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Das Buch vom Brüderchen

Gustaf af Geijerstam: Das Buch vom Brüderchen - Kapitel 27
Quellenangabe
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typefiction
authorGustaf af Geijerstam
booktitleGesammelte Romane
titleDas Buch vom Brüderchen
publisherS. Fischer Verlag
seriesGesammelte Romane in fünf Bänden
volumeDritter Band
year1910
translatorFrancis Maro (Marie Franzos)
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Vierzehntes Kapitel

Sven wurde so krank, daß er zu Bett gebracht werden mußte. Aber obgleich wir sehr wohl wußten, daß es bedenklich genug war, blieb das Fieber doch so schwach, daß wir an keine wirkliche Gefahr glaubten. Ich schrieb unverdrossen weiter, und meine Frau saß am Krankenbett des Knaben, hielt seine Hand in der ihren und erzählte ihm Märchen, wenn er zuhören konnte.

Der Doktor sagte uns, daß die Krankheit zweifellos langwierig sein würde, aber glaubte uns im übrigen die besten Aussichten geben zu können, und da ich lange eine Reise geplant hatte, fuhr ich für ein paar Tage fort, in der Hoffnung, wenn ich heimkäme, das Schlimmste vorüber zu finden. Ich brachte also drei ganze Tage mit guten Freunden zu, und ich freute mich, ohne besondere Unruhe zu empfinden, an Freundschaft und schöner Natur. Aber als ich dann im Zuge saß und nach Stockholm zurückkehren sollte und von dort nach meinem Heim, kam eine Angst über mich, die ich nicht bezwingen konnte. Unmittelbar bevor ich fuhr, hatte ich mit meiner Frau durchs Telephon gesprochen. Ich hatte aus der Ferne ihre Stimme vor Freude beben gehört: Sven ging es besser! Er hatte im Bett aufrecht gesessen und gelacht und geplaudert. Er hatte gegessen und Mama gebeten, das »Vaterle« zu grüßen, was sein Spezialkosenamen war, wenn er sehr aufgeräumt war. Alles deutete also auf das Beste, und doch konnte ich meine Angst nicht loswerden.

Als ich nach Stockholm kam, war es zehn Uhr abends. Ich war gerade zu der Minute gekommen, in der das letzte Boot zu mir nach Hause abging. Ich begab mich daher direkt in das Hotel, in dem ich abzusteigen pflegte. Es war dunkel, und der Regen fiel in Strömen. Hastig trat ich ins Vestibül, mit jener Empfindung hoffnungsloser Fremdheit, die mich immer überkommt, wenn ich zur Sommerszeit gezwungen bin, Stockholm zu besuchen, und weiß, daß ich allein sein muß. Ich konnte noch nicht mein Ersuchen um ein Zimmer vorbringen, als der Portier mir schon entgegenkam und mich, indem er eine Nummer nannte, bat, dieselbe sogleich telephonisch anzurufen.

Ich tat es und bekam nur den Bescheid, daß der Doktor schon fort sei und daß ich mir augenblicklich einen Wagen nehmen und nachfahren sollte.

Der Schlag, der mich so heftig und unvorbereitet traf, lähmte mich, und die fieberhafte Tätigkeit, die ich entwickelte, erschien mir selbst ganz automatisch. Ich bestellte einen Wagen, und im selben Augenblick, in dem das geschehen war, dachte ich, daß ich essen sollte. »Sven ist gestorben«, dachte ich. »Er lebt nicht mehr, wenn ich nach Hause komme. Wenn ich komme, darf ich nicht hungrig und müde sein. Ich muß wachen können und meine Frau trösten.« All das ging durch mein Hirn, während ich dasaß und auf die Mietsdroschke wartete. Ich sah mich selbst wie eine andere Person, sah, daß ich Fleisch auf meinen Teller legte, es zerschnitt und zu essen versuchte. Die ganze Zeit dachte ich bloß an eines: an den Wagen, der nicht kam. Gott im Himmel! Der Wagen kam nicht, und daheim lag mein Junge und starb, und ich konnte nicht zu ihm kommen.

Ich bezahlte und ging in die Vorhalle des Hotels, wo ich auf und ab ging, es war mir ganz unmöglich, stillzusitzen, unmöglich, einen zusammenhängenden Gedanken zu denken.

»Mein Kind liegt im Sterben«, sagte ich zum Portier. »Darum bin ich so nervös.«

Ich versuchte, ihm zuzulächeln, damit er begriffe, wie sehr ich selbst einsah, daß mein Betragen sinnlos war. Aber ich fühlte selbst, daß das Lächeln zu einer Grimasse wurde, und ich wartete auch seine Antwort nicht ab. Ich fuhr nur fort, mit der Uhr in der Hand auf und ab zu gehen, als wollte ich der Zeit vorauseilen, und als der Wagen endlich kam, war ich gewiß, daß alles vorüber sei. Ich begriff nicht, warum ich dasaß oder warum ich hinaus in den strömenden Regen fahren sollte, aber automatisch wie früher sagte ich zum Kutscher:

»Fahren Sie, so rasch nur ein Pferd laufen kann, mein kleiner Junge liegt im Sterben. Sie sollen es nicht umsonst tun.«

Der Kutscher hatte uns schon oft gefahren.

»Ist das der kleine, liebe Junge, der so schön ist?« fragte er.

Diese einfachen Worte riefen mich wieder zur Wirklichkeit zurück, und durch meine Brust wogte eine warme Welle der Dankbarkeit gegen den jungen Menschen, der mich kutschierte.

»Ja«, sagte ich mit erstickter Stimme. »Ja, er ist es.«

Und ich setzte mich in den Wagen, mit dem Gefühl, daß ich einen Menschen getroffen habe, der begriff, um was es sich handelte, und der mir helfen würde. Während wir durch die Gassen eilten, sprach ich still mit mir selbst und weinte vor Freude und Schmerz: »Er ist so schön und gut, daß selbst ein Mann, der ihn nur in einen Wagen hat steigen sehen, sich seiner erinnert und es mir sagt. Und er soll sterben? Es gibt ja Millionen Kinder, die leben dürfen. Warum muß gerade meines sterben?«

Nie bin ich rascher gefahren, und nie ist mir ein Weg länger erschienen. Ich sah im Dunkel die Funken um die Hufe der Pferde sprühen, ich fühlte, wie der Regen nachließ, und sah die Landschaft wie ein dunkles Schattenspiel an mir vorbeifliegen, und die ganze Zeit saß ich da und sprach zu mir selbst unfaßbare Worte, von denen ich nicht verstand, wie sie mir auf die Lippen kamen. Es war, als würde ich durch die Dunkelheit gerade dem entgegengeführt, was für mich kommen mußte, und ich bat bloß um Aufschub, bat, daß er noch lebte, wenn ich ankäme, so daß er noch einmal seine Arme um meinen Hals schlingen könnte und ich seine Stimme hören dürfte.

Vorwärts ging es, vorwärts in rasender Eile. Der Wagen sprang von der einen Seite des Weges auf die andere. Aber keinen Augenblick fiel es mir ein, daß etwas zerbrechen könnte oder daß wir umwerfen würden. Das war ein prächtiger Bursche, der Kutscher, der an meinen kleinen Jungen dachte, der so schön und lieb war und der nicht sterben durfte.

»Es ist der Vater mit seinem Kind«, sagte ich laut zu mir selbst. Ohne daß ich es wußte, saß ich da und rezitierte Verse, und ein krampfhaftes Schluchzen drängte sich durch meine Kehle, als wollte es mich ersticken, und um Luft zu bekommen, beugte ich mich aus dem Wagenfenster und sah die Gegend an, in der ich jede Aussicht, jede Biegung des Weges kannte. An den Steinen, über die der Wagen jetzt rüttelte, konnte ich merken, daß wir in den Abkürzungsweg eingebogen waren, der zu meinem Heim führte. Alle Sinne angespannt, sah ich hinaus ins Dunkel, ich sah die Konturen einer Droschke, die auf dem Hofe hielt. Der Doktor ist noch da! Der Doktor ist noch da! Dann hörte ich von der Veranda die Stimme meiner Frau: »Er kommt. Gott sei Dank! Er ist da!« Und in ein paar Augenblicken war ich die Stufen hinaufgeeilt und stand im Saal.

Ich stand da, und meine Gemütsbewegung war so ungeheuer, daß ich nichts von dem, was ich sah, auffassen konnte. Ich hatte die Empfindung, daß der Doktor dastünde, und ich fühlte, daß meine Frau mich eng umschlungen hielt. Es war mir klar, daß sie froh war, ja überglücklich aussah, und daß ich es auch sein sollte. Ich hörte etwas von einem Ohnmachtsanfall, der jetzt vorüber war und, wie der Doktor hoffte, nichts zu bedeuten hatte. Aber ich konnte nichts sagen und nichts denken. Das Glück kam so unvorbereitet über mich, daß es mich nicht aus der furchtbaren Betäubung wecken konnte, die mich noch in ihrer Gewalt hatte. Mechanisch nahm ich meine Handschuhe und meinen Überrock ab, und noch stand ich da und suchte gleichsam meine Augen an das Licht in dem erleuchteten Gemach zu gewöhnen.

»Willst du nicht zu ihm hineingehen? Willst du ihn nicht sehen?« sagte meine Frau. »Er ist wach.«

Und ihre Stimme klang beinahe vorwurfsvoll, als hätte ich sie nicht verstanden.

»Ja, ja«, sagte ich.

Und ohne zu fassen, was jetzt geschah, ging ich hinein und sah Sven in meinem Bett liegen und zu mir aufblicken.

»Erkennst du Papa, Sven?«

»Ja«, sagte der Kleine mit erstaunter Stimme.

Er konnte nicht begreifen, daß die Großen alle so aufgeregt und unruhig aussahen. Er streckte seine kleine Hand aus und streichelte mich, und ich merkte, wie mager und dünn sie geworden war.

Während ich dastand und mich über den Knaben beugte, begriff ich, daß alles Wirklichkeit war und daß mein Kind lebte. Ich hielt seine Hand an meine Augen, und ich fühlte, wie die Last von meiner Brust fiel und der Schleier von meinen Augen glitt.

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