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Das Buch vom Brüderchen

Gustaf af Geijerstam: Das Buch vom Brüderchen - Kapitel 11
Quellenangabe
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typefiction
authorGustaf af Geijerstam
booktitleGesammelte Romane
titleDas Buch vom Brüderchen
publisherS. Fischer Verlag
seriesGesammelte Romane in fünf Bänden
volumeDritter Band
year1910
translatorFrancis Maro (Marie Franzos)
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectidd2c37152
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Neuntes Kapitel

So saßen wir endlich eines Sonntags morgens auf dem Verdeck des Dampfschiffs und eilten dem bekannten Ziele zu.

Es waren viele Jahre vergangen, in denen wir diesen Weg nicht genommen hatten, Jahre, die Gutes und Böses gebracht, Jahre, die zersplittert, und Jahre, die vereint hatten. Getrennte Wege hatten unsere Gedanken genommen, aber sie waren sich wiederbegegnet, und wie in einem seltsamen, mystischen Gefühl vereint, das das Schicksal herauszufordern schien, saßen wir Seite an Seite, während Gegend um Gegend an uns vorbeiglitt, von der klaren Lenzsonne beleuchtet, vom blauglitzernden Wasser bespült, das ein leichter Wind kräuselte.

Meine Widerspenstigkeit war nun gänzlich verflogen. Ich ließ mich willenlos von meiner Frau führen und nahm jeden Eindruck mit einer Rührung auf, als wäre ich zwölf Jahre jünger und säße auf dem Verdeck, neuen, unbekannten Zielen entgegenziehend, die mein Alltagsleben verändern und dem ganzen Dasein neue Ausblicke geben sollten. Meine Frau schien mir verjüngt, so wie ich selbst. Ihr Gesicht färbte eine zarte Röte, und die Augen leuchteten mit jenem Glanze, den das Glück verleiht. Ihre Stimme hatte Intonationen unbestimmbarer Zärtlichkeit, die mich mit der ganzen Stärke der Illusion liebkosten, die uns beide erfüllte, und zwischen uns kamen und gingen Worte und Lächeln, Blicke und Gebärden, die nur der ersten Zeit der Liebe eigen zu sein pflegen.

Und als das Dampfboot uns endlich ans Land setzte und wir allein auf der Brücke standen und das Schiff fortdampfen sahen, da umschlangen wir einander und gingen langsam über den Weg, der sich zwischen Haselstauden und hohen, knorrigen Eichen schlängelte, auf deren Zweigen kaum noch die Spur von den Knospen des Frühlings sichtbar war. Da erst sahen wir, wie wenig entwickelt die Vegetation um uns war. Das Meer, das den ganzen Schärengarten in seiner kalten Umarmung umschlungen hält, legt um Inseln und Schären eine Eiseskühle, die die Arbeit des Frühlings hemmt. Hier war es nicht grün wie im Innern des Landes, wo Wiesen und Haine sich gerade im Schutz dieses weiten Schärengartens belauben, der die harten Nordwinde fernhält. Hier war es öde und kalt, auf den Zweigen der Bäume zeigten sich schwache, lichtgrüne Triebe, die gelb und braun schillerten, die Palmenweide trug Kätzchen, das Gras schlief unter welken Blättern, und die Anemonen, die im Innern des Landes längst verblüht waren, wuchsen blau und weiß unter den Zweigen der Haselsträucher.

Gerade diese späte Entwicklung der Natur erfüllte uns beide, die wir in unserer eigenen Stimmung wie gefangen waren, mit einem neuen Glück. »Siehst du, hier kommt es so spät, wie damals?« – »Weißt du noch, man hat einen zweiten Frühling, wenn man in den Schären wohnt?« und wir sahen hinaus über den weiten Fjord, der diesen ganzen späten Frühling umschloß, und freuten uns, daß die Fischmöwen wie einst in weiten Bogen über dem blauen Wasser kreisten, freuten uns über ihre weißen Flügel, die in der Sonne glitzerten, und blieben stehen, um ihr freies Spiel zu betrachten, wenn sie durch die Luft schossen und das Wasser erreichten, wo ihre klaren Augen die Beute erspäht hatten.

Hand in Hand wie zwei Kinder gingen wir den Hügel hinauf zu einem kleinen roten Haus, und wir betrachteten einander, als tauschten wir ein Geheimnis aus, als der Fährmann, der uns früher hinüber zu rudern gepflegt hatte, aus der Tür trat und versprach, uns zu unserer Jugendinsel zu führen.

Still ging die Fahrt über das blaue Wasser. Ohne ein Wort zu wechseln, von der seltsamen Stimmung erfüllt, die uns beide beherrschte und die sich mit jedem neuen Blicke, der sich auftat, zu vertiefen schien, saßen wir Hand in Hand da und ließen uns von den Erinnerungen durchfluten, wohl wissend, daß dem einen kund war, was der andere dachte. Nie war uns diese Fahrt so herrlich erschienen, nie hatten wir wie jetzt die verführerische Pracht der Mittagssonne gesehen, nie hatte das Schimmern des Wassers und der reichbelaubten Gestade sich so melodisch mit dem ernsten Hintergrund des dunklen Tannenwalds vermählt. Und als wir der kleinen Insel näher kamen, da war es uns, als ob jeder Stein, jeder Baum, jeder Strauch emporwüchse, nicht aus der verringerten Entfernung, sondern aus unserer eigenen Erinnerung, die getreuer als die Wirklichkeit diese Umgebung bewahrt hatte, aus der für uns das Glück des ganzen Lebens entsprossen war.

Aber als wir ans Land kamen, blieben wir beide stehen, und der Ausruf des Entzückens, der schon auf Elsas Lippen geschwebt, erstarrte. Schweigend betrachteten wir einander, und wie von etwas Neuem, Unerwartetem bedrückt, das wir nicht einmal sehen oder erkennen wollten, gingen wir langsam den schmalen Pfad von der Landspitze weiter.

Was wir gesehen hatten, war, daß das Haus, das jetzt auf der Insel stand, nicht mehr grau war. Es war rot angestrichen. Es war nicht mehr ein breites, zweistöckiges Gebäude. Es war eine niedrige Hütte, die gleichsam auf demselben Platze zusammengeschrumpft war, auf dem unser erstes Heim gestanden hatte. Sie schien sich auf der alten Stelle zusammengekauert zu haben, als hätte Armut und Not sie im Laufe der Jahre gezwungen, sich so klein zu machen. Wir standen eine Weile schweigend, als müßten wir erst Atem schöpfen.

»Georg,« sagte Elsa, »was ist das?«

Ich brauchte bloß auf die alten Eichen zu weisen, die ringsumher standen. Ihre Äste trugen schwarze Zeichen, und ihre Rinde war versengt. Ich wies ihr den rußgeschwärzten Grundstein, das kleine Gärtchen, das verwildert war, und einen Haufen alter Holzbalken, der quer über dem Grasplatz lag. Sie waren verbrannt und verkohlt, verfault und verwittert. Das war alles, was von unserem ersten Heim übrig war.

»Hier ist eine Feuersbrunst gewesen«, sagte ich.

Und meine Stimme zitterte.

»Verbrannte Stätten.«

Als hätten wir uns beide zusammengehörig mit jenem kleinen Fleck Erde gefühlt, den wir seit vielen Jahren nicht wiedergesehen, wurden wir nun von einem ganz neuen Interesse ergriffen, nämlich zu erfahren, was geschehen war, was diese unsere Glücksinsel so verwandelt hatte, daß sie für uns halb unkenntlich geworden war. Dieses Interesse verscheuchte gewissermaßen die ganze Welt der Träume, die uns bis dahin umfangen gehalten, und erweiterte unsere Gefühlswelt dahin, auch das Leben derer zu umfassen, die hier draußen gelebt und gelitten, gearbeitet und gestrebt und die die Jahre so hart geformt und gemodelt hatten, daß keinerlei Glücksträume ihnen mehr die harte Wirklichkeit vergoldeten.

Und während sich unsere Gedanken diesen Menschen zuwendeten, deren wir früher nur als eines notwendigen Anhängsels unserer eigenen Freude gedacht hatten, öffnete sich die Tür der Hütte, und in dem Sonnenlicht, das über die Stufe fiel, stand ein gebücktes, altes Mütterchen und blinzelte uns mit einem wiedererkennenden Lächeln zu. Sie sah so alt aus, daß sie geradeswegs einem alten Märchen entstiegen schien, sie war auf einen Stock gestützt, und das runzlige Gesicht verzerrte sich schmerzlich, als sie ihren gichtbrüchigen Körper bewegte.

»Das sieht jetzt anders aus, als wie die Herrschaften das letztemal da waren ...«, sagte die Alte.

Und indem sie sich mühsam vorwärts bewegte, kam ein alter Mann zum Vorschein, der, seiner Gewohnheit treu, im Hintergrunde gestanden hatte, bis die Reihe an ihn kam. Die beiden Alten begrüßten die beiden, die sich eben jung geträumt, und der Greis rieb sich die Hände, hustete und murmelte unverständliche Worte, wahrend er langsam und bedächtig auf der Schwelle Platz machte, über die die Alte die beiden Reisenden einlud einzutreten.

Durch das Skelett einer unvollendeten Veranda sahen wir hinaus auf die Fjorde und Sunde unserer Jugend. Vernachlässigt war der Garten, verfallen schien das ganze neue Haus, das Gras überwucherte die Wege, die wir einst gegangen, und in der Laube unten am Strande faulten Tische und Bänke, weil niemand gut machte, was Wind und Wetter zerstörten.

Ohne daß wir zu fragen brauchten, erzählten die beiden Alten, wie das Unglück über sie gekommen war. Die Frau erzählte, und der Mann wiederholte bekräftigend ihre Worte. Und das Unglück war so hinterlistig und unerwartet hereingebrochen, daß niemand ihm Widerstand leisten und niemand helfen konnte.

Denn an einem Frühlingstag im März, als der Nordwind frisch blies und das Eis zwischen den Inseln weder trug noch brach, war das Feuer ausgebrochen. Und weil das Eis weder trug noch brach, hatten die Nachbarn ringsumher auf dem Lande gestanden und das Ganze angesehen, ohne ihnen zu Hilfe kommen zu können. Die beiden Alten hatten allein weggetragen, was sie aus dem brennenden Hause retten konnten; und machtlos danebenstehend sahen sie ihr Eigentum zu Asche verbrennen. Mit dieser Asche, in der sie die letzten Funken erlöschen sahen, erlosch ihnen auch jede Hoffnung auf ein sorgenfreies Alter. Denn niedrig war das Haus, das sie nach langen Jahren auf dem Grund des alten aufgebaut. Gering war der Hausrat. Dürftig die Umgebung. Und sie selbst gebrochen und müde. Ein einziger Unglückstag hatte alles genommen, was frühere Jahre aufgebaut. Wie von demselben Schicksal gebeugt saßen die beiden da, die sich eben jung geträumt, und lauschten den schweren, kargen Worten, in denen die Alten von dem Feuer erzählten, das ihr Haus verödet hatte. Gerade das ergreifend Alltägliche dieser Darstellung, unterbrochen von bedeutungslosen Einzelheiten, vermischt mit den Armeleuteerinnerungen an Hab und Gut, das zugrunde gegangen, drückte die Gäste zu Boden, entkleidete unsere eigenen Träume der Pracht der Illusion und ergriff uns mit stiller, schwärmerischer Wehmut. Es dünkte uns beinahe, daß während wir nichts wußten, während wir unser Leben lebten und uns glücklich wähnten, hier auf einer kleinen Insel in den Schären etwas von jenem Schatze des Lebens verbrannt und verschwunden war, den wir gesammelt und in sicherer Hut zu haben glaubten. Elsa hatte die Empfindung, daß sie bei jenem Brande mehr verloren hatte als die beiden Alten; und während die Erzählung fortschritt, sah ich, daß sie sich Gewalt antun mußte, um nicht in Tränen auszubrechen. Denn was bedeuteten diese Möbel, Kleider und Hausgeräte? Was bedeutete es, daß zwei zusammengebrochene Menschen, deren Leben abgeschlossen war, hier saßen und sich grämten über den Gegensatz zwischen früher und jetzt, in jenem dürftigen Wohlstand, wo der Unterschied doch ein so geringer war? Was bedeutete all dies dagegen, daß sie niemals, niemals mehr die Insel ihrer Jugend so sehen sollte, wie sie sie einst geschaut?

So empfand sie, und sie wandte mir ihr Antlitz zu, und ich konnte ihr keinen Trost geben. Denn ich dachte daran, wie unrecht ich getan, nicht der Stimme meiner ersten Ahnung gefolgt zu sein und es uns beiden erspart zu haben, die Brandstätte unseres ersten Glücks zu sehen. Aber ich hatte nicht das Herz dies zu sagen, und indem ich ihren Arm nahm, gingen wir beide noch einmal schweigend um die Insel.

Es erging uns wie den Kindern im Märchen, die sich einst im Wunderland verirrten und bei ihrer Heimkunft fanden, daß die Zeit weitergeeilt war und die Menschen rings um sie müde und alt gemacht hatte. Still und träumend saßen wir am Strande und blickten über den Fjord. Da war alles sich gleich geblieben, und wie wir dasaßen, vergaßen wir das neue Haus und den Verfall hinter uns. Wir erinnerten uns nur, daß wir drei Jahre an dieser Bucht gewohnt hatten, jeden Sommer an einem anderen Orte; und in einer Art Verlangen, das fortzusetzen, was wir einmal begonnen, beschlossen wir, weiter, zu dem Heim des zweiten Sommers zu fahren, wo wir uns an zwei kleine, rote Häuschen am Waldessaum erinnerten und an eine kleine Wiese, auf der in einem weißen Korbwagen unter blauem Schleier unser erster Knabe geschlummert hatte.

Wir ließen uns hinüberrudern, und diesmal wußten wir, daß wir einem öden Strand entgegensteuerten. Denn wir hatten uns vorher erkundigt. Wir wußten, daß die Jahre auch hier die Spuren dessen, was gewesen, hinweggefegt und alles verändert hatten.

Auf der kleinen Landzunge, an der wir ausstiegen, wohnte vor einigen Jahren ein alter Fischer mit seiner Frau. In einer Winternacht, als der Schnee um die Hütte stöberte, starb sie, und als eines Tages auch die Stunde des Alten schlug, da erbten die Kinder die beiden Hütten am Waldessaume, das Boot und den Fischerschuppen unten am Meer.

Aber es gibt gar manche Geschichten in den Schären, und eine davon war auch die Geschichte von den kleinen, roten Häuschen am Waldessaum. Als die fünfzig Jahre, für die die Verstorbenen einst den Boden gekauft hatten, um waren, kam der Bauer, dem das Land gehörte, und nahm es zurück. Er verjagte den neuen Besitzer von Haus und Hof. Und darum waren die Häuser der Erde gleich gemacht, das Holz fortgeführt, das frühere Kartoffelland von Disteln und Unkraut überwuchert, und der Boden sah aus, als hätte auch hier das Feuer gehaust.

Die beiden Reisenden, die die Spuren ihres Jugendglücks suchten, standen wieder unter den Trümmern eines verwüsteten Heims. Es war, als würden sie von Ruinen verfolgt. Und von einer unheimlichen Beklemmung ergriffen, die all den Illusionen, welche zerstört worden waren, auf dem Fuße folgte, ließ Elsa meinen Arm fahren. Den trockenen, reisigbedeckten Hügel hinaufgehend, kam sie zu dem Zaun, dessen Türe herausgerissen war und an dem ein paar verrostete Angeln verkrümmt an den Haken der Pfähle hingen.

Hier stützte sie ihre beiden Arme auf den Rand des Zaunes, und all den wechselvollen Gefühlen, die ihre Seele durchströmt hatten, freien Lauf lassend, brach sie in heftiges Weinen aus. Sie schluchzte, als wäre alles Unglück des Lebens über ihr Haupt hereingebrochen. Sie stieß meine Hand zurück, als ich sie streicheln wollte, und sie weinte so lange, daß ich ungeduldig wurde und darauf drang, fortzugehen, um nicht zu spät zum Dampfschiff zu kommen.

Sie hörte mich nicht, umfaßte nur meine Schultern und sagte:

»Du hattest recht, wir hätten nie herkommen sollen.«

Und sie gestand, daß sie lange an diese Reise gedacht hatte, daß sie sie gewünscht hatte, seit Jahren, daß sie durch einen Zufall – sie wußte nicht wie – auf den Gedanken verfallen war, daß sie jetzt unternommen werden solle, gerade jetzt. In ihren heimlichen Träumen hatte sich der Gedanke an diese Reise in wunderlicher Weise mit dem Gedanken an unser ganzes Lebensglück verknüpft. Es war ihr gewesen, als sollten, als müßten wir diese Reise einmal unternehmen, als könnte sie ihres Glücks nie wirklich sicher sein, bevor sie diese Orte wiedergesehen hätte, so wie sie sie einst gesehen, so wie sie sie stets in ihren Träumen sah. Sie sagte, daß es ihre Absicht gewesen war, wenn wir zusammen herauskämen, mich zu bitten, noch einen Sommer draußen zu wohnen. Und sie hatte gewußt, daß ich ihr diese Bitte nicht abschlagen würde. Aber jetzt, wo nichts übrig war, nichts von alledem, das einst das Ihre gewesen, jetzt schien es, als sei ein Glied gerissen, das sie an das Leben selbst kettete.

Ich stand stumm bei ihrem verzweifelten Ausbruch da, und ich begriff nur zu wohl, daß ich einer jener Phantasien oder Träume gegenüberstand, die für einen Menschen mit reichem Gefühlsleben in des Wortes eigentlichem Sinne mehr bedeuten können als das Leben selbst. Für mein eigen Teil hatte ich mich freilich auch erregt gefühlt, sowohl durch all die Erinnerungen, die diese Orte zum Leben erweckten, als durch die Zerstörung, die die teueren Punkte heimgesucht hatte. Aber diese Verwüstung in irgendeinen Zusammenhang mit dem zu bringen, was für mich selbst teuer und bedeutungsvoll war, das fiel mir nicht ein. Und vor diesem Schmerzensausbruch stand ich völlig ratlos da.

Ich versuchte es mit dem gewöhnlichen Mittel, wodurch ein Mann weiblichen Schmerz zu beruhigen pflegt. Ich versuchte es mit Liebkosungen. Aber Elsa entzog sich meiner Hand, weil sie sah, daß in meiner Freundlichkeit ein Trost lag, den sie verschmähte, anstatt der Sympathie, die sie suchte. Ihr Gesicht nahm einen verschlossenen, unzugänglichen Ausdruck an, als setzte sie ihre ganze Persönlichkeit für die Phantasie ein, die sie beherrschte und in der sie sich von niemandem stören lassen wollte.

Sie blickte um sich auf den zerklüfteten Plan, und während sich ihr Auge in Mitgefühl feuchtete, sagte sie:

»Arme Menschen!« Wieder ging ihre eigene Enttäuschung in ein Mitgefühl mit dem Unglück anderer Menschen über, für das dieser verödete Fleck Erde Zeugnis ablegte. Wieder setzten wir uns nieder und ließen unsere Blicke um den kleinen Hügel am Waldessaume schweifen, der uns die sorglose Ruhe eines ganzen Sommers in Erinnerung rief. Wir begannen zu sprechen. Und wir versuchten uns die Szenen auszumalen, die dieser Zerstörung vorausgegangen waren. Der Bauer, dem das Land gehörte, kam zu dem jungen Paar, das den Hof geerbt hatte. Er teilte ihnen kurz und bündig mit, daß die Zeit abgelaufen sei. Die fünfzig Jahre waren um, und nun sollten die Häuser niedergerissen werden. Er wollte sein Land wiederhaben. Es war klar, daß er keinen Vorteil dabei hatte. Es würde vielleicht günstiger für ihn gewesen sein, das Stück Erde noch einmal zu verkaufen. Aber er hatte gesehen, wie die anderen im Sommer Mietsgäste gehabt hatten. Das Einkommen dieser Miete hatte seinen Neid erregt, und mit der Stärke einer fixen Idee schlug in seinem Hirn der Gedanke Wurzel, daß hier niemand wohnen sollte. Der Boden sollte ihm gehören und niemand anderem.

Und so mußten die Jungen, die hier gewohnt hatten, ihre Baulichkeiten niederreißen, sie auf eine andere Insel bringen und dort aufbauen, wo der Reiche sich bewegen ließ, dem Armen Platz zu gönnen. Aber als die letzte Bootsladung bereit stand, von der Brücke abzustoßen, da hatte den Mann Raserei erfaßt. Und nun seinerseits sein Recht ausübend, griff er zur Axt. Er hieb die Bäume nieder, die auf seines Vaters Grund standen, er entwurzelte die Beerensträuche, das Zauntor riß er aus seinen Angeln und warf es zu oberst auf die Fähre. Und bevor er vom Lande abstieß, wälzte er Steine vom Stege ins Meer, so den Landungsplatz zerstörend, und fuhr von dannen, zufrieden mit der Rache, die seinen Feind nicht das Geringste gewinnen ließ.

Davon sprachen wir, aber die ganze Zeit über lag unsere eigene Enttäuschung auf der Lauer hinter unseren Worten, und Elsa erzitterte.

»Sind wir es, die das Unglück mitbringen?« sagte sie.

Ich lächelte. Die Worte meiner Frau kamen mir leer und überspannt vor.

»Fahren wir zu der dritten Insel. Dort, wissen wir ja, steht alles so, wie es gestanden hat«, sagte ich.

Aber Elsa schüttelte nur den Kopf, und indem sie sich plötzlich erhob, sagte sie:

»Laß uns den alten Weg durch den Wald gehen.«

Und ohne meine Antwort abzuwarten, ging sie voraus. Es war, als sei ihre frühere Lebendigkeit zurückgekehrt, als hätte sie nun in einem Nu die ganze Schwere der Leiden und Sorgen anderer von sich abgeschüttelt, all dies, das das Land unserer Erinnerungen umschattete und uns an diesem ganzen wunderlichen Tage mit allem Weh und Elend der Welt verfolgt hatte. Sie führte mich gerade in den Wald hinein, auf einem schmalen Pfad, auf dem die Tannen ihre Äste über unseren Häuptern vereinigten. Der Weg war weich und leicht zu gehen. Rings um uns zitterte der Sonnenschein auf feuchtem Moos und einer Perspektive von Ästen und Stämmen. Der Pfad führte zu einer kleinen Bucht hinab. Dicht an einer steilen Klippe schnitt sie in den Wald, und gegen den Strand zu ließen die spärlichen Bäume das Sonnenlicht durch, das auf eine offene, schwach begrünte Lichtung fiel.

Hier blieb Elsa stehen und begann die Stämme der Bäume zu durchforschen. Und als ich sie so suchen sah, da erwachte auch in mir eine Erinnerung, die so lange geschlummert hatte, daß sie mir in elf Jahren kaum einmal in den Sinn gekommen war.

Es war an einem Abend, als wir noch in jenem Häuschen wohnten, das nun der Erde gleich gemacht war. An einem Augustabend war es. Und denselben Pfad verfolgend, waren wir hierher gekommen, um von einem schönen Sommer Abschied zu nehmen. Da hatte meine Frau eine schwarze Stecknadel aus ihrem Kleide genommen und sie in der Rinde einer Tanne befestigt.

»Ob sie wohl noch da ist, wenn wir das nächstemal herkommen«, hatte sie gesagt.

Diese Erinnerung huschte durch meine Seele, und es wurde mir wehmütig ums Herz. Da sah ich meine Frau mit einem leisen Aufschrei einer kleinen Tanne zueilen. Aus ihrer Rinde zog sie eine rostige Nadel, und indem sie mir um den Hals fiel und mich küßte, weinte sie Tränen des Glücks.

Behutsam steckte sie die Reliquie wieder in die Rinde des Baumes. Denn sie brachte es nicht übers Herz, sie wegzunehmen. Vielleicht hatte sie eine abergläubische Furcht, daran zu rühren. Aber seit sie sie gefunden, verschwand der schmerzliche Eindruck eigener Enttäuschung und fremder Not, er verwischte sich in uns beiden. Und als hätte uns dieser kleine Vorfall tröstende Grüße guter Geister gebracht, wanderten wir selig zurück über verbrannte Stätten, die uns nichts anderes gelassen hatten als eine alte, rostige Nadel, die so gut geborgen war, daß niemand sie rauben konnte.

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