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Das Buch vom Brüderchen

Gustaf af Geijerstam: Das Buch vom Brüderchen - Kapitel 15
Quellenangabe
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typefiction
authorGustaf af Geijerstam
booktitleGesammelte Romane
titleDas Buch vom Brüderchen
publisherS. Fischer Verlag
seriesGesammelte Romane in fünf Bänden
volumeDritter Band
year1910
translatorFrancis Maro (Marie Franzos)
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Zweites Kapitel

Schon seit Sven so klein war, daß er noch nicht recht gehen konnte, war er Pudels intimster Freund gewesen und hatte das Recht gehabt, mit Pudel alles zu machen, was er wollte. Er durfte ihn an den Ohren ziehen und an seinem kurzen Schwanz zupfen, auf ihm liegen und ihn in den unbequemsten Stellungen festhalten. Pudel zeigte hierüber keinen höheren Grad von Mißvergnügen, als daß er zuweilen verwundert aussah, warum er all dies eigentlich über sich ergehen lassen mußte, und sich sanftmütig und friedfertig auf einen anderen Platz legte, in der eitlen Hoffnung, daß sein wohlmeinender Plagegeist müde werden und ihn in Frieden lassen würde.

Aber trat Sven hinaus in den Hof, dann folgte Pudel ihm, wohin er auch ging. Mit seiner kurzen gespaltenen Schnauze schnuppernd, stand er da und sah zu, wie Sven langsam und bedächtig Sand in eine kleine Blechbüchse schüttete oder zuweilen zu der weniger geeigneten Zerstreuung überging, in der Wassertonne zu plätschern. Pudel folgte ihm die ganze Zeit, und näherte sich irgendein Fremder, so begleitete Pudel dessen Gehaben mit mißtrauischen Augen, in jedem Augenblick bereit, falls die Verhältnisse sein Einschreiten erforderten.

Sven und Pudel wandelten im übrigen ihre eigenen Wege, und mehr als einmal hatten sie das ganze Haus in plötzlichen Schrecken versetzt, indem sie auf die unerfindlichste Weise verschwanden; und nachdem man schon daran verzweifelt hatte, sie je lebendig wiederzusehen, tauchten sie urplötzlich auf, als sei nichts geschehen, beide gleich erstaunt über die Aufregung, die sie hervorgerufen hatten.

Es wäre unrecht zu sagen, daß Sven eigentlich ein ungehorsamer Knabe war. Aber in diesem Punkt war er nicht leicht zu behandeln. Mehr als einmal hatte Mama ihm mit der Rute gedroht, wenn er noch einmal auf eigene Hand fortliefe, und mehr als einmal hatte sie mir unmittelbar darauf versichert, daß sie das Herzblut desjenigen sehen wollte, der es wagte, Sven zu berühren. Aber hierin schien Sven Vorwürfen und Ermahnungen gleich unzugänglich zu sein, und er stand so erstaunt bei Mamas heftiger Freude da, ihn nach solchen Ausflügen lebendig wiederzufinden, als wunderte er sich, daß sie beide über irgend etwas auf der Welt so verschieden denken konnten.

»Es war doch nicht gefährlich,« sagte Sven. »Pudel war ja mit.«

Mama wollte nicht schlecht von Pudel sprechen, aber sie versuchte Sven davon zu überzeugen, daß Pudel auf jeden Fall nicht dasselbe war wie ein Mensch. Sie sagte alles, was sie sich nur ausdenken konnte. Sven versprach mit den Ärmchen um ihren Hals, daß er nie mehr fortlaufen und Mama Kummer machen wollte.

Aber wenn er so für sich selbst ging und es Frühling war und das Wasser in den Rinnen am Hof floß, da vergaß Sven alles andere auf Erden, bis auf das, daß er ein kleiner Junge war, der tief hinein in den Wald gehen wollte.

Wer weiß, in welchen Gedanken er einherging, oder ob er auch nur merkte, daß er auf verbotene Wege kam? Er ging und plauderte mit sich selbst, und Pudel folgte ihm, und als er bei der Zauntüre anlangte, stand sie offen. Da mußte er doch hinausgucken und einen Blick in die Welt tun, die dort draußen lockte, und da sah er auf der andern Seite der großen Landstraße zu oberst auf dem Grabenrain, wie die gelben Huflattichblumen gegen die graue Erde leuchteten, und so krabbelte er hinüber, so gut seine kleinen Beinchen es vermochten. Aber jetzt war er beinahe im Walde drinnen, und da konnte er nicht länger widerstehen. Hoch und mit knorrigen Ästen erhoben sich die Tannen über seinem Kopfe, und hinein ging er zwischen die Stämme, wo die Sonne auf das Moos schien und die ersten Frühlingsvögel ihre Triller zu schlagen begannen. Eine kleine Feldmaus wischte zwischen den Steinen durch, und der kleine Sven lief ihr nach. Weiter und weiter weg kam er. Da lag ein kleines Moor, und draußen im Moor wuchsen Weidenkätzchen mit glänzenden Gehängen. Die konnte er nicht erreichen, denn da würde er eingesunken sein und sich die Füße naß gemacht haben. Aber er konnte immerhin einige Steine ins Moor werfen und hören, wie es plumps sagte, und die großen weiten Ringe ansehen, die die ganze kleine Wasserfläche in Aufruhr brachten. Das tat er auch, und damit fuhr er eine gute Weile fort. Seine Wangen wurden rot, und seine Augen leuchteten vor Entzücken. Fröhlicher und fröhlicher wurde er, und er ging bis auf die Wiese hinunter, wo das königliche Lustschloß lag, und als er hinaus auf den Weg kam, begann er zu laufen. Er lief und lief, und als er an die hohen Gittertüren kam, sah er, daß er wieder nahe von zu Hause war. Da wurde er von neuem froh, weil er den Weg erkannte und weil Pudel schnupperte, mit seinem gestutzten Schwanz wedelte und nach Hause wollte. Und plötzlich begann er sich nach Mama zu sehnen, und da erinnerte er sich an die gelben Blumen, die er in der Hand hatte.

Langsam und bedächtig ging er wieder heimwärts, und es kann schon sein, daß Sven sich jetzt dunkel erinnerte, daß er nicht vom Hause hätte weggehen sollen. Aber eines gab es, was Sven nicht wußte und worauf er sich auch nicht verstand. Das war, wie lange er eigentlich vom Hause fort gewesen war. Denn ein paar Stunden und ein kleines Weilchen war für ihn ein und dasselbe. Aber als er über die Wiese getrippelt kam und sich gerade wieder in Trab setzte, um zu Mama zu kommen und auf den Schoß genommen und gestreichelt und geküßt zu werden und zu erzählen, wie schön er es gehabt hatte, da erschrak Sven dadurch, daß man rings um ihn zu schreien begann. Da war Papa und Mama, Olof und Svante, die beiden Dienstmädchen und noch mehrere, meinte Sven. Sie schrien, einer lauter als der andere, der eine hier und der andere dort. Sven konnte gar nicht sehen, woher sie kamen. Denn gerade als er sich nach einer Seite umwenden wollte, schrie jemand hinter ihm, und als er sich dann wieder umdrehte, um nach der anderen Richtung zu schauen, wurde er vom Boden aufgehoben und von jemandem fortgetragen, der so rasch lief, als er laufen konnte, und bevor er sich noch recht besinnen konnte, war er drinnen im Speisezimmer, und Mama selbst nahm ihn in ihre Arme und drückte ihn an sich, so daß er gar keine Luft bekam.

Sven wußte wohl, daß er vor Mama nie Angst zu haben brauchte, aber dieses Mal verließ ihn doch der Mut. Denn jetzt erinnerte er sich, was sie von der Rute gesagt hatte, und als er Papa erblickte, wurde er wirklich ängstlich. Denn Papa sah strenge aus und sagte in sehr ernstem Ton:

»Jetzt müssen wir aber die Rute holen, Sven. Denn soviel ich weiß, hat dir Mama das versprochen.«

Da wußte sich Sven keinen Rat, und in der Not nahm er seine Zuflucht zu den Blumen, die er Mama entgegenhielt.

Aber das hätte er gar nicht zu tun brauchen. Denn Mama hatte solche Angst gehabt, und sie war so glücklich, ihn wiederzuhaben, daß sie ihn nur in die Arme nahm und, halb weinend, halb lachend, sich von ihm streicheln ließ; und endlich nahm sie ihm die Blumen ab und steckte sie in ein kleines grünes Glas, ordnete sie und ließ Sven sehen, wie schön sie in der Sonne glänzten. Da gab Papa alle Gedanken an eine Bestrafung auf, ging in sein Zimmer und fühlte sich überflüssig.

Aber als Mama mit Sven allein blieb, nahm sie ihn auf den Schoß und erzählte ihm, als wäre es ein Märchen, wie unruhig sie sich gefühlt und wie schrecklich ihr zumute gewesen war. Sie erzählte, daß sie geglaubt, daß Sven sich das Bein gebrochen habe und einsam im Walde läge, und daß sie ihn nicht früher wiederfinden würden, als bis er tot wäre. Oder daß er ins Wasser gefallen sei und daß sie ihn dort als Leiche finden würden, und dann konnten weder Mama noch Papa noch die Geschwister jemals wieder froh werden. All das hörte Sven an und verstand nur, daß Mama besser gegen ihn war als alle anderen Menschen. Dann ließ sie Sven alles erzählen, was er gesehen und getan, wie er sich vergnügt hatte und wie weit er fort gewesen war. Sie erfuhr von dem kleinen Mäuschen, von den Vögeln und von dem Sumpf und von den Steinwürfen. Und schließlich verstanden sie einander, alle beide, und waren nur glücklich darüber, daß sie sich wiedergefunden hatten.

Und als sie sich so recht ausgesprochen hatten, nahm Mama Sven mit sich zur Etagere. Da standen viele prächtige Sachen, mit denen Sven manchmal spielen durfte, wenn er sehr artig war. Unter anderem stand da ein weißer Pudel aus Porzellan, der eine Quaste am Schwanz hatte und einen kleinen Pantoffel in der Schnauze trug. Er war sehr alt und gehörte eigentlich nicht Mama. Denn Papa hatte ihn von seiner Mutter bekommen, und er hatte ihr gehört, seit sie zwei Jahre alt war, da hatte eine Patin ihn ihr geschenkt.

Das war das Schönste, was Sven kannte, und den nahm Mama in der Glückseligkeit ihres Herzens von der Etagere herab und gab ihn ihm, anstatt der Rute. Aber er blieb da stehen, wo er stand.

»Denn sonst«, wie Sven sagte, »kann ich ihn zerschlagen. Und dann wird Papa so böse.«

Aber er vergaß nie, daß er ihm gehörte. Und er pflegte zuweilen davon zu sprechen, wenn Besuch kam.

»Den habe ich von Mama bekommen,« sagte Sven, »als ich in den Wald lief und wiederkam. Das war, weil Mama sich so freute, als sie mich sah.«

Und Mama verteidigte ihre Erziehungsmethode gegen jede Kritik, indem sie den Knaben in die Höhe hob und alle ihn ansehen ließ. Gott segne sie! Sie hatte recht.

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