Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Georg Groddeck >

Das Buch vom Es

Georg Groddeck: Das Buch vom Es - Kapitel 11
Quellenangabe
typetractate
booktitleDas Buch vom Es
authorGeorg Groddeck
year1983
firstpub1923
publisherFischer Taschenbuch Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-596-26367-0
titleDas Buch vom Es
pages275
created20100528
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

11. Brief

Ihnen zu schreiben, beste Freundin, ist angenehm. Andere, denen ich die Geschichte von der Kastration erzähle, werden bös, schelten mich und tun so, als ob ich an der Erbsünde und dem Erbfluch schuld sei. Sie aber ziehen sofort die Parallele mit der Schöpfungssage, und die Rippe Adams, aus der Eva gemacht wird, ist Ihnen der Geschlechtsteil des Mannes. Sie haben recht, und ich freue mich.

Darf ich Sie noch auf Kleinigkeiten aufmerksam machen? 100 Zunächst, eine Rippe ist hart und starr. Es ist also nicht der Penis schlechthin, aus dem das Weib wird, sondern der hartgewordene, knochige, steife, der erigierte Phallus der Lust. Die Wollust gilt der Menschenseele als böse, als strafbar. Der Wollust folgt die Strafe der Kastration. Die Wollust macht aus dem Manne das Weib.

Machen Sie eine Pause im Lesen, liebe Schülerin, und träumen Sie ein wenig darüber, was es für das Menschengeschlecht und seine Entwicklung bedeutet hat und noch bedeutet, daß es den stärksten Trieb als Sünde empfindet, den Trieb, der unbezähmbar ist, vom Willen nur verdrängt, niemals vernichtet werden kann, daß ein unvermeidlicher Naturvorgang wie die Erektion mit Schande und Scham bedeckt ist. Aus der Verdrängung, aus dem Zwang, dieses und jenes zu verdrängen, wurde die Welt, in der wir leben.

Darf ich Ihnen ein wenig helfen? Was verdrängt wird, wird vom Platze gedrängt; in andre Form gepreßt und umgewandelt; zum Symbol gestaltet erscheint es wieder: Die Verschwendung wird zum Durchfall, die Sparsamkeit zur Verstopfung, die Gebärlust zum Leibweh, der Geschlechtsakt zum Tanz, zur Melodie, zum Drama, baut sich vor aller Menschen Augen auf als Kirche, mit ragendem Mannesturm und geheimnisvollem Mutterschoß des Gewölbes, wird zum Tender der Lokomotive und zum rhythmischen Stampfen des Straßenpflasterers oder zum Takt des Axtschwungs beim Holzfäller. Lauschen Sie dem Klang der Stimmen, dem Auf und Nieder im Tonfall, der Schönheit des Sprachlauts, wie das heimlich wohltut und leise unvermerkt alles erregt, lauschen Sie in Ihre tiefste Seele hinein, und leugnen Sie noch, wagen Sie es noch zu leugnen, daß alles, was gut ist, Symbol der wogenden Menschenleiber im Himmel der Liebe ist! Und auch alles, was böse ist! Was aber wird aus der Verdrängung der Erektion, dieses Aufwärtsstrebens, das mit dem Fluch der Kastration bedroht ist? Aufwärts gen Himmel reckt sich der Mensch, er hebt sein Haupt, stellt sich auf eigene Füße, ragt empor und läßt die suchenden Augen über die Welt schweifen, umfaßt mit denkendem Hirn alles, was ist, wächst und wird größer und steht! Sieh nur, Liebe, er wurde ein Mensch, zum Herren geworden durch Verdrängung und Symbol. Ist es nicht schön? Und warum klingt unserm Ohr ›schlecht‹ und ›Geschlecht‹ so ähnlich?

Vor dem Wesen und heimlichen Denken des Es kann man sich fürchten, es staunend bewundern oder darüber lächeln. Auf die Mischung dieser drei Empfindungen kommt es an. Wer sie in Harmonie zusammenklingen läßt, den wird man lieben, denn er ist liebenswert.

101 Wie aber kommt es, daß der Mensch die Tatsache der Erektion als Sünde empfindet, daß er dumpf in sich fühlt: Nun wirst du zum Weibe, nun schneidet man dir das Loch in den Bauch? Manches kennt unsereiner von der Menschenseele, einiges davon läßt sich sagen, vieles wird nie bis zur mittelbaren Klarheit gedacht, zwei Dinge aber kann ich Ihnen sagen. Das eine ist, was wir zusammen erlebten und was uns damals heiter und froh machte.

Wir hatten einen schönen Tag verlebt, die Sonne war warm gewesen und der Wald grün, die Vögel hatten gesungen, und der Lindenbaum summte von Bienen. Voll von der Frische der Welt kamen wir zu Ihren Kindern gerade zur Zeit, um den kleinen Knaben zu Bett zu bringen. Da fragte ich ihn: »Wen wirst du einmal heiraten?« Er schlang die Arme um Ihren Hals und küßte Sie und sagte: »Die Mama, nur die Mama.« Nie vorher und nie später habe ich solchen Ton des Liebesgeständnisses gehört. Und in Ihren Augen war plötzlich das weiche Verschwimmen der Seligkeit, die völlige Hingabe ist. So ist es mit allen Knaben: Sie lieben ihre Mütter, nicht kindlich, unschuldig, rein, sondern heiß und leidenschaftlich, durchtränkt von Sinnlichkeit, mit der ganzen Kraft wollüstiger Liebe; denn was ist alle Sinnlichkeit des Erwachsenen gegen das Fühlen und Begehren des Kindes? Diese heiße Glut aller Liebe, die wohl begründet ist durch jahrelanges gemeinsames körperliches Genießen von Mutter und Kind, löst sich, unter dem Einfluß von Gesetz und Sitte und unter dem Schatten des sündigen Bewußtseins im Gesicht der Mutter, ihrer Lüge und Heuchelei, in Schuldbewußtsein und Angst auf, und hinter der Begierde blinkt das Messer hervor, das dem Knaben seine Liebeswaffe abschneiden wird: Ödipus.

Es gibt Völker, die dulden die Ehe von Bruder und Schwester, es gibt Völker, deren Sitte die reife Tochter dem Vater auf das Lager gibt, bevor der Gatte sie berühren darf. Aber niemals, solange die Welt stand, niemals, solange sie stehen wird, ist dem Sohn gestattet, mit der Mutter zu schlafen. Die Blutschande mit der Mutter gilt als das schwerste Verbrechen, schlimmer als Muttermord, als Sünde der Sünden, als Sünde an sich. Warum ist das so? Geben Sie Antwort, Freundin. Vielleicht weiß die Frau darüber mehr zu sagen als der Mann.

Das also ist das eine: Weil jede Erektion Begierde nach der Mutter ist, jede, nach dem Gesetz der Übertragung ausnahmslos jede, darum ist sie von Angst vor der Kastration begleitet. Womit du sündigst, daran wirst du gestraft, das Weib mit Brustkrebs und Gebärmutterkrebs, weil sie mit Brüsten und Unterleib sündigte, 102 der Mann mit Wunden, Blut und Verrücktheit, weil er Wunden schlug und Böses dachte, ein jeder aber mit dem Gespenste der Entmannung.

Das andere aber ist eine Erfahrung: Auf jede Erektion folgt die Erschlaffung. Und ist das nicht Entmannung? Diese Erschlaffung ist die natürliche Kastration und ist eine symbolische Quelle der Angst.

Ist es nicht merkwürdig, daß die Menschen immer davon reden, man könne sich durch Wollust selber zerstören? Und hat doch die Natur durch die symbolische Warnung der Erschlaffung eine unüberwindliche Schranke für jede Vergeudung erschaffen. Ist dieses Gerede nur Angst, die dem Ödipuskomplex entspringt oder dem Onaniegespenst oder sonst einer Seltsamkeit der Menschenseele, oder ist es nicht auch vielleicht Neid? Der Neid des Impotenten, des Entbehrenden, der Neid, den jeder Vater gegen seinen Sohn, die Mutter gegen ihre Tochter, der Ältere gegen den Jüngeren hat?

Ich bin weit herumgeschweift und wollte doch von der Erschaffung des Weibes aus Adams Rippe sprechen. Beachten Sie bitte: Adam ist ursprünglich allein. Soll aus dem weichen Fleisch, das er mehr hat, als dem Weibe später gegönnt wird, eine harte Rippe werden, so muß die Begierde, die die Erektion hervorruft, der Verliebtheit in sich selbst entspringen, narzißtisch sein. Adam empfindet durch sich selbst die Lust, die Befriedigung, die Verwandlung von Fleisch in Rippe verschafft er sich selbst. Und die Erschaffung des Weibes, das Abschneiden der Rippe, so daß die Wunde des Weibes entsteht, diese Kastration ist letzten Endes die Strafe für die Onanie. Wie sollte der Mensch aber, wenn er erst den Gedanken hatte: »Onanie ist strafwürdig«, sich eine andere Strafe auswählen, um sich davor zu fürchten, als die Kastration, da ja auf jeden Onanieakt unbedingt die symbolische Kastration, die Erschlaffung folgen muß?

Soweit ist die Sache leidlich klar. Aber nun bleibt die Frage, warum der Mensch in der Onanie die Sünde sieht. Wenigstens eine halbe Antwort darauf ist leicht zu finden. Denken Sie sich einen kleinen Säugling, ein Knäblein. Zunächst muß es sich selbst kennenlernen, alles betasten, was betastbar ist, mit allem spielen, was zu ihm gehört, mit seinem Ohr, seiner Nase, seinen Fingern, den Zehen. Sollte er die kleine Troddel, die er unten am Bäuchlein hängen hat, aus angeborner Moralität beim Selbstkennenlernen und Spielen weglassen? Gewiß nicht. Was aber geschieht nun, wenn er spielt? Das Zupfen am Ohr, an der Nase, am Mund, an den Fingern und Zehen wird von der entzückten Mutter hervorgerufen, gefördert, 103 in jeder Weise begünstigt. Sobald aber das Kindchen an der Troddel spielt, kommt eine große Hand, eine Hand, die von der Mythen schaffenden Kraft des Menschenkindes in die Hand Gottes verwandelt wird, und nimmt des Kindes Händchen fort. Vielleicht, sicher sogar, blickt dabei das Gesicht dieses Menschen, der die große Hand hat, der Mutter also, ernst, angstvoll, schuldbewußt. Wie tief muß das Erschrecken des Kindes sein, wie ungeheuer der Eindruck, wenn stets bei derselben Handlung, nur bei dieser einen einzigen Handlung, die Gotteshand hindernd kommt. Das alles geschieht zu einer Zeit, wo das Kind noch nicht spricht, ja, wo es das gesprochene Wort noch nicht einmal versteht. Es gräbt sich ein in die tiefste Tiefe der Seele, tiefer noch als das Sprechen, Gehen, Kauen, tiefer als die Bilder von Sonne und Mond, von rund und eckig, von Vater und Mutter: »Du darfst nicht mit dem Geschlechtsteil spielen«, und gleich anschließend entsteht der Gedanke: »Alle Lust ist schlecht.« Und vielleicht bringt die Erfahrung: »Wenn du mit dem Geschlechtsteil spielst, wird dir etwas weggenommen«, notwendig die weitere Idee: »Nicht nur das Händchen, auch das Schwänzchen wird dir genommen.« Wir wissen ja nichts vom Kinde, wissen nicht, wie weit es schon ein Persönlichkeitsgefühl hat, ob es mit dem Gefühl, ›Hand und Bein gehören zu mir‹, geboren wird oder es erst erwerben muß. Hat es schon von Beginn an das Empfinden, ein Ich zu sein, von der Umwelt abgegrenzt zu sein? Wir wissen es nicht, wissen nur das eine, daß es erst spät, erst mit drei Jahren beginnt, das Wörtlein Ich zu gebrauchen. Ist es so überkühn, anzunehmen, daß es ursprünglich sich selbst zeitweise als fremd, als den andern betrachtet, da der Hans doch nicht sagt: »Ich will trinken«, sondern: »Hans will trinken«? Wir Menschen sind närrische Käuze, die solche Fragen gar nicht zu stellen wagen, einfach weil unsere Eltern uns das viele Fragen verboten haben.

Es bleibt noch eine Schwierigkeit bei der Schöpfungssage, auf die ich kurz hinweisen möchte. Wir deuten beide die Entstehung aus der Rippe als Umwandlung des Mannes in ein Weib durch die Kastration. Dann fordert aber unser rationelles Denken zwei Adams, einen, der Adam bleibt, einen, der Eva wird. Aber das ist ja nur ein dummer rationalisierender Einwand. Denn wann hätte sich je die Dichtung daran gestoßen, aus einer Person zwei zu machen oder aus zweien eine? Das Wesen des Dramas beruht darauf, daß der Dichter sich selbst in zwei, ja in zwanzig Personen spaltet, der Traum verfährt so, jeder Mensch tut dasselbe; denn er nimmt in der Umwelt nur wahr, was er selbst ist, er projiziert sich 104 selbst fortwährend in die Dinge. Das ist das Leben, das muß so sein, dazu zwingt uns das Es.

Verzeihung, Sie lieben solch Philosophieren nicht. Und vielleicht haben Sie recht. Kehren wir in das Reich der sogenannten Tatsachen zurück!

»Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei, ich will ihm eine Gehilfin geben«, sagt Gott der Herr und macht ein Wesen, das dort, wo der Mann einen Auswuchs hat, eine Öffnung besitzt, das sich dort, wo er flach ist, zwei Brüste wölben läßt. Das ist also das Wesentliche an ihrem Gehilfin-Sein. Es ist derselbe Gedanke, den das Kind hat: Damit geboren wird, muß aus dem Adam durch Wegnehmen der Rippe eine Eva werden. Ist solch eine Übereinstimmung von Volks- und Kinderseele nicht beachtenswert? Wenn Sie Lust haben, wollen wir selbst Märchen und Mythen, Baustile und technische Leistungen der Völker durchforschen; vielleicht finden wir allerhand Kindliches darin. Das wäre nicht unwichtig; es würde uns duldsam gegen die Kindlein machen, von denen Christus sagt: »Ihrer ist das Himmelreich.« Ja, vielleicht fänden wir auch unser längst verlorenes Staunen, unsere Anbetung des Kindes wieder, was immerhin in unserem malthusianischen Jahrhundert etwas bedeuten würde.

Aber achten Sie doch auf das Wort ›Gehilfin‹. Es ist keine Rede davon, daß der Mann umgewandelt wird in all seinem Wesen und Streben; er bleibt trotz der Kastration derselbe, bleibt, was er war, ein Wesen, das auf sich selbst gerichtet ist, das sich selbst liebt, das seine eigene Lust sucht und findet. Nur jemand, der ihm dabei hilft, ist entstanden, jemand, der ihm einen Teil seiner Lust woanders als an seinem Körper unterzubringen ermöglicht. Der Trieb zum Verkehr mit sich selbst bleibt, der Penis ist nicht verschwunden, er ist noch da, Adam ist nicht verändert, er steht noch ebenso wie vordem unter dem Zwang, sich selbst Lust zu verschaffen. Das ist eine seltsame Sache.

Wie? Sollte es nicht möglich sein, daß all das, was die Weisen und Toren sagen: »Die Onanie ist ein Ersatz des Geschlechtsverkehrs, entsteht aus dem Mangel eines Objekts, entsteht, weil die Begierde des Mannes kein Weib zur Hand hat und deshalb zur Eigenhilfe greift«, sollte das alles falsch sein? Betrachten Sie die Tatsachen. Das kleine Kind, das neugeborene, treibt Selbstbefriedigung; das 105 heranreifende Menschlein der Pubertät tut es wieder, und – seltsam zu denken – der Greis und die Greisin greifen von neuem dazu. Und zwischen Kindheit und Alter liegt eine Zeit, da verschwindet die Onanie häufig, und der Verkehr mit anderen Wesen erscheint. Sollte etwa der Geschlechtsverkehr Ersatz der Onanie sein? Und ist es wirklich so, wie es in der Bibel steht, daß der Geschlechtsverkehr nur ›Gehilfe‹ ist?

Ja, beste Freundin, so ist es. Es ist wirklich wahr, die Selbstbefriedigung besteht ruhig weiter, trotz Liebe und Ehe, neben Liebe und Ehe, sie hört nie auf, ist immer da und bleibt bis zum Tode. Gehen Sie in Ihre Erinnerung hinein, Sie werden in vielen Tagen und Nächten, im Liebesspiel mit dem Manne und im Leben Ihrer Phantasie den Beweis finden. Und wenn Sie ihn gefunden haben, werden Ihre Augen sich für tausend Phänomene öffnen, die deutlich oder unklar ihre Zusammenhänge, ja ihre Abhängigkeit von der Selbstbefriedigung zeigen. Und werden sich hüten, die Onanie künftig unnatürlich und lasterhaft zu nennen, wenn Sie sich auch nicht zwingen können, sie als Schöpferin des Guten zu empfinden. Denn um so zu empfinden, müßten Sie die Gotteshand, die Hand der Mutter, die einst Ihr Spiel der Lust unterbrach, überwinden, innerlich überwinden. Und das kann niemand.

Herzlichst

Patrik Troll

 

 << Kapitel 10  Kapitel 12 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.