Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Gustaf af Geijerstam >

Das Buch vom Brüderchen

Gustaf af Geijerstam: Das Buch vom Brüderchen - Kapitel 19
Quellenangabe
pfad/geierst/buchbrue/buchbrue.xml
typefiction
authorGustaf af Geijerstam
booktitleGesammelte Romane
titleDas Buch vom Brüderchen
publisherS. Fischer Verlag
seriesGesammelte Romane in fünf Bänden
volumeDritter Band
year1910
translatorFrancis Maro (Marie Franzos)
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081209
projectidd2c37152
Schließen

Navigation:

Sechstes Kapitel

Sven hatte einen Spielkameraden gefunden, und das war ein Ereignis in seinem kleinen Leben. Denn früher hatte er nur mit den großen Brüdern gespielt. Nun war dieser Spielkamerad ein paar Monate jünger als Sven, und überdies war der Spielkamerad ein Mädchen. All dies war etwas sehr Neues und Entzückendes, und in dieser Zeit hatte Sven viel mit Mama zu besprechen.

Die kleine Martha war mit ihrem Papa und ihrer Mama hinaus aufs Land gezogen, und im Anfange hatten sie und Sven einander aus der Entfernung betrachtet. Martha war ein kleines, unbeschreiblich süßes Mädchen mit roten, frischen Wangen, klaren, blauen Augen und langem, lockigem Haar, das beinahe so wie Svens eigenes war. Und es dauerte nicht sehr lange, so kam sie eines Tages und setzte sich in die Nähe von Sven und betrachtete neugierig, was er vor hatte.

Sven war gewohnt, für sich allein zu spielen, und er hatte ein Spiel, das ihn sehr unterhielt und eigentlich ganz leicht faßlich war. Es bestand darin, daß er hinausging und sich auf eine Wiese setzte. Da betrachtete er mit dem größten Interesse alles, was auf dem nächsten Fleckchen Erde um ihn vorging. Da waren Ameisen, die auf Grashalme kletterten, ein Schmetterling, der sich auf eine Blume setzte und dann auf weißen Flügeln weiter in die Sonne flatterte, ein Hirschkäfer, der auf den Rücken gefallen war und umgedreht werden mußte, um weiterkriechen zu können, oder ein paar Vögelchen, die zwischen den Erdhügelchen umherhüpften und sich nicht von dem Kinde stören ließen, wenn sie für sich oder ihre Jungen Futter suchten. Oder er saß auch ganz einfach da und pflückte Grashalme um sich ab und ließ sie grübelnd und untersuchend durch seine Finger gleiten, und wenn er die Hand voll hatte, warf er sie alle fort und begann neue auszureißen. Das nannte Sven selbst »im grünen Gras spielen«, und davon konnte er lange erzählen, wenn er das Spiel unterbrach und zu Mama hineinlief, um über die Entdeckungen, die er gemacht hatte zu berichten. Dem guckte nun die kleine Martha zu, und schließlich fragte sie Sven, was er mache.

»Siehst du nicht, daß ich im grünen Gras spiele?« sagte Sven.

Und er machte vor Verwunderung große Augen.

Nein, das verstand Martha gar nicht. Aber da Sven sich so lange damit beschäftigte, nahm sie an, daß es etwas unbeschreiblich Unterhaltendes sein mußte, und darum setzte sie sich neben ihn. Und die beiden Kinder rissen Gras aus und beobachteten Ameisen und kamen sich dabei so nahe, daß, als sie fortgingen, sie einander bei der Hand hielten und meinten, sie könnten sich gar nie trennen.

Ein paar Tage später saß Sven drinnen bei Mama und sprach von Martha. Jetzt sprach er nicht mehr von Gras und Blumen oder Vögeln und Schmetterlingen. Jetzt erzählte er nur, was Martha gesagt und was Martha getan hatte, und wie gut sie sich miteinander unterhielten.

Eines Tages sagte Mama zu ihm:

»Du hast Martha wohl sehr lieb?«

Da schob Sven die Unterlippe vor und antwortete:

»Weißt du nicht, daß Martha meine Braut ist?«

Mama antwortete sehr ernst:

»Das hast du mir noch gar nicht gesagt.«

»Du mußt es aber doch wissen«, meinte Sven. »Wir wollen uns heiraten.«

»Wann wollt ihr heiraten?« fragte Mama.

»Wenn wir groß sind, natürlich«, antwortete Sven.

Sven war sehr glücklich, eine Braut zu haben, die er heiraten sollte, und es war das Schönste, was man sich denken konnte, wenn die zwei Kinder Hand in Hand über den Hof kamen und der Sonnenschein in ihrem lockigen Haar spielte, oder wenn Sven Martha in ihrem kleinen Wagen zog und sich unaufhörlich umdrehte, um sie anzusehen.

Aber manchmal zankten sie sich, und dann wurde Sven düster und ging zu Mama und sagte, daß Martha abscheulich sei.

Dann antwortete Mama:

»Ja, aber du willst sie doch heiraten, und da müßt ihr doch wieder gut Freund werden.«

»Ich will sie nicht heiraten«, sagte Sven.

Aber wie dies nun auch sein mochte, sie wurden wieder gut Freund, versöhnten und küßten sich und unterhielten sich noch besser als je zuvor.

Es versteht sich von selbst, daß Mama Svens Braut mindestens ebenso anbetete wie er selbst, und wenn sie herauskam und Sven mitnehmen wollte und Sven seinerseits Martha nicht verlassen konnte (eine ganz neue Erfahrung in seinem kurzen Dasein), dann löste sich der Konflikt in der Weise, daß Mama die Brautleute eines an jeder Hand nahm und zugleich ihre Spielkameradin und ihre Vertraute wurde. Ja, ich fürchte, sie sprach mit ihnen beiden von Liebe und Ehe, weil sie wie keiner ihre Sprache konnte, und es mag wohl sein, daß sie bei der Stärke ihrer Phantasie sich schon als Schwiegermutter zu fühlen anfing.

Es nützte nichts, wenn jemand versuchte, Svens Liebe von der scherzhaften Seite zu nehmen. Olof höhnte allerdings das kleine Brüderchen und versuchte zu erklären, daß ein richtiger Kerl sich nichts aus Mädels machte. Selbst Svante, der in diesem Punkte ein weniger reines Gewissen hatte, versuchte das kleine Brüderchen damit anzugreifen, daß es eben zu klein war.

In seiner Not wendete sich Sven an Mama als an die höchste Autorität. Und Mama sagte ihm, daß er sich nicht darum kümmern solle, was die großen Jungen sagten, und wenn er Martha lieb habe, so wäre das ja nichts Lächerliches, gleichviel ob er klein oder groß sei.

Nun fand Sven, daß die Brüder ihr Teil bekommen hätten, und ließ sich sein Glück nicht weiter von ihnen trüben. Er war selbst mitten in seiner Freude so ernst, daß er nicht begriff, wie irgend jemand über so etwas scherzen konnte, und darum machte er auch kein Geheimnis aus der Sache. Wenn ein Älterer, was ja vorkam, ihn fragte, ob es wahr sei, daß er eine Braut habe, antwortete er ohne weiteres ja, und gleich darauf lief er fort und spielte mit ihr, so als wollte er die ganze Welt fragen, ob sie nicht schön und süß sei, wie eine richtige Braut sein soll.

Ja, Sven betrug sich überhaupt so, daß man aufhörte ihn zu necken, und selbst die Brüder ließen ihn in Frieden.

Aber eines Tages kam Olof auf den Einfall, ihm zu sagen, daß er Haare hätte wie ein Mädchen. Das hatte Sven schon öfters gehört und sich nichts daraus gemacht.

Aber jetzt fügte der große Bruder hinzu:

»Das paßt doch für dich nicht, wenn du eine Braut hast.«

Und das machte auf Sven einen tiefen Eindruck.

Von diesem Tage an hörte er nicht auf, Mama wegen seines Haares zu quälen.

»Ich will mein Haar so haben wie die anderen Jungen«, sagte er.

Es half nichts, daß Mama sich wehrte und Sven bat, sich doch nicht um das zu kümmern, was die großen Jungen sagten. Es half nicht einmal, daß sie Sven bat, Mama zuliebe seine schönen Locken zu behalten, die Mama so gerne hatte. Sven blieb dabei, daß sie fort sollten.

»Ich will nicht wie ein Mädchen aussehen«, sagte er.

Mama trauerte bei dem bloßen Gedanken, daß jemand die schönen Locken auch nur berühren sollte.

»Ich kann mir das Burschi nicht ohne seine Locken denken«, sagte sie.

Sie nahm ihn in ihre Arme, flüsterte mit ihm, plauderte, überredete und bat und flehte für die lieben Locken. Aber Sven ließ sich nicht überzeugen. Er bat so schön und sah so rührend aus, daß er schließlich seinen Willen durchsetzte.

Er kam mit seinem kleinen roten Hut herein, die weiße Bluse flatterte um die kleinen Beinchen.

»Ich fahre in die Stadt und lasse mich scheren«, schrie er.

Er war voll Eifer und Entzücken, und als er im Zuge saß, plauderte er in einem fort und wendete sich an einen fremden alten Herrn, den er nie im Leben gesehen hatte, und sagte ihm, daß er zur Stadt fahre, um sich sein langes Haar abschneiden zu lassen.

Der alte Herr sah von seiner Zeitung auf, warf dem Knaben einen zerstreuten, gleichgültigen Blick zu und fuhr fort zu lesen.

Sven glaubte, daß er nicht gehört hatte, und wiederholte der Deutlichkeit wegen:

»Ich lasse mir mein Haar schneiden, damit ich nicht wie ein Mädchen aussehe.«

Aber der alte Herr verschanzte sich hinter seine Zeitung und murmelte etwas, das Mama veranlaßte, ihr kleines Herzblatt zum Schweigen zu bringen.

Dann blieb Sven den ganzen Weg stumm und saß ganz still da, als grübelte er über irgend etwas nach. Er sah so unglücklich aus, daß Mama ihn auf den Schoß nahm und ihn streichelte und bitterböse auf den alten Herrn wurde, der nicht begriff, daß der Kleine dasaß und sich grämte, daß nicht alle fremden Herren sich darum kümmern, daß ein kleiner Junge froh ist.

Sven schwieg, als er auf die Straße kam. Aber dann flüsterte er, als hätte er Angst, daß jemand sie hören könnte.

»Das war bestimmt kein netter Herr.«

»Ja, aber siehst du, Sven, du hast ihn doch nicht gekannt«, sagte Mama.

»Deswegen hätte er doch nett sein können«, sagte Sven.

»Aber kleine Jungen sollen nicht zu fremden Leuten sprechen«, wendete Mama ein.

»Ich glaubte, er würde sich freuen, wenn er hörte, daß ich nicht mehr wie ein Mädchen aussehen muß.«

Armes Kindchen! dachte Mama, und wieder ergrimmte sie in ihrem Herzen, wenn sie an alle verdrießlichen Menschen dachte, die die Freude der Kleinen zerstören. Armes Kindchen! Wie wird es dir einstmals in der Welt gehen?

Und um Sven richtig zu trösten und seine Freude wieder wachzurufen, sagte sie.

»Das war ein abscheulicher, schlimmer alter Herr. Ganz schlimm war er.«

Da wurde Sven wieder eitel Sonnenschein, und sein Schmerz war verflogen, weil er glauben durfte, daß nur abscheuliche Menschen so etwas tun. Sein Haar wurde geschnitten, und er durfte in eine Konditorei gehen. Da bekam er Backwerk und war überglücklich, weil er glaubte, daß alle Menschen wußten, daß er zum ersten Male geschoren war wie ein Junge. Dann fuhr er wieder mit Mama nach Hause, und als er in den Hof kam, ließ er Mamas Hand los, und lief, so rasch seine Beine ihn tragen wollten, hinein zu Papa.

Da blieb er beim Schreibtisch stehen, nahm den Hut ab und vergaß, daß man Papa nicht stören durfte, wenn er arbeitete. Er stand still mit dem Hut in der Hand, und sein ganzer Körper arbeitete vor Aufregung zu hören, was Papa sagen würde. Ja, seine Augen wuchsen, so daß es aussah, als wäre der Junge nichts als Augen.

Papa sah und sah und ahnte, daß etwas ganz Merkwürdiges vorgefallen war. Endlich ging ihm ein Licht auf, und da mußte er den Kleinen in die Höhe heben und wieder niederstellen.

»Jetzt ist Sven aber ein richtiger Junge geworden«, sagte Papa.

Und mit diesem Attest seiner Männlichkeit lief Sven fort, um sich den großen Brüdern zu zeigen und von Martha bewundert zu werden.

 << Kapitel 18  Kapitel 20 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.