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Das Buch der Liebe. Erster Teil.

Paul Ernst: Das Buch der Liebe. Erster Teil. - Kapitel 3
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typenarrative
authorPaul Ernst
titleDas Buch der Liebe. Erster Teil.
publisherGeorg Mueller
printrunDritte Auflage
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Eine wunderbarliche
und fast lustige Historie von Herr
Tristanen und der schoenen Isalden,
eines Koenigs aus Irland Tochter, was sie vor
große Freude mit einander gehabt haben, und
wie dieselbige Freude ganz trauriglich
zu einem Ende vollbracht ward:
sehr lieblich zu lesen.

 

Das erste Kapitel

Wie der Koenig Marchs seine Schwester Blankeflor vermaehlet dem Koenig Ribalin von Johnoys.

Es war ein Koenig mit Namen Marchs von Kurnewal, er haet etwann lange große Kriege wider den Koenig von Schotten. Als das nun eine lange Zeit gewaehret hatte, da kam Koenig Ribalin von Johnoys mit großer Macht Koenig Marchsen zu Huelf', und dienet' ihm wohl und lang, bis der Krieg gestillet ward. Auch gefiel demselben Ribalin das Wesen daselbst wohl; denn der Koenig hatte eine sehr schoene Schwester, mit Namen Blankeflor, gegen die ward Ribalin in Liebe entzuendet, und hub an sie lieb zu haben, desgleichen sie ihn herwieder, doch heimlich, ihm und allermaenniglich unwissend. Jedoch merket' und verstund Ribalin in ihm selbst, daß seine Liebe gegen sie nicht umsonst, sondern ein Wiedergelten da waere; das war ihm Ursache, mit Wesen da zu bleiben, so lang' als er moechte. Er ward in allen Geschaeften und Haendeln desto fleißiger, damit er sich den Koenig willig und guenstig machte. Dann kurz, er hielt sich so wohl, daß er die Jungfrau erwarb, und ihm der Koenig sie mit gutem Willen ehelich vermaehlete.

 

Das zweite Kapitel

Wie Tristan auf der See geboren, und bei seinem Vater am Hof erzogen ward.

Es stund nicht lange nach dieser beider Beiliegen, daß die Frau schwanger wurde. Da ward Ribalin mit seinem Schwager Koenig Marchsen eins, seine Frauen mit ihm heim zu fuehren in sein Koenigreich Johnoys; das ward ihm also vergoennet. Als sie nun auf die See kamen, und durch Ungewitter lang' umfahren mußten, nahete sich die Frau zu der Geburt, und ward ihr also wehe, daß sie nicht genesen mocht', und starb. Da ward von dem todten Leib ein Kind geschnitten und bei dem Leben behalten. Dasselbe Kind wuchs hernach, und ward ein mannlicher, theurer Held, genannt Tristan: von dem diese Historie sagt. Was großer Klag' und Traurigkeit da ward von dem Koenig, seiner Ritterschaft und allem Volk, so bei ihm war, davon waere viel zu sagen; denn ein jeder, der wahre Liebe recht versucht hat, erkennt auch wohl, was großes Leids und Schmerzes nachfolget. Jedoch ward die Klag' und das Leid verwischet und ein Theil gestillet, da ihm Gott der Herr das Kind leben ließ. Das fuehret' er mit ihm heim zu Lande, gab es den Ammen, fein zu pflegen und zu warten, als Kindern nothduerftig ist, und koeniglicher Art zugehoeret; so lange, bis er zu Vernunft kam, in Buechern zu lernen. Da ward ihm zugegeben ein Meister der Geschrift und aller anderer Behendigkeit, mit Namen Kurnewal. Als er ihn der Buecher unterrichtet haet, lehret' er ihn darnach Behendigkeit und Geradigkeit, mit Ringen, Laufen, Springen, Steinwerfen, den Schaft schießen, mit dem Speer und mit Schwert, auch alles andere, was zu der Ritterschaft gehoeret. Er lehret' ihn auch dabei milde sein und wahrhaftig, was er geredet' und verhieße, daß er derer keines nimmer braeche; denn wo er mit Werken oder Worten, die er verheißen haette, sich vergaeße, und deren nicht hielte, so wuerde er bald Gott und der Welt unwerth. Er befahl ihm auch insonderheit, alle Frauen zu ehren, und denen zu dienen mit Leib und Gut, und von Kurzweile zu sagen mit Zuechten. Er kehret' allen Fleiß fuer, er zog und hielt ihn in Uebung zu allen Tugenden. Der junge Herr hub an dem Meister nachzufolgen, in allem, so er ihn lehren konnt' und mochte. Er wuchs auch fast in Tugenden und andern guten Werken, so koeniglicher Art wohl anstehen, mit Milde, Mannheit, staet, wahrhaft, und bescheiden, also, daß niemand einiges Mißfallen an ihm vermerken konnte. Dazu haet ihm die Natur einen erwuenschten Leib geformiret, nach aller Gliedmaß gar unstraeflich, nichts an ihm vergessen, und war auch wohlgefaellig jedermann anzusehen.

 

Das dritte Kapitel

Wie Herr Tristan Urlaub begehrete von seinem Vater, fremde Land zu besehen.

Als nun Tristan dazu kam, daß er in der Noth etwas leiden mochte, rieth ihm sein Meister Kurnewal, daß er Urlaub begehrte von seinem Vater Ribalin, auf daß er andere Land' und Sitten sehen und erfahren moecht', und sich nicht also in seinem eigenen Vaterland verlaege, sondern daß auch in fremden Landen sein Nam' und seine Thaten offenbar und erkannt wuerden. Auf solches ging Herr Tristan zu dem Koenig seinem Vater, und sprach zu ihm: »Herr und Vater, ich bitte euch mit Unterthaenigkeit, wollet mir euern Urlaub geben, auch dazu helfen mit Gesinde, und was mir zu solcher Reise nothduerftig sein wird; denn ich habe mir fuergenommen, mit eurer Huelf' und Gunst, fremde Lande zu erfahren, und andere Sitte und schoene Gebaerde zu erlernen, so ich von andern Landen sagen hoere.«

 

Das vierte Kapitel

Wie Herr Tristan mit seinem Heer in Kurnewaelisch Land fuhr.

Da Koenig Ribalin erhoerte das Fuernehmen seines lieben Sohns, gefiel es ihm wohl und sprach: es gefiel' ihm, daß er sich so jung in andere Lande zu fahren begeben wollte; dazu wollt' er vaeterlich helfen mit aller Kost und Zehrung, so er beduerfte. Er schuf bald mit seinem Hofmeister, was Kurnewal begehrt' und haben wollte, nichts hierin ausgeschieden, sollte man ihm nach dem allerbeßten und reichlichsten geben. Das ward also vollbracht. Auch wurden besonders geladen zween Saeumer mit Gold, Silber und den allerkoestlichsten Kleidern. Kurnewal nahm am Hofe zween Jungherrn und acht Knaben edeler Geburt. Als er nun zugerichtet und ganz abgefertigt war, nahm er Urlaub von dem Koenig seinem Vater und von allem Hofgesinde. Der Koenig gab ihm vaeterlichen Segen, befahl ihn Gott dem allmaechtigen und Maria seiner Mutter, auch seinem Meister Kurnewal, in große Hut.

Also fuhr das kleine Heer von Johnoys ueber Meer in Kurnewaelisch Land. Als sie nun schier zu Lande kamen, bat Tristan seine Diener, daß sie niemand sagten, wer oder von wannen er waere, noch sein Geschlecht offenbarten; und thaet das aus Listigkeit. Mit diesen Worten gingen sie von dem Schiff, saßen auf ihre Pferd', und ritten in Koenig Marchsen Hof. Da ward Herr Tristan ehrlich empfangen. Er dankte dem Koenig, und begehrt', ob er sein beduerft', und ihn zum Diener haben wollte? darum er kommen waer', auch keinen andern Herrn wueßte, dem er vor ihm dienen wollte; denn er haette so viel Zucht und Ehre von ihm und seinem Hof gehoert, darum er sich, fuer alle andere Herrn, haette fuergenommen, ihm zu dienen. Solches Erbieten nahm der Koenig in großem Gefallen auf, und sagt' ihm zu, daß er ihn gern zum Hofgesinde haben wollte. Hierauf ward berufen ein Herzog, mit Namen Thinas, der war des Koenigs Truchseß. Er war getreu und ganz fromm, und was in dem koeniglichen Hof zu thun war, mußt' alles durch sein Geschaeft geschehen; diesem ward Tristan befohlen, daß er ihn hinfort in seiner Acht und Sorgfaeltigkeit haben sollte. Der benannte Herzog Thinas nahm den jungen Herrn in seine Pfleg', und hielt ihn mit allen Dingen wohl, und mit solchem großen Fleiß, als ob er sein leiblich Kind waere. Er bat auch alles Hofgesinde, daß sie Tristanen vor Augen hielten und ihm dienten, als ihrem eignen Herren. Solches konnte Herr Tristan um sie alle wohl verschulden, also, daß ihn jedermann werth, lieb und schoen hielt; denn er befließ' sich aller Tugend und Froemmigkeit. Also war er eine Zeitlang an des Koeniges Hofe, daß ihn bedaucht', er waere nun wohl dazu geschickt, daß er ein Ritter werden moecht', und man ihm das Schwert geben sollt'; als auch kuerzlichen geschah.

 

Das fuenfte Kapitel

Wie Morholt von Irland von dem Koenig Marchsen Zins fordert.

Zu der Zeit war ein Held ein Irland, mit Namen Morholt, der war ein sehr starker Mann und hatte allein vier Mannes Staerke. Der Koenig von Irland hatte seine Schwester, der hielt ihn also bei sich; denn er war ihm sehr nuetz und bezwang mit seiner Mannheit alle die Lande, so um Irland gelegen waren, daß sie ihm mußten Zins geben; bis an Kurnewaelisch Land, davon er ihn auch manchmal fordert. Aber Koenig Marchs hatte sich deß allezeit enthalten und Widerstand gethan. Da aber Morholt solches vernahm, beschweret' er sich darum, und meinet', er waere selbst desto ringer und leichter an seinen Wuerden und Ehren, so er ihm das Land nicht unterthaenig machet', und schwur darauf eine Heerfahrt: er wollte den Leib verlieren, oder das Land bezwingen.

Er nahm mit sich ein groß Heer und fuhr hinweg. Als er nun ueber Meer kam, beschickt' er den Koenig Marchsen und entbot' ihm, er sollt' ihm den Zins schicken, den er fuenfzehen Jahr durch seine Stolzheit uebermuethiglich versessen haette. Auch hieß er ihm sagen, ob er einen Mann haette, der ihn bestehen duerfte, mit dem wollt' er kaempfen: gesieget' er demselbigen ob, daß ihm dann Koenig Marchs mueßte unterthaenig sein, gesieget' ihm aber dieser ob, so wollt' er Koenig Marchsen frei und forthin unbezwungen lassen. Doch wollt' er zuvor den Zins oder Tribut haben, und hieß dem Koenig sagen, was er fuer Zins begehrete: vor allen Dingen wollt' er haben alle Menschen, die da bei fuenfzehen Jahren alt waeren, Knaben und Maidlein; wollt' er ihm die geben, das waere gut, wollt' er aber nicht, so wollt' er sie mit Gewalt nehmen. Die Knaben mueßten sein eigen sein, und die Maidlein wollt' er daheim in das offene Frauenhaus thun, daß sie ihm Geld gewinnen mueßten. – Hoert, wie eine schaendliche und unbescheidenliche Botschaft war das von einem Koenig, deren er sich billiger geschaemet sollte haben zu gedenken, denn daß er es ueberlaut hieße ausrufen! – Indem kamen seine Boten zu Koenig Marchsen und sagten ihm die Botschaft, deren er sehr erschrak, und klagete das Gott dem allmaechtigen heimlich in seinem Herzen, und gab keine Antwort darauf. Denn er schrieb und schicket' aus in alle Land, allen Fuersten und Herrn, daß sie zu Angesicht des Briefs zu Hof kaemen, und sich nichts darin irren ließen, denn er beduerft' ihrer zur Roth.

 

Das sechste Kapitel

Wie Herr Tristan ward zu Ritter geschlagen, und sich verwilligete mit dem Morholt zu kaempfen.

Dieweil nun solches Schreiben ausgesandt ward, beredete sich Tristan mit seinem Meister Kurnewal, den Kampf selbst zu thun, und vermeinete, das an den Koenig zu begehren; aber Kurnewal widerrieth ihm das, und meinet', er waere der Jahr' und Kraefte noch zu jung und klein wider einen so starken Mann. Aber Tristan schaetzete sich nicht minder an der Staerke, denn Morholt war, und bat mit Fleiß, ihm sein Fuernehmen nicht abzuschlagen, sondern dazu zu helfen, daß ihm der Kampf erlaubt wuerde. Kurnewal sagte, daß kein Mann nie ward, dem er so viel Ehren und Gutes goennte, dem er auch lieber dazu helfen wollte, denn ihm; dieweil er aber je fechten wollte, waere seine Meinung, daß er den Koenig vor gebeten haette, daß er ihn zu einem Ritter schluege: so moecht' er mit desto groeßern Ehren kaempfen.

Tristan folgete diesem Rath, und ging hierauf zu Herzog Thinas, dem er vom Koenig befohlen war, saget' ihm sein Fuernehmen der Ritterschaft halben, und verhehlete den Kampf.

Das gefiel dem Herzog wohl; er ging mit ihm zum Koenig, und baten beide, daß er Tristanen zu Ritter schluege. Der Koenig aber haette es ihm gern abgeschlagen und seiner Jugend halben noch ein Jahr verzogen; aber sie baten mit so großem Ernst, daß ihn der Koenig nicht laenger aufhalten mochte, sondern schlug ihn zum Ritter, und sechzig andere Jungherrn mit ihm. Dies alles geschahe in sieben Tagen.

In der Zeit waren etliche Fuersten und Herrn gen Hof kommen. Herr Tristan ritt mit seinen Schildgefaehrten auch dar. Als man ihn da sah, ward er fuer alle andere sehr gelobet und gepreiset in allen seinen Haendeln. Als er aber vernahm, daß er fuer die andern fuergenommen und gepreist ward, gab ihm solches je mehr und mehr Ursache zur Kuehnheit, und er wurde dadurch sehr gestaerket und zur Mannheit gereizet.

Als nun die Herrn und Ritterschaft alle zu Hof kamen, sagt' ihnen der Koenig die Botschaft, so ihm Morholt gethan haette, leget' ihnen die klaeglich fuer, begehrte darauf Raths, was ihm und ihnen zum nuetzlichsten hierin zu thun waere, dem wollt' er gern folgen, und daß sie darnach saehen, ob man nirgends unter ihnen allen einen finden moechte, der Morholten allein bestehen wollte. Darauf gingen sie zu Rath, gar nahe einen ganzen Tag, und konnten unter ihnen allen keinen finden, der sich's annehmen wollte. Deß ward Herr Tristan inne, und ging zu ihnen in den Rath, und fragete, was die Sachen waeren, darin sie so lang Rath haetten? Das ward ihm gesagt. Da sprach er: »Es sind doch viel stolzer Ritter hie, aus denen sich billig einer deß annaehme; so aber keiner unter ihnen ist, so will ich mich williglich von unser aller wegen darein geben, und bitte euch alle, das mir bei dem Koenig zu erlangen, daß mir der Kampf erlaubet werde.« Das gelobten sie ihm alle; doch riethen sie ihm, er sollte sich vor wohl bedenken, und sich deß nicht so liederlich annehmen, denn er waere sehr jung und unerfahren, aber Morholt waere solcher Kraeft' und Mannheit, daß seines gleichen nie gesehen waere; darum wollten sie es nicht rathen. Aber Herr Tristan war aller Furcht und Zagheit frei, antwortet' aus mannlichem Herzen, und sprach: »Ich getrau' euch wohl, und bitte euch, daß ihr mir helfet, daß mir der Kampf zugelassen werde; denn ich hoffe, ich wolle uns allen Ehr' und Sieg erfechten. Wer weiß, vielleicht goennet mir Gott des Siegs; denn er ist je den Rechten beistaendig und schlaegt die Hoffaertigen mit ihrer eigenen Bosheit und Unrecht.« Da nun die Herrn seine Mannheit und Ernst hoerten und sahen, wurden sie alle froh; jedoch war ihnen schwer, solche große Sach' an einen so jungen Ritter zu lassen, der gegen Morholt als ein Kind zu schaetzen war. Aber Herr Tristan gab ihnen guten Trost, dadurch sie alle gestaerkt wurden, und vermahnete sie hierauf, zu dem Koenig zu gehen, ihm zu sagen, daß sie einen unter ihnen haetten, der sich der Sache wider Morholten angenommen haette; sie sollten ihn aber nicht nennen, bis ihnen der Koenig gelobt, ihm den Kampf zuzulassen.

Mit dem gingen sie alle zu dem Koenig und sagten ihm die Botschaft; da ward er gar sehr erfreuet, und sprach: »Wer ist der Ritter oder Knecht? Er sei eigen oder frei, so soll er meine Huelfe, Gunst und Rath dazu haben, in allem, was er dazu haben soll; ich will ihm auch solches nicht unbelohnet lassen.« Morholts Boten waren zugegen, und sagten: ihr Herr wollte mit keinem fechten, er waere ihm denn gemaeß; darum wollten sie wissen, von was Art und Geschlecht der waere, daß sie das ihrem Herrn wueßten zu sagen. Hierauf antwortete Herr Tristan, sie sollten ihrem Herrn sagen, er waere von Art so frei, als er: »denn Blankeflor ist gewesen meine Mutter und Koenig Ribalin von Johnoys mein Vater, und ich bin Koenig Marchsen Schwester Sohn.« Da der Koenig das hoerete, ward er erfreuet, und auch betruebt: erfreuet, daß der so mannlich war und sich des Kampfs angenommen haette, betruebet, daß sich seiner Schwester Kind in solche Noth begeben haette; und bat Tristanen mit großem Ernst, daß er den Kampf unterließe. Da antwortete Herr Tristan: »Sollte Morholt also ungefochten von hinnen scheiden, so hielt' er uns alle fuer zaghaft, und nicht unbillig, so wir uns also Land, Leut' und Gut, ohn' alle Wehr nehmen ließen; wir haetten auch billig den Spott zum Schaden.« Der Koenig sprach: »Deß darfst du dich nicht so hoch besorgen, es ist dir weder Schande noch Unehr'; und bitte dich, lass' von deinem Fuernehmen, denn ich will diesen Kampf von dir nicht haben.« Hierauf antwortete Herr Tristan gar hoeflich, und sprach: »Herr, wo es an eure Ehr' und Glimpf gehet, da werd' auch ich zu beiden Seiten angerennet: darum will ich sterben, oder den Sieg behalten.« Als der Koenig sah, daß all sein Bitten umsonst war, ward er zornig und sprach: »Nun mußt du mir nicht kaempfen, es sei dir lieb oder leid.« Da Tristan hoerete, daß ihm der Kampf sogar versagt sollte sein, vermahnet' er den Koenig der Geluebd' und Treue, so er den Fuersten haette gethan, damit ihm der Kampf erlaubt und bestaetiget worden waere. Mit dem erhielt er, daß ihn der Koenig mußte kaempfen lassen. Und er entbot Morholten, daß er am dritten Tage zu rechter Kampfs Zeit allein auf den Werder kaem', und alle seine Herrn hinter sich ließ', er wollt' ihm auch nur mit einem Mann zu kaempfen genug geben, der wuerd' ihm den Zins mitbringen, den er viel zu lang versessen haette.

Die Boten eilten zu ihrem Herrn, und sagten ihm die Geschichte ganz und gar. Morholt fragete, wer der waere, der mit ihm kaempfen wollte, auch wenn und wo der Streit wuerde? Das sagten sie ihm alles. Hierauf ruesteten sich beide Theile, als zum Streit gehoeret.

Als der gesatzte Tag kam, hieß der Koenig Marchs fuer sich bringen den allerbeßten Harnisch, so er haette, wappnete seinen Neffen selbst darein, mit großem Fleiß, und gab ihm ein Schwert: wohin das mit Kraeften geschlagen ward, mochte kein Stahl vor ihm bestehen; und befahl ihn Gott dem allmaechtigen mit weinenden Augen in seine Hut, daß er sein Helfer waer', und ihn mit Gesundheit herwieder schickete. Er kuesset' ihn, druecket' ihn an seine Brust; und ruften beide, er und alles Volk, um Huelfe gen Himmel.

 

Das siebente Kapitel

Wie Herr Tristan auf den Werder fuhr mit Morholten zu kaempfen, und den Kampf allda gewann.

Als nun Herr Tristan also geruestet war, ging er zu Schiffe, nahm mit ihm sein Pferd, Schild und Schwert, und fuhr allein auf den Werder. Viel guter Segen wurde ihm nachgesprochen und des Siegs gewuenscht.

Morholt der kam ihm entgegen gefahren, der heftete sein Schiff an, und stieß Herr Tristanen seines fern hindann. Der sprach: »Held, warum thust du das?« Er antwortete: »Wir sind beide herkommen, daß wir Schaden oder Frommen hie hohlen wollen.« Herr Tristan sprach: »Ei, der kommt wohl von hinnen, welcher den Sieg behaelt, das weiß ich fuerwahr.« Da sie also mit einander redeten, bat Morholt der starke, Herr Tristanen fleißig, daß er sich des Fechtens abthaet', und mit ihm zu Lande fuehr', er wollte mit ihm theilen, was er haett', und sein Erbe halb geben, denn sollt' er ihn erschlagen, das waere ihm inniglichen Leid. Herr Tristan sprach: »Das thu' ich ungern, doch sofern, da du den Koenig frei lassest und forthin unbekuemmert.« Morholt sprach: »Das mag nicht sein, Koenig Marchs wird nicht frei gelassen; denn wer das vernaehme, moechte meinen, ich thaete das aus Furcht.« Da sprach Herr Tristan der kuehne Held: »So sei dir widersagt; denn ehe du den Zins gewinnest, sollte dir lieber sein, du haettest ihn nie gefordert.« Als er diese Worte redete, saßen sie beide auf ihre Pferde und eileten mit großem Zorn auf einander, und stach einer den andern durch den Schild, und ward Herr Tristan wund. Sie ritten abermals mit großen Kraeften zusammen: da stach Herr Tristan Morholten vom Pferd, und er ward zum andern mal wund von einem vergifteten Speer, das auf ihn zerstochen und zerbrochen ward. Morholt sprang bald wieder auf und lief Herr Tristanen zu Fuß an; da sprang der kuehne Held auch vom Pferd, und sie erhuben einen solchen ernsthaften Streit, als von zweien Mannen je gesehen ward, und trieben einander lang hin und wieder. Morholt war gar ein starker Mann, der schlug den Juengling, daß er auf beide Knie fiel; aber er sprang behend auf, erhohlte sich des Schlags, und schlug Morholten die Hand ab, darinnen er sein Schwert trug. Als Morholt sich selber ueberwunden sahe, hub er sich an die Flucht, und meinet' also davonzukommen. Herr Tristan lief ihm behend nach, und in dem Laufen schlug er ihm eine Wunde durch seinen Helm in sein Haupt, daß er also todt niederfiel fuer seine Fueß', und es blieb ein Stueck von seinem Schwert im Helm stecken. Da sprach Herr Tristan: »Ich sehe wohl, du bleibst, und ich achte, mein Herr Koenig Marchs werde frei von dir sein, und du habest des Zinses genug; du wirst auch forthin nichts mehr fordern, denn dein Uebermuth hat dich gefaellet.«

Also ward der Streit geschieden, dem einen zu Freuden, dem andern zu Klagen. Koenig Marchs hohlete seinen Neffen mit großen Freuden und Lobgesang; und lobten alle Gott den Allmaechtigen, daß er ihnen so gar vaeterlich und troestlich geholfen haette, und fuhren mit Freuden heim.

Aber die traurige Schaar von Irland hohleten ihren Kaempfer auch, doch nicht, als Koenig Marchs seinen Neffen, sondern mit gar großem und traurigem Weinen und Klagen; und schickten gar bald zu der allerschoensten Isalden, des Koeniges Tochter von Irland, ließen ihr sagen: wollte sie ihren Oheim lebendig sehen, daß sie zu Stund' kaeme. Das thaeten sie auf das Verhoffen, so sie ihn lebendig fuende, so moechte sie ihn bei dem Leben behalten; denn sie war zur selbigen Zeit mit bewaehrter Kunst der Arzenei die beruehmteste in allen Landen. Da sie die Botschaft vernahm, eilete sie bald, und nahm mit ihr, was sie zu Wunden bedurfte. Als sie aber eilend darkam, war ihr Oheim todt, und hatte ihrer Zukunft nicht erwarten moegen. Als sie sah, daß er todt war, thaet sie ziemlich weinen, und ging zu dem Todten, seine Wunden zu besehen. Da stack die Schart' oder Stueck aus Herr Tristans Schwert noch in der Wunden, die nahm sie daraus, weisete sie allem Volk, und thaet die darnach mit Fleiß behalten. Sie fuhren heim mit großem Jammer und Leid, und begruben ihren Todten mit großer Klag' und Herrlichkeit, als Koenigen zugehoeret. Der Koenig von Irland fiel auf das Grab mit sehr klaeglicher Gebaerd' und großem Geschrei. Darnach gebot er seinem Volk, wer von Kurnewaelischen Landen in sein Land kaeme, daß man derer keinen lebendig ließe, sondern sie alle an die Galgen henkete. Und nahm ihm das zu Rach um seinen Schwager Morholten; den meinet' er nimmermehr zu verschmerzen, noch deß getroestet zu werden.

 

Das achte Kapitel

Wie Herr Tristanen ein Haeuslein gebauet ward fern von den Leuten; auch wie er darnach hinweg fuhr in einem Schiff, und wie ihm geholfen ward durch den Koenig in Irland.

Nun war auch Herr Tristan gar sehr wund von den vergifteten Waffen, und war kein Arzt in den Kurnewaelischen Landen, noch an andern Enden, der ihm die Wunden heilen mochte. Man wußte auch niemand in der ganzen Welt, der solche Arzenei konnt', als die schoene Isalde, die ihm auch wohl haette helfen moegen; aber sie haett' ihn lieber getoedtet, denn bei dem Leben erhalten. Als aber alle Arzenei an ihm umsonst und unnuetz war, und er je laenger je kraenker ward, und die Wunden sehr faulten und rochen, daß niemand bei ihm bleiben mochte, begehret' er, daß man ihm ein Haeuslein fern von den Leuten an der See machte, darin er allein waere, seines Endes wartend. Das ward also gemacht und nach seinem Begehren an die See gesetzt. Als man ihn nun darein trug (denn er mochte selbst nicht mehr gehen noch stehen), da erhub sich solche große Klage von allermaenniglich, daß sie ihren Kaempfer, einen schoenen, jungen und waidlichen Helden, also jaemmerlich verlieren sollten, daß ihr Klagen ohne Maß war.

Nun war Herr Tristan jung, und gar hurtiger Sinne, der gedachte hin und wieder, ob einigerlei in der Welt sein mochte, das ihn fristen und helfen koennte? und fand nichts in seiner Vernunft, denn eines, das fiel ihm bei: er wollt' auf die See fahren, ob ihn das Glueck etwann braechte, da ihm geholfen wuerd', oder aber also elendiglich stuerbe. Dies leget' er seinem Meister Kurnewal fuer, bat ihn in ein Schifflein zu tragen, und vermeinete hinweg zu fahren; als auch geschahe. Er nahm Urlaub von dem Koenige, und allenthalben, und bat Kurnewalen sein ein Jahr da zu warten: blieb' er bei Leben, so kaem' er ehe, denn in Jahres Zeit, kaeme er aber nicht, so duerft' er nicht laenger warten, und sollt' ihn gewißlich todt wissen; dann hieß' er ihn wieder heim ziehen, seinem Vater sagen, daß er nun fortan Kurnewalen fuer seinen Sohn hielt', ihm seines getreuen Diensts lohnet', und nach seinem Tode die Krone tragen ließ', als seinen eigenen Sohn; denn er goennete sie niemand baß, denn ihm. Kurnewal haette sich der Kron' und des Reichs gern verziehen, so er mit seinem Herrn sollte gefahren sein, auch sehen und wissen, wie es ihm doch ergehen sollte. Er weinet' und thaet aus der maßen ungebaerdig um seinen lieben Herrn. Desgleichen ward alles Volk beweget mit Mitleiden, und herzlich betruebet. Hiemit ward er in ein Schifflein getragen, mit großer Klage, mit ihm sein Schwert und eine Harfe. Auch ward das Schifflein versorget nach Nothdurft fuer die Sturmwinde. Herr Tristan troestete sich selbst wohl, und befahl sich und die Umstehenden dem allmaechtigen Gott in seine Hut, und fuhr damit hinweg, doch mit waesserigen und betruebten Augen. Der Koenig sah ihm sehnlichen mit betruebtem Herzen nach, und klageten alle, daß ihnen Tristan je kund ward.

Er fuhr nun hin ohn' alle Huelf', und wußte selbst nicht, wohin. Die Winde thaeten ihm fast wehe, und wie sie ihn trieben, also mußt' er fahren. Also trieben sie ihn gerichts hin gen Irland. Da er aber vermerket', in Irland zu sein, gedacht er: nun erst habe ich den Leib verloren; jedoch gedacht' er: das Leben ist edel; und wollte das fristen, dieweil er moechte.

Und als ihn der Wind an das Land warf, ging der Koenig spazieren bei dem Wasser; der schickete bald, daß man besaehe, was in dem Schifflein waere. Die Diener kamen und sageten, da waer' ein Mann, verwundet bis auf den Tod. Der Koenig ging selbst dar, und fand, wie ihm gesaget war. Da hieß er ihn in ein Haus tragen, darin man sein pflegen sollte. Doch fraget' er ihn, wer und von wannen er waere? Herr Tristan erschrak der Frage hart, und sprach: »Herr, ich heiße Pro, und Segnicest ist mein Haus, und bin ein Spielmann. Nun bin ich auf dem Meer beraubt und bis in den Tod verwundet worden, und die Winde haben mich hergetrieben.« Da der Koenig das hoeret', und sahe auch den großen Schmerzen seiner Wunden, ward er in Erbarmung beweget, hieß sein wohl pflegen, und schickete zu seiner Tochter, daß sie dem armen verwundeten Mann ein Pflaster gaebe. Das geschahe, aber es war ihm unnuetze. Das ward ihr gesaget; sie sandte ihm bald ein anderes: da ward ihm noch weher. Als ihr das fuerkam, sprach sie: »Ich weiß wohl, was ihm gebricht; er ist mit Gift wund.« Und bereitet' allererst Arzenei, die ihm zugehoerete, davon er alsbald und in kurzer Zeit gesund ward. Also heilete sie ihn in kurzer Zeit, ohne daß sie beide einander ersahen. Er schied so von ihr, wiewohl er vor zu Hof gefordert ward; das geschahe aber durch besondere Geschichte, hiernach folgend.

Es begab sich, daß die Schiffe von Kurnewaelischen Landen nimmer gen Irland fahren duerften, da war großer, merklicher Hunger und auch Theurung in Irland, und lebeten mit großem Gezwang Hungers halb. Auf das berieth sich der Koenig mit seiner Ritterschaft, was ihm hierin zu thun waere, und wo sie Speise nehmen wollten, damit das Volk erhalten wuerde und nicht so gar verduerbe. Sie konnten ihm alle nicht rathen, und wußten auch nicht, wohin. Da gedachte der Koenig an den Mann, den seine Tochter geheilet haet, und schickete nach ihm. Tristan kam bald zu Hof. Als er kam, bat ihn der Koenig Raths um sein und des Lands anliegende Noth. Da sagt' er: »Herr, alles, was ich vollbringen kann, soll ich mich nicht saeumen, denn ihr habt das gar wohl um mich verschuldet. Wollet ihr aber meinem Rath folgen, so sendet etliche Schiffe mit mir in Engeland, da will ich so viel Fleiß ankehren, und Speise bestellen, auf das allernaeheste, so ich mag, und euch die zuschicken.«

 

Das neunte Kapitel

Wie Herr Tristan dem Koenig von Irland Speise schicket', und das Land vom Hunger erledigete.

Dem Koenig gefiel der Rath wohl, und sagte das seinen Raethen; die wurden deß froh, daß sie der Sorg' und Muehe sollten entladen sein. Hierauf wurden Herr Tristanen die Schaetz' und Schiffe befohlen, und er fuhr hinweg. Als er nun in Engelland kam, beschicket' er einen Kaufmann, und bat ihn, daß er ihm kaufen huelfe. Er kaufet' auch selbst, und stellete sich in aller Weise, als ob er auch ein Kaufmann waere.

Als er nun Speise gekaufet hatte, so viel, als um tausend Mark Golds, ließ er die Schiffe laden, und schickete sie dem Koenige in Irland. Er aber ging in ein ander Schiff, das war von Kurnewaelischen Landen, mit dem fuhr er heim in seines Oheims Koenigreich und in die Stadt Thintariol, da er vor krank und ungesund von geschieden war, und kam gleich dahin an dem Tage, als ein ganzes Jahr vergangen war seines Dannenscheidens. Als er zu Thintariol aus dem Schiff ging und ihn sein Diener Kurnewal ersahe und erkannte, thaet er vor großen Freuden und Liebe weinen, und entbot dem Koenige die Zukunft seines lieben Neffen. Mit was großen Freuden, Ehren und Wuerden Herr Tristan empfangen ward von dem Koenige, Herzog Thinas, und aller Ritterschaft, auch allen andern, Frauen und Mannen, waere Wunder davon zu sagen.

Herr Tristan war dem Koenige so lieb, daß er um seinetwegen keine Frau nehmen wollte, sondern ihn zu einem Erben seines Reichs haben. Da waren etliche an dem Hofe, die meineten, Herr Tristan riethe dem Koenige, ohn' ein Weib zu bleiben, und hasseten ihn sehr darum. Aber er wußte es nicht, auch nicht, daß der Koenig solches um seinetwillen unterwegen ließ, oder thaet; denn die andern Maechtigen an dem Hof riethen dem Koenige taeglich, ein Weib zu nehmen.

Eines Tages gingen die Freunde und Ritterschaft fuer den Koenig und nahmen Herr Tristanen mit ihnen, baten den Koenig mit großer Bitte, daß er eine Frau naehme, die ihm an Adel und Geburt geziemen moecht', und daß er das durch Gott und ihrer aller Willen thaete. Der Koenig ward dieser Bitte beschweret, jedoch setzet' er eine Zeit, darauf er antworten wollte. Deß wurden sie froh; denn er hatte solche Bitt' allwegen vor abgeschlagen. In der gesetzten Zeit gedachte der Koenig, wie er antworten wollte, damit er sie fueglich von der Bitte bringen moechte; denn er wollte je kein Weib nehmen, es waere gleich ihnen lieb oder leid. Als er aber in diesen Gedanken saß, sahe er zwo Schwalben mit einander streiten, und sahe, daß ein schoenes langes Frauenhaar herabfiel; das hub der Koenig auf, und sagete bei ihm selbst also: »Fuerwahr mit diesem Haar mag ich mich gar wohl erwehren, so ich ihnen sage, daß ich keine andere haben woelle, denn die, der dies Haar gewesen ist; deren moegen sie mich nicht gewaehren, und muessen mich forthin solcher Bitte frei lassen.«

Da er die Worte mit ihm selber redete, kam Herr Tristan eingegangen, und andere Herren mit ihm, und fragten den Koenig von des Reichs Nothdurft wegen. Das ließ er hingehen, und antwortet', auf andere Meinung, mit solchen Worten: »Ich habe hie einer Frauen Haar: so ihr mir die gebet, die will ich nehmen, und kein Widersprechen darin haben; aber ich will sonst keine andere, dieweil ich lebe.« Die Herren nahm das gar fremd und wunder, und sprachen unter einander, es waere Herr Tristans Schuld, und angelegt Ding, damit er sich also wollt' ausreden. Doch fragten sie den Koenig, wer und von wannen die Frau waere? sie wollten ihm die hohlen, in welchem Lande sie waere. Der Koenig sagete: »Das weiß ich selbst nicht; ich kann euch auch nicht mehr davon sagen.« Da sprachen sie, sie hoereten wohl, daß er sich mit solcher Rede fristen und ihnen die Bitte versagen wollte; doch wollten sie gern wissen, woher ihm das Haar kaeme. Der Koenig saget' ihnen, wie ihm dasselbige worden waere. Da sprach Herr Tristan: »Herr, ihr thut groß Unrecht, daß ihr uns allen nicht folgen wollt. Ich habe es euch vor oft gerathen, und rath' es noch mit ganzen Treuen, wiewohl mich etliche der Eueren zeihen, ihr thut es durch meinen Rath. Daß aber das nicht sei, und sie mir Unrecht thun, will ich oeffentlich erzeigen, und um eurer Liebe willen die Frauen euch suchen. Darum gebet mir das Haar, wenn mich's Glueck an das Ende braechte, da sie ist, daß ich sie bei dem Haar desto besser erkennen moege.«

 

Das zehnte Kapitel

Wie Herr Tristan nach der Frauen fuhr, und wie es ihm auf der Reise ging.

Der Truchseß, Herzog Thinas, hieß zuhand ein Schiff bereiten, darein tragen von Speis' und Kleidern, was man bedurfte, auch Harnisch und Pferde, zu hundert Rittern, und großen Hort von Gold und Silber. Da das alles bereit war, nahm Herr Tristan Urlaub, nahm das Haar, und schied ab, mit hundert andern Rittern, welche ihm der Koenig zugegeben hatte.

Sie fuhren hinweg, und sahen einen ganzen Monat nichts anders, denn Himmel und Wasser. Da gebot Herr Tristan dem Schiffmann, daß er Irland vermeiden sollte; denn sie alle wueßten wohl, wer von Kurnewaelischen Landen dahin kaeme, daß er sterben mueßte. Wie sie aber mit einander redeten, erhuben sich die Winde mit einem großen Sturmwetter und warfen das Schiff mit Gewalt in derselbigen Nacht an Irland, zu der Stadt, dabei Herr Tristan vor geheilet ward. Als aber der Tag erschien und Herr Tristan ersahe, daß sie an Irland waren, erschrak er sehr, und sagete seinen Mitgesellen, daß er vormals an dem Orte geheilet waere worden: »und ist kein Zweifel, wir muessen alle hie sterben, oder mit großer Listigkeit hinein kommen; darum schweiget ihr alle still, und lasset mich allein reden, ob ich uns gefristen moege.«

Als aber der Koenig aufstund und sahe das Schiff, daß es der Stadt so nahe lag, schuf er bald mit seinem Marschalk, daß er hinginge und sie alle enthaeuptete. Dieser aber durfte das Gebot nicht uebergehen, es waere ihm lieb oder leid. Als er zu dem Schiff kam, hieß er die Gaest' alle ausgehen, und saget' ihnen, sie mueßten sterben. Herr Tristan bot große Gab', und begehrte zu leben, schenkete dem Marschalk einen gueldenen Kopf, und bat ihn fleißig, dem Koenig seine Rede zu sagen, und daß er sie dieweil ließe leben. Der Marschalk war ein frommer, getreuer Mann, und erbot sich das zu thun. Hierauf sprach Tristan: »Ich bitt' euch, zu sagen dem Koenig mein Gefaehrt' und meinen Namen: ich bin geheißen Tantris, und sind meiner Gesellen zwoelf mit mir, Kaufleute aus Engelland; wir haben hoeren sagen, wie großer Hunger in diesem Koenigreich sei, da verkauften wir alle unsere Hab', und legten die an Speise, damit luden wir zwoelf Schiff', und hoffeten dadurch alle reich zu werden: da begegneten uns Leute auf dem Meer, denen man stark nachjagete, die sagten uns, wenn wir herkaemen, so haetten wir gewißlich den Leib verloren. Als wir das hoereten, begonnten wir uns zu beklagen, und nicht unbillig, der großen Schaeden halb, unserer angelegten Hab' und Gueter, die wir nehmen wuerden, wo wir nicht herfuehren, fuehren wir aber her, daß wir den Leib und Gut mit einander verloeren. Hierauf gingen wir zu Rath, und warfen das Loos unter uns: auf welchen es fiele, der sollte hieher fahren, und besehen, ob dem also waere, als uns gesaget ist. Also fiel das Loos auf mich Armen, und bin also auf Gnade herkommen; so sind meine Gesellen noch auf dem Meer. Lieber Herr, das alles, bitt' ich euch, dem Koenig zu sagen; und daß er mir das Leben lasse, so will ich ihm die Speise, so ich gesaget habe, alle zusammen bringen.« Der Marschalk meinete, die Rede waere also, und brachte sie zuhand fuer den Koenig.

 

Das eilfte Kapitel

Wie Herr Tristan einen großen Drachen erschlug, darum ihm der Koenig seine Tochter gab.

Also lag das betruebte Heer bis ueber Mittentag, und redeten unter einander: ob man sie schon leben ließe, so mueßten sie doch ewiglich in Irland gefangen sein; und waegten die Sache hin und wieder. Indem kam ein Mann zu ihnen gegangen, der ward mit ihnen zu Rede, und sagete Herr Tristanen, daß ein großer und grausamer Drach' in dem Koenigreich waere, der thaete dem Lande großen Schaden, an Leuten und Vieh. Nun hatte der Koenig ausrufen lassen, wer den Drachen erschluege, dem wollte er seine Tochter geben. Da Herr Tristan solche Dinge hoerete, nahm er keinen laengern Verzug, sondern wappnete sich nach Nothdurft, und ritt gegen die Noth; denn er war ein kuehner, unverzagter Held.

Als er ueber das Feld trabete, sah er fuenf Maenner sehr fliehen; unter diesen einer den andern fern fuergelaufen war, dem eilete Herr Tristan zu, ergriff ihn bei dem Haar, und fragete, was oder wen er so sehr fliehe? Dieser Mann bat ihn ueberlaut um Gottes willen, daß er ihn ließ', und sprach: »Ach, lieber Herr, der Drache jaget daher und will mir den Leib nehmen; darum lasset mich laufen, daß mir das Leben vor ihm bleiben moege.« Herr Tristan fraget', an welchem Ende der Wurm waere? er wollt' ihm entgegen kommen, ob ihm Gott der allmaechtige Glueck wollte zufuegen, daß er ihn toedten moechte. Dieser saget' ihm die Gelegenheit ganz; da ließ er ihn laufen und hieß ihn mit Heil hinfahren, er aber kehrete sich gegen den Drachen. Er hielt sich in einem Grunde, und wartete, bis der grausame Wurm neben ihn kam; da zerstach er erstmals seinen Speer auf ihm, und ehe der Schaft zerbrach, hatt' er schon sein scharfes Schwert in der Hand, und schlug mit ganzen Kraeften so lang' auf ihn, daß er mit großer Arbeit und Mannheit zuletzt den Sieg an ihm gewann. Aber der Wurm verbrennete das Pferd unter ihm, und er mußte zu Fuß fechten. Als er nun den Drachen erschlagen hatte, schnitt er ihm die Zungen aus dem Rachen, und trug sie mit sich hinweg. Es hatt' aber der grausame Wurm ihn also mit Feuer angeworfen, daß er in dem Feuer schier verbrannt war; da sahe er einen Moor vor sich, darein ging er, und wollte sich erkuehlen, daß er in dem Harnisch nicht verbraenne. Als er darein kam, da ward ihm der Harnisch aller kohlschwarz, ohn' allein der Halskragen, der war guelden. Da er das sah, ging er ein wenig fuerbaß, da fand er einen lautern Brunnen, darinnen er sich allererst erkuehlet', und legete sich um Ruhe willen zu dem Brunnen; das war auch nicht unbillig, denn der grausame Wurm hatt' ihn sehr umgetrieben, muede gemacht und verwundet: und lag also daselbst gar nahe unversonnen.

 

Das zwoelfte Kapitel

Wie sich des Koenigs Truchseß beruehmet', er haette den Drachen erschlagen, und wie ihn Herr Tristan zu Schanden machte.

Wir wollen Herr Tristanen eine Weile ruhen lassen, und von den Fluechtigen sagen, die Herr Tristan vor gesehen hatte. Das waren des Koenigs Truchseß und seiner Diener vier. Da sie vermerkten, daß der Wurm erschlagen war, ritten sie dahin, und schnitten dem ertoedteten Wurm das Haupt ab. Der Truchseß bat seine Diener, daß sie ihm der Unwahrheit beistuenden, und sagten, er haette den Drachen erschlagen, er wollte sie darnach immerdar foerdern und reich machen. Das thaet er aber darum, daß ihm der Koenig seine Tochter geben sollte. Auch hatte er sich großer Mannheit ausgegeben, daß er den Wurm allein bestehen wollte, wiewohl seine Zagheit maenniglich wissend und offenbar war, darum ihm auch Roth war, daß er Gezeugniß mitbraechte; denn er wußte wohl, daß man ihm allein nicht glauben wuerde.

Hiemit kam er zu dem Koenige, vermahnet' ihn seiner Geluebde, daß er ihm, dieweil er den Drachen erschlagen, seine Tochter geben sollte. Aber es war dem Koenig noch nicht gelegen, daß er seine Tochter sollte seinem Truchseß geben; auch wußte er vormals von ihm solcher Mannheit nicht; darum widerredet' er das, und saget' oeffentlich zu ihm, er glaubet' ihm solches nicht, sondern es haette ihn ein anderer erschlagen, und er haett' es nicht gethan. Solche Rede bewegete den Truchseß zu Zorn, und er sprach, er haette den Drachen allein erschlagen mit seiner eigenen Hand, und er wollte das gnugsamlichen beweisen mit vier Maennern, die das von ihm gesehen haetten; man sollt' ihn auch nicht dafuer halten, daß er sich der Ding' annaehme, wenn er solches nicht gethan haette: er hoffete auch, daß ihm die Jungfrau zu geben nicht abgeschlagen werden moechte. Mit solchen und mehr Worten ueberredet' er den Koenig, daß er die Worte glaubete; doch sprach er: »Ich will meine Tochter vor darum besprechen.« Und ging damit hin zu ihr, saget' ihr, wie der Truchseß sie erfochten, und den Wurm erschlagen haette. Die Jungfrau, mit Namen die schoene Isalde, erschrak, glaubete dieser Geschichte nicht, und sprach: »Herr und Vater, wo nahm der nur solche Mannheit, der doch allwege ein Verzagter ist gewesen? Glaubet's nicht; denn ich weiß, daß er den Drachen nicht erschlagen, hat ihn auch nie duerfen ansehen. Gott woelle, daß der Held funden werde, der den Wurm erschlagen hat! Ich hab' aber Sorge, dieser verzagte Boesewicht hab' ihn ermordet, wo er ihn etwann in Unkraeften liegen gefunden hat.« – Solches redete sie auch nicht vergeblich, denn der Truchseß und seine Helfer suchten fleißiglich nach ihm; wo sie ihn funden, haetten sie ihn getoedtet. Als sie aber nichts funden, meinete der Truchseß, er haett' alle seine Noth ueberwunden; darum war er auch mit Worten so frech gegen den Koenig, und versaehe sich keiner andern Ausrede, denn daß man ihm die schoene Isalden geben sollte. – Als sie aber also mit dem Vater geredet hatte, antwortet' er, und sprach zu ihr also: »Nun mag kein laengerer Verzug sein, dich ihm zu geben: ich habe so hoch verheißen, wer den Wurm erschlage, der solle dich zum Weibe haben. Wiewohl du dich hierinnen widerst, so muß es doch sein. Er will auch das redlich beweisen mit vier Maennern, daß er dich erfochten habe.« Hierauf antwortete sie: »So sagt ihm, daß er warte bis morgen; doch weiß ich, daß er nicht gefochten hat, als er saget. Glueck fuege mir den, der mich erfochten hat!«

 

Das dreizehnte Kapitel

Wie Brangele Tristanen erstehet an dem Helmen in einer Hecken, und wie sie zu ihm kamen, und ihn die Isalde mit ihr heimfuehret.

Aber Frau Isalde haet einen Kaemmerer, mit Namen Peronis, dem sie gar wohl getrauete, dem befahl sie, daß er bald drei Pferde sollte zuruesten und bringen. Und auf den Abend, als es dunkel ward, ritt sie selbst mit Peronis, und nahm noch eine Jungfrau, naemlich Brangele, mit ihr, und kamen gerichts auf Herr Tristans Hufschlag. Da die Frau das saehe, bat sie, fleißiglich dem Hufschlag nachzureiten, und sprach: »Das Pferd ist nicht in diesem Lande erzogen: Ach, Gott, wo ist der Held, den es hergetragen hat? Aber die Moerder haben ihn ertoedtet; suchet nur nach dem Grabe, er liegt etwann in der Naehe hiebei begraben.« Als sie die Worte redete, kamen sie, da der todte Wurm lag und das verbrannte Pferd, auch der versengte Schild: das alles war so gar besenget und verbrennt, daß sie weder Farbe noch Wappen sehen noch erkennen mochten. Die Frau hub an mit sonderlicher großer Klag' um diesen werthen und maennlichen Held zu weinen, und bat, daß man staets fuer sich suchen wollt', ob man ihn todt finden moechte, und wer ihn fuende, dem wollte sie hundert Stueck Goldes geben. Die zwei waren desto fleißiger zu suchen, aber Brangele saehe von ferne den Helmen gleißen, die eilete bald zu der Frauen, und sagete, sie haette den Helm funden. Da ritten sie mit großer Eil', und kamen zu dem Brunnen, dabei lag er ganz mued' und unbesinnet. Die schoene Isalde stricket' ihm den Helm auf und nahm ihm den von seinem Haupt. Herr Tristan hoerete wohl, daß Weibsbilder bei ihm waren, warf die Augen auf, und sprach: »Wer nimmt mir meinen Helm?« Die Frau ward ohne maßen froh, da sie ihn reden hoeret', und antwortet' ihm bald: »Habt keine Sorge, er wird euch wohl wieder; denn ich will ihn euch selbst behalten.« Also fuehreten sie den halb todten Mann mit ihnen verborgenlich in die Stadt. Die Frau nahm selbst den Helm und das Schwert, Brangele nahm den gueldenen Ringkragen und das andere Geraethe.

 

Das vierzehnte Kapitel

Wie Isalde Herr Tristanen ein Wannenbad beraten ließ: als sie ihn aber erkannte, wollte sie ihn ihrem Vater verrathen haben; das wehret ihr die Brangele.

Als nun Frau Isalde Herr Tristanen gar ausgezogen hatte, ward ihm ein Bad bereitet. Die Frau brachte Salben, die ihm zu seinen Wunden gehoerten; sie salbete, band und badet' ihn, daß er ganz zu seinen Kraeften kam.

Da er aber also in dem Bade saß, und die Frau bei ihm umging, gedacht' er bei dem Haar, das er mit ihm gefuehret hat, daß sie die Frau waere, die er sucht', und thaet in ihm selbst laecheln. Deß nahm die schoene Isalde wahr, und gedachte: Weß lachet dieser? Ich weiß doch nichts, das ich gethan habe. Aber ich sollt' ihm vielleicht sein Schwert gewischet haben; fuerwahr, er ist deß gar wohl wuerdig. Nahm damit das Schwert und wollte das wischen: da ersaehe sie eine Scharte in dem Schwert, davon all' ihre Freude verschwand. Sie leget' es bald von ihr, und brachte das Stueck, das in dieselbe Luecke gehoerete, das sie vormals behalten hatte. Als sie sahe, daß es gerecht darein war, hub sie an den Held zu hassen, und sprach: »Du bist Tristan, und hast den Drachen erschlagen; aber was mag dich das gehelfen? Du kommst nimmer lebendig von hinnen, und ist kein Zweifel, du mußt meinen Oheim mit dem Tode vergelten. Ich will dich selbst nicht ungemeldet lassen, denn du hast mir den Mann, den nie keine Jungfrau gehabt hat, an meinem Oheim erschlagen.« Tristan laeugnete, daß er deß schuldig waere; sie beschied ihn aber, daß er deß gestund, und sprach: »Es ist doch nicht Sitte, daß man Leib und Leben gebe, so einer den andern mit Kampf bestehet.« Sie sprach: »Du mußt aber die Sitte lernen.« Als sie aber jetzt Wehe! schreien wollt', und sehr weinete: ging Brangele, ihre getreue Jungfrau, zu der Thuer hinein; die erschrak sehr, und fragete, was das waere, daß die Frau so herzlich weinete. Es ward ihr gesaget mit zaehrenden Augen, und daß er sterben mueßte. Brangele sprach: »Das waer' ein' unerhoerte Sache, daß ihr diesen um sein Leben bringen wolltet, der euch ritterlich und mannlich, als ein Held, erfochten hat. Wie geziemete sich das, daß ihr ihn zu seinem Tode in Freundschaft her gefuehret haettet? Ach, was großer Unehr' und Unglimpf wuerd' auch dadurch entstehen! Und nicht allein der Unglimpf, ja ihr mueßtet auch euers Vaters Schluesseltraeger zu einem Mann haben. Ei, wie schoene Ehre wuerde euch das sein, wo man in den Landen sagen wuerde, euers Vaters Schluesseltraeger habe euch mit Listen und Unwahrheit euerem Vater abgeredet! So ist Herr Tristan von hoher Geburt und so ein freier Held, daß sich keiner ihm gleichen mag; und ob er alle euere Freund' erschlagen haette, solltet ihr ihn dennoch lieber nehmen, denn den Verzagten, der von geringem Geschlecht geboren ist, von dem ihr keiner guten That noch Wuerdigkeit gewaertig seid.«

Durch solche Worte ward Isalde bewegt, stellet' ihren Zorn ab von ihm, und hieß Kleider bringen. Als er aber bekleidet war, ward er ihren Augen so gefaellig, daß alle Klagen, so sie vor gehabt hatte, vergessen wurden. Denn es geschieht oft, daß weibliches Gemueth durch schoene Gestalt und huebsche Gebaerde von Zorn in Guetigkeit und Sanftmuethigkeit gewandelt wird: also geschah auch an Frau Isalden. Sie umfing Herr Tristanen freundlich, kuesset' ihn lieblich an seinen Mund, vergaß aller Feindschaft und Haß, und saget ihm zu staeten Frieden und Freundschaft; sie gelobet' ihm auch Fried' und Geleit von ihrem Vater zu erwerben.

Als sie ihm das verheißen hatte, ging sie zu ihrem Vater, sagt' ihm, daß sie erfahren haette, wer der waere, der ihnen allen aus der Noth geholfen und den Wurm erschlagen haett', und sprach: »Vater, dein Zager beruehrete den Wurm nie, bis ihn ein anderer getoedtet hatte.«

 

Das fuenfzehnte Kapitel

Wie Isalde ihrem Vater anzeigete, wer den Drachen erschlagen haett', und wie er ihr das lange nicht glauben wollte, und allezeit meinete, der Truchseß haette ihn erschlagen.

Der Koenig sprach zu seiner Tochter: »Was weißest du? Du redest gleich, als ob du den gesehen habest, der es gethan soll haben. Weißt du aber den, der uns von der Noth des Drachen entladen hat, so heiße ihn fuer mich bringen.« Hierauf antwortete die schoene Isalde: »Das will ich gern thun. Aber vor allen Dingen will ich, daß der Held Friede und Geleit habe, um alles, das er dir je gethan hat.« Da sprach der Koenig: »Fried' und Geleit soll er haben, und was er mir Leids gethan habe, sei ihm ewiglich vergeben.« Da sie das hoerete, sprach sie zu dem Vater: »So mache den Frieden staet', und kuesse mich an des Helden statt.« Das thaet der Koenig, und sprach: »Mit diesem Kuß ist nachgelassen und verziehen alles, das dieser wider mich verschuldet hat.« Als nun der Friede gegeben und bestaetiget ward, sprach Frau Isalde zu ihrem Vater: »Du hast dem Truchseß zugesaget; so nimm nun morgen alle dein Hofgesinde dazu, so will ich dir den Helden bringen, dem Truchseß zu Schanden.«

Nun haet der Koenig in seinem Land und Koenigreich allen Fuersten, Grafen, Freien, Rittern und Knechten schreiben lassen, daß sie zu der Hochzeit sollten kommen. Deßgleichen haet auch der Truchseß allen seinen guten Freunden und Bekannten geschrieben, und sie gebeten, daß sie kaemen, und ihn in koeniglicher Wuerde und seinen großen Ehren saehen, und ihm dazu helfen sollten; denn er wußte nicht anders, als der Koenig wuerde ihm seine Tochter geben.

Indem war Herr Tristan noch verborgen in einer Kammer, der haet groß Verlangen nach seinem Gesinde, das er in dem Schiff traurig und betruebet gelassen hatte, und berufete der Frauen Kaemmerer Peronis, vor genannt, bat den, in sein Schiff zu gehen zu seinen Dienern, und ihm Kurnewalen zu bringen. Das ward gethan, als ihm befohlen ward, und er saget' ihnen die Botschaft. Als sie erhoerten, daß ihr Herr Tristan noch im Leben war, wurden sie zumal hoch erfreuet.

Kurnewal ging mit Peronis zu seinem Herrn. Als er zu ihm kam, sprach er ihm gar freundlich zu, und befahl ihm wieder in das Schiff zu gehen, den andern zu sagen, daß sie zu morgen all' ihre beßten Kleider anthaeten und gen Hof kaemen, daselbst sich an eine Bank setzten, und mit niemand redeten, auch nicht aufstuenden, bis sie ihn selbst saehen; denn er hoffete, die Sache wuerde geendet, um der willen er auskommen waere. Kurnewal ging wieder in das Schiff, und sagete den Herrn und Gesellen seines Herrn Willen und Gebot. Sie wurden deß inniglichen froh, dankten und lobten Gott den allmaechtigen, daß sie ihren Herren lebendig und gesund sehen sollten.

Zu morgens bereiteten sie sich auf's allerkoestlichste, mit Kleidern und Kleinod, so koestlich und zierlich, dergleichen in Irland vor nie gesehen war; sonderlich was Herr Tristanen zu seinem Leibe gehoerete, das war alles viel koestlicher, denn das andere. Darauf kamen sie alle gen Hof, zu erfuellen ihres Herren Gebot, schwiegen alle, und setzten sich auf eine Bank, und achteten nicht, wer wider oder fuerging, auch stunden sie nicht auf, und gaben niemand Antwort, wieviel man sie fragete. Der Koenig merkete das, und fragete, wer die herrlichen Weigande waeren? aber niemand wußt' ihm das zu sagen.

Nun war es Zeit, daß der Truchseß seine mannliche That bezeugen sollte mit den vier Mannen, als er denn versprochen haet. Da schickte der Koenig nach seiner Tochter, daß sie den Held mit ihr braechte, der sie erfochten haette. Als sie die Botschaft vernahm, nahm sie Herr Tristanen bei der Hand, und fuehrt' ihn fuer ihren Vater. Als er aber in den Saal ging, sprungen die Herren, seine Diener, alle auf mit großen Freuden, empfingen ihren Herrn, stunden ihm an seine Seiten, und gaben damit zu verstehen, daß sie bereit waeren, ihm zu dienen, auch mit ihm zu sterben und zu leben. Da der Koenig das sahe, fraget' er Frau Isalden, wer der Held waere? Sie sprach: »Du sollt ihn vor kuessen.« Zuhand ward der Tochter Wille vollbracht: er kuessete den Helden, bestaetiget' auch damit den Fried' und Geleit, so er vor gegeben hatte. Als das geschahe, sprach Frau Isalde: »Ich weiß, was du gelobest und geredest, daß du das staet und unzerbrochen haeltest, darum will ich auch sagen, wer der Held ist. Er hat dir den liebesten und kuehnesten Mann erschlagen, an meinem Oheim.« Da das der Koenig hoerete, ward er zum Theil betruebet, und sprach: »Gott weiß, Herr Tristan, waere die That nicht versuehnet, ihr kaemet ungeschumpfiert nicht von hinnen; aber was mir Leides geschehen ist, habe ich alles nachgelassen und verziehen: ihr sollt auch guten und staeten Frieden haben.« Isalde sprach, das waere recht und billig, denn Tristan waere ein solcher wehrlicher Held, daß er billig zu preisen waere; daß er aber Morholten erschlagen haette, waere ohne seinen Dank geschehen; er haette auch seines Oheims Land von dem Zins, noch seinen Leib von dem Tode, nicht anders befreien moegen. »Dieweil es sich aber je also zugetragen hat, ist es ihm doch leid, und er hat sich um deß willen aufgemacht, und ist ueber Meer gefahren, ob er also um dich verdienen moechte, daß du sein Freund wuerdest. Er hat sich auch dir zu Liebe der Noth unterstanden, und den Drachen erschlagen, dadurch wir, auch das ganze Land mit uns erfreuet ist.« Als sie die Worte vollendete, stund der Truchseß auf, und sprach zu Herr Tristanen, warum er sich deß ausgaebe, das er nicht gethan haette? Es waere ein großer Unfug an ihm, daß er sich dieser Sachen anzoege. Und vermahnete hierauf den Koenig, daß er ihm die Tochter gaebe, als er verheißen haette. Herr Tristan aber wollte sein Recht auch nicht laenger verschweigen und sprach zu dem Koenige, ein Theil in Zorn: »Herr, der saget unrecht; das will ich beweisen, auch daß er den Wurm nie durft' ansehen, so, noch wie oder wo ich den erschlagen habe. Ist er aber mannhaft, als er saget, daß er mich allein darf bestehen, so trete er zu mir in einen Kampf: da sollt ihr sehen, daß sein Sagen, auch seine Zeugen falsch und unwahrhaftig sind. Auch beweise ich das mit dieser Zungen, die ich dem Drachen aus seinem Hals geschnitten habe.« Diese Rede bedauchte sie alle genug. Aber es war dem Truchseß dadurch seine Freude bald verloschen; doch begehrt' er, sich mit seinen Freunden zu besprechen, denn ihn bedauchte wohl, es waere ihm besser, daß er den Streit ließe, denn daß er kaempfte. Da war einer unter seinen Freunden, der sprach: »Kaempfest du, so mag leicht kommen, daß du deinen Leib verlierest, denn Herr Tristan ist ein starker Mann, und gar ein kuehner, vermessener Held, als er an manchen Enden in harten Streiten viel und oft erzeiget hat. Darum rath' ich dir in ganzen Treuen, hast du den Drachen nicht erschlagen, so lass' dein Kaempfen mit ihm; denn bestehest du ihn mit Unrecht, so wird es dich reuen; und du must doch den Unglimpf haben, du kaempfest oder nicht: darum ist ehe zu rathen, du entbehrest des Kampfes, denn daß du beide, den Leib und Glimpf, mit einander verlierest.« Da sprach der Truchseß: »Ich will nicht mit Tristanen kaempfen; denn er ist ein starker Mann.« Mit diesen Worten ging er fuer den Koenig, und sagete vor allem Volk, daß er den Drachen nicht erschlagen haette; Herr Tristan waere der rechte, der sollt' auch des Koenigs Tochter billig und von Rechts wegen haben. Als er nun so oeffentlich sein eigen Laster gestanden und bekennet hatte, sprach der Koenig: »Das haettet ihr billig vorhin gethan, und ehe ihr euch selbst zu solchem großen Spott und Laster gebracht haettet.«

Den Truchseß gereuete, daß er der Dinge je gedacht hatte. Ihm ward auch jedermann unguenstig, er ward sogar verspottet und verachtet, und allen Menschen unwerth. Er ward auch aller Ehren und Wuerden entsetzt. Das Laster und Unehre, darein er sich selbst gefuehrt hatte, bedacht' er erst hernach, und ward ihm selbst feind, und schaemete sich so sehr, daß er aus dem Land hinweg ritt, und kam nimmermehr darein. Mir ist auch nicht kund, wo er hin kommen, oder wie ihm geschehen sei.

Aber Herr Tristan vermahnete den Koenig seiner Verheißung; da war seine Tochter, die schoene Isalde, auch nicht wider.

 

Das sechzehnte Kapitel

Wie der Koenig Herr Tristanen die schoene Isalde befahl, seinem Oheim, Koenig Marchsen in Kurnewaelisch Land zu bringen.

Herr Tristan sprach zum Koenige. »Herr, hoeret, welcher Weise ich euere Tochter nehmen will. Ich will sie nehmen meinem Oheim; dem sollt ihr sie geben, da ist sie besser mit versehen, denn mit mir; denn ich bin der Jahre noch jung, und gebuehrt mir noch nicht, eine Frau zu nehmen, sonderlich weil ich weiß, daß euere Tochter eines maechtigern und wuerdigern Manns, denn ich bin, wohl wuerdig ist.« Hierauf antwortete der Koenig: »Das will ich gern thun, weil es dir lieb ist; dieweil du ihr Leids gethan hast, an ihrem Oheim, so sie deß gegen dich eingedenk sein wuerde, daß ihr dann nicht so wohl mit einander leben wuerdet, als es billig waer' und sein sollte.« Damit ward die Heirat bestaetigt, und die Jungfrau Herrn Tristan befohlen, sie seinem Oheim zu bringen.

Der Koenig fertigete seine Tochter ab mit so großer Hab' und Reichthum, daß es unsaeglich ist, mit allem, was einer Koenigin zugehoeret' und sie haben sollte. Nicht minder bereitet' auch die Koenigin große Gezierd' und Koestlichkeit ihrer Tochter, um deß willen, daß sie so fern in ein ander Land fahren sollte, da wollte sie ihre Tochter je heimsteuren, daß sie ueber andere ihres Gleichen beruehmet und gepreiset wuerde.

Sie machet' auch einen Trank, der billig das unselig Getraenk genennet wird, und befahl den ihrer allerliebsten Jungfrauen einer, mit Namen Brangele, daß sie den Trank sollte verwahren, daß niemand darueber kaeme, noch davon truenke, denn allein Koenig Marchs und die schoene Isalde, so sie die erste Nacht beilaegen; sie sollten auch das Getraenk alles austrinken, daß niemand nichts davon wuerde, denn nur den zweien. Solches gebot sie mit Fleiß zu vollbringen; denn sie haet Sorge, wuerd' es andern Leuten zu Theil, es wuerde nichts Gutes daraus entstehen.

Dies Getraenk ward also gemacht: welche zwei das truenken, die mueßten einander also lieb haben, daß eins ohne das andere nicht bleiben noch leben moechte; sie moechten nicht einen Tag sein, sie mueßten einander sehen; so es sich aber also zutruege, daß ihrer eines das andere nur einen Tag nicht saehe, so wuerden sie krank und so lang' ungesund, bis sie einander wieder sehen moechten. Solches geschahe durch Kraft und Wirkung des unseligen Tranks, der mit solcher Meisterschaft getemperiert war, daß die Kraft der großen Liebe also angeheftet ward, daß sich ihrer keines vor vier Jahren davon abziehen mochte; so aber vier Jahr verschienen waeren, so moecht' eines das andere wohl lassen, des Tranks halben. Was wirket aber das natuerliche Feuer der Liebe in so langer Zeit? Ich lass' mich beduenken, wo die Menschen also freundlich in allen lieblichen Gebaerden so lange mit und bei einander wohnen, daß dann das Feuer der Liebe so groß und stark werde, daß es darnach schwerlich zu loeschen sei. Also mag ich auch von diesen zweien liebhabenden Menschen reden. Da nun die Liebe von der Kraft des Getraenks, nach den vier Jahren aufhoerete, war die natuerliche Flamme der Liebe so weit und inbruenstiglich in ihnen beiden mit solcher großen Kraft entzuendet, daß ihnen unmoeglich war, das zu erloeschen: und mußten also ihr Lebtage brennen in der Flamme der starken und unsaeglichen großen Liebe.

 

Das siebenzehnte Kapitel

Wie Herr Tristan die schoene Isalde mit ihm hinweg fuehret', und wie es ihnen auf dem Meer erging.

Da nun der Koenig seine Tochter Herr Tristanen vermaehlt und befohlen hatte, ward Urlaub zu fahren genommen, und von dem Koenige, der Koenigin, und allem Hofgesinde gegeben. Also fuhren sie dahin. Herr Tristan haet die Frau in großer Sorg', und macht' ihr ein besonder Gemach in dem Schiff, da sie mit ihren Jungfrauen innen war. Er ging zu dem Schiffmann, und befahl ihm, daß er bald fahren sollte, damit sie nicht lang unterweges laegen. Aber Frau Isalde mochte solches eilendes fahren nicht erleiden, und bat, wo man zu einer Anfahrt kaeme, sollte man anlaenden: das geschahe. Als aber jedermann aus an das Land ging, durch Lust, zu sehen, was auf dem Land waere, ging Herr Tristan zu der Frauen, zu besehen, was ihr waere, oder ob sie lange da mueßten still liegen. Indem begab es sich, daß er mit den Frauen allen reden thaet, saget' ihnen schoene Abentheuer, damit er ihnen die Zeit kuerzet', und lange Weile vertriebe. In diesem Reden thaet ihn sehr duersten. Der Schenke war nicht gegenwaertig, aber ein kleines Jungfraeulein sprach: »Herr, ich weiß wohl Trinken.« Ging damit, da der verflucht' unselige Trank stund, und bracht ihm den. Es wußt' aber nicht anders, denn es waere Wein, wie anderer Wein. So wußte auch Herr Tristan nicht, daß ihm dieser Trunk zu solchen Aengsten und Noethen gerathen sollt', und thaet einen guten Trunk, denn ihn duerstete sehr, und bedaucht' ihn der Wein gut, und gab ihn der Frauen Isalden auch dar. Alsbald sie getrunken hatten, wurden ihre Herzen und all' ihre inwendigen Kraefte verwandelt und in inbruenstiger Liebe entzuendet und so hoch in der Flammen der Liebe entbrennet, daß ihrer jegliches das andere inniglich begehrte lieb zu haben. Sie wußten vor solcher großer, ungestuemer Liebe nicht, wie sie sich halten sollten, und meineten, sie mueßten von ihren Sinnen kommen, sie gaeben sich denn einander zu erkennen. Doch so wußte er von ihr, noch sie von ihm, dieser Geschichte nicht, und meinet' ihrer jedes, es haette diese Noth allein. Jedoch wurden sie beide oft bleich und roth, heiß und kalt, und wurden ihre Gebaerden gar oft verwandelt und viel anders, denn sie vormals gewohnet waren. Was soll ich sagen? Die Liebe ward so groß und ihr Kummer so mannichfaltig, daß ihrer jegliches Sorge hatte, das andere wuerd' es merken: so das geschaehe, moechte kein Versagen noch Verziehen da sein, was eines an das andere begehrete. Als Herr Tristan das in ihm selbst wahrnahm und empfand, schied er traurig und hart krank von der Frauen, welche auch nicht weniger Noth und Schmerzen hatte, denn er. Sie legten sich aber beide also ungegessen und ungeredet zu Bette. Also nun ihrer keines weder essen noch trinken mochte, auch mit niemand reden, sondern mit staeter, emsiger Klag' ihrer jegliches ihm selbst so streng ohn' Aufhoeren anlag, daß ihrer jedes meinet', es wuerde den Tod vom andern haben: und wußte doch ihrer keines des andern Noth.

Also lagen sie beide bei vierthalben Tag ungegessen, ungetrunken und ungeschlafen, und wußt' ihrer keines anders, denn es mueßte gewißlich eines nach dem andern sterben, oder aber sich offenbaren. Sie waren beide so gar entzuendet, daß sie nichts anders gedenken konnten, denn nur, wie sich eins dem andern zu erkennen geben und offenbaren moechte. Durch solche große Noth wurden sie ganz entstellet, ihre lichten und wohlgefaerbten Angesichter erbleicht und mißfarbt, und lagen also ohn' alle Kraft und Macht.

Als aber Kurnewal und Brangele solche Krankheit und Jammer an ihrer Herrschaft sahen, wurden sie bewegt in großem Mitleiden, und dieweil sie mit einander redeten, gedachte Brangele an das Getraenk, das ihr befohlen ward zu verhueten, ging bald, da sie es behalten hatte, und fand nichts: da erschrak sie von ganzem Herzen und all' ihrem Gemueth, schlug die Haende ob dem Tisch zusammen, und sprach: »O wehe, mein lieber Herr Tristan und meine allerliebste Frau, nun seid ihr beide verloren, es sei denn, daß ihr zusammen kommet!«

 

Das achtzehnte Kapitel

Wie Isalde und Herr Tristan zusammen kamen und der großen Noth ein Theil offenbarten und entbunden wurden

Als nun Brangele die Krankheit ihres Herren und ihrer Frauen erfunden haet, ging sie wieder zu Kurnewalen, und sagt' ihm, wie die Krankheit beschaffen waere, und sprach: »Ehe ich deinen Herren und meine Frau also sterben lasse, ehe wag' ich Ehre, Leib und Gut. Kurnewal, thu' du dein Theil, und hilf, daß wir sie zusammen bringen. Ich muß doch zuletzt das Leben darum verlieren; denn ich sollte des Getraenks fleißiger gepflegt haben: dieweil aber das nicht geschehen ist, so muß sein Glueck walten.« Kurnewal sprach: »Also ist auch mir; denn wie und welcher Weise ich dazu helfen mag, bin ich willig und bereit.«

Als dieser Rath beschlossen ward, kamen sie abermals an eine Anfuhrt: das war nun an dem vierten Tag. Die Leute gingen von dem Schiff, daß ihrer nicht viel darin blieben. Da sprach Kurnewal zu seinem Herrn: »Herr, gehet zu Frau Isalden, – sie wirret auch, ich weiß nicht, was – ob euere Noth gelindert wuerde, und ob sie auch gern wueßte, wie es um euere Krankheit beschaffen waere.« Solches redete Kurnewal aus Listigkeit und durch Rath der getreuen Brangele. Herr Tristan hub sich auf, und ging zu der Frauen. Als er zu der Thuer kam, haet er nicht so viel Kraefte, daß er fuerbaß mochte. Als sie ihn aber fern sah, begunnte sie zu rufen: »Herr, wohl, kommt bald!« Da er das hoeret', erschrak er, und gedachte: »Ich bin unwerth; sie beut mir diese große Ehre nicht durch Guete: waere ich ihr lieb, sie hieße mich nicht Herr.« Und war ihm die Rede leid. Doch gedacht' er wiederum: »Sie hat es durch große Liebe gethan, und mir damit angezeiget, daß ich ihr vor aller Welt der liebste bin.« Dieser Gedanke gab ihm eine neue Kraft, und er ging zu der Frauen, setzte sich neben sie an ihre Seiten, und ward mit ihr redhaft. Da das sah Kurnewal und Brangele, nahmen sie sich bald ander Geschaeft fuer, und gingen zu der Thuer aus: die zwei blieben aber bei einander.

Welches aber am ersten anfing zu reden, ist mir nicht wissend, denn es sagt' ihrer eins dem andern die große Liebe und Freundschaft, so sie zusammen haetten. Ehe sie sich aber schieden, wurden sie beide gesund, und ward vergessen alle Klag', Angst und Noth, so sie vor gehabt hatten. Da sie nun einander ihre Liebe geoeffnet und verkuendet hatten, und je eins von dem andern mit gleicher maß lieb gehabt ward, pflegten sie solcher großen Freuden und Wonne, davon viel zu sagen waere. Es gebar ihnen diese Liebe taeglich neue Lieb' und Freundschaft.

Durch solche Liebe ward diese Reis' etwas laenger verzogen, daß sie sich der Lieb' und Begierd' ein wenig desto besser moechten ersaettigen, so lange, bis sie Koenig Marchsen Land sahen. Da besorgten sie das zukuenftige Scheiden und Meiden, und wurden dadurch sehr betruebt; aber die große, inbruenstige Liebe gab ihnen Hoffnung und guten Trost, gingen mit einander zu Rath, wie sie den Koenig betriegen moechten, daß sie doch forthin ihrer Liebe nachgehen und ungeschieden bleiben wollten. Als dieser Rath beschlossen war, ging Isalde zu Brangelen, und redete mit ihr also: »O Brangele, meine allerliebste und getreue Freundin, sage du mir, wie ich meine Sach' anfahen soll, so ich bei dem Koenig soll liegen.« Brangele sagete: »Das weiß ich nicht.« Isalde sprach: »Ach meine Brangele, so erzeige das durch deine Frommkeit, und hilf mir.« Brangele sprach: »Ja, Frau, ich wollte das gern thun, wueßt' ich, welcher Weise.« Da sprach Isalde: »Ach, meine Brangele, meine besondere, liebe und getreue Freundin, ich bitte und begehre, daß du die erste Nacht eine Weile bei dem Koenig liegst: das will ich reichlich um dich verdienen.« Brangele erschrak, und sprach: »Frau, ich hab' euch fern ueber Meer gefolget, und euch je und je getreulichen und unverdrossen gedienet, ich bitt' euch, ihr woellet dasselbige auch bedenken und ansehen, und mich nicht also sehr bekraenken und meiner Ehren entsetzen.« Isalde sprach: »Ach und weh, so verlier' ich meine Ehr'! Nun hast du mir doch selbst gesagt, daß mir solche meine Noth und Unglueck von dem Getraenk entstanden sei, das du solltest bewahrt haben, und das dir allein anbefohlen ist worden. Bist du denn nicht schuldig an meiner so großen Muehseligkeit? So du nun daran schuldig bist, so bist du auch schuldig und gebunden, mir wiederum aus solcher meiner großen Noth zu helfen.« Da Brangele das hoerete, thaet sie inniglichen weinen, und saget': »Es ist leider wahr, diese Schuld kommt von mir, durch mein großes Uebersehen, und ist derhalben billig, daß ich darum leide, was mir zu leiden aufgelegt wird, und will mich ergeben, euch zu helfen: doch wollt' ich mich lieber todt wissen.« Als sie das gelobte, ging Isalde zu Herr Tristanen und sagt' ihm die Geschichte; deß ward er sehr erfreut.

Nun waren sie der Stadt Thintariol nicht fern, und haet Tristan fuergeschickt, und dem Koenig entboten, er braechte ihm die Frau, nach der er ausgesandt waere.

 

Das neunzehente Kapitel

Wie Koenig Marchs der Frau entgegen ritt; von ihrer Hochzeit, und wie er die erste Nacht betrogen ward.

Der Koenig ritt mit großer Macht, nach dem allerkoestlichsten, mit seiner Ritterschaft entgegen, die Frau zu empfahen. Sie fuhren mit Freuden heim. Die Hochzeit ward groß und zumal herrlich; denn Herr Tristan hatte dem Koenig die Sache laengst durch Boten kund gethan, also, daß er sich vor mit allen Dingen nach Nothdurft dazu geschicket und versehen hatte.

Herr Tristan ging zu dem Koenig und sprach: »Herr, die Frau begehret, daß ihr des Landes Sitte mit dem Beiliegen haltet.« Der Koenig fragete, was Landes Sitte sie haette? Herr Tristan sagt' ihm: So sie beilaege die erste Nacht, sollte kein Licht da sein, um daß man sie nicht saehe, bis zu morgens, daß sie wiederum aufstuende. Da sprach der Koenig, daß er ihr solches vergoennet': und hieß seinen Neffen, Herr Tristanen, selbst Kaemmerer sein, daß er auch thaet' und ließe, was die Koenigin begehrete.

Herr Tristan war nun Kaemmerer, und stunden alle Geschaeft' in seiner Hand; auch was er forthin thaet gegen die Koenigin, haet er gut Recht, denn der Koenig haet ihn das vor geheißen. Er unterwand sich der Kammer, fuehrete dem Koenig Brangele zu Bett', und lag er bei der Koenigin. Dies war und ist die groeßte Betrieglichkeit, die Herr Tristan je thaet. Doch mag es rechtlich nicht Betrieglichkeit sein, dieweil Herr Tristan solches nicht aus eigenem Muthwillen noch Frevel gethan hat, sondern aus Schickung und Wirkung natuerlicher Kunst.

Als nun die Nacht ihren Lauf eines Theils vollbracht hatte, und sich wiederum kehrete gegen Orient, ging Brangele mit betruebtem Herzen und versehrtem Leib und Gemueth von dem Koenig hin zu Isalden, hieß sie aufstehen, und sich zu dem Koenig legen. Dies ward gethan mit unwilligem Muth, und war ihr viel zu fruehe, aufzustehen von Herr Tristanen: bei dem ließ sie ihr Herz und ging mit dem Leib zu dem Koenig. Also ward der Koenig betrogen und die Frau bei Ehren behalten.

Es blieb auch Herr Tristan ein ganzes Jahr an dem Hofe, gar unangemeldet und unvermerkt von jederman. Wie groß die Liebe war, so konnten sie es doch beiderseiten hehlen. Er redet' oft zu seinem Diener Kurnewal: »Mich hat Wunder, wie ich solche große Liebe also leiden und gedulden moeg', und der schoenen Isalden nicht staets beiwohnen soll, die doch mein Herz und Gemueth allezeit gar bei ihr hat und regieret, wie sie selber will. Wahrlich, Kurnewal, glaubt mir, ohne Zweifel, sollt' ich sie nur einen Tag nicht sehen, ich wuerde krank; sollt' ich aber zween Tage von ihr sein, so mueßt' ich sterben.« Nun war auch die Frau gleich so sehr verwundet, als er; denn sie hatten beide eine Krankheit.

 

Das zwanzigste Kapitel

Wie die Koenigin ihre getreue Brangele befahl zu toedten, und doch nicht geschah.

Nicht lange darnach bedachte die Frau ihr Wesen, Herr Tristans halben, und fiel ihr bei, Brangele moechte solches von ihr sagen und offenbaren, deß sie doch wohl sicher war, und wollte ihr mit dem Tod lohnen. Sie schickte nach zweien armen Gesellen, gab ihnen sechzig Mark Silbers, und weiset' ihnen einen Brunnen in einem Garten, und befahl ihnen bei ihrem Leben, wer mit einem gueldenen Trinkgefaeß zu dem Brunnen kaem', es waere Mann oder Weib, den sollten sie toedten und sollten ihr die Leber zu einem Zeichen bringen. Die zween gelobten der Frauen, das also zu thun, nahmen das Silber, und wurden deß sehr erfreuet. Die Koenigin aber legete sich nieder, und klagete sich sehr; und begehrete von der Brangele deß Wassers aus dem Baumgarten. Die getreue Brangele ward betruebet um ihrer Frauen Krankheit, nahm ein guelden Trinkgefaeß, nach Geheiß ihrer Frauen: sie wußte aber nicht den verborgenen Mord und Untreu' ihrer Frauen, oder daß sie jetzt sterben sollt', und ging zu dem Brunnen. Als sie des Wassers schoepfen wollte, traten die zween herfuer, griffen sie an, und sagten ihr, sie mueßte sterben. Brangele erschrak deß ohne maßen sehr, und sprach: »Ihr Herren, was soll das sein? Was meinet dieses Ding und groß Unbild? Es sei denn das: Da wir von Irland in dieses Koenigreich fahren sollten, da gab uns meine alte Frau, ihre Mutter, zwei weiße Hemden, gleich rein; und sie sollte die erste Nacht in ihrem Hemd bei dem Koenig liegen. Ihr Hemd ward zertrennt und zerbrochen, daß sie es mit Ehren bei dem Koenig nicht mocht' anhaben: da war das meine noch ungetragen, ganz und neu. Sie erbat mich mit großer Bitte, verhieß mir so viel Treu' und Freundschaft, daß ich ihr mein Hemd liehe nur die einige Nacht, daß sie mit Ehren in dem Hemd bei dem Koenig schlafen moechte. Wiewohl ich solches ungern thaet, jedoch bewegete sie mich mit ihrer Bitt' und Verheißung, daß ich es ihr zuletzt lieh. Ich weiß ihr sonst nichts mehr zu entbieten, denn: in derselben ersten Nacht, als sie bei dem Koenig lag, ward mir mein Hemd verwuestet. Dies saget' ihr von mir; denn ich weiß nicht, das ich gehandelt, damit ich den Tod verschuldet haette.« Durch solche ihre Klag' und Unschuld wurden diese zween Maenner in Erbarmung beweget, und redeten zu einander: »Was ginge uns fuer Noth an, daß wir das weiblich Bild ihres Lebens beraubten? Wir moechten es nimmer ueberwinden; ja wir kaemen auch von allen unsern Ehren, wo man solches von uns innen wuerde. Wir wollen uns an ihr nicht beflecken.«

Dieweil sie also mit einander redeten, lief ein Hund ungefaehrlich fuer: den ertoedteten sie, und nahmen die Leber von ihm. Mit der ging der eine gar heimlich zu der Koenigin und saget' ihr die Geschichte. Sie hieß ihn großen Dank haben, und fraget', ob ihnen Brangele nichts gesagt haette? Er sprach: »Ja«, hub an, und sagt' ihr von Wort zu Wort, was sie ihr entboten, und was sie geredet haette. Da die Frau nun hoerete, merkt' und verstund die große Lieb' und Treue, so Brangele zu ihr haette, daß sie auch in ihren großen und letzten Noethen nichts geoffenbaret haette, thaet sie sich selbst hassen und feinden, und sprach: »Nun muß es Gott erbarmen, daß ich den Tag je erlebt habe! Was soll ich Arme nun thun, daß ich mich selber also gefaelschet und solchen Mord begangen habe?« Sie ward so gar betruebt und bekuemmert, daß sie ihrer selbst ganz vergaß, und klaget' auch so sehr, daß der Gesell, der die Maehr brachte, gleich still stund, und sah sie mit Wunder an. Als er aber solches großes Leid und Reue an ihr sah, mocht' er sich nicht laenger enthalten, und sprach: »Frau, troestet euer Gemueth: Brangele lebt und ist nicht todt. Ich durfte es vor nicht sagen, denn ich besorget', es waere euch leid; wollet ihr, daß ich sie bringe, so will ich es thun.« Die Frau sprach: »Moechtest du mir sie lebendig wieder bringen, darum verheiße ich dir, dich reich zu machen.« Dieser ward solcher Verheißung froh, ging hinweg, und sagt' es seinem Gesellen. Also nahmen sie Brangelen mit ihnen, und fuehrten sie zu der Koenigin, in ihre Kammer.

 

Das ein und zwanzigste Kapitel

Wie sich Frau Isalde wieder mit Brangelen versuehnet.

Als aber Brangele zu der Thuer einging, sprach die Koenigin also zu ihr: »Biß mir willkommen, mein liebes Weib, meine Frau, meine Koenigin, und du meine Gebieterin! Ich falle dir zu Fuß, ich suche deine Fueß', und begehre Gnade von dir um meine große Schuld.« Sie gab ihr so viel freundlicher Wort', und thaet große Verheißung, daß sie des Mords gegen sie vergessen sollte. Durch solches hoch Erbieten ward Brangele gesaenftet, und bat die Frauen, ihr auch zu vergeben, ob sie je etwas gethan haette, das sie sollte vermieden haben. Indem wurden sie beide vor Leid und auch vor Liebe stumm und ungespraechig, fielen unversonnen nieder, und lagen lange, bis sie wieder zu Sinnen kamen. Da stunden sie auf, und versoehneten ihren Neid. Es war dazumal niemand bei ihnen, der ihnen geholfen haette; denn die zween Gesellen gingen gleich hinweg, als sie Brangelen wieder zu der Frauen brachten.

Herr Tristan war nicht anheim, da sich diese Sache verlief, sondern er war um Kurzweile mit dem Koenig in den Wald beizen geritten. Alsbald er aber kam, ward ihm die Sache durch Kurnewalen angezeiget. Da ward Tristan sehr leidig und zornig, ging zu der Koenigin, und strafete sie hart mit Worten um ein solch fuergenommen Uebel und Bosheit.

 

Das zwei und zwanzigste Kapitel

Wie Herr Tristan feindlichen gegen den Koenig verklagt ward.

Indem begab es sich, daß Herr Tristan sehr verwundet ward, doch ohn' alle Schwert, und geschahe das durch einen Herzogen, mit Namen Auctrat, und vier Grafen die auch an dem Hofe waren. Diese fuenf Maenner fielen in solchen großen Neid und Haß gegen ihn, daß es ohne Maaß war, und um nichts anders, denn daß Herr Tristan so gar tugendlich und frommlich lebet' und zu aller Zeit das Beßte thaet mit mannlicher That und allen Dingen, und darum, daß er jedermann so angenehm, und fuer sie alle fuergezogen und gepreiset ward. Dieser obgenannte Herzog Auctrat war Herr Tristans geborner Freund; denn sie waren zweier leiblichen Schwestern Soehne, so daß er ihn billiger haette lieb gehabt, denn gefeindet. Als er nun staetiglich darauf gedachte, wie er Tristanen verleumden und dahin bringen moechte, daß ihm der Koenig unguenstig wuerde und ihn vom Hof thaete, kehret' er allen Fleiß fuer, ob er irgend eine Ursache haben moechte. Durch solchen seinen Fleiß und Nachforschung erfuhr er zuletzt, daß er, Herr Tristan, die Koenigin lieb haette. Als er das gewahr ward, freuet' er sich in ihm selbst, ging zu seinen Gesellen, beredete sich mit ihnen, dem Koenig diese Geschichte zu offenbaren.

So nahm er zu ihm die vier Grafen, seine Mitgesellen in aller Boeslistigkeit und Verwegenheit, ging zu dem Koenig, und sprach: »Herr, ich muß euch ein Ding sagen, das mir doch zu schwer ist. Jedoch, daß ihr mich nicht verdenket, daß ich's aus Ungunst thue, so wissen es ihrer vier also wohl, als ich; Tristan hat euch gehoehnet, ist euern Ehren faehrlich, und buhlet euer Weib; darum soll er billig sein Leben verlieren; denn der Schanden ist gar zu viel, die er euch taeglich thut, und mehret sich von Tag zu Tag.« Hierauf antwortete der Koenig: »Schweiget, und lasset mich solche Rede nimmermehr hoeren; ihr gleichet euch selbst den Todten, daß ihr dem draeuet, den ich lieb habe und Gutes goenne. Tristan soll vor euch wohl genesen, wie ihr ihn neidet.

Mit diesen Worten schied der Koenig von ihnen ab, zornig und unmuthig, und wollte nun zu Ruhe gehen: Ach Wehe! da fand er Tristanen vor dem Bette stehen, die Koenigin in seinem Arm ganz freundlich umfangen, und sah, daß er sie kuessete. Da erschrak er ohne maßen sehr, und hub jetzt an Tristanen zu feinden, und sprach in großem Zorn: »Tristan, das ist eine boese Freundschaft und ist ein Laster, das dir und mir zu viel wird; denn wo ich nicht mehr bedaechte, was mir meiner Ehren halb zu thun waere, du kaemest mit gesundem Leib keinem Mann mehr zu seinem Weib. Ich wollt' es nie glauben, wie viel und oft man mir das saget: O, wollte Gott, daß ich ihnen gefolget haette! Ich hab' aber nicht gedacht, daß du so ein untreuer Mann gewesen seiest. Bald hinweg ab meinem Hof, und danke Gott, daß ich dir dein Leben lasse!«

Hiemit schied Tristan ab, traurig und mit klaeglicher Noth. O des sehnlichen behenden Scheidens, so da geschah, da sich die zwei Liebhabenden ungesprochen mußten scheiden! Herr Tristan ging in seine Herberge. Als er bedachte, daß er das Land raeumen sollt', und nicht zuvor Urlaub nehmen von seiner Allerliebsten, und sollt' ihrer forthin ganz beraubet und von ihr geschieden sein, wollte ihm sein Herz zerbrechen; ihm ward auch so wehe, daß er meinet', er mueßte gewißlich sterben. Deßgleichen war auch der Koenigin; die litt wohl zweifaeltige Noth. Herr Tristan war ihr also lieb und zu Herzen gebunden, daß sie nichts anders begehrte noch gedachte, denn an ihn; und darum waere sie gar viel lieber todt gewesen, denn daß sie ohn' ihn sollte leben. Und kurz zu sagen, sie wurden beide krank, und lagen in großer schwerer Sucht. Es getrauet' auch ihrer keines zu genesen ohne des andern Beiwohnen. Dem Koenig ward gesaget, wie Herr Tristan krank waere. Der Koenig sprach: »Das bekuemmert mich nicht; denn er hat ungetreulich an mir gethan, darum lasse ich's ein Ding sein.«

O Brangele, getreue Helferin, gib Rath und thue Huelfe, damit sie zusammen kommen, und nicht so jaemmerlich in ihren Noethen verderben! – Brangele hub sich auf, und ging heimlich zu Herr Tristanen, als sie denn vormals oft gethan hatte. Als sie darkam ruehrete sie die Thuer gar leise. Kurnewal ging herfuer, und ließ sie hinein. Herr Tristan, der kranke Mann, empfing sie, und fragete, wie sich die Koenigin gehueb', und wie es ihr ging? Brangele saget' ihm: »Sie gehabt sich recht uebel, doch um eurentwillen, denn moechte sie euch sehen und mit euch reden, und wuerde an den boesen laesterlichen Neidern gerochen, so gebraech' ihr nichts mehr. Scheidet ihr aber also von hinnen, so stirbet sie gewißlich.« Da sprach er: »Sage meiner Frauen, ich wolle sie sehen, und wolle solches durch niemands Draeuen noch Furcht vermeiden. Will sie nun zu mir gehen, so heiße sie in ihrer Kammer warten, bis sie den Spahn, daran ein Kreuz gemalet ist, siehet daher rinnen durch ihre Kammer: so soll sie kommen in den Baumgarten; daselbst wird sie mich finden bei dem Brunnen des Flusses, so durch ihre Kammer fleusset. Das sage meiner lieben Frauen.« Brangele nahm Urlaub, ging hinweg, und bracht' ihrer Frauen liebe Maehre, davon sie bald gesund ward.

 

Das drei und zwanzigste Kapitel

Wie Herr Tristan und die Koenigin zusammen kamen des Nachts in dem Baumgarten.

Um die Losung hatte es eine solche Gestalt: Es war ein schoener Baumgarten, gleich an der Koenigin Kammer, darin entsprang ein Brunnen, darob stund eine große Linde. Derselbige Brunnen haet seinen Fluß gerichts durch der Frauen Schlafkammer, und wenn sie nicht redhaft mit einander werden mochten, so ging Herr Tristan zu dem Brunnen, brach der Blaetter von der Linden, darauf leget' er den Spahn mit dem gemalten Kreuz, das floß dann durch der Frauen Kammer, die thaet solcher Botschaft bei dem Fluß warten.

Als nun die Losung gegeben ward, kamen sie zusammen, ehe es Mitternacht war: da ward abermals ein Theil ihrer großen Noth gesaenftiget. Sie blieben da, als lange die Zeit verhaenget'; es war aber gar eine kurze Zeit, die ihnen verliehen ward, nach ihrem Begehren zu rechnen. Sie wurden deß beide frisch und gesund, ehe sie sich schieden, und ward vergessen aller vorigen Klage, so sie gehabt hatten. Darnach kamen sie durch solche ihre Losung zusammen als oft sie geluestet', ungeirret aller Neider und Aufseher. Zu morgens lag Herr Tristan dennoch, als ob er krank waere, und sagt' es niemand, welchen Arzt er gehabt haet, und klagete sich so hart, als ob er todt krank waere. Er ging aber nichts desto weniger zu der Frauen, so es die Zeit begab.

Damit wurden den neidischen Aufsehern die Augen verhalten, daß sie noch nicht fuer wahr wußten, wie ihm war, und redeten mit einander: »Tristan hat meine gnaedige Frauen lieb.« Einer sprach: »Ja.« Der andere: »Nein.« Der dritte sprach: »Ich zweifele daran; doch wollt' ich gern die Wahrheit wissen.« Auctrat, ein Fuerst der Boeslistigkeit, der sprach: »Das will ich uns wohl erfahren. Es ist ein Zwerglein nicht fern von hinnen, das kann kuenftige Ding' an dem Gestirn sehen; wir wollen demselben so viel Guts geben, daß es uns die Wahrheit sage.« Der Rath gefiel ihnen allen wohl, und wurben um das Maennlein. Der boese Volland, das Zwerglein, begunnt' an das Gestirn zu sehen, und sprach: »Meine gnaedige Frau hat Tristanen lieb, und will mein Herr, der Koenig, ich lass' es ihn selbst sehen, daß ich wahr sage. Herr Tristan ist faelschlich krank; befindet sich das anders, so heißet mein Haupt abschlagen.« Mit den Worten brachten sie das verfluchte Maennlein fuer den Koenig, und sagten ihm die Geschichte. Das kleine Boeswichtlein sprach zum Koenig: »Herr, wollt ihr die Sache selbst befinden, so reitet mit dem Hofgesinde in den Wald jagen, und saget meiner gnaedigen Frauen, ihr woellet sieben Nacht außen sein: so laesset sie es nicht, sie sagt das Herr Tristanen; der wird dann zuhand gesund und bald so kuehn, daß er keiner Furcht nicht achtet, und gehet zu der Frauen. So es denn Nacht wird, so lasset das Hofgesind' an den Enden, und gehet ihr mit mir: da werdet ihr sehen, wie die Sach' um sie beide gestalt ist.«

Der Koenig thaet das alles nach Geheiß des schnoeden Maennleins. Als die Nacht kam, stiegen sie auf die Linde, die ob dem Brunnen war. Der Mond schien dieselbe Nacht hell, daß sie wohl mochten sehen alles, das da geschah.

Sie stunden nicht lang auf dem Baum: Herr Tristan ging daher, brach der Blaetter von dem Baum, legte den Spahn mit dem gemalten Kreuz darauf, und warf das in den Brunnen. Als er dieses gethan hatte, sah er den Schein von den zweien Mannen ob ihm in dem Brunnen; deß erschrak er zumal hart, und gedachte: Es ist kein Zweifel, nun muß ich sterben. O, wueßte meine Frau die Koenigin diese Hut, die uns gethan ist! O, daß du nicht her kaemest! denn deine Noth gehet mir mehr zu Herzen, als mein selbst Sterben. Doch saß er stille, ließ sich gar nichts merken, und sah auch nicht ueber sich. Die Koenigin aber haet mit Fleiß der Losung gewartet; und als sie die fand, ging sie eilend zu ihrem allerliebsten Liebhaber.

Herr Tristan stund nicht auf, als die Koenigin das von ihm gewohnet war, und winket' ihr heimlich, als viel er mochte. Die Koenigin gedachte: Ach, reicher Gott, was ist diesem Juengling, daß er nicht aufstehet und gegen mich gehet, als er vor gethan hat? Indem merkete sie das Winken, und stund bei dem Brunnen still: da sah sie den Schatten von denen, die auf der Linden aufsahen. Sie ließ sich nichts merken und stellete sich, als ob sie die nicht wueßte; da ließ die Frau ihre Weisheit scheinen, und sprach mit großen Listen: »Warum soll ich her zu dir, oder was begehrest du?« Er antwortet', und sprach: »Frau, da bitte ich, daß ihr mir helfet um meines Herren Hulde, daß er mich an seinem Hofe bleiben lasse, in solcher maßen, als vor; angesehen die große Unschuld, so ihr denn selbst wohl wißt, und daß sich die Sachen ungefaehrlich und ohn' Uebel verhandelt haben.« Sie sprach: »Du sollt wissen, daß ich dir nicht dazu helfe noch rathe, und auch recht gern sehe, daß dir dein Herr feind ist; denn ich bin von deinetwegen in ein Gerede kommen, ohn' alle Schuld. Da sprach Herr Tristan: »So muß ich von hinnen reiten. Wie wenig mein Herr das klage, doch weiß ich, daß er den Schaden nimmer ueberwindet, so ich mit Unwillen aus seinem Lande reite: mein wird vielleicht etwann Rath, ich komme auch, da man mir's wohl erbeut, und da mich andere Leut' auch ehren, lieb und werth haben.

Mit diesen Worten ging die Frau hinweg, wieder in ihr Gemach. Herr Tristan stund auch auf; und sprach: »Nun muß Gott erbarmen und geklagt sein das große Unrecht, das mein lieber Herr an mir thut!« Und ging damit zu seiner Herberge.

Als er aus dem Baumgarten kam, mochte sich der Koenig nicht laenger enthalten, zog sein Schwert aus und wollte das Zwerglein erstochen haben: da fiel es von dem Baum, und kam leider davon.

 

Das vier und zwanzigste Kapitel

Wie der Koenig die Koenigin und Brangelen sehr bat, daß sie Herr Tristanen wieder an Hof braechten.

Der Koenig erwartete des Tages kaum. Als es Tag war, ging der Koenig zu der Frauen, bat sie fleißiglichen, daß sie ihm sagete, was sie mit Herr Tristanen in dieser vergangenen Nacht geredet hatte? Sie sprach: »Lieber Herr, ihr moechtet mich dieser Rede wohl ueberheben; ich sah ihn in zwoelf Tagen nie, und will ihn auch forthin nimmermehr sehen, es geschehe denn ohne Dank: mir ist wohl so viel Unmuts und Leids von seinetwegen entstanden.« Der Herr sprach: »Frau, du sahest ihn fuerwahr hint' in dieser Nacht, und ich war auf dem Baum, darunter ihr miteinander redetet und einander sahet, da hoeret ich euer beider Rede: das lasse dich nicht betrueben, meine Fraue, und helfe mir durch deine Frommkeit, daß Herr Tristan hie bei mir bleibe; ich will ihm unterthaenig machen alles, das ich habe, deß soll er gewaltig sein.« Die Frau sprach: »Um den kuehnen Helden helfe ich euch nicht; denn hinte, da ich ihn sah, schieden wir mit Zorn; ich bitt' auch ihn darum nicht; denn mir ist lieber, er werde vertrieben, denn es moechte vielleicht dazu kommen, daß ihn euere Diener aus Neid abermals verluegen moechten, als sie vorhin gethan haben; so wuerde meine Schmach dadurch gemehret und so viel groeßer. Der Koenig sprach: »Du darfest ihm wohl zusprechen, und ich gebe dir ganze Gewalt, und sollt ihn nicht vermeiden; und gebe dir dann auch noch mehr: daß Tristan heimlich und bei dir sei, als oft und wie dich geluestet. Da er dich kuessete, das nahm ich fuer anders, denn ich sollt', und zuernete zu sehr darum: das soll mir nimmermehr geschehen; denn ihr habt mir beide erscheinet und beweiset, daß ihr unschuldig seid, mich mit Treuen meinet, und solches von meiner Liebe wegen gethan habt. Darum bitt' ich dich fleißig, daß du helfest und rathest, daß Tristan bei mir bleibe.« Hierauf antwortete die Frau: »Ich bitte ihn in keinem Wege darum; wollt ihr ihn aber wiederhaben, so bittet Brangelen, daß sie durch euere Liebe euch wieder um den Helden werbe: ich meine aber, sie thue es gleich so ungern, als ich.«

Der Koenig bat und vermahnete Brangelen auch sehr, daß sie durch all ihre Guete beholfen waere, damit Tristan bliebe. Der Koenig war sehr betruebet, bat Brangelen mit großer Bitte, verhieß ihr zu geben großes Gut, daß sie Fleiß thaet', ob sie den Held am Hofe behalten moecht', und hieß ihm sagen, alles, das er ihm zu leid gethan haette, wollte er ihm schoen ergetzen; er sollt' auch sein Bette heißen setzen in der Koenigin Schlafkammer, daß er forthin frueh und spat mit der Koenigin sein moecht' ohne maenniglichs Irrung.

Brangele saß auf, ritt in die Stadt, in Herr Tristans Herberge, und saget' ihm diese Botschaft, die er gar guetlich aufnahm; sie mochte ihm deß auch gar leicht erbieten, das er gern thaet.

Sie ritt wieder hinweg, sagete dem Koenig, wie sie ihn ueberredet haette mit großer Muehe und Bitt', und wie gar ungern er das gethan haette. Also trieben sie mit Listen zusammen, daß Herr Tristan wieder an den Hof kam.

Als nun Herr Tristan wieder zu Hulden und Freundschaft kam, hieß er Kurnewalen sein Bette tragen und setzen in der Frauen Kammer, nach Geheiß und Geschaeft des Koenigs, und mochte nun wohl mit Freuden verschmerzen, was ihn durch Neiden zu Leid geschehen war; denn er mochte nun bei und mit der Koenigin sein, nach allem Willen und ihrer beider Begierde. Dies waehret' auch etwann eine gute Zeit, daß sie keiner Freude mangelten; und obschon etwas von den Neidern geredet ward unter ihnen selbst, so durften sie es doch nicht fuer den Koenig bringen.

Einsmals begab sich's, daß Thinas, des Koeniges Truchseß und Herr Tristans allerbeßter Gesell, ritt auf die Jagd zu demselben Walde, da fand er das leidige Zwerglein. Als er das sah, fraget' er, was er in diesem Walde thaete? Das Betriegerlein klaget', es haette des Koenigs Huld verloren; es saget' aber nicht, warum. So wußte auch nicht Thinas die Geschichten, so sich verhandelt hatten, und sprach: »Ich will dir meines Herren Zorn legen.« Haette er aber die Schuld des schalkhaftigen Maennleins gewußt, er haette es mit seiner eigenen Hand gehenket. Das war ihm leider verborgen und unwissend; darum fuehret er das Boeswichtlein mit ihm, und bracht' es wieder in des Koenigs Huld.

In dieser Zeit begab es sich, daß die Neider großen Verdruß daran hatten, daß Herr Tristan so lange in Gnaden war, und ihm alle Dinge so ganz nach seinem Willen ergingen. Auctrat thaet abermals mit dem Maennlein reden, und schwur bei seinem Haupt, wo es ihnen die Wahrheit nicht gesagt haette, so mueßt' es sterben. Satanas redet' abermals aus dem verfluchten Zwerglein, und sprach: »Von welchen Listen das geschehen sei, daß wir die Wahrheit nicht finden koennen, das weiß ich nicht: aber daß Tristan die Koenigin lieb hat, daß weiß ich gewißlich; und wenn mir mein Herr, der Koenig, folgen wollt', ich wollt' ihm weisen, daß er nimmermehr moechte betrogen werden. Aber er ist mir nicht mehr so guenstig, als vorhin, und vertrauet mir nichts mehr.«

 

Das fuenf und zwanzigste Kapitel

Wie Herr Tristan abermals verrathen und bei der Koenigin in der Kammer verhuetet und gefangen ward.

Als nun die Neider solche Rede von dem Zwerglein gehoeret hatten, gingen sie abermals zu dem Koenige, und sagten ihm so viel vor, mit Unwahrheit und mit Wahrheit, bis sie ihn dazu brachten, daß er sich deß verwilliget', und sprach: »Ich will es abermals versuchen: ist's aber, daß er unschuldig ist, deß ich Gott getraue, Gesell Zwerge, so mußt du in dem Feuer verbrennen.« Das ungeheuer Zwerglein sprach: »Herr, wo das nicht also sei, als ich sage, so leide ich, was mir darum geschieht. Denn wollt ihr mir folgen, so saget zu Tristanen, er solle euch eine Reise thun, dazu euch niemand so tauglich sei, als er, und habe nicht laenger Verzug, denn auf morgen; er werde auch nicht laenger, denn sieben Nacht außen sein; bietet ihm eures Dienstes und Gute: so mag er nicht lassen, er muß die Koenigin sehen noch hint' in dieser Nacht, ehe er von dannen scheidet; so will ich mit weißem Mehl den Estrich zwischen der zweier Bette bestreuen, und so er darein tritt, so mag er nimmer laeugnen, noch uns mit keiner List betriegen. Auch will ich unter dem Bette verborgen sein, und so ich ihn dann hoere gehen, will ich euch wecken. Vor allen Dingen sollt ihr hundert Mann haben vor der Thuer; denn Herr Tristan ist freudig und stark; sonderlich sollt ihr auch die Thuer niemandem befehlen, denn Auctrat und seinen Gesellen: ihr gewinnet dennoch alle zu schaffen, ehe ihr den Helden fahet. So er aber die Koenigin hinte vermeidet und nicht zu ihr gehet, so heißet mir mein Haupt abschlagen.« Als nun der Rath beschlossen und Tristan verrathen war, sprach der Koenig zu Auctrat und seinen Gesellen, daß sie der Thuer pflegen sollten, und bestellten die andern auch, der sie bedurften.

Als es nun schier Nacht ward, redete der Koenig zu Herr Tristanen und bat ihn mit großer Bitte, zu Koenig Artus zu reiten, und so er wiederkaeme, wollte er ihn forthin ungemuehet lassen; und sprach: »Lieber Neffe, morgen, so es allererst taget, so sollst du auf sein, und mir sagen, so will ich dir die Botschaft befehlen.« Herr Tristan verwilligete sich, die Sach' auszurichten; er wußt' aber leider den verborgnen Mord nicht, der ihm da zugerichtet war, und sprach: »Herr ich thue das gern; wohin ihr mich schicket, und wo ich euer Frommen schaffen mag, ist es mir nicht zu fern, und sollt' ich auch zu Fuß dargehen.«

Als sie nun alle zu Bette waren, und die Neider ihres Amts auch warteten, gedachte Herr Tristan an sein Hinwegreiten, und wollte die Koenigin sehen, und von ihr Urlaub nehmen: da sah er, daß der Estrich mit Mehl bestreuet war. Er gedachte: Was haben sie gesaeet? Fuerwahr, es hilft alle ihre Hut nicht, ich will meine Frau sehen, was mir halt darum geschieht.

Indem wollt' er zu der Frauen Bette gehen; seine Listigkeit lehret' ihn aber einen andern Sinn, wie er sollte von einem Bett' in das andere springen; als er auch thaet, und sprang also sehr, daß sich seiner vor geheilten Wunden eine wiederum aufriß, und ward die Koenigin mitsammt ihm voll Bluts. Da rufete der Teufel mit lauter Stimm' aus dem Zwerglein (das ihm Gott nimmermehr helfe!): »Wohl auf, Herr, nun moeget ihr Tristanen fahen, er ist jetzt bei der Koenigin!« Herr Tristan waere dem Tod gern entflohen, und sprang wieder in sein Bett', aber mit dem einen Fuß sprang er zu niedrig und trat in das Mehl. Der Koenig und die Seinen waren bald auf, fingen Herr Tristanen und banden ihm seine Haende laesterlichen auf den Ruecken, als einem Dieb und schaendlichen Mann. Solches aber war jedermann an dem Hof leid, ohn' Auctrat und seinen Gesellen.

Der Koenig ward dieser Geschichte zumal sehr betruebet, und fing einen solchen grimmen Zorn wider Tristanen und die Frauen, daß er vor Zorn und auch vor Leid nicht wußte, was Tods er ihnen beiden anthun sollte, daß man auch forthin in aller Welt davon sagen moechte. Hierauf fraget' er seine Raethe, welches Tods sie sterben sollten, der ihnen auch am allerunehrlichsten waere? Auctrat, ein Fuerst aller Bosheit und des Lasters, sprang herfuer, gab das erste Urtheil, und verurtheilte Herr Tristanen auf ein Rad, als einen Moerder, das er doch nicht war, und die Koenigin sollte man verbrennen auf einer Huerden, damit sollte sie bueßen den Mord, so sie gethan haette.

Dem Koenig war die Nacht sehr lang, und er wartete kaum, bis der Tag kam, daran er diesen Dingen ein Ende machet', als ihm gerathen war. Als der Tag kam, ließ er Wehe! schreien, in all seinem Land, und was man fuer Leute daheim fuende, daß sie alle zu Gericht sollten kommen; ihnen ward aber angezeiget, warum das Recht sein wuerde.

 

Das sechs und zwanzigste Kapitel

Wie Herr Tristan und die Koenigin zu dem Tode verurtheilet werden.

Darnach, als es noch frueh war, ritt der Koenig aus der Stadt, an das Gericht zu sitzen, vor allermaenniglichen Angesicht, und war vor Zorn und auch vor Leid verwundet und nahe ganz unsinnig, also, daß ihn niemand etwas bitten durfte.

Nun waren diese Dinge dem getreuen Truchseß, Herzog Thinas, verhalten gewesen, und hatt' auch nichts darum gewußt; denn haett' er es gewußt, es waere hiezu nicht kommen; denn er hatte Tristanen also lieb, als seinen eigenen Leib. Als nun diese Sachen offenbar waren, und Thinas auch zu dem Gericht wollte, nicht um Urtheilens willen, sondern, ob er ihnen beiden davon helfen moechte, ging er zu dem Koenig, fiel ihm zu Fuß, und bat bittlich und mit großer Bitt' und Fleiß. Der Koenig ward durch solche Bitt' und Anstrengung noch mehr erhitziget und erzuernet in dem Zorn, und brannte gleich als eine Flamme, und saget' ihm zu, daß keine andere Gnade da waere, denn daß sie sterben mueßten. Als der fromme Herzog Thinas sahe den großen Ernst und brennenden Zorn, durft' er nicht fuerbaß mehr reden, und schied da ab von dem Koenig, ganz betruebet, mit großem Herzenleid: ihm moechte sein Herz zerbrochen sein, da er Tristanen nicht erledigen mochte. Er kehrete mit Jammer von dannen. Solche Geschichte war allen frommen Menschen leid, und hatten ein Mitleiden mit ihnen.

 

Das sieben und zwanzigste Kapitel

Wie Herr Tristan ausgefuehret ward, daß man ihn sollte richten, und er in eine Kapelle begehrete, Gott seine Suenden zu klagen.

Da nun Thinas also traurig und betruebet dannen ritt, fuehrete man Tristanen gegen ihn, mit gebundenen Haenden auf seinem Ruecken, als einen Dieb und Ueberthaeter: viel große Menge des Volks folgeten ihm nach. Als Thinas das sah, thaet er herzlich weinen, und schnitt ihm die Band' entzwei, und gebot denen, die ihn fuehrten, daß sie ihn ungebunden ließen, denn so er das Recht erhielte, moecht' ihnen das zu nutz kommen. Als er die Worte redete, kuesset' ihn Tristan mit weinenden Augen; denn er weinet' innerlich mit dem Herzen und Augen und stelleten sich beide so gar klaeglich, daß der mehrer Theil des Volks mit ihnen weinete. Die Herren, die Tristans pflagen, sie waren auch alle betruebet durch diese große Klage, so die zween Maenner fuehreten, und thaeten mit ihnen weinen.

Also fuehreten sie ihn fuer eine Kapelle. Tristan bat sie fleißig, daß sie ihn ließen in die Kapelle gehen, und sie dieweil hie außen blieben, bis er sein Gebet vollbraecht' und Gott dem Herren seine Suende beichtete. Da sprachen sie: »Was schadet es uns, daß wir seinen Willen thun? denn deß wird leicht gut Rath: die Kapelle hat nur eine kleine Thuer, der wir gar leichtlich hueten; so gehet an der andern Seiten die See mit wilder Flut an der Mauer hin, also, daß er uns nicht entrinnen mag.«

Also ließen sie ihn in die Kapelle gehen. Als Herr Tristan in die Kapelle kam, schloß er die Thuer gar wohl zu, und rufte zu Gott dem allmaechtigen und seiner werthen Mutter um Huelf und Gnade, daß sie ihm sein Leben fristeten; und stieg damit zu dem Fenster, brach es auf, und drang so hart, bis er sich doch zuletzt hindurch drang: er sprang in die See, und schwamm aus an das Lande und kam davon; er lief bei dem Wasser zu Thal und sah, oft hinter sich, ob ihm jemand nachliefe.

Indem war Kurnewal, sein getreuer und liebster Diener, von großem, herzlichem Leid gar nahe ganz unsinnig worden, jedoch ritt er aus der Stadt, fuehrete seines Herren Pferd, schoen gesattelt, und sein Schwert mit ihm, auf Meinung, ob Gott seinem Herren davon huelfe. Er gedacht' auch in ihm selbst: »Mein Herr ist listig, und findet etwann Wege, dadurch er davon kommet.« Also ritt er nicht fern: er sah seinen Herrn, und sie erkannten beide von Stund' an einander. Kurnewal ritt eilends dar, brachte seinen Herren auf sein Pferd, und sie wurden ihres Zusammkommens zumal hoch erfreuet. Herr Tristan guertete sein Schwert um sich, und stellete sich zur Wehr, ob ihm jemand nachreiten wuerde, daß sie zum Streit bereit waeren. Kurnewal sprach: »Herr, was mag uns nun gefaehrden? Wir wollen uns von hinnen machen; denn ich weiß wohl, alsbald der Koenig erfaehret, daß ihr entlaufen seid, so wird großes Nachsuchen werden.« Hierauf sprach Herr Tristan: »Ich will meinen Leib nicht von hinnen bringen, es sei denn, daß ich die Koenigin auch davon bringe, oder will den Tod mit ihr leiden.« Also ritt er in einen dicken Busch, besteckete sich und sein Pferd allenthalben mit Laub und Blaettern von den Baeumen, mit solcher Listigkeit, obschon der Koenig selbst fuer ihn gehen sollte, so waere er ihm so unbekannt gewesen, und ritt so nahe zu dem Gericht, daß er wohl sehen mochte, was da geschahe: man mochte ihn aber nicht sehen vor der Dicke des Laubs und auch des Busches, damit er besteckt war.

Die aber, so vor der Kapellen stunden, verlangete hart, da Tristan seinem Gebet so lange machte, und sagete je einer zu dem andern, sie sollten ihn herfuer fordern. Da sprang einer zu der Thuer, laut rufend: »Ihr muesset noch heut' euer Gebet lassen! Was ist's, daß wir so lang hie stehen? Es ist eine große Unmuße, und muß jedoch sein.« Es gab ihm aber niemand Antwort. Da wurden sie zornig, stießen die Thuer auf, und wollten ihren Muthwillen an ihm raechen. Da sie ihn nicht funden, kamen sie zu dem Koenige, und sagten, daß Tristan entlaufen waere. Der Koenig sprang vor großem Zorn und Leid auf, und sprach: »Wohlauf, Freund' und Mann, und helft ihn suchen! Wer ihn bringt, dem will ich so viel Schatzes geben, daß er ihm nimmer zerrinnt.« Durch solches Geheiß waren ihrer viel, die sich bald bereiteten, ihn zu suchen, ob sie ihn irgends finden moechten.

Es war auch solches Suchen etlichen leid, dieselben suchten mit Unwillen und Unfleiß; ihnen war auch lieber sein Entkommen, denn daß sie ihn funden haetten. Der leidige Auctrat suchet' ihm auch nach, aber er kehrete bald wieder um; denn er furchte, fuende er Herr Tristanen, so wuerde er solche Pfand von ihm nehmen, die er nimmermehr ueberwinden moechte: darum war ihm viel lieber, er fuende ihn nicht.

Als nun die Suchenden wiederkamen, und nichts funden, ward der Koenig betruebet, und wollte seinen brennenden Zorn an der Frauen erkuehlen, und draeuet' ihr sehr mit freventlichen Worten, er wollte ihre Liebe zerstoehren und ihr den Mord vergelten, so sie gethan haette. Und hieß sie damit hinfuehren, daß man sie verbrennet' auf einer Huerde.

 

Das acht und zwanzigste Kapitel

Wie der Koenig einem aussaetzigen Mann die Koenigin gab, der sollte sie seinen Gesellen heim fuehren, sie zu toedten.

Als man die Frau jetzt hinfuehrete, kam mit großer Eil' ein Herzog, der war aussaetzig, und rufete dem Koenig mit großer Bitte, daß er vernehmen wollte, warum er darkommen waere. Der Koenig hieß ihn reden; da sagete der Sieche: »Herr, ich hoere, die Koenigin muß sterben, und ihr wollt ihr gern einen laesterlichen Tod anthun. Nun beduenket mich, so sie verbrennet werde, so sterbe sie ohne Laster, denn ihr seid so reich und gewaltig, ihr moeget sie henken oder verbrennen, wie ihr wollet. Ich will euch aber einen Tod nennen, erstuerbe sie deß, so waer' ihr Laster tausendfaeltig mehr, denn, so ihr sie hie ertoedtet.« Der Koenig bat, daß er ihm sagte, was Tods das waere? Der sieche Herzog antwortete: »Herr, ihr sollt mir die Frauen geben, so will ich ihr das Leben nehmen mit einem bitterlichen und laesterlichen Sterben, denn je kein Mann erhoeret hat, und sage euch recht wie: ich will sie meinen Siechen bringen, der habe ich bei hundert oder etwas mehr, die muessen alle nach einander mit ihr zu schaffen haben und Unkeuschheit mit ihr pflegen; das kann und mag sie mit lebendigem Leib nicht erleiden, noch davon kommen, ob sie gleich zehen Frauen Staerke haette: das ist einer Koenigin der allerschmaehlichste und unehrlichste Tod, als er vor je erhoeret ist.« Der Koenig sprach: »Ihr habt wahr gesagt: wer thut mir aber Sicherheit, daß ihr sie also toedtet, als ihr geredet habt?« Der Herr antwortet': »Ich verheiße euch das so theuer, als ich immer soll: so ich die Frauen bei Leben lasse, daß ihr mich und meiner Soehn' einen heißet henken, oder sonst ertoedten, wie ihr wollet, und alle meine Siechen dazu.«

Auf solche Geluebde gab ihm der Koenig die Frauen, und vermeinet', er haette sich gar wohl an ihr gerochen. Der sieche Herzog aber ward sehr froh, daß er eine solche schoene Frauen mit so leichter Bitt' erworben haette; er nahm sie fuer sich auf sein Pferd und ritt damit hinweg.

 

Das neun und zwanzigste Kapitel

Wie Herr Tristan dem aussaetzigen Herzog die Koenigin nahm und mit ihr davon kam.

Des aussaetzigen Herren Weg lag gleich, daß er fuer Herr Tristanen reiten mußte. Kurnewal erkannte die schoene Isalde, oder die Koenigin von ferne, und sprach: »Ich sehe meine Frau dorther fuehren.« Da das Herr Tristan gewahr ward, klaget er mit ganzem Herzen, daß ein unreiner, aussaetziger Mann mit seiner Hand den reinen Leib beruehren sollt', und ward dadurch zu grimmigem Zorn beweget, und verritt diesem den Weg. Als er nun gar nahe neben ihn kam, nahmen sie die Pferde gar freventlich unter die Sporen, und vermeineten sich an ihm zu raechen; als sie auch thaeten. Mit großem grimmigem Zorn hauet' er den Herzogen, der die Frauen fuehrete, in mitten von einander, daß das Obertheil des Leibes todt zu der Erden fiel; danach schlug er unter die anderen Siechen, er und Kurneval, daß nicht mehr, denn einer davon kam.

Hiemit nahm er die Koenigin, seine allerliebste Fraue, gar freundlich in seinen Arm, und umfing sie gar lieblich und freundlichen, daß ich davon nicht sagen kann. Doch hatten sie keine Zeit da zu bleiben, sondern mit sehr schneller Flucht eileten sie von dannen, und kamen in einen großen Wald.

Der Sieche aber, der genesen und davon kommen war, kam zu dem Koenig, saget' und klagete ihm, daß sein Herr und die andern alle erschlagen waeren, und die Frau genommen und weggefuehret, und daß Herr Tristan das gethan haette. Da der Koenig das hoerete, da stellet er sich so gar zorniglichen, daß es ein Wunder ist zu sagen, und bat alle seine Freund' und Ritterschaft, daß sie wollten auf sein und nachsuchen.

Als sie nun fern und nahe allenthalben in dem Lande gesuchet hatten, und doch nicht funden, kamen sie wieder zu dem Koenige; der fragete zu Stund', ob etwann einer unter ihnen allen waere, der Tristanen gesehen haette? Sie antworteten alle: Nein, und wueßten ihn auch nirgends mehr zu suchen. Das klagete der Koenig so sehr und hoch. Dieweil er also zornig und wuethend hin und her ging, sahe er einen Bracken angebunden, und aus der maßen sehr zappeln und wuethen. Der Bracke hieß Uctant, den hatte Herr Tristan gar lieb, fuer alle andere Hunde; denn er war sein und er hatte ihn erzogen. Der Koenig fraget' einen Knaben, weß der Hund waere, der also frischlich und ernstlich zappelte? Der Knabe saget' ihm, es waere Tristans Birschbracke. Zuhand gebot er dem Knaben, daß er den Hund henken sollte, wo er ihn aber leben ließe, so wollt' er ihm die Augen lassen ausstechen.

Dieser Knabe nahm den Bracken und ritt mit ihm von dem Wege. Es war ihm aber inniglichen leid, daß er ihn ertoedten sollt', und setzet sich fuer, er wollte sich ehe des Landes verzeihen, ehe er den Hund ertoedten wollte; denn er hatte Herr Tristanen sehr lieb; er ließ den Bracken laufen, wo er wollt', und er ritt heim. Der Bracke Uctant lief nach der Spur seines Herrn und kam gerichts in den Wald, darinnen Tristan war. Der hoerete den Hund von ferne bellen und nachjagen; da erschrak er ohne maßen sehr, und sprach zu Kurnewal: »Nun muessen wir sterben; denn ich hoere meinen Bracken, mit dem faehret man uns nach: darum rathe, was wir thun sollen; denn ich kann nicht erdenken, wohin wir kehren sollen. Wir moegen ihnen nicht entreiten, noch entlaufen; aber wir wollen mit Ehren mit ihnen streiten und unsern Leib so frischlichen an sie wagen, daß ihre Weiber daheim das Nacheilen beweinen sollen.« Kurnewal sprach: »Herr, das ist uns kein nuetz; sie sind gewappnete Leute, wir moegen ihnen nicht gleich fechten, es ist uns ihrer zuviel. Nun will ich allein diese Noth fuer uns leiden, reitet ihr in den Wald, da ihr genesen moeget, und nehmet die Frauen mit; denn mit dem Bracken, damit man uns nachfaehret, will ich wohl bewahren und fuerkommen, daß man nicht weiter damit suchen noch nachjagen mag.« Herr Tristan aber sprach: »Ich will mein Leben mit Ehren verlieren, oder meine Frauen davon bringen.« Kurnewal der getreue Diener sah oft hin und wieder, wie nahe der Bracke waere, und hielt mit zornigem Muth bei einem Baum, denn es war ihm leid, daß sein Herr nicht fliehen wollte, und nahm wahr, wo der Bracke her kaeme, und setzte sich fuer, daß er den Bracken und die, so ihn fuehrten wollte zu Tode schlagen: da kam das gute Huendlein, allein auf der Fahrt nachjagend. Da Kurnewal das sah, ward er wiederum sehr und hoch erfreuet, und sprach dem Bracken zu, der auch froh war, daß er ihn funden haet. Kurnewal vergaß all' sein Leid, nahm das Huendchen zu sich auf sein Pferd, und ritt mit Freuden in den Wald nach seinem Herren. Er hatte aber der Spur verfehlt, und schwieg auch der Bracke stille, der hatte vor staetiglich ohn' Unterlaß gebollen, als denn die Huendlein gemeinlich im Suchen und auch in Freuden thun: da ließ er ihn nieder zu der Erden, und hieß ihn suchen nach seinem allerliebsten Herrn. Der Bracke Uctant kam auf die rechte Spur, und suchete nach Wild, das war geschaffen gleich als Mann und Weib. Als nun Kurnewal seinen Herrn fand, und mit ihm die Koenigin, ward ihm recht froehlichen zu Muth. Zur Stund ward Herr Tristan auch gar froh, und ritten also den ganzen Tag in dem Wald, so fern, daß sie gewißlich vermeinten, so alles Volk in dem ganzen Koenigreich sie suchten, so moechten sie sie doch nicht finden. Und als er fand die Statt und Ende, da er vermeinete sicher zu sein, da ließen sie sich nieder und machten ihnen eine Wohnung mit Holz, Laub und Gras, das trugen die zween, Herr Tristan und Kurnewal, zusammen; die Frau half auch dazu, so viel sie konnt' und mochte.

Also waren sie an dem Ende gar nahe zwei Jahr, und litten große Armuth; sie hatten weder Essen noch Trinken, denn Kraeuter, so sie in dem Walde funden; so ward ihnen auch ihre Speise zu Zeiten gebessert, wenn dann Herr Tristan Voegelein schoß, oder Fische fing mit einer Angel, in dem Wasser, das da nahe bei ihnen hinfloß. Auch hatten ihre Pferde nichts anders zu essen, denn Laub und Gras, damit wurden sie erhalten.

Nun hatte Herr Tristan eine Gewohnheit, mit der Frauen Willen: so sie sich zu Ruhe legten, mit freundlicher Rede und Gebaerde einander ergetzten, bis es Zeit war zu schlafen, so zog er sein Schwert aus, und legete das also bloß zwischen sie beide. Dieses ließ er nie keine Nacht unterwegen, und war doch gar eine seltsame Gewohnheit, auch eines Theils unmoeglich, der großen Liebe halben, so sie zusammen hatten. Aber es kam ihnen hernach zu großem Heil; als ihr hoeren werdet.

 

Das dreißigste Kapitel

Wie der Koenig eines Tages mit seinen Jaegern in den Wald ritt, und fand Tristanen und die Koenigin bei einander.

Es begab sich, daß des Koenigs Marchsen Jaeger einer eines Tages gar frueh in den Wald ging; der hatte einen Hirsch gespueret, und ging der Spur nach; aber er verlor die wieder, und kam gerade zu der Huetten, da die beide schlafend lagen. Er stund still, und zitterte vor großer Furcht; und alsbald er Tristanen erkannte, hub er sich hinweg; doch merket' er vor eben, wie sie lagen.

Er eilete sehr und bald zu dem Koenige heim, saget' ihm, wie er Herr Tristanen und die gnaedige Frauen gefunden und gesehen haette. Der Koenig hieß ihn zu den Dingen allen still schweigen, und begehret' an dem Jaeger das, daß er ihn selbst zu dem Huettlein braechte. Der Jaeger thaet das, und brachte den Koenig mit ihm dar; es war aber noch ganz frueh. Als sie nahe zu ihnen kamen, da stund der Koenig von dem Pferde, ließ es den Jaeger halten, und ging er zu Fuße dar. Als er zu der Huetten kam, da fand er sie beide schlafen und das bloße Schwert zwischen ihnen beiden, als ihm der Jaeger gesaget hatte. Er haet darob groß Wunder, und ging ihnen naeher, griff leise nieder, nahm das Schwert zwischen ihnen, und legete das seine an die Statt. Er leget' auch seinen Handschuh auf die Frauen, und ging hinweg wieder zu dem Jaeger, und ritt zu seinen Gesellen, als ob er nie weiter kommen waere.

Da aber Herr Tristan, der kuehne Held, erwachet', und sahe des Koenigs Handschuh auf der Frauen liegen, das nahm ihn gar sehr Wunder, und fragete zu Stund', weß dieser Handschuh waere? Die Frau erschrak gar sehr, und sprach, sie wueßte nicht, mit welchen Listen, oder wie er daher kommen waere, oder wer ihn dargebracht haette. Alsbald Herr Tristan sein Schwert will wieder einstecken, so siehet er, daß das Schwert Koenig Marchsen ist, und ihm das seine dagegen genommen. Da sprach er zu der Koenigin: »Nun kommen wir ohn' allen Zweifel lebendig oder mit gesundem Leibe nimmer von hinnen; denn Koenig Marchs ist hie gewesen. Wir haben seiner Tugend genossen, daß er uns nicht also schlafend hat getoedtet; so wir aber aufstehen, so haben wir beide den Tod gewiß.«

Hiemit hieß er Kurnewalen die Pferde satteln und wohl bald bringen. Sie saßen auf und ritten in schneller Eil', als ob man ihnen mit einem ganzen Heer nachjaget' und eilet', und wußten doch nicht, an welchem Ende der Koenig war. Sie ritten den ganzen Tag bis auf Vesperzeit, da kamen sie in ein Gereute; da blieben sie, stunden von den Pferden ab, und lasen Kraeuter und Wurzeln, die sie mit einander aßen.

 

Das ein und dreißigste Kapitel

Wie Herr Tristan zu dem Priester Ugrim, Koenig Marchsen Beichtvater, kam, allda Buße zu empfangen.

Es war ein geistlicher Priester nicht fern von dem Ende, der war gar ein frommer Mann und eines guten Lebens; der hatte eine Klause vor dem Walde, fern von den Leuten, daß er Gott dem Herrn desto besser dienen moechte. Derselbe Priester hieß Ugrim und war Koenig Marchsen Beichtvater. Eines Tags ritt Herr Tristan zu dem Priester, und wollte Buße von ihm empfahen; aber der Priester wollte ihm keine geben, er gaebe denn die Frauen ihrem Mann wieder, und sagt' ihm dabei, so er also in seinen großen Suenden erfunden wuerde, daß dann seine Seele ewiglich darum leiden mueßte. Es stund aber mit Tristanen noch nicht also, daß er die Frauen so liederlich von ihm geben mochte und sich ihrer verzeihen, und ritt ohne Buße von dannen.

Also waren sie in dem Walde so lange, bis gleich vier Jahr vergangen waren, von der Zeit, als sie den unseligen Trank getrunken hatten. Zuhand ward ihnen das armutselig Leben und das große Ungemach, so sie in dem Walde mit großem Schmerzen und Elend erlitten, schwer, und sie meinten auch nicht, daß sie solche große Noth und Armut einen Tag mehr erleiden moechten, daß sie doch vor so manchen Tag, gar nahe zwei ganze Jahre gar williglich und ohne Verdrießen erlitten hatten.

Als es Tag ward, ritten sie alle drei fuer den Wald, und kamen zu Priester Ugrim. Herr Tristan bat ihn fleißiglich, daß er ihm riethe und beholfen waere, damit er seiner Suenden ledig wuerde, und sagt' ihm, wie es ihm so sehr gereuet haette, daß er die Frauen nicht wiedergegeben, zu der Zeit, als er ihn solches geheißen haette; doch wollt' er es nach seinem Rath und Heißen noch gern thun. Solches ward durch die Koenigin gar williglich vergoennet. Als der Priester das hoerete, ward er froh, daß sie sich zu solchem verwilligten, und ihn um Rath und Trost heimsuchten, schuf ihnen gut Gemach, und thaet ihnen das Beßte, so er konnt' und mochte. Er fragete Herr Tristanen, ob er Reue darum haette, daß er die Frau so lange bei sich gehabt haette, und ob er sie noch wiedergeben wollte? Er antwortete: Ja, er wollt' es gern thun, es waer' auch seine groeßte Klage, daß er es nicht laengst gethan haette. Der Priester ward froh, und schrieb von Stund' an dem Koenig einen solchen Brief.

»Herr, dich bittet dein Meister Ugrim durch die Liebe Gottes, du woellest meine Frau, dein Gemahel, wiedernehmen; die schaffe ich dir zu bringen, wohin du willt: und wenn du sie haben willt, so komme selbst nach ihr mit wenig Leuten. Auch bitte ich dich sehr, du woellest Herr Tristanen deine Huld wiedergeben; das bist du ihm schuldig, auch kann und mag er das wiederum wohl um dich verdienen. Hierin bitte und gebeut ich dir bei den Geboten Gottes, du woellest dies mein Begehren nicht verachten, sondern zu Gut und Seligkeit deiner Seelen und Leibes aufnehmen; denn es gebuehrt euch zu thun gegen Gott und euerthalben.«

Als dieser Brief geschrieben war, befahl er ihn Tristanen dem Koenig zu bringen, und dabei zu sagen, daß er ihm Rath und Bitte dazu thaete, darum er ihm geschrieben haette.

Herr Tristan hub sich auf die Fahrt, und als es Nacht ward, kam er gen Thintariol in den Baumgarten zu dem Brunnen, dabei ihm vormals oft Lieb und Leid wiederfahren war. Er heftete sein Pferd an die Linden, darauf ihm der Koenig einmal aufgelauert hatte, und ging mit großer Listigkeit gegen die Kammer, darin der Koenig lag. – Denn die Koenige haben zu derselben Zeit nicht solche herrliche Pallaeste gehabt, als jetzt, sondern auf der Erden ihre Schlafkammer gebauet, als noch an etlichen Enden und Koenigreichen Gewohnheit ist. – Darum mochte Herr Tristan dem Koenig wohl zureden, und saget' also: »Koenig schlaefest du?« Er antwortete: »Ja.« Herr Tristan sprach: »Waere es mir vergoennt, du mueßtest eine Weile wachen.« Da sprach der Koenig: »Warum soll ich wachen? Warte bis es Tag wird.« Herr Tristan sprach: »Das mag nicht sein, es ist keine Stunde noch Zeit zu warten.« Er sagte: »So sage, was dir sei.« Herr Tristan sprach: »Dein Meister und Beichtvater Ugrim entbeut dir seine Bitte, und heißet dich vermahnen, ob er dir lieb sei zu einem Meister, daß du dann woellest leisten, darum er dir geschrieben und dich gebeten hat. Er raeth dir auch das mit ganzen Treuen. So sollt du es auch gerne thun, denn er will dir es fuer deine Suende zu Buße geben. Was aber deine Meinung sein wird, das lass' ihm schreiben und den Brief morgen henken an das rothe Kreuz, das da stehet in dem Dorn vor der Stadt, da sich die Straße in zwei theilet; da will dein Meister den Brief hohlen lassen.« Und warf damit den Brief durch ein Fenster auf ihn. Der Koenig erkennete Tristanen an der Rede, er mochte es nicht lassen, und sprach zu ihm: »Du bist Tristan, denn ich habe dich an deiner Sprach' erkannt: nun wart' eine kleine Weil', ich habe mit dir zu reden.« Tristan kehrete sich aber nicht an den Koenig, und ritt mit gutem Frieden, da er wohl sicher war. Als nun der Koenig zu der Thuer ausging, und meinet', er wollt' ihm fast zu, da war Tristan schon hinweg: da wollt' er ihm auch nicht nachjagen. Aber er erwartete kaum, bis daß es Tag ward, daß er nur hoerete, was ihm sein Meister geschrieben und warum er ihn so fleißiglich gebeten haette.

Als es nun Tag ward, da las der Koenig den Brief mit gutem Fleiß. Da es aber um die Sache war, da hatte er Rath mit seinen Raethen, was ihm hierin zu thun waere. Und saget' ihnen auch, wie er sie in dem Walde bei einander ohn' alles Gefaehr liegen funden, und ein bloßes Schwert zwischen ihnen beiden gesehen haette. Er schwur auch wohl mit ganzer Wahrheit, er wueßte auch ohn' allen Zweifel, daß Herr Tristan die Frauen nie zum Weibe gewonnen, noch sie unziemlicher Dinge nie angesucht haette, er haette sie allein von seinetwegen und ihm zu lieb also lieb gehabt. Hierauf war seine Meinung, die Frauen wiederzunehmen, wo sie ihn Herr Tristan anders geben wollte. Solches war den Raethen wohl anmuthig. Aber Herr Tristan ward hierin ausgeschieden, daß er nimmer weder Frieden noch Geleit haben sollte, denn nur bis an das Ende, da er die Frauen hin antworten sollt', und stracks wieder von dannen an sein Gewahrsam. Dieses ward also geredet und verschrieben, und die Staette benennet, da er die Koenigin hin bringen sollte. Als nun solches also durch den Koenig und die Seinen verschrieben und bestaetiget ward, da haengte man den Brief an das Kreuz, als Herr Tristan den Koenig beschieden haet.

 

Das zwei und dreißigste Kapitel

Wie Herr Tristan dem Koenige die Frauen wiederbracht', und er hinweg ritt.

Als nun der Tag seinen Lauf vollbracht hatte, und die Nacht herging, hohlete Herr Tristan den Brief, und bracht' ihn dem Priester Ugrim. Als er diesen Brief verlas, sagt' er Herr Tristanen des Koeniges Meinung. Also richtet' er sich auf die Fahrt, und brachte die Frauen zu der Suehnung. Sie besorgten aber beide ihr Scheiden gar herzlichen sehr, denn sie wußten nicht, ob sie wieder bei einander kaemen, daß ihrer eines das andere sehen moechte: solches war ihnen aus der maßen schwer und dieses ihr Scheiden viel zu frueh.

Als sie nun zusammen kamen, und der Koenig Herr Tristanen ansichtig ward, sprach Herr Tristan: »Nun nehmet hin die Koenigin: seit ich von hinnen reiten muß, so thu' ich auch das Beßte, so ich mag. Aber ihr erlebt den Tag nimmer, daß ich so mit großen Ehren um euere Huld werbe, dieweil mein Dienst und all' mein Arbeiten sogar verachtet werden. Und sag' euch wahrlich, genoesset ihr nicht euerer frommen Frauen, ihr mueßtet euers Leibs und Lebens vor mir unsicher sein. Aber ihr sollt ihrer großen Tugend und weiblichen Guete genießen wider mich.« Hiemit kehret' er sich zu der Koenigin, und sprach aus sehnlichem und betruebtem Herzen: »O weh, himmlischer Koenig, wie recht weh thut mir das, daß ich dich, meine allerliebste Fraue, lassen muß, die ich so recht lieb habe! So nehmet hin, Herr Koenig, meine Frauen, und lasset sie mein nicht entgelten; denn was ihr anders thaetet, das thaetet ihr aus Gewalt, und wuerde auch nicht unvergolten bleiben.«

Mit diesen Worten schied er ab. Ehe er aber von dannen ritt, gab er der Frauen seinen Bracken Uctant, und bat fleißiglich, daß sie sein selber pflaege, und wenn sie den Hund saehe, daß sie sein dabei gedaecht', und sprach: »Bin ich euch lieb, so lasset das an dem Bracken erscheinen.« Die Frau nahm den Hund an ihren Arm, verhieß ihm das zu thun, und pflag sein forthin mit großem Fleiß.

Also ritt der Koenig dar, und nahm die Frauen zu sich, fuehrete sie mit sich heim, und hielt sie mannich Jahr in großen Ehren, lieb und schoen.

Herr Tristan mußte nun aus dem Land: das war ihm die haerteste Buße, so man erdenken konnte. Er ritt nun hinweg, aber sein Herz und Gemueth ließ er bei der Koenigin: deßgleichen sie auch wiederum ihres bei ihm.

Also ritt er in Britannia, an des Koeniges Artus Hof.

 

Das drei und dreißigste Kapitel

Wie Herr Tristan in Britannia kam, an Koenig Artus Hof, und wie es ihm daselbst erging.

Wie Herr Tristan in Britannia kam, ward er besser empfangen von dem Koenig und allermaenniglich, denn zuvor je ein Ritter empfangen ward. Es war ein Ritter an dem Hofe, der beßten einer, Balbon genannt, dem war Herr Tristan bekannt, derselbige ward seiner Zukunft sonderlich froh. Sie wurden gute Gesellen mit einander.

Auch ward Herr Tristan von dem Koenig und aller Ritterschaft, so bei der Tafelrunde waren, gar lieb und werth gehalten, also, daß ihm der hoechsten Staetten eine an der Tafelrunde vergoennet wurde, zu gebieten und zu schaffen, wie und was er wollte. Auch war er wiederum bereit zu dienen mit Streiten und aller mannlicher That, also, daß er den hoechsten Preis erwarb: es war auch niemand zu derselben Zeit, der fuer ihn gepreiset wurde.

 

Das vier und dreißigste Kapitel

Wie Herr Tristan einen Britanischen Ritter ueberwand und ihm sein Pferd nahm.

Nun war auch ein Ritter an dem Hofe, mit Namen Delecors Iseualire, der auch wohl zu den beßten zu zaehlen war, um seiner mannlichen That und Frommkeit willen; auch hatte er mit Ritterschaft je und je das Beßte gethan, also, daß ihm keiner je besessen war, und es hatte ihm nie keiner obgesieget. Eines Tages ritt der obgenannte Ritter Delecors Iseualire durch Kurzweil' in den Wald, ob er Abentheuer finden moechte: da hatte Herr Tristan seinen Harnisch veraendert, daß er jenem unkenntlich war. Sie ritten zusammen: Herr Tristan stach ihn von seinem Pferd', als ob er nie daraufkommen waer', und gab das Pferd einem armen Menschen, der ihm auf der Straßen begegnete. Delecors Iseualire mußte zu Fuß heim gehen, das ihm doch vorhin nie geschehen war. Er saget' auch diese Geschichte selbst daheim zu Hofe, wie es ihm ergangen war. Dieses stund wohl sechs Wochen an, daß niemand wissen noch erfahren mochte, wer diese That gethan haette.

Koenig Artus und Herr Balbon redeten mit einander, daß keiner unter ihnen waere, der das gethan haette, denn Herr Tristan. Der Koenig sprach: »Wie moechten wir das erfahren?« Herr Balbon antwortete: »Ich will uns das wohl mit Listen erfahren.« Er ging zu seinem Gesellen und fraget' ihn um diese Geschichte; er wollt' aber nichts gestehen. Da ermahnet' er ihn von wegen der Liebe, so er zu ihm haette; er schafft' aber nichts. Zuletzt bat er ihn, doch ganz im Geheimen, um der Koenigin willen: allererst gestund' er; und saget' ihm dabei, was man ihn baete um seiner Frauen willen, daß er deß keines versagete, so er auch gewißlich darum sterben mueßte. Da sprach Herr Balbon: »Gnad' und Dank habe sie immer, seit du mir diese Ding' um ihretwillen gestanden hast. – Sage, Gesell, magst du die Koenigin, deine allerliebste Frau, nicht sehen, als oft du gern thaetest?« Herr Tristan antwortete: »Ach, lieber Gesell, mir mag nimmer so wohl geschehen, daß ich an das Ende komme, da ich sie sehen mag.« Herr Balbon sprach: »Willt du sie sehen, so erwerbe ich dir, daß du sie gar kuerzlich sehen sollt. Und wisse auch wie: Mein Herr, Koenig Artus, hat ein Jagdhaus nahe bei Thintariol; nun will ich wohl zu wegen bringen, daß mein Herr dir zu Liebe daselbst jaget und Kurzweile macht, so mag Koenig Marchs mit Glimpf nicht ueberhoben sein, er muß meinen Herrn, Koenig Artus, mit seinem Hofgesinde ueber Nacht bei ihm behalten. So schaffest du es wohl mit deiner Geschwindigkeit und Listigkeit, daß du zu der Frauen kommest. Darum habe nicht Zweifel, ich will helfen auf's Beßte, so ich mag.« Herr Tristan war deß sehr froh, und sagte seinem Gesellen hohen Dank.

 

Das fuenf und dreißigste Kapitel

Wie Herr Tristan mit dem Koenig Artus auf die Jagd ritt, und wie es ihm des Nachts erging.

Herr Balbon ging zu dem Koenig Artus, und saget' ihm die Geschicht', und bat ihn mit Fleiß, daß er eine Jagd sollt' anrichten an dem Ende bei Thintariol. Denn der Wald, darauf man jagen sollte, gehoerte halber Koenig Artus und halber Koenig Marchsen zu, also: was Koenig Artus fing, das fuehret' er auf das Jagdhaus Thintariol, was aber Koenig Marchs fing, das fuehret' er in die Stadt Thintariol; und jagt' ihrer jeder, in welchem Theil er wollte, so war er auch von dem andern ungeirret. Koenig Artus wollte Herr Tristanen sein Hoffen und fuergenommene Freud' auch nicht abschlagen, sondern dazu helfen, damit die Jagd und die Hoffnung zu ganzen Freuden gekehret wurde, und hieß die Jagd machen.

Als man auf der Jagd war, da bat Herr Balbon die Jaeger, daß sie den Hirsch zu der Stadt Thintariol jagten. Das thaten sie, und wurde der Hirsch gleich bei der Stadt abgejaget. Da kamen die zween Gesellen, Herr Balbon und Tristan, und baten fuer den Hirsch um laenger Leben, bis sie ihm den Tod erwaehlten. Also zogen sie die Jagd mit Listen hin, bis der Abend kam und sie die Nacht ueberfiel; da ward der Hirsch erst gefaellet.

Als das geschahe, da kehrete sich Koenig Artus zu Herr Balbon, und sprach: »Freund, dieses Ungemach hab' ich von dir, daß du den Hirsch nicht zeitiger hast lassen faellen: wo sollen wir nun bei der Nacht hinreiten, wohl drei Meilen oder mehr? Ich weiß nicht, wo wir hinte bleiben.« Da antwortet' ihm Balbon: »Herr, in Thintariol, da bleibet bei Koenig Marchsen, der euch vormals oft daher gebeten hat.« Der Koenig sprach: »Du hast wahr; du weißt aber wohl, daß Tristan seine Huld nicht hat.« Balbon sprach: »Herr, dies lassen wir jetzt ein Ding sein: sendet ihr Herr Keyen zu dem Koenig, und entbietet ihm, ihr woellet hinte Nachtlager bei ihm haben, daß er auch Frieden und Geleit gebe euch und allen euern Mitkommenden.«

Herr Key ritt hin, dem Koenig die Botschaft zu sagen. Als Koenig Marchs das vernahm, sprach er: »Saget meinem Herrn, wer mit ihm komm', oder was sie gethan haben, soll ihnen keinen Schaden bringen, sondern sie sollen guten Frieden und Geleit haben. Ich hab' auch große Freude, daß er sein Nachtlager bei mir haben will, hab' auch nie keinen Gast so lieb gesehen.« Herr Key sagt' ihm deß großen Dank, und ritt wieder zu seinem Herrn, und saget' ihm, daß sie Frieden und Geleit und gute Nachtherberge haetten. Als sie das vernahm, wurden sie froh, besonders Herr Balbon und Herr Tristan, und redeten unter einander: »Was mag uns nun gefaehrden, seit wir Geleit haben?« Unter diesen Reden bat Herr Tristan seinen Gesellen, Herr Balbon, so ihn die Koenigin empfinge, sollt' er sie nicht kuessen; denn es war Gewohnheit, daß die Koenigin liebe Gaest' und wohlgeborne Leute mit dem Kuß empfing; das versprach er ihm, und hielt es auch.

Da sie nun gen Thintariol kamen, da ging ihnen Koenig Marchs mit viel großen Kerzen entgegen; denn es war bei der Nacht. Er empfing den Koenig mit großer Wuerdigkeit, deßgleichen die andern alle, ohn' einen, den konnte auch niemand versuehnen. Koenig Artus ging hin zu der Koenigin, von der er auch wohl und wuerdiglich wurde empfangen, und auch Herr Balbon: als sie ihm auch den Kuß bieten wollte, wollt' er solches nicht gestatten, sondern halten, das er seinem Gesellen verheißen hatte. Der durfte nicht herfuer, und war doch keiner unter ihnen allen, dem die Koenigin ihres Kusses guenstiger war, denn ihm; und dieweil er ihren Kuß vermeiden mußte, wollte Herr Balbon auch ungekuesset empfangen werden. Als aber das Empfangen verendet war, ging man zu dem Tische, und gab ihnen Essen und Trinken, nach dem allerbeßten und koestlichsten, so man haben mochte.

Als man nun gessen hatte, redete der Wirth zu dem Gaste, daß er darob sehen wollte, daß sein Hofgesinde zuechtig, auch ihm ohne Laster und Schaden waeren: welcher aber solches uebertraete, der mueßte darum sterben, wo er begriffen wuerde. »Ich hab' ihnen allen Fried und Geleit gegeben, um das sie mir gethan haben, und will ihrer auch diese Nacht wohl pflegen; aber sie hueten sich, daß sie mich nicht schaenden, oder ich richte sie um alles, das sie mir je gethan haben.« Der Gast sprach: »Da habt ihr meine Huelfe: wer euch laestern wollte, den will ich euch helfen strafen, wie ihr selber wollt.« Hiemit war Herr Tristan gewarnet: aber er pflag der alten Gewohnheit, daß er seine Frauen weder durch Furcht noch Draeuen vermeiden wollte; deß mußte er auch oft großen Kummer leiden.

Nun waren in des Koenigs Hof nicht solche Pallaest' und herrliche Schlafkammern, als jetzt sind; also, daß die Herrn und alles Hofgesind' in dem Saal an einer Zeile nach einander liegen mußte. So lag der Koenig und seine Frau an dem andern Ende des Saals; doch pflagen sie einer Sitten, daß sie besonders lagen. Das ersah Herr Tristan, dem ward sein Herz und Gemueth dadurch ganz erfreuet: er gedachte, wie er wollte zu ihr gehen und mit ihr reden. Nun hatte Koenig Marchs große Bloecke gar heimlichen in den Saal tragen lassen, die waren alle wohl beschlagen und zugerichtet mit Wolfseisen, die hieß er seinen Kaemmerer zwerchs ueber den Saal legen, in Meinung, ob Herr Tristan zu der Frauen ginge, daß er ihn also ergreifen moecht', und ihm mit Recht das Leben nehmen. Aber Herr Tristan hatte keine Achtung auf solche Nachstellung, oder daß ihm da also mitgespielt waere.

Als nun jedermann entschlafen war, da wollte Herr Tristan seiner alten Tuecke je nicht lassen, und ging zu der Koenigin. Als er auf dem Weg war, schnitt er sich hart und blutete sehr; da nahm er sein Hemd und verband die Wunden auf's beßte, so er vermochte. Doch wollt' er nicht wieder umkehren, sondern er ging zu der Frauen. Als er zu ihr kam, da konnte eins dem andern sein Herz und Willen sobald nicht zu verstehen geben, als sie denn begehrten; allein mit behendem Umfahen und herzlicher Klage sagt' er ihr, wie ihm geschehen waere, und daß er jetzt sein Leben haette verloren, und waere nichts, daß ihm dafuer helfen moechte. Die Frau ward aus der maßen sehr betruebet, und wußte vor großem Leid nicht, wie sie sich halten sollte, und fing an gar inniglichen zu weinen. Denn vor klagete sie allein sein schnelles Abscheiden, aber nun klagete sie Verlierung seines Lebens; und schieden sie sich jetzund haerter und mit groeßerem Schmerzen, denn vor nie; denn vormalen hatten sie allwegen Hoffnung, aber jetzt war alles Hoffen umsonst, der Warnung halb, so der Koenig Marchs gethan hatte. Sie waren in solchen aengstlichen Noethen und Sorgen, ihnen moecht' ihr Herz zerbrochen sein.

In solchen Aengsten ging er wieder zu seinem Lager und legete sich in dem Jammer nieder, sehr blutend, und redete mit ihm selbst: »Nun ist kein Zweifel, ich habe das Leben verloren; jetzt wird der Koenig seinen Zorn an mir raechen. Ach wehe, daß ich je her kam! Ach, sueße, reine Isalde, soll ich dich nimmermehr sehen? Ich klage dich viel mehr, denn mich selber. O, wollte Gott, daß wir beide noch in dem Walde waeren, ich wollte etwann Wege finden und erdenken, damit wir in ein ander Land kaemen. Ach, was sage ich? Heut ist leider mein juengster Tag!«

Diese große jaemmerliche Klag' erhoerte Herr Balbon, und fraget' ihn, was ihm waere? Als er ihm das saget', erschrak er hart, und ward mit ihm betruebet, und alle, die an der Lagerstatt waren. Koenig Artus ward auch herzlichen betruebet um diese Geschichte; und sie redeten zu einander: »Es ist kein Zweifel, er muß sterben; Koenig Marchs hat seine Vorrede also gethan, daß ihm niemand weigern, noch helfen kann, er muß das Leben verlieren.« Da sprach Herr Balbon, Delecors Iseualire und gemeinlich die andern alle, so mit Koenig Artus da waren: »Ei, so wollen wir den Tod mit ihm leiden, oder aber ihm von dannen helfen.« Also waren sie alle mit großen aengstlichen Noethen umfangen. Herr Key sprach: »Ihr beduenkt euch alle klug und hoeflich, ihr lasset aber das an keinem Ding erscheinen, und seid alle Bauren: der bedaeuchte mich klug und listig zu sein, der solche Lehre gaebe, damit ihm geholfen wuerde.« Er rieth ihnen durch Neid einen Rath, dadurch ihm geholfen ward, und sprach: »Ich sage euch, was ihr thut: Hebet alle ein Geraeusch oder einen Schimpf mit einander, und werft einander in die Wolfseisen, also, daß euer mehr verwundet werden; damit wird ihm geholfen. Ich weiß sonst nichts, das ihm helfen moege.« Herr Balbon sprach: »Das mußt du immer Dank haben, du hast uns recht gerathen.« Und lief zuhand, daß er auch verwundet ward. Also wurf je einer den andern dar, daß sie schier alle verwundet wurden, ohne Herr Keyen, der behalf sich mit Listigkeit. Aber Herr Balbon ergriff ihn und warf ihn, daß ihm die allergroeßte Wunde ward. Herr Key sprach ueberlaut: »O wehe des Unheils! Gehen die Woelf' in diesem Saal, daß man ihnen hierinnen nachstellet? Was Wunders ist das? Daß sie Gott muesse schaenden, wie hart bin ich verwundet! Was Teufels thun wir hie? Gott helfe uns mit Freuden wieder heim! Ich habe doch vormals nie von keinem Koenige gehoert, der solche That je gethan habe: was wunderlicher Sitten hat der, daß er den Leuten nachstellet, als den Woelfen!«

Herr Key erhub seine Stimme hoch, daß der Koenig Marchs erwachete; der sprach ihnen zorniglichen zu: »Wie lachet ihr, Herren? Ich meinet', ihr waeret wohlgezogen: so gehet ihr die ganze Nacht um toben, als die unvernuenftigen Thiere.« Koenig Artus sprach: »Ich kann sie je nicht ziehen: sie thun allezeit also, und lassen das weder durch meine Frauen, noch durch jemand anders.«

Als der Koenig seinen Zorn ließ, und die andern entschliefen, da machte sich Herr Tristan abermals zu der Koenigin; deß ward sie von Herzen sehr erfreuet: sie legeten sich freundlich zusammen, und ergetzten sich ihres Leides; denn es war ihnen beiden, als ob sie waeren todt gewesen und wieder lebendig worden. Sie vergaßen aller ihrer vorigen Angst und Noth, und blieben bei einander, bis ihn der Tag dannen trieb: da mußten sie sich abermals scheiden, und wußten nun keine Zeit ihres Zusammenkommens.

Als es nun Tag ward, und die Ritter aufstunden, und jeglicher klaget', und seine Wunden verband, da ward Koenig Marchsen recht leid, und schaemete sich aus der maßen sehr, daß ihm solcher großer Unglimpf widerfahrn war, und wußte nicht, wie er sich jetzt dabei verhalten sollte; denn die Ritter mußten alle hinken, so sehr hatten sie sich verwundet. Jedoch, wie listig er war, so wurden ihm die Augen verblendet, daß Herr Tristan die einige Nacht zweimal ihm zu seiner Hausfrauen der Koenigin ging.

Als nun diese Dinge sich also verlaufen und verhandelt hatten, schieden sie bald von dannen. Koenig Artus mit seiner Ritterschaft kamen wieder in Britannien. Hiemit hatte Herr Balbon seinem guten Gesellen, Herr Tristanen geleistet, was er ihm geredet und verheißen hatte.

 

Das sechs und dreißigste Kapitel

Wie Herr Tristan von Koenig Artus Hof abschied, und kam darnach in das Land Careches.

Darnach ueber eine kurze Zeit nach dem, nahm Herr Tristan Urlaub, und wollte nicht laenger da bleiben, und schied hinweg. Das war dem Koenig und aller Ritterschaft leid, und ließen ihn zumal ungern. Herr Balbon bat Herr Tristanen gar sehr, vermahnet' ihn aller Gesellschaft, auch alles, was ihm je geschah, Liebes und Leides: es war aber alles umsonst. Koenig Artus bat ihn selbst, und bot ihm Lehen und Eigen; aber es verfing alles nicht: er wollte nimmer an dem Ende bleiben, und ritt hinweg. Als er nun von dannen ritt, erhub sich eine gemeine Klage von Frauen und Mannen, die alle sein Abscheiden klagten. Besonders Herr Balbon, der schied mit nassen Augen; denn ihm geschah vormals nie so leid, als jetzt, da sein Gesell von ihm ritt. Der Koenig, die Koenigin und alle Ritterschaft geleiteten hin fern; aber er wollt' es nicht verhehlen, nahm Urlaub, und sie schieden beiderseits mit Zaehren.

Herr Tristan und sein allerliebster getreuer Diener Kurnewal ritten mit einander, was sie in sieben Tagen reiten mochten, und kamen in ein schoenes Land; es war aber so gar verheeret und verbrennt, daß weder Haus, noch nichts mehr da war. Viel guter Burgen lagen da verwuestet und zerbrochen, auch viele Doerfer und Staedte, das alles war gar dahin, daß er in zweien Tagen weder Haus, Leute, noch Vieh sah oder hoerete.

Am dritten Tag zur Nonenzeit sah er eine Kapelle auf einem hohen Berge, dabei ein Haeuslein, da sah er einen Rauch aufgehen: dahin eilten sie bald, zu besehen, was daselbst waere. Als sie nun darkamen, funden sie einen Priester, mit Namen Michael. Herr Tristan stund ab von seinem Pferd und bat um Herberge; denn sie hatten heute den dritten Tag weder gessen noch getrunken. Der Priester sprach: »Herr, ich geb' es euch so gut, als ich's habe; haette ich's aber besser, so theilet ich es euch auch mit.« Herr Tristan saget ihm deß großen Dank, und blieb die Nacht bei ihm.

Als sie zu Abend gessen hatten, saßen sie bei dem Feuer, da fragete Herr Tristan, weß dies Land waere? Der Priester saget' ihm: »Das war das allerbeßte Land, so man wuenschen moecht', ehe denn es also verwuestet und verbrannt ward, und ist des Koenigs Haubalin von Careches. Nun moechtet ihr Wunder hoeren, wie es also verwuestet ist worden. Denn diesen großen Schaden haben ihm seine eigenen Leute gethan, und ist das die Ursache: Mein Herr hat einen Grafen in seinem Land, und ist auch sein Dienstmann, mit Namen Riolin von Mantis, der ist so maechtig und reich, auch ein mannlicher Held; und darum, daß er fuernehmer ist, denn der andern einer in meines Herrn Land gesessen, vermeinet' er, mein Herr sollt' ihm seine Tochter geben. Solches war aber meinem Herrn nicht gelegen, daß er seine Tochter seinem Dienstmann geben sollte, sondern er vermeinete sie besser zu versorgen. Als aber dieser sah, daß ihm die Jungfrau versaget ward, da wollt' er sie mit Gewalt haben, und hat mit Listigkeit und großem Verheißen all meines Herrn Landvolk und Dienstmann abfaellig gemacht, und sie dahin beredet, daß sie zu ihm gefallen sind, und ihm zu solchem seinem unbilligen Fuernehmen Huelfe gethan haben. Durch solchen Muthwillen und große Ungerechtigkeit ist dieses gute Land alles so verwuestet und verbrennet, ohn' allein die Burg Careches, die moegen sie nicht gewinnen. Sie haben aber meinen Herren also darin belagert, daß niemand darein noch daraus kommen mag, und sie leiden großen Mangel und Hunger; denn ihnen mag weder Speise noch anders zugehen. Diese große Noth leidet mein Herr unverschuldet, von seinen eigenen Leuten, und kann doch keinen Widerstand mehr thun; denn er hat niemand, denn einen Sohn, mit Namen Caynis, der darf auch wohl mannliche Thaten thun: was hilft aber der unter so viel Volks, als der Feinde sind? Sie besuchen alle Tage die Thore der Bruecken mit großem Fleiß, ob sie jemand finden, der mit ihnen woelle streiten; sie finden aber die Pfort' allezeit beschlossen; denn es ist niemand in der Burg, der sich gegen die Feinde wagen woelle.« Herr Tristan fragete, wie weit die Stadt von dannen waere? Der Priester antwortete: »Es sind nicht mehr, denn zwo kleiner Meilen dahin.« Sie gingen zu der Ruhe.

Zu Morgens fruehe hielt ihnen der Priester eine Messe, darnach gab er ihnen ein gut Mahl. Herr Tristan nahm Urlaub von dem Priester, mit großem Danksagen, und ritt hinweg.

 

Das sieben und dreißigste Kapitel

Wie Herr Tristan zu dem Koenig Haubalin gen Careches kam, und mit Graf Riolin einen Streit thaet.

Als aber Herr Tristan gen Careches kam, fand er den Koenig an einer Zinnen stehen; er fraget', ob der Koenig da waere? Der Koenig antwortete selbst: »Ja, ich bin hie: was waere euch lieb? oder was begehret ihr von dem Koenig?« Er rufete bald seinen Sohn, daß er den Helden auch saehe. Da sprach Herr Tristan: »Herr, ich habe gehoeret, wie großen Schaden ihr von euren Feinden genommen habt, und bin darum herkommen, daß ich euch dienen will: ob Glueck uns beistuende, daß ihr an euern Feinden gerochen wuerdet.« Der Koenig schwieg eine Weile still; zuletzt sprach er: »Sollt' ich euch das sagen, so gebuehrt mir vor zu wissen, wer ihr seid, und daß ich euch zuvor erkenne.« Tristan sprach: »Herr, ich heiße Tristan, und bin Koenig Marchsen Schwester Sohn.« Der Koenig sprach: »Seid ihr Herr Tristan, so hab' ich vormals oft viel großer und mannlicher Thaten von euch vernommen. O weh, Jammer und Leid, daß euch meine Augen je sahen! denn ich kann euch leider nicht behalten. Wir haben kein Brot, und moegen auch keinerlei Speise ueberkommen, ohn' allein Bohnen, damit erhalten wir uns, daß wir nicht gar Hungers sterben. Nun seid ihr so rein und wohlgeborn, und solcher Noth nicht gewohnet, daß ihr mit uns also leiden moechtet. Ich wollt' es auch ungerne an euch begehren: darum kann ich euch nicht behalten.« Herr Tristan sprach: »Herr, ich weiß fuerwahr, daß kein Mann in dieser Burg ist, der so viel Noth erlitten hat, als ich; denn ich habe gar nahe zwei ganze Jahr' ohne Brot und alle gekochte Speise gelebet. Darum, was ihr ertraget, will ich auch ertragen, und wie ihr lebet, also lasset mich mit euch leben.« Als nun der Koenig solchen seinen guten Willen an ihm erkannte, hieß er die Pforten aufschließen, und ließ Herr Tristanen ein: der ward von dem Koenig, von Caynis, und aller Ritterschaft, so in der Burg waren, wuerdiglich empfangen. Herr Caynis empfing den kuehnen Held, Herr Tristanen, und gelobet' ihm von Stund' an Gesellschaft, mit handgebenden Treuen und Eiden.

Darnach sprach Herr Caynis: »Gesell, wir wollen gehen, da dich die Frauen empfahen, da du auch meine Schwester sehen magst; da wirst du fuerwahr sagen, daß du nie schoenern Leib gesehen habest: sie moechte mit Ehren wohl des theuersten Koeniges Gemahl sein.« Herr Tristan sprach: »Wie heißt deine Schwester?« Er antwortete: »Sie heißet Isalde.« Tristan gedacht' an seine Isalde, und meinete, die haette ihn jetzt auch vergessen, und sprach in ihm selbst: »Isalde verloren, Isalde funden.« Indem kamen sie, da er sie sah; er lobte sie aber nicht nach seines Gesellen Sage, denn seine Isalde war viel schoener.

Als er nun von den Frauen auch empfangen war, nahm ihn Herr Caynis bei der Hand, weiset ihm die Burg allenthalben, und die Gelegenheit der Feinde. Herr Tristan war listig und fuersichtig in Kriegen, und fragete, wie der Krieg stuende, ob man aus der Burg fechten mueßt', und wie alle Dinge beschaffen waeren? Caynis saget' ihm, die Feinde haetten eine solche große Ritterschaft, daß es ohne maßen waere, die kaemen alle Tage fuer die Burg und suchten Streit. Graf Riolin, ihr Herr, ritte den andern fuer durch Tyostiren: »aber er findet niemand, der ihm duerfte entgegen kommen.« Herr Tristan bat seinen Gesellen, daß er ihm aus der Burg huelfe, morgen, sobald es tagete.

Und sobald es Tag ward, ließ Caynis seinen Gesellen aus der Burg, der eilete zu Feld' und wartete Graf Riolins; den sah er dort weit vor den Seinen her traben: er schickete sich an, ihm zu begegnen. Graf Riolin ward Tristans auch gewahr: das befremdet' ihn, es war auch selten mehr geschehen, daß ihm ein Ritter entgegen kam; aber doch hatte er Sorg', er wuerde ihm entfliehen, und eilete bald gegen ihn. Herr Tristan saumete sich auch nicht, kehrete sich gegen ihn, und stach ihn von dem Pferd', als ob er nie darauf kommen waere; er stund auch ab zu Fuß', und mit dem Schwert bezwang er ihn zu Sicherheit: er zerschlug ihm Helm und Schild, daß er meinet', er haette den Tod gewiß. Als er sich ueberwunden sah, bat er Sicherheit fuer Sterben, und gab Herr Tristanen seine Treue, zu thun alles, so er ihn hieße, sein Heer von dannen zu schicken, in die Burg zu kommen, sein Gefangener zu sein, und mit ihm abzukommen, wie er selber wollt; und waer' er dennoch froh, daß ihn Herr Tristan leben ließe. Als das Gefaengnis angelobet war, da kamen Graf Riolins Diener, ritten zu der Burg, und wollten alle fast streiten; aber Graf Riolin leistete seine Treu', und kehrete mit Herr Tristanen in seine Burg, und befahl vorhin seinen Heer dannen zu kehren. Herr Tristan sprach zu dem Gefangenen, daß er die Stadt auch etliche Zeit speisen sollt', und wo die Speise noch heute nicht eingebracht wuerde, so mueßt' er den innersten Thurm, so in der Burg waere, noch hinte beschauen. Graf Riolin war ein herrlicher Mann, und meinet', er mueßte deß immer Schande haben, sollt' er sich von Speise wegen in einen Thurm bringen lassen, und wollte lieber Schaden nehmen an der Speise, denn an dem Leibe, und ließ Speise zufuehren, daß sie mehr, denn sechs Monat Speise genug hatten.

Solche Geschichte vermeineten Graf Riolins Diener zu raechen, und entboten dem Koenig, daß er Graf Riolinen ledig ließe, oder sie wollten Stadt und Burg zerbrechen, und alles, was sie darinnen fuenden, umbringen. Herr Tristan sprach: »Nun sei uns Gott gnaedig! Vor ihnen wollen wir wohl genesen; aber Graf Riolin wird durch ihr Draeuen nicht ledig, es sei ihnen gleich lieb oder leid.«

Als er die Worte redete, kam dem Koenig die Botschaft, daß seiner Schwester Soehne zween ihm zu Huelfe kommen waeren, mit zwei tausend Helmen; der Koenig ging ihnen selbst entgegen mit der Ritterschaft, und empfing seine Neffen freundlich, als billig war. Darauf beschlossen sie mit einander, daß der Koenig seine Sache ganz an Herr Tristanen lassen sollte.

 

Das acht und dreißigste Kapitel

Wie Herr Tristan mit des Koeniges Volk zu Felde zog, und wie er die Feinde mit Gewalt schlug und bezwang.

Der junge unverzagte Held, Herr Tristan, machte diese Ordnung: er legete den Koenig nicht fern von der Stadt mit zwei hundert Mannen; darnach die mit Kolben, mit Streitaexten, mit Hellebarten, und was zum Streit dienet, deren war eine lange Schaar; an den dritten Ort, die mit Schwertern und mit Spießen. Zum vierten haet er auch eine große Anzahl Buerger, die wohl geruestet waren mit sonderlichen Wehren und Geschoß. Darnach leget' er des Koenigs Neffen einen mit seinem Volk auch an einen besondern Ort; den andern leget' er ein wenig weiter von der Stadt: und bat sie alle mit großem Ernst und Fleiß, daß sie an den Orten still laegen, bis er es ihnen selbst saget', oder Kurnewalen sagen ließe.

Als er sie also geordnet hatte, ritt er und Herr Caynis auch mit zwei hundert Pferden den Feinden entgegen. Da sie so nahe zu ihnen kamen, daß sie einander sahen, da hielten sie sich zusammen. Aber Graf Riolins Ritter dauchten sich so kuehn und stark, daß sie, der mehrer Theil, ungewappnet ritten: deß verlor mancher das Leben, das er sonst wohl haette behalten moegen. Sie renneten mit großem Neid und Grimmen in die Feinde, und vermeineten den Ruhm zu erfechten. Aber Herr Tristan hielt still mit seiner Schaar, bis diese zu ihm kamen: da nahmen sie ihre Schilde mannlich, und renneten unter sie mit starken Schlaegen; also, daß ihrer gar viel todt darnieder fielen. Als sie das sahen, huben sie sich zur Flucht, Herr Tristan eilet' ihnen nach und thaet zumal großen Schaden. Er fing wohl vierzig Ritter, ohne, die er erschlug. Als er mit den Gefangenen dannen ritt, da kam ein geruheter Haufe der Feinde an ihn und kehrete ihn um, also, daß er entfliehen mußte; doch floh er so weislich, daß er nichts verlor. Da kam ihm des Koenigs Neffen einer zu Huelfe; sie satzten mit großem Ernst an die Feinde und thaeten ihnen zumal großen Schaden. Herr Tristan und Caynis erhuben erst einen hatten Streit; sie fingen mehr, denn dreißig Ritter. Da erhub sich ein Geschrei unter des Grafen Heer von Ach und Weh! Der Verwundeten und Todten war ohne Zahl; denn welchen Herr Tristan mit seinem Schwert ruehrete, der hatte den Tod gewiß.

Es waren der Feinde so viel, wenn sie schon einen Raum machten, so kam wieder ein geruheter Haufen. Nun geschah es, daß Herr Tristan abermals weichen mußte; doch floh er allwege ritterlich und mit Ehren. Da aber Herr Tristan sah die Uebermacht der Feinde, bedaucht' ihn wohl Zeit, daß ihm der Koenig zu Huelfe kaeme; und ritt aus dem Streit, sagete Kurnewalen, daß er bald ritte und den Koenig kommen hieße. Dieweil kam der Koenig Nampecenis und nahm Caynis bei dem Zaum, fuehret' ihn dahin mit großem Neid und zwang ihn um Sicherheit. Das ersah Herr Tristan, er eilete seinem Gesellen bald zu helfen, und bracht' ihn mit großen Schwertschlaegen von ihm. Also kehreten sie beide wieder in den Streit, schlugen die Feinde ungesegnet nieder und thaeten großen Schaden. Deßgleichen auch des Koenigs Neffen beide zerschrieten Schild und Helm, daß die Todten zu beiden Seiten vor ihnen nieder fielen. Als der Streit lang' und viel waehrete, wurden Herr Tristanen und etlichen der Seinen ihre Pferde erschlagen, und mußten zu Fuß fechten. Da sprachen sie zu einander: »Wir moegen ihnen nicht entfliehen: soll es denn nach ihrem Willen ergehen, so kommen wir nimmer von hinnen. Das woelle Gott nicht, daß ihnen an uns so Liebes geschehe!« Mit diesen Worten liefen sie auf die Feinde mit Stechen und Hauen, und trieben sie mit Gewalt hinter sich. Es blieben der Feind' ohne Zahl auf der Walstatt, die auf der Flucht erstochen und erschlagen wurden in Graf Riolins Heer. Als aber Herr Tristan und Herr Caynis wiederum auf die Pferde kommen waren und so haeßlichen unter den Feinden umrenneten, da kam ihnen der Koenig mit seinem Haufen auch zu Huelfe. Dennoch waren der Feinde so viel, daß sie vermeineten, das ganze Land waere alles voll Feinde. Nun schlugen die zween Helden, Herr Tristan und Herr Caynis, so viel Volks zu Tode, daß es nicht zu sagen ist. Deßgleichen die zween Herrn, des Koenigs Neffen, die warfen ihre Schilde zurueck und schlugen mit beiden Haenden auf die Feinde: da fielen die Todten ohne Zahl und ward der Streit so groß, daß man an etlichen Enden in dem Blute ging bis ueber die Fueße. Als aber die Feinde sahen, daß sie so gar niederlagen, huben sie sich zu der Flucht, und auf dieser Flucht ward der mehrer Theil erschlagen und gefangen.

Also haet der Koenig der Gefangenen so viel, daß er seinen Schaden wohl desto besser mochte verschmerzen. Denn Graf Riolin mußte mit ihm fuer sich selbst und fuer alle andere abkommen, wie er selbst wollte. Der Koenig hatte sich gnug mit großer strenger Rach' an seinen Feinden gerochen. Deß alles stund er allein Herrn Tristanen zu danken. Der machete nun einen staeten Frieden, also, daß Graf Riolin dem Koenig sein Land mußte wieder bauen, und alle seine Kosten und Schaden, so er deßhalben genommen hatte, abtragen und wiederkehren. In diesen Vertrag verwilligete Graf Riolin gar gutwilliglich.

 

Das neun und dreißigste Kapitel

Wie der Koenig Sorge hatte, Herr Tristan zoege von ihm, und gab ihm seine Tochter.

Als dieser Krieg gestillet war, furchte Herr Caynis, es wuerde sein Gesell, Herr Tristan, einmal jaehling von ihnen reiten, da gedacht' er, wie er dem fuer kommen moechte, und machete sich ihm zumal heimlich und freundlich. Eines Tages sprach er zu ihm: »Gesell, du hast meinem Vater und uns allen so große Lieb' und Dienst' erzeiget, deren wir dir nimmer verdanken koennen noch moegen; du bist auch meinem Vater so lieb, als ich. Warum bittest du ihn nicht, daß er dir meine Schwester gebe?« Herr Tristan antwortet' und sprach: »Wueßte ich, daß er mir sie gaebe, ich waere bereit sie zu nehmen.« Deß ward Herr Caynis froh, sagt' es seinem Vater, dem war es auch lieb und fast angenehm. Also brachte Herr Caynis diese Heirat zuwegen und gab seinem Gesellen seine Schwester zu rechter Ehe.

Herr Tristan war mit seiner ehelichen Frauen Isalden ein ganz Jahr, daß er ihren Leib nicht beruehrete, weder wenig noch viel; denn sein Herz und Gemueth war zu allen Zeiten bei seiner allerliebsten Frauen Isalden in Kurnewaelischen Landen: von der schied sein Herz nie, weder in Stuermen, noch Streiten, noch in keinerlei Noethen. Sein ehelich Gemahl vertrug solch Beiwesen ohne Neid; denn es war ihr fuerbaß nichts kund.

Eines Tags ritt der Koenig, die Koenigin, Herr Tristan und seine Frau, auch Herr Caynis, kurzweilen fuer die Stadt Careches. Isalden Pferd trat in einen tiefen Hufschlag, da Wasser innen war, also, daß ihr das Wasser unter dem Hemde aufsprang bis zu dem Knie. Da sagete sie: »Wasser, du bist fremd und doch kuehn, daß du mir so weit darfst unter mein Gewand springen, da Ritters Hand noch nie hin geruehret hat.« Solches redete sie bei ihr selbst, ohn' alles Uebel. Aber Herr Caynis hoerete die Rede und fraget' ihr eigentlich nach. Der Frauen war leid, daß Herr Caynis solches gehoeret hatte, jedoch sagete sie ihm, daß es wahr waere. Er sprach: »Du bist nun ein ganz Jahr und mehr mit deinem Mann gewesen, wie moecht' eine Statt an deinem Leibe sein, da nicht meines Gesellen Hand ueber gelaufen waere? Ich meine, du sagest Unwahrheit.« Sie sprach: »Fuerwahr, nein; dein Gesell ist so zuechtig, daß er noch nie mit seiner Hand zu meinem Knie geruehret hat.« Herr Caynis sprach: »So wardst du auch noch nie sein Weib.« Damit ritt er zu seinem Vater, ihm zu klagen, daß Herr Tristan seine Schwester noch nie zum Weibe gewann, und sprach: »Wir haben deß alle Laster und Schande; denn er hat es darum gethan, daß er sie verlassen will.« Da sprach der Koenig, ihr Vater: »So muesse uns Gott der Herr alle verlassen und nimmer helfen, wo wir ihm deß gestatten! Wir wollen von Stund' an ueber ihn richten; denn an diesem Ende moegen wir das am allerfueglichsten thun.

Sie nahmen zu ihnen etliche Freunde und Maenner, wie viel deren bei ihnen waren, und vermeineten, sie wollten ihn zu Tode schlagen. Jedoch gedachte Herr Caynis der Gesellschaft, so sie zusammen gelobet hatten, und sprach: »Er ist mein Gesell, und gebuehret mir nicht, daß ich ihn ungewarnet zu Tode schlage: darum will ich ihm zuvor widersagen, daß ich meinen Ehren gnug thue.« Hiemit kam er zu Herr Tristanen und sprach zu ihm: »Ich widersage euch und mag nicht laenger Gesellschaft noch Freundschaft zu euch haben.« Herr Tristan fragete dem nach: »Warum doch?« Caynis sprach: »Darum, daß ihr meine Schwester und uns alle geschaendet habt.« Herr Tristan begunnte laeugnen, und begehrete der Sache recht zu wissen. Herr Caynis sprach zu ihm: »Was soll ich euch von diesen Dingen sagen? ihr wisset es am beßten.« Herr Tristan sprach: »Ich weiß nichts, damit ich euere Schwester, noch euch gelaestert habe.« Caynis sprach: »Ei, so will ich's euch sagen: ihr habt meine Schwester eine Jungfrau gelassen, uns allen zu Schmach; und wir wissen doch wohl, daß sie also edel und eines guten Geschlechts ist, als ihr. Dieses Ding ist allein uns allen zu Schand' und Laster geschehen, und darum, daß ihr sie verlassen wollet.« Darauf antwortete Herr Tristan: »Herr Caynis, glaubet fuerwahr, daß ich nie Muth gewann, sie zu verlassen: es koemmet von andern Ursachen, daß ich sie nicht zum Weibe gewann.« Er sagete: »So lasset mich's hoeren; wovon das koemmet.« Herr Tristan antwortete: »Euere Schwester Isalde hat mich nicht also gehalten, daß ich ihr nahe beiliegen sollte; das weiß Gott.« Caynis sprach: »Sie legete sich neben euch, daß ihr selber thun moechtet, wie es euch gefiele: was sollte sie mehr gethan haben?« Tristan sprach: »Herr Caynis, zuernet nicht, ehe ihr wisset, warum. Eine Frau, eine Koenigin, haelt einen Hund besser und werther, um meinetwillen, denn mich euere Schwester bisher gehalten hat. Wollt ihr mir folgen, so will ich euch an das Ende bringen, da ihr selbst hoeren und sehen sollt', daß ich wahr sage. Wo es sich aber anders erfinden wuerde, so habet Macht und ganze Gewalt, euere Forderung an mich zu erheischen, wie und in welcher Weise ihr nur wollt.« Darauf mußte Herr Tristan Caynis geloben, daß er herwieder zu seiner ehelichen Frauen kommen wollte; und ob die Dinge, vor beruehret, nicht also waeren, wie er gesaget haette, daß sie dann mit Herr Tristanen thaeten, wie sie selber wollten.

 

Das vierzigste Kapitel

Wie Herr Tristan und Caynis sein Schwager ueber Meer zu Herzog Thinas Burg kamen, und wie es fuerder ging.

Als das also versprochen ward, ritten sie hinweg, Herr Tristan und Caynis. Als sie zu dem Meer kamen, da gingen sie in ein Schiff und fuhren in Kurnewaelisch Land. Da sie aber der Burg Litany, die Herzog Thinas war, so nahe kamen, gingen sie aus dem Schiff zu der Burg. Der vorgenannte Herzog war der Zeit anheim, ging ihnen entgegen und empfing sie mit großen Freuden; denn er sah nie keinen Gast so gern, als Herr Tristanen, der denn allwege sein beßter Gesell war.

Herr Tristan nahm den Herzogen an einen Ort und saget' ihm von Wort zu Wort, wie seine Sachen beschaffen waeren; und das Leben stuende in seiner allerliebsten Frauen Haenden, das moechte sie ihm behalten oder verlieren, wie sie selber wollte. Doch haett' er je kein ander Vertrauen, denn daß sie ihm Huelfe thaete, und ihn aus diesen aengstlichen Sorgen erledigete. Wie und in welcher Weis' aber das geschehen moechte, saget' er dem Herzogen alles, und entbot ihr, daß sie das um seinetwillen thun wollte, und den Koenig bitten, daß er mit großer Ritterschaft auf die Jagd reiten wollte, gen Blankenland, an die Wiesen, da sollte sie auch hin kommen, mit allen ihren Jungfrauen, auf das allerkoestlichste, so sie immer moechte, und sonderlich das Huendlein, das er ihr gegeben haette, auch mitfuehren mit großer Gezierde und Herrlichkeit. Thinas sprach: »Mag ich mich darauf verlassen, daß dir meine Frau die allerliebste ist, als du denn selbst gesaget hast, so will ich dir diese Botschaft werben.« Da sprach Herr Tristan: »O lieber Thinas, mein guter Freund, willt du mir denn zu Willen werden, so sage meiner Frauen, daß bei der Straßen, die sie reiten soll, eine Birschwarte ist, und gar nahe dabei ein dicker Dorn: da soll sie fleißig aufsehen; denn ich habe diesen dazu erkohren, daß wir, ich und mein Gesell, darinnen sein wollen; und so sie zu dem Dorn kommt, als neben uns, so will ich meiner Frauen Pferd ein Reis in die Maehnen schießen: dann soll sie still halten, und das Huendlein selbst fuehren, daß mein Gesell sehe, ob ich wahr gesagt habe oder nicht.« Das alles, mit mehr Worten, hieß er seiner liebesten Frauen und Koenigin sagen. Auch schicket' er ihr einen Ring, den sie ihm gegeben hatte, dabei sie verstund, daß er zu Lande kommen war.

Herr Thinas ritt hinweg. Als er gen Hof kam, fand er den Koenig und die Frauen ob einem Brettspiel mit einander spielen, und sie hoereten gleich jetzt auf von dem Spielen, Herr Thinas ging hinzu, und sprach: »Frau, ich will mit euch spielen.« Als er nun spielete, griff er oft und mehr, denn er sollt', auf das Brett; das thaet er darum, daß die Frau des Rings an seiner Hand wahrnaehme. Als sie den Ring sah, mußte das Spiel bleiben, sie ging bald in ihr Gemach, und forderte Thinas zu ihr, fraget' ihn zu Stund'. Er gab der Koenigin den Ring, und saget ihr dabei, was ihr Herr Tristan entboten haette, und ermahnete sie auch fleißig, daß sie ihm solch sein Begehren nicht abschluege, sondern ihm zu Willen wuerde, damit diese Reise loeblich und koestlich vollbracht wuerde.

Als die Frau ihren Allerliebsten in solcher Naehe vermerkete, ward sie aus der maßen hoch erfreuet; denn sie hatte in seinem Abwesen echter Freude nie empfunden. Und ohn' alles Verziehen bat sie den Koenig, mit großer Ritterschaft gen Blankenland auf die Jagd zu reiten. Deß ward der Koenig willig. Also richtete sich die Frau mit ihren Jungfrauen so koestlich und herrlich zu, daß Wunder davon zu sagen waere.

An dem andern Morgen frueh kam Herr Tristan und Herr Caynis in den Dorn, als er der Frauen entboten hatte, darinnen zu warten seines Herzen Kaiserin. Als sie eine kleine Weile darinnen waren, da kamen die Koeche des Koeniges, mit Kesseln und Pfannen; darnach Leute, die Speise zufuehreten: deren bedauchte Herr Caynis viel zu sein. Auch kamen dar die Truchseß' und Schenken; darnach die Jaeger mit viel Hunden. Darnach kam des Koeniges Kammerwagen und die Kapelane; darnach der Koenig selbst, mit großer Ritterschaft und mit manchem schoenen Federspiel. Als nun der Koenig fuerueber war, da kam der Frauen Kammerwagen; da gingen so viel Trabanten mit, daß es Herr Caynis groß Wunder nahm. Darnach kamen die Frauen. Nun hatte die Koenigin ihre Reise also geordnet, daß allwege ein Ritter und eine Jungfrau neben einander ritten, und die Nachreitenden nicht zu nahe auf die Vorderen, also, daß je zwei und zwei wohl mit einander reden mochten, wollten, was sie daß es die andern nicht hoereten. Es waren auch die Frauen und Jungfrauen so gar herrlichen und koestlichen bekleidet und gezieret mit Golde und koestlichem Edelgestein, und den beßten Kleidern, so man gehaben mochte; jedoch eine koestlicher, denn die andere, und je mehr sie fuer den Dorn ritten, je besser und schoener sie gezieret waren. Nun sahen sie eine minnigliche, schoene Jungfraue, daß Caynis bedauchte, er haette nie nichts Schoeners gesehen, und sprach: »Hie kommt die Koenigin.« Da antwortete Herr Tristan: »Sie ist's nicht: diese ist zu schaetzen gegen die Koenigin, als eine truebe Wolke gegen die lichte Sonne.« Herr Caynis gab keine Antwort, aber er glaubet' es nicht; denn er meinet', er hatte sich in dieser Jungfrauen Angesicht ersehen, als in einem Spiegelglas. Diese Jungfraue hieß man die schoene Gymelle von der Schitriel; bei ihr ritt Herr Caylach, ein Graf von Miliach, der war der schoenste Juengling, so in derselbigen Zeit mochte leben: diese zwei kehreten ihre Angesichter recht gegen Herr Caynis, also, daß er sie gar eigentlichen sehen mochte. Sie redeten auch mit einander und lachten einander gar freundlich und guetlich an. Als aber Herr Caynis das sah, sprach er bei sich selbst, daß nichts Schoeners noch Lieblichers auf allem Erdreich leben moechte, denn diese zwei Menschen.

Als nun diese zwei fuerueber waren, da ritt die getreue Brangele allein, ohn' alle Gesellschaft: sonst ritten je zwei und zwei mit einander. Da Herr Caynis die ersah, vermeinet' er, sie waere an Gestalt und an aller Gebaerde noch schoener, denn die er vor gesehen hatte.

Nach ihr gingen zween Zelter, die trugen eine koestliche Truhe, mit Golde und edlem Gestein auf das allerzierlichste gemacht. Herr Caynis fragete, was dies waere? Herr Tristan antwortet' und sprach: »Das ist der Hund, den ich meiner Frauen gegeben habe, den sie um meinetwillen also mit ihr fuehret.« Als Herr Caynis solches hoerete, sprach er: »Du hast wahr gesaget; denn du wurdest nie von meiner Schwester also gefuehret.«

Als er nun diese Worte redete, sah er einen solchen Schein, daß ihn bedauchte, wie zwo Sonnen waeren; und fragete zu Stund', was das waere? Herr Tristan sprach mit großen Freuden: »Hie kommt die Koenigin, meines Herzen allerliebste Fraue!« Herr Caynis aber getrauete nicht, daß ein solcher Glanz von der Frauen leuchtete, bis er sie selbst sah. Die Koenigin ritt allein; denn sie hatte ihren Mitreiter Auctrat wieder hinter sich geschickt, um Dinge, die er nicht finden mochte: sie haette moegen leiden, daß er nimmermehr wiederkommen waere. Also kam sie zu dem Dorn geritten, und brachte mit ihr das Licht und den Schein, so Herr Caynis gesehen hatte: der mußte nun von wahren Schulden bekennen, daß er in seinem Leben nie so schoenen Leib gesehen haette. Er stund, und konnte sich nie genug verwundern der großen Schoene und des lichten Glanzes, so von der Frauen glastete, und sprach zu Herr Tristanen: »Gesell, ich meinete nicht, daß solche große Klarheit und Schoene den Menschen auf Erdreiche beiwohnen moecht', ich haett' es auch weder dir, noch seinem Menschen nimmermehr geglaubet, wo ich das nicht selber gesehen haette. Erst merk' ich, daß meine Schwester solcher Schoene nicht an ihr hat, die ich doch fuer die Schoeneste geachtet habe. Aber nun ist mir ihre Schoene ein Verdruß gegen die, die ich hie sehe.«

Herr Tristan wollte sich nun offenbaren und seiner Frauen zu verstehen geben, daß er allda waere: er nahm ein Reis und schoß das seiner Frauen Pferd in die Maehnen. Zu Stund' vermerkete sie, daß er da war, und hielt still, rufete Brangelen zu ihr, daß sie ihr den jungen Grafen Caylach kommen hieße. Als er kam, sandte sie ihn zu dem Koenige, und entbot ihm, sie waere sehr krank worden auf dem Wege, ließ ihn sehr bitten, daß er sie die Nacht vermeiden und nicht bei ihr wesen wollte, sondern sein Lager jenseit des Wassers, und das ihre hie dieshalb aufschlagen, damit sie desto besser Ruhe haben moechte; daß er auch mit Fleiß bewahrete, so sie gen Blankenland kaeme an die Herberge, daß alsdann kein Hoern noch Hund da gehaeret oder erschaellt wuerde: denn sie moechte das vor Schwachheit ihres Haupts nicht erleiden.

Caylach ritt hinweg, dem Koenig diese Botschaft zu sagen. Der Koenig war deß wohl zufrieden; denn die Frau war ihm so lieb, daß er gar williglichen thaet, was sie ihn bitten ließe.

Die Koenigin stund von dem Pferd, ohne daß sie Huelfe begehrete, was vormals nie geschehen war, und ging hin zu der gueldenen Truhe, darin der Bracke lag: den nahm sie mit ihren hermelinweißen Haenden heraus, mit viel sueßen Worten und lieblichen Gebaerden; sie strich ihn schoen mit ihrem Mantel, der da gemacht war von Gold und edlem Gestein, daß er keiner Gezierde mangelte. Sie nahm allda diesen schoenen Bracken in ihre Arme, und sprach dem so gar guetlich und freundlich zu, als ob sie Herr Tristanen selbst in ihren Armen haette. Als sie ihn nun lange gestreichelt und geliebelt, da trug sie ihn wieder in sein Haus. Auf dem Wiedergang ließ sie den Mantel fallen, also, daß sie Herr Caynis wohl sehen mochte. Er mochte sich auch nicht laenger enthalten, sondern er redete mit Herzen und Zungen, daß keine schoenere Kreatur auf Erden lebete, denn diese Frau. Und er sprach zu seinem Gesellen Herrn Tristanen: »Gesell, ich sage dich aller Treu' ledig und los: ich sehe gar viel mehr, denn du gesagt hast. Ich bekenne auch, daß du von meiner Schwester nicht so freundlich bist gehalten worden.«

 

Das ein und vierzigste Kapitel

Wie die Koenigin zu dem Dorn kam und Herr Tristanen zu verstehen gab, wo er zu ihr kommen sollte.

Nach dem ging die Koenigin also wieder fort, und hoerete Waldvoegelein singen, zu denen redete sie mit lauter Stimme: »O ihr lieben Voegelein, ihr habt mannichfaeltige Freude durch euere sueßen Stimmen und Getoen: nun will ich euch miethen, mit reicher Gab' und Geschenke, daß ihr hinte mit mir stieget gen Blankenland an die Herberge, und mir daselbst diese Nacht singet!« Mit dieser Rede und behender Listigkeit gab sie Herr Tristanen zu verstehen, wo sie die Nacht sein wuerde, und an welchem Ende er zu ihr kommen sollte.

Nicht lange darnach kam der leidige Auctrat; zu Stund' hub er die Frauen auf ihr Pferd, und fuehrete sie gen Blankenland; denn das sie den Koenig hatte bitten heißen, war alles nach ihrem Willen vollbracht. Aber ehe, denn der Koenig zu Ruhe ging, wollte er vorhin besehen, wie sich die Frau gehabet', und ritt allein dar. Brangele ging herfuer, und sagt' ihm, die Frau waere sehr krank, daß er nicht zu ihr reden moechte, bis morgen. Was mochte der Koenig nun anders thun, denn daß er dannen ritte? Und ihm war der Frauen Krankheit inniglichen leid.

Alsbald der Tag seinen Lauf vollbracht hatte und die Nacht kam, da kam auch Herr Tristan und sein Gesell, die ließ man zu Stund' fuer die Frau: die ward alsbald gesund; denn der rechte Arzt war ihr kommen. Wie gar freundlich und lieblich die Frau ihren Liebhaber empfing, bleibet von mir hie ungesagt; denn ich kann solcher gebluemter Worte nicht. Auch ist ohne das maenniglich kund und wissend, daß sich Liebes gegen Liebes auf das freundlichste erzeiget, so sie moegen.

Die Frau nahm Herr Tristanen zu ihr, und hieß seinen Gesellen Herr Caynis zu der schoenen Gymellen von der Schitriel sitzen. Nun war niemand in diesem Gemach, denn die Koenigin, Herr Tristan, Herr Caynis, Gymelle, Brangele und Peronis. Diese alle wußten wohl der Frauen Heimlichkeit. Die war nun mit Herr Tristanen in großer Geheim und einigem Rath. Da klagete je eins dem andern, was sehnender Roth sie erlitten haetten in ihrem Abwesen; und nahmen ihnen deß eine kleine Ergetzlichkeit, so viel denn diese kurze Zeit ihres Beiwesens verhaengete.

Herr Caynis sprach der schoenen Gymellen um ihre Liebe und Freundschaft so ernstlich zu, daß er meinete, sie sollt' ihn jetzt bei ihr schlafen lassen; aber sie verachtete seine Worte, und es war ihr gleich ein Gespoett. Jedoch ließ er nicht nach, es waer' ihr lieb oder leid, und lag ihr fest und staetiglich an. Als sie aber seinen Ernst recht ersah, sprach sie: »Herr, wo gedenket ihr hin, oder wohin thut ihr euern Sinn? ihr sehet doch wohl, daß ich keine Baeurin bin, daß ihr mir so jaehlingen um Lieb' und Freundschaft zusprecht. Ich mein', ihr seid ein Bauer; ich glaube nicht, daß ihr es sonst thaetet; und sag' euch ueberlaut, daß ihr von mir ungewaehret seid; denn haettet ihr fuenf Jahr' in meinen Geboten gestanden und gelebet, es waere dann noch viel zu frueh, daß ihr so viel begehren solltet, als ihr hinte gethan habt.« Doch bedachte sie sich bald anders, und sprach: »Ihr bedunkt mich so ehrlich, wenn ihr mein Landsmann waeret, und mir gemaeß, auch meinen Freunden gefaellig, also, daß sie euch mir gaeben, das ließ' ich geschehen: aber durch euere Bitte nicht.« Herr Caynis ward betruebet; es gereuet' ihn, daß er es je gedacht', und wußte nicht, was er antworten sollte.

Nun war es Zeit, daß die Koenigin und Herr Tristan sollten zu Ruhe gehen, da ging sie vor zu Herr Caynis, und sprach: »Durch Tristans Liebe will ich euch vergoennen hinte zu liegen, unter diesen zweien bei welcher euch gefalle (das waren Gymelle und Brangele), und welche euch die liebste sei, die heißet hinte bei euch liegen.« Herr Caynis meinete, sie trieb' ihren Spott mit ihm, und gedachte: Bin ich ihnen denn nur zum Spott herkommen, so waere ich wohl da außen blieben. Als er aber ihren Ernst vermerket' und verstund, daß kein Gespoett dabei waere, sprach er: »Frau, Gott belohne euch in seinem hohen Thron solcher Treu' und Freundschaft, so ihr mir beweiset. Sollt' ich denn die Kuer und Wahl haben, so mueßt es Gymelle sein; denn ich habe schon eines Theils mit ihr geredet, auch bin ich mehr bei ihr gesessen, denn bei dieser.« Zu Stund' gebot die Koenigin, daß Gymelle den Helden zu sich leget', und ihn freundlich in ihre Arme naehme. Die Jungfrau hieß ihr und Herrn Cayms zusammenbetten. Er zog sich bald aus, und legete sich zu Bette. Aber Gymelle ging vor zu der Frauen und sprach in großem Unwillen: »Wie meinet ihr dies Ding? Ist es euch lieb, daß ich meine Ehr' also verlieren sollte: mir nicht also!« Die Koenigin sprach: »Geh' hin, und nimm das Kissen, das ich unter mein Haupt lege, so ich mich nach Herr Tristanen sehne: du weißt wohl, wie es darum stehet; lege es ihm unter sein Haupt, zuhand entschlaeft er, so lange, bis du's ihm wieder nimmst: also magst du die Nacht mit gutem Frieden bei ihm schlafen.« – Das Kissen war mit solchen Kuensten zugerichtet: wer drauf entschlief, der schlief Nacht und Tag; es konnte sich auch niemand sobald drauf legen, er waere von Stund' an entschlafen, mochte auch nicht erwachen, bis man ihm das wieder entzog. Wenn der Koenigin die große Lieb' und das Sehnen nach Herr Tristanen so gar ueberhand nahm, so legete sie sich darauf: damit ward ihre Roth abermals eines Theils geringert. – Gymelle nahm das Kissen, legete sich zu dem Helden und sprach: »Hebet euer Haupt auf, ich will euch in meinen Arm legen: das hat mir meine Fraue geboten.« Herr Caynis dankete Gott, und auch der Koenigin, und ward aus der maßen froh, daß ihm die Jungfrau so freundlich sein wollte. Gymelle leget' ihm das Kissen unter sein Haupt, zuhand entschlief er, daß er diese Nacht nie erwachet'; er wueßt' auch nicht, ob er allein oder selbander lag.

Zu Morgens da es tagete, stund die Jungfrau auf, bekleidete sich schoen, ging dar, und zog dem Helden das Kissen von dem Haupt: von Stund' an erwachet' er, griff um sich, und fand nichts. Da erschrak er sehr, und meinet', er waer' also verspottet und verunglimpft: er waere lieber tausend Meilen von ihr gewesen, denn daß er allda sollte sein. Die Nacht war nun dahin, und der Tag erleuchtete das ganze Erdreich, darum er verhoffete, daß ihm kein Gutes von ihr widerfuehre; jedoch blieb er eine Weile da, bis er sein Leid besser hoeren mußte, mit Spottworten. Gymelle sprach da: »Haett' ich naechten gewußt, daß ihr also zuechtiglich wolltet liegen, ich haett' euch der Dinge, so ihr mich batet, nicht verzogen.« Da er das hoerete, da ward er vor Leid gar nahe verwundet und vertobet, auch so gar erschrocken: der ihm ein Ohr entzwei geschnitten haette, haette gesehen, daß kein Blutstropfen davon waere kommen.

Nun war auch Zeit, daß sich die zwei abermals scheiden mußten: die schieden sich mit großer Klag' und Uebelgehaben. Herr Tristan wueßt' aber nicht, wie es seinem Schwager gangen haet. Er hieß Peronis bald zu Kurnewalen gehn und ihm sagen, wo er ihn finden moecht', auch wohin er die Pferde bringen sollte; denn es war ein boeses Bruch bei dem Wege, den sie reiten sollten: das wollte Herr Tristan umgehen, bis er zu dem rechten Pfad zu den Pferden kaeme.

Peronis lief bald dahin und sagete Kurnewalen die Botschaft. Der hub sich schnell dar, kam zum Bruch, und vermeinete seinen Herrn da zu finden. Auch war mit ihm da Herr Caynis und sein Diener, die hielten auf der Fuhrt. Und weil sie also hielten, da kam ein Mann, mit Namen Pleherin, der war auch des Koenigs Hofgesinde, mit sieben Dienern; dieser kam an sie, und jagete sie so meist, als er mochte: diese aber flohen sehr. Pleherin vermeinet', es waere Herr Tristan, und rufet' ihm nach: »Kehre Held, kehre, durch deine große Kuehnheit!« Diese aber kehreten sich nicht an sein Rufen, und eileten ihre Straße. Da rufet' er abermals: »Kehre, werther Herr Tristan, um der Koenigin willen, so sie dir je lieb ward!« Diese aber wollten nicht wiederkehren. Da sprenget er ihnen mit großem Neid zu, sie zu noethen, ihm zu sagen, wer sie waeren: dennoch kamen sie ungefragt von ihm; doch eilete er ihnen ein Pferd ab auf der Flucht. Kurnewal ritt desselben Tags mehr, denn vier Meilen irr', ehe er zu seinem Herrn kam.

 

Das zwei und vierzigste Kapitel

Wie Herr Tristan gegen die Koenigin verleumdet ward, darum sie darnach sehr zornig ward.

Nicht lange darnach kam Pleherin gen Hof, und sagte der Koenigin, Herr Tristan waere im Land', und wie er ihn gejaget und ihm ein Pferd abereilet haette; er waer' aber so fast geflohen, daß er ihn nicht haette ereilen moegen. Auch saget' er, wie er ihn um ihrentwillen ermahnet haette, daß er wieder umkehren sollte, er haette es aber nicht hoeren wollen, und waere also fluechtig hinweg geritten. Die Frau antwortet' ihm ernstlich und mit großem Zorn: »Was sagest du mir davon? Ich wollte, du haettest ihn auf deinem Ruecken getragen, und in die See geworfen, daß ich doch sein nimmer gedenken hoerete! Jedoch glaube ich, du duerftest ehe deine Augen aus deinem Haupt graben, denn einen solchen kuehnen Mann jagen.« Pleherin war ein hoeflicher und verstaendiger Mann; als er ihren Zorn saehe, war ihm leid, daß er die Rede gethan haette, und hub sich zu Stund' dannen.

Die Koenigin grammt' in ihr selbst, und thaet ihr gar Zorn, daß Herr Tristan um ihrentwillen nicht widerkehret waere, und mocht' auch das nicht laenger verdulden, sondern entbot ihm durch Peronis: er haette fast uebel gethan, daß er nicht wiederkehrete, da ihn Pleherin um ihrentwillen vermahnet und gebeten haette.

Peronis war ganz eilig, er lief schnell dahin, und kam, da er Tristanen an dem Dorn fand; dem saget' er die Botschaft, die ihm zumal fremd war; und dieweil sie also redeten, kam Herr Caynis, Kurnewal und Cannis Diener, und brachten nicht mehr, denn drei Pferde; das vierte hatte ihnen Pleherin abgejaget. Herr Caynis war zornig und unmuthig, und meinete nicht anders, denn Herr Tristan wueßte wohl, wie ihm geschehen war, und daß ihm die Hofschande lieb waere und durch seinen Rath geschehen; und wollte das an ihm raechen. Nun wußte Herr Tristan nichts um die Maehre, denn er hatte seines Geschaefts gewartet. Sie geriethen da also hart mit Worten an einander, daß Herr Tristan Herrn Caynis also anlief, und wollt' ihn niedergeschlagen haben. Doch bedacht' er sich anders; er ist mit mir herkommen; schlage ich ihn denn, das waere mir keine Ehre; darum will ich meinen Zorn gegen ihn nachlassen, wiewohl er uebel an mir gethan hat. Hiemit kehret' er sich zu Peronis, und sprach zu ihm: »Sage der Koenigin, meiner Frauen, meine Unschuld, auch daß sie gewiß sei, was man mich je um ihrentwillen gebeten, oder von mir begehret, daß ich deren keines nie keinem versaget, noch abgeschlagen, sondern allezeit in ihrem Dienst gewesen, und alles vollbracht habe. Laufe bald hin und sage solches meiner allerliebsten Frauen, so will ich also hie dein warten? es sei mir gleich nutz oder schaedlich.«

Peronis der lief dahin. Als er zu der Frauen kam, und ihr Tristans Botschaft ansagete, da glaubete sie deß alles nicht, daß dem allem so waer', und sprach zorniglichen: »Peronis, daß du mir um seiner Gabe willen unrecht sagen willt, ist mir nicht lieb.«

Als Peronis ihren Zorn vernahm, da ging er wieder zu Herr Tristanen, und sagt' ihm, daß seine Frau seiner Unschuld nicht glauben wollte. Herr Tristan sprach: »Das ist mir inniglich leid; ich will auch große Arbeit darum leiden, oder aber sie sage mich dieser That ledig.« Als aber Herr Caynis merkete den großen Zorn und Ernst seines Schwagers, ward es ihm leid und gereuet ihn uebel, daß er je etwas wider ihn geredet haette, und sprach zu Kurnewalen: »Ich will nirgends hin reiten, sondern mit dir hie meines Gesellen warten, bis er herwieder komme.«

 

Das drei und vierzigste Kapitel

Wie Herr Tristan zu der Koenigin kam, in Gestalt eines Aussaetzigen, und wie es ihm daselbst erging.

Tristan sprach: »Ich will darum sterben, oder sie sage mich unschuldig.« Er ging hinweg, und kam zu einem aussaetzigen Mann, den bat er, ihm seine Kleider und sein Klaepperlein zu leihen: der thaet das. Tristan legete die Kleider an, nahm das Klaepperlein in seine Hand, und ging vor die Koenigin, als ob er ein siecher Mann waere. Die Frau erkannt' ihn, und sprach zorniglich: »Bald treibet diesen siechen Mann hinweg.« Da liefen zween Gesellen dar, die schlugen ihm zween große Schlaeg', und stießen ihn mit Ungeduld unmaeßlich hart hinweg. Dieses sah die Frau, und begunnte deß sehr lachen: jedoch haette sie billiger geweinet; es war ihr aber zu der Zeit nicht zu Sinne. Herr Tristanen thaet diese Schmach und Laster sehr weh, denn er hatte sich solches nicht zu ihr versehen, und kehrete bannen in grimmigem, zornigem Muth.

Als er zu Kurnewalen und seinen Pferden kam, saß er auf und ritt weg; er saget' auch seinem Diener in großer Geheim, wie es ihm ergangen war. Als er solches hoerete, daß die Frau darueber gelacht haette, ward er so gar zornig, und bat seinen Herrn mit ganzem Fleiß, daß er um seinetwillen die Frauen ein Jahr vermeiden wollte, auch nicht kommen an das Ende, da sie ihn sehen moecht'; und wo er das nicht thaete, wollt' er keinen Tag mehr bei ihm bleiben. Herr Tristan verhieß ihm, das staet und fleißiglich zu halten. Er verließ alle Feindschaft und Unwillen, so er zu Herr Caynis hatte, deßgleichen Herr Caynis gegen ihn auch, und wurden gute Gesellen, in maßen, wie vor.

Sie ritten miteinander heim; da wurden sie mit großen Ehren empfangen. Herr Caynis sagete seinen Gesellen vor seinem Vater aller Geluebde ledig und los, und alles, so Herr Tristan haette gesagt, das haette sich wahrlich erfunden, und zehenfaeltig mehr. Also ward erst eine neue Freundschaft gemacht, und legete sich Herr Tristan naehre und freundlicher zu seiner ehelichen Frauen, denn er vormals gethan hatte, und lebeten auch freundlich und schoen mit einander.

Sie verschmerzeten auch wohl, ob die Koenigin Reu' oder Unglueck haette: der war es auch gar nicht ohne, der Schimpf hatte sie gereuet, und kam in große Klag' und Leid und erkannte, daß sie von rechten Schulden Herrn Tristans Huld verloren haette.

 

Das vier und vierzigste Kapitel

Wie die Koenigin Herr Tristanen um Huld bitten ließ, und die von ihm erlangete.

Die Koenigin hatte einen Lakeien an dem Hof, schoen und wohlgezogen, mit Namen Pyloys, dem war die Sache der Koenigin und Herrn Tristans auch nicht gar unwissend; der ward berufen und zu der Frauen gefordert. Als er zu ihr kam, sprach sie zu ihm: »Ich habe durch meinen jaehen Zorn von rechten Schulden Herr Tristans Freundschaft und Huld verloren; denn ich habe zugesehen, daß man ihm zween ungefuege Schlaege gegeben hat, und habe deß sehr gelachet. Nun bitte und begehr' ich von dir, du wollest mein Bote zu ihm sein; das will ich dir gar wohl lohnen. Sag' ihm meinen Dienst, klag' ihm dabei meinen großen Kummer, so ich nach ihm erleide; daß ich auch von seinetwegen ein haeren Hemd an meinem bloßen Leibe trage, das mir doch schwer zu thun ist: jedoch will ich's nimmer abthun, es sei denn, daß er mich das heiße, und seinen Muth gegen mich bekehre.«

 

Das fuenf und vierzigste Kapitel

Wie Pyloys zu Herr Tristanen gen Careches kam, und die Koenigin wiederum bei ihm Huld erwarb.

Pyloys nahm Urlaub von der Frauen, und hub sich Kurnewarlischen Landen. Als er schier gen Careches kam, ritt Herr Tristan im Felde beizen mit einem Sperber, der hatte wohl geflogen und gefangen nach allem seinem Willen und Gefallen. Herr Tristan sah Pyloysen von fern auf dem Wege, und gedachte: Dieser mag wohl ein Bote sein; ich will ihn fragen, wo er hin woelle? Sie kehreten beide zusammen, und kamen so nahe, daß sie einander erkannten. Da hieß Herr Tristan Pyloysen willkommen sein, und fragete zu Stund', wie sich die Koenigin gehabte? Er antwortete: »O lieber Herr, bedenket, daß sie euch will zu Buße stehen, wie ihr selber gebietet. Auch wie sie von euerentwegen ein haeren Hemd an ihrem bloßen Leibe trag', und das tragen woelle, so lang' als ihr selbst woellet. Aber das ist nicht minder: wollt ihr sie so lang meiden, so stirbt sie. Darum such' ich, Herr, euere Fueße, daß ihr schier kommt an das Ende, da meine Frau, euere Allerliebste, ist, und machet sie dieser großen Sorgen frei.« Herr Tristan sprach: »Ich will sie nicht sehen, mir moechte vielleicht geschehen, als zum naechsten geschaehe, da sie mich von ihr treiben hieß.« Pyloys sprach: »Herr, sie hat fuerwahr also groß Reuen, als ich von keinem Weib nie vernommen habe.« Herr Tristan sprach: »Ich laeugne nicht, ich war ihr ein wenig gramm. Das lass' ich nun hie sein, und will ihr wieder freundlich sein. Sag' ihr auch, daß sie das haeren Hemd hinlege, und sich forthin mit Seiden bekleide. Auch will ich sie empfahen durch Gnad' und nicht durch Recht, sondern ich will sie dein genießen lassen, daß du so ein guter Bote bist. Und alsbald ich geleistet ein Ding, das ich gelobt habe, so will ich zu ihr kommen, es sei mir gut oder schaedlich. Auch sage meiner Frauen, ich habe gelobt, daß ich sie ein Jahr vermeiden und nicht sehen wolle: so sich aber das Jahr endet, in dem Maien, so komm' ich wieder dar; das mag aber vor der Jahrzeit nicht geschehen noch sein.«

 

Das sechs und vierzigste Kapitel

Wie Herr Tristan zu der Koenigin kam, und wie es ihm darnach erging.

Als der Mai kam, nahm Herr Tristan graue Kleider an sich, als ein Pilgrim, dazu Tasche und Stab, auch zween Bundschuhe, mit ihm sein Diener Kurnewal, ihm gleich gekleidet, und zogen in Kurnewaelisch Land. Als sie nun kamen zu der Burg Litany, die Herrn Thinas war, da war er nicht daheim. Als sie ihn aber nicht funden, mußten sie bedenken, was ihnen zu thun waer', und nahmen den Rath, auf die Straßen zu gehen, ob sie jemand saehen, den sie als Boten schicken koennten. Hiemit gingen sie in den Dorn, da er und Herr Caynis vor in gewesen waren. Es zog viel Volks da wieder und fuer, es war aber keiner unter ihnen, dem sich Herr Tristan eroeffnen durfte: also mußten sie diese ganze Nacht in dem Dorn behausen.

Als es nun Tag ward, da kam sein lieber Freund Herr Thinas, der ritt dorther und schlief. Herr Tristan gedachte: Ich will dich nicht wecken; du bist vielleicht hinte bei deiner Lieben gewesen, und schlafest nothduerftig. Er ging dar und nahm das Pferd bei dem Zaum, und ging eine gute Weile mit ihm, und wollte sich ehe dieser Botschaft verzeihen, ehe er ihm seinen Schlaf brechen wollte. Zuletzt erschrak das Pferd und fuhr aus dem Weg, davon der Herr erwachet', und erkannte Herr Tristanen zu Stund'. Sie wurden beide froh, und empfingen einander mit viel freundlichen Worten. Herr Tristan hub an den Herrn zu bitten und mit großem Fleiß zu begehren, ihm abermals Botschaft an die Koenigin zu werben und sprach: »Nimm hin diesen Ring, und bringe den der Koenigin zum Wahrzeichen meiner Herkunft, und sage ihr, sie solle Fleiß thun, damit sie den Koenig abermals auf die Jagd bringe gen Blankenland; da soll sie mich finden in dem Dorn, da sie mich fand, als ich naechst hie war.« Herr Thinas nahm den Ring und kehrete damit hinweg.

Als er gen Hof kam, und die Frau vermerkete die Ursache seiner Zukunft, auch den Ring sah, ward sie gar inniglichen froh. Zu Stund' bat sie den Koenig, daß er jagte zu Blankenland. Der Koenig hieß von Stund' an Jaegermeister und Jaeger, daß sie sich zur Jagd ruesteten; denn er war allezeit willig, zu thun, was die Frau begehrete: darum ritt er bald hinweg. Die Frau sprach: »Auctrat soll hie bleiben und mit mir nachreiten.« Er waer' ihr aber lieber ueber tausend Meilen gewesen. Sie war ganz listig und gescheit, und redete solches, daß man desto minder Argwohn aus der schnellen Jagd nehmen moechte.

Nun hatte sie in der Zeit, als Herr Tristan naechstmals bei ihr gewesen war, der beßten eine aus ihrer Schaar der Frauen verloren, das war die getreue Brangele; darum die Frau sehr viel Klag' und Leid hatte. Es fiel aber das Amt, so Brangele gehabt hatte, auf Gymelle von der Schitriel; und wußte die Sache nun niemand mehr an dem Hof, denn Gymelle und Peronis: die mußten auch staets bei der Koenigin sein.

 

Das sieben und vierzigste Kapitel

Wie die Koenigin zu dem Dorn kam, und Herr Tristanen zu verstehen gab, wo er zu ihr kommen sollte.

Als sie nun kamen zu der Warte bei dem Dorn, da Herr Tristan innen war, hieß sie alles Volk wegreiten, ohn' Auctrat und Gymelle, die blieben bei ihr. Die Frauen beide saßen nieder in das Gras, und der leidige Auctrat – daß ihn Gott schaende! – zu ihnen; es waere ihnen lieb oder leid, er setzte sich zu ihnen. Die Frau sollte nun Herr Tristanen zusprechen und sagen, wo er zu ihr kommen moechte: das mochte vor dem Verraether Auctrat nicht geschehen. Sie stund auf und brach der Bluemlein, so bei der Warte stunden. Indem hoerten sie die Hunde gar zumal laut laufen, und kam der Hirsch daher gelaufen, gerichts zu der Warte. Da erschrak der Frauen Pferd; da es den Hirsch sah, riß es so hart, daß es Zaum und Zuegel alles zerbrach, und lief zum Wald ein. Auctrat saß bald auf sein Pferd und eilete diesem nach, daß er es wiederfinge. Die Koenigin ging dem Dorn ein wenig naeher, und durfte doch nicht gar hinein, noch er heraus. Sie sagete mit hellen Worten, daß er's wohl hoeren mochte, wo er sie finden und zu ihr kommen sollte.

Als ihr aber vor gehoeret habet, daß der Hirsch der Warte zugelaufen kam bei dem Dorn, als er Leute darin vernahm, erschrak er, und kehret' um auf einen andern Weg. Die Jaeger haengeten ihm nach, der Koenig ritt auch hin nach. Als er sah den Hirsch scheuen bei dem Dorn, wollt' er auch sehen, was darin waere. Die Frau ersah das, und erschrak ohne maßen sehr; sie thaet laut rufen und schreien, der Hirsch waere hinweg! Sie schrie so fast und so viel, daß sich der Koenig Suchens begeben mußt'. Auch kamen die Hund' auf die rechte Fahrt, dem Hirsch nachjagend. Also verhuetete die Frau, daß Herr Tristan nicht gefangen wurde, und der Koenig dem Hirsch nachritt.

Nicht lange darnach kam Auctrat auch herwieder, und hatte das Pferd gefangen. Damit saßen sie auf und ritten hin gen Blankenland, an die Herberg' oder Feuerstatt, da Herr Tristan das naechstemal auch bei ihr gewesen war. Er vergaß auch nicht, wohin sie ihn jetzt geweiset hat, und kam an dasselbige Ende, sobald die Nacht herging. Wie gar freundlich und lieblich er von der allerschoensten und liebsten Frauen empfangen ward, und wie er dankte, da kann ich euch nicht genug davon sagen; denn sollt' ich das alles von Wort zu Wort erzaehlen, so wuerde dies Buechlein sehr gelaengen: darum lass' ich es gleich fallen. Sie heilet' ihm seine Schlaege, so er von ihrentwegen empfangen und gelitten haet, daß er forthin nicht mehr darob klagete, noch ihrer in Argem gedachte.

Des Morgens, da sie sich abermals scheiden mußten, hub sich neue Klag' und Ungemach, und schieden sich die zwei Lieben mit nassen Augen und großem Schmerzen.

Herr Tristan der ging traurig hinweg, suchete Kurnewalen seinen Diener an dem Ende, da er ihn gelassen hatte, und fand ihn nicht. Da kam er an die Feuerstatt, da das Hofgesinde lag. Als er aber die Leute ersah, wollt' er wieder umgekehret sein; da furchte er, man haette ihn gesehen: so moechte ihm sein Fliehen nicht zu nutz kommen, sondern mehr Schadens bringen. Er gedacht auch: Ich bin unkenntlich denn ich bin als ein Pilger vermummt, ich will wohl fuer sie alle gehen, daß sie mein nicht wahrnehmen. Also ging er fuer, und sah ihrer viel, deren etliche wurfen den Stein, etliche schossen den Schaft, so sprungen etliche ueber den Graben; er aber ging fuerbaß, als ob er sie nicht saehe. Da erkannte ihn ein Ritter, seiner guten Freund' einer, der stellete sich, als ob er ihn nicht kennt', und ließ ihn fuerbaß gehen. Als Herr Tristan vorbei kam, ward er inniglichen froh, und meinet', es haette ihn niemand erkennet. Aber jener Ritter ritt ihm nach, und bat ihn, daß er um seinetwillen mit ihm ginge zu der Feuerstatt und sprach: »Thue mir das zu Liebe, scheuß mit dem Schaft nur zu einem einigen mal, spring' einmal ueber den Graben, und wirf den Stein einmal: ich will dich ohn' allen Schaden von dannen bringen.« Herr Tristan wollte nicht, und sprach: »Du bittest gar thoerlich und unbedacht; ich waere auch nicht ein weiser Mann geheißen, so ich von eines solchen kleinen Preises und Ruhms wegen an die Statt ginge, da man mich vielleicht fangen und darnach toedten moechte.« Was Herr Tristan sagte, so wollte dieser Ritter nicht ablassen und sprach: »Ich bitte dich durch der Koenigin willen, bei der du oft und viel freundlich und lieblichen gelegen und geschlafen hast, daß du mich meiner Bitte gewaehrest.« Sobald er diese Worte redete, da ging er mit ihm und thaet all sein Begehren. Er ging stillschweigend dar, nahm den Schaft in seine Hand, schoß einen so ungefuegen weiten Schuß, daß ihrer keiner unter ihnen allen, so da waren, deßgleichen nie gesehen hatte, und gingen alle von Wunders wegen dar, zu sehen, also, daß ein großes Gedraenge dabei wurde. Dieweil sprang Herr Tristan ueber den Graben einen Sprung, und dem keiner hinnach mochte. An dem Sprung zerriß ihm der grauen Hosen eine, also, daß man Scharlach und Wohlbeschlagenes dadurch sah scheinen. Dennoch ging er dahin, und wurf den Stein so weit, daß ihrer keiner so weiten Wurf nie gesah. Von Unglueck fuegete sich, daß ihm auch der graue Rock zerriß, dadurch man sah scheinen gueldene Kleider. Als er das vermerkt', eilet' er bald von bannen, thaet auch seinen Hut nicht ab, ging also hinweg, ihnen allen unerkannt.

Zu Abends, als der Koenig zu ihnen kam, sagten und weiseten sie ihm, was von einem fremden Pilger da geschehen waere. Es nahm ihn groß Wunder, und gedachte in ihm selbst, Herr Tristan haette es gethan. Hierauf bat er sie alle, so bei ihm waren, daß sie ritten und gingen, und mit allem Fleiß suchten, ob sie ihn moechten finden. Sie suchten wieder und fuer, in dem Wald auf und nieder: aber Herr Tristan war wohl sicher vor ihnen. Der war schon zu seinem Diener kommen, und fuhr mit Freuden heim in sein Koenigreich, da er auch wohl und mit großen Freuden empfangen ward von seiner ehelichen Frauen, auch von dem Koenig und der Koenigin, von seinem Schwager Herrn Caynis und der ganzen Ritterschaft; denn allermaenniglich hat ihn lieb und werth.

 

Das acht und vierzigste Kapitel

Wie Herr Caynis mit der Koenigin Gardoloye in Freundschaft kam, und wie es ihm erging.

Es war ein maechtiger Koenig, nicht fern von Careches, mit Namen Nampecenis, ein mannlicher Held, der auch oft große Ritterschaft begangen haet und hohen Preis erworben, der hatte eine aus der maßen schoene Frauen, mit Namen Gardeloye, die hatte er gar inniglich lieb, auch in großer Hut, daß er eines Theils sein selbst Ehre mit solcher Hut verkraenkete: – und doch, so eine Frau nicht will, ist alle Hut umsonst. – Nampecenis gedachte Tag und Nacht darauf, wie er seine Frauen wohl verhueten und versorgen moecht', und ließ die Mauer um seine Burg zumal hoch mauren, und weite, tiefe Graeben darum machen. Auch hatte er zu allen Zeiten die Schluessel selbst und war auch selbst Pfoertner. So er ausritt auf die Jagd, oder an ander Ende, so fuehret' er die Schluessel mit ihm. Er ließ auch weder Mann noch Knaben in der Burg, nur allein Frauen und Jungfrauen. War er denn daheim, so durfte sie niemand ansehen. Also fuehrte die Frau ein strenger und gezwungener Leben, denn eine Klosterfrau. Jedoch hatte sie Herren Caynis lieb, und ihm verheißen, ehe sie Nampecenis vermaehlet ward, wenn er zu ihr kaeme, wollte sie ihn umsahen.

Herr Caynis gewann nun manchen Gedanken, wie er mit Fug zu seiner allerliebsten Frauen kommen moechte, und kehret' allen Fleiß fuer. Da saget' er es seinem Schwager Herr Tristanen, und bat ihn sehr, daß er ihm riethe. Herr Tristan sprach: »Mich beduenkt nichts besser, denn daß du deine Frauen bittest, daß sie die Schluessel abdrueck' in Wachs, und dir dasselbe Wachs herauswerfe ueber den Graben: nach demselben Wachs lass' du dir die Schluessel machen, so magst du die Burg selbst aufschließen, auch aus und ankommen, als oft dir Glueck das fueget.«

Herr Caynis ward des Raths froh, ritt kuerzlich dar, und kam, da er mit seiner Frauen ueber den Graben reden mocht', und saget' ihr von dem Wachs, auch all sein Fuernehmen. Der Frauen gefiel dieser Rath wohl, brachte das Wachs zuwegen, mit Huelf ihrer Jungfrauen drei, die auch um diesen Rath wußten und warf es Herrn Cayms ueber den Graben, daß er hoch erfreuet ward.

Als er nun heim kam, da schickte er nach einem Schmidt. Als er kam, nahm ihn Herr Tristan in Geheim, weiset' ihm das Wachs und bat ihn die Schluessel zu machen. Der Schmidt thaet lachen, und sprach: »Herr, was wollt ihr mit diesen Schluesseln thun? Wollt ihr stehlen? so helfe, noch mach' ich die Schluessel nicht.« Herr Caynis antwortet' und sprach: »Da frage du nicht nach, was wir damit thun; denn ich verspreche dir fuerwahr, machst du die Schluessel gut und gerecht, daß du deß immer genießen sollt.« Der Schmidt unterstund sich das zu thun.

 

Das neun und vierzigste Kapitel

Wie Herr Tristanen Botschaft kam, daß sein Vater todt waere: er sollte heimziehen, das Land einzunehmen.

Als sie nun alle die Sachen also verhandelt hatten, kam ein Bote von Johnoys, der sagete Herrn Tristanen, daß sein Vater mit Tod' abgangen und verschieden waere. Und es stuende sehr uebel in dem Reich; denn etliche Fuersten wollten mit Gewalt Koenig sein: dawider waeren etliche seiner Freund' und der mehrere Theil der Landschaft. Darum so thaet große Noth, daß er heimzoege und das Land selber einnaehme und regierte. Als aber Herr Tristan diese Botschaft, so von Johnoys kommen war, erhoeret hat, sprach er zu Kurnewalen: »Du hast mir viele Jahre fleißig und wohl gedienet: so hab' ich nun ein eigen Koenigreich, damit ich dich will belohnen, und bin froh, daß ich dich deiner getreuen Dienste belohnen mag; darum geb' ich dir mein Koenigreich Johnoys ganz zu eigen, daß du forthin gewaltiger Koenig und Herr seiest in diesem Koenigreich.« Kurnewal sprach: Herr ich nehm' das nicht; auch waere es eurer Landschaft nicht lieb, daß sie ihr Lehen von mir empfahen und mir dienen sollten: sie sollen von Recht euch dienen, als ihrem rechten Erbherrn. Wollt ihr mir dann eine Pfleg' oder ein Amt leihen und mir uebertragen, will ich's selber aufnehmen: aber der Kron' und des Reichs will ich nicht. Und so ihr euere Sach' also schicket, und euer Koenigreich nach Nothdurft versehet, wollt ihr dann, so sendet nach meiner Frauen, euerem Gemahel, und wartet euers Koenigreichs selbst.« Herr Tristanen gefiel dieser Rath wohl, und schickete sich, zu Lande zu fahren. Doch war es ihm schwer, daß er hinweg ziehen sollte, und die Koenigin nicht vorhin sehen.« Kurnewal verwilligte dazu, denn er seines Herrn Bitte und Gebot nie verachtete. Herr Tristan sagete sein Dannenkehren Herr Caynis seinem Schwager und bat ihn mit Fleiß darob zu sein, daß seine Ritterschaft und Diener sich dieweil schickten und auf das herrlichste bereiteten, mit ihm zu Lande zu fahren.

Hiemit huben sich die zween, Herr Tristan und Kurnewal, aus dem Land und bekleideten sich als zween Landfahrer und Spielleut', in kurze graue Roeck' und kurze rothe Kappen, den waren die Zotten von gelbem Fritschal. (Dies ist ein besonder gut Tuch, das nur maechtige Herrn tragen.) Sie eileten bald hinweg, und ließen sich nicht gern auf der Straßen finden. Sie kamen mit großer Eile gen Litany, und funden Herr Thinas anheim. Er ward zumal froh, entbot der Koenigin, daß er abermals kommen waere, sie zu sehen und mit ihr zu reden: das sollte geschehen in dem Baumgarten bei der Linden, darauf der Koenig einmal gespaehet hatte. Herr Thinas ritt hinweg, und sagete der Koenigin die Botschaft, deren sie hoch erfreuet ward.

Als die Nacht kam, kam auch Herr Tristan an die bezielte Statt; die Koenigin ging zu ihm und empfing ihn mit freundlichen Worten und lieblichem Umfahen. Sie blieben diese Nacht bei einander in kurzer Ergetzlichkeit und schnellem Abschied, der abermals von ihnen mit großem Leid und Traurigkeit geschah; denn es war ihnen gar viel zu fruehe, und mußte doch sein. Die Koenigin befahl ihm Gott in seine Hut, und ging mit betruebtem Herzen wieder in ihre Schlafkammer.

 

Das funfzigste Kapitel

Wie Auctrat Herr Tristanen nachjaget', und wie Tristan davon kam.

Als Herr Tristan wieder zu seinem Diener kam, eileten sie auch von dannen, und kamen so fern, daß sie meineten, sie waren sicher, daß ihnen niemand nachjagete: da sendete der boese Geist seinen Diener Auctrat dar. Da er Herr Tristanen sah, begunt er zuhand eilen und jagen, als stark er mochte. Herr Tristan haet keine Wehr bei sich, und mußte fliehen, wie ungern er das thaet. Auctrat aber jagete seinem Vetter nach mit Schwert und Spieß, so kraeftiglich, daß Herr Tristan gar kaum entfloh; und kam an ein kleines Wasser, es war aber gar schnell und tief, er fand ein Schifflein bei dem Gestade, darein lief er und Kurnewal. Sie stießen vom Land, wie sie mochten, denn sie hatten weder Ruder, noch Schalter. Auctrat ritt schnell nach, gedacht' in allewege, wie er ihn fangen und erschlagen moecht', und kommt' ihm doch nicht auf dem Wasser zukommen: da nahm er sein Spieß, vermeint', er wollte Herren Tristanen damit durchschießen, und schoß ihm den mit ganzen seinen Kraeften gar neidlichen zu; aber er verfehlete des kuehnen Helden und schoß in das Schifflein, daß der Schaft in zwei Stuecke zerbrach. Sie nahmen die Stuecke, schifften damit ueber das Wasser, und kam ihnen so zu großem Glueck, das ihnen zu dem Tod gemeinet war, und fuhren ohn' alle Irrung, da sie sicher waren.

Da aber der leidige Auctrat das sah, daß er nichts mehr schaffen mochte, ward er gar zornig, und schickete bald hin zu dem Koenig, hieß ihm sagen, Herr Tristan waere im Lande, haette die Koenigin gesehen und ihn betrogen; auch wie er ihn angetroffen haette, und er ihm entflohen und davon kommen waere. Als der Koenig das hoerete, macht' er sich auf mit allem Volk, so er haet, und eilete nach, zu suchen, ob man ihn irgends finden moechte. Er gebot allen Suchenden, als lieb ihnen Leib und Leben waere, daß sie suchten auf allen Straßen, auch nicht dannen kaemen, bis Tristan gefangen oder erschlagen waere. Er sucht' auch desselben Tages selbst, und gebot Herrn Thinas, der Hut selber zu pflegen bei seiner Burg Litany: der thaet das ganz gern und mit gutem Fleiß, denn er gedachte wohl, Herr Tristan wuerde ihn abermals daheim suchen. Er ritt gar allein auf die Straßen vor der Burg, und fand allda Herren Tristanen, der war ueber Berg und Thal gelaufen, bis daß er zu der Burg kam. Herr Thinas thaet seiner Treue gnug, fing ihn und fuehret' ihn mit sich in seine Burg, und befahl ihn seiner Frauen, gebot ihr bei ihrem Leben, daß sie ihn in solcher Geheim hielte, daß sein niemand gewahr wuerde, daß sie auch sein mit Fleiß selbst pflaege, deßgleichen seinen Diener mit ihm.

Dieweil aber Herr Tristan also verborgen lag, war die Koenigin in großen, aengstlichen Sorgen; denn es ward ihr Herrn Tristans Nachjagen und sein Entkommen von Wort zu Wort gesagt. Da aber alles Volk gemeinlichen suchen thaet, hatte sie keine Hoffnung seines Entkommens, sondern furchte, er wuerde gefangen und von ihrentwegen sterben. Dieweil sie also saß ueberladen und vertieft in der großen, herzlichen Klage, kamen zween unbekannte Landfahrer zu ihrer Kammer, die hatten verspielet, was sie um und an hatten gehabt; darum gingen sie zu der Frauen, sie um etwas zu bitten. Da die Frau sah ihre große Noth und Armut, gedachte sie, Herrn Tristanen listiglichen mit diesen Knechten aus seinen Noethen zu helfen. Die Beiden sagten, sie waeren zween Landfahrer und haetten sich also verspielet; der eine hieße Haupt, der andere Blat, und kaemen erst des Tags in diese Stadt. Die Koenigin sprach: »Liebe Gesellen, duerft' ich mich an euch lassen, meinen Willen zu thun, deß ich euch gar freundlich bitte, und wohl belohnen will, also, daß ihr wohl von Armut gefreiet werdet?« Die zween gelobten ihr die Sache getreulichen auszurichten. Die Frau sprach: »Liebe Gesellen, ich will euch Kleider geben und Kappen, die ziehet an, und gehet gleich, als ob ihr aus dem Land wollet; denn die Kleider und Kappen sind gleich, wie die, so Herr Tristan antraegt: darum, kaemen sie euch zu, so lasset euch fahen, und bestehet kraeftiglich darauf, Herr Tristan sei euer Herr, und hab' euch geschickt in's Koenigreich Johnoys: denn sein Vater sei ihm mit Tod' abgangen, und seine Freunde haben Irrung um das Koenigreich; nun sei er selbst noch zu Careches, er werde aber kuerzlich mit drei tausend Helmen hernach kommen. Saget auch ihnen dabei, wie euch Leib und Leben hie im Land gar nahe genommen waere, durch solche Geschichte, wie es zuvor Herr Tristanen geschehen.« Das sagte sie ihnen alles eigentlich, und hieß sie, das wahrlich sagen in aller Form, als ob es ihnen geschehen waere. Sie benannt' ihnen auch die Zeit, als es geschehen war, auch das Wasser, und alle andere Artikel Fliehens und Entkommens; und sprach: »Saget auch, wie ihr seid mit Flucht in dem Lande gangen, bis man euch gefangen habe. Ob es aber kaeme, daß man euer jeden besonders fragen thaete, so bestehet festiglich auf einer Rede, und lasset euch weder mit Draeuen, noch mit nichten dazu bringen, daß ihr mit Worten wanket, anders, denn wie ich gesaget habe: wuerdet ihr aber mit Worten faellig, also, daß einer nicht saget', als der andere, so mueßtet ihr gewißlich sterben; darum haltet meine Rede, und helfet mir und euch selber.« Hiemit gab sie ihnen Kleider und Kappen und schickete sie hinweg.

Sie gingen nicht lange, sie wurden gefangen, und Auctrat fuehrete sie gen Hof, und fragete sie nach aller Nothdurft. Sie sagten offenbar, als sie die Koenigin zuvor haet heißen sagen. Auctrat, der Fuerst aller Bosheit, fragete jeden besonders, mochte aber nicht anders aus ihnen bringen; da ließ er sie ledig, und ging zu dem Koenig, und sprach zu ihm: »Die zween Gesellen haben wahr und recht gesaget; denn die, so ich jagete, trugen auch solche Kleider und Kappen, und darum, daß sie so behendiglich und schnelliglichen flohen, meinet' ich, es waere Herr Tristan.«

Da der Koenig das hoerete, schaffet' er die Hut wiederum ab; denn er haet alle Wege verhueten lassen; und ließ die guten Gesellen gehen, wo sie wollten. Herr Thinas ritt auch heim, und half Herr Tristanen wiederum aus dem Lande. Aber die zween Gesellen, Haupt und Blat, kamen heimlich zu der Koenigin und sagten ihr diese Geschichte; darum empfingen sie große Gaben, als sie ihnen versprochen haet, und schieden damit vom Lande.

 

Das ein und funfzigste Kapitel

Wie Herr Tristan gen Johnoys zog, sein Reich einzunehmen, und dieweil Graf Riolin das Land Careches abermals graeulich verwuestete.

Als aber Herr Tristan gen Careches kam, nahm er zu ihm dreitausend Mann und fuhr damit in seine eigene Landschaft; da entbot man ihm große Ehre. Da richtet' er allen Krieg und Unfrieden, auch was Ungebuehrliches in seinem Land war, das ward alles ausgereutet. Er blieb bei ihnen mehr, denn zwei Jahre. Darnach nahm er den Rath, wieder zu seinem Schwaeher zu ziehen, und befahl Kurnewalen die Kron', auch Land und Leut'; er befahl auch allermaenniglich, daß sie Kurnewalen unterthan waeren, als ihrem rechten Erbherrn. Hiemit belohnt' er ihn seiner getreuen Dienste. Kurnewal thaet dies ungern, doch nahm er das mit großer Dankbarkeit von seinem Herren auf. Der nahm Urlaub von seinem Volk, und fuhr wieder gen Careches.

In dieser Zeit war ihm sein Schwaeher und Schwieger gestorben, und hatte Herr Caynis viel Kriegs; denn Graf Riolin hatte ihn abermals ueberzogen, und großen Schaden gethan. Herr Caynis wurde aus der maßen froh, da Herr Tristan kam; deßgleichen sein Gemahl. Da er erhoerete, daß Herr Caynis so großen Schaden an Land und Leuten genommen haette, schrieb er aus um Huelf', als weit das Land war: da kam mancher stolzer Mann. Mit diesen ruestet' er sich zum Streit; und ward Graf Riolin abermals bezwungen. Er und all' seine Freunde, die mußten alle Schuld bezahlen, und haertiglich bueßen, was sie Herrn Caynis je fuer Schaden gethan hatten. Herr Tristan thaet großen Schaden in Graf Riolins Land mit Brennen und Stuermen.

 

Das zwei und funfzigste Kapitel

Wie Herr Tristan einen Thurn stuermet', und mit einem Stein vom Thurn schier zu Tode geworfen ward.

Nachdem Graf Riolin bezwungen und das Land wieder eingenommen ward, war ihnen noch eine einige Stadt widerstanden. Zu derselben kehrten sie sich, und gewannen sie mit großer Gewalt, bis an einen einigen Thurn, den wollten sie nicht aufgeben. Herr Tristan ward sehr erzuernet, und ging mit Gewalt an den Thurn zu stuermen. Er troestete sich aber zu viel seiner Kuehnheit, und stuermte baarhaupt, und haet den Helm von ihm gethan: er ward geworfen mit einem Stein, daß man ihn fuer todt dannen trug. Herr Caynis ward deß sehr betruebt und dadurch in grimmigen Zorn bewegt, gewann den Thurn mit Gewalt; er erhaengt' und ertoedtet auch alles, was er lebendig darinnen fand, und mußten den Wurf, den sie thaten, mit dem Tod bezahlen. Herr Tristan aber lag allda ohn' alle Macht, unredend und unhoerend. Er ward nun heimgefuehrt mit großem Jammer und Klagen, und meinete niemand, daß er genesen moechte. Herr Caynis klagete sehr, er weinete mit Herzen und Augen, und sprach: »Soll er dieser Wunden, so er von meinetwegen empfangen hat, sterben, so ueberwinde ich den Tag nimmermehr.« Also redeten auch alle seine Mann, Ritter und Knecht, auch jedermann. Herr Caynis schickte zu Stund' um Aerzte, die ihn verbunden und heileten; jedoch war er wohl mehr, als ein Jahr, daß er unvermoegend und staetiglich ungesund war.

Als er aber ward, daß er wieder reiten mochte, ritt er eines Tags beizen, und nahm einen Knaben mit ihm; den hat er bracht aus seinem Land Johnoys, der war ihm gefreundet. Herr Tristan hat seiner Schoene gar viel verloren, und wer ihn vor gekennet haet, dem war er unbekannt worden. Als er also ritt, kam er zu der See, darauf man in Kurnewaelisch Land faehret; dagegen kehrt' er sich, und sprach jaehlingen bei ihm selbst: »O weh, liebe Koenigin, soll ich dich nimmermehr ersehen?« Er antwortet' ihm selbst: »Ach nein! wie koennte das immer geschehen.« Der Knabe sprach: »Vetter, du magst sie nicht so wohl nach deinem Willen gesehen haben, du mußt sie nun noch besser sehen.« Herr Tristan fragete: »Wie?« Der Knab' antwortete: »Du bist anders geschaffen, als du vormals gewesen bist; auch ist dir dein Haar abgeschoren, und wer dich erkennet hat, dem bist du unerkannt, du werdest ihm denn genennet. Darum leg' an eine Narrenkappen, und stelle dich als ein Narr, so kommst du mit deiner Listigkeit wohl zu ihr; auch meinen die Hueter nicht anders, denn du seiest ein rechter, natuerlicher Narr, und haben kein Aufmerkens auf dich.« Herr Tristan thaet sehr lachen; er kuessete den Knaben vor Freuden, und sprach: »Nun muß dir Gott lohnen, lieber Vetter, deines getreuen Raths, und ich will dir immer darum hold sein. Mir zweifelt auch nicht, es werde noch ein sehr geschickter Mann aus dir werden, dieweil jetzt so viel Verstandes in dir ist.«

Er ritt heim, ließ sich heimlich eine Narrenkutte machen mit einer Kappen, hub sich allein hinweg, und trug eine große Kolbe mit sich, fuer seinen Geleitsmann.

 

Das drei und funfzigste Kapitel

Wie Herr Tristan sich zu einem Narren verstellet' und zu der Koenigin gefuehret ward.

Als nun Herr Tristan das Narrenkleid angezogen hatte, kam er zu der See, und ging wieder und fuer, gleich wie ein rechter Narr. Das trieb er so lange, bis ein Kaufmann zu ihm kam, der war von Thintariol, der vermeinete nicht anders, denn er waere ein Narr. Er fing ihn, und vermaß sich, er wollt' ihn der Koenigin bringen. Dies hoerete Herr Tristan gern und ward froh. Hiemit gingen sie in ein Schiff. Herr Tristan stellete sich so naerrisch, davon sie alle oft lachen thaeten, und sagten gemeinlich, sie haetten nie so guten Narren gesehen. Nun gaben sie ihm in dem Schiff Kaese, Brot und anderes, so sie bei sich hatten. Herr Tristan hatte seiner Lieben nicht vergessen: er nahm den Kaese, den er selbst essen sollte, behielt den heimlichen in seine Kappen, und vermaß sich den seiner Frauen zu bringen. Als sie gen Thintariol kamen, da ritt Koenig Marchs spazieren bei der See; die Kaufleute gingen zu ihm dar, schenkten ihm den Narren, und wurden darum zollfrei gelassen.

Dieser Narr stellete sich so gar thoerlich mit Reden und Gebaerden, daß niemand anders verstehen konnte, denn er waere ein natuerlicher Narr; er gefiel ihnen allen zumal wohl. Die Herren und auch andere Gesellen trieben ihn sehr um; das vertrug er guetlich und viel. Auctrat wollte auch sein Narrenspiel mit ihm getrieben haben, das wollte aber der Narr von ihm nicht leiden, und gedacht' an die alte Schuld, daß er ihm so viel zu leide gethan haette, und schlug ihm gar neidlich zu, in Meinung, daß er ihn wollte zu Tode schlagen. Aber Auctrat war behender, und floh mit schneller Eile; er kam kaum davon; aber nichts desto minder war ihm Fliehen nuetzer, denn das ganze Kaiserthum; denn er mueßt' ohne Zweifel todt sein, deß haette ihm kein Mensch helfen moegen.

Der Koenig ritt gen Hof und fuehrete den Narren mit ihm; der ging eines Ganges zu der Koenigin, die empfing ihn, als man Narren empfangen soll. Er stund vor sie: sie sollt' ihn kuessen. Die Frau hatte keinen Gefallen noch Lust dazu; denn sie erkennet' ihn nicht, wußte auch nicht, wer er war. Wiewohl er vor ihr stund, als ein Narr, so sah er sie gar lieblich und freundlich an. Dies vermerkete der Koenig, und sprach: »Wie? du Narr, lass' dies anstehen: sollt du Frauen so lieblich ansehen?« Der Narr antwortete: »Ich muß sie wohl ansehen.« Der Koenig sprach: »Deß muß ich auch ein Wissen haben, warum du sie ansehen mußt.« Er sprach: »Das will ich dir sagen: um daß sie von Recht mir hulden muß und Freundschaft tragen soll, und ich weiß, daß ich ihr lieb bin.« Da sprach der Koenig: »Ei, hoer' auf du Narr, du spottest.« Er sprach: »Nein, fuerwahr, ich spotte nicht.« Der Koenig sprach: »So leugest du aber.« Er antwortet': »Ich leuge nicht.« Der Koenig sprach: »Fuerwahr, du leugest.« Der Narr sprach: »Ich leuge nicht: es wird auch schier dazu kommen, daß ich bei ihr schlafe.« Er sprach: »Bei wem?« Der Narr antwortete: »Bei deiner Frauen; ja, bei deinem Weib, wie es dir halt gefalle.« Da sprach der Koenig: »Schweig' du Narr, lass'solche Rede, und sage von anderm.« Er antwortet': »Ich mag nicht schweigen, und kann auch nicht luegen.« Der Koenig sprach: »Laessest du doch jetzt Luegen hoeren.« Er antwortet': »Ich leuge nicht, und was ich rede, das ist wahr.« Der Koenig sprach: »Sie hat vor dir guten Frieden, und mag deiner Liebe wohl entrathen.« Der Narr antwortet': »Ich weiß es nicht, ob sie vor mir Frieden hat, oder nicht; aber das weiß ich wohl, daß ich ihr lieb bin, als ihr eigener Leib.« Da sprach der Koenig: »Hoere auf, Narr? wie moechte das sein, daß eine so wunderschoene Frau ihr Gemueth an einen Narren kehrete?« Er sprach: »Ich bin kein Narr, ich bin ein guter Ritter, und habe viel um ihretwillen gethan.« Der Koenig sprach: »So sage an, du Narr, was du gethan hast.« Er antwortete: »Da habe ich um ihretwillen große Arbeit bestanden, mir ist auch oft lieb und leid um ihretwillen geschehen: denn, so ich die Wahrheit sagen soll, so bin ich durch sie ein Narr; man zeucht mich bei den Ohren und bei der Kappen hin und wieder: das leide ich alles guetlichen, allein um ihretwillen. Sie ist mir auch lieb vor aller Welt: dies rede ich stille und ueberlaut, wie es dir halt gefalle. Ob sie es aber nicht glauben will, so goenne ich doch niemand so viel Gutes, als ihr.«

Mit diesen Worten sprang er vor ihr auf den Teppich, setzete sich darauf, und sprach: »Nun will ich lassen sehen, ob es also sei, wie ich gesagt habe, und ob ich mir mit allen meinen Sinnen meiner Treuen bedacht, daß ich ihr so fern ueber See dieses Dinglein gebracht habe.« Hiemit zog er den Kaes' aus seiner Kappen, und sprach: »Nehmet hin, liebe Frau, dieses Ding, so ich euch gebracht habe; und sage euch in rechten Treuen, waehret ihr mir nicht so lieb, ich haett' euch dies Ding nicht gebracht.« Da thaeten sie alle lachen, und sagten, sie haetten nie so guten Narren gehabt. Also beschloß er alle seine vor geredeten Worte ganz naerrisch an dem Ende, und brachte sie alle auf den Wahn, daß sie geschworen haetten, er waere ein rechter natuerlicher und geborner Narr.

 

Das vier und funfzigste Kapitel

Wie Herr Tristan sich der Koenigin zu erkennen gab, und wie es ihm da weiter erging.

Als nun der Koenig ausging von den Frauen, da ließ er den Narren bei ihnen. Der fing seine Sache an mit so schimpflichen Dingen, daß ihn die Frauen auch nicht austrieben; er blieb auch selbst gern da, denn er war darum darkommen. Er nahm den Kaes' und zerbrockete den in seinen Schooß, den er vor wohl sieben Nacht in feiner Kappen gehalten hatte, und bat Frau Isalden, sie sollte mit ihm essen. Wie oft er sie bat, so war es doch alles umsonst. Er nahm den zerbrockten Kaes' und bot ihn der Koenigin zu dem Mund: da schlug sie ihm einen sanften Schlag zu einem Ohr. Da sprach er: »Frau, ihr schlagt mich viel zu hart; aber wueßtet ihr, wer ich waer', ihr schlueget mich nicht so sehr: ist euch anders Tristan lieb, so schlagt mich nicht mehr.« Als die Frau das hoerte, fragte sie zu Stunde, was er von Herr Tristanen wueßte? Der Narr antwortete mit Listen und sagt' ihr heimlich der Dinge viel, so ihnen beiden geschehen war. Auch ließ er sie den Ring sehen, den sie ihm gegeben haet, und saget' ihr, daß er selbst Tristan waere. Deß ward sie inniglichen froh, und erkannt' ihn zu Stund'. Sie nahm ihn in ihre Pfleg', und hieß ihm unter einer Treppen oder Stiegen in ihrer Kammer betten. Deß war Herr Tristan froh. Bei dem Tage war er ein Narr, aber zu Nachts versann er sich wohl, und ließ ihm wohl sein; denn er mochte mit der Koenigin sein, wie und als oft er wollte; schuf also mit solcher Listigkeit, da niemand Merkens noch Aufsehens hatte.

Dies waehret' also drei Wochen an einander: da wollt' es sich nicht laenger helfen lassen, und es wurden sein zween Kaemmerer gewahr, daß der Narr bei der Frauen lag. Die gingen hin und sagten es dreien ihren Gesellen, und baten sie mit allem Fleiß, daß sie ihnen sollten helfen, damit der Narr gefangen wuerde. Der Koenig war diesmals nicht anheim. Als es nun spat ward, gingen die fuenf mit einander zur Frauen Kammer; einen ließen sie bei der Frauen Betten stehen, zween stunden bei der Thuer und verbargen sich, daß man sie nicht sah, auf Meinung, daß sie den kuehnen Helden moechten sahen und schlagen nach ihrem Sinn. Herr Tristan ersah hie diese Hut; dennoch wollte er weder durch Furcht noch Draeuen seine Frau nicht vermeiden, sondern nahm seine Kolbe mit ihm, und ging zu der Frauen: denn er hatte sie vor aller Welt inniglichen lieb. Er sprach ihr gar freundlichen und lieblichen zu, und kuessete sie begierlichen in inniglicher Liebe an ihren Mund. Die Hueter verzagten ganz nahe, und durften ihn vor großen Sorgen nicht anruehren. Darnach sprach Herr Tristan oeffentlich: »Frau, wir muessen uns scheiden, daß ist unser beßter Nutz, denn ich bin hie verspaehet. Und bitte euch, meine allerliebste Frau und einiges Lieb, ihr woellet mir staet bleiben; desgleichen will ich euch immer sein. Wenn meine Boten zu euch kommen und euch diesen Ring weisen oder zeigen, in meiner Meinung und Gestalt, so thut heimlich, was ich euch bitten lasse. Gott muesse die verlassen und schaenden, die uns so frueh scheiden.« Die Koenigin sprach aus sehnlichem und sehr betruebtem Herzen zu Herr Tristanen dem weichen und kuehnen Held: »Ja, der Teufel habe sie ihm ewiglich, die unser Beiwesen so oft zerstoeren.« Sie verhieß ihm seine Bitte zu vollbringen, und thaet inniglichen weinen. Sie schieden sich mit großer herzlicher Klage, mit viel klaeglichen und freundlichen Worten und Gebaerden.

Also ging er hinweg, und trug seine Kolbe hoch empor, als ob er sie alle erschlagen wollte. Erst verzagten die Hueter, und vermeineten nimmer lebendig von ihm zu kommen; sie schwiegen alle still, und durfte sich ihrer keiner regen noch melden, und ließen ihn mit gutem Frieden hinweg gehen. Als er nun fern vorbei kam, sprungen zween aus der Thuer und sprachen zu einander: »Wie ist uns nur geschehen, daß er uns entgangen ist, ungeschlagen und ungefangen? Wir moegen uns dies Laster billig schaemen.« Sie wurden unzufrieden, und legete je einer die Schuld auf den andern. Einer sprach: »Haettest du ihn zuerst angegriffen, so waeren wir dir zu Huelfe kommen.« Der andere sprach: »Also haette ich auch gethan.« Doch vereinigten sie sich, und gereuete sie, daß sie nicht haetten Hand angeleget. Sie gingen ihm wieder nach, und vermeineten, große Kuehnheit an ihm zu begehen. Als sie ihn aber ansahen, bedaucht' er sie so grausam zu sein, daß sie ihn abermals gehen ließen, und durften ihm nicht nahen. Also gingen sie wieder davon, und duerft' ihrer keiner sagen noch anzeigen, was da geschehen war.

Herr Tristan in seiner Narrenkappen kam auch mit gutem Frieden wieder heim in sein Land.

 

Das fuenf und funfzigste Kapitel

Wie Herr Caynis zu der Koenigin Gardeloye kam, darum er erschlagen ward.

Ihr habt vor wohl vernommen, wie Herr Caynis und Gardeloye, Nampecenis Ehegemahl, auch ein besonder groß Gefallen und Liebe zu einander hatten; derselben Liebe in Herr Tristans Abwesen, nach ihrem fuergenommenen Willen, nicht genug geschehen war; denn er koennt' und mochte das nicht zuwegen bringen. Deß ward er sehr betruebet.

Eines Tags war es gar heiter und schoen, da ritt Nampecenis auf eine Jagd. Deß ward Caynis gewahr, der nahm mit ihm seinen Gesellen Herr Tristan, und ritten sie zu der schoenen Gardeloye. Als sie zu der Burg kamen, entschloß Herr Caynis die Thore selbst; denn er hatte die Schluessel, die nach dem Wachs gerecht gemacht waren. Von Unglueck fuegete sich, da sie ueber die Bruecken ritten, daß der Wind Herren Caynis seinen Huth in den Graben warf: derselbige Huth war von Rosen auf das allerschoeneste gemachet. Herr Tristan fuehrt' einen von Violen, den verwahret' er, daß ihm der Wind nicht schaden thaet. Als sie in die Burg kamen, wurden sie beide von den Frauen sehr wohl empfangen, aber ihres Bleibens mochte nicht lange da sein: darum ging Gardeloye mit Herr Caynis in ihre Kammer, und nahmen und gaben, deß sie lange Zeit entbehret und gemangelt hatten. Dieweil saß Herr Tristan bei den andern Frauen, schoß durch Kurzweile mit einem Reis in eine Wand, und schoß also ein Reis in das andere. Dasselbige Schießen konnte zu derselben Zeit niemand, denn er. Aber das kam ihm desselbigen Tages zu großem Unheil, denn es wurde der Reiser leider in der Wand vergessen, und wurden nicht wieder ausgezogen: das geschah ungefaehrlich, aus Vergessenheit.

Als aber Herr Caynis von seiner Frauen hatte, was er haben wollte, schieden sie ab, wider ihrer beider Willen, denn ihre Begierden waren nicht ersaettiget, sondern sie hatten einander nur guten Willen beweiset: aber die große Sorg' und Noth, die sie hatten, wollt' ihnen nicht vergoennen, laenger bei einander zu sein, sondern sie schieden sich mit großer Klage.

Sie nahmen Urlaub, und ritten hinweg, und schlossen die Thore alle wieder zu. Nun mußten sie durch einen Wald reiten, der war nicht lang: da lief ein Reh vor ihnen ueber die Straße, dem renneten sie nach, und vermeineten es zu sahen. Von Unglueck geschah, daß sie es nicht ereilen mochten: nun wollten sie auch nicht ablassen, sie fingen es denn. Also jagten sie so lange, bis ihnen die Pferde, und auch sie selbst erlagen, und dennoch das unselige Reh nicht fingen.

Nampecenis ritt wieder heim zu Haus, und entschloß die Burg, auf der seine Fraue Tag und Nacht gefangen war. Als er ueber die Bruecken ritt, sah er den Hut in dem Graben, deß verwundert' er sich zumal sehr, und gedachte: Was ist dies Ding? Er ging in die Burg, zu sehen, was die Frauen thaeten. Als er in das Frauenzimmer kam, sah er das Reis stecken: allererst erhub sich der Frauen Ungemach; denn er wußte wohl, daß niemand dies Schießen konnte, denn Herr Tristan. Er wußte auch, daß seine Frau Herrn Caynis so lieb hatte, wo sie Statt und Zeit dazu haben moechte, daß sie ihm zu Willen wuerde. Darum gedacht' er zu Stund', Herr Caynis haette seine Frau daheim besucht. Hiemit ging er zu der Frauen und sprach: »Gardeloye, hie ist gewesen Herr Tristan und Caynis!« Zog damit sein Schwert aus, und sprach: »Bei meinen Treuen, du sollt den Tod gewiß haben, wo du mir nicht die Wahrheit sagest! Darum sage bald, ob Caynis mit ihm gewesen ist: denn ich weiß, daß Herr Tristan hie gewesen ist.« Ach wehe! das weiblich Herz und Gemueth verzagete ganz, und bekennete: ja, er waere da gewesen. Nampecenis sprach: »So sage an, was thaet er hie?« Die Frau antwortet': »Er kuessete mich.« Nampecenis sprach: »Du sagest nicht recht: es ist sonst mehr geschehen.« Die Frau antwortete: »Nein Herr, es ist nichts mehr geschehen.« Er sprach: »Fuerwahr, du sagest unwahr, und mußt auch darum sterben.« Die Frau sprach: »Ach, lieber Herr, ihr saget leider wahr.« Er sprach: »Lass' hoeren, wie das kam, und wie er herein sei kommen?« Die Frau sprach: »Wie er herein sei kommen, das weiß ich nicht: aber mich leget' er auf den Teppich, und schlief mit mir. Es geschah aber solches ohne meinen Dank.«

 

Das sechs und funfzigste Kapitel

Wie Herr Caynis von dem Nampecenis erschlagen ward und Herr Tristan bis in den Tod verwundet.

Da Nampecenis solches von seiner Frauen hoerete, ward er ohne maßen sehr zornig, sprang bald wieder auf sein Pferd, und mit ihm hundert seiner Maenner, die nahmen mit ihnen Helm, Schild, Spieß und Schwerter, und eileten den Helden nach, in Meinung, seine Schmachheit und Laster zu raechen, so ihm von ihnen geschehen war.

Herr Tristan hoerete wohl, daß man ihnen nachjaget', und sprach: »Ich hoere, daß wir bestanden werden: wie wollen wir das anfahen, daß wir unser Leben erretten? Denn ich hoere an dem Hufschlag, daß ihrer viel sind. Wir moegen nicht entfliehen: die Pferde sind uns vorhin erlegen und gar untuechtig; so moegen wir ihnen nicht gleich fechten. Doch wollen wir uns wehren, dieweil wir moegen.«

Indem kam Nampecenis mit hundert Mannen an diese zween Helden. Sie bestunden einander mit sehr großem Neid, und schlugen so fast auf Herrn Caynis, bis sie ihn todt schlugen. Er schlug ihrer dreißig mit seiner eigenen Hand, ehe er sein Ende nahm. Herr Tristan wehrete sich auch mannlich, er schlug ihrer bei siebenzig wund und todt; er ward auch selbst hart verwundet. Nampecenis ritt ihm zu und schoß ihn mit einem vergifteten Speer, daß er ihn vor todt liegen ließ. Als er nun seinen Zorn an dem gerochen hatte, und sah, daß er solcher theurer und mannlicher Helden zween erschlagen hatte, haett' er seinen Schaden gern verschmerzet und gut lassen sein, so sie beide noch im Leben waeren. Auch geschah ihm groß Leid an seinen Mannen, die ihm erschlagen waren. Er stund mit gewundenen Haenden und sprach: »Ich habe meinen Zorn an denen gerochen, in maß, daß ich das nimmer verschmerzen mag; denn ich muß noch selbst darum sterben: ihrer beider Freunde lassen mich deß nicht genießen, wiewohl ich sein an meinen Leuten sehr entgolten habe.« Also ritt er leidig und traurig dannen.

Diese leidigen Maehre kamen gen Careches: da war großer Jammer und Klag' in der ganzen Stadt. Als Herr Tristans Frau diese Geschicht' und großen, unwendlichen Schaden vernahm, thaet sie aus der maßen leidig und gar herzlich weinen: auch nicht unbillig; denn sie verlor da ihre naechsten und beßten Freunde.

Sie ließ die Herren beide hohlen mit großem Jammer und Klagen. Als nun die Herren gebracht wurden, ward Herr Caynis zu der Erde bestattet, mit koeniglicher Wuerdigkeit, auch in solcher Reu' und Klage, daß es unsaeglich.

Herrn Tristan wurden Aerzte gehohlet, die ihn sollten verbinden: aber wie viel ihrer waren, so waren sie ihm doch alle unnuetz und konnten nichts zu seinen Wunden. Es war auch niemand im Lande zur selbigen Zeit, der zu solchen Wunden etwas konnte, denn nur die schoene Isalde, Koenig Marchsen Frau, die ihm auch vormals seinen Leib von vergifteten Wunden geheilet hatte.

Herr Tristan war deß noch wohl eingedenk, und schickte nach einem Wirth, der war in der Stadt, und war mit ihm von Thintariol darkommen. Als er zu ihm kam, bat er ihn fleißig, daß er sein Bote sein wollte zu der Koenigin. Dieser verwilligte dazu und wollt' es thun. Herr Tristan entbot der Koenigin alles Liebes und Gutes, ließ sie mit großer Bitte bitten, daß sie eingedenk sein wollt' aller Dinge, so er um ihrentwillen gethan haette, auch als er sie gebeten haette in seinem naechsten Abschied: wollte auch bedenken rechte, wahre Lieb', und nicht ansehen Draeuen oder Furcht, sondern ihm zu Huelf', um seiner Liebe willen, zu ihm gen Careches kommen. Er gab ihm auch einen gueldenen Ring, den die Koenigin ihm gegeben haet, und sprach: »Bring' ihr diesen Ring zum Wahrzeichen, daß sie dabei erkenn' und sehe meinen großen Ernst und strenge Noth. Ach, lieber Wirth, thu' Fleiß in diesen Dingen, und habe keinen Zweifel, ich will dir deine Muehe wohl belohnen. Ist es Sache, daß meine Fraue mit dir kommt, so fuehre ein weißes Segel; kommt sie aber nicht, so fuehre ein schwarzes Segel. Dies Wahrzeichen und auch deine Wiederkunft sollt du deiner Tochter sagen, daß sie bei der See taeglichen warten thu', und so sie dich sehe herfahren, daß sie mir zu Stund' sage, wie das Segel gestalt sei; daß sie auch sonst niemand nichts davon sage, auch nicht, was ihr Geschaeft bei der See sei.«

Der Wirth vermerkete dies alles eben, nahm Urlaub von dem Herrn, und ging heim in sein Haus, schickete sich zu Stund' auf die Fahrt, und sagte seiner Tochter, als ihm befohlen war, bat sie, daß sie ihr das ließe befohlen sein, und schied damit hinweg, und eilete, so beßt er mochte, daß er nur bald wiederkaeme.

Als er gen Thintariol kam, hatte er weder Ruhe noch Rast, bis er zu der Koenigin kam: da saget' er ihr heimlich die Botschaft, und weiset' ihr auch den Ring, der allerwegen ihr Wahrzeichen war.

 

Das sieben und funfzigste Kapitel

Wie die Koenigin eilend gen Careches fuhr; doch ehe sie dahin kam, war Herr Tristan schon todt.

Als die Koenigin den Ring sah, und hoerete, wie es um Herr Tristanen stund, nahm sie keinen laengern Verzug, sondern verließ ihren Gemahl, Land, Leut' und Gut und alles, das sie hatte, nahm allein zu ihr, was zur Arzenei gehoeret', und fuhr heimlich und eilend mit dem Wirth hinweg. Herr Tristan war ihr so lieb, daß sie kein Acht hatte, weder auf Koenig oder Koenigreich, noch alles, das ihr Gott gegeben hatte; sie schlug es alles zurueck, schaetzet' es fuer nichts, und eilet' allein dem zu helfen, der ihr Herz und Gemueth ohn' alle Mittel bei ihm hatte.

Nun wartet' auch des Wirths Tochter alle Tage, wenn ihr Vater kaeme. Welches Ding die Frauen, Herr Tristans Gemahlin, dieser Sachen wissend machte, weiß ich nicht: sie schickete heimlich zu dem Jungfraeulein, und fragete gar eigentlich, wo ihr Vater waere? Kurz, sie draeuet' es ihr ab, daß sie es sagen mußte. Als sie das vermerkete, gebot sie ihr bei ihrem Leben, wenn ihr Vater kaeme, so sollte sie ihr zuerst sagen, wie das Segel gestalt waere, und sollte das Herrn Tristanen verhehlen.

Die Jungfrau ging von der Frauen alsbald zu der See, und sah ihren Vater eilend zufahren, mit einem weißen Segel.

 

Das acht und funfzigste Kapitel

Wie die Jungfrau wieder heim kam und sagete der Frauen, wie ihr Vater kaeme mit einem weißen Segel gefahren; deß die Frau sehr erschrak.

Sie kehrete bald um und kam wieder zu der Frauen und saget' ihr, daß ihr Vater kaeme, mit einem weißen Segel. Da die Frau das hoerete, ging sie zu Stund' zu Herrn Tristan, saget' ihm, sein Wirth kaeme zu Lande. Deß ward der Herr gar herzlichen froh, richtete sich auf, wie krank er war, und fraget', ob sie nicht wueßte, wie das Segel gestalt waere? – Ach wehe des großen Mordes, den die Frau unwissentlich mit Unwahrheit beging, das ihr doch darnach herzlichen leid war! – Sie sprach: das Segel waere schwarz. Von Stund' an, alsbald die Frau das Wort redete, da erschrak der Herr von Herzen so inniglich sehr: er legte sein Haupt nieder auf das Bette, streckete seine Haende und gab schnell auf seinen Geist. Da die Frau das sah, daß der Herr also schnell und so geschwinde verschieden war, konnte sie vor großem und herzlichem Leid gar kaum genesen, und verstund nun, daß ihm von ihren Schulden und von ihrer Worte wegen, die sie doch ohne Arg und Uebel geredet hatte, sein Herz zerbrach und sein Leben so jaehling verendete. Nun wollt' ihr ihr Herz auch zerbrechen, und sie schrie mit herzlicher, inniglicher Klag': »O weh, ach und weh mir armen Weib, daß mir je also geschah, daß du von meinen Schulden dein Leben also verloren hast! Ach und weh mir dieser großen Noth! Mir moechte nun nicht besser geschehen, denn daß man mich mit dir begraben sollte!«

Dieses Schreien und jaemmerliche Klagen erscholl, als weit die Stadt war: Ritter und Knecht und gemeinlich alles Volk hatten solche ungemessene Klage um ihren Herren, daß ich es nicht sagen kann. Sie gingen dar und bahrten ihn auf, als seinen koeniglichen Gnaden zugehoert' und gebuehrlich war.

Indem fuhr die schoene Isalde daher und kam in die Stadt. Als sie das große Geschrei und jaemmerliche Klagen und Weinen erhoerte, saget' ihr zu Stund' ihr Herz, was das meinete. Sie erschrak so unmenschlich hart, ward weder bleich noch roth und wußte vor großem, inniglichem Leid nicht um sich selber. Zuletzt sprach sie: »O weh, ach und oh weh nun immermehr: Herr Tristan ist todt!« Sie war also gar erschrocken, daß sie kein Gebluet noch keine Feuchtigkeit in ihrem Leibe hatte, mochte auch nicht erweinen. Aber ihrem Herzen geschah viel desto weher.

 

Das neun und funfzigste Kapitel

Wie Koenigin Isalde bei Herr Tristanen starb und beide in ein Grab geleget wurden.

Ganz traurig, betruebet und bekuemmert ward die gute Fraue, die da von Kurnewaelischen Landen kam, ging ganz schweigend zu der Bahre, darauf Herr Tristan bedecket lag; und seine eheliche Frau stund auch dabei, mit großem, herzlichem Weinen und sehnlicher Klag', als das wohl gebuehrlich war. Die schoene Isalde, betruebt und ganz todt versehrt im Herzen und in der Seele, sprach zu ihr: »Frau, stehet bei Seite, und lasset mich naeher dargehen: denn ich meine billiger, denn ihr, deß glaubet mir in der Wahrheit: er war mir auch viel lieber, denn er euch gewesen ist.« Mit diesen Worten versagte ihr alle Rede, ganz schweigend thaet sie die Bahr' auf, darinnen sie sah ihre hoechste Freude und Zuversicht, so sie in diesem Leben gehabt hatte, toedtlich gestalt und um ihrentwillen gestorben. Zu dem legete sich das arme, betruebete Weib und gab zuhand sterbend auf ihre traurige Seele.

Als Herr Tristans eheliche Frau sahe, daß die Koenigin so ganz erbaermlich und sehnlich von dieser Welt abgeschieden war, durch so große, strenge Liebe, so sie im Leben zusammen gehabt hatten, die ihnen beiden so große Treu' und Mitleiden gehabt, daß sie die mit dem Tode erfuelleten, und sie deß Ursache war, mit dem eigenen Wort, daß sie aus ihrer Dummheit und doch ohn' alle arge List, Einfall und Eintrag sprach: das Segel waere schwarz; das dennoch nicht also war: allererst hub sie an zu klagen mit solcher großen, ungestuemen Klag' und schrie so gar herzlichen klaeglich unter allem Volk, daß jederman mit ihr beweget wurde zu solchem Weinen und Klagen, daß es unsaeglich ist. Und wer bei dieser Klage nicht weinen oder Mitleiden haben moechte, der haette sicher in der Wahrheit ein staehlen oder steinen Herz.

Sie schuf, daß man die Leichnam' alle beide in einen koestlichen und herrlichen Sarg thun sollte, und gab dazu großen Schatz von Gold und Silber und allem Reichthum.

 

Das sechzigste Kapitel

Wie Koenig Marchsen die leidigen Maehre verkuendet wurden, und er sie beide also todt mit ihm heim fuehrete.

Nicht lange darnach wurden die Geschichten Koenig Marchsen in Kurnewaelisch Land entboten, der deß ohne maßen sehr erschrak; er hatte auch nicht minder Klag' und herzliche Betruebniß um sie beide, denn die Koenigin von Careches. Auch ward ihm dabei gesaget, wie sich die Liebe zwischen ihnen beiden von erst begeben haette durch Kraft und Wirkung des unseligen Getraenks, daß sie also einander mußten lieb haben. Da der Koenig solches hoerete, ward seine Klage wohl zehenfaeltig mehr, denn vor, und er sprach: »Das sei Gott von Himmel geklaget, daß ich das nicht laengst oder von erst gewußt habe: ich haette, auf meine Wahrheit, meine liebeste Koenigin Isalde meinem Neffen immer gern in Geheim gelassen und ihm zu Liebe behalten, auf daß er allwegen mit ihr und bei mir gewesen waere. Daß ich ihn aber vertrieben habe, das muß mich immer reuen. Nun ließ' ich euch beiden williglich und gern Land, Leute, mein Koenigreich und alles, was ich habe, daß ihr gesund und bei Leben sein solltet, und wollte ich darum mein Lebtage arm sein und kein Eigenthum mehr haben.« Der Koenig stellete sich so jaemmerlich und klaeglich, daß ich nicht gnugsam davon sagen kann.

Er ruestete sich auf und fuhr selber nach den todten Leichnamen ueber die See. Als er nun dahin kam, ward die Klage dem Koenig und auch der Koenigin von Careches wiederum erneuert. Er machet' einen behenden Abschied, nahm diese zween todten Leichnam' und fuehrte sie mit ihm zu Lande.

Er ließ sie gar herrlich, auch mit großer Klag' und Kammer in ein Grab zusammenlegen, das war gar koestlichen gehauen in einen Marmelstein. Und als diese Historia saget, so hieß der Koenig auf Herren Tristans todten Leichnam eine Weinrebe setzen und auf der Frauen Isalden Leichnam einen Rosenstock: diese beiden Reben wuchsen zusammen, daß man sie mit keinen Dingen von einander bringen mocht. Man saget aber, es geschah aus Wirkung und Kraft des unseligen Tranks.

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