Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Georg Groddeck >

Das Buch vom Es

Georg Groddeck: Das Buch vom Es - Kapitel 24
Quellenangabe
typetractate
booktitleDas Buch vom Es
authorGeorg Groddeck
year1983
firstpub1923
publisherFischer Taschenbuch Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-596-26367-0
titleDas Buch vom Es
pages275
created20100528
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

24. Brief

Wie nett von Ihnen, liebe Freundin, daß Sie meine Schreiberei nicht tragisch nehmen, sondern darüber lachen. Ich bin so oft ausgelacht worden und habe dann mit so viel Vergnügen mitgelacht, daß ich oft selbst nicht weiß, meine ich, was ich sage, oder mache ich mich lustig.

Aber sitze nicht auf der Bank, da die Spötter sitzen, heißt es. Ich bilde mir nicht ein, daß das Gemisch von Phantasien, das ich Ihnen neulich als eine ›kindliche Sexualtheorie‹ vorsetzte, wirklich jemals so im Gehirn eines Kindes oder überhaupt in einem andern als dem meinen gewesen sei. Bruchstücke davon werden Sie aber überall finden, oft verwittert, kaum kenntlich, oft eingemauert in andre Phantasiereihen. Worauf es mir ankam, war, Ihnen recht deutlich zu machen, es Ihnen in die innerste Seele zu prägen, daß das Kind sich unausgesetzt mit den Rätseln der Sexualität, des Eros, des Es beschäftigt, viel intensiver als irgendein Psychologe oder Psychoanalytiker, daß es sich wesentlich durch den Versuch, diese Rätsel zu lösen, entwickelt; mit andern Worten, daß unsre Kindheit sich sehr wohl als die Schule betrachten läßt, in der Eros uns unterrichtet. Und nun denken Sie sich die abenteuerlichsten Phantasien aus, wie sich das Kind Empfängnis, Geburt, Geschlechtsunterschied vorstellt, Sie werden nie auch nur den millionsten Teil dessen ausdenken können, was sich das Kind, jedes 193 Kind in Wahrheit darüber zusammenträumt; ja, Sie werden im Grunde genommen nur ausdenken können, was Sie selbst wirklich einmal als Kind gedacht haben. Denn das ist das Merkwürdige am Es – und ich bitte Sie, es wohl im Gedächtnis zu behalten –, daß es nicht wie wir hochbegabten Verstandes-Ichs zwischen Wirklichkeit und Phantasie unterscheidet, sondern daß ihm alles wirklich ist. Und wenn Sie nicht schon ganz verdummt sind, werden Sie einsehen, daß das Es recht hat.

Ja, ich kann Ihnen über das Schicksal des Schwänzchens, das Sie sich von der Mutter verzehrt vorstellen sollen, auch etwas erzählen, nicht viel, aber etwas. Aus diesem Schwänzchen, vermutet das Kind, wird die Wurst. Nicht aus all den Eiern, die verzehrt werden, entstehen Schwangerschaften, .die meisten werden im Bauche, wie jede andre Speise, in braune, kakaoähnliche Masse verwandelt, und diese Masse nimmt, weil in ihr auch das aufgegessene, wurstförmige Schwänzchen ist, die längliche Wurstform an. Ist es nicht seltsam, daß im dreijährigen Kindergehirn schon die Philosophie der Form drin ist und auch die Theorie von den Fermenten? Sie können sich das nicht wichtig genug vorstellen; denn die Gleichsetzung ›Stuhlgang – Geburt – Kastration – Empfängnis‹ und ›Wurst – Penis – Vermögen – Geld‹ wiederholt sich täglich und stündlich in der Ideenwelt unsres Unbewußten, macht uns reich oder arm, verliebt oder schläfrig, schaffend oder faul, potent oder impotent, glücklich oder unglücklich, gibt uns eine Haut, in der wir schwitzen, stiftet Ehen und reißt sie auseinander, baut Fabriken und erfindet, was geschieht, ist überall beteiligt, auch bei den Krankheiten. Oder vielmehr bei den Krankheiten läßt diese Gleichsetzung sich am leichtesten entdecken; man muß sich nur nicht vor Hohn der Verständigen fürchten.

Spaßeshalber teile ich Ihnen noch eine andre Idee mit, die das Hirn des Kindes ausgebrütet hat und die sich, wie es scheint, gar nicht selten bei dem Erwachsenen lebend erhält; das ist der Gedanke, daß sich das verzehrte Schwänzchen ein- oder zweimal in einen Stock verwandelt, entsprechend der Erektion, daß sich die Eierchen daran festsetzen, und daß daraus ein Eierstock wird. Ich kenne jemanden, der war impotent, das heißt, er versagte im Moment, wo er sein Glied in die Scheide einführen sollte. Er hatte die Idee, daß sich im Leibe der Frau Stöcke befänden, an denen Eier aufgereiht wären. »Und da ich einen besonders großen Schwanz habe«, dachte seine Eitelkeit, »so werde ich beim Zustoßen all diese Eier zerbrechen.« Er ist jetzt gesund. Das Merkwürdige dabei ist, daß er als Junge eine große Eiersammlung hatte. Und beim 194 Ausblasen der Eier, die er den Vogelmüttern aus dem Nest nahm, fand sich ab und zu eins, in dem schon ein Junges war. Und darauf ging seine Theorie vom Eierstock zurück. Den großen Logikern ist das eine Torheit, aber achten Sie es nicht für zu gering, darüber nachzudenken.

Ich kehre zu meinen Einfällen über die Situation zurück, in der ich mich neulich beim Briefschreiben befand – sie wissen wohl, als ich von der Uhrkette sprach. Ich bin Ihnen noch das Jucken am rechten Schienbein und das Bläschen an der Oberlippe schuldig. Seltsamerweise kehrte sich das Wort ›Schienbein‹ sofort in ›Beinschiene‹ um, und dabei stieg vor mir das Bild des Achill auf, wie ich es aus meiner Kindheit – etwa aus meinem achten oder neunten Lebensjahr – in der Erinnerung habe. Es ist eine Illustration zu Schwabs griechischen Heldensagen. Und das Wort ›unnahbar‹ fällt mir ein. Wo soll ich anfangen? Wo soll ich aufhören? Meine Kindheit wacht auf, und etwas weint in mir.

Kennen Sie Schillers Gedicht von ›Hektors Abschied von Andromache‹? Mein zweiter Bruder Hans – ich erzählte neulich von ihm bei Gelegenheit des Namens Hans am Ende –, ja richtig, er hatte eine Wunde am rechten Schienbein. Er war beim Rodeln gegen einen Baum gefahren; ich muß fünf oder sechs Jahre alt gewesen sein. Am Abend – die Lampe brannte schon – trug man den halbwüchsigen Jungen herein, und dann sehe ich die Wunde vor mir, eine vier Zentimeter lange tiefe Wunde, blutend. Sie hat einen entsetzlichen Eindruck auf mich gemacht; ich weiß jetzt, warum. Das Bild dieser Wunde vermischt sich unlösbar mit einem andern, wo schwarze Blutegel am Rande dieser Wunde hängen, und ein oder zwei sind abgefallen; die Erschaffung Evas, die Kastration, Blutegel, abgeschnittenes Schwänzchen, Wunde und Weibsein. Und der Vater hat die Blutegel angesetzt.

Rodeln. – Warum rodeln doch die Menschen? Wußten Sie schon, daß die schnelle Bewegung genitale Lust erregt? Seitdem der Gleitflug erfunden ist, weiß es jeder Flieger. Es treten dabei – mitunter – Erektionen und Ejakulationen auf; das Leben selbst gibt Antwort darauf, warum der Mensch seit Jahrtausenden und Jahrmillionen träumte, er wolle und könne fliegen, warum die Sage vom Ikarus entstand, warum Engel und Amoretten Flügel haben, warum jeder Vater sein Kind hochhebt und durch die Luft fliegen läßt und warum das Kind jauchzt. Das Schlittenfahren, das 195 Rodeln war für den Knaben Patrik Onaniesymbol und die Wunde mit den Blutegeln die Strafe.

Aber zurück zu Hektors Abschied und den ›unnahbaren Händen‹. Mein zweiter Bruder Hans und der dritte Wolf – ein verhängnisvoller Name, wie Sie gleich sehen werden – pflegten das Gedicht dramatisch vorzuführen, wobei die Familie und etwa vorhandene Gäste das Publikum bildeten. Und dabei wurde ein Radmantel meiner Mutter mit rotem Futter und weißem Pelzbesatz als Schmuck für Andromache verwendet; der Purpur mit dem Hermelin, das ist die große Wunde des Weibes und die Haut, das Blut und die Binde. Welch einen Eindruck hat das alles auf mich gemacht! Gleich im Anfang die Worte: »Dem Patroklus schrecklich Opfer bringt.« ›Patroklus – Patrik‹ und das Opfer, das Abschneiden, Abrahams Opfer und die Beschneidung und das Weinen durch die Wüste, die nun nach der Rache des Achill, nach der Kastration entsteht. Der Kleine, der Penis, der nicht mehr ›Speere werfen‹ wird, weil den Hektor der finstre Orkus verschlingt. Hektor ist der Knabe und der Orkus der Mutterschoß und das Grab, um den Inzest handelt es sich, den ewigen Wunsch des Menschen und des kleinen Patrik. Ödipus. Welche Schauer rieselten mir den Rücken entlang bei den Worten: »Horch, der Wilde tobt schon an den Mauern.« Ich kannte dieses Toben, den furchtbaren Zorn des Vaters Achill. Und Lethes Strom vermischt sich mit dem Bächlein auf der Wiese aus Struwwelpeters Paulinchen, dem Onanielied des Mädchens, und mit den bettnässenden Urinströmen in tiefvergeßnem Schlaf.

Gewiß, Liebe, ich wußte das damals nicht, wußte es nicht mit dem Verstande; aber mein Es wußte es, tiefer und besser verstand es das alles, als ich es jetzt verstehe, trotz all meines Bemühens um Kenntnis eigner und fremder Seele.

Lassen Sie mich lieber von jenem Buche sprechen, von Schwabs griechischen Sagen. Man schenkte es mir zu Weihnachten. Meine Eltern waren damals schon verarmt, und deshalb waren die drei Bände nicht neue Bücher, sondern nur neu eingebunden. Sie hatten früher dem ältesten Bruder gehört, was ihren Wert für mich bedeutend erhöhte. Und zu diesem Ältesten fällt mir wieder mancherlei ein, aber erst muß ich die Sache mit dem Schwab beenden. Der eine Band – er handelt von dem Trojanischen Krieg – hatte abgeknickte Ecken. Ich hatte damit auf meinen Bruder Wolf eingeschlagen, auf den fünf Jahre älteren, der mich bis zur Wut 196 neckte und dann spielend mit einer Hand bändigte. Wie habe ich ihn gehaßt, und doch, wie muß ich ihn geliebt haben, wie habe ich ihn bewundert, den Starken, den Wilden, den Wolf.

Ich muß Ihnen etwas sagen: Wenn ich irgendwie elend bin, Hals- oder Kopfschmerzen habe, taucht bei der Analyse das Wort ›Wolf‹ auf. Mein Bruder Wolf ist unlösbar mit meinem innern Leben verknüpft, mit meinem Es. Es scheint nichts Wichtigeres für mich zu geben als diesen Wolf-Komplex. Und dabei vergehen Jahre, daß ich nicht an ihn denke, und dabei ist er längst tot. Aber er drängt sich ein in meine Ängste, er ist dabei, was ich auch tue. Stets, wenn der Kastrationskomplex auftaucht, ist Wolf dabei, und etwas Dunkles, Furchtbares bedroht mich. Ich besinne mich nur auf ein einziges Sexualerlebnis, das ich mit ihm in Verbindung bringe. Ich sehe die Szene noch vor mir, es war im Freien, und ein Schulkamerad Wolfs hielt eine Spielkarte gegen das Licht. Und irgend etwas Seltsames kam bei dem durchfallenden Licht zutage, was sonst nicht zu sehen war, etwas Verbotenes; denn ich besinne mich noch auf das scheue Wesen der beiden mit ihrem schlechten Gewissen. Was es war, weiß ich nicht. Aber mit dieser einen Erinnerung ist innig untrennbar verwoben eine zweite, wie mein Bruder Wolf demselben Kameraden gegenüber seinen Namen Wolfram vom Riesen Wolfgrambär ableitete, was auf mich schauerlich wirkte. Und jetzt weiß ich, daß der Riese der personifizierte Phallus ist.

Plötzlich fällt mir eine Kaulbachsche Illustration zu ›Reineke Fuchs‹ ein, wie der Wolf Isegrim in das Bauernhaus eingebrochen ist, entdeckt wird, den Bauern umgeworfen hat und mit dem Kopf unter dessen Hemde steckt. Ich habe das Bild seit mindestens vierzig Jahren nicht gesehen, aber es steht mir ziemlich deutlich vor Augen. Und ich weiß jetzt, daß der Wolf dem Bauern den Geschlechtsteil abbeißt. Es ist eins der wenigen Bilder, die mir in Erinnerung geblieben sind. Isegrim aber – Grimm war der Name des Knaben, von dem ich die Onanie lernte –, bezeichnend genug, wollte mich warnen und lehrte mich, was tief verdrängt war.

Wie kam das Epos vom Reineke Fuchs dazu, gerade den Wolf als Kastrationstier zu wählen, wie kam Kaulbach dazu, dies Ereignis zum Bilde zu formen? Was bedeutet das Märchen vom Rotkäppchen und das von den sieben Geißlein? Kennen Sie es? Die alte Geiß geht aus und warnt vorher ihre sieben Kinderchen, ja die Tür verschlossen zu halten und den Wolf nicht ins Haus zu lassen. Aber der Wolf drängt sich doch ein und verschlingt all die Geißlein 197 bis auf das Jüngste, das im Uhrkasten steckt. Dort findet es die Mutter bei der Heimkehr. Das Geißlein erzählt von den Untaten des Wolfs, beide machen sich auf die Suche nach dem Räuber, finden ihn, gesättigt vom Fraß, in tiefem Schlaf liegen und schneiden ihm, da sich in seinem Bauch etwas zu regen scheint, den Bauch auf, wonach all die verschlungenen sechs Geißlein wieder zum Vorschein kommen. Nun füllt die Mutter dem bösen Tier den Bauch mit großen Wackersteinen und näht ihn wieder zu. Der Wolf erwacht durstig und fällt, als er sich über den Brunnen beugt, um zu trinken, von den schweren Steinen gezogen, in die Tiefe.

Ich maße mir nicht an, das Märchen so zu deuten, daß sich alle Geheimnisse, die die Volksseele hineingedichtet hat, aufhellen. Aber einiges darf ich wohl darüber sagen, ohne allzu verwegen zu sein. Zunächst ist das Aufschneiden des Bauches, aus dem dann junges Leben hervorkommt, als Geburtssymbol leicht verständlich, da es an die allgemeingültige Idee des Kindes, bei der Entbindung werde der Bauch aufgeschnitten und dann wieder zugenäht, anknüpft. Damit ist auch das Motiv des Verschlingens, ohne daß die Geißlein sterben, erklärt: Es ist die Empfängnis. Und aus der Mahnung der Mutter, die Tür verschlossen zu halten, kann man den Hinweis herauslesen, daß es nur eine Jungfernschaft zu verlieren gibt und daß das Maidlein niemand einlassen soll »als mit dem Ring am Finger«. Aber rätselhaft bleibt, was mit der Rettung des siebenten Geißleins, mit seinem Sichverstecken im Uhrkasten gemeint ist. Sie wissen, welche Rolle die Sieben in dem menschlichen Leben spielt; man begegnet ihr überall, bald als guter, bald als böser Zahl. Auffallend ist dabei, daß die Bezeichnung ›böse Sieben‹ ausschließlich für die Frau gebraucht wird. Es ist wohl anzunehmen, daß die ›gute Sieben‹ den Mann bezeichnet. Das stimmt auch; denn während das Weib mit Kopf, Rumpf und vier Gliedern als Sechs charakterisiert ist, hat der Mann noch ein fünftes Glied, das Zeichen der Herrschaft. Das siebente Geißlein ist demnach das Schwänzchen, das nicht verschlungen wird, das sich im Uhrkasten verbirgt und heil und ganz daraus hervorspringt. Und es bleibt Ihnen nun unbenommen, ob Sie annehmen wollen, daß der Uhrkasten die Vorhaut ist oder die Scheide, die das Siebente nach der Samenergießung wieder verläßt. Daß der Wolf schließlich in den Brunnen fällt, vermag ich mir nicht recht zu erklären; höchstens könnte ich sagen, daß es, wie so oft, eine Verdoppelung des Hauptmotivs der Geburt ist, wie sich denn auch das Verstecken im Kasten als Schwangerschaft und Geburt deuten läßt. Wir wissen 198 aus den Träumen, daß das Ins-Wasser-Fallen ein Schwangerschaftssymbol ist.

Soweit ist die Geschichte leidlich aus dem schönen Märchenstil in plattes Alltagserleben umgestaltet. Es bleibt nur der Wolf übrig. Und Sie wissen, bei dem fangen meine persönlichen Komplexe an. Aber ich will doch versuchen, etwas daraus zu machen. Ich möchte dazu auf die Sieben zurückgreifen. Das Siebente ist der Knabe. Die Sechs zusammen sind die böse Sieben, das Mädchen, an dem das Siebente erkrankt und weggefressen, böse ist, weil es onanierte, bös handelte. Danach würde der Wolf die Kraft sein, die aus der Sieben die Sechs macht, die den Knaben in das Mädchen verwandelt, ihn kastriert, ihm das Schwänzchen abschneidet. Er würde mit dem Vater identisch werden. Ist es so, dann gewinnt das Öffnen der Tür ein anderes Aussehen; es ist dann die frühzeitige Onanie der Sieben, des Knaben, der seine Sieben durch Reiben geschwürig, böse macht, so daß der Wolf ihn auffrißt, um ihn als Mädchen mit einer Wunde statt des Schwänzchens in die Welt zu setzen. Das siebente Geißlein wartet unter Vermeidung der Onanie oder wenigstens der Onanieentdeckung im Uhrkasten, in der Vorhaut die Zeit ab, wo es geschlechtsreif wird, und behält deshalb sein Knabenzeichen. Das Wort ›böse‹, das der Sieben hinzugefügt wird, um das Weib zu bezeichnen, stellt in seinem weiteren Sinn der Eiterung, des Geschwüres die Assoziation zur Syphilis und zum Krebs her und gibt eine Handhabe, um die bei jeder Frau auftretende Angst vor diesen beiden Erkrankungen zu begreifen. Das Fressen der Geißlein führt zu der Kindertheorie von der Empfängnis durch Verschlucken des Keimes hin, eine Verbindung, die im Märchen vom Däumling in der Person des Menschenfressers wiederkehrt. Bei ihm ist dann im Siebenmeilenstiefel der Zusammenhang zwischen Wolf und Mann oder Vater hergestellt; denn man geht wohl nicht fehl, in diesem Wunderstiefel ein Symbol der Erektion zu sehen.

Nun muß ich noch auf etwas zurückgreifen, was ich früher erwähnt habe, daß nämlich das Kind sich nicht gern in den Mund sehen läßt. Es fürchtet das Abschneiden des Zäpfchens. In der Bezeichnung Wolfsrachen haben Sie die Assoziation zwischen Wolf und Onanie. Dem Wolfsrachen fehlt das Zäpfchen, das ja das männliche Schwänzchen darstellt, es ist kastriert. Er versinnbildlicht die Strafe der Onanie. Und wenn Sie je bei einem Menschen einen Wolfsrachen gesehen haben, wissen Sie, wie fürchterlich die Strafe ist.

199 Damit bin ich zu Ende. Ich weiß nicht, ob Ihnen die Deutung gefällt. Mir hat sie über viele Schwierigkeiten meines Wolf-Isegrim-Bruderkomplexes hinweggeholfen.

Herzlichst

Patrik

 

 << Kapitel 23  Kapitel 25 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.