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Das Buch der 1000 Wunder

Alexander Moszkowski: Das Buch der 1000 Wunder - Kapitel 277
Quellenangabe
typetractate
authorArtur Fürst / Alexander Moszkowski
year1920
firstpub1916
publisherAlbert Langen
addressMünchen
titleDas Buch der 1000 Wunder
pages400
created20110130
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die 1002. Nacht

Sie bildet eine Fortsetzung der arabischen Erzählungen aus 1001 Nacht. Scheherazade erzählt sie als die letzten Abenteuer Sindbads des Seefahrers, ganz im Tonfall ihrer früheren Märchen, und ihr Gatte, der Khalif, erklärt, daß diese Wunder alle vorangegangenen Unglaublichkeiten der 1001 Nächte ungeheuerlich überträfen; selbst die glühendste orientalische Phantasie sei gänzlich außerstande, diesen letzterzählten Abenteuern des vielverschlagenen Sindbad auch nur im entferntesten zu folgen.

Und doch hält sich Scheherazade in dieser 1002. Nacht zum ersten Mal streng an die Wahrheit. Sie berichtet nur über einige technische Errungenschaften aus späteren, aus unseren Zeiten. Lediglich der Vortrag, die blühende Sprache des Märchens verleiht diesen modernen Dingen den Charakter der Wunder, die alle Mirakel des orientalischen Fabelschatzes überholen.

Also sprach Scheherazade. Und der ihr diese Worte in den Mund legte, war der geniale Edgar Allan Poe. Einige kurze Bruchstücke nach der Übersetzung von Moeller-Bruck mögen Poes Absichten verdeutlichen:

Mitten unter den Zauberern, denen ich auf meiner letzten Reise begegnete, – so erzählt Sindbad – lebten Tiere ganz sonderbarer Art; ich sah zum Beispiel ein riesiges Pferd, dessen Knochen Eisen und dessen Blut kochendes Wasser war. Statt Hafer fraß es schwarze Steine, und trotz dieser schlechten Nahrung war es so stark und geschwind, daß es eine Last, schwerer als der größte Tempel dieser Stadt, mit einer Eile fortschleppte, welche die des Vogelflugs noch übertraf. [Anspielung auf die West-Eisenbahn zwischen London und Exeter, die eine Schnelligkeit von 71 englischen Meilen in der Stunde erreichte.]

Ein Angehöriger dieser Nation mächtiger Zauberer erschuf einen Mann aus Erz, Holz und Leder und begabte ihn mit solcher Geisteskraft, daß er alle Menschen, allenfalls mit Ausnahme des großen Harun Al Raschid, im Schachspiel geschlagen hätte. [Maelzels oder Kempelens automatische Schachmaschine.]

Ein anderer dieser Zauberer erbaute aus denselben Stoffen ein Geschöpf, das selbst den Geist seines Schöpfers besiegte. Denn so groß war seine logische Kraft, daß es in einer Sekunde Berechnungen machte, zu denen fünfzigtausend 387 sterbliche Menschen ihre Kräfte ein ganzes Jahr lang hätten vereinigen müssen. [Babbages Rechnungsapparat.]

Doch ein noch mächtigerer Apparat erbaute sich, ein Ding, das weder Mensch noch Tier war. Sein Gehirn bestand aus Blei und einer schwarzen pechähnlichen Masse; seine Finger gebrauchte es mit solch unglaublicher Eile, daß es in einer Stunde ohne Mühe zwanzigtausend Abschriften des Korans hatte machen können, und zwar mit solch peinlicher Genauigkeit, daß alle diese Kopien nicht um eines Haares Breite voneinander abwichen. Das Ding war von wunderbarer Stärke, so daß es Kaiserreiche mit einem Atemzug aufbaute oder zerstörte; es gebrauchte seine Kraft gleicherweise zum Guten wie zum Bösen. [Die Schnellpresse.]

Ein anderer jener Zauberer konnte durch eine Flüssigkeit, die noch niemand sah, die Arme seiner Freunde oder ihre Beine nach seinem Willen bewegen und tanzen lassen. [Elektrische Muskelkontraktion.] Einer vermochte seine Stimme so laut zu erheben, daß man ihn von einem Ende der Welt zum andern verstehen konnte. [Der Telegraph.] Ein anderer hatte einen so langen Arm, daß er sich hätte in Damaskus niedersetzen können und dennoch in Bagdad einen Brief schreiben. [Morse-Apparat.] Einer befahl dem Blitz, aus dem Himmel zu ihm zu kommen, und machte sich dann ein Spielzeug aus ihm. [Franklins Drachen.] Einer machte aus zwei lauten Tönen ein Stillschweigen und aus zwei hellen Lichtern eine tiefe Finsternis. [Interferenzen.] Einer befahl der Sonne, sein Bild zu zeichnen, und sie tat es. [Photographie.] Überhaupt hat die ganze Nation solch zauberhafte Fähigkeiten, daß selbst ihre unmündigen Kinder, ihre Katzen und Hunde mühelos Dinge sehen, die gar nicht existieren oder zwanzig Millionen Jahre vor der Entstehung ihrer Erde existiert haben. [Erkenntnisse bezüglich der Zeit und des Lichtwegs.]

Dergestalt verblassen die Orientwunder schon vor den Errungenschaften einer Aera, von der wir bereits durch das biblische Menschenalter getrennt sind. Poe wußte noch nichts von den modernen Motoren, von der Flugmaschine, vom Telephon, von der Funkentelegraphie, vom Radium. Welche Farben hätte seine Scheherazade erst zur Ausmalung dieser Wunder aufgewandt, und in welche Unterschicht wären Sindbads alte Erlebnisse vor seinen neuesten Wunder-Erlebnissen versunken!

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