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Das Buch vom Es

Georg Groddeck: Das Buch vom Es - Kapitel 27
Quellenangabe
typetractate
booktitleDas Buch vom Es
authorGeorg Groddeck
year1983
firstpub1923
publisherFischer Taschenbuch Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-596-26367-0
titleDas Buch vom Es
pages275
created20100528
sendergerd.bouillon@t-online.de
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27. Brief

Dank für Ihren Brief, liebe Freundin. Ich werde versuchen, wenigstens diesmal Ihrer Bitte um Sachlichkeit zu willfahren. Das Phänomen der Homosexualität ist wichtig genug, um es methodisch zu prüfen.

212 Ja, ich bin der Ansicht, daß alle Menschen homosexuell sind, bin so sehr dieser Ansicht, daß es mir schwerfällt zu begreifen, wie jemand andrer Ansicht sein kann. Der Mensch liebt sich selbst zunächst, liebt sich mit allen Leidenschaftsmöglichkeiten, sucht sich seinem Wesen nach jede denkbare Lust zu verschaffen, und da er selber entweder Mann oder Weib ist, so ist er von vornherein der Leidenschaft zu seinem eigenen Geschlecht untertan. Das kann nicht anders sein, und jede unbefangene Prüfung irgendeines beliebigen Menschen gibt den Beweis dafür. Die Frage ist also nicht: »Ist die Homosexualität Ausnahme, ist sie pervers?« Davon ist nicht die Rede; sondern sie lautet: »Warum ist es so schwer, dieses Phänomen der gleichgeschlechtlichen Leidenschaft unbefangen zu sehen, zu beurteilen und zu besprechen?«, und dann: »Wie kommt es, daß der Mensch trotz seiner homosexuellen Anlage es zustande bringt, auch für das entgegengesetzte Geschlecht Neigung zu empfinden?«

Für die erste Frage findet sich leicht eine Antwort. Die Päderastie ist mit Zuchthaus bedroht, als Verbrechen gebrandmarkt, wird seit Jahrhunderten als schändliches Laster empfunden. Daß die große Mehrzahl der Menschen sie nicht sieht, erklärt sich aus diesem Verbot. Es ist nicht wunderbarer als die Tatsache, daß so viele Kinder die Schwangerschaften ihrer Mütter nicht sehen, daß fast alle Mütter nicht imstande sind, die Geschlechtsäußerungen der kleinen Kinder zu sehen, daß niemand den Inzesttrieb des Knaben zu seiner Mutter deutlich gesehen hat, bis Freud ihn gesehen und beschrieben hat. Wer aber doch die Verbreitung der Homosexualität kennt, ist deshalb noch längst nicht befähigt, ihr Wesen unbefangen zu beurteilen, und wer auch dazu die Kraft hat, schweigt lieber, als daß er sich auf den Kampf mit der Dummheit einläßt.

Man sollte denken, daß eine Zeit, die sich auf ihre Bildung etwas zugute tut, die, weil sie selbst nicht denkt, Geographie und Geschichte auswendig lernt, daß eine solche Zeit wissen müßte: Jenseits des Ägäischen Meeres, in Asien, beginnt das Reich der freien Päderastie, und eine so hochentwickelte Kultur wie die der Griechen ist ohne Anerkennung der Homosexualität gar nicht denkbar. Ihr müßte zum mindesten das seltsame Wort des Evangeliums von dem Jünger Christi aufgefallen sein, den Jesus liebhatte und der an des Herrn Brust lag. Nichts von all dem. Gegen all diese Zeugnisse sind wir blind. Wir dürfen nicht sehen, was sichtbar ist.

213 Zunächst ist es von der Kirche verboten. Sie hat dies Verbot offenbar dem Alten Testament entnommen, dessen Geist jede Geschlechtsregung unter den Gesichtspunkt der Kindererzeugung zu bringen suchte und, als Ausfluß priesterlicher Machtgier, mit Vorbedacht die Urtriebe der Menschheit zu Sünden machte, um das bedrängte Gewissen zu unterjochen. Das war der christlichen Kirche besonders bequem, da sie mit der Verfluchung der Männerliebe die Wurzel der hellenischen Kultur treffen konnte. Sie wissen, daß sich die Stimmen mehren, die gegen die Bestrafung der Päderastie protestieren, weil man fühlt, daß hier aus vererbtem Recht längst Unrecht geworden ist.

Trotz dieser wachsenden Einsicht ist eine baldige Änderung unseres Urteils über die Homosexualität nicht zu erwarten. Das hat einen einfachen Grund. Wir alle verbringen mindestens fünfzehn bis sechzehn Jahre, meistens unser ganzes Leben in der bewußten oder wenigstens halbbewußten Erkenntnis, homosexuell zu sein und so und so oft homosexuell gehandelt zu haben und noch zu handeln. Es geht allen, wie es mir gegangen ist, daß sie zu irgendeiner Zeit ihres Lebens eine übermenschliche Anstrengung machen, diese nach Wort und Schrift verächtliche Homosexualität zu ersticken. Nicht einmal die Verdrängung gelingt ihnen, und um das andauernde, tägliche Sichselbstbelügen durchzuführen, unterstützen sie die öffentliche Lästerung der Homosexualität und erleichtern sich so den inneren Kampf. Man macht eben bei der Betrachtung des Erlebens immer wieder dieselbe Entdeckung: Weil wir uns selbst als Diebe, Mörder, Ehebrecher, Päderasten, Lügner empfinden, eifern wir gegen Raub, Mord und Lüge, damit nur niemand, am wenigsten wir selber, zur Erkenntnis unserer Lasterhaftigkeit kommt. Glauben Sie mir: Was der Mensch haßt, verachtet, tadelt, das ist sein ureigenes Wesen. Und wenn Sie wirklich Ernst mit dem Leben und der Liebe machen wollen, mit der Vornehmheit der Gesinnung, so halten Sie sich an den Spruch:

»Schilt nicht auf mich!
Schilt nur auf dich!
Und fehle ich,
So beßre dich!«

Ich kenne noch einen Grund, warum wir vor der Ehrlichkeit in homosexuellen Fragen zurückweichen, das ist unsre Stellung zur Onanie. Die Wurzel der Homosexualität ist der Narzißmus, die Selbstliebe und Selbstbefriedigung. Der Mensch, der dem Phänomen der Selbstbefriedigung unbefangen gegenübersteht, soll noch geboren werden.

214 Es wird Ihnen aufgefallen sein, daß ich bisher nur von der gleichgeschlechtlichen Liebe zwischen Männern gesprochen habe. Das ist begreiflich, weil ich aus einer Zeit stamme, in der man so tat – oder glaubte man es wirklich? –, daß es eine weibliche Sinnlichkeit außer bei einigen verworfenen Dirnen nicht gäbe. In dieser Hinsicht kann man das vergangene Jahrhundert beinahe spaßhaft nennen; nur sind leider die Folgen dieses Spaßes böse. Es kommt mir so vor, als ob man sich neuerlich wieder auf die Existenz von Brüsten, Scheide und Kitzler besinne und als ob man sogar den Gedanken gestatte, daß es einen weiblichen After mit Kack‑, Furz‑ und Wollustgelegenheiten gäbe. Aber vorläufig ist das doch nur die Geheimwissenschaft der Frauen und einiger Männer. Die große Masse des Publikums scheint das Wort ›homosexuell‹ von ›homo = Mann‹ abzuleiten. Daß die Liebe von Weib zu Weib alltäglich ist und sich offen vor jedermanns Augen abspielt, bemerkt man kaum. Trotzdem bleibt es eine Tatsache, daß eine Frau ohne jede Scheu jedes andere weibliche Wesen, wes Alters es auch sein mag, küssen und herzen darf. So etwas ist eben nicht ›homosexuell‹, ebensowenig wie die weibliche Onanie ›Onanie‹ ist. So etwas gibt es ja gar nicht.

Darf ich Sie an ein kleines Abenteuer erinnern, das wir gemeinsam erlebten: Es muß etwa 1912 gewesen sein; der Kampf um die moralische Verurteilung der Homosexualität ging damals besonders hoch, weil das deutsche Strafgesetzbuch neu bearbeitet wurde; man hatte vorgeschlagen, auch das weibliche Geschlecht unter den Paragraphen 175 zu stellen. Ich war bei Ihnen, und weil wir uns ein wenig gezankt hatten, uns aber doch bald wieder versöhnen wollten, hatte ich eine Zeitschrift zur Hand genommen und blätterte darin. Es war ›Der Kunstwart‹, und darin war ein Aufsatz, in dem eine der höchstgeachteten Frauen Deutschlands sich über weibliche Homosexualität äußerte. Sie nahm scharf gegen den Vorschlag, die Liebe von Weib zu Weib zu bestrafen, Stellung, meinte, damit werde der Aufbau der Gesellschaft in ihren Grundfesten erschüttert, jedenfalls müsse man, wenn man das Strafgesetz auf die Frauen ausdehnen wollte, die Zahl der Gefängnisse vertausendfachen. Ich schob Ihnen in der Hoffnung, ein harmloses Gesprächsthema gefunden zu haben, bei dem wir unseren gegenseitigen Groll verplaudern könnten, das Blatt hin, aber mit einem kurzen ›Ich habe es schon gelesen‹ wiesen Sie meine Annäherung zurück. Die Versöhnung kam dann auf andre Weise zustande, aber am selben Abend erzählten Sie mir ein kleines Geschichtchen aus Ihrer Mädchenzeit, wie Ihre Kusine 215 Lola Ihre Brust geküßt hatte. Ich habe daraus geschlossen, daß Sie die Meinung jener Kämpferin für Straflosigkeit der sapphischen Liebe teilten.

Für mich wurde damals die Frage der Homosexualität gelöst: Dieser Angriff auf Ihre Brust machte mir auf einmal klar, daß die Natur selbst die Erotik zwischen Weib und Weib erzwingt. Denn schließlich werden kleine Mädchen nicht von ihren Vätern, sondern von den Müttern gestillt, und daß das Saugen an der Brustwarze ein Wollustakt ist, weiß jede Frau – und auch der Mann. Daß es kindliche und nicht erwachsene Lippen sind, die diese Wollust hervorrufen, macht höchstens insofern einen Unterschied, als das Kind sanfter und süßer die Brust umschmeichelt, als es der Erwachsene jemals vermag. Die Schreiberin jenes Artikels scheint mir in noch ganz anderm Sinne recht zu haben, wenn sie behauptet, die Grundfesten des menschlichen Lebens werden durch die Bestrafung der Homosexualität erschüttert, denn auf den geschlechtlichen Beziehungen von Mutter und Tochter, von Vater zu Sohn beruht die Welt.

Nun kann man ja frischweg behaupten – und tatsächlich wird es behauptet –, die Menschen seien bis zur Zeit der Pubertät, als Kinder also, samt und sonders bisexuell, um dann in ihrer großen Mehrzahl zugunsten des andern Geschlechts auf die Liebe zum eigenen zu verzichten. Aber das ist nicht richtig. Der Mensch ist bisexuell sein Leben lang und bleibt es sein Leben lang, und höchstens erreicht dieses oder jenes Zeitalter als Konzession für seine modische Sittlichkeit hie und da, daß bei einem Teil – einem recht kleinen Teil – die Homosexualität verdrängt wird, womit sie aber nicht vernichtet, sondern nur eingeengt ist. Und ebensowenig wie es rein heterosexuelle Menschen gibt, ebensowenig gibt es rein homosexuelle. Um das Schicksal, neun Monate lang im Bauch einer Frau zu stecken, kommt selbst der leidenschaftlichste ›Urning‹ nicht herum.

Die Ausdrücke ›homosexuell‹ und ›heterosexuell‹ sind eben Worte, Kapitelüberschriften, unter die jeder schreiben kann, was er will. Irgendein fester Sinn liegt nicht darin. Es ist Stoff zum Schwatzen.

Viel merkwürdiger als die Liebe zum eigenen Geschlecht, die ja als unbedingte Notwendigkeit aus der Selbstliebe folgt, ist es für mich, wie die Liebe zum fremden Geschlecht zustande kommt. Bei dem Knaben scheint mir die Sache einfach zu liegen. Der Aufenthalt im Mutterleibe, die langjährige Abhängigkeit von der 216 weiblichen Pflege, alle die Zärtlichkeiten, Freuden, Genüsse und Wunscherfüllungen, die ihm nur die Mutter gibt und geben kann, sind ein so starkes Gegengewicht gegen den Narzißmus, daß man nicht weiter zu suchen braucht. Aber wie kommt das Mädchen zum Anschluß an das männliche Geschlecht? Ich fürchte die Antwort, die ich darauf gebe, wird Ihnen ebensowenig genügen, wie sie mir genügt. Oder, um es noch deutlicher zu sagen, ich weiß keinen ausreichenden Grund zu nennen. Und da ich eine nicht unbegründete Abneigung habe, mit dem Wort Vererbung zu spielen, da ich von der Vererbung nicht mehr weiß, als daß sie existiert, und zwar in ganz anderer Weise existiert, als man gewöhnlich annimmt, sehe ich mich genötigt zu schweigen. Nur einige Fingerzeige möchte ich geben. Zunächst läßt sich feststellen, daß die Vorliebe des Töchterchens für den Vater sehr früh entsteht. Die Bewunderung für die überlegene Kraft und Größe des Mannes müßte, wenn sie eine der Urquellen der weiblichen Heterosexualität ist, als ein Zeichen originaler Urteilskraft des Kindes aufgefaßt werden. Aber wer soll feststellen, ob diese Bewunderung ursprünglich ist oder erst im Laufe der Zeit eintritt? Genau dieselbe Unklarheit stört mich einem zweiten Faktor gegenüber, der später die Beziehung des Weibes zum Manne stark beeinflußt, dem Kastrationskomplex. Irgendwann entdeckt das kleine Mädchen den Mangel, den sie von Natur hat, und irgendwann – gewiß sehr früh – gibt sich der Wunsch kund, sich das männliche Glied wenigstens durch Liebe zu leihen, wenn es durchaus nicht wachsen will. Gälte es, die weibliche Heterosexualität aus dem Verlauf der ersten Lebensjahre abzuleiten, so wäre es leicht, ausreichende Gründe dafür zu finden. Aber die Zeichen der Bevorzugung des Mannes, der sexuellen Bevorzugung, treten in so jungen Tagen auf, daß sich mit derlei Gedankenspielen nicht viel errichten läßt.

Ich merke, daß ich anfange zu faseln, will Ihnen also lieber statt aller Gelehrtheit noch etwas von mir selber und von der Zahl 83 erzählen. Im Jahre 83 fiel das ominöse Wort über die Onanie, von dem ich berichtete, bald darauf erkrankte ich am Scharlach, und als ich genesen war, befiel mich die große Leidenschaft für den Knaben, mit dem ich im Kreuzgang herumging und den ich küßte. Ich habe Ursache, das Jahr 83 in meinem Unbewußten aufzubewahren.

Eine andere Kleinigkeit muß ich noch nachholen. Ich sagte Ihnen von den Ohnmächten meines ältesten Bruders, die ich als besonders wichtig für die Ausbildung meiner Homosexualität betrachte. 217 Eine dieser Ohnmachten, die mir am deutlichsten im Gedächtnis geblieben ist, fand auf dem Klosett statt. Die Tür mußte aufgebrochen werden, und sowohl die Gestalt meines Vaters mit der Axt in der Hand wie die meines bewußtlos dasitzenden, nach hinten gesunkenen Bruders mit dem entblößten Unterleibe sind mir noch ganz gut erinnerlich. Wenn Sie bedenken, daß das Aufbrechen der Tür die Symbolik des geschlechtlichen Eindringens in einen Menschenleib enthält, daß sich hier also für mein symbolisches Empfinden der Akt zwischen Mann und Mann vollzog, daß weiterhin die Axt den Kastrationskomplex aufwühlte, haben Sie Anknüpfungspunkte für allerlei Überlegungen. Zum Schluß gebe ich Ihnen noch zu erwägen, daß auch die Gleichsetzung von Entbindung und Kotentleerung in Kraft trat und daß das Klosett der Platz ist, an dem das Kind seine Beobachtungen über die Geschlechtsteile der Eltern und Geschwister, speziell des Vaters oder älteren Bruders anstellt. Das Kind ist gewöhnt, von Erwachsenen dorthin begleitet zu werden, erlebt oft genug, daß der Begleiter sein Geschäft gleichzeitig besorgt, und gewöhnt sein Unbewußtes daran, Klosett und ›Sehen nach den Geschlechtsteilen‹ zu identifizieren, ähnlich wie er später Klosett und Onanie zusammen in eine Schublade der Verdrängung tut. Sie werden ja auch wissen, daß der Homosexuelle besonders gern öffentliche Bedürfnisanstalten aufsucht. Alle sexuellen Komplexe stehen eben in engem Verwandtschaftsverhältnis zur Kot- und Urinentleerung.

Es fällt mir auf, daß ich meine Betrachtungen über die Entstehung der Heterosexualität mit Erinnerungen an meine Brüder und an Afterkomplexe unterbrochen habe. Der Grund dafür liegt im heutigen Datum. Es ist der 18. August. Seit etwa vier Wochen erzählt mir jener Kranke, der mich an meinen Bruder erinnert, daß vom 18. August an seine Behandlung keine weiteren Fortschritte machen werde. Tatsächlich ist heute auch eine Verschlimmerung seines Leidens eingetreten. Leider weiß er mir die Ideen seines Unbewußten, die den 18. August für ihn kritisch machen, nicht anzugeben, ich meinerseits aber fühle mich unbehaglich, weil ich den Grund seines Widerstandes nicht kenne und allerlei Schwierigkeiten für die nächste Zeit voraussetze.

Die Frage, wie die Neigung des kleinen Mädchens zum Manne entsteht, ist für mich vorläufig unlösbar, und ich überlasse sie Ihnen zur Beantwortung. Meinerseits möchte ich die Vermutung aussprechen, daß die Frau in ihrer Erotik viel freier der Tatsache der zwei Geschlechter gegenübersteht; es kommt mir vor, als ob 218 sie ein ziemlich gleiches Quantum Liebesfähigkeit für ihr eigenes und für das entgegengesetzte Geschlecht habe, das sie je nach Bedürfnis ohne große Schwierigkeiten gebrauchen kann. Mit andern Worten, mir scheint, daß bei ihr weder die Homosexualität noch die Heterosexualität tief verdrängt wird, daß dieses Verdrängte ziemlich oberflächlich liegenbleibt.

Es ist immer mißlich, Qualitätsgegensätze zwischen Mann und Frau anzunehmen; man darf dabei nicht vergessen, daß es im wirklichen Sinne weder Mann noch Frau gibt, jeder Mensch vielmehr eine Mischung von Mann und Weib ist. Unter dieser Einschränkung bin ich geneigt zu behaupten, daß die Frage der Homosexualität oder Heterosexualität im Leben des Weibes wenig zu bedeuten hat.

Ich füge noch eine weitere Vermutung hinzu: Daß die Bindung an das eigene Geschlecht beim Weibe stärker ist als beim Mann, was mir tatsächlich bewiesen ist, erklärt sich daraus, daß die Selbstliebe und die Liebe der Mutter zum gleichen Geschlecht treiben. Demgegenüber steht, soviel ich sehe, nur ein wichtiger Faktor, der zum Mann hinführt, der Kastrationskomplex, die Enttäuschung, Mädchen zu sein, und der daraus folgende Haß gegen die Gebärerin und der Wunsch, Mann zu werden oder wenigstens einen Knaben zu gebären.

Beim Manne ist die Sache anders. Bei ihm handelt es sich, glaube ich, gar nicht allein um die Frage der Homosexualität oder Heterosexualität, sondern mit dieser Frage ist unlösbar verschmolzen die Frage des Mutterinzestes. Der Trieb, der verdrängt wird, ist die Leidenschaft für die Mutter, und diese Verdrängung reißt unter Umständen die Neigung für die Frauen mit sich in die Tiefe. Vielleicht mögen Sie davon später mehr hören? Es sind leider nur Vermutungen.

Patrik

 

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