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Das Buch vom Es

Georg Groddeck: Das Buch vom Es - Kapitel 7
Quellenangabe
typetractate
booktitleDas Buch vom Es
authorGeorg Groddeck
year1983
firstpub1923
publisherFischer Taschenbuch Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-596-26367-0
titleDas Buch vom Es
pages275
created20100528
sendergerd.bouillon@t-online.de
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7. Brief

Liebe Freundin, der letzte Brief ist ihnen zu trocken. Das ist er mir auch. Aber geben Sie das Kritisieren auf. Sie reden doch nicht in mich hinein, was Sie gern hören möchten. Entschließen Sie sich ein für allemal, in meinen Briefen nicht die Liebhabereien und Freuden Ihres Ichs zu suchen, lesen Sie sie, wie man eine Reisebeschreibung liest oder einen Detektivroman. Das Leben ist ernst genug, und weder Lektüre noch Studium noch Arbeit noch irgend etwas sonst sollte man absichtlich ernst auffassen.

Sie schelten auch über Mangel an Klarheit. Weder die Übertragung noch die Verdrängung sei Ihnen so lebendig geworden, wie Sie und ich es wünschen. Es sind für Sie noch leere Worte.

Darin kann ich Ihnen nicht beistimmen. Darf ich Sie auf eine Stelle in Ihrem letzten Brief hinweisen, die das Gegenteil beweist? Sie berichten von Ihrem Besuch bei Gessners, um dessen Komik ich Sie übrigens beneide, und erzählen von einer jungen Studentin, die den Zorn Schulvater Gessners nebst Familienzubehör auf sich lud, weil sie dem allgewaltigen Lenker der Prima widersprochen hat und sogar im Übereifer an der Zweckmäßigkeit des griechischen Unterrichtes zu zweifeln wagte. »Ich muß hinterher zugeben«, fahren Sie fort, »daß sie recht ungezogen gegen den alten Herrn war, aber ich weiß nicht, wie es kam, alles an ihr gefiel mir. Vielleicht war es, weil sie mich an meine verstorbene Schwester erinnerte – Sie wissen, Suse starb mitten im Staatsexamen. Die konnte auch so sein, scharf, beinahe bärbeißig, und wenn sie in Eifer war, verletzend. Zum Überfluß hatte das junge Ding bei Gessners eine Narbe über dem linken Auge, genau wie meine Schwester Suse.« Da haben Sie ja eine Übertragung reinsten Wassers. Weil irgend jemand Ähnlichkeit mit Ihrer Schwester hat, mögen Sie sie gern, obwohl Sie selbst fühlen, daß das nicht mit rechten Dingen zugeht. Und was das Netteste an der Sache ist, Sie geben in dem Briefe, ohne es zu wissen, das Material, wie die Übertragung zustande gekommen ist. Oder irre ich mich, stammt der Topasring, von dessen Verlust und Wiederfinden Sie kurz vorher, ganz gegen Ihre Briefgewohnheiten, ausführlich berichten, nicht von Ihrer Schwester? Sie sind einfach schon, ehe Sie das junge Mädchen sahen, in Ihren Gedanken mit Suse beschäftigt gewesen, die Übertragung war vorbereitet.

Und nun die Verdrängung: Nachdem Sie schriftlich festgelegt haben, Ihre ungezogene junge Freundin habe über dem linken 73 Auge eine Narbe, »genau wie meine Schwester Suse«, fahren Sie fort: »Ich weiß übrigens nicht, ob Suse die Narbe links oder rechts hatte.« Ja, warum wissen Sie das nicht, bei einem Menschen, der Ihnen so nahe stand, den sie zwanzig Jahre täglich gesehen haben und der diese Narbe Ihnen verdankt? Es ist doch dieselbe, die Sie ihr als Kind »aus Versehen« beigebracht haben, mit der Schere, beim Spielen? Nach meinem Dafürhalten ist es wohl nicht nur ein Versehen gewesen – Sie erinnern sich, wir sprachen schon einmal darüber, und Sie gaben zu, daß eine Absicht darin gelegen habe; eine Tante hatte die schönen Augen Suses gelobt und Ihre Augen neckend mit denen der Hauskatze verglichen. Daß Sie nicht wissen, ob Suses Narbe rechts oder links gesessen hat, ist die Wirkung der Verdrängung. Das Attentat auf die schönen Augen der Schwester ist Ihnen unangenehm gewesen, schon des mütterlichen Entsetzens und der Vorwürfe halber. Sie haben die Erinnerung daran fortzuschaffen versucht, haben sie verdrängt, und das ist Ihnen nur teilweise gelungen; nur die Erinnerung, wo die Narbe saß, haben Sie aus dem Bewußtsein vertrieben. Ich kann Ihnen aber sagen, daß die Narbe wirklich links gesessen ist. Woher ich es weiß? Weil Sie mir erzählt haben, daß Sie seit dem Tode Ihrer Schwester genau wie diese an einem linksseitigen Kopfschmerz leiden, der vom Auge ausgeht, und weil Ihr linkes Auge ab und zu ein wenig – es steht Ihnen gut, aber es ist doch wahr –, ein wenig vom rechten Wege abweicht, gleichsam hilfesuchend nach außen schielt. Sie haben seinerzeit – durch Erfindung des Wortes »Versehen« – aus dem Unrecht Recht zu machen versucht, die Wunde in Ihrer Phantasie von der bösen, unrechten, linken Seite nach der guten, rechten verschoben. Aber das Es läßt sich nicht betrügen; zum Zeichen, daß Sie Böses taten, schwächte es den einen Augenmuskelnerv, warnte Sie damit, nicht wieder vom Rechten abzubiegen. Und als die Schwester starb, erbten Sie zur Strafe deren linksseitigen Kopfschmerz, der Ihnen immer so fürchterlich war. Sie sind damals als Kind nicht bestraft worden, vermutlich haben Sie aus Angst vor der Rute so gezittert, daß die Mutter Mitleid bekam; aber das Es will seine Strafe haben, und wenn es um die Freude des Leidens gebracht wird, rächt es sich irgendwann, oft sehr spät, aber es rächt sich, und manche rätselhafte Erkrankung gibt ihr Geheimnis preis, wenn man das Es der Kindheit nach versäumten Schlägen fragt.

Darf ich Ihnen gleich noch ein Beispiel der Verdrängung aus Ihrem Brief geben? Es ist sehr kühn, wenn Sie wollen, an den Haaren herbeigezogen, aber ich halte es für richtig. Ich sprach in meinem 74 letzten Brief von drei Dingen: der Übertragung, der Verdrängung und dem Symbol. In Ihrer Antwort erwähnen Sie Übertragung und Verdrängung, aber das Symbol lassen Sie fort. Und dieses Symbol war ein Ring. Aber siehe da, statt das Symbol im Brief zu nennen, verlieren Sie es in Gestalt Ihres Topasringes. Ist das nicht komisch? Nach meinen Berechnungen – und Ihre Antwort scheint mir das zu bestätigen – haben Sie meinen Brief mit dem Ringspielscherz am selben Tag erhalten, wo sie den Ring der Schwester verloren. Nun seien Sie einmal gut und wahrhaftig! Sollte Schwester Suse – sie stand doch im Alter Ihnen am nächsten, und mir ist es beinahe sicher, daß Sie beide gemeinsam die sexuellen Aufklärungen sich erworben haben, über deren Anfänge man nichts weiß oder nichts wissen will –, sollte Suse nicht mit dem Spiel am Ringe des Weibes, mit dem Erlernen der Selbstbefriedigung etwas zu tun haben? Ich komme darauf, weil Sie auf meine Ausführungen über die Onanie so kurz und streng geantwortet haben. Ich glaube, Sie sind vor lauter Schuldbewußtsein ungerecht gegen diese harmlose Freude der Menschen. Aber bedenken Sie doch, daß die Natur dem Kinde Geschwister und Gespielen gibt, damit es von ihnen die Sexualität lernt.

Darf ich wieder auf jenes merkwürdige menschliche Erlebnis zurückgreifen, bei dem ich neulich abgebrochen habe, auf die Entbindung? Es ist mir aufgefallen, daß Sie meine Behauptung, der Schmerz erhöhe die Wollust, ohne Erwiderung hingenommen haben. Ich erinnere mich eines lebhaften Streites mit Ihnen über die Lust des Menschen am Wehtun und Wehleiden. Es war in der Leipziger Straße in Berlin; ein Droschkenpferd war gestürzt, und die Menschenmasse hatte sich gestaut, Männer, Weiber, Kinder, gutgekleidete Leute und solche im Arbeiterkittel; sie alle verfolgten mit mehr oder minder lauter Genugtuung die vergeblichen Anstrengungen des Tieres, sich aufzurichten. Sie haben mich damals gefühlsroh geheißen, weil ich solche Unfälle wünschenswert nannte und sogar so weit ging, das Interesse der Damen an Schwurgerichtsverhandlungen gegen Mörder, an Bergwerksunglücken, Titanic-Unfällen erklärlich und natürlich zu finden.

Wir können, wenn es Ihnen recht ist, den Streit wieder aufnehmen ; vielleicht kommen wir diesmal zu einer Entscheidung.

Die beiden wichtigen Ereignisse des weiblichen Lebens – und weiter genommen des Lebens jedes Menschen, da ohne diese Ereignisse niemand existieren würde – sind mit Schmerzen verbunden, der erste Geschlechtsakt und die Entbindung. Die Übereinstimmung darin ist so auffallend, daß ich mir nicht anders zu 75 raten weiß, als einen Sinn darin zu suchen. Über die Wollust der Geburtswehen läßt sich ja auf Grund des Geschreis streiten, aber über den Lustcharakter der Brautnacht besteht kein Zwiespalt der Meinungen. Das ist's, wovon die jungen Mädchen wachend und schlafend träumen, was der Knabe und Mann sich in tausend Bildern vorstellt. Es gibt Mädchen, die angeblich Angst vor dem Schmerz haben; forschen Sie nach, Sie werden andere Gründe für diese Angst finden, Gründe der Gewissensnot, die sich aus verdrängten Onaniekomplexen und tiefverborgenen Kindheitsvorstellungen vom Kampf der Eltern, Gewalttat des Vaters und blutenden Wunden der Mutter zusammensetzen. Es gibt Frauen, die nur mit Schaudern an die erste Nacht mit dem Manne zurückdenken: Fragen Sie nach, Sie werden auf die Enttäuschung stoßen, darauf, daß alles hinter den Erwartungen, die man gehegt hatte, zurückblieb, und in dunklerer Tiefe werden Sie wieder das mütterliche Verbot der Geschlechtslust und die Angst vor der Verwundung durch den Mann finden. Es hat Zeiten gegeben, und zwar Zeiten höchster Kultur, wie bei den Griechen, in denen der Mann scheu der Entjungferung seines Weibes auswich und sie durch Sklaven ausführen ließ, aber all das berührt den – alle Tiefen des Menschen aufreizenden – Wunsch nach dem ersten Liebesakt nicht. Verschaffen Sie dem ängstlichen Mädchen einen klugen Geliebten, der ihr das Schuldgefühl wegspielt und sie in Ekstase zu bringen versteht, sie wird den Schmerz jauchzend genießen, geben Sie der enttäuschten Frau einen Spielgefährten, der trotz des schon zerrissenen Hymens die Phantasie des Weibes so zu erregen weiß, daß sie den ersten Akt noch einmal zu erleben glaubt, ihre Scheide wird sich verengen, sie wird mit Wonne den Schmerz erleben, um den sie einmal betrogen wurde, ja, sie wird selbst die Blutung hervorbringen, um sich zu täuschen. Die Liebe ist eine seltsame Kunst, die nur zum Teil erlernt werden kann, und wenn irgend etwas, so wird sie vom Es regiert. Schauen Sie in die heimlichen Vorgänge der Ehe hinein, Sie werden erstaunt sein, wie oft selbst langverheiratete Menschen plötzlich eines Tages, ohne zu wissen, woher es kommt, die Brautnacht noch einmal erleben, nicht nur phantastisch, sondern mit allen Freuden und Schrecken. Und auch der Mann, der nur mit Schaudern daran denkt, der Geliebten Schmerz zuzufügen, wird es mit Freuden tun, wenn die rechte Gefährtin ihn zu locken versteht.

Mit andern Worten, der Schmerz gehört zu diesem höchsten Augenblick der Lust. Und alles, ausnahmslos alles, was gegen diesen Satz zu sprechen scheint, ist begründet in der Angst, dem 76 Schuldbewußtsein des Menschen, die in den Tiefen seines Wesens ruhen; und je größer sie sind, um so gewaltsamer bricht es im Moment der Erfüllung aller Wünsche hervor, verkleidet als Angst vor Schmerz; in Wahrheit ist es Angst vor längst verdienter Strafe.

Es ist also nicht wahr, daß der Schmerz ein Hindernis der Lust ist; es ist aber wahr, daß er eine Bedingung der Lust ist. Es ist also nicht wahr, daß der Wunsch, Schmerz zuzufügen, unnatürlich, pervers ist. Es ist nicht wahr, was Sie über Sadismus und Masochismus gelesen und gelernt haben. Diese beiden, jedem Menschen ohne Ausnahme eingepflanzten, unentbehrlichen menschlichen Neigungen, die zu seinem Wesen gehören wie Haut und Haare, als Perversionen zu brandmarken, ist die kolossale Dummheit eines Gelehrten gewesen. Daß sie nachgeschwatzt wird, ist verständlich. Jahrtausendelang wurde der Mensch zur Heuchelei erzogen; sie ist ihm zweite Natur geworden. Sadist ist jeder Mensch, Masochist ist jeder Mensch; ein jeder muß von Natur aus wünschen, Schmerz zuzufügen und Schmerz zu erleiden: Der Eros zwingt ihn dazu.

Denn das ist das zweite: Es ist nicht wahr, daß der eine Mensch Schmerzen geben, der andre empfangen will, daß der eine Sadist ist, der andre Masochist. Jeder Mensch ist beides. Wollen Sie den Beweis dafür haben?

Es ist sehr leicht, von der Roheit des Mannes zu sprechen und von der Zartheit des Weibes, und alle alten Schachteln männlichen und weiblichen Geschlechts und alle Muckerseelen tun es unter dem Beifall der Gleichgesinnten, zu denen wir uns, in tausend Stunden der Heuchelei, alle rechnen müssen. Aber bringen Sie irgendein weibliches Wesen in mänadische Raserei – nein, das ist gar nicht nötig, würde sich auch, so sagt man, für Sie als Frau nicht schicken –, nein, geben Sie ihr nur die Freiheit, den Mut, sich gehenzulassen, wirklich und wahrhaftig zu lieben, ihre Seele nackt zu zeigen, und sie wird beißen und kratzen wie ein Tier, sie wird weh tun und Wonne dabei empfinden.

Besinnen Sie sich noch, wie Ihr Kind aussah, als es geboren war? verschwollen, zerquetscht, ein mißhandeltes Würmchen? Haben Sie sich je gesagt: »Das tat ich«? O nein, alle Mütter und die, die es werden wollen, begnügen sich damit, mit den eigenen Schmerzen zu prahlen; daß sie aber ein wehrloses, armselig zartes Geschöpf mit dem Kopf vornweg durch einen engen Gang hindurchquetschen, stundenlang es hindurchpressen, als ob es nicht die Spur einer Empfindung hätte, das kommt den Müttern nicht in den Sinn. Ja, sie haben die Stirn zu sagen, das Kind empfindet den 77 Schmerz nicht. Aber wenn der Vater oder sonst jemand das Neugeborene unsanft anfaßt, schreien sie: »Du tust dem Kinde weh«, »der ungeschickte Peter«, und wenn es ohne Atem zur Welt kommt, klopft die Hebamme es hinten drauf, bis es zum Beweis, daß es Schmerz empfindet, schreit. Es ist nicht wahr, daß das Weib zart empfindet, die Roheit verachtet und haßt. Das tut sie nur, wenn andre roh sind. Die eigene Roheit nennt sie heilige Mutterliebe. Oder glauben Sie, daß irgendein Caligula oder irgendein sonstiger Sadist so leicht und harmlos diese ausgesuchte Folter, jemanden mit dem Schädel durch ein enges Loch zu quetschen, sich ausdenken würde? Ich habe einmal ein Kind gesehen, das seinen Kopf durch ein Gitter gesteckt hatte und nun weder vor noch zurück konnte. Ich vergesse sein Schreien nicht.

Die Grausamkeit, der Sadismus, wenn Sie es so nennen wollen, liegt den Frauen durchaus nicht fern; man braucht nicht Rabenmutter zu sein, um die eigenen Kinder zu quälen. Es ist noch gar nicht so lange her, daß Sie mir von Ihrer Freundin erzählten, mit welchem Vergnügen sie sich an dem erstaunt beleidigten Gesicht ihres Kindes weidete, wenn sie ihm plötzlich die Brustwarze aus dem saugenden Mündchen nahm. Ein Spiel, gewiß, leicht verständlich und von uns allen in dieser oder jener Form des Neckens kleiner Kinder geübt. Aber es ist ein Spielen mit der Qual, und – ja, ich muß Ihnen erst sagen, was es bedeutet, obwohl Sie es sich selbst zusammenreimen müßten, wenn Sie sich der Symbole erinnerten. Die Mutter ist während des Säugens der gebende Mann, das Kind das empfangende Weib, oder um es deutlicher auszudrücken : Der saugende Mund ist der weibliche Geschlechtsteil, der die Brustwarze als männliches Glied in sich aufnimmt. Es besteht eine symbolische Verwandtschaft, eine sehr enge Verwandtschaft zwischen Saugakt und Begattung, eine Symbolik, die im Dienst und zur Verstärkung der Bande zwischen Mutter und Kind gebraucht wird. Das Spiel Ihrer Freundin ist – ich nehme an, ihr unbewußt – erotisch betont.

Und wie das Weib, dessen Feld angeblich das Leiden ist, ebenso lüstern Schmerzen bereitet, so sucht der gewalttätige Mann den Schmerz auf. Die Lust des Mannes ist die Mühe, die Qual der Aufgabe, die Lockung der Gefahr, der Kampf, und wenn Sie wollen, der Krieg. Der Krieg im Sinne des Heraklit, der Krieg mit Menschen, Dingen, Gedanken, und der Gegner, der ihn am 78 schwersten leiden läßt, die Aufgabe, die ihn fast erdrückt, die liebt er. Vor allem liebt er das Weib, das ihm tausend Wunden schlägt. Wundern Sie sich doch nicht über den Mann, der einer herzlosen Kokette nachläuft, wundern Sie sich über den, der es nicht tut. Und wo Sie einen Mann heiß lieben sehen, ziehen Sie ruhig den Schluß, daß seine Geliebte von Herzen grausam ist, im Tiefsten grausam, von jener Art grausam, die gütig erscheint und spielend verwundet.

Das alles klingt Ihnen paradox, scheint Ihnen echter Trollenscherz. Aber es sind Ihnen, während Sie nach der Widerlegung suchen, schon tausend Dinge eingefallen, die bestätigen, was ich sage. Der Mensch wird empfangen im Schmerz – denn die wahre Empfängnis ist die der ersten Nacht –, und er wird geboren im Schmerz. Und noch eins: Er wird empfangen und geboren im Blut. Soll das denn keinen Sinn haben?

Überlegen Sie es sich, Sie sind klug genug dazu. Vor allem gewöhnen Sie sich an den Gedanken, daß der neugeborene Mensch empfindet, ja daß er vermutlich tiefer empfindet als der Erwachsene. Und wenn Sie das erfaßt haben, betrachten Sie nochmals, was bei der Geburt vor sich geht. Wie sagt man doch: Das Kind erblickt das Licht der Welt; und dieses Licht liebt der Mensch; sucht es und schafft es sich selbst im Dunkel der Nacht. Aus engem Gefängnis kommt er hinaus in die Freiheit, und die Freiheit liebt der Mensch über alles. Zum ersten Male atmet er, kostet er den Genuß, die Luft des Lebens in sich zu ziehen; sein ganzes Leben lang ist freies Atmen für ihn das Schönste. Angst, Angst des Erstickens leidet er während der Geburt, und Angst bleibt ihm all seine Lebtage als Begleiterin jeder höchsten Freude, jeder, die sein Herz klopfen läßt. Schmerzen empfindet er in dem Drängen nach Freiheit; Schmerzen gibt er der Mutter mit seinem dicken Schädel, und beides sucht er in ewig neuer Wiederholung. Und das erste, was seine Sinne trifft, ist der Geruch des Blutes, vermischt mit den seltsam aufregenden Dünsten des Frauenschoßes. Sie sind ja gelehrt, Sie wissen ja, daß in der Nase ein Punkt ist, der in nahem Verhältnis zur Geschlechtszone steht. Der Säugling hat diesen Punkt so gut wie der ausgewachsene Mensch, und Sie glauben nicht, wie weise die Natur das Geruchsvermögen des Kindes ausnützt. Das Blut aber, das der Mensch vergießt, wenn er geboren wird, dessen Wesen er mit dem ersten Atemzuge einatmet, so daß es ihm unvergeßlich wird, ist das Blut der Mutter. Sollte er diese Mutter nicht lieben? Sollte er nicht auch noch in anderem Sinne, als man gewöhnlich nennt, ihr blutsverwandt sein? Und tief im 79 Verborgenen lauert hinter dem allen noch etwas, was dieses Kind mit götterstarken Händen an die Mutter bindet, die Schuld und der Tod. Denn wer Blut vergießt, des Blut soll wieder vergossen werden.

Ach, liebe Freundin, die menschliche Sprache und das menschliche Denken sind ein schwaches Werkzeug, wenn sie Kunde vom Unbewußten geben sollen. Aber nachdenklich wird man bei den Worten Mutter und Kind. Die Mutter ist die Wiege und das Grab, gibt Leben zum Sterben.

Und wenn ich nicht gewaltsam schließe, werde ich den Brief nie beenden.

Patrik Troll

 

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