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Das Buch vom Brüderchen

Gustaf af Geijerstam: Das Buch vom Brüderchen - Kapitel 30
Quellenangabe
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typefiction
authorGustaf af Geijerstam
booktitleGesammelte Romane
titleDas Buch vom Brüderchen
publisherS. Fischer Verlag
seriesGesammelte Romane in fünf Bänden
volumeDritter Band
year1910
translatorFrancis Maro (Marie Franzos)
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Siebzehntes Kapitel

Bevor der nächste Tag verstrichen war, wußten wir, daß es keine Hilfe gab und daß der kleine Sven sterben mußte. Die Gewißheit war wie ein schwerer Schlag über uns hereingebrochen, denn die ganze Zeit vorher hatten wir gehofft. Wir standen im Vorzimmer, die beiden Ärzte stumm und ernst, meine Frau die Augen auf ihre Züge gerichtet, als glaubte sie, daß sie noch nicht ihr letztes Wort gesprochen hatten. Ich sah sie alle an, während ich den Arm um meine Frau legte, um zu versuchen, sie an mich zu ziehen, und ich bemerkte, wie es in dem gefühlvollen Gesichte unseres Freundes, des Doktors, zuckte. Der Professor sprach sachte und mit leiser Stimme, so als kostete ihn jedes Wort eine Überwindung. Ich fühlte nichts anderes, als daß das Unausweichliche gekommen war und daß ich mich stählen mußte, um es ertragen zu können. Aber mit einem Druck meiner Hand, in dem ich ihren ganzen Schmerz fühlte, machte sich meine Frau aus meinem Arm los, der um ihre Taille lag, und indem sie ihre Hände rang, so daß man buchstäblich die Knochen knacken hörte, rief sie aus:

»Sagen Sie, daß noch Hoffnung ist. Sagen Sie es.«

Die beiden Männer wichen ihrem Blick aus, aber da richtete sich das junge Weib empor und sagte:

»Er darf nicht sterben. Ich werde euch zeigen, daß er leben wird.«

Sie ging fort, und wir standen schweigend da und sahen ihr nach, wie sie in das Krankenzimmer verschwand. Wir begriffen alle, wie tief sie es empfand, daß jede Möglichkeit der Hoffnung wirklich vorüber war und daß sie darum das Gelübde ablegte, ihn dem Tode zu entreißen – allen zum Trotz. Wir schieden ohne viele Worte, und ich folgte meiner Frau, ohne zu wissen, was ich ihr sagen wollte, nur um in ihrer Nähe zu sein und vielleicht das zu sehen, was ich am meisten fürchtete.

Ich fand sie nicht im Krankenzimmer. Ich fand sie in meinem eigenen Zimmer, und ihre Züge waren versteinert. Sie saß zusammengesunken auf dem Sofa, die Hand hart an die Wange gepreßt, ihre Augen waren trocken und glanzlos, und sie blickte in das große Dunkel. Ihre Gestalt, ihr Antlitz, ja sogar ihre Hände bezeugten es. Ich versuchte zu ihr zu sprechen, ich versuchte ihren Namen zu rufen, aber sie antwortete mir nicht, und schließlich mußte ich sie ihrem eigenen Schmerz überlassen, angstvoll der Worte harrend, die kommen würden, wenn er einmal losbrach.

Es dauerte sehr lange, bevor das Schweigen gebrochen wurde, und als es geschah, war es nicht mit Worten. Meine Frau streckte nur ihre Hand nach mir aus und zog mich zu sich auf das Sofa. Sie fiel in meine Arme, und ein langes Schluchzen, das aus einer einzigen Brust zu kommen schien, erschütterte uns beide.

»Du dauerst mich so sehr!« flüsterte sie. »So sehr!«

»Ich?«

Ich riß mich los und sah auf. Denn in ihrer Stimme lag etwas, das mich mit einer Ahnung erfüllte, die ich nicht als Gedanke in mir emporsteigen lassen wollte.

Sie wendete sich mir mit gefalteten Händen zu und schrie beinahe:

»Du verlangst doch nicht von mir, daß ich danach lebe, lebe ohne Sven. Ich kann es nicht. Ich kann es nicht.«

Das war meine Ahnung, der sie Worte gegeben, und ich stand da, ratlos und ohne ein Wort über die Lippen bringen zu können.

»Setze dich zu mir«, sagte sie. »Ich werde nicht heftig werden. Ich werde ruhig sprechen. Denn ich bin nicht mehr unruhig. Ich fühle nur, wie alles zusammenbricht. Ich bin schon jetzt fort, obgleich du es noch nicht fassen kannst, weil du so wenig weißt und ich so wenig sagen konnte. Aber warum sollte ich es dir sagen, bevor es unumgänglich notwendig war? Denn ich habe mit dir leben wollen, Georg, ich habe mit dir leben wollen, weil ich dich mehr geliebt habe als alles andere im ganzen Leben. Ich bin jetzt nicht jung. Ich bin so alt, wie du nie werden kannst. Du hast es nur nie gewußt, es nie sehen wollen, und wenn ich dich so glücklich sah, wollte ich dich nicht stören. Aber solange ich mich zurückerinnern kann, habe ich gewußt, daß ich nicht wie andere Menschen bin. In mir habe ich das Bedürfnis gefühlt, sterben zu dürfen. Kannst du das verstehen, was ich dir jetzt sage, Georg? Ich verstehe es ja kaum selbst. Als ich am glücklichsten war über dich und die Kinder und alles, was schön ist, immer habe ich gewußt, daß ich eines Tages von allem würde fort müssen und daß nichts mich daran würde hindern können. Ich würde wollen und nicht wollen, wünschen und nicht wünschen. Aber ich würde ins Dunkel gehen, wo ich hingehörte. Ich habe das Gefühl gehabt, daß etwas kommen würde und mich zwingen, mir sagen, daß ich muß. Erinnerst du dich an den Winter, Georg, in dem es so schwer und so düster war zwischen dir und mir? Da versuchte ich dir zu schreiben, wie mir zumute war. Denn sprechen konnte ich ja nicht. Aber ich konnte auch nicht schreiben. Was ich dir sagen wollte, konnte ich nicht, und ich erinnere mich, wie ich mich darüber wunderte, daß du mich nicht auch nachher fragtest, mich oft und beharrlich fragtest, obwohl ich dich gebeten hatte, es nicht zu tun. Zuweilen wollte ich, daß du mich fragen solltest. Aber meistens war ich froh, daß du es nicht tatest. Was habe ich gelitten in dieser Zeit, Georg! Wenn du ahnen könntest, was ich gelitten habe! Du kamst und nahmst meine Hand und setztest dich neben mich, und ich wurde nicht glücklich wie sonst. Denn ich wußte ja, daß ich Tag für Tag daran dachte, wie ich sterben und von dir gehen könnte. Ich wollte es selbst tun, Georg. Kannst du fassen, daß ich mitten in meinem Glücke es selbst tun wollte? Und du warst gut zu mir und freundlich und froh, und ich hatte das Gefühl, als wäre ich ein treuloses Weib und betröge dich. Und weißt du, warum ich von dir fortgehen wollte? Ja, weil ich so sicher wußte, daß es eines Tages geschehen würde, und darum wollte ich lieber gehen, solange du jung und stark warst und mich bald vergessen und mit einer anderen glücklich werden konntest.«

Sie verstummte einen Augenblick, und ihre Augen schwammen in Tränen. Dann fuhr sie wieder fort, und ihre Stimme war wie neu.

»Dann kam der kleine Sven, Georg, und alles wurde anders. Erinnerst du dich, daß ich es dir schon damals sagte? Erinnerst du dich, daß ich es sagte? Ich glaubte damals, daß Gott ihn mir geschickt habe, um mich im Leben zurückzuhalten, damit ich dich so glücklich machen könnte, wie ich es wünschte, und jeden Abend betete ich zu Gott, daß es mir gelingen möchte. Ich glaube so fest, daß Gott mich erhört habe, und davon sprach ich mit dem kleinen Sven, wenn wir allein waren und niemand unsere Worte belauschen konnte. Aber jetzt, Georg, jetzt geht er von mir. Jetzt weiß ich, daß all das andere, all das, was du bis jetzt nicht gewußt hast, wiederkommen wird, und jetzt will ich bloß, daß du mir allen Schmerz verzeihst, den ich dir zugefügt habe, und allen Schmerz, den ich dir jetzt zufüge. Aber du darfst mich nicht bitten, zu bleiben. Dahin, wo Sven geht, dahin gehe auch ich.«

Sie stand vor mir, und sie schien mir in diesem Augenblick größer, als Menschen sind. Ich war so völlig unvorbereitet auf all das, was sie jetzt gesagt hatte, daß es mich dünkte, sie erzähle einen unheimlichen Traum, den ich nicht in Wirklichkeit verwandeln konnte. Aber ich fühlte auch, daß, während sie mir den größten Schmerz zufügte, sie die Größe einer Liebe enthüllte, nach der ich nur meine Hände ausstrecken wollte, damit sie mir nicht im selben Augenblick geraubt würde, in dem sie ganz mein geworden.

»Ich kann das nicht ertragen«, schrie ich beinahe. »Ich kann es nicht ertragen. Dich und ihn verlieren. Du kannst es nicht meinen.«

Sie erhob sich lautlos, und wie eine Niobe, die die Arme um ihre Kinder breitet, die die Pfeile der Götter selbst in den Mutterarmen suchen, stand sie vor mir.

»Laß mich Sven mitnehmen«, sagte sie. »Er muß ja doch sterben. Ich trage ihn hinab zur Bucht heut abend, wenn alle schlafen. Es ist ein so kurzer Kampf. Und dann brauch' ich dich nicht noch mehr zu quälen, als ich es schon getan habe.«

Ich stellte mich ihr in den Weg, und mit der Kraft meiner Arme drückte ich sie gewaltsam auf das Sofa.

»Warte,« sagte ich, »warte! Du weißt ja selbst nicht, was du tust.«

Aber sie antwortete mir nur:

»Es wird dein und mein Unglück, wenn du mich hinderst. Klage mich nicht an, wenn es dann kommt.«

Sie wand sich in Schmerz unter meinem Griffe, und nach einer Weile fiel sie in eine lange Ohnmacht. Ich legte sie auf das Sofa, und es war mir, als sei alles, was gesagt worden war, ein wahnwitziger Traum. Lange stand ich und betrachtete sie, bis ich hörte, wie ihre Atemzüge lang und regelmäßig wurden, und ich sicher war, daß sie schlief. Da schob ich das Kissen unter ihrem Kopf zurecht und breitete eine Decke über sie.

Vor Gemütserschütterung wankend ging ich in das Zimmer, in dem Sven lag. Sein rechtes Auge war zusammengefallen, und sein linkes war so wunderlich klar und groß geworden. Ich beugte mich über ihn, nahm seine kleine, unschuldige Hand und führte sie an die Lippen.

»Du geliebtes Kind«, dachte ich. »Wir beide können einander nicht helfen.«

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