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Das Buch vom Brüderchen

Gustaf af Geijerstam: Das Buch vom Brüderchen - Kapitel 42
Quellenangabe
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typefiction
authorGustaf af Geijerstam
booktitleGesammelte Romane
titleDas Buch vom Brüderchen
publisherS. Fischer Verlag
seriesGesammelte Romane in fünf Bänden
volumeDritter Band
year1910
translatorFrancis Maro (Marie Franzos)
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectidd2c37152
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Achtes Kapitel

Warum konnte nicht alles so weitergehen, wie es begonnen hatte? Warum kam das, was ich nicht gefürchtet, und wuchs zu einer gefährlicheren Macht für mich und die Meinen heran, als irgend etwas von dem, was ich früher gefürchtet hatte? Man könnte ebensowohl fragen, warum geschieht nicht alles, was der Mensch wünscht? Oder warum liegt es nicht in seiner Macht, die Entwicklung des Lebens so zu gestalten, wie er selbst will?

Es lag zwischen meiner Frau und mir in dieser Zeit, trotz aller Zärtlichkeit und allen Verständnisses, dennoch ein gewisses Etwas, das uns trennte. Dies lag nicht in theoretischen Meinungsverschiedenheiten. Auch war es nicht der Art, daß es uns hinderte, uns stets zu begegnen, uns stets zu suchen, uns stets einer an des anderen Gegenwart zu freuen. Es war ganz einfach eine Verschiedenheit in unserer Art, alles zu nehmen, was in dieser Zeit geschah und zwischen uns vorging. Für sie war all das ein Abschied, bei dem sie sich immer mehr dem Überschreiten jener Grenze näherte, von der niemand wiederkehrt. Mir schien es wie eitel Verheißungen, daß unser Leben aufs neue beginnen und meine Frau zu mir, zu uns allen, zum Leben selbst zurückkehren sollte.

Aus allem, was geschah und wovon mir damals vieles dunkel und unerklärlich schien, habe ich verstanden, daß darin der eigentliche Erklärungsgrund für ihr Schicksal und das meine lag, die ganze Erklärung dessen, was war und was kommen würde, und ich hätte verzweifeln müssen, wenn ich das alles damals so klar gesehen hätte, wie ich es jetzt sehe. Ich meinerseits begehrte, daß meine Frau ihre Todesgedanken aufgeben und um meinetwillen den Weg durchs Leben wieder aufnehmen sollte, auf dem sie gleichsam gelähmt stehengeblieben war, als Sven starb. Sie wieder wünschte, daß ich einsehen möchte, daß sie unwiderruflich den Schritt ins Jenseits getan, als ihr Engel, wie sie ihn immer nannte, dahinging. Sie wünschte, daß ich das so tief verstünde, daß meine Aufgabe nur die wäre, wie ein Freund an ihrer Seite zu schreiten und ihre Hand zu halten im Mitgefühl der Finsternis, die kommen mußte und nach der sie selbst trachtete. So tief liebten wir uns, daß keines von uns den Traum aufgeben konnte, den Gedanken des anderen mit seinem eigenen übereinstimmen zu sehen. Darum konnte keiner den anderen seinen eigenen Weg gehen lassen und resigniert das Los des Lebens entgegennehmen, das Einsamkeit heißt. Darum konnte auch keiner umhin, Bitterkeit zu empfinden, als er merkte, daß seine Hoffnung fehlschlug. Darum fühlte sie mein Bemühen, sie dahin zu führen, wohin sie nicht wollte, so wie ich ihren Widerstand fühlte, und darum war unser ganzes Leben im eigentlichen Sinn des Wortes ein Kampf um die Liebe und ein Kampf auf Leben und Tod.

So lange hatte ich im Schatten des Todes gelebt, daß ich es nicht einmal für möglich hielt, daß irgendein anderer Zustand mir beschieden sein könnte. Ich war damit vertraut geworden wie der chronisch Kranke mit seinen Schmerzen. Der Schatten kam nicht nur von dem kleinen Toten, der dahingegangen war, sondern auch von ihr, die gehen wollte. Er kam nicht nur von dem, was wir hinter uns gelassen. Er harrte unser auch in dem, was kommen sollte, was vor uns lag. Die beiden Schatten begegneten sich auf dem Punkte des Lebenswegs, auf dem wir jetzt angelangt waren. Die beiden Schatten verfinsterten mein ganzes Leben, und meine Schuld war, daß ich es nicht vermochte, die Sonne vom Himmel zu reißen, um den einen Schatten zu vertreiben.

Dies war meine Schuld und meine Täuschung. Denn mit sehenden Augen sah ich nicht. Mit hörenden Ohren hörte ich nicht. Ich sah bloß meinen eigenen Wunsch, hörte bloß die Laute der starken Lebenssehnsucht meines eigenen Traumes. Und doch wußte ich, daß nur in der Sage der Wille eines Mannes die Toten ins Leben zurückzurufen vermag. Ja, selbst die Sage läßt ihn gegen die Götter sündigen, dadurch, daß er das Übermenschliche versucht; sie läßt ihn sich nach dem Schattenreiche umsehen, nur damit sie, um derentwillen er das Unmögliche versucht, auf ewig in die Nacht des Orkus zurücksinke.

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