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Das Buch vom Es

Georg Groddeck: Das Buch vom Es - Kapitel 30
Quellenangabe
typetractate
booktitleDas Buch vom Es
authorGeorg Groddeck
year1983
firstpub1923
publisherFischer Taschenbuch Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-596-26367-0
titleDas Buch vom Es
pages275
created20100528
sendergerd.bouillon@t-online.de
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30. Brief

Also das war der Grund Ihres langen Schweigens. Sie haben nochmals die Möglichkeit der Veröffentlichung erwogen, bewilligen für meinen Teil der Korrespondenz das Imprimatur und verweigern es für Ihre Briefe. Sei es denn! Und Gott gebe seinen Segen!

Sie haben recht, es ist an der Zeit, daß ich mich ernsthaft mit dem Es auseinandersetze. Aber das Wort ist starr, und deshalb bitte ich Sie, ab und zu um eins der geschriebenen Wörter herumzugehen und es von allen Seiten zu betrachten. Sie gewinnen dann eine Meinung, und darauf kommt es an, nicht darauf, ob diese Meinung richtig oder falsch ist. Ich will mich bemühen, sachlich zu bleiben.

235 Da muß ich nun zunächst die betrübliche Mitteilung machen, daß es ein solches Es, wie ich es vorausgesetzt habe, nach meiner Meinung gar nicht gibt, daß ich es selber künstlich hergestellt habe. Weil ich mich durchaus nur mit dem Menschen, mit dem einzelnen Menschen beschäftige und das bis an mein Lebensende tun werde, muß ich so tun, als ob es, losgelöst vom Ganzen Gottnaturs, Einzelwesen gäbe, die man Menschen nennt. Ich muß so tun, als ob ein solches Einzelwesen irgendwie durch einen leeren Raum von der übrigen Welt getrennt wäre, so daß es den Dingen außerhalb seiner erdachten Grenzen selbständig gegenübersteht. Ich weiß, daß das falsch ist, trotzdem werde ich eigensinnig an der Annahme festhalten, daß jeder Mensch ein eigenes Es ist, mit bestimmten Grenzen und mit Anfang und Ende. Ich betone das, weil Sie, verehrte Freundin, schon mehrmals den Versuch gemacht haben, mich zum Schwatzen über Weltseele, Pantheismus, Gottnatur zu verführen. Dazu habe ich keine Lust, und ich erkläre hiermit feierlich, daß ich es nur mit dem zu tun habe, was ich das Es des Menschen nenne. Und ich lasse kraft meines Amtes als Briefschreiber dieses Es beginnen mit der Befruchtung. Welcher Punkt des überaus verwickelten Befruchtungsvorgangs als Anfang gelten soll, ist mir gleichgültig, ebenso wie ich es Ihrem Belieben überlasse, aus der Masse der Todesvorgänge irgendeinen Moment auszuwählen und ihn als Ende des Es anzunehmen.

Da ich Ihnen von vornherein eine bewußte Fälschung in meiner Hypothese gebe, steht es Ihnen frei, in meinen Auseinandersetzungen so viel bewußte und unbewußte Fehler zu finden, wie Sie wollen. Aber vergessen Sie nicht, daß dieser erste Fehler, Dinge, Individuen lebloser oder lebender Art aus dem All herauszuschneiden, allem menschlichen Denken anhaftet, und daß unsre sämtlichen Äußerungen damit belastet sind.

Nun erhebt sich eine Schwierigkeit. Diese hypothetische Es-Einheit, deren Ursprung in der Befruchtung festgelegt ist, enthält tatsächlich in sich zwei Es-Einheiten, eine weibliche und eine männliche. Dabei sehe ich ganz von der verwirrenden Tatsache ab, daß diese beiden Einheiten, die vom Ei und vom Samenfaden herkommen, wiederum keine Einheiten, sondern Vielheiten von Adams und der Urtierchen Zeiten her sind, in denen Weibliches und Männliches in unlösbarem Gewirr, aber wie es scheint unvermischt nebeneinanderliegt. Daß beide Prinzipien nicht ineinanderfließen, sondern nebeneinander existieren, bitte ich zu behalten. Denn daraus folgt, daß jedes Menschen-Es mindestens zwei Es 236 in sich enthält, die, irgendwie zu einer Einheit verbunden, doch in gewisser Weise unabhängig voneinander sind.

Ich weiß nicht, ob ich bei Ihnen wie bei andern Frauen – und auch Männern natürlich – eine völlige Unkenntnis des Wenigen voraussetzen darf, was man über die weiteren Schicksale des befruchteten Eies zu wissen glaubt. Für meine Zwecke genügt es, wenn ich Ihnen mitteile, daß sich dieses Ei nach der Befruchtung daranmacht, sich in zwei Teile zu zerlegen, in zwei Zellen, wie die Wissenschaft diese Wesen zu benennen beliebt. Diese zwei teilen sich dann wieder in vier, in acht, in sechzehn Zellen und so fort, bis schließlich das zustande kommt, was wir gemeiniglich ›Mensch‹ nennen. Auf die Einzelheiten dieser Vorgänge brauche ich Gott sei Dank nicht einzugehen, sondern kann mich damit begnügen, auf etwas hinzuweisen, was für mich wichtig ist, so unbegreiflich es mir auch bleibt. In dem winzig kleinen Wesen, dem befruchteten Ei, steckt irgend etwas, ein Es, das imstande ist, die Teilungen in Zellenhaufen vorzunehmen, ihnen verschiedene Gestalt und Funktion zu geben, sie dazu zu veranlassen, sich zu Haut, Knochen, Augen, Ohren, Gehirn etc. zu gruppieren. Was in aller Welt wird aus diesem Es im Moment der Teilung? Offenbar teilt es sich mit, denn wir wissen, daß jede einzelne Zelle eine selbständige Existenzmöglichkeit und Teilungsmöglichkeit hat. Aber gleichzeitig bleibt etwas Gemeinsames übrig, ein Es, das die beiden Zellen aneinander bindet und ihr Schicksal in irgendeiner Weise beeinflußt und sich von ihnen beeinflussen läßt. Aus dieser Erwägung heraus habe ich mich entschließen müssen anzunehmen, daß außer dem individuellen Es des Menschen eine unberechenbar große Zahl von Es-Wesen, die den einzelnen Zellen angehören, vorhanden sind. Wollen Sie sich dabei gütigst daran erinnern, daß sowohl das Individualitäts-Es des ganzen Menschen wie jedes Es jeder Zelle ein männliches und ein weibliches Es und ferner auch noch die winzig kleinen Es-Wesen der Ahnenkette in sich bergen.

Verlieren Sie bitte die Geduld nicht! Ich kann nichts dafür, daß ich Dinge verwirren muß, die dem täglichen Denken und Sprechen einfach sind. Irgendein gütiger Gott wird uns, so hoffe ich, aus dem Gestrüpp, das uns zu umschlingen droht, herausführen.

Vorläufig ziehe ich Sie noch tiefer hinein. Es kommt mir vor, als ob es noch weitere Es-Wesen gibt. Die Zellen schließen sich im Lauf der Entwicklung zu Geweben zusammen, zu Epithelien, Bindegeweben, Nervensubstanz und so weiter, und jedes einzelne dieser Gebilde scheint wieder ein eigenes Es zu sein, das auf das Gesamt-Es, die Es-Einheiten der Zellen und die der andern Gewebe 237 einwirkt und sich von ihnen in den Lebensäußerungen bestimmen läßt. Ja nicht genug damit. Neue Es-Formen treten als Organe auf, als Milz, Leber, Herz, Nieren, Knochen, Muskeln, Hirn und Rückenmark, und weiter drängen sich uns in den Organsystemen andre Es-Gewalten auf, ja es scheinen sich gleichsam erkünstelte Es-Einheiten zu bilden, die ihr seltsames Wesen treiben, obwohl man annehmen könnte, daß sie nur Schein und Namen sind. So muß ich zum Beispiel behaupten, daß es ein Es der oberen und unteren Körperhälfte gibt, ein solches von rechts und links, eins des Halses oder der Hand, eins des Hohlraums des Menschen und eins seiner Körperoberfläche. Es sind Wesenheiten, von denen man fast annehmen möchte, daß sie durch Gedanken, Besprechungen, Handlungen entstehen, die man fast für Geschöpfe des vielgepriesenen Verstandes halten könnte. Aber glauben Sie das nur nicht! Solch eine Ansicht entspringt nur dem verzweifelten und hoffnungslosen Bemühen, irgend etwas in der Welt verstehen zu wollen. Sobald man das will, sitzt gewiß ein besonders schadenfrohes Es irgendwo im Versteck, spielt mit uns Schabernack und lacht sich halbtot über unsre Anmaßung, über das Gernegroß-Sein unsres Wesens.

Bitte, Liebe, vergessen Sie nie, daß unser Gehirn und damit unser Verstand Geschöpf des Es ist; gewiß eins, das wiederum schaffend wirkt, das aber doch erst spät in Tätigkeit tritt und dessen Schaffensfeld beschränkt ist. Längst ehe das Gehirn entsteht, denkt schon das Es des Menschen, es denkt ohne Gehirn, baut sich erst das Gehirn. Das ist etwas Fundamentales, etwas, was der Mensch nie vergessen dürfte und doch stets vergißt. In dieser Annahme, daß man mit dem Gehirn denkt, eine Annahme, die sicher falsch ist, ist die Quelle von tausend und abertausend Albernheiten, freilich auch die Quelle für wertvolle Entdeckungen und Erfindungen, für alles, was das Leben verschönt und verhäßlicht.

Sind Sie mit der Wirrnis zufrieden, in der wir uns herumtreiben? Oder soll ich Ihnen noch erzählen, daß sich fortwährend in buntem Wechsel neue Es-Wesen zeigen, gleichsam als ob sie neu entstünden? Daß es Es-Wesen der Körperfunktionen gibt, des Essens, Trinkens, Schlafens, Atmens, Gehens? Daß sich ein Es der Lungenentzündung oder der Schwangerschaft offenbart, daß sich aus dem Beruf, aus dem Alter, aus dem Aufenthaltsort, aus dem Klosett und Nachttopf, aus dem Bett, der Schule, der Konfirmation und Ehe, der Kunst und der Gewohnheit solch seltsame Dinge bilden? Verwirrung, unendliche Verwirrung. Nichts ist klar, alles ist dunkel, unentrinnbare Verschlingung.

238 Und doch, und doch! Wir meistern das alles, wir treten mitten hinein in diese brodelnde Flut und dämmen sie ein. Wir packen diese Gewalten irgendwo und reißen sie hierhin und dorthin. Denn wir sind Menschen, und unser Griff vermag etwas. Er ordnet, gliedert, schafft und vollbringt. Dem Es steht das Ich gegenüber, und wie es auch sei und was auch sonst noch zu sagen wäre, für die Menschen bleibt immer der Satz: ›Ich bin Ich‹.

Wir können nicht anders, wir müssen uns einbilden, daß wir Herren des Es sind, der vielen Es-Einheiten und des einen Gesamt-Es, ja auch Herren über Charakter und Handeln des Nebenmenschen, Herren über sein Leben, seine Gesundheit, seinen Tod. Das sind wir gewiß nicht, aber es ist eine Notwendigkeit unserer Organisation, unsres Menschseins, daß wir es glauben. Wir leben, und dadurch, daß wir leben, müssen wir glauben, daß wir unsre Kinder erziehen können, daß es Ursachen und Wirkungen gibt, daß wir aus freier Überlegung heraus zu nützen und zu schaden vermögen. In der Tat wissen wir nichts über den Zusammenhang der Dinge, können nicht für vierundzwanzig Stunden vorausbestimmen, was wir tun werden und haben nicht die Macht, irgendwas absichtlich zu tun. Aber wir werden vom Es gezwungen, seine Taten, Gedanken, Gefühle für Geschehnisse unsres Bewußtseins, unsrer Absichtlichkeit, unsres Ichs zu halten. Nur weil wir in ewigem Irrtum befangen sind, blind sind und nicht das geringste wissen, können wir Ärzte sein und Kranke behandeln.

Ich weiß nicht bestimmt, warum ich Ihnen das alles schreibe. Vermutlich um mich zu entschuldigen, daß ich trotz meines festen Glaubens an die Allmacht des Es doch Arzt bin, daß ich trotz der Überzeugung von der außerhalb meines Bewußtseins liegenden Notwendigkeit all meiner Gedanken und Taten doch immer wieder Kranke behandle und vor mir selber und vor andern so tue, als ob ich für Erfolg und Mißerfolg meiner Behandlung verantwortlich sei. Des Menschen wesentliche Eigenschaft ist Eitelkeit und Selbstüberschätzung. Ich kann mir diese Eigenschaft nicht nehmen, muß an mich und mein Tun glauben.

Im Grunde wird alles, was im Menschen vorgeht, vom Es getan. Und das ist gut so. Und es ist auch gut, einmal wenigstens im Leben stillzustehen und sich, so gut es geht, mit der Überlegung zu beschäftigen, wie ganz außerhalb unsres Wissens und Vermögens die Dinge vor sich gehen. Für uns Ärzte ist das besonders notwendig. Nicht um uns Bescheidenheit zu lehren. Was sollen wir mit solch unmenschlicher, außermenschlicher Tugend? Sie ist doch nur pharisäisch. Nein, sondern weil wir sonst Gefahr laufen, 239 einseitig zu werden, uns selbst und unsern Kranken vorzulügen, daß gerade diese oder jene Behandlungsart die allein richtige sei. Es klingt absurd, aber es ist doch wahr, daß jede Behandlung des Kranken die richtige ist, daß er stets und unter allen Umständen richtig behandelt wird, ob er nun nach Art der Wissenschaft oder nach Art des heilkundigen Schäfers behandelt wird. Der Erfolg wird nicht von dem bestimmt, was wir unsern Kenntnissen gemäß verordnen, sondern von dem, was das Es unsres Kranken mit unsren Verordnungen macht. Wäre das nicht so, so müßte ein jeder Knochenbruch, der regelrecht eingerenkt und verbunden ist, heilen. Dem ist aber nicht so. Wäre wirklich ein so großer Unterschied zwischen dem Tun eines Chirurgen und dem eines Internisten oder Nervenarztes oder eines Pfuschers, so hätte man recht, sich seiner gelungenen Kuren zu rühmen und sich der Mißerfolge zu schämen. Aber dazu hat man kein Recht. Man tut es, aber man hat kein Recht dazu.

Dieser Brief ist, wie mir scheint, aus einer merkwürdigen Stimmung heraus geschrieben. Und wenn ich so weiter fortfahre, mache ich Sie aller Wahrscheinlichkeit nach traurig oder bringe Sie zum Lachen. Und weder das eine noch das andre liegt in meiner Absicht. Ich will Ihnen lieber erzählen, wie ich zur Psychoanalyse gekommen bin. Sie werden dann eher verstehen, was ich mit meinem Drumrumreden meine, werden einsehen, was für seltsame Gedanken ich über meinen Beruf und seine Ausübung habe.

Ich muß Sie zunächst mit dem Seelenzustand bekanntmachen, in dem ich mich damals befand und der sich in die Worte zusammenfassen läßt, daß ich abgewirtschaftet hatte. Ich kam mir alt vor, hatte keine Lust mehr am Weibe oder am Manne, meiner Liebhabereien war ich überdrüssig geworden, und vor allem, meine ärztliche Tätigkeit war mir verleidet. Ich betrieb sie nur noch zum Gelderwerb. Ich war krank, daran zweifelte ich selber nicht, wußte nur nicht, was mit mir los war. Erst einige Jahre später hat mir einer meiner medizinischen Kritiker gesagt, woran ich litt: Ich war hysterisch, eine Diagnose, von deren Richtigkeit ich um so mehr überzeugt bin, als sie ohne persönliche Bekanntschaft lediglich nach dem Eindruck meiner Schriften gestellt worden ist; die Symptome müssen also sehr deutlich gewesen sein. In dieser Zeit übernahm ich die Behandlung einer schwerkranken Dame; die hat mich gezwungen, Analytiker zu werden.

Sie erlassen mir es wohl, auf die lange Leidensgeschichte dieser Frau einzugehen; ich tue das nicht gern, weil es mir leider nicht 240 gelungen ist, sie vollständig wiederherzustellen, wenn sie auch im Lauf der vierzehn Jahre, die ich sie kenne und verarzte, gesünder geworden ist, als sie es selbst je erwartet hat. Um Ihnen aber die Sicherheit zu geben, daß es sich bei ihr wirklich um eine solide ›organische‹, also wirkliche Erkrankung, nicht bloß um eine ›eingebildete‹, eine Hysterie wie bei mir handelte, berufe ich mich auf die Tatsache, daß sie in den letzten Jahren vor unserer Bekanntschaft zwei schwere Operationen durchgemacht hatte und mir mit einem reichlichen Vorrat von Digitalis, Skopolamin und anderem Dreck als Todeskandidatin von ihrem letzten wissenschaftlichen Berater übergeben wurde.

Anfangs war unser Verkehr nicht leicht. Daß sie meine etwas gewalttätige Untersuchung mit reichlichen Gebärmutter- und Darmblutungen beantwortete, überraschte mich nicht: Dergleichen hatte ich bei anderen Kranken des öfteren erlebt. Was mir aber auffiel, war, daß sie trotz ihrer ansehnlichen Intelligenz über einen lächerlich armseligen Wortschatz verfügte. Für die meisten Gegenstände des Gebrauches benutzte sie Umschreibungen, so daß sie etwa statt ›Schrank‹ ›das Ding für die Kleider‹ sagte, oder statt ›Ofenrohr‹ ›die Einrichtung für den Rauch‹. Gleichzeitig vermochte sie nicht, bestimmte Bewegungen zu ertragen, etwa das Zupfen an der Lippe oder das Spielen mit irgendeiner Stuhlquaste. Verschiedene Gegenstände, die uns zum täglichen Leben notwendig vorkommen, waren aus dem Krankenzimmer verbannt.

Wenn ich jetzt auf das Krankheitsbild, wie es sich damals darbot, zurückblicke, wird es mir schwer, zu glauben, daß ich einmal eine Zeit gehabt habe, wo ich nichts von allen diesen Dingen verstand. Und doch war es so. Ich sah wohl, daß es sich bei meiner Kranken um eine enge Verquickung sogenannter körperlicher und psychischer Erscheinungen handelte, aber wie die zustande gekommen war und wie man der Kranken helfen sollte, wußte ich nicht. Nur das eine war mir von vornherein klar, daß irgendeine geheimnisvolle Beziehung zwischen mir und der Patientin war, die sie veranlaßte, Vertrauen zu mir zu fassen. Damals kannte ich den Begriff der Übertragung noch nicht, freute mich nur der scheinbaren Suggestibilität des Behandlungsobjektes und arztete darauf los, wie ich es gewohnt war. Einen großen Erfolg errang ich schon bei dem ersten Besuch. Bisher hatte sich die Kranke stets geweigert, mit einem Arzt allein zu verhandeln; sie verlangte, daß die ältere Schwester dabei sei, und infolgedessen ging jeder Verständigungsversuch immer durch die Vermittlung der Schwester vor sich. 241 Seltsamerweise ging sie sofort auf meinen Vorschlag, mich das nächste Mal allein zu empfangen, ein: Erst spät ist mir klargeworden, daß das an der Art der Übertragung lag. Fräulein G. sah in mir die Mutter.

Hier muß ich eine Bemerkung über das Es des Arztes einschieben. Es war damals meine Gewohnheit, die wenigen Anordnungen, die ich gab, mit absoluter Strenge und – ich muß den Ausdruck gebrauchen – Unerschrockenheit durchzusetzen. Ich gebrauchte die Redewendung: »Sie müssen eher sterben, als irgendeine Verordnung übertreten«, und ich machte damit Ernst. Ich habe Magenkranke, die nach bestimmten Speisen Schmerzen oder Erbrechen bekamen, so lange ausschließlich gerade mit diesen Speisen genährt, bis sie es gelernt hatten, sie zu vertragen, ich habe andere, die wegen irgendeiner Gelenks- oder Venenentzündung unbeweglich zu Bett lagen, gezwungen, aufzustehen und zu gehen, ich habe Apoplektiker damit behandelt, daß ich sie sich täglich bücken ließ, und habe Menschen, von denen ich wußte, daß sie in wenigen Stunden sterben würden, angekleidet und bin mit ihnen spazierengegangen, habe es erlebt, daß einer von ihnen vor der Haustür tot zusammenbrach. Diese Art, als kraftvoller, gütiger Vater autoritative, unfehlbare, väterliche Suggestion zu treiben, kannte ich von meinem Vater her, hatte sie bei dem größten Meister des ›Arzt-Vater-Seins‹, Schweninger, gelernt und besaß wohl auch ein Stück davon von Geburt her. In dem Fall des Fräulein G. verlief alles anders, von vornherein anders. Ihre Einstellung mir gegenüber als Kind – und zwar, wie sich später herausstellte, als dreijähriges Kind – zwang mir die Rolle der Mutter auf. Bestimmte schlummernde Mutterkräfte meines Es wurden von dieser Kranken geweckt und gaben meinem Verfahren ihre Richtung. Später, als ich mein eigenes ärztliches Handeln aufmerksamer prüfte, fand ich, daß derlei rätselhafte Einflüsse mich schon oft in andere Einstellungen zu meinen Kranken als die väterliche gedrängt hatten, obwohl ich bewußt und theoretisch fest davon überzeugt war, der Arzt müsse Freund und Vater sein, müsse herrschen.

Da stand ich nun auf einmal vor der seltsamen Tatsache, daß nicht ich den Kranken, sondern daß der Kranke mich behandelt; oder um es in meine Sprache zu übersetzen, das Es des Nebenmenschen sucht mein Es so umzugestalten, gestaltet es auch wirklich so um, daß es für seine Zwecke brauchbar wird.

Schon diese Einsicht zu gewinnen, war schwer; denn Sie begreifen, daß damit mein Verhältnis zum Kranken gänzlich umgekehrt wurde. Es kam nun nicht mehr darauf an, ihm Vorschriften zu 242 geben, ihm das zu verordnen, was ich für richtig hielt, sondern so zu werden, wie der Kranke mich brauchte. Aber von der Einsicht bis zur Ausführung der sich daraus ergebenden Folgerungen ist ein weiter Weg. Sie haben diesen Weg ja selbst beobachtet, selbst gesehen, wie ich aus einem aktiv eingreifenden Arzt ein passives Werkzeug geworden bin, haben mich oft deswegen getadelt und tadeln mich noch, bestürmen mich immer wieder und wieder, hier zu raten, dort einzugreifen und anderswo befehlend und führend zu helfen. Wenn Sie es doch lassen wollten! Ich bin für die Helfertätigkeit unrettbar verloren, vermeide es, einen Rat zu geben, gebe mir Mühe, jeden Widerstand meines Unbewußten gegen das Es der Kranken und seine Wünsche so rasch wie möglich aufzulösen, fühle mich glücklich dabei, sehe Erfolge und bin selbst gesund geworden. Wenn ich etwas bedaure, so ist es, daß der Weg, den ich gehe, allzu breit und gemächlich ist, so daß ich aus purer Neugier und füllenartigem Übermut davon abbiege, mich in Klüften und Sümpfen verliere und so mir selbst und meinen Schutzbefohlenen Mühe und Schaden bringe. Mir kommt es vor, als ob das Schwerste im Leben sei, sich gehenzulassen, den Es-Stimmen des Selbst und des Nebenmenschen zu lauschen und ihnen zu folgen. Aber es lohnt sich. Man wird allmählich wieder Kind und Sie wissen: »So Ihr nicht werdet wie die Kinder, so könnt Ihr nicht in das Himmelreich kommen.« Man sollte das Gernegroß-Sein mit fünfundzwanzig Jahren aufgeben; bis dahin braucht man es ja wohl, um zu wachsen, aber nachher ist es doch nur für die seltenen Fälle der Erektion nötig. Sich erschlaffen lassen und die Erschlaffung, das Schlaffsein, das Schlappschwanz-Sein weder sich noch andren zu verbergen, darauf käme es an. Aber wir sind wie jene Landsknechte mit dem Holzphallus, von denen ich Ihnen erzählte.

Genug für heute. Es drängte mich längst, einmal ein Urteil von Ihnen zu hören, wie weit ich im Kindwerden, in der Ent-Ichung gekommen bin. Ich selbst habe das Gefühl, daß ich noch in den Anfängen dieses meist Altern genannten Prozesses bin, der mir wie ein Kindwerden vorkommt. Aber ich kann mich irren; das Zornwort einer Kranken, die mich nach zwei Jahren der Trennung wiedersah: »Sie haben seelisches Embonpoint angesetzt«, hat mich etwas zuversichtlicher gemacht. Bitte geben Sie Auskunft Ihrem getreuen

Patrik Troll 243

 

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