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Das Buch vom Brüderchen

Gustaf af Geijerstam: Das Buch vom Brüderchen - Kapitel 9
Quellenangabe
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typefiction
authorGustaf af Geijerstam
booktitleGesammelte Romane
titleDas Buch vom Brüderchen
publisherS. Fischer Verlag
seriesGesammelte Romane in fünf Bänden
volumeDritter Band
year1910
translatorFrancis Maro (Marie Franzos)
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081209
projectidd2c37152
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Siebentes Kapitel

Ich saß lange mit diesem Brief in der Hand, und die Woge von Zärtlichkeit, die mir entgegenströmte, war so mächtig, daß sie alle Fragen erstickte und mich in meiner gewohnten Umgebung, in der nichts verändert schien, mit einem Gefühle umhergehen ließ, als sei ich der Märchenprinz, der auf den Flügeln des Westwinds die Insel der Glückseligkeit erreicht hat.

Ich hatte gefragt, warum meine Frau so verändert schien, und ich hatte es nicht erfahren. Ich hatte nur einen Beweis ihrer Zuneigung bekommen, und so ist ja die Liebe, daß sie nichts anderes will als sich selbst, und alle Fragen, die sie dabei stellt, zielen auf nichts anderes hin als auf die einzige Gewißheit, ohne die sie selbst nicht bestehen kann. Darum gab dieser kleine Brief uns die Lösung von allem, obgleich er nichts erklärte, und in stummer Dankbarkeit ging ich, nachdem ich ihn gelesen, zu meiner Frau hinein, glücklich, daß ich ganz glauben konnte.

Wir sprachen auch nicht viel von diesem Briefe, aber wir empfanden es beide als eine Erleichterung, daß er geschrieben worden war, und des Abends saßen wir lange auf, nachdem die Kinder sich zur Ruhe begeben hatten. Ich erinnere mich, wie Elsa in dieser Zeit sang, sang, so wie sie nie für jemand anderen als mich gesungen hat. Und ich saß und ließ meine Seele von den Tönen liebkosen, während ich grübelte, wie es möglich gewesen war, daß eine Mißstimmung sich zwischen sie und mich hatte schleichen können.

Wie die Tage gingen, weiß ich nicht. Ich bemerkte nicht, daß sie länger wurden, daß der Schnee von den Dächern tropfte und daß die Bäume des Humlegartens zu knospen begannen. Höchstens bedauerte ich, daß der Winter nicht länger währte, so daß die Lampe zeitig angezündet werden und unsere Abende beginnen konnten.

»Hast du bemerkt,« sagte mir meine Frau eines Morgens, »daß ich froher bin als früher und daß ich nie mehr weine?«

Ich hatte es bemerkt. Aber undankbar wie ein Mensch ist, der eben einer Gefahr entgangen ist, die er nicht verstanden hat, hatte ich die Veränderung genossen, ohne darüber nachzudenken.

»Weinst du vielleicht, wenn niemand dich sieht?« fragte ich.

Und ich fühlte einen Schatten meines alten Mißtrauens in mir erwachen.

Aber meine Frau merkte es nicht. Sie stand vor mir so strahlend jung, als hätte keine Wolke je ihre Stirne verdunkelt. Und um ihre Lippen spielte ein Lächeln, das ich schon einmal gesehen zu haben meinte. Ich konnte mich nur nicht erinnern, wann.

»Ich weine nicht mehr«, sagte sie.

Und ihre Stimme hatte einen fast herausfordernden Klang, als sie hinzufügte:

»Das ist auch mein Geheimnis.«

Ich gab mich ihrer Stimmung hin, ohne ihre Worte zu verstehen. Ich war zufrieden und glücklich in dem Gefühl, daß das Leben uns wieder lächelte.

Diese ganze Periode ließ in unserem Zusammenleben keine andere Spur zurück, als daß dieses noch inniger und gleichsam behutsamer wurde als je zuvor. Ich kann nicht mehr sagen, in welcher Weise ich mir diese wunderliche Parenthese in einer glücklichen Ehe zu erklären versuchte. Gewiß ist, daß ich damals weit entfernt war zu ahnen, daß sie den Keim zu der Tragik einer ganzen Zukunft barg.

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