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Das Buch der Liebe. Erster Teil.

Paul Ernst: Das Buch der Liebe. Erster Teil. - Kapitel 2
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authorPaul Ernst
titleDas Buch der Liebe. Erster Teil.
publisherGeorg Mueller
printrunDritte Auflage
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Wenn wir heute einen griechischen Tempel betrachten, so haben wir immer ein einfaches und klares Bild. Wohl ist das Dach eingestuerzt, vielleicht liegen die meisten Saeulen in einzelnen Trommeln auf dem Boden, sind figuerliche Schmuckstuecke verschleppt; die bunte Bemalung ist verschwunden und der unbedeckte Stein hat durch Regen, Luft und Licht in Jahrtausenden einen neuen, edlen Ton angenommen; der Boden hat sich erhoeht und die urspruenglichen Verhaeltnisse muessen durch eine Nachgrabung wieder hergestellt werden; aber das alles sind nur Zerstoerungen, die zwar den unmittelbaren Eindruck so gruendlich geaendert haben, wie eine Ruine etwas anders ist als das urspruengliche Gebaeude; der urspruengliche Gedanke des Baumeisters ist immer noch deutlich zu erkennen, denn es hatte nur einen Baumeister gegeben und der hatte nur einen Baugedanken gehabt, und es sind nur sehr selten spaetere Anbauten und Umbauten gemacht, denn die Gegenden veroedeten, in welchen diese Tempel stehen, und die alten Werke wurden nicht zu den andern Zwecken spaeter lebender Generationen verwendet.

Ein ganz anderes Bild gewaehren unsere mittelalterlichen Baudenkmaeler. Viele Meister und mehrere Jahrhunderte haben an ihnen gebaut, und nicht selten ist ein Werk in einem andern Stil angelegt, wie es vollendet wurde: wenn der romanische Baustil ein abgeleiteter und der gothische ein organischer ist, so vereinigt ein derartiges Werk dann die beiden weitesten architektonischen Gegensaetze, welche moeglich sind; die Art der Werke erforderte bestaendige Ausbesserungen, die schon begannen, ehe es noch ganz fertig war; die Zeiten, Verhaeltnisse, Menschen und Ansprueche aenderten sich und die urspruengliche Bestimmung des Bauwerkes wurde geaendert, und damit fanden Umbauten statt, die den ganzen Charakter verschoben und Anbauten, die noch fremder waren; endlich haben die Restaurationen das Urspruengliche noch mehr verdeckt, verdorben und verschoben, und heute ist nicht nur der unmittelbare Eindruck ganz anders wie er gedacht war, auch mit den muehsamsten Rekonstruktionen ist oft nicht einmal fuer den Verstand ein Bild des urspruenglich Gedachten zu gewinnen.

Diesen Bauwerken gleicht unsere mittelalterliche Literatur. Sie kann nicht jene unmittelbare Wirkung erzeugen, wie die antike Literatur; aehnlich den Bauwerken wirkt sie zunaechst im ganzen durch etwas Pittoreskes, Willkuerliches, Wunderliches und reizvoll Unverstaendliches, das dann doch eine geheime Bedeutung ahnen laeßt: durch das, was man im neunzehnten Jahrhundert »romantisch« nannte; es fallen einzelne Schoenheiten auf, die in unendlicher Fuelle an den verborgendsten Stellen der Werke verstreut sind, eine scheinbare Unerschoepflichkeit der Phantasie, eine Urspruenglichkeit und Naivitaet der Empfindung und Frische der Darstellung, die nicht unter dem Zwang eines allgemeinen Plans leidet. Unmoeglichkeiten, Widersprueche, ein Sprengen jeder Form reizen und stoßen ab, verdrießen und geben zu Nachdenken Veranlassung, scheinen auf Oberflaechlichkeit und auf Tiefe zu deuten, und wie das Spiel von Licht und Schatten, das den eigentlichen kuenstlerischen Reiz eines gothischen Bauwerkes ausmacht, scheint zuletzt der Reiz in etwas Wesenlosem zu liegen.

Der leidenschaftlichen, duestern, sprunghaften, stolzen, unsinnlichen, tragischen Psyche der nordischen Volker entsprach wunderbar das so widerspruchsvolle, tiefe und nie zu ergruendende Christentum: was wir heute als Christentum empfinden, das ist die Schoepfung der nordischen Voelker, nicht der spitzfindigen dogmatisierenden Griechen, und der organisierenden herrschsuechtigen Roemer. Aus diesem Geist des nordischen Christentums ist die gesamte mittelalterliche Poesie entsprungen bis zu der großen Invasion orientalischen Geistes seit den Kreuzzuegen; hier liegen auch die letzten Wurzeln der meisten jener Werke, die wir heute als Volksbuecher bezeichnen.

Die erste Erzaehlung unserer Sammlung, Tristan und Isalde, hat die typische Entwicklungsgeschichte.

Der Name Tristan soll aus der Sprache der alten Pikten stammen, Isalde aus dem Nordgermanischen. Moegen die Pikten Kelten gewesen sein oder vorindogermanischen Ursprung haben, jedenfalls hatten sie sich, als die Geschichte von Tristan und Isaldens Liebe entstand, schon mit den keltischen Bewohnern Britanniens vermischt. Wie die Lokalitaeten der Erzaehlung teils keltischer, teils nordgermanischer Boden ist, so deuten denn also auch die beiden Hauptnamen auf die beiden durch Krieg und Handel in naher Beziehung stehenden nordischen Voelker.

Schon die aelteste, durch Rekonstruktion zu erschließende Fassung der Geschichte weist einerseits solche Widersprueche, andrerseits so in sich abgeschlossene Episoden auf, daß man wohl vermuten darf, urspruenglich seien einzelne Balladen, gedichtet und gesungen von den Saengern der keltischen Fuersten und Herrn vorhanden gewesen, die von dem beruehmten Liebespaar handelten. Vielleicht liegen alte Mythen zugrunde, vielleicht eine verworrene geschichtliche Ueberlieferung, vielleicht eine poetische Deutung uralter Denkmaeler und Ruinen oder halbverklungener Verse und unverstandener Worte; jedenfalls haben jene alten Saenger schon abgerundete, in sich motivierte Episoden in dichterischer Darstellung erzaehlt.

Es muessen damals bei den Kelten eine große Menge derartiger Geschichten und Gedichte vorhanden gewesen sein, und die keltischen Saenger hatten in jenen fruehen Zeiten in den noerdlichen Laendern, Frankreich eingeschlossen, einen großen Ruf. Von einzelnen Dichterpersoenlichkeiten ist uns nichts bekannt; indessen muß man sich hueten, in die herkoemmlichen falschen Vorstellungen von Volkspoesie zu verfallen; die Verfasser jener Gedichte, die Entwickler jener Sagen waren bewußt schaffende Dichter; nur, daß damals die Existenz des Dichters auf dem gesangsartigen Vortrag von Verserzaehlungen ruhte, daß es fuer ihn wichtig war, viele solche Erzaehlungen vortragen zu koennen, daß gewiß nicht jeder Saenger ein selbstaendiger Dichter war, daß der Einzelne eigene und fremde Dichtungen vortrug und an letzteren wahrscheinlich auch aenderte: wie aehnlich in jenen Zeiten Abschreiber und Schriftsteller nur schwer zu trennende Personen sind.

Ein großer Teil jener keltischen Balladen wurde von nordfranzoesischen Dichtern geordnet, einigermaßen unter einander in Harmonie gebracht und so zu Versromanen verarbeitet. Hier haben wir festern Boden unter den Fueßen.

Der erste dieser Erzaehler ist Beroul; sowohl von seinem Werk wie von der deutschen Uebersetzung des Eilhard von Oberge, sind nur Bruchstuecke erhalten; aber unserem deutschen Volksbuch liegt eine spaetere Ueberarbeitung des Eilhardschen Werkes zugrunde. Man setzt das Werk des Beroul in die Mitte des zwoelften Jahrhunderts; Eilhard wird in Urkunden von 1189-1207 erwaehnt, also etwa ein Menschenalter nach der Abfassung des Beroulschen Werkes; man sieht, wie schnell doch in diesen Zeiten, auch ohne Buchdruckerkunst, sich dichterische Werke verbreiten konnten. Ein zweiter Erzaehler, der etwas spaeter war und bereits kuenstlicher scheint, war Thomas; nach ihm und spaeter wie Eilhard hat unser Gottfried von Straßburg um 1215 sein Gedicht geschrieben.

Die Zeit und Verhaeltnisse, aus denen die alten keltischen Balladen stammten, veraenderten sich bis zu Gottfried außerordentlich: es entwickelte sich das Rittertum, die Hoefischkeit, eine ganz neue Gesellschaftsorganisation mit neuen Anschauungen, Empfindungen, Sitten und Zustaenden. Es war damals selbstverstaendlich, daß man die alten Geschichten diesen neuen Zeiten anpaßte, und so wurde alles Urtuemliche ins Ritterliche uebersetzt. Daraus entstehen dann manche Unmoeglichkeiten: der alte barbarische Vorgang bleibt, die chevalreske Sitte paßt nicht mehr zu ihm; die urspruengliche starke Empfindung, welche die Grundlage der Handlung ist, kann nicht geaendert werden, aber sie wird nun hoefisch ausgedrueckt.

Wenn man – ziemlich willkuerlich – die alten keltischen Balladen um 900 ansetzt, Beroul ziemlich sicher um 1150, und Gottfried sicher um 1215, so haette man also bereits drei Jahrhunderte unserer Geschichte.

Die alten Versromane – so und nicht Epen muß man die Erzaehlungen nennen – wurden spaeter in Prosa aufgeloest. Jene Versromane setzten noch eine Zeit voraus, in der wenig Menschen, welche die Dichtung liebten, lesen und schreiben konnten; ihre Versifikation hat nicht die Bedeutung einer poetischen Form, sondern sollte dazu dienen, sich dem Gedaechtnis leichter einzupraegen. So ist der Vers in ihnen denn selten nach kuenstlerischen Absichten behandelt, und namentlich bei den deutschen Bearbeitungen entsteht durch die Reimarmut der Sprache oft eine ermuedende Weitschweifigkeit. So bedeutet die Prosaaufloesung in den meisten Faellen eine Verbesserung. Aber auch jetzt noch koennen wir die erste Entstehung ganz deutlich erkennen; der aelteste Redaktor oder Erzaehler, der aus den einzelnen Liedern den Versroman zusammenstellte, sammelte unbekuemmert Alles, was auf die Personen seines Epos Bezug hatte, auch wenn es nicht zur Haupthandlung gehoerte, und so finden wir fast immer lange Erzaehlungen von Vorgaengen mit den Eltern oder Vorfahren der eigentlichen Helden am Anfang, und nicht selten Erzaehlungen von Geschichten ihrer Nachkommen, in noch spaeteren Zeiten, als die nun feststehenden Romane schon gebildet waren, wurde es eine Form der Nachahmung, daß ein spaeterer Erzaehler dem Helden einen Sohn gab und dessen Leben, oft mit denselben Motiven; weiter erzaehlte als ein neues Buch. Fuer diese Art klassisch sind die Reali di Francia wo man bei den einzelnen Buechern die aus Unbehuelflichkeit zunehmende Kunst der Erzaehler zu einem Hoehepunkt und dann die in leerer Nachahmung abnehmende Faehigkeit am klarsten beobachten kann. Im vollen Licht der Literaturgeschichte geht dieser Prozeß bei den Amadis und Palmerieromanen vor sich, den letzten Ritterromanen.

Unser Tristan wurde, wie schon erwaehnt, nach dem Gedicht des Eilhard in Prosa aufgeloest und ist dadurch von dem franzoesischen Prosaroman verschieden. Der erste Druck stammt noch aus dem fuenfzehnten Jahrhundert; mit einer leichten Erneuerung und starken Interpolationen wurde er in Feyerabends »Buch der Liebe« aufgenommen, von dem er dann weiter abgedruckt wurde.

Herkoemmlich nennt man schon jene alten Drucke »Volksbuecher«. Aber man braucht nur den Titel des Buchs der Liebe von 1587 und seine kostbare Ausstattung anzusehen, um sich zu sagen, daß diese Buecher damals noch fuer dieselbe gesellschaftliche Klasse bestimmt waren, wie die alten Versromane, naemlich zunaechst fuer den Adel und dann etwa das gebildete Buergertum;, der Titel widmet die Sammlung ausdruecklich: »Allen hohen Standespersonen, Ehrliebenden von Adel, zuechtigen Frauen und Jungfrauen, auch jedermann ingemein«, kurz, denselben Personen, fuer welche der ebenso gedruckte Amadis bestimmt war.

Diese gesellschaftliche Klasse hatte sich aber in den Jahrhunderten sehr geaendert. Der Feudalismus loeste sich auf, eine neue Gesellschaftsform begann sich zu bilden. Das alte Rittertum war geschwunden, die alten chevaleresken Empfindungen waren leere Phrase geworden, die alten Sitten bloße Form, aus dem Adel entwickelten sich die Berufssoldaten, die Hofleute und hoeheren Beamten; die letzten Ritterromane klapperten nur noch mit einem leeren Gehaeuse, und da sie von elenden Nachahmern geschrieben wurden, indeß die wirklichen Dichter der Zeit sich nach anderer Richtung wendeten, verfielen sie in Albernheit und wurden von Cervantes mit Recht verspottet, der schon lebte, als das Buch der Liebe gedruckt wurde. Auch unser Tristan blieb nicht unberuehrt von diesen Veraenderungen; ihnen verdankt er weitschweifige Interpolationen und moralisierende Betrachtungen.

Die Renaissance, die Reformation und dann der dreißigjaehrige Krieg erzeugten einen Bruch in unserer literarischen Entwicklung; die hoeheren Klassen wendeten sich von der mittelalterlichen Literatur ab und vergaßen sie; aber noch rechtzeitig hatte sie sich ins Volk gerettet, wie die Minnelieder ins Volk kamen und dort zu Volksliedern gewunden wurden, oder neue Volkslieder erzeugten, so wurde die aeltere Erzaehlungsliteratur nun vom Volk gekauft. Der Uebergang war allmaehlich; in den ersten Zeiten der Buchdruckerkunst wurden alle Buecher auf den Jahrmaerkten verkauft; waehrend die neuere Literatur spaeter einen anderen Vertrieb fand, blieb diese Art des Verkaufs fuer die aelteren bestehen, und allmaehlich, wie sich der Stand der Kaeufer aenderte, aenderten sich auch die Drucker und Verleger: nicht mehr die fuehrenden Firmen wie Stayner, Knoblauch, Feyerabend druckten diese Schriften mit schoenen Holzschnitten von den großen Meistern des Holzschnitts auf vorzueglichem Papier, sondern geringe Drucker erwarben die alten Holzstoecke und druckten auf schlechtem Papier, mit unzaehligen Druckfehlern Jahr fuer Jahr diese alten Buecher neu, bis die Bilder kaum noch zu erkennen waren und die Texte immer unverstaendlicher wurden. Gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts gingen oft die Behoerden aus Gruenden der Aufklaerung gegen die Schriften vor, und zum mindesten galten sie aber gaenzlich unsinnig und toericht. Die Romantiker brachten sie zuerst wieder zu Ehren, und seitdem hat man sie verschiedentlich erneut und in besondern Sammlungen herausgegeben.

In diesem Abdruck von Tristan und Isalde sind nur die spaeteren Interpolationen und weitschweifigen Reden gestrichen.

Pontus und Sidonia ist die Uebersetzung eines franzoesischen Ritterromans, von einem spaeteren Erzaehler, der bereits die alten Motive bewußt neu verwendet; aber das anmutige Werkchen gehoert noch zu den guten Ritterromanen.

Melusina ist Ende des vierzehnten Jahrhunderts von Jean d' Arras in Prosa geschrieben und dann ins Deutsche uebersetzt. Es liegen alte Sagen zugrunde, die dem Verfasser vielleicht noch in ihrer urspruenglichen Versform bekannt waren. Die Sagen knuepfen sich zum Teil an die Lokalitaet des Schlosses der Melusina und waren noch im achtzehnten Jahrhundert in der Gegend lebendig, zum andern Teil scheinen sie aus der alten Geschichte der Lusignans zu stammen. Der Herausgeber hat die fuer sich selbstaendige Geschichte von Melusina und Reymund allein abdrucken lassen, die anorganisch mit ihr verbundene Geschichte der Nachkommen, die viel ungestalteten Stoff enthaelt, aber fortgelassen.

Auch Magelone stammt aus dem Franzoesischen, aus einem spaeteren Ritterroman, der aber zu den schoensten seiner Art gehoert.

Ganz deutsch scheint nur die Geschichte der Genovefa zu sein. In unsere Volksliteratur ist sie durch ein franzoesisches Buch eines Jesuiten Cériziers aus dem achtzehnten Jahrhundert gekommen, der die Geschichte schlecht und im Jesuitengeschmack erzaehlt; man hat seitdem aber eine alte lateinische, angeblich gleichzeitige Aufzeichnung der Legende gefunden, aus der sie der Herausgeber neu uebersetzt hat. Die Legende ist in der Gegend noch lebendig und man zeigt noch die in der Erzaehlung erwaehnten Lokalitaeten.

Als letzte Schrift enthaelt die Sammlung den Ritterroman Lother und Maller; Verfasserin ist eine Herzogin Margaretha von Lothringen, Graefin von Widmont, welche 1405 den Roman in italienischer Sprache schrieb: die deutsche Uebersetzung stammt von ihrer Tochter Elisabeth, Graefin von Nassau-Saarbruecken. Das Buch wurde nicht zum Volksbuch durch irgend einen Zufall, verdient aber, mit den andern Schriften zusammen abgedruckt zu werden.

Paul Ernst.

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