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Artur Landsberger: Das Blut - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorArtur Landsberger
titleDas Blut
publisherKurt Ehrlich
printrun15. bis 24. Tausend
year
firstpub1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080707
projectide040a946
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Fünftes Kapitel.

Statt den Spuren, die das Mehl wies, nachzugehen und Nachforschungen in den Arbeiterhäusern, in denen Kinder waren, anzustellen, benutzte der Detektiv an diesem Tage jede Minute, die er sich von Kornelia unbeobachtet glaubte, um Nachforschungen in ihrem Boudoir und Schlafzimmer anzustellen.

Auch Kornelia gab sich Mühe, ihn nicht aus den Augen zu verlieren. Nachmittags aber hatte sie plötzlich seine Spur verloren, und niemand im Schloß wußte zu sagen, wo er geblieben war.

Die eigentümliche Methode des Detektivs, dem Diebe auf die Spur zu kommen, war der Amme, der Einzigen, die Kornelia ins Vertrauen gezogen hatte, sofort aufgefallen.

»Man hat den Eindruck, er sucht keine Person, sondern eine Sache!« hatte sie zu Kornelia gesagt, die daraufhin unbeherrscht erwidert hatte: »Das ist's ja, was mich so beunruhigt.«

Das war durchaus richtig beobachtet. Der Detektiv suchte Türen, Fußböden, Decken und Wände in Kornelias Zimmer ab, beklopfte und befühlte alles und fand schließlich einen unter der Tapete verborgenen Knopf, auf den er drückte. Im selben Augenblick öffnete sich eine Tapetentür, die in einen tief in die Wand gebauten Schrank führte, behutsam trat er ein, schloß hinter sich die Tür, zündete ein Streichholz an, sah, daß eine elektrische Anlage da war, schaltete sie ein und stand einer Sammlung aller möglichen Gegenstände gegenüber, unter denen sich auch das Dr. Kargert abhanden gekommene Etui befand. –

An diesem Abend hätte Kornelia die Amme, die sie sonst um sich hatte, bis sie im Bett lag, am liebsten die ganze Nacht bei sich behalten. Daß von dem Detektiv niemand mehr etwas gesehen oder gehört hatte, beunruhigte sie so stark, daß sie sich, statt schlafen zu gehen, angezogen auf die Chaiselongue legte und sich durch Lesen eines Romans wachzuhalten suchte. Schließlich schlief sie doch ein und mochte etwa eine Stundelang geschlafen haben, als ein Geräusch, das dem Knarren einer Tür glich, sie erwachen ließ. Ein heller Lichtschein fiel mitten ins Zimmer. Erschrocken fuhr sie auf und sah entsetzt, wie sich die Tür ihres Geheimschranks, aus dem der Lichtschein fiel, langsam ins Zimmer schob. Sie saß, jeden Nerv gespannt, und starrte auf das Bild, das sich ihr bot. Aus dem erleuchteten Schrank, der ihren geheimsten Kummer barg, trat mit jenem teuflischen Lächeln, das dem des Detektivs glich, Johannes van Gudry. In der Hand den künstlichen Bart und die Brille haltend, kam er, langsam vorwärtsschreitend, auf sie zu. Kornelia wollte zur Abwehr die Arme heben, aber ihre Glieder waren gelähmt, sie brachte sie nicht in die Höhe, sie wollte schreien, aber sie bekam keinen Ton heraus.

Johannes van Gudry stand jetzt dicht vor ihr.

Etwas Unwirkliches hatte das Ganze, und sie suchte sich in den Glauben zu zwingen, daß alles dies nur ein Traum sei.

»Ich habe um Entschuldigung zu bitten,« begann er und suchte Teilnahme in seine Stimme zu legen. »Meine Absicht war, Ihnen zu helfen. Hätte ich gewußt, daß sie selbst – niemals hätte ich es gewagt, in dieser Verkleidung bei Ihnen einzudringen.«

»Ich ... glaube ... Ihnen ... nicht!« stieß Kornelia mühsam hervor.

»Ich will Ihnen beweisen, daß ich es ehrlich meine: wenn ich Sie angesichts dieser Entdeckung« – – und dabei wies er auf den hellerleuchteten Schrank – – »um Ihre Hand bitte, dann ist dies Geheimnis bei mir so tief und so sicher bewahrt wie bei Ihnen.«

»Wa ...?«

Kornelia fuhr entsetzt zurück. Aber Johannes fuhr, ohne darauf zu achten oder auch nur den Tonfall zu ändern, fort: »Sie werden meinen Namen tragen, und ein van Gudry hat die Unbeflecktheit seines Wappenschildes genau so zu wahren, wie ein van Vestrum.«

»Nie!« rief Kornelia. »Nie! – Um diesen Preis! – dann lieber ...«

»Sprechen sie es nicht aus!« fiel er ihr ins Wort. »Sie haben die Wahl, neben mir ein standesgemäßes Leben zu führen oder ...«

»Oder?« fragte sie ängstlich

»Ersparen sie es mir!«

»Reden Sie!« drängte Kornelia.

»Es widerstrebt mir.«

»Ich will es wissen!«

»Sind Sie wirklich so weltfremd?« wieder wies er auf den Schrank – »Sie haben gestohlen!« –

Kornelia zuckte zusammen.

»Nicht einmal! ein Dutzendmal! Die dummen bürgerlichen Gesetze belegen das mit Gefängnis!«

Kornelia wurde blaß und schloß die Augen.

»Damit haben Sie sich außerhalb der menschlichen Gesellschaft gestellt. Und wenn Sie für Ihre Person sich damit vielleicht auch abfinden – – – Sie haben einen Jahrhunderte alten Namen zu verteidigen!«

»Schweigen Sie!« rief Kornelia und sprang auf.

»Ich habe mir lediglich erlaubt, Ihnen die Situation zu schildern, in der Sie sich befinden und aus der ich Sie befreien möchte.«

Kornelia wußte, daß es für sie nichts mehr zu hoffen gab. Die Wahl, vor die sie sich gestellt sah, schloß jede Überlegung aus. Eins war so unmöglich wie das andere. Noch einmal versuchte es Johannes mit Güte. Er fand warme Töne, sprach von starker Sympathie und dem Ausblick auf ein glückliches Leben, das sie zusammen führen würden, und einen Augenblick lang schien es, als wenn Kornelia zu ihm hinneigte. Sie sah ihn an, als wollte sie sich vergewissern, ob er es ehrlich meinte und ob es aus dem Herzen kam, was er ihr sagte, so daß Johannes neue Hoffnung schöpfte, ganz nahe an sie herantrat, ihre Hand nahm und leise sagte: »Ihnen fehlt ein Mann mit starkem Willen, der sie seine Kraft fühlen läßt – – in allem! auch in der Liebe!«

Er beugte sich zu ihr, sein Atem berührte sie, er wollte sie eben an sich ziehen, da wandte sie sich entsetzt zu ihm um, sah sein triumphierendes Gesicht, stieß ihn von sich und rief: »Widerwärtig sind Sie mir!«

Er lachte spöttisch und meinte: »Darauf kommt es jetzt nicht an! – Wenn Sie sich weigern – – gut! so zwinge ich Sie!«

Er trat wieder auf sie zu, packte sie beim Handgelenk. Mit Anspannung aller Kraft riß sie sich los, stürzte zum Fenster und kletterte, ohne an etwas anderes zu denken, als von ihm loszukommen, die Wand des Hauses hinab.

Johannes war im ersten Augenblick zu verblüfft, um ihr zu folgen. Draußen schlug der Barsoi an, und der Dackel hatte sich unter das Bett verkrochen. Johannes überlegte einen Augenblick lang, schloß dann hastig den Geheimschrank, stürzte zum Fenster, sah in der mondhellen Nacht Kornelia über den Rasen zum Gittertor laufen, schwang sich zum Fenster hinaus, kam zu Fall, richtete sich schnell wieder auf und folgte ihr.

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