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Das Buch vom Es

Georg Groddeck: Das Buch vom Es - Kapitel 6
Quellenangabe
typetractate
booktitleDas Buch vom Es
authorGeorg Groddeck
year1983
firstpub1923
publisherFischer Taschenbuch Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-596-26367-0
titleDas Buch vom Es
pages275
created20100528
sendergerd.bouillon@t-online.de
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6. Brief

Sie finden, liebe und gestrenge Richterin, daß meine Briefe zu viel von der Freude verraten, mit der ich all meine erotischen Kleinigkeiten vorbringe. Das ist eine richtige Bemerkung. Aber ich kann es nicht ändern, ich freue mich und kann meine Freude nicht verstecken, sonst würde ich platzen.

Wenn man sich selber lange Zeit in ein enges, schlecht erleuchtetes, stickiges Zimmer eingesperrt hat, nur aus Angst, die Menschen draußen könnten einen schelten oder auslachen, nun ins Freie kommt und merkt, daß niemand sich um einen kümmert, höchstens jemand einen Moment aufblickt und ruhig seines Weges weiterzieht, dann wird man fast toll vor Freude.

Sie wissen, ich war der Jüngste in meiner Familie, aber Sie ahnen nicht, wie spott- und necklustig diese Familie war. Man brauchte bloß eine Dummheit zu sagen, so bekam man sie alle Tage aufs Butterbrot geschmiert; und daß der Kleinste in einer Geschwisterschar mit ziemlich großen Altersunterschieden die meisten Dummheiten sagt, ist begreiflich. Da habe ich es mir frühzeitig abgewöhnt, Meinungen zu äußern; ich habe sie verdrängt.

Bitte nehmen Sie den Ausdruck wörtlich; was verdrängt wird, verschwindet nicht, es bleibt nur nicht an seinem Platz; es wird an irgendeine Stelle geschoben, wo ihm sein Recht nicht wird, wo es sich eingeengt und benachteiligt fühlt. Es steht dann immer auf den Fußspitzen, drückt mit aller Kraft von Zeit zu Zeit nach vorn zu dem Ort hin, wo es hingehört, und sobald es eine Lücke in dem Wall vor sich sieht, sucht es sich da durchzuquetschen. Das gelingt vielleicht auch, aber wenn es nach vorn gekommen ist, hat es all seine Kraft verbraucht, und der nächste beste Stoß irgendeiner herrischen Gewalt schleudert es wieder zurück. Es ist eine recht unangenehme Situation, und Sie können sich vorstellen, was für Sprünge solch ein verdrängtes, zerstoßenes, gequetschtes Wesen macht, wenn es endlich frei geworden ist. Haben Sie nur Geduld. Noch einige überlaute Briefe und dieses trunkene Wesen wird ebenso gesetzt und brav sich benehmen wie ein wohldurchdachter Aufsatz irgendeines Fachpsychologen. Nur freilich, die Kleider sind im Gedränge verschmutzt, zerrissen und zerlumpt, die bloße Haut schimmert überall durch, nicht immer sauber, und ein eigentümlicher Geruch nach Masse menschelt darin herum. Dafür hat es aber etwas erlebt und kann erzählen.

Ehe ich es aber erzählen lasse, will ich noch rasch ein paar 62 Ausdrücke erklären, die ich hie und da brauchen werde. Haben Sie keine Angst, ich will keine Definitionen geben, könnte es meiner zerfahrenen Sinnesart halber gar nicht. Ähnlich wie ich es eben mit dem Wort ›verdrängen‹ getan habe, will ich es nun auch mit den Wörtern ›Symbol‹ und ›Assoziation‹ versuchen.

Ich schrieb Ihnen früher einmal, daß es schwer sei, über das Es zu sprechen. Ihm gegenüber werden alle Wörter und Begriffe schwankend, weil es seiner Natur nach in jede Bezeichnung, ja in jede Handlung eine ganze Reihe von Symbolen hineinlegt und aus anderen Gebieten Ideen daran heftet, assoziiert, so daß etwas, was für den Verstand einfach aussieht, für das Es sehr kompliziert ist. Für das Es existieren in sich abgegrenzte Begriffe nicht, es arbeitet mit Begriffsgebieten, mit Komplexen, die auf dem Wege des Symbolisierungs- und Assoziationszwanges entstehen.

Um Sie nicht kopfscheu zu machen, will ich an einem Beispiel zeigen, was ich unter Symbol- und Assoziationszwang verstehe. Als Symbol der Ehe gilt der Ring; nur sind sich die wenigsten klar darüber, wieso dieser Reif den Begriff der ehelichen Gemeinschaft ausdrückt. Die Sprüche, daß der Ring eine Fessel ist oder die ewige Liebe ohne Anfang und Ende bedeutet, lassen wohl Schlußfolgerungen auf Stimmung und Erfahrung dessen zu, der solch eine Redewendung braucht, sie klären aber das Phänomen nicht auf, warum von unbekannten Gewalten gerade ein Ring gewählt wurde, um das Verheiratetsein kenntlich zu machen. Geht man jedoch davon aus, daß der Sinn der Ehe die Geschlechtstreue ist, so ergibt sich die Deutung leicht. Der Ring vertritt das weibliche Geschlechtsorgan, während der Finger das Organ des Mannes ist. Der Ring soll über keinen anderen Finger gestreift werden als über den des angetrauten Mannes, er ist also das Gelöbnis, nie ein anderes Geschlechtsorgan im Ring des Weibes zu empfangen wie das des Ehegatten.

Dieses Gleichsetzen von Ring und weiblichem Organ, Finger und männlichem ist nicht willkürlich erdacht, sondern vom Es des Menschen erzwungen, und jeder kann den Beweis dafür an sich und anderen täglich führen, wenn er das Spielen mit dem Ring am Finger bei den Menschen beobachtet. Unter dem Einflusse bestimmter, leicht zu erratender Gefühlsregungen, die meist nicht voll ins Bewußtsein treten, beginnt dieses Spiel, dieses Auf- und Abbewegen des Ringes, dieses Drehen und Winden. Bei verschiedenen Wendungen der Unterhaltung, bei dem Hören und Aussprechen von einzelnen Worten, beim Erblicken von Bildern, 63 Menschen, Gegenständen, bei allen möglichen Sinneswahrnehmungen werden Handlungen vorgenommen, die uns gleichzeitig versteckte Seelenvorgänge aufdecken und bis zum Überdruß beweisen, daß der Mensch nicht weiß, was er tut, daß ein Unbewußtes ihn zwingt, sich symbolisch zu offenbaren, daß dieses Symbolisieren nicht dem absichtlichen Denken entspringt, sondern dem unbekannten Wirken des Es. Denn welcher Mensch würde absichtlich unter den Augen anderer Bewegungen ausführen, die seine sexuelle Erregung verraten, die den heimlichen, stets versteckten Akt der Selbstbefriedigung öffentlich zur Schau stellen? Und doch spielen selbst die, die das Symbol zu deuten verstehen, weiter am Ringe, sie müssen spielen. Symbole werden nicht erfunden, sie sind da, gehören zum unveräußerlichen Gut des Menschen; ja man darf sagen, daß alles bewußte Denken und Handeln eine unentrinnbare Folge unbewußten Symbolisierens ist, daß der Mensch vom Symbol gelebt wird.

Ebenso menschlich unvermeidbar wie das Symbolschicksal ist der Zwang zur Assoziation, der ja im Grunde dasselbe ist, da beim Assoziieren stets Symbole aneinandergereiht werden. Schon aus dem eben erwähnten Ringspiel ergibt sich, daß die unbewußte Symbolisierung des Ringes und des Fingers als Weib und Mann eine augenfällige Darstellung des Beischlafes erzwingt. Geht man im einzelnen Falle den dunklen Wegen nach, die von dem halbbewußten Wahrnehmen eines Eindruckes zu der Handlung des Auf- und Abschiebens des Ringes führen, so findet man, daß blitzartig bestimmte Ideen durch das Denken schießen, die sich bei anderen Individuen in anderen Fällen wiederholen. Es finden zwangsläufige Assoziationen statt. Auch die symbolische Verwendung des Ringes als Abzeichens der Ehe ist durch unbewußte zwangsmäßige Assoziationen entstanden. Tiefeingreifende Beziehungen des Ringspieles zu uralten religiösen Vorstellungen und Sitten sowie zu wichtigen Komplexen des persönlichen Lebens tauchen bei solchen Betrachtungen auf und nötigen uns, unter Verzicht auf die Illusionen ichgewollter Planmäßigkeit den geheimnisvoll verschlungenen Pfaden der Assoziation nachzuspüren. Sehr bald erkennen wir dann, daß sich die Auffassung des Eheringes als Fessel oder als Bund ohne Anfang und Ende aus Verstimmungen oder romantischen Regungen erklärt, die aus dem der Menschheit gemeinsamen Gut der Symbole und Assoziationen ihre Äußerungen nehmen und nehmen müssen.

Wir begegnen solchem Assoziationszwang überall, auf Schritt und Tritt. Man braucht bloß Augen und Ohren zu öffnen. Schon in der 64 Redewendung ›Schritt und Tritt‹ finden Sie den Zwang: Das Wort Schritt fordert den Reim Tritt. Tummeln Sie sich ein wenig in der Sprache: Da haben Sie Liebe und Lust, Liebe und Leid. Da ist Lust und Brust und Herz und Schmerz; Wiege und Grab; Leben und Tod; hin und her; auf und ab; Weinen und Lachen; Angst und Schrecken; Sonne und Mond; Himmel und Hölle. Die Einfälle überstürzen sich, und wenn Sie darüber nachdenken, wird Ihnen zumute, als ob plötzlich das Sprachgebäude vor Ihnen entstünde, als ob Säulen, Fassaden, Dächer, Türme, Türen, Fenster und Wände wie aus Nebelmassen sich unter ihren Augen formten. Das Innerste wird Ihnen erschüttert, das Unbegreifliche rückt Ihnen näher und erdrückt Sie fast.

Vorüber, Liebe, rasch vorbei! Wir dürfen nicht dabei verweilen. Fassen Sie ein paar Dinge auf, etwa wie der Assoziationszwang den Reim benutzt oder den Rhythmus oder Alliterationen, oder Gefühlsfolgen. – Alle Sprachen der Welt lassen die Bezeichnung des Erzeugers mit dem verächtlichen Laut ›P‹ beginnen, die der Gebärerin mit dem billigenden Laut ›M‹. – Oder wie dieser Zwang mit dem Gegensatz arbeitet, eine wichtige Sache, denn jedes Ding hat seinen Gegensatz in sich, und das sollte niemand jemals vergessen. Sonst glaubt er gar, es gäbe in Wahrheit ewige Liebe, unverbrüchliche Treue, unerschütterliche Hochachtung. Auch Assoziationen lügen zuweilen. Aber das Leben ist ohne das Wissen um die Bedingtheit aller Erscheinungen durch ihre Gegensätze nicht zu verstehen.

Es ist nicht leicht, Assoziationen zu finden, die unter allen Umständen und überall gelten; denn das Leben ist bunt, und bei der Auswahl der Assoziation ist der individuelle Mensch und sein jeweiliger Zustand mitbeteiligt. Aber es ist wohl anzunehmen, daß das Gefühl des Zugwindes, sobald es unangenehm ist, den Gedanken wachruft, das Fenster zu schließen, daß die Stickluft des Zimmers einem jeden den Wunsch eingibt, das Fenster zu öffnen, daß der Anblick von nebeneinanderstehendem Brot und Butter das Wort Butterbrot hervorruft. Und wer einen andern trinken sieht, dem pflegt der Gedanke durch den Kopf zu huschen: »Solltest du nicht auch trinken?« Der Volksmund, von der Kraft dumpfer Logik zur Schlußfolgerung aus zahllosen halbverstandenen Beobachtungen getrieben, faßt das tiefe Geheimnis der Assoziation in den derben Spruch: »Wenn eine Kuh schifft, schifft die andere.« Und nun halten Sie einen Augenblick ein und suchen Sie zu begreifen, welch ein unendliches Gebiet menschlichen Lebens, menschlicher Kultur und Entwicklung in der Tatsache liegt, daß 65 aus irgendwelchen Gründen tausend- und abertausendmal vom Urinlassen Assoziationsbrücken zum Meer geschlagen wurden, bis endlich die Schiffahrt erzwungen war, bis der Mast im Boot als Symbol der Manneskraft stand und die Ruder sich taktgemäß in der Bewegung der Liebe regten. Oder suchen Sie den Weg nachzugehen, der vom Vogel zum Vögeln führt, dieser Weg, der von der Erektion, der Aufhebung des Schwergewichtes, dem Schwebegefühl der höchsten Lust, dem durch die Luft schießenden und spritzenden Urinstrahl und Samen zu dem beflügelten Eros und Todesgott führt, der zu dem Glauben an Engel und zur Erfindung des Flugzeuges hinleitet. Des Menschen Es ist ein wunderlich Ding.

Am wunderlichsten sind die Wege wissenschaftlichen Denkens. Wir sprechen in der Medizin längst von Assoziationsbewegungen, und die Psychologie lehrt eifrig dieses und jenes von den Assoziationen. Als aber Freud und die um ihn sind und waren mit der Beobachtung der Assoziationen Ernst machten, sie aus dem Triebleben des Menschen ableiteten und bewiesen, daß Trieb und Assoziation Urphänomene menschlichen Lebens und Grundsteine alles Wissens und Denkens, aller Wissenschaft sind, ging ein Geschrei des Hasses durch die Länder, und man tat so, als ob jemand das Gebäude der Wissenschaft einreißen wollte, weil er feststellt, auf welchem Boden es errichtet ist. Ängstliche Seelen. Die Fundamente der Wissenschaft sind dauernder als Granit, und ihre Wände, Räume und Treppen bauen sich von selbst wieder, wenn hie und da ein wenig kindisch gefügtes Mauerwerk einstürzt.

Wollen Sie einmal mit mir assoziieren? Ich begegnete heute einem kleinen Mädchen mit roter Kapuze. Es sah mich erstaunt an, nicht unfreundlich, denke ich, aber erstaunt; denn ich trug der Kälte wegen eine schwarze Pelzmütze tief über die Ohren gezogen. Irgend etwas muß mich bei diesem Blick des Kindes getroffen haben; ich sah plötzlich mich selbst als sechs- oder siebenjährigen Jungen mit einem roten Baschlik. Rotkäppchen fiel mir ein, und dann schoß mir der Vers durch den Kopf: »Ein Männlein steht im Walde so ganz allein«; von da ging es zum Zwerg und seiner Kapuze und zum Kapuziner, und schließlich ward mir bewußt, daß ich schon eine Weile durch die Kapuzinerstraße ging. Die Assoziationen liefen also in sich selbst zurück wie ein Ring. Warum aber taten sie es, und wie kamen sie in solcher Folge? Durch die Kapuzinerstraße mußte ich gehen, das war gegeben. Dem Kind begegnete 66 ich zufällig, daß ich aber auf das Kind achtete und daß sein Anblick in mir solche Gedankengänge weckte, wie war das zu erklären? Als ich von Hause wegging, zogen zwei Frauenhände meine Pelzmütze tief über die Ohren, und ein Frauenmund sagte: »So, Pat, nun wirst du nicht frieren.« Mit solchen Worten band mir meine Mutter vor vielen Jahren den Baschlik um den Kopf. Die Mutter erzählte auch vom Rotkäppchen, und dort stand es leibhaftig vor mir. Rotkäppchen, das kennt ein jeder. Das rote Köpfchen guckt bei jedem Urinlassen neugierig aus seinem Vorhautmantel heraus, und wenn die Liebe kommt, reckt es den Kopf nach den Blumen der Wiese, steht wie der Pilz, wie das Männlein im Walde mit roter Kapuze auf einem Bein, und der Wolf, in den es hineingerät, um nach neun Monden wieder aus seinem Bauch geschnitten zu werden, ist ein Symbol kindlicher Empfängnis- und Geburtstheorien. Sie werden sich besinnen, daß Sie einst selbst an dieses Aufschneiden des Bauches geglaubt haben. Freilich, dessen werden Sie sich nicht mehr erinnern, daß Sie auch einmal fest überzeugt davon waren, daß alle Menschen, auch die Frauen, solch Ding mit rotem Käppchen hätten, daß es ihnen aber abgenommen würde und sie es irgendwie essen müßten, um Kinder daraus wachsen zu lassen. Bei uns Assoziationsmenschen wird diese Theorie in den Kastrationskomplex eingereiht, von dem Sie noch allerlei hören werden. Vom Käppchen und dem Humperdinckschen Pilz geht es leicht über zum Zwerg und seiner Kapuze, und von da ist es nicht weit bis zum Mönch und Kapuziner. In beiden Ideen klingt der Kastrationskomplex noch nach; denn der uralte Zwerg mit langem Bart ist runzlige Altersimpotenz, und der Mönch versinnbildlicht die freiwillig-unfreiwillige Entsagung. Soweit sind die Dinge wohl klar, wie aber kommt die Kastrationsidee in meinen Kopf? Der Ausgangspunkt von allem, besinnen Sie sich nur, war eine Szene, die an meine Mutter erinnerte, und das Schlußglied war die Kapuzinerstraße. In jener Kapuzinerstraße lag ich vor vielen Jahren krank an einem Nierenleiden, todeskrank, und wenn ich recht die Tiefen meines Unbewußten erforsche, glaube ich, daß jene Wassersucht aus dem Gespenst der Onanieangst entstand, die letzten Endes mit irgendwelchen Regungen zusammenhängt, die meiner Mutter galten, wenn sie mir sorglich das Zwerglein aus seiner Höhle nahm, um es Urin spritzen zu lassen. Ich vermute es, ich weiß es nicht. Aber der einsam stehende Pilz mit der roten Kappe, der giftige Fliegenpilz weist auf die Onanie hin, und der rote Baschlik auf den Inzestwunsch.

67 Wundern Sie sich über die gewundenen Wege, die meine Sucht, Assoziationen zu deuten, geht? Es ist nur der Beginn, denn nun wage ich zu behaupten, daß das Märchen aus dem Assoziations- und Symbolisierungszwang entstand, entstehen mußte, weil das Rätsel der Begattung, Empfängnis, Geburt und des Mädchentums die Menschenseele mit Affekten quälte, bis sie dichterisch gestaltete, was unbegreiflich ist; wage zu behaupten, daß das Liedchen vom Männlein im Walde bis in die Einzelheiten dem Phänomen der Schambehaarung und der Erektion entnommen ist, aus unbewußten Assoziationen, daß der Glaube an Zwerge ebenso aus der Assoziation Wald, Schamhaar, Erschlaffung, runzliger Zwerg entstehen mußte, und daß das Klosterleben mitsamt dem Kuttenkleid eine unbewußte Folge der Flucht vor dem Mutterinzest ist. So weit gehe ich mit meinem Glauben an die Assoziation und das Symbol und noch viel weiter.

Darf ich noch ein Beispiel vom Assoziationszwang geben? Es ist wichtig, weil es ein wenig in die Sprache des Unbewußten, in den Traum einführt, ein Lebensgebiet des Es, das uns Ärzten manches Rätsel aufgibt. Es ist ein kurzer Traum, ein Traum eines einzigen Wortes, des Wortes ›Haus‹. Die Dame, die ihn träumte, kam vom Worte ›Haus‹ auf das Wort ›Eßzimmer‹ und von da auf ›Eßbesteck‹ und dann auf ›Operationsbesteck‹. Vor einer schweren Operation, einer Operation der Leber nach Talma, stand ihr Mann. Sie war in Sorge um ihn. Von dem Namen Talma ging sie über auf Talmi, das sie auf ihr Eßbesteck bezog: es sei nicht Silber, sondern Christoffle. Talmi sei auch ihre Ehe, denn ihr Mann, der der Operation nach Talma entgegenging, war von jeher impotent. Talmi, falsch sei sie gegen mich, der ich sie behandelte. Es kam heraus, daß sie mich belogen hatte, daß sie wirklich ein Talmibesteck war.

An all dem ist nichts Besonderes; höchstens der Wunsch, den Talmigatten loszuwerden und einen echt silbernen statt seiner zu erwerben, ist noch erwähnenswert. Aber die ganze Erzählung mit ihrer raschen Assoziationsfolge hatte ein merkwürdiges Resultat. Jene Frau war seit zwei Tagen von einer großen Angst gequält, ihr Herz jagte in raschen Schlägen, und ihr Bauch war von Luft gebläht. Etwa zwanzig Minuten hatte sie gebraucht, um zu dem Worte ›Haus‹ zu assoziieren. Als sie zu Ende erzählt hatte, war der Leib weich, das Herz ganz ruhig, und die Angst war fort.

68 Was soll ich davon denken? War ihre Angst, ihre akute Herzneurose, die Blähung ihres Darms, ihres ›Eßzimmers‹, Angst um den kranken Mann, Gewissensbisse wegen des Todeswunsches gegen ihn, war es, weil sie das alles verdrängte, nicht ins Bewußtsein kommen ließ, oder bekam sie all diese Leiden, weil ihr Es sie zum Assoziieren zwingen wollte, weil es ein tiefes Geheimnis emporzuschicken suchte, das von der Kindheit her versteckt war? All das mag gleichzeitig gewirkt haben, für meine Behandlung aber, für das schwere Leiden, das sie zu einem elenden Krüppel mit gichtischen Gliedern gemacht hatte, scheint mir das Wichtigste die letzte Beziehung zu sein, der Versuch des Es, ein Kindheitsgeheimnis auf dem Wege der Assoziation auszusprechen. Denn ein Jahr später kam sie auf jenen Traum zurück, und erst dann erzählte sie mir, daß das Wort ›Talmi‹ allerdings mit der Impotenz zusammenhing, aber nicht mit der ihres Mannes, sondern mit ihrer eigenen, tief gefühlten, und daß die Operationsangst nicht dem Manne galt, sondern dem eigenen Onaniekomplex, der ihr Ursache der Unfruchtbarkeit, Ursache ihrer Erkrankung zu sein schien. Seit dieser Erklärung verlief ihre Genesung glatt. Soweit man von Gesundheit sprechen kann, ist diese Frau gesund.

So viel von den Assoziationen.

Wenn ich Sie, liebe Freundin, nach alledem, was ich eben auseinandergesetzt habe, noch darauf aufmerksam mache, daß ich für mich persönlich das allgemein menschliche Recht unklarer Ausdrucksweise beanspruche, glaube ich ungefähr die Vorstellung geweckt zu haben, daß sich dem Sprechen über das Es schwere Hindernisse entgegenstellen. Als einzigen Weg zur Verständigung sah ich den Sprung mitten in die Dinge hinein an.

Da ich nun einmal beim Definieren bin, will ich auch gleich versuchen, Ihnen das Wort ›Übertragung‹ zu erklären, das hie und da in meinen Äußerungen vorgekommen ist.

Sie erinnern sich, daß ich von dem Einfluß meines Vaters auf mich erzählt habe, wie ich bewußt und unbewußt ihn nachahmte. Zur Nachahmung bedarf es eines Interesses für das, was man nachahmt, für den, den man nachahmt. Tatsächlich lebte in mir ein sehr starkes Interesse an meinem Vater – lebt noch jetzt eine Bewunderung, die durch ihre Leidenschaftlichkeit charakterisiert ist. Mein Vater starb, als ich achtzehn Jahre alt war. Der Hang zur leidenschaftlichen Bewunderung blieb aber in mir, und da aus tausend und einem Grunde, über die wir sprechen können, meine Begabung für Totenkultus gering ist, warf ich die freigewordene Leidenschaftlichkeit im Bewundern auf das nunmehrige Haupt der 69 Familie, auf meinen ältesten Bruder, ich übertrug sie auf ihn. Denn so etwas nennt man Übertragung. Es scheint aber, daß seine Persönlichkeit für die Bedürfnisse meiner jungen Seele nicht ausreichte, denn wenige Jahre später entstand, ohne daß sich die Neigung zum Bruder verminderte, in mir eine gleich intensive Bewunderung für meinen ärztlichen Lehrer Schweninger. Ein Teil der Affekte, die meinem Vater gegolten haben, waren in diesen Jahren frei zu meiner Verfügung geblieben und wurden nun auf Schweninger übertragen. Daß sie wirklich zu meiner Verfügung standen, geht daraus hervor, daß ich während der Zeit zwischen dem Tode des Vaters und dem Kennenlernen Schweningers zu vielen Menschen in ein solches Bewunderungsverhältnis trat, es dauerte aber immer bloß kurze Zeit, und dazwischen waren Pausen, in denen meine so gerichteten Affekte anscheinend unbeschäftigt waren oder sich auf Männer der Geschichte, auf Bücher, Kunstwerke, kurz alles mögliche bezogen.

Ich weiß nicht, ob Ihnen jetzt schon klargeworden ist, welche große Bedeutung der Begriff der Übertragung für meine Anschauungen hat. Ich darf also wohl die Sache, von einem anderen Ende beginnend, nochmals auseinandersetzen. Vergessen Sie aber nicht, daß ich über das Es spreche, daß also alles nicht so scharf umgrenzt ist, wie es dem Wortlaut nach scheint, daß es sich um Dinge handelt, die ineinanderfließen und sich nur künstlich trennen lassen. Sie müssen sich das Reden über das Es etwa vorstellen wie die Gradeinteilung der Erdkugel. Man denkt sich Linien, die in der Längs- und Querrichtung verlaufen, und teilt danach die Erdoberfläche ein. Aber die Fläche selbst kümmert sich darum nicht; wo östlich des 60. Längengrades Wasser ist, da ist auch westlich welches. Es sind eben Orientierungswerkzeuge. Und für das Erdinnere lassen sich diese Linien nur sehr bedingt zu Erkundungszwecken brauchen.

Unter solchem Vorbehalt möchte ich nun sagen, daß der Mensch in sich ein gewisses Quantum Affektfähigkeit hat – Neigungs- oder Abneigungsfähigkeiten, das spricht augenblicklich nicht mit. Ich weiß auch nicht, ob dieses Quantum stets gleich groß ist, das weiß kein Mensch, und vermutlich wird es auch nie jemand erfahren. Aber kraft meiner Autorität als Briefschreiber schlage ich vor, anzunehmen, die Gefühlsmenge, die dem Menschen zur Verfügung steht, sei stets gleich groß. Was macht er damit?

Nun, über eins besteht kein Zweifel, den größten Teil dieser 70 Gefühlsmasse, beinah alles verwendet er auf sich selbst; ein im Vergleich geringer, im Leben aber recht erheblicher Teil kann nach außen hin gerichtet werden. Dieses Außen ist nun sehr verschieden; da sind Personen, Gegenstände, Örtlichkeiten, Daten, Gewohnheiten, Phantasien, Tätigkeiten aller Art; kurz alles, was zum Leben gehört, kann vom Menschen verwendet werden, um seine Neigung und Abneigung unterzubringen. Das Wichtige ist, daß er die Objekte seiner Gefühle wechseln kann; das heißt, eigentlich kann er es nicht, sondern sein Es zwingt ihn, sie zu wechseln. Aber es sieht so aus, als ob er, sein Ich das tue. Nehmen Sie einen Säugling: Es ist wahrscheinlich, daß er Neigung für Milch hat. Nach einigen Jahren ist ihm Milch gleichgültig oder gar unangenehm geworden, er bevorzugt Bouillon oder Kaffee oder Reisbrei oder was es sonst ist. Ja, wir brauchen so lange Zeiträume nicht; jetzt eben ist er ganz Neigung zum Trinken, zwei Minuten darauf ist er müde, wünscht zu schlafen oder er wünscht zu schreien oder zu spielen. Er entzieht dem einen Objekt, der Milch, seine Gunst und wendet sie dem anderen, dem Schlaf, zu. Nun wiederholen sich aber bei ihm eine ganze Reihe von Affekten immer wieder, und er findet Geschmack gerade an diesen Affekten, er sucht sich die Möglichkeit gerade dieses oder jenes Gefühls stets von neuem zu verschaffen; bestimmte Neigungen sind ihm Lebensbedürfnisse, sie begleiten ihn durch sein ganzes Leben. Dahin gehört etwa die Liebe zum Bett, zum Licht oder was Ihnen noch einfallen mag. Nun ist, wenigstens von den Lebewesen, die das Kind umgeben, eines, das die Gefühlswelt des Kindes in höchstem Maße auf sich zieht, das ist die Mutter. Ja, man kann mit einem gewissen Recht behaupten, daß diese Neigung zur Mutter – die immer auch ihr Gegenteil, die Abneigung, bedingt – ähnlich unveränderlich ist wie die zu sich selbst. Jedenfalls ist sie bestimmt die erste, da sie sich schon im Mutterleibe ausbildet. Oder gehören Sie zu den absonderlichen Menschen, die annehmen, ungeborene Kinder hätten keine Gefühlstätigkeit? Ich hoffe doch nicht.

Nun also, auf dieses eine Wesen, die Mutter, häuft das Kind, mindestens eine Zeitlang, so viel von seinem Gefühl, daß alle anderen Menschen nicht in Betracht kommen. Aber diese Neigung ist wie jede Neigung, ja mehr als jede andere, reich an Enttäuschungen. Sie wissen, die Gefühlswelt sieht die Dinge und Menschen anders, als sie sind, sie macht sich ein Bild von dem Gegenstand der Neigung und liebt dieses Bild, nicht eigentlich den Gegenstand. Ein solches Bild – eine Imago nennen es die Leute, die 71 diesen Dingen jüngst mit vieler Mühe nachgegangen sind – macht sich das Kind auch zu irgendeiner Zeit von seiner Mutter; vielleicht macht es sich auch verschiedene solche Bilder, wahrscheinlich macht es sie sich. Aber der Einfachheit halber wollen wir bei einem Bilde bleiben und es, weil es so Brauch geworden ist, Mutterimago nennen. Nach dieser Mutterimago strebt nun das Gefühlsleben des Menschen sein Leben lang, so stark strebt es danach, daß beispielsweise die Sehnsucht nach Schlaf, die Sehnsucht nach dem Tode, nach Ruhe, nach Schutz sich gut als Sehnsucht nach der Mutterimago auffassen lassen, was ich in meinen Briefen verwerten werde. Diese Imago der Mutter hat also gemeinsame Züge, beispielsweise die, die ich eben erwähnte. Daneben bestehen aber auch ganz persönliche individuelle Eigentümlichkeiten, die nur der einen, vom individuellen Kinde erlebten Imago angehören. So hat diese Imago etwa blondes Haar, sie trägt den Vornamen Anna, sie hat eine etwas gerötete Nase oder ein Mal auf dem linken Arm, ihre Brust ist voll, und sie besitzt einen bestimmten Geruch, sie geht gebückt oder hat die Gewohnheit, laut zu niesen, oder was es sonst sein mag. Für dieses imaginierte, der Phantasie angehörende Wesen behält sich das Es bestimmte .Gefühlswerte vor, hat sie sozusagen auf Lager. Nun nehmen Sie an, irgendwann begegnet dieser Mann – oder diese Frau, das ist gleichgültig – einem Wesen, das Anna heißt, das blond und voll ist, das laut niest, ist da nicht die Möglichkeit gegeben, daß die schlummernde Neigung zur Mutterimago aufgerührt wird? Und wenn die Umstände günstig sind – wir werden auch darüber uns gegenseitig verständigen –, nimmt dieser Mann plötzlich alles, was er an Gefühl für die Mutterimago hat, und überträgt es auf diese eine Anna. Sein Es zwingt ihn dazu, er muß es übertragen.

Haben Sie verstanden, was ich mit der Übertragung meine? Fragen Sie bitte, wenn es nicht der Fall ist. Denn wenn ich mich nicht klar genug ausgedrückt habe, ist alles weitere Reden unnütz. Sie müssen die Bedeutung der Übertragung in sich aufnehmen, sonst ist es unmöglich, weiter über das Es zu reden.

Seien Sie gut, und beantworten Sie diese Frage Ihrem treu ergebenen

Patrik Troll 72

 

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