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Artur Landsberger: Das Blut - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorArtur Landsberger
titleDas Blut
publisherKurt Ehrlich
printrun15. bis 24. Tausend
year
firstpub1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080707
projectide040a946
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Sechstes Kapitel.

Peter Last handelte in Allem genau nach den Anweisungen, die ihm Johannes van Gudry gab. Der war in jener Nacht mit der zu Tode gehetzten Kornelia, die er sehr bald eingeholt hatte, in ein Café geflüchtet. Dort hatte er der bis zur Widerstandslosigkeit Erschöpften zunächst einmal klargemacht, daß allein in einem Eingehen auf seine Wünsche für sie Rettung lag.

»Mir bleibt als Letztes noch immer ein Ausweg!« hatte sie gesagt.

»Sie meinen, freiwillig aus dem Leben zu gehen?«

Sie nickte nur.

»Nein!« sagte Johannes und schüttelte den Kopf. »Damit wäre Ihnen ganz und garnicht geholfen. Im Gegenteil.«

Sie sah fragend zu ihm auf.

»Denn dann würde es heißen,« fuhr er fort, »daß Sie aus Furcht vor Strafe sich dem irdischen Richter entzogen hätten. Und mir und aller Welt wäre die Möglichkeit gegeben, Ihre Verfehlungen ins Tausendfache zu steigern. Und der Name van Vestrum wäre mit ewiger Schmach beladen.«

Kornelia in ihrer Verzweiflung hatte jetzt nur den Wunsch: wenn er mich doch umbringen würde!

van Gudry fuhr fort: »Sie dürfen froh sein, an mich geraten zu sein.«

Das schien ihr derart wider jede Logik und Vernunft zu sein, daß sie zum ersten Male zu ihm aufsah und aus erstaunten Augen fragte: »Was bedeutet das?«

»Jeder Andere würde Ihre Notlage ausnutzen. Sie werden freiwillig meine Frau sein – oder Sie werden es nicht sein. Niemals werde ich Gewalt anwenden.«

Zum ersten Male atmete Kornelia frei auf, und indem sie die zitternde Hand auf den Tisch legte, im selben Augenblick aber, in dem er danach greifen wollte, auch schon wieder zurückzog, hauchte sie: »Ich danke Ihnen!«

Johannes, der feststellte, daß Kornelia, vor einer Stunde noch Schloßherrin auf Vestrum, durch ihn jetzt ärmer und hilfloser als der letzte Bettler, aus aufrichtigem Herzen zu ihm aufsah und ihm dankte, mußte lächeln.

»Ich will im Gegenteil versuchen,« fuhr er fort, »Ihnen zurückzuhelfen.«

»Warum dann erst ...?«

»Ich verstehe durchaus Ihre Zweifel,« fiel er ihr ins Wort »aber Sie vergessen, daß, wenn ich als Amateur in Gestalt des Detektivs auftrat, das nur geschah, um Ihnen, die ich liebte, nahe zu sein.«

Kornelia zuckte zusammen.

»Nie hat mir jemand meine Brieftasche gestohlen...«

»Wie?«

»Ich habe mir das konstruiert, weil ich so die Möglichkeit hatte, mich bei Ihnen einzuführen. Ich mußte einen Weg finden, in Ihrer Nähe zu sein. Die Liebe heiligt jedes Mittel, das uns den Gegenstand unserer Liebe näherbringt. Meine Motive waren lauter. Wenn die Verhältnisse dann stärker waren als ich, so machen Sie mich nicht dafür verantwortlich.«

Kornelia berührte seine Aufrichtigkeit stark.

»Was ich dann sah,« fuhr Johannes fort und verfolgte genau den Eindruck, den seine Worte machten, »war gewiß nicht gerade ritterlich – ich gebe es zu. Aber den Augenblick, in dem ich die Möglichkeit sah, Sie zu mir zu bringen, ungenutzt zu lassen, ging über meine Kraft. Wir beide werden es nun büßen müssen.«

Eine Weile lang schwiegen beide. Johannes schien in Gedanken versunken. In Wirklichkeit beobachtete er Kornelia und suchte jeden ihrer Gedanken zu erraten. Minuten vergingen, da sagte sie halblaut vor sich hin: »Ich werde nie zurückkehren können!«

»Es hängt nur von Ihnen ab.«

Sie sah ihn groß an: »Von mir? – – wo doch...« sie brachte es nicht über die Lippen und senkte den Kopf.

Er aber wußte, was gemeint war. Sie sah sein überlegenes Lächeln nicht.

»Sie haben recht,« sagte er, »hätte ich nur die Tür nicht offen stehen lassen; aber mir war es in diesem Augenblick nur um Sie zu tun.«

»Ich versinke, wenn ich daran denke und mir vorstelle...«

»Quälen Sie sich nicht!« sagte er, griff nach ihrer Hand und suchte sie zu beruhigen. »Wir werden Mittel und Wege finden.«

Jetzt zum ersten Male sah sie vertrauensvoll zu ihm auf, und da ihm nichts von dem, was innerlich in ihr vorging und äußerlich in irgendeiner Form Ausdruck fand, entging, so nahm er auch wahr, daß ihre Hand, die er noch immer hielt, vielleicht ohne daß sie es wußte, zwar nur leise, aber für ihn doch merkbar, seinen Druck erwiderte. Und auf seinen fragenden Blick hin schob sie jetzt auch den Kopf nach vorn, sah ihn an und sagte: »Bitte!«

Es war der Augenblick, auf den er gewartet hatte. Zugleich mit dem Wunsch und dem Willen erwachten auch Hoffnung und Vertrauen. Er wußte, was dieses »Bitte!« mit dem sie sich jetzt beinahe mit dem Herzen an ihn wandte, zu bedeuten hatte. Er stand auf und sagte:

»Ich will es versuchen. Ist es noch nicht entdeckt, so schließe ich den Schrank, und Sie kehren zurück. Mich werden sie dann, sofern Sie nicht selbst den Wunsch äußern, nicht wiedersehen.«

Jetzt war es Kornelia, die aufsprang und seine Hand nahm.

»Wie soll ich Ihnen danken? – Eilen Sie! – Nehmen Sie mich mit!«

Johannes warf ein Goldstück auf den Tisch, nahm Kornelia bei der Hand, führte sie hinaus.

»Und Sie glauben, daß Sie mir gut sein könnten?« fragte Johannes, als sie im Wagen saßen.

Sie hatte sich in ihrer Furcht, Hoffnung und Ungeduld an ihn gelehnt – jetzt fuhr sie zusammen: »Nein! Nein!« rief sie. »Ich liebe Kargert. Auch wenn Sie mir helfen und gut sind – Sie müssen es wissen! – – Aber als Freund, nicht wahr? – Ich glaube Ihnen, ich vertraue Ihnen! – und Ihre Liebe werden Sie überwinden – nur erst zurück muß ich sein. – Sie werden es ihm nicht sagen – und nie, nie wieder werde ich mich vergessen – da!« – Sie wies auf ein Licht, das am Tor des Schlosses leuchtete, – »steigen Sie aus! eilen Sie!«

Er ließ halten, sprang aus dem Wagen, schwang sich über das Gitter, lief über den Kies, Hunde schlugen an, er blieb stehen. – – Kornelia horchte auf, ihr Herz stand still. – Johannes überlegte: Für den Augenblick und unter dem Druck der Verhältnisse vertraute sie ihm. Aber was war morgen? – Er mußte an die Spange denken; an das überlegene Manöver, mit dem sie ihn beinahe erledigt hatte! sollte er sich jetzt, wo er sie sicher hatte, auf einen unsicheren Versuch einlassen? – Er überlegte, lächelte und sagte: »Nein!« setzte sich auf einen Baumstamm, wartete ein paar Minuten, ohne sich zu rühren, brach dann geräuschvoll einen Ast, schlürfte über den Kies, warf in der Richtung von der aus lautes Hundegebell erscholl, einen Stein – eine Scheibe klirrte, hinter Fenstern brannte Licht – schwang sich über das Gitter zurück auf die Straße, zerfetzte sich den Rock, stürzte in den Wagen, tat erhitzt, atemlos, erregt, hauchte: »Es war zu spät! – Wenn wir nur entkommen!« und fühlte, wie Kornelia seine erheuchelte Furcht teilte und in der gemeinsamen Gefahr so nahe an ihn heranrückte, daß sie sich berührten.

Er lächelte – wie immer, wenn er mit sich zufrieden war.

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