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Das Buch vom Es

Georg Groddeck: Das Buch vom Es - Kapitel 17
Quellenangabe
typetractate
booktitleDas Buch vom Es
authorGeorg Groddeck
year1983
firstpub1923
publisherFischer Taschenbuch Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-596-26367-0
titleDas Buch vom Es
pages275
created20100528
sendergerd.bouillon@t-online.de
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17. Brief

Es wundert mich nicht, liebe Freundin, daß Sie meine Ansichten nicht teilen. Ich bat Sie schon einmal, meine Briefe wie eine Reisebeschreibung zu lesen. Aber ich habe nicht verlangt, daß Sie dieser Reisebeschreibung mehr Wert beilegen als der jenes Engländers, der nach einem Aufenthalt von zwei Stunden in Calais behauptete, die Franzosen seien rothaarig und sommersprossig, weil zufällig der ihn bedienende Kellner so war.

Sie machen sich lustig darüber, daß ich dem Es eine Absichtlichkeit zuschreibe, die Ausgleiten und Zerbrechen eines Gliedes herbeizuführen vermag. Ich bin auf diese Vermutung – mehr ist es nicht – gekommen, weil sich damit arbeiten läßt. Für mich gibt es zwei Arten von Ansichten: solche, die man zum Vergnügen hat, Luxusansichten also, und solche, die man als Instrumente verwendet, Arbeitshypothesen. Ob Sie richtig oder falsch sind, ist für mich nebensächlich. Ich halte es da mit der Antwort Christi auf die Frage des Pilatus: »Was ist Wahrheit?«, wie sie in einem der Apokryphen-Evangelien mitgeteilt wird: »Wahrheit ist weder im Himmel noch auf Erden noch zwischen Himmel und Erde.«

Im Laufe meiner ›Seelensucherei‹ bin ich dazu gebracht worden, mich hie und da mit dem Schwindel zu beschäftigen, und ich bin da, ich möchte fast sagen gegen meinen Willen, gezwungen worden, anzunehmen, daß jeder Schwindelanfall eine Warnung des Es ist: »Gib acht, sonst fällst du.« Wenn Sie die Sache nachprüfen wollen, müssen Sie nur gütigst im Auge behalten, daß es zwei Arten des Fallens gibt, ein reales Fallen des Körpers und ein moralisches Fallen, dessen Wesen in der Erzählung vom Sündenfall geschildert wird. Das Es scheint außerstande zu sein, beide Arten scharf voneinander zu trennen, oder ich will mich lieber so ausdrücken, es denkt bei dem einen Fallen sofort an das andere. Der Schwindelanfall bedeutet also stets eine Warnung nach beiden Seiten, er wird in realem und übertragen-symbolischem Sinne gebraucht. Und wenn das Es der Ansicht ist, daß ein einfacher Schwindel, ein Fehltritt, ein Stolpern, ein Rennen gegen einen Laternenpfahl, ein Schmerz am Hühnerauge oder das Treten auf einen scharfen Stein zu einer eindringlichen Mahnung nicht ausreicht, wirft es den Menschen zu Boden, schlägt ihm ein Loch in den dicken Schädel, verletzt ihm das Auge oder bricht ihm ein 148 Glied, das Glied, mit dem der Mensch sündigen will. Vielleicht schickt es ihm auch eine Krankheit, eine Gicht zum Beispiel, ich komme gleich darauf zurück.

Vorläufig möchte ich nur hervorheben, daß nicht ich einen Mordgedanken, einen Ehebruchswunsch, ein Ausmalen des Diebstahles, eine Onaniephantasie für Sünde halte, sondern das Es des betreffenden Menschen. Ich bin weder Pfarrer noch Richter, sondern Arzt. Gut und Böse gehen mich nichts an, ich habe nicht zu urteilen, sondern konstatiere nur, daß das Es dieses oder jenes Menschen dies oder das für Sünde hält, so oder so richtet. Was mich selbst anbetrifft, so bestrebe ich mich, dem Satze zu folgen: »Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet.« Und ich dehne den Sinn dieses Wortes soweit aus, daß ich auch das Richteramt über mich selbst abzulehnen versuche und meine Kranken dazu veranlasse, ebenfalls das Sich-selbst-Richten aufzugeben. Das klingt sehr fromm oder sehr frivol, je nachdem, was man heraushören will, im Grunde ist es nur ein medizinischer Kunstgriff. Daß Unheil daraus entstehen könnte, befürchte ich nicht. Wenn ich den Leuten sage – und ich tue das –: »Sie müssen so werden, daß Sie sich unbedenklich am hellen Mittage auf einer belebten Straße hinkauern, die Hosen abknöpfen und einen Haufen hinsetzen können«, so liegt der Ton auf dem Worte ›können‹. Daß der Kranke es niemals tun wird, dafür sorgen Polizei und Sitte und seine seit Jahrhunderten ihm anerzogene Angst. In dieser Beziehung fühle ich mich sehr ruhig, wenn Sie mich auch noch so oft Satan und Sittenverderber nennen. Mit andern Worten, man mag sich noch so viele Mühe geben, das Richten zu lassen, es gelingt nie. Immer und ewig fällt der Mensch Werturteile, es gehört zu ihm wie seine Augen und seine Nase, ja weil er Augen und Nase hat, muß er immer und ewig sagen: »Das ist schlecht.« Das braucht er, weil er sich selbst anbeten muß, der Demütigste tut es noch, selbst Christus tat es noch am Kreuze mit den Worten: »Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?«, und mit den andern: »Es ist vollbracht«. Pharisäer zu sein, stets zu sagen: »Ich danke dir, Herr, daß ich nicht bin wie jener«, ist menschlich. Aber ebenso menschlich ist das: »Gott, sei mir Sünder gnädig.« Der Mensch hat wie alles zwei Seiten. Bald kehrt er die eine heraus, bald die andre, da sind sie aber immer alle beide. Da der 149 Mensch an den freien Willen glauben muß, da er sich aus bestimmten Teilen seines Wesens ein Verdienst machen muß, so muß er auch eine Schuld erfinden, bei sich, bei anderen, bei Gott.

Ich werde Ihnen jetzt eine Geschichte erzählen, die Sie nicht glauben werden. Mir aber macht sie Spaß, und weil in ihr vieles zusammengedrängt ist, was ich Ihnen noch gar nicht oder nicht deutlich genug vorgetragen habe, sollten Sie hören.

Vor einigen Jahren kam eine Dame in meine Behandlung, die an chronischen Entzündungen der Gelenke litt. Die ersten Anfänge der Krankheit lagen achtzehn Jahre zurück. Damals begann in der Pubertätszeit das rechte Bein zu schmerzen und zu schwellen. Als ich sie zuerst sah, waren Handgelenke, Finger und Ellbogengelenke fast gebrauchsunfähig, so daß die Kranke gefüttert werden mußte, die Schenkel konnten nur wenig auseinander genommen werden, beide Beine waren vollkommen steif, der Kopf konnte nicht gedreht und nicht gebeugt werden, zwischen die Zähne konnte man die Finger nicht einführen, weil die Kinnbackengelenke erkrankt waren, und die Kranke war nicht imstande, die Arme bis zur Schulterhöhe zu heben. Kurz, sie war, wie sie in einer Anwandlung von Galgenhumor sagte, unfähig, wenn etwa der Kaiser angeritten käme, Hurra zu rufen und ihm zuzuwinken, wie sie es als Kind getan hatte. Sie hatte zwei Jahre im Bett gelegen, war gefüttert worden, alles in allem, ihr Zustand war trostlos. Und wenn auch die Diagnose Gelenktuberkulose, mit der man es bei ihr jahrelang probiert hatte, nicht zutraf, war man doch berechtigt, von einer ›Arthritis deformans‹ schwerster Art zu sprechen. Die Kranke geht jetzt wieder, ißt allein, arbeitet mit dem Spaten im Garten, steigt Treppen, biegt die Beine ausreichend und dreht und beugt den Kopf, wie sie will, kann die Beine spreizen, so weit wie sie Lust hat, und wenn der Kaiser wirklich käme, würde sie Hurra rufen können. Mit andern Worten, sie ist geheilt, wenn man eine völlige Leistungsfähigkeit Heilung nennen darf. Auffallend ist noch jetzt eine seltsame Art, beim Gehen das Hinterteil weit herauszustrecken, was beinahe aussieht, als ob sie zum Schlagen auffordern wollte. Und all diese Qualen hat sie gehabt, weil ihr Vater Friedrich Wilhelm hieß und weil man ihr neckend gesagt hatte, daß sie nicht das Kind ihrer Mutter, sondern hinter der Hecke gefunden worden sei.

Ich komme damit auf das zu sprechen, was meine 150 Gesinnungsgenossen in Freud den ›Familienroman‹ nennen. Sie werden sich der Zeiten Ihrer Kindheit erinnern, wo Sie sich lebhaft in Spiel oder Nachdenken mit der Phantasie beschäftigten, daß Sie Ihren echten Eltern, Leuten hohen Ranges, von Zigeunern gestohlen, daß Vater und Mutter, bei denen Sie wohnten, nur Pflegeeltern seien. Solche und ähnliche Gedanken hegt jedes Kind. Es sind im Grunde verdrängte Wünsche. Solange man noch als Wickelkind das Haus kommandiert, ist man mit seinen Angehörigen zufrieden, aber wenn die Erziehung mit ihren berechtigten und unberechtigten Ansprüchen kommt und in unsre lieben Gewohnheiten eingreift, finden wir unsre Eltern zuzeiten gar nicht wert, solch vorzügliches Kind zu haben. Sie werden von uns, die wir trotz In-die-Hosen-Machens und kindlicher Schwäche die Illusion unsrer Bedeutung aufrechterhalten wollen, zu Stiefeltern, Eseln und Hexen degradiert, während wir uns selbst als gequälte Prinzen vorkommen. Das alles können Sie aus Sagen und Märchen selber herauslesen, oder wenn Sie es bequemer haben wollen, in geistreichen Büchern der Freudschen Schule finden. Und da hören Sie denn auch, daß wir alle ursprünglich den Vater für das stärkste, beste, höchste Wesen halten, daß wir aber allmählich sehen, wie er vor diesem oder jenem bescheiden wird, wie er gar nicht der absolute Herr ist, den wir in ihm sahen. Weil wir aber durchaus die Idee festhalten wollen, des Höchsten Kinder zu sein – denn Ehrfurcht ist ebenso wie Eitelkeit ein Gefühl, das wir nicht aufgeben können –, phantasieren wir uns den Kinderraub, die Unterschiebung, unser Lebensmärchen zurecht. Und um auch das noch zu erwähnen, weil uns zu guter Letzt auch der König nicht erhaben genug ist, um unsre rastlose Sucht nach Größe zu stillen, dekretieren wir, Gotteskinder zu sein, und erschaffen den Begriff Gottvater.

Ein solcher Familienroman lebte, ihr selbst unbewußt, in jener Kranken, von der ich Ihnen erzählen will. Ihr Es hat dazu zwei Namen benutzt, den ihres Vaters Friedrich Wilhelm und den eigenen Augusta. Als Ergänzung hat es noch die Kindertheorie herangezogen, daß das Mädchen durch Kastration aus dem Knaben entsteht. Der Gedankengang ist folgender gewesen: Ich stamme ab von Friedrich Wilhelm, dem damaligen Kronprinzen, späteren Kaiser Friedrich, bin eigentlich ein Knabe, Thronerbe und nunmehr rechtmäßiger Kaiser, mit Namen Wilhelm. Man hat mich gleich nach der Geburt entführt und an meiner Stelle ein Hexenkind in die königliche Wiege gelegt, das herangewachsen die 151 Kaiserkrone als Wilhelm II. an sich riß, widerrechtlich und zu meinem Schaden. Mich selbst hat man hinter einer Hecke ausgesetzt und, um mir jede Hoffnung zu nehmen, durch Abschneiden der Geschlechtsteile zum Mädchen gemacht. Als einziges Zeichen meiner Würde gab man mir den Namen Augusta, die Erhabene.

Man kann die Anfänge dieser unbewußten Phantasien leidlich genau bestimmen. Sie müssen spätestens in dem Jahre 1888 entstanden sein, also in einer Zeit, in der die Kranke noch nicht vier Jahre alt war. Denn die Idee, aus der Hohenzollernfamilie zu stammen, gründet sich auf den Namen Friedrich Wilhelm, den der erträumte Vater nur als Kronprinz führte. Das Reden über seine Krebserkrankung, mit der die Vierjährige wohl kaum etwas andres anzufangen wußte, als an das Wort ›Krebs‹ die Idee der Schere, des Schneidens, der Kastration anzuknüpfen, fällt dabei ins Gewicht. Es verknüpft sich mit den persönlichen Erfahrungen des Nägel- und Haarabschneidens, dessen Beziehungen zu dem Kastrationskomplex sich noch aus dem Anschauen und Vorlesenhören des Struwwelpeters verstärkten; steht doch in diesem ewigen Buch auch noch die Geschichte von Konrad dem Daumenlutscher, eine Geschichte, die alte Sehnsüchte nach der Mutterbrust und quälende Erinnerungen an die Entwöhnung, diese unentrinnbare Kastration von der Mutter, weckt.

Ich deute das alles kurz an, damit Sie selber ein wenig nachdenken. Denn nur durch eigenes Nachdenken können Sie sich davon überzeugen, wie gerade in dem Alter zwischen drei und vier Jahren der Boden für eine Phantasie vorbereitet ist, die so ungeheuerlich wirkt wie die meiner Patientin. Hören Sie nur zu: Das Es dieses Menschen ist überzeugt oder vielmehr will sich überzeugen, daß es das Es eines rechtmäßigen Kaisers ist. Der Träger der Krone schaut nicht nach rechts und nach links, er urteilt ohne Seitenblicke, er beugt sein Haupt vor keiner Macht der Erde. »Also«, befiehlt das Es den Säften und Kräften des von ihm gebannten Menschen, »stellt mir den Kopf fest, mauert seine Wirbel ein. Schließt ihm die Kinnbacken, daß er nicht Hurra schreien kann; er hat es schon einmal getan, dem Usurpator, dem untergeschobenen Hexenkind zugejubelt und zugewinkt. Lähmt ihm die Schultern, damit er nie wieder mit erhobenem Arm dem falschen Kaiser huldigen kann; die Beine müssen steif werden, nie darf dieser erhabene Kaiser vor irgendwem knien. Die Schenkel preßt zusammen, so daß niemals ein Mann zwischen ihnen liegen kann. 152 Denn das wäre das Gelingen des teuflischen Plans, wenn dieser Körper, den gemeiner Haß und erbärmlicher Neid aus einem männlichen in einen weiblichen verwandelt hat, ein Kind gebären müßte. Es wäre die Vereitelung aller Hoffnungen. Haltet ihn an, den Unterleib zurückzuziehen, damit niemand den Eingang findet, warnt ihn vor der Wölbung des Bauchs, zwingt ihn zum Gehen und Stehen mit rückwärts gepreßtem Kreuz. Noch ist kein Grund dazu vorhanden, anzunehmen, daß das tückisch geraubte Mannesabzeichen nicht wieder wachsen könnte, daß dieser Kaiser nicht wirklich Mann werden könnte. Zeigt dem Entmannten, ihr Säfte und Kräfte, daß es möglich ist, schlaffe Glieder steif werden zu lassen, bringt ihm den Begriff der Erektion, des Steifwerdens dadurch bei, daß ihr die Beine verhindert, sich zu biegen, zu erschlaffen, lehrt ihn im Symbol zu zeigen, daß er ein Mann ist.«

Ich kann mir vorstellen, verehrte Freundin, wie unwillig Sie ausrufen : »Welcher Unsinn!« Und dann kommen Sie wohl gar auf die Idee, daß ich Ihnen die Größenwahnideen einer Verrückten erzähle. Das müssen Sie nicht denken. Die Kranke ist geistig ebenso gesund wie Sie; was ich Ihnen erzählte, sind einige Ideen – längst nicht alle –, die ein Es dazu bringen können, Gicht entstehen zu lassen, einen Menschen zu lähmen. Wenn meine Mitteilungen Sie jedoch dazu brächten, einige wenige Überlegungen über die Entstehung von Geisteskrankheiten daran anzuknüpfen, würde Ihnen klar werden, daß der Verrückte, vorurteilslos betrachtet, gar nicht so verrückt ist, wie es im ersten Augenblick den Anschein hat, daß seine fixen Ideen solche sind, wie wir sie alle haben, haben müssen, weil sich auf ihnen das Menschengeschehen aufbaut. Warum aber bei dem einen das Es aus solchen Ideen die Religion von Gottvater, bei dem andern die Gicht, bei dem Dritten die Verrücktheit macht, warum es bei wieder andern die Gründung von Königreichen, Zepter und Krone, bei Bräuten den Brautkranz, bei uns allen das Streben nach Vervollkommnung, den Ehrgeiz und das Heldentum entstehen ließ, das sind Fragen, die Sie in langweiligen Stunden beschäftigen mögen.

Sie müssen nicht glauben, daß ich dieses Königsmärchen so glatt in der Seele meiner Klientin fand, wie ich es dargestellt habe. Es war in tausend Fetzen zerrissen, die in den Fingern, der Nase, den Eingeweiden und dem Unterleib verborgen waren. Wir haben sie gemeinsam zusammengeflickt, haben vieles mit Absicht, noch mehr aus Dummheit nicht gefunden oder fortgelassen. Ja, ich muß am Schlüsse noch eingestehen, daß ich alles Dunkle – und gerade 153 das ist das Wesentliche – beiseite geschoben habe. Denn – aber Sie müssen wieder vergessen, was ich jetzt sage – letzten Endes ist alles, was man vom Es zu wissen glaubt, nur bedingt richtig, nur richtig in dem Moment, wo das Es in Wort, Gebärde, Symptom sich äußert. Schon in der nächsten Minute ist die Wahrheit fort und nicht mehr zu finden, weder im Himmel noch auf Erden noch zwischen Himmel und Erde.

Patrik Troll

 

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