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Das Buch vom Brüderchen

Gustaf af Geijerstam: Das Buch vom Brüderchen - Kapitel 38
Quellenangabe
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typefiction
authorGustaf af Geijerstam
booktitleGesammelte Romane
titleDas Buch vom Brüderchen
publisherS. Fischer Verlag
seriesGesammelte Romane in fünf Bänden
volumeDritter Band
year1910
translatorFrancis Maro (Marie Franzos)
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081209
projectidd2c37152
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Viertes Kapitel

Es war nichts Geringeres als ein Kampf mit dem Tode, den ich begonnen, und die Zeit, die folgte, wurde ein beständiger Wechsel zwischen der düstersten Verzweiflung und der hellsten Hoffnung. Das Schwerste unter solchen Verhältnissen ist natürlich die völlige Untätigkeit, die darin besteht, bloß ruhig auf das zu warten, was kommen soll, und geduldig alles der Zeit zu überlassen, während man gleichzeitig glaubt, daß alles, was geschieht, nur das Herannahen der Nacht beschleunigt, die man verscheuchen zu können hofft. Wie ängstlich beobachtete ich nicht meine Frau in dieser Zeit! Wie folgte ich ihr nicht auf ihren Fahrten zum Grabe! Und wie freute ich mich, wenn ich sie ruhig und fröhlich die Knaben um sich versammeln, ihnen erzählen und vorlesen sah, so wie nur sie es konnte, und wenn ich wieder ihre munteren Stimmen hören durfte, die durcheinanderklangen, wenn das Gelesene Anlaß zu einem dieser lustigen Kommentare gab, die es zu einem Feste machen, Kindern vorzulesen. Und wie konnte ich nicht beim Mittagstisch oder bei der Abendlampe nach dem angestrengten, abwesenden Ausdruck in dem Antlitz meiner Frau spähen, der wie eine Wolke kommen und uns alle stumm machen konnte.

Es war dann, als ginge ihre Seele plötzlich von uns fort und ließe uns allein. Die Knaben wechselten Blicke mit mir, Blicke, die deutlich sagten, daß sie, soweit ihr Alter es zuließ, ebensowohl verstanden wie ich und ebenfalls litten, wenn es ihnen auch leichter fiel, die Gedanken zu zerstreuen. Svante stand auf und streichelte Mama, und er fühlte sich nicht zurückgestoßen, weil es ihm nicht gelang, ihre Augen zu erhellen. Er konnte nachher zu mir kommen und sagen:

»Mama tut mir so leid.«

Das war alles für ihn, und drum war er vielleicht ein besserer Tröster als ich.

Olof saß bei solchen Anlässen mehr still da und versuchte mit mir zu sprechen, als wäre alles, wie es sein sollte. Aber seine Augen folgten der Mutter, und ging sie hinaus, um allein zu sein, was oft geschah, wenn sie fühlte, daß sie uns nicht länger ansehen und mit uns sprechen konnte, dann pflegte er sich an ihre Türe zu schleichen und dort lange zu stehen und zu horchen. Dauerte das Schweigen allzu lange, so ging er sachte hinein, und geschah es, daß er abgewiesen wurde, dann kam er still zurück und setzte sich mit einer resignierten Miene nieder, als wüßte er, daß er nicht alles auf einmal verlangen könnte.

Es erging ihm wie mir, er hätte es als eine Erleichterung empfunden, wenn er nur gewußt Hüne, was er tun sollte.

Und wenn wir drei zu solchen Zeiten allein saßen, dachten wir alle an das, was wohl hinter der verschlossenen Tür vorging, wo meine Frau sich immer näher und näher zu der Grenze hinkämpfte, an der das Leben aufhört, wo sie sich zum Tode durchrang.

»Wißt ihr, woran Mama leidet?« sagte ich eines Tages.

Olof sah fort, ohne etwas zu sagen, aber Svante antwortete:

»Ja.«

Ich hätte übrigens nicht zu fragen gebraucht. Denn ich wußte, daß sie sie auf das vorbereitet hatte, was kommen sollte.

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