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Das Buch vom Brüderchen

Gustaf af Geijerstam: Das Buch vom Brüderchen - Kapitel 22
Quellenangabe
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typefiction
authorGustaf af Geijerstam
booktitleGesammelte Romane
titleDas Buch vom Brüderchen
publisherS. Fischer Verlag
seriesGesammelte Romane in fünf Bänden
volumeDritter Band
year1910
translatorFrancis Maro (Marie Franzos)
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Neuntes Kapitel

Nie ist Sven so bewundert, so geliebkost, so von allen auf Händen getragen und vergöttert worden, wie in diesem Sommer. Die Lotsen trugen ihn über die Felsen und schnitzten ihm Boote, die alten Mütterchen blieben stehen und lächelten strahlend, sowie sie ihn nur erblickten. Die jungen Frauen vergaßen ihre eigenen Sprößlinge und sagten, daß sie niemals ein solches Kindchen gesehen hätten, die Mädchen führten ihn auf die Klippen und spielten mit ihm, ohne daß er sie zu bitten brauchte. Sven ging in beständigem Sonnenschein herum, und er wurde braun und stark in dieser Luft, so wie er es nie gewesen.

Sven war mit einem Worte der Mittelpunkt all unserer Gedanken und die Sonne dieses unseres einzigen Sommers an der Westküste.

Es war jedoch wunderlich, daß er gerade in dieser Zeit einen neuen Gesprächsstoff fand, zu dem er immer wieder zurückkehrte. Für Sven war es nämlich eigentümlich, daß er von allem sprach, was ihm in den Sinn kam, und er tat es ungekünstelter, als Kinder es zu tun pflegen, vollkommen unbekümmert in Beziehung auf den Eindruck, den er auf einen Erwachsenen machen könnte. Bei Kindern ist es ja sonst gewöhnlich, daß sie bis zu einem gewissen Grade das, was sie denken, bei sich behalten und sich einem Älteren gegenüber nur mit einer gewissen Zurückhaltung aussprechen. Dies kommt daher, daß sie fürchten, ihre Gedanken von dem Lächeln der Ironie getroffen zu fühlen, selbst wenn dieses Lächeln mit Wohlwollen gepaart ist. Besonders ist dies der Fall, wenn ein Kind gefühlvoller, naiver, seiner Natur nach offener ist als andere Kinder oder sich in seinem ganzen Wesen von der Mehrzahl unterscheidet.

Sven hatte von dem Moment an, wo er seine Augen aufschlug, nie etwas anderes als verständnisvolle Wärme um sich gefühlt. Als er in das Alter trat, in dem Eltern sich mit ihren Kindern beschäftigen können, waren ihm beinahe stündlich ein Paar Augen gefolgt, die sich über jede seiner Bewegungen freuten, jedes Wort verstanden und aufmunterten, jede Äußerung seiner zarten, unschuldigen Seele klarer und besser widerspiegelten, als er selbst sie getan hatte. Durch die Liebe seiner Mutter lernte der kleine Sven die ganze Welt um sich kennen, und weil sie zu seinem eigenen sich zärtlich hingebenden Seelchen paßte, so wie er zu ihr, die ihm Tag für Tag etwas gab, was mehr war, als daß sie ihm das Leben geschenkt hatte, so konnte Sven sich auch nichts anderes denken, als daß er alles, was sich in ihm regte, wuchs und fragte, ebenso natürlich und einfach, wie es kam, ausplaudern mußte.

Vielleicht lag in ihm auch, obwohl er sie nie in Worte kleiden konnte, etwas wie eine Ahnung, daß er nicht her gehörte? Vielleicht band ihn diese Ahnung, wenn auch unbewußt, noch stärker an sie, die unter ihrem Lebensglück lange dasselbe Gefühl verborgen hatte? Wer kann darauf antworten? Oder wer kann es versuchen, zu antworten? Niemand. Nur das Schweigen schwebt über blühenden Grabhügeln.

Aber gewiß ist, daß der kleine Sven eines Tages ein Bild an der Wand von Mamas Zimmer entdeckt hatte, und als er es eine Weile angesehen hatte, nahm er es herunter und betrachtete es schweigend, als sähe er etwas ganz Neues, vor dem sein Verstand ganz stillstand.

Es war kein Bild nach dem jetzigen Geschmack. Es liegt wenig Kunst darin, und es erzählt eine Geschichte. Es gibt eine Sage, die der Todeszug heißt. Über eine weite Heide geht der Tod. Er ist in einen weißen Mantel gehüllt, der das Gerippe verbirgt, aber den Totenschädel freiläßt. Ihm folgt ein langer Zug von Jungen und Alten ohne jeglichen Unterschied, und der Zug ist so lang, daß er in der Unendlichkeit zu verschwimmen scheint, und niemand kann seinen Schluß sehen. In der Hand hält der Tod eine Glocke, und man sieht, daß sie eben erklungen ist. Man sieht es, denn am Wege sitzt ein vom Alter gebrochenes Weib und streckt flehend seine Hände nach dem Unerbittlichen aus, der, ohne sie anzusehen, an ihr vorüberschreitet. Aber ganz nahe hinter dem Tode steht ein junges Paar, das sich liebt. In dem Ohr des jungen Mannes ist die Glocke des Todes erklungen, und die Liebesarme der Verzweiflung können ihn nicht zurückhalten. Der Zug des Todes geht weiter, und wenn die Stelle kommt, die für ihn im Zuge offen steht, muß er mitschreiten, und sein Platz auf Erden wird leerstehen, und keine Sehnsucht kann ihn zurückrufen. Aber da wo der Zug zu enden scheint, schimmert es wie ein Licht der Morgenröte.

So ist das Bild, und Mama hatte es auf die Schäre unter anderen Bildern und Photographien mitgenommen, mit denen sie unser neues Sommerheim schmückte, und auf eine Photographie dieses Bildes blickte Sven einmal unverwandt, als er Mama fragte:

»Was ist das?«

Und Mama erzählte die Sage von dem grausamen Tod, der kommt und den mitnimmt, der jung ist, und den Alten, der bettelt, mitkommen zu dürfen, zurückläßt. Sven hängte das Bild wieder an seinen Platz.

Aber am nächsten Morgen nahm er es abermals herab, und als er es eine Weile angesehen hatte, mußte Mama die ganze Geschichte zum zweitenmal erzählen.

Wieder saß Sven da und hörte zu, und wieder wurden seine großen Augen ernst und verwundert.

»Glaubst du, Mama, daß der junge Bräutigam sehr betrübt ist, weil er sterben muß?« sagte Sven.

»Ja,« antwortete Mama, »aber sie, die seine Braut ist, ist noch betrübter.«

»Aber er wird vielleicht ein Engel,« sagte Sven, »und bekommt weiße Flügel auf den Schultern.«

»Das wird er wohl«, sagte Mama.

Aber Sven seufzte und war doch noch nicht zufrieden.

»Warum kann die alte Frau nicht mit ihm gehen, wenn sie doch so gerne will?« sagte er.

»Das weiß niemand, Sven,« sagte Mama, »das weiß nur Gott.«

»Weiß er es denn?«

»Ja, er weiß es.«

Sven ging wieder hinaus in die Sonne auf die Klippen. Aber seither wurde diese Geschichte seine liebste, und beinahe jeden Morgen, wenn Mama dasaß und sich frisierte, kam Sven herein, nahm das wunderliche Bild herunter und bat Mama zu erzählen.

Aber noch etwas war Sven passiert, und das hatte sich im Winter begeben. Da war er ins Theater mitgenommen worden und hatte ein Stück gesehen, das am Sonntag vormittag gespielt wurde, wo Sven auf sein konnte und nicht nach Hause gebracht werden mußte, um sich schlafen zu legen. Strindbergs »Glückspeter« wurde gegeben, und Sven verstand wohl nicht viel von dem Stücke, aber er unterhielt sich in seiner Weise. Er unterhielt sich so gut, daß er alle mitriß, die rings um ihn saßen ...

Aber dann kam die Szene, wo der Tod sich dem Glückspeter zeigt, und da wurde Sven stumm. Niemand hatte daran gedacht, daß diese Szene vorkam oder daß sie überhaupt einen solchen Eindruck machen konnte. Aber alles, was dann folgte, beachtete Sven gar nicht mehr. Und wenn ihn später jemand fragte, was er im Theater gesehen, antwortete er nur:

»Ich habe den Tod gesehen. Das war ein großes, langes Knochengerippe und konnte sprechen. Und er hielt eine Sichel in der Hand.«

Diese Erinnerung brachte nun Sven mit dem Bilde vom Zuge des Todes zusammen. Das einzige, womit der Knabe sich nicht aussöhnen konnte, war, daß, als er den Tod sah, er eine Sichel hatte, aber auf dem Bilde läutete er mit einer Glocke. Sonst war es, als sei die Erinnerung aus dem Theater, das Bild an der Wand und Mamas Sage für das Kind zu einem verschmolzen.

Unaufhörlich pflegte Sven davon zu sprechen. Dieses Bild hatte sich in seiner Phantasie mit einer Intensität festgesetzt, die nichts verwischen konnte. Und er erzählte jedem, der es hören wollte, wie der Tod auf den Glückspeter zukam und drohte ihn mitzunehmen, aber wie er wieder gehen mußte, weil der Glückspeter ihn so schön bat. Er erzählte so davon, daß er selbst bei der bloßen Erinnerung schauerte, und wenn der Tod sich ihm in leibhaftiger Gestalt offenbart hätte, er hätte nicht stärker ergriffen sein können.

Aber seine Freunde auf der Schäre fanden es wunderlich, daß ein so kleines Kind von etwas derartigem sprechen konnte. Sie machten sich nie über ihn lustig, sondern das, was er erzählte, bestärkte sie bloß in dem Gefühl von etwas wunderlich Zartem und Feinem, das sie gerne in die Arme nahmen und über die Berge trugen.

Und Sven ließ sich durch diese Sagen in seinem Glück nicht stören. Er war so vertraut mit ihnen, daß sie ihm nur zu folgen schienen, wie der Schatten dem Sonnenschein folgt. Und er schuf sich seine eigene Welt draußen auf der Schäre. Wenn die Brandung hochging und der Sturm brüllte, dann stand er am Fenster und blickte hinaus über das tosende Meer, und er konnte stundenlang so stehen, ohne daß er imstande war sich loszureißen. Wenn der Himmel blau war und der Wind kühl und still über die Insel wehte, dann ging er allein zum Strand hinab, fing Seesterne und lernte mit Booten spielen.

Aber sein liebster Aufenthalt war der Lotsenausguck, wo Mama mit ihrer Arbeit saß, und da bat er sie alles zu erzählen, was sie vom Meere wußte. Er war überglücklich, wenn er barfuß über die Klippen lief, und er zog seine kleinen Höschen hinauf und kletterte auf seinen feinen Füßen so vorsichtig wie eine kleine Prinzessin. Aber wenn man weit gehen sollte, da bat er, daß man ihn trage. Und da niemand Sven das abschlagen konnte, worum er bat, fand sich immer jemand, der ihn auf die Arme oder auf die Schultern nahm. Dann sah er sich stolz um und lächelte in dem Gefühl seiner Macht und der Seligkeit, daß alle ihn liebten.

Aber wenn Mama mit Papa allein blieb, sagte dieser öfter als einmal:

»Er ist ja so frisch und munter, wie er nie gewesen ist. Warum spricht er nur immer vom Tode?«

Und sie antwortete:

»Ich lehre es ihn nicht. Seine Gedanken kommen und gehen, wie sie wollen. – – Siehst du?«

Sie wies hinunter auf den Strand. Da saß Sven allein und sah ungemein glücklich und froh aus. Er hielt eine Schnur in der Hand, und an der Schnur war ein Stück Holz befestigt, das wie ein Boot aussah. Das zog er auf den Strand, belud es mit Steinchen und schob es wieder hinaus.

»Hörst du nicht?« sagte Elsa.

Und um besser zu hören, gingen wir sachte näher, ohne daß der Knabe uns sah.

Er saß ganz still, ließ das Holzstück auf den Wellen auf und nieder gleiten, und mit schwacher, glockenreiner Stimme sang er für sich selbst. Es war ein Seemannslied, das er von den Kindern auf der Insel gelernt hatte.

Sing fallerala, sing fallerala la,
Und tief im Meere sein Grab er sah.

Da erblickte er uns, verstummte und erklärte, daß er nicht singen wolle, wenn Papa zuhörte.

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