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Das Buch vom Es

Georg Groddeck: Das Buch vom Es - Kapitel 29
Quellenangabe
typetractate
booktitleDas Buch vom Es
authorGeorg Groddeck
year1983
firstpub1923
publisherFischer Taschenbuch Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-596-26367-0
titleDas Buch vom Es
pages275
created20100528
sendergerd.bouillon@t-online.de
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29. Brief

Sie antworten nicht, liebe Freundin, und ich tappe im dunkeln, ob Sie böse sind oder, wie es so schön heißt, keine Zeit haben. Ich werde auf gut Glück fortfahren, Ihnen von den Tieren zu erzählen, wenn ich auch noch nicht weiß, ob Sie die Veröffentlichung der Briefe mit Fehlern billigen.

Ich berichtete Ihnen von Ihren Empfindungen beim Anblick einer Maus, habe aber nur die Hälfte davon gesagt. Wenn die Maus nur das Unter-die-Röcke-Fahren bedeutete, wäre die Angst nicht so über Maßen groß, wie sie wirklich ist. Die Maus ist als naschendes Tier das Symbolwesen der Onanie und folgerichtig auch das der Kastration. Mit andern Worten, das Mädchen hat die vage Idee: »Dort läuft auf vier Beinen mein Schwänzchen umher; zur Strafe ward es mir weggenommen, zur Strafe mit eigenem Leben beseelt.«

Da haben Sie ein Stück Gespensterglauben, Aberglauben. Wenn man der Entstehung von Spukgeschichten nachgeht, stößt man sehr bald auf das erotische Problem und die Schuld.

227 Diese eigentümliche Symbolisierung der Maus als frei herumhuschendes Glied bringt mich auf ein der Maus verwandtes Tier, die Ratte, die neben Wolf und Kater als Kastratorsymbol auftritt. Merkwürdigerweise ist diese Symbolform die fürchterlichste und abstoßendste von den dreien. An und für sich ist die Ratte weniger gefährlich als der Wolf und auch als der Kater. Aber sie vereinigt in sich beide Kastrationsrichtungen, die gegen das Kind und die gegen den Vater. Weil sie in allem, was vorragt, herumknabbert, ist sie dem Kind für Nase und Schwänzchen gefährlich, nach Form und Wesen aber ist sie der personifizierte, abgeschnittene Schwanz des Vaters, das Gespenst des frevelhaften Wunsches gegen die Mannheit des Vaters. Und weil sie sich in alles einmischt und in jedes Dunkel eindringt, ist sie gleichzeitig die symbolische Schuld und die zudringliche Neugier der Eltern. Sie lebt im Keller, der Gosse, im Weibe. Verhaßt, verhaßt.

Im Dunkel des Kellers lebt auch die Kröte, feucht anzufühlen und quabblig. Und der Volksglaube hält sie für giftig. Kleine Kröte, nette Kröte, das ist etwas, was nicht fürs Tageslicht taugt, das kleine Tierchen des älteren Backfisches, das noch nicht die stetige Wärme der Liebe hat, nur von versteckter Begierde feucht ist. Ihr reiht sich im Gegensinn des Symbols das naschende Mäuschen an, mit seinem samtenen Fellchen, das frühreife Mädchen, das dem Speck nachgeht. Und gleich daneben taucht, von allen Sprachen verwendet, das Wort Kätzchen auf als Bezeichnung des weichen Lockenpelzchens an der weiblichen Scham, als Ausdruck für den Schamteil selbst und für das schmiegsame Weib, ›chat noir‹, die Katze, die das Mäuschen fängt, damit spielt und es frißt, genau wie die Frau mit ihrem hungrigen Schamteil das Mäuschen des Mannes verschlingt.

Sahen Sie schon einmal die kindischen Zeichnungen des weiblichen Geschlechtsteils, die halbwüchsige Knaben an Wänden und Bänken in alberner Begierde anbringen? Da haben Sie die Entstehung des Ausdrucks ›Käfer‹ für das liebende Mädchen vor Augen, aber auch das wird klar, warum die Spinne als Schmähwort für das Weib gebraucht wird, die Spinne, die Netze baut und der Fliege das Blut aussaugt. Das bekannte Spinnensprichwort ›matin chagrin, soir espoir‹ malt die Stellung von Frauen zu ihrer Sexualität; je heißer die Glut der Liebesnacht ist, um so verzagter blickt sie beim Erwachen nach dem Mann, was der von dem Toben wohl denkt. Denn immer stärker zwingt das Leben dem Weibe einen Seelenadel auf, der alle Wollust zu verdammen scheint.

Die Symbole sind zweideutig: Der Baum ist, wenn Sie den Stamm 228 betrachten, Phallussymbol, ein sehr anständiges, von der Sitte erlaubtes; denn selbst das prüdeste Fräulein scheut sich nicht, den Stammbaum ihres Geschlechts an der Wand zu betrachten, obwohl sie wissen muß, daß ihr die hundert Zeugungsorgane all ihrer Vorfahren in strotzender Kraft aus dem Bilde entgegenspringen. Der Baum wird aber zum Weibessymbol, sobald der Gedanke an die Frucht auftritt, wird ›die Eiche‹, ›die Buche‹ – ehe ich es vergesse: Seit einigen Wochen betreibe ich den Spaß, alle Bewohner meiner Klinik zu fragen, was für Bäume neben dem Eingang stehen. Bisher habe ich noch keine richtige Antwort bekommen. Es sind ›Birken‹; an ihnen wächst das Reis, aus dem man die Rute bindet, die gefürchtete und noch mehr begehrte; denn in all den tausendfachen Unarten der Kinder und Großen lebt die Sehnsucht nach dem brennenden Rot des Schlagens. Und am Eingangstor, so daß jeder drüber stolpert, steht ein Eckstein, rund und ragend wie ein Phallus; den sieht auch niemand. Er ist der Stein des Anstoßes und Ärgernisses.

Verzeihung für die Unterbrechung. Auch andere Symbole sind doppeldeutig, das Auge ist es, das Strahlen empfängt und Strahlen ausschickt, die Sonne, die in Fruchtbarkeit Mutter, im goldgelben Strahl Mann und Held ist. So ist es auch mit den Tieren, dem Pferde vor allem, das bald als Weib gilt, auf dem man reitet, das in der Schwangerschaft die Frucht des Leibes fortbewegt, bald als Mann, der die Last der Familie mit sich trägt und auf dessen Schultern und Knien das jubelnde Kind dahintrabt.

Diese doppelte Symbolverwendung der Tiere unterstützt ein seltsames Verfahren meines Unbewußten, das dem Kastrationskomplex entstammt. Wenn ich an einem mit Rindern bespannten Karren vorübergehe und hinschaue, weiß ich nicht, sind es Kühe oder Ochsen, die da ziehen. Ich muß erst eine ganze Weile suchen, ehe ich die Unterscheidungsmerkmale finde. So geht es nicht nur mir, so geht es vielen, vielen Menschen, und die Leute, die erkennen können, ob sie einen männlichen Kanarienvogel oder ein Weibchen vor sich haben, sind geradezu selten. Bei mir geht es ein bißchen weit. Wenn ich einen Hühnerhof sehe, kann ich den großen Hahn von seinen Hennen unterscheiden, sind junge Hähnchen dabei, so gelingt mir diese Unterscheidung schwer, und wenn ich einem vereinzelten Huhn begegne, muß ich mich auf das Raten verlegen, was sein Geschlecht ist. Ich besinne mich nicht, jemals mit Bewußtsein einen Hengst, Bullen oder Widder gesehen zu haben, für mich ist ein Pferd eben ein Pferd, ein Ochse ein Ochse, ein Schaf ein Schaf, und wenn ich theoretisch weiß, was eine Stute 229 oder ein Wallach, ein Schaf oder ein Hammel ist, so kann ich diese Kenntnis praktisch doch nicht ohne weiteres verwerten, vermag auch nicht festzustellen, wie und wann ich meine theoretischen Kenntnisse erworben habe. Offenbar wirkt da ein altes Verbot nach, das sich mit einer bewußtseinslosen Angst vor der eigenen Entmannung verbindet. Ich bin in dem stattlichen Alter von vierundfünfzig Jahren in den Besitz eines schönen Katers gelangt. Schade, daß Sie das Erstaunen nicht miterlebt haben, das mich beim Gewahrwerden seiner Hoden befiel.

Damit bin ich wieder bei der Kastration angelangt und muß noch zwei Worte über einige symbolisch verwendete Tiere sagen, die im Dunkel der Menschenseele ein seltsames Leben haben. Besinnen Sie sich darauf, wie wir gemeinsam in Wannsee am Grabe Kleists waren? Es ist lange her, wir waren beide noch jung und begeisterungsfähig und hatten uns wer weiß welche hohen Gefühle von diesem Besuch unseres toten Lieblingsdichters erhofft. Und während Sie voll frommer Scheu auf die heilige Stätte, von der ich ein Efeublatt pflückte, hinabsahen, fiel ein armseliges Räupchen in Ihren Nacken; Sie schrien auf, wurden blaß und zitterten, und Kleist und alles waren vergessen. Ich lachte, nahm das Räuplein fort und tat groß und gewaltig. Aber wenn Sie nicht selbst zu sehr mit Ihrer Angst beschäftigt gewesen wären, hätten Sie sicher bemerkt, daß ich die Raupe mit dem Efeublatt wegnahm, weil mir davor grauste, die Raupe mit den Fingern zu berühren. Was hilft auch Mut und Stärke wider das Symbol? Wenn beim Anblick solch vielfüßig kriechenden Schwänzchens die Masse des Mutterinzests, der Onanie, der Vater- und Selbstkastration über uns herfällt, werden wir vierjährige Kinder und können es nicht ändern.

Gestern ging ich quer über das Rondell mit der schönen Aussicht, dort, wo stets die große Versammlung von Kinderwagen, spielenden Bälgern und Kindsmägden ist. Ein dick pausbäckiges Mädchen von drei Jahren brachte strahlend einen langen Regenwurm zu ihrer Mutter getragen. Das Tier wand sich zwischen den kurzen Fingerchen; die Mutter aber schrie auf, schlug das Kind auf das Händchen: »Pfui, bah, bah!« rief sie und schleuderte den scheußlichen Wurm mit der Spitze des Sonnenschirms weit den Abhang hinab, schalt schreckbleichen Gesichts weiter und wischte mit Eifer die Händchen des heulenden Kindes ab. Ich hätte mich gern über die Mutter entrüstet, aber ich verstand sie zu gut. Ein roter Wurm, der in Löcher kriecht, was hilft dagegen alle Darwinsche Weisheit von des Regenwurms segensreicher Minierarbeit?

›Äx, bah, bah‹, darauf kommt die ganze Erziehungsweisheit der 230 Mutter hinaus. Alles, was dem Kinde lieb ist, wird ihm damit verekelt. Und es läßt sich ja auch nichts dagegen sagen. Die Freude am Wasserlassen und am Drücken kann nicht geduldet werden, sonst, denkt man – ob es wahr ist, weiß ich nicht –, bleibt der Mensch dreckig. Aber ich muß Sie doch bitten, im Namen der Forschung, sich einmal den Urin über Schenkel und Arme lauten zu lassen, sonst glauben Sie gar nicht, daß das Kind so etwas genießt, und halten auch fernerhin Erwachsene, die sich hin und wieder solchen Genuß verschaffen, für pervers, unnatürlich, lüstern, krank. Krank daran ist nur die Angst. Versuchen Sie es. Das Schwierige ist, es unbefangen zu tun. Das ist über die Maßen schwer. Man hat mir hie und da über das Experiment, das ich nicht erst Ihnen empfehle, berichtet, und soweit ich glauben darf, hat man durchweg zunächst sämtliche Lebewesen aus der Wohnung entfernt, sich in der Badestube eingeschlosssen und es nackt in der Wanne getan, was ich riet, damit man sich gleich reinigen könnte. Und man trägt doch die Flüssigkeit, die auf der Haut so schmutzig ist, dauernd in seinem Innern mit sich und denkt nicht einmal daran. Sind die Menschen nicht seltsam? Aber trotz all dieser Vorsichtsmaßregeln, die Angst, Verbotenes zu tun, blieb, aber der Genuß kam. Nicht einer hat zu leugnen gewagt, daß es genußvoll war. Welch ungeheures Maß von verdrängender Gewalt ist da tätig gewesen, um eine unbefangene Handlung eines jeden Kindes so mit Angst zu belasten. Und nun gar der Versuch, das Aa unter sich zu lassen und sich dareinzulegen. Schon wie man das machen soll, kostet tagelanges Kopfzerbrechen, und kaum drei oder vier von denen, die wissensdurstig die Entwicklung des Unbewußten unter meiner Führung erforschen wollten, haben den Mut dazu gehabt. Aber was ich behauptete, haben sie bestätigt. Ach, liebe Freundin, wenn Sie etwas Philosophisches lesen, tun Sie es so, wie man die Aufsätze von Karlchen Mießnick las, auch wenn Sie meine Briefe lesen. Der Ernst ziemt sich nicht dem Unsinn gegenüber. Nur das Leben selbst, das Es versteht etwas von Psychologie, und die einzigen Vermittler durch das Wort, deren es sich bedient, sind die paar großen Dichter, die es gegeben hat.

Aber ich wollte davon nicht sprechen, sondern über die Wirkungen des ›Äx, bah, bah‹ auf unser Verhältnis zum Regenwurm Betrachtungen anstellen, die Sie dann nach Gutdünken auf andre geächtete Tiere, Pflanzen, Menschen, Gedanken, Handlungen und Gegenstände übertragen mögen. Ich überlasse Sie Ihrem Nachdenken. Und vergessen Sie nicht, sich dabei die Schwierigkeit aller Naturforschung klarzumachen. Freud hat ein Buch über das 231 Verbotene im Menschenleben geschrieben, er nennt es ›Tabu‹. Lesen Sie es! Und dann lassen Sie Ihre Phantasie eine Viertelstunde schweifen, was alles tabu ist. Sie werden erschrecken. Und werden erstaunen, was der Menschengeist trotzdem zustande brachte. Und schließlich werden Sie sich fragen: »Was mag der Grund sein, daß das Es des Menschen so seltsam mit sich selber spielt, sich Hindernisse schafft, lediglich um sie mit vieler Mühe zu erklettern?« Und schließlich wird Sie eine Freude ergreifen, eine Freude, Sie ahnen nicht, wie groß diese Freude ist. Ich denke mir, so ungefähr muß das Gefühl der Ehrfurcht sein.

Sie wissen, Erziehung beseitigt nichts, sie verdrängt nur. Auch die Freude am Regenwurm läßt sich nicht töten. Es gibt eine seltsame Form, in der sie wiederkehrt, in der Form des Spulwurms. Die Keime dieses Gasts unsrer Eingeweide, stelle ich mir vor, sind überall, kommen in aller Menschen Bäuche hinein, oft und oft. Aber das Es kann sie nicht brauchen, es tötet sie. Eines Tages überfällt dieses oder jenes Menschen Es, das gerade Kind geworden ist und kindisch schwärmt, eine sehnsuchtsvolle Erinnerung an den Regenwurm. Und flugs baut es sich ein Abbild davon aus den Eiern des Spulwurms. Es lacht über das ›Bahbah‹ der Gouvernante und spielt ihr einen Schabernack, und gleichzeitig fällt ihm ein, daß Wurm ja auch Kind ist; da lacht es noch mehr und spielt mit dem Eingeweidewurm Schwangerschaft und eines Tages will es ›Kastration‹ spielen und ›Kinderkriegen‹ spielen. Und dann läßt es den Spulwurm – oder sind es die kleinen weißen Würmchen, mit deren Hilfe man sich die Erlaubnis verschafft, den Finger in den After zu stecken, After-Onanie in hohem Maße zu treiben –, dann läßt es diese Würmer aus der hintern Öffnung hervorkommen.

Ach bitte, Liebe, lesen Sie doch diese Stelle dem Herrn Sanitätsrat vor. Sie werden einen seltenen Spaß haben, wie er diese ernsthaft gemeinte Theorie eines ernsthaften Kollegen über die Disposition zu Krankheiten aufnimmt.

Nun muß ich Ihnen noch eine Geschichte von der Schnecke erzählen. Sie betrifft eine gemeinsame Bekannte von uns, aber ich werde Ihnen den Namen nicht nennen; Sie wären imstande, sie zu necken. Ich ging mit ihr spazieren, da fing sie plötzlich an zu zittern, alles Blut wich ihr aus den Wangen, und ihr Herz begann so zu jagen, daß man die Schläge an den Halsadern sah. Der Angstschweiß trat auf die Stirn und bald folgte Erbrechen. Was war's? Eine Nacktschnecke kroch auf dem Wege. Wir hatten von der Treue gesprochen, und sie hatte über ihren Mann geklagt, den 232 sie auf Seitenwegen vermutete. Der Gedanke war ihr schon lange gekommen, so sagte sie, ihm den Schwanz auszureißen und draufzutreten. Die Schnecke aber sei dies ausgerissene Glied gewesen. Das schien genug zu erklären, aber ich weiß nicht, weshalb ich ungenügsam war, ich behauptete keck drauflos, es müsse noch etwas anderes dahinterstecken. Um solche Wut der Eifersucht zu empfinden, müsse man selbst untreu sein. Das kam auch bald zum Vorschein, wie es denn keine Eifersucht gibt, wenn nicht der Eifersüchtige selbst untreu ist; die Freundin hatte nicht an das Glied ihres Mannes gedacht, sondern an meines. Wir lachten dann beide, aber da ich doch das Schulmeistern nicht lassen konnte, hielt ich ihr eine kleine Vorlesung. »Sie sind in einer Zwickmühle«, sagte ich ihr. »Wenn Sie mich lieben, werden Sie Ihrem Manne untreu, und wenn Sie zu ihm halten, betrügen Sie mich und Ihre starke Liebe zu mir. Was Wunder, daß Sie nicht weiter können, da Sie vor sich die Notwendigkeit sehen, die Schnecke, das Glied des einen oder andern, zu zertreten.« So etwas ist nicht selten. Es gibt Menschen, die verlieben sich in jungen Jahren, behalten diese erste Liebe als Idealgestalt in ihrem Herzen, heiraten aber einen anderen. Sind sie nun mißgestimmt, das heißt, haben sie der andern Ehehälfte etwas zuleide getan und zürnen ihr deshalb, so holen sie die Idealliebe hervor, stellen Vergleiche an, bereuen, den falschen geheiratet zu haben, und finden nach und nach tausend Gründe, um sich zu beweisen, wie schlecht der ist, den sie geheiratet und gekränkt haben. Das ist schlau, aber leider zu schlau. Denn die Überlegung kommt, daß sie dem ersten Geliebten untreu wurden, um den zweiten zu nehmen, und dem zweiten untreu sind, um am ersten festzuhalten. Du sollst nicht ehebrechen!

Solche Vorgänge, die von großer Tragweite sind, lassen sich schwer begreifen. Ich habe lange nach einer Begründung gesucht, warum solche Menschen – sie sind gar nicht selten – sich in diesen Zustand ununterbrochener Untreue hineinbringen. Jene Freundin hat mir das Rätsel gelöst, und deshalb eigentlich erzähle ich Ihnen die Schneckengeschichte. Sie hatte ganz dicht unter der Schenkelbeuge an der Innenseite des Oberschenkels einen kleinen, fingerlangen, schwanzförmigen Auswuchs. Der belästigte sie arg. Von Zeit zu Zeit ward er wund. Ein seltsamer Zufall wollte es, daß dieses Wundsein ein paarmal während meiner Behandlung auftrat und jedesmal verschwand, wenn verdrängte homosexuelle Regungen an die Oberfläche gekommen waren. Man hatte ihr schon lange geraten, sich das Ding abschneiden zu lassen; sie hatte es aber nicht getan. Ich habe ihr ein wenig auf die Seele gekniet, bis 233 es in tausend Splitterchen zerstückt herauskam, daß sie das Schwänzchen ihrer Mutter zuliebe trug. Von dieser Mutter hatte sie stets behauptet, sie habe sie all ihr Leben lang gehaßt. Ich habe es ihr aber nie geglaubt, obwohl sie unermüdlich darin war, ihren Haß in vielen, vielen Geschichten kundzutun. Ich glaubte es deshalb nicht, weil ihre gewiß starke Neigung zu mir alle Zeichen einer Übertragung von der Mutter hatte. Es hat lange gedauert, aber schließlich ist ein Mosaikbild zustande gekommen, natürlich mit schadhaften Stellen, worin alles verzeichnet war, die heiße Liebe zur Brust, zur Mutter, zu deren Armen, die Verdrängung zugunsten des Vaters im Anschluß an eine Schwangerschaft, die Entstehung des Hasses mit seinen homosexuellen Resten. Ich kann Ihnen von den Einzelheiten nichts mitteilen, aber das Resultat war, daß jene Frau, als ich sie im nächsten Jahr wiedersah, operiert war, keine Untreue mehr und keine Schnecke mehr fürchtete. Sie mögen glauben, was Sie wollen, ich meinerseits bin überzeugt, daß sie das Schwänzchen der Mutter zuliebe wachsen ließ. Und nun darf ich noch hinzufügen, daß die Schnecke doppeldeutiges Symbol ist, der Phallus der Gestalt und der Fühler halber und das Weibesorgan um des Schleimes willen. Wissenschaftlich ist sie ja wohl auch doppelgeschlechtlich.

Auch vom Axolotl muß ich Ihnen ein Geschichtchen zum besten geben; Sie haben das Tierchen wohl im Berliner Aquarium gesehen und wissen, wie ähnlich es einem Embryo ist. Dort im Aquarium ist einmal vor dem Kasten des Axolotls eine Frau in meiner Gegenwart halb ohnmächtig geworden. Sie haßte auch ihre Mutter, angeblich, wie es immer der Fall ist. Sie war sehr kinderlieb, aber sie hatte die Mutter auch bei einer Schwangerschaft hassen gelernt, und sie hat keine Kinder bekommen, trotz aller Sehnsucht. Sehen Sie sich kinderlose Frauen aufmerksam an, wenn sie wirklich kindersehnsüchtig sind. Da ist Tragik des Lebens, die oft sich wandeln läßt. Denn alle diese Frauen – ich wage es zu sagen, alle – tragen den Haß gegen die Mutter im Herzen, dahinter aber in eine Ecke gequetscht sitzt traurig die verdrängte Liebe. Helfen Sie ihr aus der Verdrängung heraus, und jenes Weib wird einen Mann suchen und finden, der mit ihr ein Kind zeugt.

Ich könnte noch eine Weile so fort reden, aber mich fesselt ein Schauspiel, von dem ich Ihnen berichten will. Das Beste kommt zuletzt. Sie müssen wissen, daß ich, während ich schreibe, auf jener Terrasse mit den vielen Kinderwagen sitze, von der ich Ihnen schrieb. Vor mir spielen zwei Kinder, ein Knabe und ein Mädchen, mit einem Hunde. Der liegt auf dem Rücken, und sie kraulen 234 ihn am Bauch, und jedesmal, wenn infolge des Kitzels der rote Penis des Hündchens zum Vorschein kommt, lachen die Kinder. Und schließlich haben sie es so weit gebracht, daß der Hund seinen Samen ausspritzte. Das hat die Kinder nachdenklich gemacht. Sie sind zur Mutter gegangen und haben sich nicht mehr um den Hund gekümmert.

Haben Sie noch nie gesehen, wie oft Erwachsene mit der Stiefelspitze ihren Hund kraulen? Kindererinnerungen. Und da die Hunde nicht sprechen können, muß man sie beobachten und sehen, was sie tun. Es sind ihrer viele, die auf den Geruch der Periode reagieren und viele, die an den Beinen des Menschen onanieren. Und wenn die Hunde schweigen, fragen Sie die Menschen. Sie müssen dreist fragen, sonst bleibt die Antwort aus. Denn auch die Sodomie gilt als pervers. Und was mit dem Hund erlebt wird, ist tief verdrängt. Denn er ist nicht nur ein Tier, sondern ein Symbol des Vaters, des Wauwaus.

Wollen Sie noch mehr von den Tieren wissen? Gut. Stellen Sie sich ein paar Stunden vor den Affenkäfig des zoologischen Gartens und beobachten Sie die Kinder; auch den Erwachsenen dürfen Sie ein paar Blicke gönnen. Wenn Sie in diesen Stunden nicht mehr von der Menschenseele kennengelernt haben, als in tausend Büchern steht, sind Sie der Augen nicht wert, die Sie im Kopfe tragen. Alles Gute von Ihrem getreuen

Troll

 

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