. Aber dafür erhalte ich von dir ein Küßchen –

Hulda. Wie? was habt ihr gesagt? ein – ein – sagt mir das doch noch einmal vor – das Wort klingt so süß – was wollt ihr von mir haben?

Minnewart. Ein Küßchen, holdes Geschöpf!

Hulda. Ein Küßchen? was ist das – ich verstehe euch nicht. (lacht beiseite)

Minnewart. (verwundernd) Wie? ein Mädchen in deinen Jahren – und du sollst nicht wissen, was ein Kuß ist – (beiseite) das glaub der Teufel!

Hulda. Sagt mirs doch, lieber Minnewart! ich will euch auch, so lang ich lebe, dafür dankbar seyn.

Minnewart. (beiseite) O du liebe Einfalt! (laut) Ich – ich soll dirs sagen – so hör:

Duett.          
Minnewart. Ein Küßchen ist ein süsser Traum,
    Bald ist der Traum vorbey.
Hulda. Ein Traum? ach – das begreif' ich kaum,
    Wie wunderbar! ey, ey!
Minnewart. Kaum spricht das Herz: ich liebe dich,
    Geschlossen ist der Bund.
Hulda. Dann folget wohl ganz sicherlich
    Ein Küßchen auf den Mund.
Beide. Und folget ein Küßchen, dann ist man entzückt,
    Ruft jubelnde das Leben ist schön.
Ein Küßchen der Liebe beseelt und beglückt,
    Laßt küssend durchs Leben uns gehn. (ab)

Sechzehnter Auftritt.

Gemach mit einem Fenster.

Salome. Käsperle.

Käsperle. Jetzt laßt mich aus, Jungfer Salome! ich muß meinen Herrn suchen.

Salome. (hinter ihm hereintrippelnd) So wart nur, lieber Zechmeister! du eilst mir ja davon, daß dir keine Dirne von 16 Jahren nachlaufen kann.

Käsperle. Ja das glaub' ich – wenn ihr 16 Jahr alt wäret, würde ich nicht so davon rennen. (Sie erhascht ihn)

Salome. Hab' ich dich erwischt. (Dätschelt ihm die Hände, küßt sie.) Nun – wenn wollen wir denn die Sache richtig machen, wenn soll denn unsere Hochzeit seyn, he?

Käsperle. (beiseite) O du alter Schatz du! (laut, – reißt aus) Ich – ich hab's der Jungfer schon g'sagt, ich darf und mag und kann gar nicht heurathen.

Salome. (lauft ihm nach) Und warum denn nicht, mein Schatz! weißt du auch, daß ich eine tugendhafte, züchtige Jungfrau bin.

Käsperle. Auweh! auweh! ich mag nichts von dem guten Bissen – der könnt' einem beym Hinunterschlucken im Hals stecken bleiben, man wüßt' nicht – wie? (laut) Mit einem Wort, Jungfer Salome! Ihr seyd mir zu jung.

Salome. Du lieber Gott! man wird ja doch alle Tage älter.

Käsperle. (beiseite) Das merk' ich an euch – (laut) aufrichtig zu sagen, ihr seid mir zu alt –

Salome. (zärtlich) Ach – an deiner Seite werd' ich wieder jung werden, wie ein Kübitz.

Käsperle. Nein – Sapperment! mit dem Jungwerden ists da vorbey. – Allerliebste Jungfer Salome! ich – ich will ihrs nur gestehen – es kann aus der Heurath gar nichts werden.

Salome. Und die Ursache.

Käsperle. (weinend) Ich – ich bin mondsüchtig.

Salome. Mondsüchtig?

Käsperle. Ja – ja – mondsüchtig! In der Nacht hab ich keine ruhige Minute – sobald ich im Bett lieg, so treibt michs heraus, und da wandle ich durch die ganze Nacht mit geschlossenen Augen im Mondschein herum.

Salome. Armer Mensch! aber vielleicht könnte dir da noch geholfen werden.

Käsperle. Da giebts kein Kräutl und kein Pulver in der Welt, das ich nicht schon probirt hab – ist alles umsonst – davon rennen muß ich, wenn der Mond scheint, und bindt man mich an den Bettstollen, ich nimm ihn mit und lauf davon.

Salome. Hör, du – da fällt mir ein – ich hab' in meinem Kämmerlein einen köstlichen Spiritus, der in dergleichen Fällen schon Wunder gethan hat – willst du nicht mitkommen in mein Kämmerlein?

Käsperle. (ihr nachäffend) Nein! er geht nicht mit ins Kämmerlein! –

Salome. Du könntest aber doch den Spiritus probiren.

Käsperle. Er probirt nichts von dem Spiritus.

Salome. Vielleicht könntest du wieder gesund werden?

Käsperle. Er bleibt schon mondsüchtig, so lang er lebt. Wenn aber die Jungfer Salome einen Spiritus hat, der alte Weiber wieder jung macht, den wollen wir appliciren.

Salome. (nimmt ihn am Kopf) O du loser Vogel du! Mit uns bleibt's beim Alten! wir werden Eheleute!

Käsperle. Sobald der Spiritus seine Wunder thut, und die Jungfer Salome wieder jung macht – (schlägt ein) topp! da bin ich dabey!

Lied.              
Kein Spiritus ist in der Welt wohl erdacht,
Der Weiber, die alt sind, auch jung wieder macht.
    Ja! wüßt' ich die Kunst – hu! da wär' ich so reich,
    An Schätzen dem Sultan von Babylon gleich.

Und hätt' ich ein Kräutl nur auf dieser Welt,
Das Jugend und blühende Schönheit erhält,
    Ich gäbe das Kräutl den Madeln gleich ein,
    Denn d' Madeln, die wollen schön immerdar seyn. (ab)

Siebenzehnter Auftritt.

Ritter Albrecht allein.

Alles ist versammelt im Rittersaal in frohem Jubel, aber mich fliehet Freude und Vergnügen – denn sonderbare Dinge, die ich noch nicht zu begreifen vermag, beängstigen meine Seele. (er öffnet das Fenster) Ha! wie sternenhell der Himmel ist, wie die Fluthen der Donau so sanft dahin rauschen, der Mond so golden ihre stillen Wellen beglänzt. Wo jetzt wohl Hulda weilen mag? (die vorige Melodie läßt sich auf einer Laute hören) Was hör' ich? durch diese himmlische Melodie werde ich heute schon zum zweytenmal entzückt. (sieht zum Fenster hinaus) Ich sehe nichts – Alles so still in der ganzen Natur – nur hier und dort eine Welle, die über den Kiesel spielt, und das allgemeine Schweigen der Schöpfung hemmt. Ja! ich will mich leise aus dem Burgpförtchen schleichen – es führt gerade an das Ufer der Donau. Vielleicht löse ich dort das Räthsel, das zu entziffern, menschliche Kräfte nicht vermögen. (ab)

Achtzehnter Auftritt.

Donaugegend. Am Ufer steht die Burgzinne des Grafen Hartwig. Der Himmel ist mit Sternen besäet, der Mond scheint.

Käsperle mit einer Laterne.

Käsperle. Alles sucht ihn in der ganzen Burg. Der Teufel weiß, wo er wieder steckt. Da er jetzt verliebt ist, so wird er wohl im Mondschein mit seiner Herzensgeliebten lustwandeln. Hab' deswegen eine Laterne mitgenommen. Einer leuchtet oben, der andere unten, da wird man doch beim Teufel ein paar Verliebte aufstöbern können. (ab)

Neunzehnter Auftritt.

Erlinde schwebt auf den Wellen, hernach Albrecht.

Erlinde.
Ach Schwestern! liebe Schwestern mein!
Bald müßt ihr bey Erlinden sein.
    Schon ist sie da, und wartet hier.
    Ach, Schwestern! kommt doch bald zu ihr.

Albrecht. Hulda! Hulda! ich höre ihre reizende Stimme.

Erlinde. Ich bin nicht Hulda – wohl aber ihre Schwester Erlinde – (steigt aus den Wellen) Liebst du die schöne Hulda, edler Albrecht?

Albrecht. Noch kann ich dir diese Frage nicht beantworten. – Ich liebe Ritter Hartwigs Tochter, und werde sie nach dem Willen meines Vaters ehelichen.

Erlinde. Das soll dich nicht hindern, auch meine Schwester zu lieben.

Albrecht. Wie? Sie wäre zufrieden, wenn ich sie neben meinem Weibe liebte?

(man hört in der Ferne eine reitzende Harmonie)

Erlinde. Sie kommen! Sie kommen! Fliehe, Albrecht! meine Schwestern dürfen dich hier nicht finden. Die Stunde ist da, wo wir unter dieser heiligen Ulme zusammen kommen. (Ein transparenter Ulmenbaum erscheint) Was wir mit einander zu sprechen haben, kannst du nicht hören, darf kein Mensch hören.

(Die Harmonie kommt näher)

Albrecht. Wenn ich mich aber verbürge?

Erlinde. Albrecht! ehe ich dreymal sieben zähle – mußt du aus unserem Dunstkreiß entfernt seyn, oder du bist des Todes. (sie stürzt in das Wasser)

Albrecht. Ich fliehe! (schnell ab)

Zwanzigster Auftritt.

Flämmchen hüpfen den Fluß auf und ab. Zwey blendend weiße Schwäne schwimmen in der Mitte des Stroms heran, den hüpfenden Flämmchen nach. Sie ziehen einen Muschelwagen, worinn Hulda sitzt, eine Krone über dem Schilfkranz, um den Wagen schwimmen Nixen. Sie steigen alle unter dem majestätischen Ritornell aus der Fluth. Die Nixen küssen sich, fassen sich bei den Händen und umtanzen unter einem fröhlichen Kettentanz die Ulme.

Nixenchor.    
    Zum Nixentanz! zum Nixentanz!
    Es bebt im Haar der grüne Kranz.
    Hier tretten wir das Truttenkraut,
    Und tanzen für die schöne Braut
Wohl hin und her, ihr Schwestern fein!
Das ist der Nixen Ringelreih'n!
Das Donauschloß steht fest im Grund,
Und fest ist unser Schwestern Bund.

Käsperle (kommt herbeygerennt, erschrickt, und verbirgt sich hinter ein Gebüsch).

Käsperle. Donnerwetter! was geht da vor? ich glaub' gar, da wird die Walpurgisnacht gefeyert.

(ein stilles Accompagnement begleitet den Dialog)

Hulda. Seyd mir willkommen unter dieser heiligen Ulme, Schwestern! Schön ist die Nacht, heiter und rein ist der Sternenhimmel, aber trübe sind die Blicke eurer Schwester Hulda.

Käsperle. (für sich) Wenn ich nur näher dazu dürft – die Madeln gefallen mir nicht übel.

Erlinde. Fragen wir hier unter diesem heiligen Baum das Orakel um seinen Willen.

Hulda. Das wollen wir. Auf – Schwestern! entlediget euch eurer Kleider – wie sie es von uns verlangt die große Schutzgöttinn der Gewässer.

(Sie nehmen einander ihre Schleyer ab, legen sie auf die Erde)

Käsperle. O, Jekerl! jetzt geht's ans Ausg'schirren – wenn ich nur hundert Augen hätt – 's beßte ist, ich lösch meine Latern aus. (Er löscht sie aus, kommt einige Schritte näher; man hört auf einmal donnerartiges Gemurmel)

Erlinde. Königinn! hier muß ein Mann in der Nähe seyn – ich wittere seinen Dunstkreiß.

(Hulda und die übrigen werfen schnell ihre Schleyer um)

Alle. Ein Mann! Ein Mann!

Käsperle. (verbirgt sich) Es ist kein Mensch da!

Hulda. Frevler! du wagst es, eine Nixenversammlung zu belauschen? Auf – Schwestern! werdet zu Ungeheuern, und verjagt den frechen Hörnerträger. –

(Alle Nixen stürzen in die Fluth. Der Baum verschwindet. Käsperle eilt hervor mit Hirschgeweihen auf dem Kopf, er wird von Ungeheuern verfolgt, schreyt um Hülfe. – Endlich kommen alle Burgleute mit Fackeln. – Hartwig, Kaufingen, Bodo, Minnewart, Albrecht von der anderen Seite. Käsperle kämpft mit den Ungeheuern.)

Alle. Was giebt es hier? – was ist geschehen?

Albrecht. Unglücklicher! was ist dir begegnet?

(Donnerschlag)

Hulda. (mitten unter sie) Dieß sey die Strafe für seine Neugierde!

(Er fliegt auf einem Ungeheuer davon)

Alle. Das Donauweibchen! –

(Sie bleiben alle bezaubert, in verschiedener Attitüde)

Der Vorhang fällt.

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