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Das Buch vom Brüderchen

Gustaf af Geijerstam: Das Buch vom Brüderchen - Kapitel 26
Quellenangabe
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typefiction
authorGustaf af Geijerstam
booktitleGesammelte Romane
titleDas Buch vom Brüderchen
publisherS. Fischer Verlag
seriesGesammelte Romane in fünf Bänden
volumeDritter Band
year1910
translatorFrancis Maro (Marie Franzos)
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Dreizehntes Kapitel

Sven war jedoch in diesem Sommer überhaupt verändert. Ohne irgendeinen äußeren Anlaß konnte er plötzlich erklären, daß er müde sei, und dann wollte er nur im Grase liegen mit dem Kopf in Mamas Schoß. Oder er kam auch zu Papa und bat ihn, ihn zu tragen. Dann nahm Papa ihn auf die Schultern und trug ihn hinaus in Wald und Feld, und nie ist sein Blick dankbarer gewesen oder sein kleines, weiches Händchen zärtlicher.

Dann klagte er über Kopfschmerzen und bekam Antipyrin, und dann wollte er des Morgens nicht aufstehen und sagte, er sei so müde. Aber da der Kleine im übrigen ganz gesund schien, hob Papa ihn aus dem Bette und erklärte, er solle sich ankleiden und zusehen, daß er hinaus in die frische Luft komme. Da stand Sven auf und versuchte, so lange Papa drinnen war, so gut er konnte, die mühsame Arbeit, die Strümpfe anzuziehen. Aber sowie Papa zu der Tür hinaus war, schlich er zu Mamas Bett und bat, zu ihr hineinkriechen zu dürfen.

Natürlich konnte Mama einer solchen Bitte nicht widerstehen. Und nie war Sven glücklicher. Da lag er mit dem Kopfe in Mamas Arm, schloß wieder die Augen und war still und ruhig, bis die Kräfte anfingen, zurückzukehren. Dann stand er wieder auf, aber bevor er es tat, sah er Mama mit seinen merkwürdigen Augen an:

»Erzähle es Papa nicht!«

»Ja, aber warum denn?« sagte Mama.

»Ja, weißt du, sonst wird Papa sehr böse.«

All das erschien Mama so wunderlich, daß sie Sven alles mögliche versprochen hätte; und folglich versprach sie auch dies. Und Sven ging hinaus und war ruhig und zufrieden, weil Mama seinen Ungehorsam nicht verriet und weil er und Mama zusammenhielten.

Aber wenn Mama fortreisen sollte oder nur ohne ihn ausgehen, da war er verzweifelt. Sein Schmerz kannte keine Grenzen, und sein Weinen war so herzzerreißend, daß man nichts anderes tun konnte, als ihm mit allen Trostgründen zusprechen, die einem zu Gebote standen. Ja, der Anblick seines leidenschaftlichen Schmerzes war so qualvoll, daß man ihn lange nicht vergessen konnte, und eines Vormittags sprachen wir davon. Ich hatte gerade meine Frau überredet, mich auf einem Ausflug in die Stadt zu begleiten, um dort mit ein paar Freunden zu Mittag zu essen und, wie man sagt, ein bißchen herauszukommen. Und ich hatte das getan, gerade weil ich fand, daß sie sich von Sven ausruhen sollte.

Es gelang uns schließlich auch, den Eindruck zu vergessen, den uns die Tränen des Kleinen gemacht hatten, und wir brachten einen angenehmen Tag zu, wie immer in der Stadt, wenn wir wußten, daß wir nicht dort zu bleiben brauchten. Die Stimmung war gerade auf dem Höhepunkt, als meine Frau mich im Flüstertone fragte, ob es mir sehr unangenehm wäre, wenn sie mit einem früheren Boot wegführe. Es kam recht selten vor, daß wir einen Ausflug machten, um uns zu unterhalten, und der Vorschlag war nicht gerade nach meinem Geschmack. Ich stellte daher Elsa vor, daß wir gesagt hatten, wir würden erst mit dem letzten Boote kommen, und daß uns daher niemand erwartete. Mit einem Worte – ich erhob alle die Einwände, die mir einfielen. Und zuletzt versuchte ich es mit einem Hauptargument:

»Sven hat sich ja schon niedergelegt, wenn du kommst.«

»Das ist es nicht«, war die Antwort. »Ich möchte nur gerne nach Hause.«

Sie sah mich bittend an, und natürlich war die Folge die, daß sie wegfuhr.

Inzwischen ging Sven nachmittag zu Hause umher und spielte. Aber als die Zeit herankam, zu der er sich niederzulegen pflegte, verschwand er spurlos. Unsere Dienstmädchen gehörten nicht zu jenen, die sich viel Kopfzerbrechens machen; und als sie ihn ein paarmal gerufen hatten, ohne eine Antwort zu bekommen, gaben sie sich damit zufrieden, daß er sich schon zeigen würde, wenn die Dunkelheit einbreche, und daß die Herrschaft ja auf jeden Fall erst spät zurückkomme. Sven konnte also seiner Wege gehen, und gegen acht Uhr setzte er sich ganz allein auf die Dampfschiffbrücke. Er wußte nicht so genau, wann das Dampfschiff kam, und darum mußte er auch lange dort sitzen. Aber er wartete geduldig und still, und schon weit draußen in der Bucht, während das Boot zwischen den vielen Brücken hin und her lavierte, erblickte ihn seine Mama. Er saß da ganz klein und zusammengekauert, und sein kleiner grüner Krockethut leuchtete gegen das blaue Wasser.

Alles kam ihr so wunderlich vor, beinahe als hätte sie es vorher gewußt, daß er da sitzen würde, und ihre Augen ließen die ganze Zeit die kleine Gestalt nicht los, die auf der Bank der Brücke saß, mit gesenktem Kopf und gebeugtem Rücken, als grübelte er. Aber als das Boot anlegte und Mama sich anschickte ans Land zu steigen, da stand der kleine Sven in äußerster Spannung aufrecht auf der Brücke, und seine Augen suchten und suchten, als stünde das ganze Leben auf dem Spiel. Und als Mama ihm entgegenkam, da war es schwer zu sagen, wer glücklicher war, er, der nicht vergeblich gewartet, oder sie, die das Kind ihrer harrend gefunden.

»Aber wie konntest du da sitzen, Sven«, sagte Mama mitten in ihrer Freude. »Mama sollte doch erst spät nachts kommen.«

»Ich wußte natürlich, daß du kommen würdest«, sagte Sven.

Seine Stimme und seine Augen waren voll Verwunderung, daß Mama sich eine so einfache Sache nicht vorstellen konnte.

»Ich wußte natürlich, daß du kommen würdest, und darum saß ich da und wartete.«

Und auf Mamas Frage, ob er lange gesessen habe, antwortete er:

»Ja, natürlich, sonst hätte Hanna mich erwischt. Und dann hätte ich mich niederlegen müssen.«

Mama antwortete nichts darauf. Es wäre ihr nicht möglich gewesen ihm vorzuhalten, daß er eigentlich ungehorsam gewesen sei. Seine unschuldige Liebe, die die Ursache dazu war, schützte ihn gegen jeden Vorwurf, und Sven wußte das sehr wohl. Er blickte von der Seite zu Mama auf und lächelte:

»Ich habe Hanna zum besten gehalten. Ich bin hinter den Busch gekrochen, so daß sie mich nicht sehen konnte.«

»Nein, das hast du getan?« sagte Mama.

Sie und Sven gingen zusammen hinauf, zufrieden wie zwei Mitschuldige, deren Streich geglückt ist, und die Folge war natürlich die, daß Mama an diesem Abend ihren Jungen selbst niederlegte. Das tat sie übrigens oft, obgleich er bald sechs Jahre wurde und bei ernsthafteren Anlässen der große Junge genannt wurde.

Wie langsam es ging, wenn sie ihm ins Bett half! Wie leicht und weich nahm sie nicht seine Kleidungsstücke ab, wie vorsichtig wusch sie nicht seine zarten Glieder, wie sachte wurde er nicht abgetrocknet, und wenn dann das lange Nachthemdchen übergestreift werden sollte, ging es wie ein Spiel. Dann saß sie mit dem Kleinen im Schoße da und träumte von der Zeit, als er noch ganz klein war und sie ihn selbst nährte. Und wenn er endlich zu Bett gehen sollte, da wollte er nie sein Abendgebet sprechen. Er hatte tausend Einfälle, nur um es zu verhindern, daß Mama von ihm ginge. Aber wenn er es gesagt hatte, schlang er die Arme um sie und flüsterte:

»Es ist so schön, wenn du mir hilfst. Denn du faßt mich nie hart an.« Elsa beugte sich noch tiefer über sein Bett und flüsterte zurück:

»Ich werde dir immer helfen. Kein anderer darf es tun. Bis du dir selbst helfen kannst.«

Sie war reich dafür belohnt, daß sie ein Vergnügen unterbrochen und nach Hause gefahren war, und als ich mit dem letzten Boote nachkam, lag sie wach, um mir alles zu erzählen, was Sven gesagt hatte.

Nach einem fröhlichen Tag mit Kameraden wirkten diese kleinen rührenden Züge des Knaben sicherlich noch mehr auf mich, als sie es sonst getan hätten.

»Weißt du, daß ein großer und guter Mann mir gegenüber einmal dieselben Worte gebraucht hat, als er von dem ersten Eindruck erzählte, als seine Mutter gestorben war?« sagte ich. »Auch er war damals zwischen fünf und sechs Jahren, und es handelte sich um dieselbe Sache – das Hemd zu wechseln. Er gebrauchte ganz dieselben Worte: ›Ich fühlte das erstemal, daß jemand mich hart anfaßte.‹«

Ich stand neben Svens kleinem Bett und sah ihn lange an. Seine Schläfen hatten etwas Eingesunkenes bekommen. Aber er schlief tief und gut, und ich beugte mich hinab und küßte ihn auf die Stirne.

Wir versuchten von etwas anderem zu sprechen, aber ich war so von dem Gedanken an das Kind erfüllt, daß ich keinen Sinn für etwas anderes hatte.

»Hast du nie an etwas gedacht?« sagte ich. »Olof kann ich mir als einen großen Menschen denken, als ganz erwachsen. Und Svante auch! Sie sind ja so verschieden. Aber ich kann sie mir doch beide so denken. Aber Sven? Kannst du ihn dir groß denken? Was willst du mit ihm in der Welt anfangen? Wohin glaubst du, daß er passen würde, außer zu uns?«

Meine Frau lächelte mit einem schmerzlichen Zug, der nadelfeine Falten um ihren Mund bildete.

»Daran habe ich oft gedacht«, sagte sie. Und ihren eigenen Gedankengang weiterspinnend, fügte sie hinzu:

»Das ist vielleicht deshalb, weil ich ihn mehr als alles andere auf der ganzen Welt liebe. Mehr als die beiden anderen Knaben, mehr als dich. Ich habe oft daran gedacht, und ich weiß, wenn einer der großen Jungen stürbe, ich würde nie aufhören, um sie zu trauern. Aber ich glaube, ich könnte es tragen, euch zuliebe, die ihr lebtet. Wenn du stürbest – ich vermag es nicht zu denken. Aber wenn Sven stürbe, dann könnte ich auch nicht leben. Ich habe oftmals daran gedacht, es dir zu sagen. Denn ich wollte, daß du es wüßtest.«

Sie reichte mir ihre Hand, und ihre Augen suchten die meinen, als wollte sie mich um Verzeihung bitten, daß sie glaubte, ohne mich leben zu können. Und nachdem wir das Licht gelöscht hatten, lag ich lange wach und wiederholte in Gedanken ihre Worte. Ich schlief in dem Glauben ein, daß ich niemals erfahren würde, ob sie die Wahrheit gesprochen oder nicht.

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