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Das Buch vom Brüderchen

Gustaf af Geijerstam: Das Buch vom Brüderchen - Kapitel 18
Quellenangabe
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typefiction
authorGustaf af Geijerstam
booktitleGesammelte Romane
titleDas Buch vom Brüderchen
publisherS. Fischer Verlag
seriesGesammelte Romane in fünf Bänden
volumeDritter Band
year1910
translatorFrancis Maro (Marie Franzos)
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Fünftes Kapitel

An den Frühling, der jetzt kam, erinnere ich mich wie an ein Meer vom Blumen, das jeden freien Platz in unserem Heim erfüllte. Die Hyazinthen mischten sich nach und nach mit blauen Anemonen, die blauen Anemonen mit weißen, mit Goldlack und Violen, und endlich, als der Johannistag herankam und der Sommerwind in den herabgelassenen Gardinen spielte, blühte auch der Flieder.

Mama und Sven waren es, die die Blumen herbeischafften, und es wäre schwer zu entscheiden, wer von ihnen beiden Blumen am meisten liebte. Ich sehe sie noch Seite an Seite, die Hände voll Blumen, rotwangig und plaudernd über den großen Hof zu der offenen Veranda gehen. Ihr Haar war ebenso schwarz wie das seine blond, aber ihre tiefen blauen Augen waren gleich. Sie bildeten den seltsamsten Kontrast, und doch waren sie ähnlicher, als Mutter und Kind zu sein pflegen. Sie gehörten zusammen, als wären sie geschaffen, stets vereint zu sein, stets mit Blumen in den Händen zu gehen, bis an des Lebens Ende Hand in Hand zu wandeln und einander in die Augen zu blicken. Niemand konnte sie zusammensehen, ohne daß sein Gesicht von einem sonnigen Lächeln erhellt wurde, und oft konnte ich das merken und meinen eigenen Reichtum noch erhöht fühlen.

Denn in dieser Zeit dünkte mich das Leben reich und voll wie nie. Ich vergaß wieder alles, was meine Seele mit schweren Ahnungen erfüllt hatte, und der Augenblick war mir genug. Es kam mir vor, als hätten wir alles, was traurig und schwer war, nur durchmachen müssen, um nachher ein um so volleres Glück zu genießen. Ich war dankbar für jeden neuen Tag, der ging, ich war froh, daß ich vergessen konnte, und ich hatte das Gefühl, als würden wir einem Glück entgegengetragen, höher als das, welches Menschen erreichen.

Ich glaube, daß auch meine Frau, wenigstens eine Zeitlang, dieses mein Gefühl teilte. Denn von ihr ging dieser stete Strom von Glückseligkeit aus. Sie war wirklich zum Leben zurückgekehrt, sie fühlte sich gesund, sie lebte unter großen, alten Bäumen und in einem Überfluß von Blumen. Sie hatte uns alle um sich, und nichts störte ihre Ruhe.

So ging sie eines Abends mit mir über den langen Weg, auf dem wir niemandem begegneten und den wir deshalb am liebsten gingen. Rings um uns blühte der Flieder und erfüllte die Luft mit seinen Düften, und auf dem bleichen, hellen Junihimmel schwebte der Halbmond, ohne ein Licht zu werfen, nur in dem Blau schwimmend, das sich grenzenlos weit wölbte und auf dem blasse Sterne gleichsam zu funkeln versuchten, ohne die Nacht durchbrechen zu können.

Wenn ich mich an diese Zeit und alles, was dann folgte, erinnere, muß ich mit Staunen an unsere Spannkraft denken. Als wäre nur eine Streuwolke über unseren Himmel gezogen und verweht worden, so wandelten wir hier jeden Abend glücklich auf und nieder, und in unseren Gesprächen war nicht der leiseste Schimmer von Wehmut. Alles, was gewesen, lag begraben hinter uns. Es war wohl nicht das sorglose Glück mit dem unerprobten blinden Zutrauen der Jugend zu sich selbst. Es war viel mehr. Es war jene ruhige stille Harmonie, wie sie sich zwischen Menschen entwickelt, die zusammen gelitten und überwunden haben, ein Glück, das nichts trüben und nichts zerstören kann, weil es unauflöslich mit dem innersten Wesen zweier Menschen verwachsen ist. Wir wußten in dieser Zeit, daß wir nichts wünschten, nichts begehrten, als das, was wir schon besaßen. In solchen Perioden des Lebens kann der eine die Einsamkeit suchen, um seine Tränen zu trocknen, weil er sich schämt, zu zeigen, wie glücklich er ist. Keine fremden Gedanken, die ihre eigenen Wege gehen, keine Phantasien, kein Verlangen kann diese seltsame Stimmung steigern, aus der die Lebenskraft quillt. Alles, wovon Sagen und Lieder gesungen, lebt da sein volles, niemals versiegendes Leben, so wie keine Dichtung es wiederzugeben vermag, und ich glaube, daß solche Erfahrungen allein das Zusammenleben zwischen Mann und Weib heilig machen können.

Wenigstens fühlten wir so in diesen linden Frühlingsnächten, in denen unsere Spaziergänge immer an demselben Platze schlossen, vor den Betten der schlafenden Kinder. Wir sprachen nicht viel von dem, was wir fühlten. Aber eines Abends sagte meine Frau:

»Wie lange ist es, daß wir verheiratet sind?«

»Warum fragst du? Du vergißt ja Daten nie.«

»Ja, aber kann es wahr sein, daß es mehr als zehn Jahre sind? Kann es wahr sein, daß wir so alt sind?«

»Betrübt dich das?« antwortete ich und lächelte.

Sie schmiegte sich an mich und nahm meinen Arm.

»Es gab eine Zeit, wo ich solche Angst hatte, alt zu werden,« sagte sie. »Und das habe ich noch. Aber ich verstehe nicht, wie Leute davon sprechen können, daß man in der Jugend am meisten liebt und am glücklichsten ist. Das müssen Menschen sein, die nicht lieben können.«

Ich versuchte einen Einwand. Aber sie unterbrach mich, indem sie von anderen zu sprechen begann. Sie sprach von Freunden, denen wir zugetan waren, von Bekannten, mit denen wir verkehrten. Und sie stellte in Abrede, daß sie glücklich sein konnten. Sie erzählte Züge aus ihrem Leben, was sie getan und was sie gesagt hatten. Noch länger verweilte sie bei dem, was sie nicht getan und nicht gesagt hatten. Und sie schloß mit den Worten:

»Ich glaube, in unserer Zeit haben die Menschen vergessen, zu lieben. Sie sind durch so vieles andere ausgefüllt.«

Alles, was meine Frau mir jetzt sagte, verwunderte mich. Denn sie pflegte sich selten mit anderen zu beschäftigen, wenn sie mit mir allein war, und ich suchte die Menschheit in Schutz zu nehmen. Ich brachte sie sogar dazu, ein paar Ausnahmen zuzugestehen.

Aber sie antwortete auf alles, was ich anzuführen hatte, als hörte sie mir eigentlich nicht zu; und als sie verstummte, fuhr sie fort, ihren eigenen Gedankengang zu verfolgen:

»Warum bist du und ich glücklicher als alle anderen Menschen?«

Sie sagte das mit einem Ernst, als erwähnte sie nur eine ganz bekannte und unleugbare Tatsache, und sie fügte hinzu:

»Ich finde, daß alle anderen unglücklich sind, wenn ich sie mit dir und mir vergleiche.«

Ich lächelte über ihren Eifer, während ihre Worte mir gleichzeitig warm ums Herz machten.

»Warum mußt du vergleichen?« sagte ich.

»Weil es mich glücklich macht,« antwortete sie. Und indem sie vor mir stehenblieb und zu mir aufblickte, fügte sie hinzu: »Laß es mich jetzt sagen, weil ich sonst vielleicht nie dazukomme, es dir zu sagen. Ich finde, es ist so eigentümlich, wenn ich an die erste Zeit denke, wo wir verheiratet waren. Da meinte ich, daß ich dich liebte und daß ich glücklich war. Das war deshalb, weil ich nichts wußte und nichts verstand. Nun weiß ich, was es bedeutet, und nun will ich dir danken.«

Bevor ich es hindern konnte, hatte sie meine linke Hand ergriffen und sie geküßt, und als ich versuchte, sie zurückzuziehen, hielt sie sie fest und küßte sie abermals, da wo der Ringfinger war.

Es lag eine Macht in ihrem Gefühl und ihrer Person, als sie diese Worte sagte, die mich beinahe verwirrte. Stumm nahm ich sie in meine Arme und küßte sie mit dem Gefühl, daß ich zum ersten Male meine Braut küßte. Und ich wußte mit ihr, daß die Erde keine größere Seligkeit barg.

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