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Das Buch vom Es

Georg Groddeck: Das Buch vom Es - Kapitel 4
Quellenangabe
typetractate
booktitleDas Buch vom Es
authorGeorg Groddeck
year1983
firstpub1923
publisherFischer Taschenbuch Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-596-26367-0
titleDas Buch vom Es
pages275
created20100528
sendergerd.bouillon@t-online.de
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4. Brief

Liebe Freundin, Sie haben recht, ich wollte von der Mutterliebe schreiben und habe vom Mutterhaß geschrieben. Aber Liebe und Haß sind immer gleichzeitig da. Sie bedingen sich gegenseitig. Und weil von der Mutterliebe so viel geredet wird und jeder damit Bescheid zu wissen glaubt, hielt ich es für gut, einmal die Wurst am andern Zipfel anzuschneiden. Im übrigen bin ich nicht überzeugt, daß Sie sich schon einmal mit der Frage der Mutterliebe anders beschäftigt haben, als sie zu empfinden und einige Redensarten lyrischer oder tragischer Art anzuhören oder zu äußern.

Die Mutterliebe ist selbstverständlich, ist jeder Mutter von vornherein eingepflanzt, ist ein eingeborenes heiliges Gefühl des Weibes. Das mag ja sein, aber mich sollte es doch sehr wundern, wenn die Natur sich ohne weiteres auf das weibliche Gefühl verlassen hätte oder gar mit Empfindungen arbeitete, die wir Menschen heilig nennen. Sieht man näher zu, so lassen sich auch einige, wenn auch gewiß nicht alle Quellen dieses Urgefühls finden. Sie haben, scheint es, mit dem so beliebten Fortpflanzungstriebe wenig zu tun. Lassen Sie einmal alles beiseite, was über die Mutterliebe geredet worden ist, und sehen Sie sich an, was zwischen diesen beiden Wesen, Mutter und Kind, vor sich geht.

Da ist zunächst der Moment der Empfängnis, die bewußte oder unbewußte Erinnerung an einen seligen Augenblick. Denn ohne dieses wahrhaft himmlische Gefühl – himmlisch deshalb, weil der Glaube an Seligkeit und Himmelreich letzten Endes damit zusammenhängt –, ohne dieses Gefühl kommt es zu keiner Empfängnis. Sie glauben das nicht und berufen sich auf die tausendfachen Erfahrungen des verabscheuten Ehebettes, der Vergewaltigungen, der Schwängerungen in bewußtlosem Zustand. Aber all diese Fälle beweisen nur, daß das Bewußtsein an dem Rausch nicht teilzunehmen braucht; für das Es, das Unbewußte beweisen sie gar nichts. Um dessen Empfindungen festzustellen, müssen Sie sich an die Organe wenden, mit denen es spricht, an die Wollustorgane des Weibes. Und Sie würden erstaunt sein, wie wenig sich die Scheidenwände oder die Schamlippen, der Kitzler oder die Brustwarzen um den Abscheu des Bewußtseins kümmern. Sie antworten auf die Reibung, auf die zweckmäßige Erregung in ihrer eigenen Weise, ganz gleich, ob der Geschlechtsakt dem denkenden Menschen lieb ist oder nicht. Fragen Sie Frauenärzte oder Richter oder Verbrecher; Sie werden meine Behauptung bestätigt finden. Sie können 44 auch von den Frauen, die ohne Lust empfangen haben, die vergewaltigt oder bewußtlos mißbraucht wurden, die richtige Antwort hören, nur müssen Sie zu fragen verstehen oder besser, Vertrauen erwecken. Erst wenn der Mensch sich überzeugt hat: Der, der fragt, ist frei von verachtenden Gedanken, macht wirklich ernst mit dem Wort: »Richtet nicht«, erst dann öffnet er die Pforten seiner Seele ein wenig. Oder lassen Sie sich von diesen geschlechtskalten Opfern männlicher Gier ihre Träume erzählen; der Traum ist die Sprache des Unbewußten, und in ihm läßt sich mancherlei lesen. Am einfachsten ist, Sie gehen mit sich selber zu Rate, ehrlich, wie es Ihre Gewohnheit ist. Sollte es Ihnen noch nicht aufgefallen sein, daß der Mann, den Sie lieben, mitunter nicht fähig ist, eine Erektion zustande zu bringen? Wenn er an Sie denkt, steht seine Mannheit so kräftig zur Verfügung, daß es eine Lust ist, und wenn er neben Ihnen ist, sinkt alle Herrlichkeit schlaff zusammen. Das ist ein merkwürdiges Phänomen; es bedeutet, daß der Mann wohl tausendfach und unter den seltsamsten Verhältnissen liebesfähig ist, daß er aber unter gar keinen Umständen eine Erektion bekommt in Gegenwart einer Frau, die diese Erektion verhindern will. Es ist eine von den tief versteckten Waffen des Weibes, eine Waffe, die sie unbedenklich braucht, wenn sie den Mann demütigen will, oder vielmehr, das Unbewußte der Frau braucht die Waffe, so nehme ich an, weil ich nicht gern ein Weib solch bewußter Bosheit für fähig halte, und weil es mir wahrscheinlicher ist, daß zur Verwendung dieses Fluidums, das den Mann schwächt, unbewußte Vorgänge im Organismus des Weibes stattfinden. Mag es nun so sein oder so, jedenfalls ist es ganz unmöglich, daß ein Mann ein Weib nehmen kann, wenn sie nicht irgendwie einverstanden ist. Sie tun gut daran, die Kälte der Frau zu bezweifeln und lieber an ihre Rachsucht und unausdenkbar heimtückische Gesinnung zu glauben.

Haben Sie nie die Phantasie des Vergewaltigtwerdens gehabt? Sagen Sie nicht gleich nein, ich glaube Ihnen doch nicht. Vielleicht haben Sie keine Angst wie so viele Frauen, und gerade angeblich kalte, allein im Walde oder in dunkler Nacht zu gehen; ich sagte es Ihnen schon, Angst ist ein Wunsch; wer sich vor der Notzucht fürchtet, wünscht sie. Wahrscheinlich, so wie ich Sie kenne, schauen Sie auch nicht unter die Betten und in die Schränke; aber wie viele tun es, stets in der Angst und in dem Wunsch, den Mann zu entdecken, der gewaltig genug ist, sich nicht vor dem Gesetz zu fürchten. Sie kennen doch die Geschichte von jener Dame, die, als 45 sie den Mann unter dem Bett sieht, in die Worte ausbricht: »Endlich, seit zwanzig Jahren warte ich darauf.« Und wie bezeichnend ist es, daß dieser Mann mit einem blanken Messer phantasiert wird, mit dem Messer, das in die Scheide gesteckt werden soll. Nun, über all das sind Sie erhaben. Aber Sie waren einmal jünger, suchen Sie nur nach. Sie werden den Augenblick finden – was sage ich? den Augenblick –, nein, Sie werden sich einer ganzen Reihe von Momenten erinnern, wo es Sie kalt überlief, weil Sie hinter sich einen Schritt zu hören glaubten; wo Sie plötzlich in der Nacht in irgendeinem Gasthaus erwachten mit dem Gedanken: »Habe ich auch die Tür verschlossen?« Wo Sie fröstelnd unter die Decke krochen, fröstelnd, weil Sie die innere Hitze abkühlen mußten, um nicht zu verbrennen. Haben Sie nie mit Ihrem Geliebten gerungen, Notzucht gespielt? Nein? Ach, was sind Sie für eine Törin, daß Sie sich um die Freuden der Liebe bringen, und was sind Sie für eine Törin, daß Sie annehmen, ich glaube Ihnen. Ich glaube nur an Ihr schlechtes Gedächtnis und an Ihr feiges Ausweichen vor der Selbstkenntnis. Denn daß ein Weib diesen höchsten Liebesbeweis, diesen einzigen, kann man sagen, nicht begehren sollte, ist unmöglich. So schön sein, so verführerisch sein, daß der Mann alles andere vergißt und nur liebt, das will eine jede, und die es leugnet, irrt sich oder lügt bewußt. Und wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, so suchen Sie diese Phantasie in sich lebendig zu machen. Es ist nicht gut, mit sich selber Versteck zu spielen. Was gilt die Wette? Schließen Sie die Augen und träumen Sie frei, ohne Absicht und Vorurteil! In wenigen Sekunden sind Sie von den Bildern des Traums gefesselt, hingerissen, so daß Sie kaum wagen, weiter zu denken, weiter zu atmen. Da ist das Knacken der Äste, der jähe Sprung und der Griff an die Gurgel, das Niederwerfen und das blinde Zerreißen der Kleider, und die wahnsinnige Angst. Und nun fassen Sie den Menschen, der rast, ins Auge, fest und unbeirrbar. Ist er groß, klein, schwarz, blond, bärtig, glatt? Den bannenden Namen! O ja, ich wußte, daß Sie ihn schon kennen. Sie sahen ihn gestern oder ehegestern oder vor vielen Jahren, auf der Straße oder der Eisenbahnfahrt oder auf dem Pferd dahinjagend oder beim Tanz. Und der Name, der Ihnen durch den Kopf schoß, macht Sie zittern. Denn nie hätten Sie geglaubt, daß gerade dieser Mensch Ihre tiefste Begierde weckte. Er war Ihnen gleichgültig? Sie verabscheuten ihn? Er war ekelhaft? – Hören Sie doch hin: Ihr Es kichert über Sie. – Nein, stehen Sie nicht auf, schauen Sie nicht nach Uhr und Schlüsselbund, träumen Sie, träumen Sie! Von dem Märtyrertum, der Schande, dem Kind in Ihrem Schoß, vom 46 Gericht und dem Wiedersehen mit dem Verbrecher in Gegenwart der schwarzen Richter und von der Qual zu wissen, daß Sie wünschten, was er tat und wofür er büßt. Furchtbar, unfaßbar und unentrinnbar fesselnd. – Oder ein anderes Bild, wie das Kind geboren wird, wie Sie arbeiten und sich die Hände mit der Nadel zerstechen, während der Kleine sorglos zu Ihren Füßen spielt und Sie nicht wissen, wie ihn ernähren. Armut, Not, Elend. Und dann kommt der Prinz, der edle, herrlich gute, der Sie liebt, den Sie lieben und dem Sie entsagen. Hören Sie nur, wie das Es kichert über die schöne Geste. – Und noch ein Bild, wie das Kind in Ihrem Leib wächst und mit ihm die Angst, wie es geboren wird und Sie es erwürgen, im Teich versenken und wie Sie selbst vor den dunkeln Richtern als Mörderin stehen. Auf einmal tut sich die Märchenwelt auf, ein Scheiterhaufen wird gehäuft, die Kindesmörderin steht darauf, an den Pfahl gefesselt, und die Flammen lecken an ihren Füßen. Hören Sie nur, was das Es flüstert, wie es den Pfahl deutet und das züngelnde Feuer und wie es Ihnen zuraunt, wessen Füße es sind, die Ihr tiefstes Wesen mit der Flamme verbindet. Ist es nicht Ihre Mutter? – Das Unbewußte ist rätselhaft, und zwischen Wald, gewaltig und Gewalt schlummern Engel und Teufel. Nun der bewußtlose Zustand. Wenn Sie Gelegenheit dazu haben, sehen Sie sich bitte irgendeinen hysterischen Krampfanfall an. Er wird Ihnen klarmachen, wie viele Menschen die Bewußtlosigkeit bei sich hervorrufen, um die Wollust zu empfinden; gewiß, es ist ein dummes Verfahren, aber schließlich ist alle Heuchelei dumm. Oder gehen Sie in eine chirurgische Klinik, sehen Sie sich ein Dutzend Narkosen mit an; da können Sie merken und hören, wie genußfähig der Mensch auch im bewußtlosen Zustand ist. Und dann nochmals, achten Sie auf Träume; die Träume des Menschen sind wunderliche Dolmetscher der Seele.

Nochmals also: Ich nehme an, daß eine der Wurzeln der Mutterliebe der Genuß bei der Empfängnis ist. Ich übergehe nun, ohne dadurch ihre Wichtigkeit herabsetzen zu wollen, eine Reihe verwickelter Gefühle, wie die Neigung zum Manne, die auf das Kind übertragen wird, den Stolz auf die Leistung; – so merkwürdig es auch für unsern hochmögenden Verstand ist, daß man sich auf Dinge etwas einbildet, die wie die Schwängerung nur vom Es geleistet werden, mit dem, was wir als edles Werk anzuerkennen pflegen, also ebensowenig zu tun haben wie Schönheit oder ererbter Reichtum oder große Geistesgaben, das Weib ist eben stolz darauf, über Nacht durch so lustige Arbeit ein lebendiges Wesen geschaffen zu haben. – Ich rede nicht davon, wie die Bewunderung 47 und der Neid der Nächsten zur Ausbildung der Mutterliebe verwendet werden oder wie das Gefühl, für ein Lebewesen ausschließlich verantwortlich zu sein – denn an die ausschließliche Verantwortung glaubt die Mutter gern, wenn es glattgeht, ungern und nur vom Schuldbewußtsein gezwungen, wenn es schiefgeht –, wie dieses Gefühl die Neigung zum kommenden Kinde erhöht, das Gefühl großer Wichtigkeit, das aus eigenen und fremden Quellen genährt wird; oder wie der Gedanke, ein hilfloses Menschlein zu schützen, mit dem eigenen Blute zu nähren – was ja eine beliebte und gegen die Kinder später oft verwendete Redensart ist, an die das Weib zu glauben vorgibt, obwohl sie die Lüge darin fühlt –, wie dieser Gedanke der Mutter eine Art Gottähnlichkeit gibt und daher ihr eine fromme Gesinnung gegen das Muttergotteskind einflößt.

Ich möchte Sie vielmehr auf etwas Einfaches und anscheinend Unbedeutendes aufmerksam machen, nämlich, daß der weibliche Körper einen hohlen leeren Raum hat, der durch die Schwangerschaft, durch das Kind ausgefüllt wird. Wenn Sie sich vorstellen, wie beunruhigend das Gefühl des Leerseins ist und wie wir beim Sattsein ein »anderer Mensch« sind, ahnen Sie ungefähr, was in dieser Richtung die Schwangerschaft für das Weib bedeutet. Ungefähr, nicht ganz. Denn es handelt sich bei den Unterleibsorganen der Frau nicht nur um ein Gefühl der Leere, es ist vor allem die von Kindheit an bestehende Empfindung des Mangels, die bald mehr, bald weniger die Selbstachtung des Weibes niederdrückt. Zu irgendeiner Zeit, jedenfalls sehr früh, sei es durch Beobachtung, sei es auf anderem Wege, erfährt das kleine Mädchen, daß ihm etwas fehlt, was der Knabe, der Mann besitzt. – Nebenbei bemerkt, ist es nicht zu verwundern, daß niemand weiß, wann und wie ein Kind die Geschlechtsunterschiede kennenlernt? Obwohl diese Entdeckung, man könnte sagen, das wichtigste Ereignis im Menschenleben ist. – Das kleine Ding, sage ich, bemerkt dieses Fehlen eines Bestandteiles des Menschen und faßt es als einen Fehler seines Wesens auf. Sonderbare Ideengänge knüpfen sich daran an, von denen wir uns gelegentlich unterhalten können, die alle das Gepräge der Beschämung und des Schuldgefühls tragen. Anfangs hält noch die Hoffnung, der Fehler werde sich durch Nachwachsen ausgleichen, einigermaßen dem Gefühl des Niedrigseins die Waage, aber diese Hoffnung erfüllt sich nicht, es bleibt nur das in seiner Begründung immer undeutlicher werdende Schuldgefühl und die unbestimmbare Sehnsucht, beides Erscheinungen, die wohl an Klarheit nachlassen, aber an Gefühlskraft wachsen. Das 48 geht durch lange Jahre mit in dem tiefen Leben der Frau als immer brennende Qual. Und nun kommt der Moment der Empfängnis, die Herrlichkeit der Sättigung, das Verschwinden der Leere, des verzehrenden Neides und der Scham. Und dann lebt eine neue Hoffnung auf, die Hoffnung, daß in ihrem Leibe ein neuer Teil ihres Wesens, eben das Kind wächst, das diesen Fehler nicht haben, das ein Junge sein wird.

Es bedarf eigentlich keines Beweises, daß die Schwangere wünscht, einen Knaben zu gebären. Wer die Fälle, in denen der Wunsch auf ein Mädchen geht, erforscht, der wird manches Geheimnis gerade dieser einen Mutter erfahren, die allgemeine Regel aber, daß das Weib den Sohn zur Welt bringen will, wird sich ihm bestätigen. Wenn ich Ihnen trotzdem von einer persönlichen Erfahrung erzähle, so geschieht es, weil ein Nebenumstand mir charakteristisch vorkommt und Sie vielleicht zum Lachen bringt, zu dem heiteren, göttlichen Lachen, mit dem man in der Komik die tiefe Wahrheit begrüßt. Ich habe eines Tages die kinderlosen Mädchen und Frauen meiner Bekanntschaft gefragt, es waren natürlich nicht sehr viele, aber doch etwa 15 bis 20, was sie sich für ein Kind wünschten. Sie haben alle geantwortet: einen Jungen. Aber nun kam das Seltsame. Ich fragte weiter, wie alt sie sich wohl diesen Knaben vorstellten und wie sie ihn gerade in dem Moment beschäftigt dächten. Bis auf drei haben sie alle dieselbe Antwort gegeben: zwei Jahre, auf der Wickelkommode liegend und den Strahl in hohem Bogen unbekümmert in die Welt spritzend. Von den drei Abseitigen gab die eine den ersten Schritt an, die zweite das Spielen mit einem Schäfchen und die dritte: drei Jahre, stehend und pinkelnd.

Verstehen Sie wohl, verehrte Freundin? Da ist eine Gelegenheit, in die Tiefe des Menschen zu blicken, für einen kurzen Moment mitten im Lachen zu gewahren, was den Menschen bewegt. Vergessen Sie es bitte nicht. Und überlegen Sie sich, ob hier nicht eine Möglichkeit ist, weiter zu fragen und zu erkunden.

Das Entstehen des Kindes im Unterleib, sein Wachsen und Schwererwerden bemächtigt sich noch in einer andern Richtung der weiblichen Seele, verflicht sich mit festgewurzelten Gewohnheiten und nutzt, um die Mutter an das Kind zu fesseln, Neigungen aus, die, von versteckten Schichten des Unbewußten aus, das Menschenherz und das Menschenleben beherrschen. Sie werden beobachtet haben, daß das Kind, das auf dem Töpfchen sitzt, nicht gleich willig hergibt, was der Erwachsene, dem diese Beschäftigung weniger Wonne gibt, erst zart und nach und nach immer 49 dringender von ihm verlangt. Wenn Sie Interesse dafür haben, dieser absonderlichen Neigung zur freiwilligen Verstopfung, aus der nicht selten eine Lebensgewohnheit wird, nachzugehen, was ja allerdings ein seltsames Interesse ist, so bitte ich Sie, sich daran zu erinnern, daß in dem Unterleib in der Gegend von Mastdarm und Blase fein und lüstern tätige Nerven verlaufen, deren Reizung artige Gefühle weckt. Sie werden dann weiter daran denken, wie oft die Kinder bei Spiel und Arbeit unruhig auf dem Stuhle rutschen – vielleicht taten Sie es selbst in Ihrer Kindheit unschuldigen Tagen –, mit den Beinen wippeln und zappeln, bis das verhängnisvolle Wort der Mutter ertönt: »Hans oder Liesel, geh auf das Klosett.« Warum wohl das? Ist es wirklich, daß der Knabe, daß das Mädchen sich verspielt haben, wie es Mama in Rücksicht auf eigene längst verworfene Neigungen nennt, oder daß sie gar zu stark von der Schularbeit gefesselt sind? Ach nein, es ist die Wollust, die solches zustande bringt, eine eigenartige Form der Selbstbefriedigung, von Kindheit auf geübt und bis zur Vollendung später ausgebildet in der Verstopfung; nur daß dann leider der Organismus nicht mehr mit der Wollust antwortet, sondern nur, im Schuldgefühl der Onanie, Kopfschmerzen oder Schwindel oder Leibweh schafft und wie die tausend Folgen der Gewohnheit, sich dauernd einen Druck auf die genitalen Nerven zu erhalten, heißen mögen. Ja, und dann fallen Ihnen noch Menschen ein, die gewohnheitsmäßig ausgehen, ohne vorher sich zu entleeren, dann auf der Straße, von der Not befallen, schwere Kämpfe durchmachen, bei denen sie sich nicht bewußt werden, wie süß sie sind. Nur wem die Regelmäßigkeit und der völlige Mangel an Notwendigkeit dieser Kämpfe zwischen Mensch und After auffällt, der kommt allmählich zu dem Schluß, daß hier das Unbewußte schuldlose Onanie treibt. Nun, verehrte Frau, die Schwangerschaft ist solche schuldlose Onanie in noch viel stärkerer Weise, hier ist die Sünde heilig. Aber alle heilige Mutterschaft verhindert nicht, daß der schwangere Uterus die Nerven reizt und Wollust bringt.

Sie meinen, Wollust müsse vom Bewußtsein empfunden werden. Das ist eine falsche Meinung. Das heißt, Sie können diese Meinung haben, aber Sie müssen mir verzeihen, wenn ich ein wenig lache.

Und da wir nun einmal bei dem heiklen Thema der Wollust sind, der geheimen, unbewußten, nie deutlich benannten, darf ich auch gleich davon sprechen, was die Kindsbewegung für die Mutter ist. Sie ist ja auch vom Dichter mit Beschlag belegt und rosarot geputzt 50 und zart parfümiert. In Wahrheit ist diese Empfindung, wenn man ihr den Strahlenkranz der Verklärung nimmt, eben dieselbe, die stets entsteht, wenn etwas im Leibe des Weibes bewegt wird. Sie ist dieselbe, die sie vom Manne her kennt, nur jeden Sündengefühles bar, gepriesen statt verworfen.

Schämen Sie sich nicht? werden Sie sagen. Nein, ich schäme mich nicht, meine Gnädigste, so wenig schäme ich mich, daß ich die Frage zurückgebe. Regt sich in Ihnen keine Scham, werden Sie nicht überwältigt von Leid und Scham über das menschliche Wesen, das den höchsten Wert des Lebens, die Vereinigung von Mann und Weib, in den Schmutz gezogen hat? Denken Sie nur zwei Minuten darüber nach, was diese Wollust zu zweit bedeutet, wie sie Ehe, Familie, Staat geschaffen hat, Haus und Hof gegründet, die Wissenschaft, die Kunst, die Religion aus dem Nichts hervorgerufen, wie sie alles, alles, alles, was Sie verehren, gemacht hat, und wagen Sie es dann noch, den Vergleich zwischen Begattung und Kindesbewegung abscheulich zu finden.

Nein, Sie sind viel zu verständig, um den Zorn über meine von tugendprangenden Kinderwärterinnen verbotenen Worte länger zu pflegen, als bis Sie Zeit gefunden haben, sich zu besinnen. Und dann werden Sie mir willig weiter zu einer noch schärfer von Herz- und Geistesbildung verpönten Behauptung folgen, daß vor allem die Entbindung selbst ein Akt der höchsten Wollust ist, dessen Eindruck als Liebe zum Kinde, als Mutterliebe weiterlebt.

Oder reicht Ihre Gutwilligkeit nicht so weit, mir auch das zu glauben? Es widerspricht ja aller Erfahrung, der Erfahrung von Jahrtausenden. Nun, einer Erfahrung, und ich halte sie für die Grundtatsache, von der man ausgehen muß, widerspricht sie nicht, das ist die, daß immer wieder neue Kinder geboren werden, daß also all die Schrecken und Leiden, von denen man seit unvordenklichen Zeiten spricht, nicht so groß sind, um nicht von der Lust, irgendeinem Lustgefühl überboten zu werden.

Haben Sie schon einmal eine Entbindung mit angesehen? Es ist eine merkwürdige Sache; die Kreißende jammert und schreit, aber ihr Gesicht glüht in fieberhafter Erregung, und ihre Augen haben den seltsamen Glanz, den kein Mann vergißt, wenn er ihn einmal in eines Weibes Augen hervorgerufen hat. Das sind seltsame Augen, seltsam verschleierte Augen, die Wonne erzählen. Und was ist Wunderbares, Unglaubliches daran, daß der Schmerz Wollust sein kann, höchste Wollust? Nur die Perversions- und Unnaturschnüffler wissen nicht oder geben vor, nicht zu wissen, 51 daß die größte Lust den Schmerz verlangt. Machen Sie sich doch frei von dem Eindruck, den der Wehlaut der Gebärenden und die blöden Erzählungen neidischer Gevatterinnen auf Sie gemacht haben. Versuchen Sie, ehrlich zu sein. Das Huhn gackert auch, wenn es ein Ei gelegt hat. Aber der Hahn kümmert sich nicht anders darum, als daß er von neuem das Weibchen tritt, deren Grauen vor dem Schmerz des Eierlegens sich sonderbar in dem verliebten Ducken vor dem Herrn des Hühnerhofes äußert.

Die Scheide des Weibes ist ein unersättlicher Moloch. Wo ist denn die weibliche Scheide, die damit zufrieden wäre, ein kleinfingerdickes Glied in sich zu haben, wenn sie eins haben kann, das stark wie ein Kinderarm ist. Die Phantasie des Weibes arbeitet mit mächtigen Instrumenten, hat es von jeher getan und wird es immer tun.

Je größer das Glied ist, um so höher ist die Wonne, das Kind aber arbeitet mit seinem dicken Schädel während der Entbindung im Scheideneingang, dem Sitz der Freude des Weibes, genau wie das Glied des Mannes, in derselben Bewegung des Hin und Her und Auf und Ab, genauso hart und gewaltig. Gewiß, er schmerzt, dieser höchste und deshalb unvergeßliche und stets von neuem begehrte Geschlechtsakt, aber er ist der Gipfelpunkt aller weiblichen Freuden.

Warum aber ist, wenn die Entbindung wirklich ein Wollustakt ist, die Stunde der Wehen als Leiden unvergeßlicher Art verschrien? Ich kann die Frage nicht beantworten; fragen Sie die Frauen. Ich kann nur sagen, daß ich hie und da einer Mutter begegnet bin, die mir sagte: »Die Geburt meines Kindes war trotz aller Schmerzen oder vielmehr wegen all der Schmerzen das Schönste, was ich erlebt habe.« Vielleicht darf man das eine sagen, daß die Frau, von jeher zur Verstellung gezwungen, nie ganz aufrichtig über ihre Empfindungen sprechen kann, weil sie das Gebot des Abscheus vor der Sünde mit auf den Lebensweg bekommt. Woher aber diese Gleichsetzung von Geschlechtslust und Sünde kommt, das wird niemals ganz ergründet werden.

Es gibt auch Gedankengänge, die sich durch das Labyrinth dieser schwierigen Fragen verfolgen lassen. So erscheint es mir natürlich, daß ein Mensch, der all sein Leben lang, selbst unter Benutzung der Religion, gelehrt worden ist, die Entbindung ist schrecklich, gefährlich, schmerzhaft, selbst daran glaubt, auch über die eigene Erfahrung hinaus. Es ist mir klar, daß eine Menge dieser Schadenerzählungen erdacht wurden, um das unverheiratete Mädchen von dem unehelichen Verkehr zurückzuschrecken. Der Neid derer, 52 die nicht entbunden werden, vor allem der Neid der Mutter auf die eigene Tochter, der anheimfällt, was für sie selber längst Vergangenheit ist, spricht dabei mit. Der Wunsch, den Mann einzuschüchtern, der erkennen soll, was er der Liebsten zuleide tat, welches Opfer sie bringt, wie sie Heldin ist, die Erfahrung, daß er sich tatsächlich einschüchtern läßt, und aus dem mürrischen Tyrannen, wenigstens für eine Zeit, ein dankbarer Vater wird, treiben in dieselbe Richtung. Und vor allem die innere Gewalt, sich selbst als groß, edel, Mutter zu erscheinen, verführt zur Übertreibung, zur Lüge. Und Lüge ist Sünde. Zuletzt aber steigt aus dem Dunkel des Unbewußten die Mutterimago empor; denn alles Begehren und jede Wollust ist durchtränkt von der Sehnsucht, wieder in den Schoß der Mutter zu gelangen, ist gezeitigt und vergiftet von dem Wunsche der Geschlechtsvereinigung mit der Mutter. Der Inzest, die Blutschande. Ist es nicht genug, um sich sündig zu fühlen?

Was aber gehen diese geheimnisvollen Gründe uns beide im Augenblick an? Ich wollte Sie überzeugen, daß die Natur sich nicht auf die edlen Gefühle der Mutter verläßt, daß sie nicht glaubt, ein jedes Weib werde, nur weil sie Mutter wird, das aufopferungsfähige, geliebte Wesen, dessengleichen wir nicht kennen, die uns nie ersetzt wird und deren Namen zu nennen uns schon beglückt. Ich wollte Sie überzeugen, daß die Natur in tausendfacher Weise die Glut schürt, deren Wärme uns durch das Leben begleitet, daß sie alles und jedes benutzt – denn was ich sagte, ist nur ein winziger Teil all der Wurzeln, aus denen die Mutterliebe wächst–, benutzt, um der Mutter jede Möglichkeit zu nehmen, sich von dem Kinde abzuwenden.

Ist es mir gelungen? Dann würde sich von Herzen freuen.

Ihr alter Freund

Patrik Troll

 

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