Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Georg Groddeck >

Das Buch vom Es

Georg Groddeck: Das Buch vom Es - Kapitel 32
Quellenangabe
typetractate
booktitleDas Buch vom Es
authorGeorg Groddeck
year1983
firstpub1923
publisherFischer Taschenbuch Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-596-26367-0
titleDas Buch vom Es
pages275
created20100528
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

32. Brief

Nein, liebe Freundin, die Zehen sind jenem Kranken nicht wieder gewachsen, trotz Es und Analyse. Das schließt aber nicht aus, daß irgendwann einmal eine Methode gefunden wird, mit deren Hilfe das Es veranlaßt werden kann, amputierte Glieder neu zu bilden. Die Experimente über das Wachstum von Organteilen, die aus 252 dem Organismus herausgelöst sind, beweisen, daß manches möglich ist, was man vor dreißig Jahren für unmöglich hielt. Aber ich habe vor, Ihrem guten Glauben noch viel Seltsameres zuzumuten.

Wie denken Sie zum Beispiel über das Ich? ›Ich bin Ich‹, das ist ein Fundamentalsatz unseres Lebens. Meine Behauptung, daß dieser Satz, in dem sich das Ichgefühl des Menschen ausspricht, ein Irrtum ist, wird die Welt nicht erschüttern, wie er es tun würde, wenn man dieser Behauptung glaubte. Man wird ihr nicht glauben, kann ihr nicht glauben, ich selbst glaube nicht daran, und doch ist sie wahr.

›Ich ist durchaus nicht Ich‹, sondern eine fortwährend wechselnde Form, in der das Es sich offenbart, und das Ichgefühl ist ein Kniff des Es, den Menschen in seiner Selbsterkenntnis irrezumachen, ihm das Sich-selbst-Belügen leichter zu machen, ihn zu einem gefügigeren Werkzeug des Lebens zu machen.

Ich. Mit der Verdummung, die das Älterwerden mit sich bringt, gewöhnen wir uns so an diese uns vom Es eingeblasene Größenidee, daß wir die Zeit ganz vergessen, in der wir diesem Begriff verständnislos gegenüberstanden, in der wir von uns in der dritten Person sprachen: »Emmy unartig, muß Schläge haben.« »Patrik gut gewesen, Schokolade.« Welcher Erwachsene könnte sich solcher Objektivität rühmen.

Ich will nicht behaupten, daß der Begriff ›Ich‹, der Begriff der eigenen Persönlichkeit erst in dem Moment entsteht, wo das Kind dieses Schibboleth der geistigen Verarmung aussprechen lernt. Aber so viel kann man doch wohl behaupten, daß das Bewußtsein des Ich, die Art, wie wir Erwachsenen den Begriff ›Ich‹ gebrauchen, nicht mit dem Menschen geboren wird, sondern ganz allmählich in ihm wächst, daß er es erlernt.

Sie müssen mir schon gestatten, ein wenig über die Dinge wegzuschreiben. Kein Mensch kann sich in dem Wust des Ich zurechtfinden, auch in den fernsten Zeiten wird niemand das fertigbringen.

Ich spreche absichtlich von dem Ichbewußtsein, wie wir Erwachsenen es empfinden. Es ist nämlich durchaus nicht sicher, daß das neugeborene Kind des Bewußtseins, eine Individualität zu sein, entbehrt, ja, ich bin geneigt anzunehmen, daß es ein solches Bewußtsein hat, nur daß es sich nicht sprachlich äußern kann. Ich glaube sogar, daß ein solches Individualitätsbewußtsein auch dem 253 Embryo zukommt, ja selbst dem befruchteten Ei, dem unbefruchteten auch, ebenso wie dem Samenfaden. Und daraus ergibt sich für mich, daß auch jede einzelne Zelle ein solches Individualitätsbewußtsein hat, jedes Gewebe ebenso, jedes Organ auch, und jedes Organsystem desgleichen. Mit andern Worten: Jede Es-Einheit kann, wenn sie Lust dazu hat, sich selbst weismachen, sie sei eine Individualität, eine Person, ein Ich.

Ich weiß, diese Betrachtungsart verwirrt alle Begriffe, und wenn Sie den heutigen Brief ungelesen fortlegen, so wundere ich mich nicht darüber. Aber ich muß es doch aussprechen, daß ich glaube, die menschliche Hand hat ihr eigenes Ich, sie weiß, was sie tut, und sie ist sich auch dieses Wissens bewußt. Und jede Nierenzelle und jede Nagelzelle hat ebenso ihr Bewußtsein und ihr bewußtes Handeln, ihr Ichbewußtsein. Beweisen kann ich das nicht, aber ich glaube es, deshalb, weil ich Arzt bin und gesehen habe, daß der Magen auf bestimmte Nahrungsmengen in ganz bestimmter Weise antwortet, daß er in Art und Menge seiner Absonderungen bedachtsam vorgeht, erwägt, was ihm zugemutet werden wird und danach seine Maßnahmen trifft, daß er Auge, Nase, Ohr, Mund und so weiter als seine Organe benutzt, um damit festzustellen, was er tun will. Ich glaube es deshalb, weil eine Lippe, die nicht küssen will, während das Ich des Menschen den Kuß begehrt, sich wundmacht, eine Blase bildet, sich entstellt, ihren eigenen gegensätzlichen Willen in nicht mißzuverstehender Weise, erfolgreich genug, äußert. Ich glaube es deshalb, weil ein Penis gegen den vom Gesamt-Ich ersehnten Beischlaf mit Herpes-BIäschen protestiert oder sich für eine gewaltsame Überwältigung durch den begehrlichen Sexualtrieb dadurch rächt, daß er sich mit Trippergift oder Syphilisgift anstecken läßt; weil eine Gebärmutter hartnäckig die Schwangerschaft versagt, obwohl das bewußte Ich der Frau sie so innig wünscht, daß sie sich behandeln oder operieren läßt; weil eine Niere den Dienst versagt, wenn sie findet, daß das Ich des Menschen Unbilliges verlangt: und weil, wenn es gelingt, das Bewußtsein der Lippe, des Magens, der Niere, des Penis, der Gebärmutter zu dem Willen des Gesamt-Ichs zu überreden, alle ihre feindlichen Äußerungen, ihre Krankheitssymptome verschwinden.

Ich muß, um in meinen ohnehin unklaren Äußerungen von Ihnen nicht gänzlich mißverstanden zu werden, noch eines ausdrücklich betonen: Dieses von mir für die Zellen, die Organe usw. beanspruchte Ich ist mir nicht etwa dasselbe wie das des Es. Durchaus nicht. Vielmehr ist dieses Ich nur ein Produkt des Es, etwa wie die 254 Gebärde oder der Laut, die Bewegung, das Denken, Bauen, Aufrechtgehen, Krankwerden, Tanzen oder Radfahren ein Produkt des Es ist. Die Es-Einheit betätigt ihr Lebendigsein einmal auf diese, ein andermal auf jene Weise: dadurch daß sie sich in eine Harnzelle verwandelt oder einen Nagel bilden hilft oder ein Blutkörperchen wird oder eine Krebszelle oder sich vergiften läßt oder einem spitzen Stein ausweicht oder sich irgendeines Phänomens bewußt wird. Gesundheit, Krankheit, Talent, Tat und Gedanke, vor allem aber das Wahrnehmen und Wollen und das Sichbewußtwerden sind nur Leistungen des Es, Lebensäußerungen. Über das Es selbst wissen wir nichts.

Das alles ist ziemlich verwickelt. Denn wenn Sie sich vorstellen, wie die Es‑Einheiten und ‑Gesamtheiten gegen- und miteinander wirken, und wie sie sich bald hier, bald da, jetzt so und jetzt anders zusammenschließen und trennen, wie sie bald vom Gesamt-Ich Gebrauch machen, um etwas bewußt werden zu lassen und zugleich dieses oder jenes ins Unbewußte zu verdrängen, wie sie einiges dem Gesamtbewußtsein zuführen, anderes wieder bloß dem der Teil-Ichs, wie sie wieder anderes in Kammern einschließen, aus denen es mit Hilfe der Erinnerung oder Überlegung herausgeholt und dem Gesamtbewußtsein zugeführt werden kann, während der weitaus größte Teil des Lebens, Denkens, Empfindens, Wahrnehmens, Wollens, Handelns in unerforschbaren Tiefen vor sich geht, wenn Sie das alles bedenken, werden Sie eine leichte Ahnung davon bekommen, wie anmaßend es ist, irgend etwas verstehen zu wollen. Aber Gott sei Dank ist ein Verstehen auch nicht nötig, das Verstehenwollen nur hinderlich. Der menschliche Organismus ist so seltsam eingerichtet, daß er – wenn es ihm beliebt, sonst nicht – auf ein leises Wort, ein freundliches Lächeln, einen Druck der Hand, einen Messerschnitt, einen Eßlöffel Fingerhut-Tee mit Leistungen antwortet, die nur deshalb nicht angestaunt werden, weil sie alltäglich sind. Ich habe mich in allerhand Arten ärztlichen Handelns betätigt, bald so, bald so und habe gefunden, daß alle Wege nach Rom führen, die der Wissenschaft und die des Pfuschertums, halte es daher auch nicht für besonders wichtig, welchen Weg man geht, vorausgesetzt, daß man Zeit hat und nicht ehrgeizig ist. Es haben sich dabei in mir Gewohnheiten ausgebildet, denen gegenüber ich machtlos bin, denen ich folgen muß, weil sie mir lobenswert erscheinen. Und unter diesen Gewohnheiten steht obenan die Psychoanalyse, das heißt der Versuch, Unbewußtes bewußt zu machen. Andere machen es anders. Ich bin mit meinen Erfolgen zufrieden.

255 Aber ich wollte vom Ich reden und von seiner Mannigfaltigkeit. Man pflegt ja unter dem Wort ›Ich‹ nur das zu verstehen, was ich vorhin das Gesamt-Ich nannte, dessen ich mich als Angriffspunkt bei meinen psychoanalytischen Experimenten bediene und auch einzig bedienen kann. Aber auch dieses Gesamt-Ich hat seine Sonderbarkeiten, die jedermann kennt, jedoch ihrer Selbstverständlichkeit halber selten beachtet. Das Gesamt-Ich – nennen wir es jetzt einfach Ich – ist kein leicht überschaubares Wesen. Innerhalb weniger Minuten dreht es die verschiedensten Seiten seiner überaus zerklüfteten und schillernden Oberfläche uns zu. Bald ist es ein Ich, das aus unsrer Kindheit stammt, bald eins der zwanziger Jahre, bald ist es moralisch, bald sexuell, bald das eines Mörders. Jetzt ist es fromm, im Augenblick darauf frech, morgens das eines Offiziers oder Beamten, ein Berufs-Ich, mittags ist es vielleicht ein Ehe-Ich und abends das eines Kartenspielers oder eines Sadisten oder eines Denkers. Wenn Sie erwägen, daß alle diese Ichs – und man könnte ungezählte Mengen davon hersagen –, daß sie alle gleichzeitig im Menschen vorhanden sind, können Sie sich vorstellen, was für eine Macht das Unbewußte im Ich ist, wie aufregend seine Beobachtung ist, welche unsagbare Freude es ist, dieses Ich – mag es bewußt oder unbewußt uns gegenüberstehen – zu beeinflussen. Ach, liebe Freundin, erst seit ich mich mit Analyse beschäftige, weiß ich, wie schön das Leben ist. Und es wird täglich schöner.

Darf ich Ihnen etwas sagen, was mich immer wieder in Erstaunen setzt? Das Denken des Menschen – das Es-Denken oder wenigstens das unbewußte Ich-Leben – scheint sich in Kugelform zu bewegen. So kommt es mir vor. Lauter schöne runde Kugeln sehe ich. Wenn man eine Anzahl Wörter, so wie sie einem einfallen, hinschreibt und ansieht, fügen sie sich ganz von selbst zu einer kugeligen Phantasie, zu einer Dichtung in Kugelform zusammen. Und wenn man seinen Nebenmenschen dasselbe tun läßt, wird es auch eine Kugel. Und diese Kugeln rollen dahin, drehen sich rasch oder langsam und schimmern in tausend Farben; in Farben so schön, wie die, die wir mit geschlossenen Augen sehen. Es ist eine Pracht. Oder um es anders auszudrücken, das Es zwingt uns, in geometrischen Figuren zu assoziieren, die sich – farbig – ähnlich zusammenfügen, wie es bei den niedlichen optischen Instrumenten der Fall ist, bei deren Drehung aus farbigen Glasstücken sich immer neue Figuren bilden.

Nun sollte ich Ihnen etwas über die Entstehung der Krankheiten sagen, aber darüber weiß ich nichts. Und über die Heilung müßte 256 ich auch sprechen, wenn es nach Ihnen ginge. Aber darüber weiß ich erst recht nichts. Beides nehme ich als gegebene Tatsachen hin. Höchstens von der Behandlung könnte ich etwas sagen. Und das will ich auch tun.

Das Ziel der Behandlung, jeder ärztlichen Behandlung ist, Einfluß auf das Es des Menschen zu gewinnen. Im allgemeinen ist es Gebrauch, zu diesem Zweck bestimmte Gruppen von Es-Einheiten direkt zu behandeln; man greift sie mit dem Messer oder mit chemischen Substanzen, mit Licht und Luft, Wärme und Kälte, elektrischen Strömen oder irgendwelchen Strahlen an. Mehr als irgendwelche Eingriffe versuchen, von denen niemand voraussagen kann, was die Folgen sein werden, vermag kein Mensch. Was das Es auf solchen Eingriff hin tun wird, läßt sich oft mit einiger Bestimmtheit sagen, oft nehmen wir nur infolge irgendwelcher vager Hoffnungen an, das Es werde artig sein, unsern Eingriff gutheißen und seinerseits die heilenden Kräfte in Bewegung setzen, meist aber ist es ein blindes Tappen, dem selbst die mildeste Kritik keinen Sinn anzudichten vermag. Immerhin ist dieser Weg gangbar, und die Erfahrungen von Jahrtausenden beweisen, daß dabei Resultate, günstige Resultate erzielt werden. Nur muß man nicht vergessen, daß nicht der Arzt die Heilung zustande bringt, sondern der Kranke selbst. Der Kranke heilt sich selbst, aus eigener Kraft, genauso wie er aus eigener Kraft geht, ißt, denkt, atmet, schläft.

Im allgemeinen hat man sich mit dieser Art der Krankheitsbehandlung, die man, weil sie sich mit den Krankheitserscheinungen, den Symptomen beschäftigt, symptomatische Behandlung nennt, begnügt. Und kein Mensch wird behaupten, daß man darin nicht recht getan hat. Aber wir Ärzte, die wir von Berufs wegen dazu verurteilt sind, Herrgott zu spielen und infolgedessen zu anmaßlichen Wünschen neigen, sehnen uns danach, eine Behandlung zu erfinden, die nicht das Symptom, sondern die Ursache der Erkrankung beseitigt. Wir wollen kausale Therapie treiben, so nennen wir es im medizinischen Latein-Griechisch. In diesem Streben hat man sich nun nach diesen Ursachen der Erkrankung umgesehen, hat erst theoretisch unter Aufwand von viel Worten festgestellt, daß es zwei angeblich wesensfremde Ursachen gibt, eine innere, die der Mensch aus sich herausgibt, eine ›causa interna‹, und eine äußere, ›causa externa‹, die aus der Umwelt stammt. Und nachdem man sich so über eine reinliche Zweiteilung einig geworden ist, hat man sich mit einer wahren Wut auf die äußeren Ursachen gestürzt, als da sind: Bazillen, Erkältungen, zu 257 viel Essen, zu viel Trinken, Unfälle, Arbeit und was es sonst noch gibt. Und die ›causa interna‹, die hat man vergessen. Warum? Weil es sehr unangenehm ist, in sich hineinzuschauen – und nur in sich findet man einige Fünkchen, die das Dunkel der inneren Ursachen, der Disposition erhellen –, weil es etwas gibt, was die Freudsche Analyse Widerstand der Komplexe nennt, der Ödipuskomplexe, Impotenzkomplexe, Onaniekomplexe und so weiter, und weil diese Komplexe furchtbar sind. Allerdings hat es immer und zu allen Zeiten Ärzte gegeben, die ihre Stimme erhoben haben, um zu sagen: »Der Mensch macht seine Krankheiten selbst, in ihm liegen die ›causae internae‹, er ist die Ursache der Krankheit, und eine andere braucht man nicht zu suchen.« Zu solchem Spruch hat man mit dem Kopf genickt, hat ihn wiederholt und ist wiederum den äußeren Ursachen zu Leibe gegangen, mit Prophylaxe und Desinfektion und so weiter. Dann aber sind Leute gekommen, die haben eine starke Stimme gehabt und haben unablässig geschrien: »Immunisieren!« Das war nur eine Betonung der Wahrheit, daß der Kranke selber seine Krankheit schafft. Aber als es an die praktische Handhabung des Immunisierens ging, hielt man sich doch wieder an die Symptome, und aus der scheinbaren kausalen Behandlung war unversehens eine symptomatische geworden. So ist es auch mit der Suggestion gegangen, und um das gleich zu sagen, so ist es auch mit der Psychoanalyse. Auch die benutzt die Symptome, ausschließlich die Symptome, obwohl sie weiß, daß der Mensch allein Ursache der Krankheit ist.

Und damit bin ich beim springenden Punkt. Man kann gar nicht anders als symptomatisch behandeln, und man kann auch nicht anders als kausal behandeln. Denn beides ist dasselbe. Es existiert gar kein Unterschied zwischen den beiden Begriffen. Wer behandelt, behandelt die ›causa interna‹, den Menschen, der die Krankheit aus seinem Es heraus schuf, und um ihn zu behandeln, muß der Arzt die Symptome beachten, sei es, daß er mit Höhrrohr und Röntgenapparat arbeitet, sei es, daß er zusieht, ob die Zunge belegt und der Urin trübe ist, sei es, daß er ein schmutziges Hemd betrachtet oder ein paar abgeschnittene Haare. Es ist im Wesen dasselbe, ob man mit aller Sorgfalt jedes Krankheitszeichen durchstöbert oder sich damit begnügt, einen Brief des Kranken zu lesen oder die Linie seiner Hand zu betrachten oder mit ihm somnambul zu verhandeln. Immer ist es ein Behandeln des Menschen und damit seiner Symptome. Denn der Mensch, seine Erscheinung, ist Symptom des Es, dieses Gegenstandes aller Behandlung, sein Ohr ist ein Symptom ebenso wie das Rasseln in seinen Lungen, sein 258 Auge ist ein Symptom, Äußerung des Es, so gut wie der Scharlachausschlag, sein Bein ist Symptom im selben Sinne wie das Knirschen der Knochen, das den Bruch dieses Beines anzeigt.

Wenn nun alles dasselbe ist, werden Sie fragen, was hat es dann für einen Zweck, daß Patrik Troll solch langes Buch schreibt, dessen Sätze so klingen, als ob sie beanspruchten, neue Gedanken zu sein. Nein, Liebe, sie beanspruchen das gar nicht, sie klingen nur so. In Wahrheit bin ich überzeugt, daß ich mit der Psychoanalyse nichts andres tue als früher, wo ich heiße Bäder gab, Diäten verordnete, massierte und herrisch befahl, was alles ich auch jetzt noch tue. Das Neue ist nur der Angriffspunkt der Behandlung, das Symptom, das mir in allen Verhältnissen dazusein scheint, das Ich. Meine Behandlung, soweit sie nicht dieselbe ist wie früher, besteht in dem Versuch, die unbewußten Komplexe des Ich bewußt zu machen, methodisch und mit aller List und Kraft, die mir zur Verfügung steht. Das ist allerdings etwas Neues, aber es stammt nicht von mir, sondern von Freud, und was ich dazu getan habe ist nur, daß ich diese Methode auch bei organischen Leiden verwende. Da ich der Ansicht bin, daß der Gegenstand ärztlicher Tätigkeit das Es ist, da ich der Ansicht bin, daß dieses Es in selbstherrlicher Kraft die Nase formt, die Lunge entzündet, den Menschen nervös macht, ihm Atmung, Gang, Tätigkeit vorschreibt, da ich weiterhin glaube, daß sich das Es ebenso durch Bewußtmachen unbewußter Ichkomplexe beeinflussen läßt wie durch einen Bauchschnitt, so begreife ich nicht – richtiger begreife ich es nicht mehr –, wie irgend jemand glauben kann, Psychoanalyse sei nur bei Neurotikern verwendbar, organische Erkrankungen müsse man nach andern Methoden behandeln.

Gestatten Sie mir, daß ich darüber lache.

Immer Ihr

Patrik Troll

 

 << Kapitel 31  Kapitel 33 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.