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Das Buch vom Brüderchen

Gustaf af Geijerstam: Das Buch vom Brüderchen - Kapitel 14
Quellenangabe
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typefiction
authorGustaf af Geijerstam
booktitleGesammelte Romane
titleDas Buch vom Brüderchen
publisherS. Fischer Verlag
seriesGesammelte Romane in fünf Bänden
volumeDritter Band
year1910
translatorFrancis Maro (Marie Franzos)
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081209
projectidd2c37152
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Zweiter Teil

Erstes Kapitel

Der kleine Sven wuchs heran und wurde aller Liebling. Er hatte langes, goldenes Haar, und zur Erinnerung an das Mädchen, das nicht gekommen war, pflegte Mama das Goldhaar zu kräuseln, so daß es in langen Locken um sein kleines Gesichtchen mit der zarten Haut und den wunderbaren Engelsaugen lag. Kein Kind hatte tiefere große Augen mit einem so frühreifen, träumerischen Blick gehabt, und kein Kind hatte eine vertrauensvollere, zärtlichere kleine Hand, die sich in die eines erwachsenen Menschen schmeichelte, als wüßte es, daß es überall Geborgenheit finden konnte, weil es selbst von nichts Bösem wußte.

Der kleine Sven war der Abgott des großen Bruders. Nichts konnte schöner sein, als zu sehen, wie der große Bruder, der es liebte sich männlich zu zeigen und daher ungerne seine Gefühle an den Tag legte, das kleine Brüderchen in einem Wägelchen zog, sich an seinem frohen Gesichtchen freute und sich unaufhörlich umdrehte, um zu sehen, daß das kleine Brüderchen nicht herausfiel. Das einzige, was sich hiermit vergleichen ließ, war, wenn man Svante dasselbe tun sah, und Svante freute sich um so mehr daran, Beschützer zu sein, als er bei den Spielen mit dem großen Bruder immer derjenige gewesen, der klein war und gehorchen mußte. Sven war so klein gegenüber den großen Brüdern, die er bewunderte und denen er folgte, daß er immer das kleine Brüderchen war und blieb, und er war so froh, daß das ganze Haus sich um ihn versammelte, wenn ihm etwas Freudiges geschehen war und seine klingende Stimme oder sein klares Lachen durch die Räume erklang. Man kam, weil man sehen wollte, wie seine Augen funkelten und wie seine kleinen weißen Händchen vor Entzücken umherfochten, weil man diese ganze strahlende Kinderfreude sehen wollte, die dem Herzen Sonne gab.

Ah, ich wünschte, ich hätte diese Erzählung vom kleinen Brüderchen früher geschrieben, so daß ich sie Blatt für Blatt ihr hätte vorlegen können, die seine kurze Lebensgeschichte besser kannte als ich, besser als irgend jemand. Sie, die sich an jedes seiner Worte erinnerte, an jeden kleinen Zug aus dem Buche seines Lebens, sie, die sein Leben und ihr eigenes im Verein mit ihm lebte, auch als seine klaren Augen nicht mehr unter uns leuchteten; sie, die ihm endlich auf den Pfaden folgte, auf denen niemand, bevor seine Zeit gekommen ist, folgen kann. Sie hätte dann das, was ich sagen wollte, mit ihrem Geist erfüllt, und meine Dichtung hätte so viel Unmittelbarkeit empfangen, als handelte sie von einem noch lebenden Kinde.

Denn der kleine Sven lebte und webte mit seiner Mutter bei ihr und für sie. Er hatte seine Spielstube bei ihr, und die ganzen Vormittage, wenn Papa fort war und die großen Jungen lernten, saß der kleine Sven auf dem Boden und hörte Mama Märchen erzählen. Mama konnte viele Märchen, aber kein Märchen hatte Sven lieber als das vom Rotkäppchen, das zur Großmutter gehen sollte und das der häßliche Wolf auffraß. Er war so furchtbar erschüttert, wenn er an das Schicksal des kleinen Rotkäppchens dachte, und er hatte solche Angst vor dem abscheulichen Wolf und war so böse auf ihn. Er wollte groß werden und in die Welt ziehen und ihn finden und ihn totschießen.

Dann erfanden Mama und er Spiele. Sie spielten, daß Sven fortreiste und weg war, und Mama saß allein und wartete auf ihn. Und dann kam Sven nach Hause, und das war eine Freude, so groß, daß Mama ihre Arbeit weglegen und ihn auf den Schoß nehmen und viele Male küssen mußte. Und viele andere Spiele spielten sie.

Der kleine Sven hatte zu Hause viele Namen. Er wurde das kleine Brüderchen genannt und Nenne, was er selbst erfunden hatte, und Fratzi und Goldkind, so wie es eben kam. Er kannte alle seine Namen, konnte sie aufzählen und war stolz auf sie. Der kleine Sven spielte nicht viel mit anderen Kindern und fühlte sich nie lange wohl mit ihnen. Er kam immer zurück zu Mama, als wäre das die natürlichste Sache der Welt. Und er kümmerte sich dann nie darum, ob er das Spiel unterbrach und die anderen Kinder ärgerte. Sowie er nur Mama erblickte, lief er von allem fort, nahm sie bei der Hand und folgte ihr, wohin sie ging. Das war eine Liebe, die über alle Begriffe ging und die nie erkaltete, weil der Gegenstand derselben zu glücklich über dieses Verhältnis war, um den Kleinen je beschwerlich zu finden.

Sven und Mama hatten ihre kleinen Geheimnisse, und wenn Sven Mama etwas zuflüsterte, durfte nicht einmal Papa zuhören. Versuchte er es, nur um Sven zu necken, da schrie der Kleine:

»Nein, er darf nicht. Er darf nicht. Sag ihm, daß er nicht darf.«

Und Mama verteidigte ihren Schatz und hielt Papa ferne, so daß Sven alles, was er zu sagen hatte, ihr ins Ohr flüstern konnte.

Wenn das geschehen war, dann triumphierte Sven.

»Siehst du,« sagte er. »Du hast es nicht hören dürfen.«

Und dann ging er mit Mamas Hand in der seinen und lachte seinen Vater aus. Das nannte er Papa »foppen«, und er kannte wenig Dinge, die er vergnüglicher fand.

Ich kann sie noch beide vor mir sehen, Hand in Hand, den langen Weg auf und nieder gehend, der bei den Fliederbüschen anfing, unter den kahlen Bäumen im Winter gehend, wenn Sven in seinen kleinen Pelz gekleidet war, den man aus Mamas altem gemacht hatte und auf den er so stolz war. Es wäre im übrigen schwer zu entscheiden, wer von den beiden dem anderen eigentlich am meisten zu sagen hatte. Und wenn ich sie lange angesehen hatte und Lust bekam, mit dabei zu sein, dann wurde Sven eifersüchtig und schob sein kleines rotes Mündchen vor, so daß Mama sein Betragen gegen das Familienoberhaupt tadeln und ihm sagen mußte, wie gut Papa war. Das wollte Sven nur ungern anerkennen. Und während wir zusammen gingen, machte er verstohlen Mama Mienen, die Papa nicht sehen sollte, ganz als wollte er sich selbst dadurch beglücken, daß er den Zauberkreis heimlichen Einverständnisses beibehielt, den er um seine Liebe und sich selbst gezogen.

Aber wenn Papa in der Stadt war und nach Hause kam, dann stand Sven hinter der Türe versteckt und wartete, um ihn recht erschrecken zu können. Er stellte sich lange vor der Zeit hin, zu der Papa zurückerwartet werden konnte. Unaufhörlich kehrte er von seinem Schlupfwinkel zurück und fragte:

»Glaubst du nicht, daß Papa sehr erschrecken wird?«

Natürlich glaubte Mama das, und natürlich war Sven überglücklich über diese Aussicht. Und wenn Papa endlich kam und im Flur stehen blieb, um den Sand aus seinen Galoschen zu stampfen, da kam Sven so still und leise herangeschlichen und dachte gar nicht mehr daran, ihn zu erschrecken, sondern stand nur da und lächelte für sich selbst, als wüßte er sehr wohl, daß Papa ihn nicht sehen konnte, ohne froh zu werden. Und langsam kroch er näher, wie um sich an Papas Ungeduld, ihn in die Arme zu schließen, zu weiden, und dann hängte er sich an Papas Hals und ließ sich hineintragen, während gleichzeitig die Dogge der Familie, die Svante seinerzeit Pudel getauft, vor Freude bellte und um uns herumsprang.

Ich erinnere mich so gut an die Augen meiner Frau, wenn sie diese Szene betrachtete.

»Wenn du wüßtest, wieviel ich mit ihm von dir spreche«, sagte sie, als Sven endlich seinem Vater erlaubte, ihn loszulassen, und Mama Platz machte.

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