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Das Buch vom Es

Georg Groddeck: Das Buch vom Es - Kapitel 3
Quellenangabe
typetractate
booktitleDas Buch vom Es
authorGeorg Groddeck
year1983
firstpub1923
publisherFischer Taschenbuch Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-596-26367-0
titleDas Buch vom Es
pages275
created20100528
sendergerd.bouillon@t-online.de
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3. Brief

Also ich bin nicht klar gewesen, es geht in meinem Brief alles durcheinander, Sie wollen die Dinge hübsch geordnet haben, vor allem belehrende, wissenschaftliche, feststehende Tatsachen hören und nicht meine abstrusen Ideen, die teilweise, wie zum Beispiel die Geschichte von den dicken Leuten, die schwanger sein sollen, schon beinahe verrückt sind.

Ja, liebste Freundin, wenn Sie belehrt sein wollen, würde ich Ihnen raten, eins von den Lehrbüchern in die Hand zu nehmen, wie sie an Universitäten üblich sind. Für meine Briefe gebe ich Ihnen hiermit den Schlüssel: Was vernünftig oder nur ein wenig seltsam klingt, stammt von Professor Freud in Wien und dessen Mitarbeitern; was ganz verrückt ist, beanspruche ich als mein geistiges Eigentum.

Meine Behauptung, die Mütter wüßten nicht mit ihren Kindern Bescheid, finden Sie gesucht. Gewiß könne sich auch das Mutterherz irren, irre sich wahrscheinlich öfter, als die Mutter selbst es ahne, irre sich sogar zuweilen in den wichtigsten Lebensfragen, aber wenn es überhaupt ein sicheres Gefühl gäbe, so sei es die Mutterliebe, dieses tiefste aller Geheimnisse.

Wollen wir uns ein wenig von der Mutterliebe unterhalten? Ich gebe nicht vor, dieses Geheimnis, das auch ich für tief halte, lösen zu können; doch es läßt sich allerlei darüber sagen, was gewöhnlich nicht gesagt wird. Man beruft sich meist auf die Stimme der Natur, aber diese Stimme spricht oft eine seltsame Sprache. Man braucht nicht erst auf das Phänomen der Abtreibungen einzugehen, die von jeher gang und gäbe gewesen sind und die aus der Welt zu schaffen nur irgendwie gewissensgepeinigte Gehirne sich ausdenken; es genügt schon, eine Mutter vierundzwanzig Stunden lang im Verkehr mit ihrem Kinde zu beobachten, man 36 bekommt dann ein gut Teil Gleichgültigkeit, Überdruß, Haß zu sehen. Es lebt eben außer der Liebe zum Kinde in jeder Mutter auch die Abneigung gegen das Kind. Der Mensch steht unter einem Gesetz, das lautet: Wo Liebe ist, da ist auch Haß, wo Achtung ist, da ist Verachtung, wo Bewunderung ist, da ist Neid. Dieses Gesetz gilt unverbrüchlich, und auch die Mütter machen keine Ausnahme davon.

Wußten Sie um dieses Gesetz? Daß es auch für die Mütter gilt? Wenn Sie die Mutterliebe kennen, kennen Sie auch den Mutterhaß?

Ich wiederhole meine Frage: Woher kommt es, daß die Mutter so wenig von ihrem Kinde weiß? Bewußt weiß? Denn das Unbewußte kennt dieses Gefühl des Hasses, und wer das Unbewußte zu deuten versteht, wird an der Allgewalt der Liebe irre; er sieht, daß der Haß ebenso groß ist wie die Liebe und daß zwischen beiden die Gleichgültigkeit als Norm steht. Und voller Erstaunen, dem nie endenden Gefühle dessen, der sich in das Leben des Es vertieft, geht er den Spuren nach, die hie und da von den begangenen Wegen abführen, um im rätselhaften Dunkel des Unbewußten zu verschwinden. Vielleicht leiten diese leicht und oft übersehenen Spuren zu der Antwort hin, warum die Mutter nichts von dem Haß gegen das Kind weiß oder nichts wissen will, vielleicht sogar, warum wir alle unsere ersten Lebensjahre vergessen.

Zunächst, liebe Freundin, muß ich Ihnen erst sagen, worin sich diese Abneigung, dieser Mutterhaß zeigt. Denn so ohne weiteres, bloß aus Freundschaft, werden Sie es nicht glauben.

Wenn im Roman, der nach den Regeln des lesenden Publikums gebaut ist, das Liebespaar nach vielen Fährlichkeiten endlich vereint ist, kommt eine Wendung, daß sie errötend ihren Kopf an seiner breiten Brust birgt und ihm ein holdes Geheimnis anvertraut. Das ist sehr hübsch; aber im Leben meldet sich die Schwangerschaft, abgesehen von dem Ausbleiben der Periode, auf eine recht eklige Weise, durch Übelkeit und Erbrechen; nicht immer, um diesen Einwand gleich zu erledigen, und ich will hoffen, daß die Dichter und Dichterinnen in ihren Ehen dieses Erbrechen der Schwangeren ebensowenig erleben wie in ihren Romanen. Aber Sie werden mir zugeben, es ist recht häufig. Und die Übelkeit entsteht aus dem Widerwillen des Es gegen irgend etwas, was im Innern des Organismus ist, Übelkeit drückt den Wunsch aus, dieses Widerwärtige zu entfernen, und Erbrechen ist der Versuch, es fortzuschaffen. In diesem Falle also der Wunsch und Versuch der Abtreibung. Was sagen Sie dazu?

37 Ich kann Ihnen vielleicht später einmal meine Erfahrungen über das Erbrechen, wie es außerhalb der normalen Schwangerschaft vorkommt, mitteilen, es bestehen da wieder beachtenswerte symbolische Zusammenhänge, kuriose Assoziationen des Es. Hier möchte ich Sie aber darauf hinweisen, daß sich bei diesen Übelkeiten wieder der Gedanke meldet, der Keim zum Kinde werde in den Mund der Frau eingeführt, und darauf deutet auch das andere Schwangerschaftszeichen, das von dem Widerwillen der Frau gegen das Kind geschaffen wird, der Zahnschmerz.

Mit der Erkrankung des Zahns sagt das Es mit der leisen, aber aufdringlichen Stimme des Unbewußten: »Kaue nicht; nimm dich in acht, spuck aus, was du gern essen möchtest!« Nun ist allerdings beim Zahnschmerz der Schwangeren die Vergiftung durch den Samen des Mannes schon Tatsache, aber vielleicht hofft das Unbewußte, mit dem bißchen Gift noch fertig zu werden, wenn nur kein neues dazukommt. Tatsächlich sucht es auch schon das lebendige Gift der Schwängerung zu töten, eben durch den Zahnschmerz. Denn – hier kommt wieder einmal der völlige Mangel an Logik zum Vorschein, durch den das Es sich als tief unter dem denkenden Verstände stehend erweist – das Unbewußte verwechselt Zahn und Kind. Für das Unbewußte ist der Zahn ein Kind. Ja, wenn ich es mir recht überlege, kann ich diese Idee des Unbewußten nicht einmal dumm finden; sie ist nicht alberner als der Gedanke Newtons, der im fallenden Apfel das Weltall sah. Und für mich ist es noch sehr fraglich, ob nicht die Assoziation des Es Zahn–Kind viel wichtiger und wissenschaftlich fruchtbarer war und ist als Newtons astronomische Folgerungen. Der Zahn ist das Kind des Mundes, der Mund ist die Gebärmutter, in der er wächst, genauso wie der Fötus im Mutterleibe wächst. Sie wissen ja, wie stark diese Symbolik im Menschen wurzelt, sonst könnte er nicht auf den Ausdruck Gebärmuttermund, Schamlippen gekommen sein.

Der Zahnschmerz ist also der unbewußte Wunsch, daß der Keim des Kindes erkranken, sterben soll. Woher ich das weiß? Nun, unter anderem – es gibt viele Wege zu solchem Wissen – daher, daß Erbrechen und Zahnschmerz verschwinden, wenn man der Mutter den unbewußten Wunsch nach dem Tode des Kindes zum Bewußtsein bringt. Sie sieht dann ein, wie wenig diese Mittel dem Zweck dienen, gibt sogar oft genug den von Gesetz und Sitte getadelten Zweck auf, wenn sie ihn in seiner krassen Nacktheit vor sich sieht.

Auch die seltsamen Gelüste und Abneigungen der Frauen in guter 38 Hoffnung stammen teilweise von dem Haß gegen das Kind. Jene führen auf die Idee des Unbewußten zurück, mit bestimmten Speisen den Kindeskeim zu vernichten; diese haben ihren Grund darin, daß sie durch irgendwelche Assoziation an das Faktum der Schwangerschaft oder der Schwängerung erinnern. Denn so stark ist zuzeiten die Abneigung – bei jeder Frau, was ihrer Liebe zu dem kommenden Kind keinen Abbruch tut –, so stark ist sie, daß selbst der bloße Gedanke daran erdrückt werden soll.

So geht es ins Unendliche weiter. Wollen Sie mehr hören? Ich sprach vorhin von der Abtreibung, einem Verfahren, das der sittliche Mensch mit aller nur möglichen Verachtung verwirft – öffentlich. Aber das Vermeiden der Schwängerung ist doch, wissenschaftlich betrachtet und im Resultat, dasselbe. Und darüber brauche ich Sie wohl nicht aufzuklären, wie gebräuchlich das ist. Auch über die Weise, wie man das macht, ist Belehrung nicht nötig. Höchstens lohnt es sich, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß das Ledigbleiben auch eine Art ist, das verhaßte Kind zu vermeiden, was sich recht häufig als Grund der Ehelosigkeit und Tugend nachweisen läßt. Und wenn denn doch einmal die Ehe geschlossen ist, so kann man immer noch versuchen, den Mann von sich abzuschrecken. Es genügt dazu, immer wieder in Wort und Tat – oder vielmehr Untätigkeit – zu betonen, welch Opfer das Weib dem Manne bringt. Es gibt genug Männer, die diese Dummheit glauben und voll scheuer Ehrfurcht diese höheren Wesen anstaunen, die entsagend den Schmutz des Unterleibs dulden um der lieben Kinder und des lieben Mannes willen. Gottes Gedanken sind für den edlen Menschen darin nicht verständlich; aber er will, daß das Kind im Sumpf der Schweinerei gezüchtet wird, und also muß man sich fügen. Aber zeigen darf man dem Manne, wie man das alles verachtet, zeigen muß man es ihm, sonst kommt er gar dahinter, daß es manchen Ersatz für seine Liebesbezeugungen gibt, Ersatz, auf den man nicht gern verzichtet. Und hat man den Mann erst so weit, daß er den armseligen Genuß aufgibt, in der Scheide seines angetrauten Weibes Onanie zu treiben, so kann man ihm tausendfach die Schuld für jede schlechte Stimmung und für die freudlose Kindheit der Sprößlinge, für das Unglück der Ehe zuschreiben.

Und dann weiter, wozu gibt es Krankheiten? Besonders Unterleibsleiden? Sie sind in vielen Richtungen angenehm. Da ist zunächst die Möglichkeit, das Kind zu vermeiden. Da ist weiter die Genugtuung, vom Arzt zu hören, daß man durch den Mann, durch dessen liederliches Vorleben krank geworden ist; denn man kann 39 nie genug Waffen in der Ehe haben. Da ist vor allem – wenn ich zu intim werde, bitte ich, es offen zu sagen –, da ist vor allem die Möglichkeit, einem fremden Manne sich zu zeigen. Man erlebt die schönsten Sensationen auf dem Untersuchungsstuhl, Sensationen, die so mächtig sind, daß sie das Es verführen, Krankheiten in mannigfacher Form hervorzubringen.

Mir lief kürzlich ein Weiblein über den Weg, das ehrlicher Laune war. »Vor Jahren«, erzählte sie mir, »sagten Sie einmal, man gehe zum Frauenarzt, weil man gern einmal eine andere Hand als die des Geliebten spüren möchte, ja, man werde zu diesem Zweck wirklich krank. Ich bin seitdem nie wieder untersucht worden und nie wieder krank gewesen.« So etwas zu hören ist hübsch und lehrreich. Und weil es lehrreich ist, teile ich es Ihnen mit. Denn das Merkwürdige dabei ist, daß ich jener Frau die zynische Wahrheit nicht mit der Absicht sagte, ihr ärztlich zu helfen, sondern um sie zum Lachen zu bringen oder sie zu ärgern. Das Es des Weibleins aber machte ein Heilmittel daraus, tat damit eine Arbeit, die weder ich noch sechs andere Ärzte fertiggebracht hätten. Was soll man solchen Tatsachen gegenüber vom Helfenwollen des Arztes sagen? Man schweige beschämt und denke: Alle Dinge gehen zum Besten.

Alles Wesentliche geht auch bei der Gynäkologie außerhalb des Bewußtseins vor sich; mit dem Verstande läßt sich der Arzt aussuchen, vor dem man liegen will, läßt sich das Wäschestück daraufhin prüfen, ob es hübsch genug ist, läßt sich Bidet und Seife brauchen, aber schon bei der Art, wie man sich hinlegt, versagt die Absicht, und das Unbewußte regiert; und nun gar erst bei der Wahl der Erkrankung, bei dem Wunsch, krank zu werden. Das ist lediglich Sache des Es. Denn das unbewußte Es, nicht der bewußte Verstand schafft die Krankheiten. Sie kommen nicht von außen als Feinde, sondern sind zweckmäßige Schöpfungen unseres Mikrokosmos, unseres Es, genauso zweckmäßig wie der Aufbau der Nase und des Auges, die ja auch vom Es geschaffen werden. Oder finden Sie es unmöglich, daß ein Wesen, das aus Samenfaden und Ei einen Menschen mit Menschengehirn und Menschenherz macht, einen Krebs oder eine Lungenentzündung oder eine Gebärmuttersenkung hervorrufen kann?

Das nur nebenbei zur Erklärung, daß ich nicht etwa annehme, die Frau erfinde sich ihr Unterleibsleiden aus Bosheit oder Gier. Das ist nicht meine Meinung. Sondern das Es, das Unbewußte zwingt ihr diese Erkrankung auf, gegen ihren bewußten Willen, weil das Es gierig ist, boshaft ist und sein Recht verlangt. Erinnern Sie mich 40 doch gelegentlich daran, daß ich Ihnen etwas darüber sage, wie sich das Es sein Recht auf Genuß verschafft, im Guten wie im Bösen.

Nein, meine Meinung von der Macht des Unbewußten und der Ohnmacht des bewußten Willens ist so groß, daß ich sogar die simulierten Erkrankungen für Äußerungen des Unbewußten halte, daß mir das bewußte Sich-krank-Stellen eine Maske ist, hinter der sich weite und unübersichtliche Gebiete der dunklen Lebensgeheimnisse verbergen. In diesem Sinne ist es für den Arzt gleichgültig, ob er belogen wird oder die Wahrheit hört, wenn er nur ruhig und sachlich die Aussage des Kranken, seiner Zunge sowohl, wie seiner Gebärde, wie seiner Symptome prüft und daran herumarbeitet, schlecht und recht, wie er es vermag.

Aber ich vergesse, daß ich Ihnen von dem Haß der Mutter gegen das Kind erzählen wollte. Und da muß ich noch ein seltsames Verfahren des Unbewußten erwähnen. Denken Sie, es kann sein – und es ist oft so –, daß eine Frau sich mit allen Neigungen ihres Herzens ein Kind wünscht und doch unfruchtbar bleibt, nicht weil der Mann oder sie selbst steril ist, sondern weil eine Strömung im Es ist, die hartnäckig dabei bleibt: Es ist besser, wenn du kein Kind kriegst. Und diese Strömung wird jedesmal, wenn die Möglichkeit der Schwängerung gegeben ist, wenn der Same in der Scheide ist, so mächtig, daß sie die Befruchtung verhindert. Sie verschließt etwa den Muttermund, oder sie läßt ein Gift entstehen, das die Samentierchen umbringt, oder sie tötet das Ei, oder wie Sie sich das nun denken mögen. Das Resultat ist jedenfalls, daß keine Schwangerschaft zustande kommt, lediglich weil das Es es nicht will. Man könnte fast sagen, weil die Gebärmutter es nicht will, so unabhängig sind diese Vorgänge vom hehren Gedanken des Menschen. Auch darüber muß ich gelegentlich ein Wort sagen. Genug, die Frau bekommt kein Kind, bis – ja, bis das Es durch irgendein Ereignis, vielleicht durch eine Behandlung davon überzeugt wird, daß seine Abneigung gegen die Schwangerschaft irgendein Rest von kindischen Gedanken aus dem frühesten Lebensalter ist. Sie glauben gar nicht, liebste Freundin, was für seltsame Ideen bei der Erforschung solcher Verweigerungen der Mutterschaft zum Vorschein kommen. Ich kenne eine Frau, der spukt es im Kopf herum, daß sie ein doppelköpfiges Kind bekommen werde; durch eine Mischung früher Jahrmarktserinnerungen und heißer, das Gewissen belastender Gedanken an zwei Männer gleichzeitig.

Ich nannte die Ideen unbewußt; aber das trifft nicht ganz zu; denn diese Frauen, die das Kind ersehnen und alles tun, um zu dem Glück der Mutter zu gelangen, die nicht wissen, und wenn man es 41 ihnen sagt, durchaus nicht glauben wollen, daß sie selbst das Kind verweigern, diese Frauen haben ein schlechtes Gewissen; nicht etwa weil sie unfruchtbar sind und deshalb sich verachtet vorkommen; heutigentages wird keine Frau mehr verachtet, weil sie unfruchtbar ist. Das schlechte Gewissen verschwindet nicht mit der Schwangerschaft. Es verschwindet nur, wenn es gelingt, die verdreckten Herde tief im Innern der Seele aufzufinden und zu reinigen, die Giftherde, von denen aus das Unbewußte verdorben wird.

Was für ein mühseliges Geschäft ist es, über das Es zu reden. Man schlägt irgendeine Saite an, und statt eines einzigen Tons erklingen viele, tönen durcheinander und verstummen wieder oder lassen neue aufwachen, immer neue, bis ein wüstes Brausen und Heulen entsteht, in dem das Gestammel des Sprechens untergeht. Glauben Sie mir, über das Unbewußte läßt sich nicht sprechen, nur stammeln oder besser nur leise dieses oder jenes andeuten, damit die Höllenbrut der unbewußten Welt nicht aus den Tiefen mit wüsten Mißklängen hervorbricht.

Muß ich es noch sagen, daß, was vom Weibe gilt, auch vom Manne gegen die Schwangerschaft vorgebracht wird, daß er Junggeselle, Mönch, Keuschheitsschwärmer aus diesem Grunde bleiben kann, oder daß er sich irgendwo ansteckt, mit Syphilis, mit Tripper und Hodenentzündung, um keine Kinder zu zeugen? Daß er seinen Samen unfähig macht, sein Glied nicht zur Erektion kommen läßt, und was dergleichen Dinge mehr sind. Glauben Sie nur ja nicht, daß ich den Frauen alles aufbürden will. Wenn es so aussieht, ist es nur, weil ich selbst Mann bin und deshalb dem Weibe Schuld aufzubürden suche, die mich selber drückt; denn auch das ist eine Eigentümlichkeit des Es, daß jede Schuld, die denkbar ist, einen jeden drückt, daß er vom Mörder, Dieb, Heuchler und Verräter sagen muß: »Das bist du selber.«

Im Moment spreche ich ja noch vom Haß des Weibes gegen das Kind, und ich muß eilen, um den Brief nicht allzusehr zu belasten. Bisher sprach ich von der Verhütung der Empfängnis. Aber nun beachten Sie folgendes: Eine Frau, die sich ein Kind wünscht, erhält während einer Badereise den Besuch ihres Mannes. Sie verkehren miteinander, und in froher Hoffnung und dumpfer Angst harrt sie der nächsten Menstruation. Sie bleibt aus, und am zweiten Tage dieses Fortbleibens stolpert die Frau über eine Treppenstufe, fällt, und der jauchzende Gedanke durchzuckt sie: »Jetzt bin ich das Kind wieder los.« Diese Frau hat ihr Kind behalten, denn der Wunsch des Es war stärker als die Abneigung. Aber wie 42 tausendfach tötet ein solches Fallen den kaum befruchteten Keim. Lassen Sie sich nur von Ihren Bekannten erzählen, in wenigen Tagen haben Sie eine ganze Sammlung ähnlicher Vorkommnisse, und wenn Sie, was freilich zwischen Menschen selten ist und erst erworben werden muß, das Vertrauen dieser Freundinnen haben, werden Sie hören: »Es war mir lieb, daß es so kam.« Und wenn Sie tiefer darauf eingehen, werden Sie erfahren, daß unabweisbare Gründe gegen die Schwangerschaft vorlagen, und daß das Fallen beabsichtigt war, nicht vom Bewußtsein, versteht sich, sondern vom Unbewußten. Und so ist es mit dem Heben, mit dem Gestoßenwerden, so ist es mit allem. Sie mögen es mir glauben oder nicht, es ist noch nie eine Fehlgeburt zustande gekommen, die nicht absichtlich aus gut erkennbaren Gründen vom Es herbeigeführt worden wäre. Noch nie. Das Es treibt in seinem Haß, wenn der die Übermacht gewinnt, das Weib dazu, zu tanzen oder zu reiten oder zu reisen oder zu Menschen zu gehen, die freundliche Nadeln oder Sonden oder Gifte gebrauchen, oder zu fallen oder sich stoßen und sich mißhandeln zu lassen, oder zu erkranken. Ja, es kommen komische Sachen dabei vor, bei denen das Unbewußte selber nicht weiß, was es tut. So pflegt die edle Frau, die das höhere Leben oberhalb des Unterleibs führt, heiße Fußbäder zu brauchen, um schuldlos zu abortieren. Aber das heiße Bad ist für den Keim nur angenehm, fördert sein Wachstum. Sie sehen, ab und zu lacht das Es über sich selbst.

Ich kann zum Schluß nur schwer überbieten, was ich an verruchten und verrückten Ansichten heute geschrieben habe. Aber ich will es doch versuchen. Hören Sie: Ich bin der Überzeugung, daß das Kind aus Haß geboren wird. Die Mutter hat es satt, dick zu sein und eine Last von vielen Pfunden zu tragen, und deshalb wirft sie das Kind hinaus, recht unsanft übrigens. Tritt dieser Überdruß nicht ein, so bleibt das Kind im Leibe und versteinert; das kommt vor.

Um gerecht zu sein, muß ich hinzufügen, daß auch das Kind nicht mehr im dunkeln Gefängnis sitzen will und seinerseits zur Entbindung mithilft. Aber das gehört in anderen Zusammenhang. Hier genügt die Feststellung, daß ein übereinstimmender Wunsch von Mutter und Kind zur Trennung da sein muß, damit es zur Geburt kommt.

Genug für heute.

Ich bin allzeit Ihr

Patrik Troll 43

 

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