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Das Buch vom Brüderchen

Gustaf af Geijerstam: Das Buch vom Brüderchen - Kapitel 41
Quellenangabe
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typefiction
authorGustaf af Geijerstam
booktitleGesammelte Romane
titleDas Buch vom Brüderchen
publisherS. Fischer Verlag
seriesGesammelte Romane in fünf Bänden
volumeDritter Band
year1910
translatorFrancis Maro (Marie Franzos)
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Siebentes Kapitel

Hinter dem Schlafzimmer lag ein kleiner Raum, der ursprünglich als Toilettezimmer gedacht war, den man aber aus irgendeinem Grunde nicht eingerichtet hatte. Er war sehr unregelmäßig, die Fenster saßen hoch oben, und das Licht war trüber als in den andern Zimmern.

Da wohnte der kleine Sven. Da war sein Gemach, und dieses Gemach war verschlossen.

Niemand durfte meiner Frau helfen, dieses Zimmer zu ordnen oder dort aufzuräumen. Sie allein mußte alles tun. Da hängte sie helle Gardinen vor das kleine Fenster, und in die Fensternische hinter die Gardine stellte sie einen Tisch. Für diesen Tisch nähte sie ein Tuch, das aus demselben Stoff war wie die Vorhänge, und auf dem Tisch standen Svens Spielsachen. Da war ein Pferd, das einen Wagen zog, ein paar Zinnsoldaten und ein Zelt. Da war Svens weiße Kaffeetasse mit dem Goldrand, seine Sparbüchse, ein kleiner Säbel und ein Tschako. Da war alles, was er zurückgelassen, seine ganze kleine Hinterlassenschaft. Unter dem Tisch standen zwei Holzpferde, von denen das eine seine Mähne ganz verloren hatte, und vor dem Tisch stand ein kleines, niedriges Holzstühlchen, das Sven bekommen hatte und das er sich durch die Zimmer zu tragen pflegte, wenn er so recht vergnügt war und Mama dazu bekommen wollte, ihm Märchen zu erzählen.

Aber mitten unter den Spielsachen standen kleine und große Porträts in Rahmen, und an den Wänden so nahe als möglich vom Lichte hingen andere. Da waren Bilder von Papa und Mama, von den Brüdern und von der ganzen Familie. Da war das Porträt von Sven in seinem langen Kittelchen und von Sven in dem kleinen Pelz, wie er auf einer Bank stand und gegen die Sonne blinzelte, die über den Schnee leuchtete. Aber alle Bilder waren aus der Zeit der Jugend und des Glücks, als noch nichts geschehen war, das an den Banden reißen konnte, die uns noch alle vereinten. Und allein, ganz für sich, hing auf einem Vorsprung der Mauer die Abbildung von Spangenbergs Bild vom Tode, über das der kleine Sven gegrübelt und dessen Geschichte seine Mama ihm lange vor dem Tag erzählt hatte, an dem er selbst mehr davon erfuhr, als die Großen je erzählen können.

Und dann stand noch etwas da. Das war eine kleine, dunkelgebeizte Kommode, die Sven einmal bekommen hatte. Die hatte ihre kleine Geschichte, denn in früheren Zeiten hatte sie Papa gehört. Da war sie gelb und hell gewesen, aber seither hatte sie viele Schicksale durchgemacht, und als sie in Svens Besitz überging, bekam sie ihre neue Farbe. Aber in ihren drei Laden lagen all die Dinge, die Erinnerungen an den Kleinen bargen und nicht herumliegen durften. Da wurde sein letztes Hemdchen verwahrt und das letzte Paar Strümpfe, das er getragen hatte. Da lagen seine kleinen Notenhefte »Sing uns was, Mama«, die nie mehr unten auf das Notenpult im Wohnzimmer kommen sollten. Da wurde sein letztes, schönes, weißes Sommerkostüm aufgehoben, mit der schönen, blauen Schärpe und der Rosette in der gleichen Farbe auf der weißen Mütze. Da lagen seine kleinen, braunen Schuhe, und die Bücher des kleinen Sven. Da war auch Papas eigenes Buch von den großen Brüdern, Mamas eigenes Exemplar, das Sven sich erbettelt hatte, als er Papa bat, ein Buch nur über Nenne zu schreiben.

Das war Svens Zimmer, und hier war Elsas Heiligtum. Jeden Abend ging sie dort hinein, und jeden Morgen saß sie da, bevor sie mit anderen sprach. Nie war sie glücklicher, als wenn Papa auch hineinkam und drinnen blieb.

Dort wohnte auch Sven, und was da gesprochen wurde, weiß niemand. Auch wenn Elsa etwas davon erzählte, war das, was sie sagte, nichts gegen die Worte, die dort drinnen zwischen ihr und der Welt des Unbekannten gewechselt wurden.

»Du glaubst ja nicht daran«, sagte sie eines Tages zu mir. »Aber ich fühle es.«

»Woher weißt du, daß ich nicht glaube?« antwortete ich.

Sie blickte mich mit großen, verwunderten Augen an.

»Du kannst nicht glauben wie ich«, sagte sie. »Denn du zweifelst gleichzeitig, ob es möglich ist. Aber ich weiß es, und ich zweifle nicht mehr.«

Eine Erinnerung tauchte in mir auf, die Erinnerung an die Stunde, in der sie mir vorwarf, daß ich ihr ihren Glauben an die Wirklichkeit des Übersinnlichen genommen. Ich begriff, daß sie ihren gegenwärtigen Glauben brauchte, daß sie ihn immer gebraucht hatte, daß er mit ihrem innersten Wesen so tief und innig zusammenhing, daß ihr vielleicht viel Leiden erspart geblieben wäre, wenn man diesen Glauben niemals erschüttert hätte. In gleicher Weise wußte ich bei mir selbst, daß ich den Glauben an eine Fortdauer nach dem Tode nie ganz von mir geworfen hatte. Ich hatte kritisiert, untersucht, ja gestrebt, diesen Gedanken in meinen eigenen Augen unmöglich zu machen. Aber ich hatte das vielleicht hauptsächlich in der Hoffnung getan, daß mich gerade dieses Suchen schließlich zu der Überzeugung vom Gegenteil führen würde. Diese Überzeugung war nie gekommen, aber mit den Jahren hatte das, was ich von dem Künftigen dachte, eine Veränderung durchgemacht. Der Unsterblichkeitsgedanke war und blieb für mich allerdings nur eine Möglichkeit, aber mehr und mehr hatte er die Form von etwas Mattem und Mildem angenommen, dem ich mich näherte, ohne recht zu wissen, wie. Schritt für Schritt hatte ich die Möglichkeit einer solchen Überzeugung in mir wachsen gefühlt, und was ich im letzten Jahre durchlebt, hatte mein Gefühl von dieser Möglichkeit genährt, die mein Verstand noch immer weder annehmen noch verwerfen konnte.

Gleichzeitig schien es mir, als stünde ich allein in all diesem und als wollte oder könnte meine Frau nicht sehen, was in mir vorging. Aber, als sie mir diese Worte sagte: »Du zweifelst gleichzeitig, ob es auch möglich sei«, da wurde es mir klar, daß sie mich mißverstehen mußte, weil ich selbst nichts gesagt hatte. Wie hatte ich über all das schweigen können? Wie konnte ich vergessen, daß, was ich hier wirklich zu sagen hatte, sie sicherlich mit dem höchsten Glück erfüllen mußte? In einem Nu wollte ich gutmachen, was ich verbrochen zu haben glaubte, und ich erinnerte sie darum an den Tag, an dem sie gesagt hatte, daß sie glauben wollte wie ich, denken wie ich, leben wie ich.

»Ich will, daß du es einmal erfährst«, sagte ich. »Es sind nun seither Jahre vergangen. Aber nie habe ich etwas Derartiges von dir verlangt. Nie habe ich gewollt, daß du etwas in dir um meinetwillen verändern solltest. Deine Liebe hat dir diesen Gedanken eingegeben, nicht ich.«

Sie sah vor sich hin, als schweiften ihre Gedanken grübelnd in ferne Vergangenheit.

»Ich glaubte, du wolltest, daß ich werden sollte wie du«, sagte sie.

»Nie,« antwortete ich, »nie habe ich etwas Derartiges gewünscht. Ich wollte mit dir über das, was ich dachte und fühlte, sprechen können. Aber ich wünschte, daß du es mir gegenüber ebenso machtest. Ich habe es vermißt, daß du es nicht getan hast.«

Ich sah, daß in all dem etwas lag, das sie quälte, mehr als Worte es schildern können. Aber ich ahnte nicht, was es war.

»Ich habe immer gedacht, du wollest mich dir ähnlich haben«, sagte sie.

»Das habe ich gedacht und auch anderen gesagt. Als ich glaubte, daß ich nicht mit dir sprechen könne, habe ich zu Fremden gesprochen.«

Das letzte fügte sie mit einem Tonfall hinzu, als hätte sie etwas unüberwindlich Abstoßendes ausgesprochen, dessen sie sich schämte.

»Wie habe ich dich so mißverstehen können?« sagte sie.

Und indem sie ihren Arm um meine Schulter schlang, sah sie mir in die Augen und fragte:

»Du bist nicht böse, wenn du mich zu Sven hineingehen siehst?«

»Böse?«

Ich mußte sie mit einer Miene des Erstaunens betrachtet haben, die nicht mißzuverstehen war. Denn sie fragte nicht mehr. Ohne ein Wort zu sagen, wendete sie sich ab und ging in Svens kleines Zimmer. Sie verweilte lange darin, und als sie wiederkam, sah ich, daß sie geweint hatte, aber nicht aus Kummer.

Aber während ich allein saß und auf sie wartete, mußte ich daran denken, daß sie nie früher in meiner Gegenwart die Türe des kleinen Gemaches geöffnet hatte und hineingegangen war, um ihre Andacht zu verrichten. Und zugleich wußte ich, daß, seit Sven gestorben war, ich ihr nie so nahe gekommen war wie jetzt.

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