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Das Buch vom Es

Georg Groddeck: Das Buch vom Es - Kapitel 10
Quellenangabe
typetractate
booktitleDas Buch vom Es
authorGeorg Groddeck
year1983
firstpub1923
publisherFischer Taschenbuch Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-596-26367-0
titleDas Buch vom Es
pages275
created20100528
sendergerd.bouillon@t-online.de
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10. Brief

Dank für die Mahnung, liebe Freundin. Ich werde versuchen, wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen. Nur nicht schon heute.

Ich muß Ihnen etwas erzählen. In freundlich einsamen Stunden überfällt mich zuweilen eine Träumerei seltsamen Inhalts. Ich stelle mir dann vor, daß ich, von Feinden verfolgt, einem Abgrund zueile, dessen felsiger Rand, wie ein weit vorspringendes Dach, die jäh hinabführende Wand überragt. Lose um einen Baumstumpf geschlungen, hängt ein langes Seil in die Tiefe. Daran gleite ich nieder und schaukle mich hin und her, der Felswand zu und wieder weg davon, in immer größeren Schwingungen. Hin und her, hin und her schwebe ich über dem Abgrund, sorglich, mit den Beinen den Körper von dem Felsen abzustoßen, damit er nicht gequetscht wird. Es liegt ein verführerischer Reiz in diesem Schaukeln, und meine Phantasie dehnt es in die Länge. Endlich aber gelange ich zum Ziel. Eine Höhle, von der Natur geschaffen, liegt vor mir; sie ist aller Menschen Augen verborgen, nur ich kenne sie, und in weitem sanftem Schwunge fliege ich in sie hinein und bin gerettet. Der Feind starrt von der Höhe des Felsens in die schwindelnde Tiefe hinab und geht seinen Weg zurück in der sicheren Annahme, daß ich unten zerschmettert liege.

Ich habe oft gedacht, daß Sie mich beneiden würden, wenn Sie wüßten, wie süß die Wonne dieser Phantasie ist. Darf ich sie deuten? Diese Höhle, dessen Zugang nur ich allein kenne, ist der Leib der Mutter. Der Feind, der mich verfolgt, und, in seinem Haß befriedigt, mich zerschlagen im Abgrund wähnt, ist der Vater, der Mann dieser Mutter, der sich ihr Herr zu sein dünkt und doch das nie betretene, unbetretbare Reich ihres Schoßes nicht kennt. Letzten Endes will dieser Traum im Wachen nichts anderes sagen, als was ich als Kind zu antworten pflegte, wenn man mich fragte: 95 »Wen willst du heiraten?« Es kam mir gar nicht in den Sinn, daß ich irgendein Weib heiraten könnte außer der Mutter. Und ich verdanke es wohl nur der trostlosen Einsamkeit meiner Schuljahre, daß dieser tiefste Wunsch meines Wesens zu einer schwerverständlichen Symbolphantasie niedergedrückt wurde. Nur das nicht mitteilbare Wonnegefühl des Schaukelns verrät noch die Glut des Affekts. Und die Tatsache, daß ich so gut wie nichts mehr von der Zeit zwischen zwölf und siebzehn Jahren weiß, die ich getrennt von meiner Mutter verleben mußte, beweist, welche Kämpfe in mir stattgefunden haben. Es ist eine eigene Sache mit solcher Loslösung von der Mutter, und ich kann wohl sagen, daß das Schicksal gnädig über mir gewaltet hat.

Das ist mir heute wieder einmal recht klargeworden. Ich habe einen harten Strauß mit einem jungen Manne durchgefochten, der sich durchaus von mir behandeln lassen will, aber vor Angst bebt und kaum ein Wort vorbringen kann, sobald er mich sieht. Er hat es fertiggebracht, mich mit seinem Vater zu identifizieren, und wie ich es auch anfangen mag, er bleibt der Meinung – oder vielleicht sein Es bleibt der Meinung –, daß ich irgendwo ein großes Messer verborgen habe, daß ich ihn packen und des Abzeichens seiner Mannheit berauben werde. Und das alles, weil er seine Mutter, die längst tot ist, leidenschaftlich geliebt hat. In diesem Menschen lebte einmal – jahrelang oder nur für Augenblicke –, lebt vielleicht noch der tobende Wunsch, die eigene Mutter zur Geliebten zu nehmen, ihren Schoß zu besitzen. Und aus diesem Wunsch, dieser Begierde der Blutschande wuchs die Angst vor der Rache des Vaters, der mit dem vernichtenden Messerschnitt das geile Glied abschneidet.

Daß ein Kranker im Arzt seinen Vater sieht, ist erklärlich. Die Übertragung des Affekts zu Vater oder Mutter auf den Arzt stellt sich bei jeder Behandlung ein; sie ist maßgebend für den Erfolg, und je nachdem der Kranke mit seinem Gefühlsleben auf den Vater oder auf die Mutter eingestellt war, wird er den starken oder den sanften Arzt bevorzugen. Wir Ärzte tun gut daran, uns dieser Tatsache bewußt zu bleiben; denn drei Viertel unserer Erfolge, wenn nicht viel mehr, beruhen auf der Fügung, die uns irgendwelche Wesensähnlichkeit mit den Eltern der Patienten gab. Und der größte Teil unserer Mißerfolge ist auch auf solche Übertragungen zurückzuführen, was uns einigermaßen über den Verdruß unserer Eitelkeit trösten mag, den ihr die Erkenntnis der Übertragung als des eigentlichen Arztes bereitet. »Ohn' all mein Verdienst und 96 Würdigkeit«, mit diesem Lutherwort bleibt vertraut, wer mit sich selbst in Frieden leben will.

Darin ist also nichts Merkwürdiges, daß mein Patient in mir den Vater sucht; aber daß er, der an die Mutterimago gefesselt ist, sich einen Vaterarzt auswählt, fällt auf, und die Schlußfolgerung ist erlaubt, daß er, ohne es sich selbst klargemacht zu haben, am Vater ebenso hängt wie an der Mutter. Das gäbe eine gute Aussicht auf Erfolg. Oder sein Es trieb ihn zu mir, weil er sich durch eine mißlungene Kur zum soundsovielten Male beim soundsovielten Lehrer und Arzt beweisen will, daß der Vater ein armselig minderwertiges Geschöpf ist. Dann ist freilich wenig Hoffnung, daß gerade ich ihm helfen werde. Ich täte besser, ihm diesen Sachverhalt zu erklären und ihn auf die Suche nach einem Arzte der mütterlichen Art zu schicken. Aber ich bin ein unerziehbarer Optimist und nehme an, daß er trotz seiner Angst im Innersten ernstlich an mein Übergewicht glaubt und es liebt, wenn er auch gern ein bißchen Bosheit in die Behandlung hineinträgt. Solche Schabernack spielende Kranke sind nicht selten. Immerhin ist der Sachverhalt zweifelhaft, und erst der Ausgang der Behandlung wird mich lehren, was den Kranken bewog, gerade zu mir zu kommen.

Ich kenne ein Mittel, die verborgene Gesinnung eines Menschen gegen mich, wie sie im Augenblicke da ist, ans Tageslicht zu ziehen, und weil Sie ein artig liebes Weibchen sind und Humor genug besitzen, um es ohne Verdrießlichkeit zu verwenden, will ich es Ihnen verraten. Fragen Sie den, dessen Herz Sie kennenlernen möchten, nach einem Schimpfwort. Und wenn er, wie zu erwarten steht, ›Gans‹ sagt, dürfen Sie es auf sich beziehen und ohne Ärger feststellen, daß Sie ihm zu viel schnattern. Aber vergessen Sie nicht, daß Gans gebraten gut schmeckt, daß es also ebensogut ein Kompliment wie eine Beschimpfung sein kann.

Nun, ich habe bei passender Gelegenheit meinen Kranken auch nach einem Schimpfwort gefragt, und es kam, prompt, wie ich es erwartet hatte, das Wort ›Ochse‹. Damit wäre ja die Frage gelöst: Mein junger Freund hält mich für dumm, für horndumm. Aber das kann eine Empfindung des Augenblicks bei ihm sein, die – so hoffe ich – vorübergehen wird. Was mich an dem Wort interessiert, ist etwas anderes. Wie inmitten der Dunkelheit ein aufzuckendes Licht erhellt es für einen Augenblick die Finsternis der Erkrankung. Der Ochse ist kastriert. Wenn ich, wie sich das für den wohlanständigen Arzt geziemt, den bösartigen Hohn überhöre, der mich zum Eunuchen degradiert, finde ich in dem Wort 97 ›Ochse‹ eine neue Erklärung für die Angst meines Patienten, ja, es bringt mich sogar der allgemeingültigen Lösung einer überaus wichtigen Frage näher, die wir in unserem seltsamen Medizindeutsch ›Kastrationskomplex‹ nennen. Und wenn ich einmal diesen Kastrationskomplex in seinen Einzelheiten und seiner Gesamtheit beherrsche, werde ich mich Doktor Allwissend nennen und werde Ihnen von den vielen Millionen, die dann in meine Kasse fließen werden, großmütig eine schenken. Das Wort Ochse verrät mir nämlich, daß mein Klient einmal den Wunsch und die Absicht gehabt hat, seinen eigenen Vater zu kastrieren, aus dem Stier einen Ochsen zu machen, und daß er dieses frevelhaften Wunsches wegen nach dem Satze: »Auge um Auge, Zahn um Zahn, Schwanz um Schwanz« für seinen eigenen Geschlechtsteil bange ist. Was mag ihn zu diesem Wunsch bewogen haben?

Sie sind rasch mit der Antwort bei der Hand, liebe Freundin, und ich beneide Sie um diese entschlossene Raschheit. »Wenn«, sagen Sie, »dieser Mensch von der Begierde beherrscht ist, seine Mutter zur Geliebten zu haben, kann er nicht dulden, daß ein anderer – der Vater – sie besitzt, er muß den Vater töten wie Ödipus den Laios, oder er muß ihn kastrieren, zum ungefährlichen Haremssklaven machen.« Leider sind die Dinge im Leben nicht so einfach, und Sie müssen sich jetzt mit Geduld für eine lange Auseinandersetzung wappnen.

Mein Kranker gehört zu den Menschen, die doppelgeschlechtlich eingestellt sind, die ihre Affekte dem eigenen männlichen Geschlechte ebenso zuwenden wie dem weiblichen; er ist, um mich wiederum meiner geliebten Medizinsprache zu bedienen, zugleich homosexuell und heterosexuell. Sie wissen, daß diese Doppelgeschlechtlichkeit für die Kinder allgemeingültig ist. Aus meinem Privatwissen füge ich hinzu, daß die doppelte Einstellung bei dem Erwachsenen eine Dauerhaftigkeit des kindlichen Es beweist, die der Aufmerksamkeit wert ist. Bei meinem Patienten wird die Sache noch dadurch kompliziert, daß er sich beiden Geschlechtern gegenüber als Mann oder als Weib fühlen kann, daß er also die verschiedensten Leidenschaftsmöglichkeiten hat. Es kann also sehr gut sein, daß er seinen Vater nur deshalb kastrieren will, um aus diesem Vater seine Geliebte zu machen, und daß andererseits seine Angst, die Geschlechtsteile könnten ihm vom Vater weggeschnitten werden, ein verdrängter Wunsch ist, die Frau des Vaters zu sein.

98 Aber ich vergesse ganz, daß Sie ja gar nicht verstehen können, was ich meine, wenn ich sage, ein Mensch will durch Wegschneiden der männlichen Genitalien aus dem Mann ein Weib machen. Darf ich Sie bitten, mit in die Kinderstube zu kommen. Auf der Waschkommode sitzt Grete in ihrer dreijährigen Nacktheit und wartet auf das Kindermädchen, das warmes Wasser zum Abendwaschen holt. Vor ihr steht, mit neugierigen Augen zwischen die gespreizten Beinchen guckend, der kleine Hans, tippt mit dem Finger auf den roten klaffenden Spalt der Schwester und fragt: »Abgeschnitten?« »Nein, immer so gewesen.«

Wenn es mir nicht so unangenehm wäre zu zitieren – in meiner Familie war es Sitte, und sowohl Mutter wie Brüder haben mich und meine Eitelkeit tausendfach damit gequält, daß sie besser zitieren konnten als ich armseliger Benjamin; es fehlt auch nicht an argen Blamagen, die ich bei falschem Zitieren auf mich geladen habe –, wenn es mir nicht so dumm vorkäme, würde ich jetzt etwas vom tiefen Sinn des kindischen Spiels sagen. Statt dessen will ich Ihnen nüchtern mitteilen, was diese Geschichte vom ›Abgeschnitten‹ bedeutet. Zu irgendeiner Zeit – es ist merkwürdig, daß kaum einer sich besinnen kann, wann das geschieht –, und noch merkwürdiger ist es, daß ich so viel mit Unterbrechungen meiner Sätze denke und schreibe. Sie mögen daraus erfahren, wie schwer es mir wird, auf diese Dinge einzugehen, und ich überlasse es Ihnen, daraus Ihre Folgerungen über meinen persönlichen Kastrationskomplex zu ziehen.

Also zu irgendeiner Zeit bemerkt das Knäblein den Unterschied beider Geschlechter. Bei sich und beim Vater und den Brüdern sieht er ein Anhängsel, das ganz besonders lustig anzusehen und zum Spielen ist. Bei Mutter und Schwester sieht er statt dessen ein Loch, aus dem das rohe Fleisch, der Wunde ähnlich, hervorschimmert. Er folgert daraus, dumpf und unbestimmt, wie es seinem jungen Gehirn zukommt, daß einem Teil der Menschen das Schwänzchen, mit dem sie geboren wurden, weggenommen wird, ausgerissen, eingestülpt, abgequetscht oder abgeschnitten wird, damit es auch Mädchen und Frauen gibt; denn die braucht der liebe Gott zum Kinderkriegen. Und wiederum zu einer Zeit macht er in seiner seltsamen Verwirrtheit diesen unerhörten Dingen gegenüber für sich aus, das Schwänzchen wird abgeschnitten, denn die Mama macht ab und zu statt des hellgelben Pipis rotes Blut in das Töpfchen. Also wird ihr von Zeit zu Zeit der Pipimacher, das 99 Hähnchen, aus dem das Wasser spritzt, abgeschnitten, und zwar nachts vom Papa. Und von diesem Moment an bekommt das Knäblein eine Art Verachtung für das weibliche Geschlecht, eine Angst für seine eigene Mannheit und eine mitleidige Sehnsucht, das Loch der Mama und weiterhin die Wunden anderer Mädchen und Frauen mit seinem Hähnchen auszufüllen, sie zu beschlafen.

Ach, liebe Freundin, ich bilde mir nicht ein, damit die Lösung der ewig rätselhaften Frage nach der Liebe gefunden zu haben. Der Schleier bleibt, an dem ich nur ein Eckchen zu lüften suche, und was ich dahinter sehe, ist dunkel. Aber es ist wenigstens ein Versuch. Und ich bilde mir auch nicht ein, daß der Knabe diese infantile Sexualtheorie – erschrecken Sie nicht über den gelehrten Ausdruck – klar denkt. Aber gerade weil er sie nicht klar denkt, nicht klar auszudenken wagt, weil er fünf Minuten später wieder eine andere Theorie aufstellt, um sie wieder zu verwerfen, kurz, weil er diese Dinge gar nicht in seinem Bewußtsein aufspeichert, sondern in die Tiefen des Unbewußten versenkt, gerade deshalb haben sie eine so unermeßlich große Wirkung auf ihn. Denn was unser Leben und Wesen gestaltet, ist nicht bloß der Inhalt unsres Bewußtseins, sondern in viel höherem Grade unsres Unbewußten. Zwischen beiden, der Region des Bewußten und der des Unbewußten, ist ein Sieb, und oben im Bewußten bleiben nur die groben Dinge zurück, der Sand für den Mörtel des Lebens fällt in die Tiefe des Es, oben bleibt nur die Spreu, während drunten das Mehl für das Brot des Lebens gesammelt wird, drunten im Unbewußten.

Herzliche Grüße und alles Gute.

Patrik Troll

 

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