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Das Buch vom Es

Georg Groddeck: Das Buch vom Es - Kapitel 2
Quellenangabe
typetractate
booktitleDas Buch vom Es
authorGeorg Groddeck
year1983
firstpub1923
publisherFischer Taschenbuch Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-596-26367-0
titleDas Buch vom Es
pages275
created20100528
sendergerd.bouillon@t-online.de
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2. Brief

Liebe Freundin, Sie sind nicht zufrieden; es ist zu viel Persönliches in meinem Brief; und Sie wollen mich objektiv haben. Ich glaubte, ich sei es gewesen.

Lassen Sie uns sehen: Ich schrieb über Berufswahl, Abneigungen und inneren Zwiespalt, der von Kindheit an besteht. Allerdings sprach ich von mir selber; aber diese Erlebnisse sind typisch. Übertragen Sie sie auf andere Menschen, so wissen Sie über vieles Bescheid. Vor allem das eine wird Ihnen klar, daß unser Leben auch von Kräften regiert wird, die nicht offen zutage liegen, die erst mühsam aufgesucht werden müssen. Ich wollte an einem Beispiel, an meinem Beispiel zeigen, daß sehr vieles in uns vorgeht, was außerhalb unseres gewohnten Denkens liegt. Aber 27 vielleicht sage ich Ihnen besser gleich, was ich mit meinen Briefen beabsichtige. Sie können dann entscheiden, ob der Gegenstand ernst genug ist. Wenn ich einmal in Klatsch oder in Redensarten versinke, sagen Sie es; dann ist uns beiden geholfen.

Ich bin der Ansicht, daß der Mensch vom Unbekannten belebt wird. In ihm ist ein Es, irgendein Wunderbares, das alles, was er tut und was mit ihm geschieht, regelt. Der Satz: »Ich lebe« ist nur bedingt richtig, er drückt ein kleines Teilphänomen von der Grundwahrheit aus: »Der Mensch wird vom Es gelebt.« Mit diesem Es werden sich meine Briefe beschäftigen. Sind Sie damit einverstanden?

Und nun noch eins. Wir kennen von diesem Es nur das, was innerhalb unseres Bewußtseins liegt. Weitaus das meiste ist unbetretbares Gebiet. Aber wir können die Grenzen unseres Bewußtseins durch Forschung und Arbeit erweitern und wir können tief in das Unbewußte eindringen, wenn wir uns entschließen, nicht mehr wissen zu wollen, sondern zu phantasieren. Wohlan, mein schöner Doktor Faust, der Mantel ist zum Flug bereit. Ins Unbewußte . . .

Ist es nicht merkwürdig, daß wir von unsern drei ersten Lebensjahren nichts mehr wissen? Hie und da kramt einer noch eine schwache Erinnerung an ein Gesicht, eine Türe, eine Tapete oder sonst irgend etwas aus, was er in seiner frühesten Kindheit gesehen haben will. Aber ich habe noch nie jemanden getroffen, der sich an seinen ersten Schritt erinnert hätte oder an die Art, wie er sprechen, essen, sehen, hören gelernt hat. Und das alles sind doch Erlebnisse. Ich könnte mir vorstellen, daß ein Kind, wenn es zum ersten Mal durch die Zimmer rutscht, tiefere Eindrücke bekommt als ein Erwachsener durch eine Reise nach Italien. Ich könnte mir vorstellen, daß ein Kind, das zum ersten Mal erkennt, der Mensch dort mit dem gütigen Lächeln ist die Mutter, tiefer davon ergriffen wird als ein Mann, der seine Geliebte heimführt. Warum vergessen wir das alles?

Darauf läßt sich vieles sagen; aber eine Erwägung muß erst erledigt werden, ehe man an die Antwort gehen kann. Die Frage ist falsch gestellt. Wir vergessen jene drei ersten Jahre nicht, die Erinnerung daran scheidet nur aus unserem Bewußtsein aus, im Unbewußten lebt sie fort, bleibt sie so lebendig, daß alles, was wir tun, aus diesem unbewußten Erinnerungsschatze gespeist wird: Wir gehen, wie wir es damals lernten, wir essen, wir sprechen, wir empfinden in der Art, wie wir es damals taten. Es gibt also Dinge, die vom Bewußtsein verworfen werden, obwohl sie 28 lebensnotwendig sind, die, weil sie notwendig sind, in Regionen unseres Wesens aufbewahrt werden, die man das Unbewußte genannt hat. Warum aber vergißt das Bewußtsein Erlebnisse, ohne die der Mensch nicht bestehen kann?

Darf ich die Frage offenlassen? Ich werde sie noch oft stellen müssen. Aber jetzt liegt mir mehr daran, von Ihnen als Frau zu erfahren, warum die Mütter so wenig von ihren eigenen Kindern wissen, warum auch sie das Wesentliche dieser drei Jahre vergessen. Vielleicht tun die Mütter auch nur so, als ob sie es vergäßen. Oder vielleicht kommt auch ihnen das Wesentliche nicht zum Bewußtsein.

Sie werden schelten, daß ich mich wieder über die Mütter lustig mache. Aber wie soll ich mir anders helfen? In mir lebt die Sehnsucht. Wenn ich trübe bin, ruft mein Herz nach der Mutter und findet sie nicht. Soll ich mit Gott und der Welt grollen? Da ist es besser, über sich selbst zu lachen, über dieses Kindsein, aus dem man nie herauskommt. Denn mit dem Erwachsensein ist es solch eine Sache; man ist es selten, nur auf der Oberfläche, spielt es nur, wie das Kind auch Großsein spielt. Sobald wir tief leben, sind wir Kind. Für das Es gibt es kein Alter, und das Es ist unser eigentliches Leben. Sehen Sie sich doch den Menschen in den Augenblicken tiefsten Leidens, tiefster Freude an: Das Gesicht wird kindlich, die Bewegungen werden es, die Stimme bekommt die Biegsamkeit wieder, das Herz klopft wie in der Kindheit, die Augen glänzen oder trüben sich. Gewiß, wir suchen das alles zu verstecken, aber es ist doch deutlich da, und wir bemerken es nur nicht ohne weiteres, weil wir die kleinen Zeichen, die so laut reden, an uns selbst nicht wahrnehmen wollen und sie deshalb auch bei anderen übersehen. Man weint nicht mehr, wenn man erwachsen ist? Doch bloß, weil es nicht Sitte ist, weil irgendein dummer Teufel es aus der Mode brachte. Mir hat es immer Spaß gemacht, daß Ares wie zehntausend Männer schrie, als er verwundet wurde. Und daß Achill Tränen über Patroklos vergießt, setzt ihn nur in den Augen des Gernegroß herab. Wir heucheln, das ist das Ganze. Wir getrauen uns nicht einmal, aufrichtig zu lachen. Aber das hindert doch nicht, daß wir, wenn wir etwas nicht können, wie Schuljungen aussehen, daß wir denselben Ausdruck der Angst haben, den wir als Knaben hatten, daß uns kleine Gewohnheiten des Gehens, Liegens, Sprechens unablässig begleiten und jedem, der es sehen will, sagen: ›Sieh da, ein Kind.‹ Beobachten Sie jemanden, der allein zu sein glaubt, sofort kommt das Kind zum Vorschein, manchmal in sehr komischer Form, man gähnt, man kratzt sich 29 ungeniert am Kopf und Hintern, man popelt gar in seiner Nase und – ja, es muß gesagt sein – man pupt. Die feinste Dame pupt. Oder beobachten Sie Menschen, die ganz versenkt in irgendeine Tätigkeit, in irgendein Denken sind, schauen Sie sich Liebende an oder Kranke oder Greise; sie alle sind hie und da Kinder.

Wenn man es sich ein wenig zurechtlegt, kommt einem das Leben wie ein Maskenfest vor, zu dem man sich verkleidet, vielleicht zehn-, zwölf-, hundertmal verkleidet, aber man geht doch hin als das, was man ist, bleibt unter der Verkleidung inmitten der Masken, was man ist, und geht wieder davon, genau so wie man hinging. Das Leben beginnt mit dem Kindsein und geht auf tausend Wegen durch das Mannesalter hin nach dem einen Ziel, wieder Kind zu werden, und nur der einzige Unterschied ist zwischen den Menschen, ob sie kindisch werden oder kindlich.

Dasselbe Phänomen, daß in uns etwas ist, das nach eigenem Belieben in allen möglichen Altersstufen auftritt, können Sie auch bei Kindern sehen. Das Greisenhafte im Säuglingsantlitz ist bekannt und oft besprochen. Aber gehen Sie über die Straße und sehen Sie sich die kleinen drei-, vierjährigen Mädchen an – bei ihnen ist es deutlicher als bei den Knaben, wofür sich wohl ein Grund angeben ließe –; sie sehen mitunter aus, als ob sie ihre eigenen Mütter wären. Und zwar alle, nicht nur hie und da eine, die früh vom Leben angefaßt ist, nein, eine jede und ein jeder hat diesen seltsam alten Ausdruck zuzeiten. Da ist eine, die hat den zänkischen Mund der verbitterten Frau, dort eine, deren Lippen die Neigung zum Klatsch verraten, dort wieder sehen Sie die alte Jungfer und dort die Kokette. Und dann, wie oft sieht man die Mutter schon im kleinsten Kinde. Es ist nicht Nachahmung allein, es ist das Es, das waltet. Das wird zuweilen Herr über das Alter, verfügt darüber, wie wir dieses oder jenes Kleid anziehen.

Vielleicht ist es auch Neid, der mich über die Mutter spotten läßt, Neid, daß ich nicht selbst Weib bin und Mutter werden kann. Lachen Sie nur nicht, es ist wirklich wahr, und nicht nur mir geht es so, sondern allen Männern, selbst denen, die sich gar männlich vorkommen. Die Sprache beweist es schon, der männlichste Mann scheut sich nicht zu sagen, daß er mit dem oder jenem Gedanken schwanger geht, er spricht von seinem Geisteskinde und nennt die mühevoll beendete Tat eine schwere Geburt.

Und das sind nicht nur Wortklänge. Sie schwören ja auf die Wissenschaft. Nun, daß der Mensch aus Mann und Weib entsteht, ist doch wohl eine wissenschaftlich begründete Tatsache, wenn man sie auch nicht im Denken und Reden berücksichtigt, wie das 30 so oft bei einfachen Wahrheiten vorkommt. Also ist im Wesen, das sich Mann nennt, Weib vorhanden, im Weibe Mann, und an der Idee des Mannes, ein Kind zu bekommen, ist das einzig Seltsame, daß sie hartnäckig geleugnet wird. Aber das Leugnen tut dem Geschehen keinen Abbruch.

Diese Mischung von Mann und Weib ist manchmal verhängnisvoll. Es gibt Menschen, deren Es im Zweifel steckenbleibt, die alles von zwei Seiten sehen, die Sklaven eines doppelten Kindheitseindruckes sind. Als solche Zweifler nannte ich Ihnen die Ammenkinder. Und tatsächlich alle vier, von denen ich Ihnen berichtete, besitzen ein Es, das zuzeiten nicht weiß, ist es Mann oder Weib. Von mir wissen Sie längst aus eigenen Erinnerungen, daß mir der Bauch unter irgendeinem Eindruck anschwillt und daß er plötzlich zusammensinkt, wenn ich Ihnen davon erzähle. Sie wissen auch, daß ich es meine Schwangerschaft nenne. Aber Sie wissen nicht – oder erzählte ich es Ihnen schon? –, gleichgültig; hier erzähle ich es nochmals. Vor beinah zwanzig Jahren wuchs mir ein Kropf am Halse. Ich wußte damals noch nicht, was ich jetzt weiß oder zu wissen glaube. Genug, ich lief zehn Jahre lang mit einem dicken Hals durch die Welt und habe mich damit abgefunden, dies Ding vor meiner Kehle mit ins Grab zu nehmen. Dann kam die Zeit, wo ich das Es kennenlernte, und ich sah ein – auf welchem Wege, ist nicht nennenswert –, daß jener Kropf ein phantasiertes Kind sei. Sie haben sich selbst gewundert, wie ich jenes monströse Ding loswerden konnte, ohne Operation, ohne Behandlung, ohne Jod und Thyreoidin. Ich bin der Ansicht, daß der Kropf verschwand, weil mein Es einsehen lernte und mein Bewußtsein einsehen lehrte, daß ich wirklich wie jeder Mensch ein doppeltes Geschlechtswesen und -leben habe, daß es unnötig ist, das handgreiflich durch eine Geschwulst zu beweisen. Weiter, jene Frau, die ohne Not im Wöchnerinnenheim die Wonne fremder Entbindungen genoß, hat Zeiten, in denen ihre Brüste ganz verkümmern; dann wacht in ihr das Mannsein auf und treibt sie unwiderstehlich dazu, im Liebesspiel den Mann unter sich zu legen und auf ihm zu reiten. Das Es der dritten, jener Einsamen, ließ zwischen ihren Schenkeln ein Gewächs entstehen, das wie ein Schwänzchen aussah, und – seltsam zu denken – sie pinselte es mit Jod, wie sie glaubte, um es zu beseitigen, in Wahrheit, um dem Kopf des Gebildes den roten Schein der Eichel zu geben. Dem letzten Ammenkind, das ich erwähnte, geht es wie mir, ihm schwillt der Bauch in phantastischer Schwangerschaft. Und dann hat er Gallenkoliken, 31 Entbindungen, wenn Sie wollen, vor allem aber hat er mit dem Blinddarm zu tun – wie alle, die gern kastriert werden, Weib werden wollen ; denn das Weib entsteht – so glaubt das kindische Es – aus dem Mann durch Abschneiden der Geschlechtsteile. Drei Anfälle von Blinddarmentzündung kenne ich bei ihm. Bei allen dreien ließ sich der Wunsch, Weib zu sein, nachweisen. Oder habe ich ihm den Wunsch nur eingeredet, Weib zu sein? Das ist schwer zu sagen.

Ich muß Ihnen noch von einem fünften Ammenkind erzählen, einem mit Talent reich begabten Manne, der aber als Wesen mit zwei Müttern in allem halb ist und der Halbheit mit Pantopon Herr zu werden sucht. Aus Aberglauben, behauptet die Mutter, hat sie ihn nicht genährt; zwei Söhne waren ihr gestorben, diesen dritten hat sie nicht an die Brüste gelegt. Er aber weiß nicht, ob er Mann oder Weib ist, sein Es weiß es nicht. In früher Kindheit wurde das Weib in ihm lebendig, da lag er lange krank an einer Herzbeutelentzündung, einer phantasierten Herzschwangerschaft. Und später hat sich das wiederholt als Brustfellentzündung und homosexueller unwiderstehlicher Zwang.

Lachen Sie ruhig über mein abenteuerliches Märchenerzählen. Ich bin gewöhnt, verlacht zu werden, und habe es gern, mich ab und zu von neuem dagegen abzuhärten.

Darf ich Ihnen noch eine kleine Geschichte erzählen? Ich habe sie von einem Mann, der längst begraben ist, vom Krieg verschlungen. Er ist fröhlich in den Tod hineingesprungen, denn er gehörte zu dem Typus der Helden. Er erzählte davon, wie der Hund seiner Schwester, ein Pudel, eines Tages, er mochte damals siebzehn Lebensjahre zählen, sich an seinem Beine gerieben, onaniert habe. Er habe interessiert zugesehen, als dann aber der Samen über sein Bein geflossen sei, habe ihn plötzlich die Idee gepackt, daß er nun junge Hunde gebären werde, und diese Idee sei ihm Wochen und Monate lang nachgegangen.

Wenn Sie Lust hätten, könnten wir uns jetzt ein wenig ins Märchenland begeben, von den Königinnen sprechen, denen statt der echten Söhne neugeborene Hunde in die Wiege gelegt werden, und könnten daran allerlei Betrachtungen über die seltsame Rolle knüpfen, die der Hund im verschwiegenen Leben des Menschen spielt, Betrachtungen, die ein helles Licht auf den pharisäischen Abscheu des Menschen vor perversem Empfinden und Handeln werfen. Aber vielleicht wäre das ein wenig zu intim. Bleiben wir lieber bei der Schwangerschaft des Mannes. Sie ist recht häufig.

Das Auffällige bei einer Schwangeren ist der dicke Bauch. Was 32 sagen Sie dazu, daß ich vorhin behauptete, auch beim Manne sei der dicke Bauch als Schwangerschaftserscheinung zu deuten? Selbstverständlich hat er nicht wirklich ein Kind im Leib. Aber sein Es schafft sich diesen dicken Bauch an, durch Essen, Trinken, durch Blähungen oder sonstwie, weil es schwanger zu sein wünscht und infolgedessen schwanger zu sein glaubt. Es gibt symbolische Schwangerschaften und symbolische Geburten, sie entstehen im Unbewußten und dauern mehr oder weniger lange, sie verschwinden aber unbedingt, wenn die unbewußten Vorgänge in ihrer symbolischen Bedeutung aufgedeckt werden. Das ist nicht ganz einfach, aber hie und da gelingt es, namentlich bei Auftreibungen des Bauches durch Luft oder bei irgendwelchen symbolischen Entbindungsschmerzen in Leib, Kreuz, Kopf. Ja, so sonderbar ist das Es, daß es sich gar nicht um die anatomisch-physiologische Wissenschaft kümmert, sondern selbstherrlich die alte Sage von Athenes Geburt aus dem Haupt des Zeus wiederholt. Und ich bin Phantast genug anzunehmen, daß dieser Mythus – ähnlich wie andere – dem Walten des Unbewußten entsprungen ist. Der Ausdruck ›mit Gedanken schwanger gehen‹ muß wohl tief drin im Menschen sitzen, ihm besonders wichtig sein, daß er ihn zur Sage umgestaltet hat.

Selbstverständlich kommen solche symbolischen Schwangerschaften und Geburtswehen auch bei gebärfähigen Frauen vor, vielleicht sind sie bei ihnen noch häufiger; sie entstehen aber ebensogut bei alten Frauen, scheinen sogar während und nach dem Klimakterium eine große Rolle in den verschiedensten Krankheitsformen zu spielen; ja, auch Kinder geben sich mit solchen Phantasiefortpflanzungen ab, selbst solche, von denen ihre Mütter annehmen, sie glaubten an den Storch.

Soll ich Sie noch ein wenig mehr durch abenteuerliche Behauptungen ärgern? Soll ich Ihnen sagen, daß auch die Nebenerscheinungen der Gravidität, die Übelkeit, die Zahnschmerzen – ab und zu – symbolische Wurzeln haben? Daß Blutungen aller Art, vor allem natürlich unzeitgemäße Gebärmutterblutungen, aber auch Blutungen aus Nase, After, Lungen in engem Zusammenhang mit Geburtsvorstellungen stehen? Oder daß die Plage der kleinen Mastdarmwürmer, die manchen Menschen sein ganzes Leben hindurch verfolgt, häufig in der Assoziation Wurm und Kind ihren Ursprung hat und verschwindet, sobald den Würmchen der Nährboden des unbewußten symbolischen Wunsches entzogen ist?

Ich kenne eine Frau – sie gehört auch zu den kinderliebenden, 33 kinderlosen, denn sie haßt ihre Mutter –, die verlor für fünf Monate ihre Periode, ihr Leib schwoll an und ihre Brüste, und sie hielt sich für schwanger. Eines Tages sprach ich lange mit ihr über den Zusammenhang der Würmer mit Schwangerschaftsideen bei einem gemeinsamen Bekannten. Am selben Tage gebar sie einen Spulwurm, und in der Nacht bekam sie ihr Unwohlsein, und der Bauch flachte ab.

Damit wäre ich schon auf die Gelegenheitsursachen solcher Gedankenschwangerschaften gekommen. Sie gehören – man kann wohl sagen alle – in das Gebiet der Assoziation, von der ich eben als Beispiel Wurm und Kind nannte. Meist sind diese Assoziationen sehr weitläufig, vielgestaltig und, weil sie aus der Kindheit stammen, nur mühsam in das Bewußtsein zu bringen. Aber es gibt auch einfache schlagende Assoziationen, die sofort einem jeden einleuchten. Einer meiner Bekannten erzählte mir, daß er in der Nacht vor der Entbindung seiner Frau dieses nach seiner Ansicht qualvolle Erlebnis auf eine eigentümliche Art auf sich zu nehmen suchte. Er träumte nämlich, daß er selbst das Kind bekäme, träumte es in allen Einzelheiten, wie er sie bei früheren Geburten kennengelernt hatte, wachte im Moment, als das Kind zur Welt kam, auf und hatte, wenn auch nicht ein Kindchen, doch etwas Lebenswarmes aus sich herausbefördert, wie er es seit seiner frühen Knabenzeit nicht mehr getan hatte.

Nun, das war ein Traum; aber wenn Sie sich bei Ihren Freunden und Freundinnen umhören, werden Sie zu Ihrer Überraschung entdecken, wie gewöhnlich es ist, daß Ehemänner oder Großmütter oder Kinder die Entbindung ihrer Verwandten gleichzeitig am eigenen Leibe mit durchmachen.

So deutliche Beziehungen sind jedoch nicht nötig. Es genügt oft der Anblick eines kleinen Kindes, einer Wiege, einer Milchflasche. Es genügt auch, bestimmte Dinge zu essen. Sie werden ja selbst genug Menschen kennengelernt haben, die einen aufgetriebenen Leib nach Kohl bekommen oder nach Erbsen, Bohnen, nach Möhren oder Gurken. Mitunter stellen sich dann auch Geburtswehen in Gestalt von Bauchschmerzen ein, ja die Geburt selbst in der Form des Erbrechens oder des Durchfalls kommt zustande. Die Verbindungen, die das Es, für unseren hochgeschätzten Verstand töricht genug, im Unbewußten macht, sind geradezu lächerlich. So findet es zum Beispiel im Kohlkopf Ähnlichkeiten mit dem Kindskopf, Erbsen und Bohnen liegen in ihren Hülsen wie das Kind in der Wiege oder im Mutterleibe, Erbsensuppe und Erbsenbrei erinnern es an Windeln, und nun gar Möhren und Gurken: Was 34 denken Sie von denen? Sie kommen nicht darauf, wenn ich Ihnen nicht helfe.

Wenn Kinder mit einem Hunde spielen, ihn beobachten und in allen seinen Tätigkeiten mit lebhaftem Interesse verfolgen, sehen sie zuweilen, daß dort, wo der Apparat für seine kleinen Geschäfte angebracht ist, ein spitzes rotes Ding zum Vorschein kommt, das wie eine Möhre aussieht. Sie zeigen dieses seltsame Phänomen der Mutter oder wer gerade in der Nähe ist, und erfahren durch Wort oder verlegenen Blick des Erwachsenen, daß man von so etwas nicht spricht, es überhaupt nicht bemerkt. Das Unbewußte hält dann den Eindruck fest, mehr oder minder deutlich, und weil es Möhre und des Hundes rote Spitze einmal identifiziert hat, bleibt es hartnäckig bei der Idee, auch die Möhren seien verbotene Dinge, und es antwortet auf das Angebot, sie zu essen, mit Abneigung, Ekel oder mit symbolischer Schwangerschaft. Denn auch darin ist das kindliche Unbewußte seltsam dumm im Vergleich zu unserem hochgelobten Verstand, daß es glaubt, die Keime zum Kinde kämen durch den Mund, durch Essen in den Bauch, in dem sie dann wachsen; etwa wie Kinder auch glauben, daß aus einem verschluckten Kirschkern ein Kirschbaum im Leibe wächst. Daß aber das rote Ding des Hundes etwas mit dem Kinderkriegen zu tun hat, das wissen sie in ihrer dunklen Kinderunschuld ebenso gut oder ebenso verworren, wie daß der Keim zum Brüderchen oder Schwesterchen, ehe er in die Mutter hineingeriet, irgendwie und irgendwo in dem merkwürdigen Anhängsel des Mannes oder Knaben sitzen muß, das so aussieht wie ein an falscher Stelle angebrachtes Schwänzchen, an dem ein Säckchen mit zwei Eiern oder Nüssen hängt und von dem man auch nur mit Vorsicht spricht, das man nur beim Pipimachen anfassen darf und mit dem zu spielen nur der Mutter erlaubt ist.

Sie sehen, der Weg, der von der Mohrrübe zur Phantasieschwangerschaft führt, ist ein wenig lang und nicht leicht zu finden. Wenn man ihn jedoch kennt, weiß man auch, was die Unbekömmlichkeit der Gurken bedeutet, denn die Gurke hat ja außer ihrer fatal spaßhaften Ähnlichkeit mit Vaters Glied auch noch in ihrem Innern Kerne, die die Keime zukünftiger Kinder sinnig symbolisieren.

Ich bin arg weit von meinem Thema abgekommen, aber ich wage zu hoffen, daß Sie, liebe Freundin, aus persönlicher Zuneigung zu mir solche verworrenen Briefe, wie der heutige einer ist, zweimal lesen. Dann wird Ihnen klarwerden, was ich mit all meinen Ausführungen sagen wollte, daß das Es, jenes Ding, von dem wir 35 gelebt werden, auch die Geschlechtsunterschiede nicht ohne weiteres anerkennt, ebensowenig wie die Altersunterschiede. Und damit glaube ich Ihnen wenigstens eine Ahnung von der Unvernunft dieses Wesens gegeben zu haben. Vielleicht begreifen Sie auch, warum ich mitunter so weibisch bin, ein Kind gebären zu wollen. Wenn es mir aber nicht gelungen ist, mich deutlich zu machen, werde ich das nächste Mal klarer zu sein versuchen.

Herzlichst Ihr

Patrik Troll

 

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