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Das Buch vom Es

Georg Groddeck: Das Buch vom Es - Kapitel 28
Quellenangabe
typetractate
booktitleDas Buch vom Es
authorGeorg Groddeck
year1983
firstpub1923
publisherFischer Taschenbuch Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-596-26367-0
titleDas Buch vom Es
pages275
created20100528
sendergerd.bouillon@t-online.de
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28. Brief

Das ist kein übler Gedanke, die Briefe zu veröffentlichen. Dank, liebe Freundin, für die Anregung! Freilich, halb haben Sie mir die Lust dazu wieder genommen. Denn wenn Sie es wirklich ernst meinen, daß ich sie überarbeiten soll, lasse ich mich nicht darauf ein; ich habe Arbeit genug in meinem Beruf. Die Schreiberei an 219 den Briefen betreibe ich zu meinem Vergnügen, und Arbeit ist kein Vergnügen für mich.

Aber ich hoffe, es ist nicht Ihr Ernst. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie wichtig Sie es nahmen, als Sie mir von den Fehlern und Übertreibungen, Widersprüchen und unnötigen Witzen schrieben, die nett im freundschaftlichen Verkehr, aber in der Öffentlichkeit unmöglich sind; das ist solch Rückfall in die Zeit, wo Sie Ihr Lehrerinnenexamen gemacht hatten. Ich habe es immer sehr gern gemocht, wenn Sie auf einmal würdig wurden; mir war dann, als ob Sie demnächst warnend den Zeigefinger erheben würden, ich legte in fröhlicher Spottphantasie Ihre rechte Hand auf den Rücken, tat in Gedanken einen Rohrstock hinein und setzte Ihnen eine Brille auf die Nase. Und dann kam mir diese ins Weibliche, Liebreizende übertragene Lehrer-Lämpel-Figur so unwiderstehlich vor, daß ich Sie absichtlich eine ganze Weile weiter dozieren ließ, nur um mich am Kontrast Ihres Wesens und Ihres Scheines zu ergötzen. Heute aber will ich auf Ihre ernsthafte Mahnung ernsthaft eingehen.

Warum soll ich meinen Mitmenschen die Freude verderben, Fehler in diesen Briefen zu finden? Ich weiß, wie unerträglich untadelige Menschen wirken – bei uns Trolls wurden sie Preßengel genannt –, ich weiß, wieviel Vergnügen es mir macht, irgendwo eine Dummheit zu entdecken, und ich bin nicht lieblos genug, das andern Leuten zu mißgönnen. Außerdem bilde ich mir ein, so viel Brauchbares zu geben, daß es auf das Unbrauchbare nicht ankommt. Ich will oder ich muß mir das einbilden, sonst geht die Selbstanbetung verloren, und ohne die mag ich nicht leben. Es ist derselbe Vorgang, wie ich ihn bei der Besprechung von Ausschlägen im Gesicht, von Gestank aus dem Munde zu deuten versuchte. Man weiß nicht genau, ob eine Neigung erwidert wird, möchte es gerne wissen und schafft sich deshalb irgend etwas Abstoßendes an. »Gefalle ich meiner Angebeteten auch mit einer verschnupften Nase oder mit Schweißfüßen, dann ist ihre Liebe echt«, so denkt das Es. So denkt die Braut, wenn sie Launen hat, so denkt der Bräutigam, wenn er Wein trinkt, ehe er zur Geliebten geht, so denkt das Kind, wenn es ungezogen ist, und so denkt mein Es, wenn es Fehler in meine Arbeiten hineinsetzt. Ich werde die Fehler stehenlassen, wie sie in meinen früheren Veröffentlichungen trotz freundschaftlicher und feindschaftlicher Mahnungen stehengeblieben sind.

Vor einigen Jahren schickte ich einmal ein Manuskript an einen guten Freund, auf dessen Urteil ich viel gab. Er schrieb mir einen 220 reizenden Brief mit vielen Lobeserhebungen, meinte aber, das Ding sei viel zu lang und viel zu derb. Es schaue aus wie ein Embryo mit unheimlich stark entwickelten Geschlechtswerkzeugen. Ich solle kürzen, kürzen, kürzen, dann werde es ein schönes Kind sein. Und um zu erfahren, was ich wegstreichen müsse, solle ich es machen wie jener Mann, der gern freien wollte. Wenn der merkte, daß er nahe daran war, sich zu verlieben, richtete er es so ein, daß er sofort nach der präsumptiven Herrin seines Herzens auf das Klosett ging. »Riecht es mir lieblich, wie frisch gebackene Kuchen, so liebe ich sie. Stinkt es, so lasse ich sie laufen.« Ich habe nach dem Rezept meines Freundes gehandelt, aber alles, was ich geschrieben hatte, roch mir nach Kuchen, und ich habe nichts gestrichen.

Ich will Ihnen einen Vorschlag machen. Wir lassen die Dummheiten ruhig stehen, Sie schreiben mir aber jedesmal, wenn Sie einen Fehler finden. Ich werde dann ein paar Briefe später den Fehler korrigieren. Dann hat der gewissenhafte Leser mit der Lehrer-Lämpel-Attitüde seinen Spaß, und ein paar Seiten später beim Lesen der Verbesserung ärgert er sich, und wir haben unseren Spaß. Abgemacht?

Nun also zu den Fehlern, die ich durchaus wegschaffen soll. Zunächst ist es die Geschichte von Evas Erschaffung. Sie hat von vornherein Anstoß bei Ihnen erregt. Und jetzt fahren Sie gar das schwere Geschütz der Wissenschaft auf und beweisen mir, daß diese Sage nicht aus der Volksseele stammt, sondern der absichtlichen Bearbeitung des Alten Testaments durch Priester ihr Dasein verdankt. Vermutlich haben Sie damit recht; wenigstens habe ich es so auch einmal gelesen. Aber es hat mich kalt gelassen wie vieles andere. Für mich ist die Bibel ein unterhaltendes, nachdenkliches Buch mit schönen Geschichten, die doppelt merkwürdig sind, weil man jahrtausendelang an sie geglaubt hat und weil sie für die Entwicklung Europas unermeßlich viel und für jeden einzelnen von uns ein Stück Kindheit bedeuten. Wer diese Geschichten erfunden hat, interessiert meine historische Wißbegierde, den Menschen in mir berührt es nicht.

Ich gebe zu, die Priester haben die Geschichten erfunden. Darin haben Sie recht. Nun ziehen Sie aber daraus den Schluß, diese Schöpfungssage könne nicht, wie es von mir versucht worden ist, als Beweis für die Kindertheorie benutzt werden, daß das Weib durch Kastration aus dem Manne entsteht. Darin haben Sie unrecht. Ich wage nicht zu behaupten, daß das Kind von Anfang an die Idee der Kastrationsschöpfung hat, halte es vielmehr für 221 wahrscheinlich, daß es ursprünglich zum mindesten den Geburtsmechanismus so genau kennt, wie er durch Selbsterleben kennengelernt werden kann. Auf diese ursprüngliche Kenntnis wird dann, genau wie es im Alten Testament geschehen ist, die Kastrationsidee von den Kindheitspriestern, Eltern und sonstigen Weisen aufgepfropft, und wie die jüdisch-christliche Menschheit jahrtausendelang das Kunstmärchen der Priester geglaubt hat, so glaubt das Kind das Kunstmärchen seiner eigenen Beobachtung und der erziehenden Lüge. Und wie der Glaube an die Erschaffung Evas aus Adams Rippe an der tausendjährigen Mißachtung des Weibes mit all seinen bösen und guten Folgen mitgewirkt hat und mitwirkt, so gestaltet der Kastrationsglaube an unserer eigenen Seele stetig weiter bis an unser Ende. Mit andern Worten: Es ist ziemlich gleichgültig, ob eine Idee selbständig wächst oder von außen aufgezwungen wird. Es kommt darauf an, ob sie bis in die unbewußten Tiefen sich ausbreitet.

Bei dieser Gelegenheit will ich auch über die Erschaffung Adams ein Trollwort sagen. Er wird, wie Sie wissen, dadurch beseelt, daß Jehova ihm lebendigen Odem in die Nase bläst. Dieser eigentümliche Weg durch die Nase ist mir immer aufgefallen. Danach, so sagte ich mir, muß es etwas Riechendes sein, was Adam Leben gibt. Was das für ein Riechendes war, wurde mir klar, als ich Freuds Erklärung vom ›kleinen Hans‹ las. Mir wurde es klar, aber Sie brauchen meine Erklärung nicht anzunehmen. Der kleine Hans ist – in seiner kindlichen Weise – der Ansicht, daß der ›Lumpf‹, die Stuhlgangswurst, ungefähr dasselbe ist wie ein Kind. Ihr ergebener Troll hat die Idee, daß jene alte Gottheit den Menschen auch aus seinem Lumpf schuf, daß das Wort ›Erde‹ nur aus Schicklichkeitsgründen an Stelle des Wortes ›Kot‹ gesetzt wurde. Der lebendige Odem würde dann mitsamt seinem belebenden Duft aus derselben Öffnung geblasen worden sein, aus der der Kot kam. Schließlich ist ja wohl auch das Menschengeschlecht einen Furz wert.

Wie ist es nun, verehrte Freundin, habe ich in die Erzählung vom Adam die Kindertheorie von der Geburt aus dem After hineingedeutet, oder ist sie auf Grund der ungemeinen Erleichterung, die auch die Dichter der Bibel wie jeder andere nach der Entleerung empfindet, gewachsen?

Der zweite Fehler, auf den Sie mich aufmerksam machen, hat mich nachdenklich gemacht. Er wäre leicht zu entfernen, aber ich lasse 222 auch ihn stehen. Lassen Sie mich sagen, weshalb. Ich habe bei der Besprechung des Kastrationskomplexes eine Episode aus dem Reineke Fuchs erzählt und habe dabei Isegrim dem Wolf eine Rolle zugeschrieben, die eigentlich Hinz der Kater hat. Die Ursachen dieser Verwechslung sind, glaube ich, verwickelt. Ich zweifle, ob ich sie entwirren kann.

Eins ist ohne weiteres klar: Der Wolfkomplex in mir ist so mächtig, daß er Dinge an sich reißt, die gar nicht dazugehören. Zur Ergänzung dessen, was ich darüber schon gesagt habe, erzähle ich ein Abenteuer aus meiner Kindheit. Lina und ich haben einmal – wir werden zehn und elf Jahre alt gewesen sein – zusammen mit einigen Freunden das Tiecksche Rotkäppchen aufgeführt. Mir war die Rolle des Wolfs zuerteilt, und ich habe sie mit besonderer Passion gespielt. Unter den Zuschauern befand sich ein kleines fünfjähriges Mädchen, Paula genannt. Ich habe diese Paula, die ein besonderer Günstling meiner Schwester war, gehaßt, und es war mir eine Genugtuung, daß sie während der Vorstellung aus Angst vor dem Wolf zu heulen anfing. Das Spiel mußte unterbrochen werden, ich ging zu ihr, nahm die Wolfsmaske ab und beruhigte sie. Es ist das erste Mal gewesen, daß sich jemand vor mir gefürchtet hat, und auch meines Wissens das erste Mal, daß ich Schadenfreude empfand. Und es war der Wolf, der Furcht einflößte. Das Ereignis ist mir im Gedächtnis geblieben, wohl auch deshalb, weil unter den Mitspielern außer meiner Schwester die mehrfach erwähnte Alma und ein Namensvetter von mir, ›Patrik‹, war, bei dem ich die erste Erektion gesehen habe.

Dieser Namensvetter war eigentlich ein Kamerad meines Bruders Wolf, also einige Jahre älter als ich. Er war jedoch aus irgendwelchen Gründen in der Vorschule, die ich besuchte, geblieben, als Wolf zum Gymnasium überging. Wir Jungens badeten damals viel im Sommer und hatten alle zusammen eine Badekabine. In der führte uns der Namensvetter die Erektion vor, hat wohl auch irgendwie Onaniebewegungen gemacht, wenigstens wies er auf ein helles, fadenziehendes Sekret hin, das in einem Tropfen aus der Harnröhre hing und von dem er behauptete, es sei der Vorläufer der Samenergießung, für die er bald reif genug sei. Für meine Erinnerung ist dieses Vorkommnis dunkel geblieben, ich habe die Empfindung, als hätte ich die ganze Sache nicht verstanden, ihr nur unbehelligt als irgend etwas Neuem zugeschaut. Dagegen ist mir eine andre Spielerei noch lebhaft in Erinnerung. 223 Der Namensvetter schlug Glied und Hodensack nach hinten, klemmte sie zwischen die Schenkel und behauptete nun, ein Mädchen zu sein. Ich habe das oft selbst vor dem Spiegel wiederholt und jedesmal ein seltsames Wollustgefühl dabei gehabt. Ich halte das Ereignis für besonders wichtig, weil es den Kastrationswunsch ohne Beimengung von Angst rein zeigt. Für mich persönlich habe ich niemals an diesem Kastrationswunsch zweifeln können; das beweisen hie und da auftretende Phantasien, in denen ich mir die Empfindung des Weibes während des Beischlafs vorzustellen suchte: wie das Glied in die enge Öffnung eingeführt wird und darin hin und her bewegt wird und was für Gefühle das auslöst. Aber ich habe auch seit jenem Tage mit der Mädchenwerdung des Namensvetters auf andre Männer geachtet und feststellen können, daß der angstlose Wunsch, Mädchen zu sein, allen Männern gemeinsam ist. Man braucht dazu nicht langwierige Forschungen anzustellen. Man braucht nur ein wenig die Liebesspiele zwischen Mann und Weib zu beobachten, dann weiß man, daß die Variation, bei der der Mann unter dem Weibe liegt, überall gelegentlich vorkommt, wie denn an dem sogenannten normalen Geschlechtsakt, dem zuliebe alles andre pervers genannt worden ist, auf die Dauer wohl noch nie ein Menschenpaar festgehalten hat. Hält man es der Mühe für wert, sich näher mit dem Gegenstand zu beschäftigen – und wenigstens der Arzt sollte soviel Wißbegierde aufbringen –, so wird man leicht ähnliche bewußte Phantasien bei Freunden und Bekannten finden, wie ich sie vorhin erzählte, und wenn es wirklich einmal vorkommt, daß solche weiblichen Wünsche ganz aus dem Bewußtsein verdrängt sind, genügt es, diese normal Sexuellen zu einer Analyse ihres Verhaltens beim Essen, noch mehr beim Trinken, beim Zähnebürsten, beim Reinigen der Ohren zu bringen. Die Assoziationen springen dann bald zu allerlei andern Gewohnheiten über, zum Rauchen, zum Reiten, zum Bohren in der Nase und andern Dingen. Und wo all das versagt, weil der Widerstand des Männlich-scheinen-Wollens zu groß ist, gibt es die Alltagsformen der Erkrankungen, die Verstopfungen mit ihrem lustbefriedigenden Hindurchpressen des Kots durch die Afteröffnung, die Hämorrhoiden, die den Kitzel an dieser Pforte des Leibes lokalisieren, die Auftreibung des Bauches mit ihrer Schwangerschaftssymbolisierung, das Klistier, die Morphiuminjektion und die tausendfältige Verwendung des Impfens, wie es in unsrem Verdrängungszeitalter Mode geworden ist, der Kopfschmerz mit seiner Verwandtschaft zu den Wehen, das Arbeiten und Schaffen am Werk, am Geisteskinde des Mannes. Stellen Sie meine Behauptung auf 224 die Probe, bestürmen Sie hier, bestürmen Sie dort die Widerstände des Menschen, eines Tages – meist sehr bald – kommt die Erinnerung, wird bewußt, was verdrängt war, und es heißt dann wie bei uns weniger Normalen: »Ja, ich habe an der Brust eines Weibes gesogen, und wenn ich es nicht wirklich tat, so stellte ich es mir doch vor; ja, ich habe den Finger in den After eingeführt, und es war nicht nur der Juckreiz, den ich beschwichtigen wollte; ja, ich weiß, daß in mir der Wunsch wach werden kann, Weib zu sein.«

Aber ich schwatze und gebe nicht Auskunft, warum ich an Stelle des Katers den Wolf zum Kastrator machte und warum aus dem Pfarrer, der in jener Szene des Reineke Fuchs der Geschlechtsteile beraubt wird, ein Bauer werden mußte.

Für die zweite Verwechslung ist der Grund leicht zu erraten. Vom Pfarrer zum Pater, Vater, der kastriert werden soll, ist nur ein Schritt, und an das Wort Pater reiht sich Patrik des Klanges wegen. Die Bedrohung der eignen Person durch die Zähne des Tiers nötigte mich zur Verdrängung und zum Gedächtnisfehler. Der sonderbare Humor des Es zeigt sich dabei. Es läßt zu, daß meine Angst den ›Pater-Patrik‹ beseitigt, zwingt mich aber dazu, statt seiner einen Bauern zu nehmen, und ›Georg – Bauer‹ ist, wie Sie wissen, mein zweiter Taufname. So verspotten wir uns selber.

Warum habe ich aber den harmlosen Kater und Mäusefänger in den weit gefährlicheren Wolf verwandelt? Pater und Kater, das reimt sich, und wer wie Sie reimlustig ist, dichtet dazu ›Vater‹, und das Unbewußte ist oft reimlustig. Der Vater also wurde verdrängt. Der ist freilich furchtbarer als der Wolf. Er hatte Messer genug, denn er war Arzt, und während Bruder Wolf höchstens ein Taschenmesser führte, stand des Sonntags neben Papas Teller ein ganzes Besteck mit Bratenmessern, deren einige böse Ähnlichkeit mit dem Messer des Menschenfressers hatten. Er hätte leicht auf die Idee kommen können, auch einmal an meinem Schwänzchen die Schärfe dieses Messers zu erproben; wenn er sie eine Weile am untern Tellerrand gewetzt hatte, sah es gefährlich aus. Nun fällt mir auch ein, warum er mir wie ein Kater vorkam. Irgendeine Anbeterin hatte seine schönen Beine gelobt, und ihr zu Gefallen stolperte er in hohen Stiefeln umher. ›Der gestiefelte Kater‹, das war er, und den las ich damals mit besonderer Vorliebe, hatte auch gerade eine Serie kleiner Stammbuchbilder mir erschmuggelt, in denen das Märchen schön bunt dargestellt war.

Nun ist die Sache klar: Für den, der in der Kastrationsangst liegt, ist der Vater schlimmer als der Bruder, das Katzentier, das er 225 täglich sieht, schlimmer als der Wolf, den er nur vom Hörensagen aus ›Märchen‹ kennt. Und dann, der Wolf frißt nur Schafe, und für dumm hielt ich mich weder damals noch jetzt, der Kater aber frißt Mäuse – auch in der Reineke-Fuchs-Sage tut er es –, und der kastrationsbedrohte Teil, das Schwänzchen, ist eine Maus, die ins Loch schlüpft, die Angst jeder Frau vor der Maus beweist das; die Maus kriecht unter die Röcke, will in das Loch, das dort verborgen ist.

Hinter dieser Angst, daß der gestiefelte Vater mein Mäuschen fressen könnte, ist noch etwas andres verborgen, etwas Teuflisches, Furchtbares. Jener ›gestiefelte Kater‹ bezwingt den Zauberer, der sich in einen Elefanten verwandelt und dann in eine winzige Maus. Die Symbole der Erektion und Erschlaffung sind deutlich, und da ich in jenem Alter, wo ich das Märchen las und die Kaulbachsche Illustration des Reineke sah, gewiß nicht aus eigener körperlicher Erfahrung diese Phänomene kannte, liegt mir der Schluß nahe, daß der Zauberer, der sich in Rüsseltier und Maus verwandelt, mein Vater war, sein Schloß und Reich die Mutter und der gestiefelte Kater ich selbst, so wie ich selber auch der Besitzer des Katers, der jüngste Sohn des Müllers war. Da ich einsah, daß ich den ganzen Menschen in seiner Elefantengröße nicht vernichten könne, schien mir es ratsam, wenigstens das symbolische Väterchen, die Maus, das Glied des Vaters zu verschlingen. Und wirklich schwebt mir vor, als ob ich in jener Zeit die ersten Stulpenstiefel in meinem Leben getragen hätte. In dem Märchen sowie in dem Bilde lag für mich die eigene Kastration und, viel gräßlicher noch, der verbrecherische Wunsch, die Maus des Vaters zu verschlingen, um in den Besitz der Mutter zu gelangen; beides wurde verdrängt und übrig blieb die harmlosere Rivalität mit dem Bruder Wolf. Damit kommt auch die Verwandlung des ›Pfarrers-Pater‹ in den ›Bauer-Georg‹ in ein neues Licht. Der Wunsch, den Pater, den Vater, zu kastrieren, wird sicher mit der eigenen Kastration bestraft. Mein Es, das scheint's ein leidlich empfindliches Gewissen hat, verdrängte das Verbrechen und ließ die Sühne bestehen, machte also den Wunsch so gut wie möglich ungeschehen.

Darf ich Ihre Aufmerksamkeit nun noch einen Augenblick auf die Stiefel richten; sie kommen auch beim Däumlingsmärchen vor und sind wohl als das Symbol der Erektion zu betrachten. Nun dürfen Sie aussuchen, welche Deutung Ihnen behagt. Zunächst könnten die Stiefel die Mutter sein, sind es auch meiner Meinung, die Mutter, weiterhin das Weib, das in After- und 226 Scheiden-Öffnung zwei Stiefelschäfte besitzt. Es können auch die Hoden sein in ihrer Paarigkeit, die Augen, die Ohren, vielleicht auch die Hände, die im vorbereitenden Spiel den Siebenmeilenschritt zur Erektion und zur Onanie ausführen.

Damit bin ich bei dem dritten Verdrängungsgrund, der Onanie, einem ganz persönlichen Verdrängungsgrund, der im Märchen keine Stütze findet, wohl aber im eigenen Erlebnis. In jener Zeit habe ich erfahren, daß der Kater ab und zu seine eigenen Kinder auffrißt. Bin ich der Kater, so ist mein eigenes Kind mein Schwänzchen gewesen, das durch das Stiefelspiel beider Hände bei der Onanie das Mäuschen dem Untergang weiht. Üble Gewohnheit.

Sie sehen, wenn ich mir Mühe gebe, kann ich leidlich scheinende Gründe für meinen Irrtum erfinden. Aber mir widerstrebt solches Verfahren. Ich nehme für mich das Recht in Anspruch zu irren, schon deshalb, weil ich die Wahrheit und Wirklichkeit für zweifelhafte Güter halte.

Alles Gute Ihnen und den Ihren

Patrik

 

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